Kitabı oku: «Der Zauberring», sayfa 3

Yazı tipi:

Fünftes Kapitel

In der Höhe der Kapelle brannte fern oben eine einzige Lampe, das Gewölb mit all seinen reichen Bogen, welche gleich Orgelklängen pfeilernd emporstiegen und einander umfaßten, so wunderbar erleuchtend, daß man meinte, durch Waldesäste in den offnen Himmel hinaufzuschauen, während der untre Teil des Gebäudes in zweifelhafte Dämmerung versenkt blieb, so wie es die Erde mit ihren Gebilden ja auch vor unsern blöden Menschenaugen tut. Die Frommheit des Gedankens erfaßte zu Anfang den jungen Ritter ausschließlich; er kniete nieder, die Hände um seine Schwertklinge faltend, und den goldnen Griff als ein Kreuzesbild in die Höhe hebend, und dabei schaute er immer recht inbrünstig nach der obern Helle des Gewölbes empor, und dachte an seine selige Mutter, von der er sich nur erinnern konnte, daß sie auf der Reise im freien Walde gestorben sei, und ihm, dem weinenden Knaben, immer mit süßem Lächeln nach dem lichtblauen Frühlingshimmel hinauf gedeutet habe, denn sprechen konnte sie schon nicht mehr. An der Mutter Tod knüpften sich andre Erinnerungen fest, und so kam das Gemüt des Jünglings nach und nach wieder vorgeschritten in die gegenwärtige Stunde. Da fiel es Ihm auf, wie bis heute diese Kapelle ein unbekannter, verbotner Raum für ihn gewesen war, und mit einem Gemisch von Neugier und Grauen sprang er in die Höhe. Bild an Bild ward neben ihm an den Wänden sichtbar, einige so weit aus der Mauer vorgeschritten, daß die Dämmerung sie fast mit ihrem wechselnden Dunkel und Licht zu lebendigen Leibern gestaltete; andere wieder nur mit Farben leicht auf die Fläche hingehaucht, selbst Schatten in den Schatten, die von der lodernden Ampel daran hinstreiften. Es war ihm, als müßten alle diese Gestaltungen in das Leben seines Vaters gehören, welches er auch nicht viel anders kennengelernt hatte, als eben jetzt die Wände der Kapelle: einzelne Bilder deutlich, die mehrsten aber kaum geahnt, und der Zusammenhang des Ganzen unbegriffen, und von nebligem Dunkel überhüllt. Soviel sah er wohl, daß hier teils Grabstätten mit ihren ernsten Verzierungen standen, teils auch erbeutete Waffen und ganze Rüstungen von unerhörter Gestalt, denn Herr Hugh war sehr weit umhergekommen, sowohl in die heiligen Morgenlande, als auch durch den blühenden Westen von Europa, und hinauf gen Mitternacht, wo es mehr Winter gibt als Sommer, und die Sonne oft viele Wochen hintereinander unsichtbar bleibt. Aus allen solchen fernen Regionen schienen sich hier Bilder oder sonst Andenken eingefunden zu haben, um in dem engen Raume Kunde zu geben von dem reichen Leben des alten Ritters, welches jetzt einem noch weit engeren Raume schon ganz nahestand. Es wehten im Nachthauche große Banner, und muhammedanische Roßschweife daneben, und krumme Säbel funkelten mit reichen Juwelengefäßen neben uralt rostigen Schwertern und Streitäxten; wie zum Treffen geschart standen Harnische da, und neben ihnen sahen ernste Greisenantlitze, hart gemeißelt, oder milde Frauenangesichter mit bleichen Farben wie Mondschein von den Wänden heraus. Ach, unter diesen war eines, das ihn mit dem allersüßesten Zauber anzog, dessen er sich je bewußt geworden! Er konnte es kaum vor einigen finstern Rüstungen recht gewahr werden, und doch meinte er, es müsse niemand anders als seine selige Mutter sein. Es war ordentlich, als winke es ihm mit der einen in die Höhe gereckten Hand zu sich hin. Er wäre auch gleich gegangen: nur wußte er nicht, ob es seinem Ritterstande gebührlich sei, die Waffen, welche er bewachen sollte, so weit zu verlassen, denn das Bild stand fast am andern Ende der Kapelle. Da erwachte ein wunderliches Kämpfen in seinem Gemüt, und ließ ihm keinen Frieden; die Mutter schien immerfort zu winken, und endlich meinte er gar die süße Stimme zu vernehmen, die aus der frühen Kindheit herauf noch oftmals durch seine Träume gegangen war, und daß sie spreche: »Ach du herzlieber Sohn, ach nur den einen, einen Augenblick! Ich bin ja schon so lange tot und fern von dir. Ach nur den einen Augenblick! Die Waffen liegen ja in Gottes Hut!« – Wohl sagte sich der junge Ritter, daß er das alles nicht von außen höre, aber weil es doch allzurührend in seinem Herzen klang, neigte er sich endlich vor dem Bilde des Gekreuzigten, das lebensgroß in weißem Marmor über dem Altare stand und sagte: »Ach Gottmensch, du hast ja auch deine Mutter so sehr lieb gehabt! Schirme mir meine Gewaffen, derweil ich nachsehe, ob das dort das Bildnis der meinigen ist!« – Und damit schritt er getrost nach der ersehnten Stelle hinab.

Wohl war es sein süßes Mütterlein, die in einem dichten Forste abgebildet war, die Arme beide gegen die Wolken ausgestreckt, und weil er vorhin nur den einen davon hatte sehen können, war es ihm vorgekommen, als winke sie ihm damit. Jetzt sahe er wohl, daß sie nach nichts winke, als nach Gott, denn ihre lichtbraunen Augen waren hoch empor nach einem güldnen Dreieck gerichtet, das oben im tiefblauen Gewölke sichtbar ward. Was dem Bilde an Frische und wahrhaftem Leben mangelte, trug des jungen Ritters feuchtes Auge leicht hinein. Ihm ward vollkommen, als sehe er nun wieder den hellen Frühlingshimmel vor sich, nach welchem die Mutter damals hinaufgewinkt habe, und den tiefschattigen saftgrünen Forst, welcher so heimlich umherstand. Selbst daß die Farben auf dem Angesichte der Mutter beinahe gänzlich ausgebleicht waren, rührte ihn unaussprechlich. Er drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf, und sagte: »Hab’ schönen Dank, du lieber, treuer Maler, daß du sie mir als Leiche gemalt hast, denn als Leiche wollten ja Vater und die andern nicht, daß ich die Vielholde sähe. Nun ist es dennoch nach meinen Wünschen ergangen.« – Er schwieg nachdenklich, und überlegte, ob dies wohl die Grabstätte seiner Mutter sei. Er hätte es gar zu gern geglaubt, und hier ein stilles Gebet bei den teuern Gebeinen gehalten, aber er konnte sich durchaus nicht entsinnen, daß ein Sarg mit her in die Burg gekommen, oder hier ein feierliches Begräbnis gehalten worden sei.


Indem streifte ein Luftzug durch die Halle. Die Türe klirrte im Schloß, ein altes Banner über des Ritters Haupte begann zu rauschen, und er fuhr überrascht aus dem tiefen Sinnen empor, schnell umblickend nach seinen Waffen. Da war es plötzlich, als strecke zwischen diesen und ihm eine riesige Gestalt den langen schwarzen Arm aus, und greife nach seinem anvertrauten Schatze. Ringfertig sprang er auf die finstre Erscheinung los, und wie er sie faßte, rasselte der Helm, den sie trug, auf den Boden und andre Waffenstücke mit, und hinter dem Staubdampfe, der aufstieg aus dem rostigen Gezeug, grinste ihn vom Rumpfe seines Feindes ein entfleischter Totenschädel höhnisch an. In tollem Entsetzen hieb er mit dem Schwerte danach, und Totenschädel und Rüstung und alles fiel klappernd zu seinen Füßen. Da sah er erst, daß ihn nicht ein Kobold äffe, oder ein gottloser Bewohner des Grabes, sondern daß eine der Gestalten an den Mauern ihm feindlich regsam vorgekommen war, und er sie zu Boden gehauen hatte. Es gab nun ein seltsames Geschäft, die alten Waffen wieder in ihre Stellung emporzurichten, vor allem den Totenkopf, der im Helme gesteckt hatte, auf die Schultern der Rüstung zu setzen, und die rostige Eisenhaube darüber zu stülpen. Es kam ihm auch bei der Arbeit vor, als habe er dem Schädel eine tiefe Schramme gehauen, und dieser greine ihn nun deswegen in Schmerzen an. Diese Vorstellung verwirrte ihn ganz, und als schon alles fertig war, riß er noch einmal den Helm ab, um sich besser zu überzeugen. Zwar sah er nun wohl unterschiedliche tiefe Wunden auf dem bleichen Kopfe, und wußte sehr wohl, daß er nur einmal gehauen, aber eine davon, dachte er doch immer, käme von ihm her, und eilte sich, das grause Haupt wieder zu bedecken. Dann trat er an seine Waffen, neigte sich, Vergebung flehend, vor dem Kreuzesbilde, und sagte: »Herr, ich habe gesündigt, daß ich von meiner Stelle ging. Du bist allmächtig, und aller Dinge bester Hort, aber mir war die Wache anvertraut und nicht dir.« – Da kam es ihm vor, als blicke ihn der Herr freundlich an, und er faßte wieder einen frischen Mut. So oft es auch grausend in ihm aufsteigen wollte, daß er seinen ersten Ritterkampf mit einem furchtbar wehrlosen Toten gehalten habe, war es doch immer, als sagte ihm seine Mutter tröstende Reime ins Ohr, die er in einem Liede, das der alte Meister Walther gedichtet, wohl oft vernommen hatte. Sie hießen also:

»Man geht aus Nacht in Sonne,

Man geht aus Graus in Wonne,

Aus Tod in Leben ein.«

So schritt er denn keck und freudig vor den Waffen auf und nieder, und wenn es ihm wieder vorkam, als winke das holde Bild, nickte er nur freundlich mit dem Kopfe dahin, und grüßte adlig mit dem blanken Schwerte, sprechend: »Kann jetzt nicht fort, lieb Mütterlein; bin auf der Ehrenwacht.«

Darüber sah endlich das helle Morgenrot frisch und duftig an den hohen Fenstern herauf, der Schlüssel drehte im Schloß, und Herr Hugh trat in die Kapelle.

Sechstes Kapitel

Der alte und der junge Ritter grüßten einander mit großem Ernste und wehmütiger Innigkeit; dann schritt Herr Hugh gegen den Altar herauf, nahm die Waffen von den Stufen, und fing an, seinen Sohn darin zu kleiden. Dieser konnte es kaum dulden, daß er von so verehrten Händen Dienste empfangen solle, aber er kannte die Gesetze der Ritterschaft, und hielt also still, während ihm der Greis Küris und Halsberge und Schienen anlegte, und ihm den Helm auf das Haupt setzte, ja endlich zu seinen Füßen kniete, und ihm die goldnen Sporen anschnallte. Vater und Sohn waren dabei gleich verwundernd, daß nun das große Schwert, zu welchem der Alte die Scheide mitgebracht hatte, ganz folgsam in diese hineinging, da es doch vorher immer kaum bis über die Hälfte hineingewollt hatte. – »Es ist fast«, sagte Herr Hugh, »als hätte der wunderliche Gesell zu Nacht eine Scharte minder gekriegt, oder eine mehr«. – Otto mußte mit einigem Schaudern des Hiebes gedenken, welchen er auf den Totenkopf geführt hatte, und da sie eben im Hinausgehn an der Rüstung vorüberschritten, welche diesen verbarg, fiel ein scheu unwilliger Blick aus seinen Augen darauf hin. – Herr Hugh stand, und sagte: »Hat dich der verstört? Es sollte mich nicht wundern, denn im Leben war so was oftmalen seine Art.« Otto erwiderte nichts. Er staunte aber im helleren Licht noch mehr über die ungewohnten Formen des Harnisches, vorzüglich jedoch über zwei ungeheuer große Geierflügel, die goldgetrieben vom Helme emporragten, und die er in der Nacht für zwei gewaltige Hörner gehalten hatte. In dieser Gestaltung waren sie fast noch gräßlicher anzusehen, und der junge Ritter mußte an einige wunderlich schauervolle Märchen denken, die ihm sein Vater ehedem von einem entsetzlichen Manne mit solchen Geierflügeln auf dem Helme vorerzählt hatte.

Aber wie schnell war Totenschädel und Geierfittiche und alles sonst in der Welt vergessen! Denn nahebei sah der Mutter himmlisch liebes und sehnend bleiches Antlitz aus dem Wandgemälde vor. »Ach trauter Vater«, sagte Otto, »ist wohl hier die Begräbnisstätte der holden Seligen, die mich geboren hat?« – Herr Hugh schüttelte schweigend und ernst sein weißes Haupt. – »Bitt’ Euch dann«, sprach Otto weiter, »führt mich an die Stelle, wo der teure Leichnam ruht, auf daß ich noch einmal dort bete, eh’ ich hinausziehe in die Welt. Ich hab’ es all’ diese Jahre her in kindischer Unwissenheit versäumt.« – »Es ist nicht an der Zeit zu Grabgedanken!« rief Herr Hugh, und zog den jungen Rittersmann rasch, fast unwillig, sich nach aus der Kapelle, und sie traten auf den Schloßwall vor, in die frische, rotglühende Morgenluft hinein, und vor ihnen lag Donau und Anger und Forst und fernes Gebirg, alles von gaukelnden Lichtern und hellen Tautropfen überspielt und überkränzt. – »Ihr müßt mir nicht so weichlich sein, junger Ritter von Trautwangen«, sagte Herr Hugh, seines Sohnes Hand derb schüttelnd. »Mit dem Weinen und Sehnen hat es Zeit, bis Ihr so alt werdet, als Euer Vater, und auch dann muß man sich’s nicht eben merken lassen. Wartet hier, und badet Aug’ und Herz in der kühlen Frische. Wann alles zu Eurer Reise fertig ist, ruf’ ich Euch ab.« – So schritt der alte Degenheld vom Wall nach der Burg zu hinunter, und der junge blieb oben, recht freudig durcheinander gerüttelt von den Worten und dem Benehmen des Vaters, und immer lustigeres Hoffen nach der Ferne entzündend an der reichen Gegend, welche von Lerchentrillern und Hirtenliedern durchjubelt vor seinen Blicken lag.

Wie er nun rüstig auf und nieder schritt, sich freuend an dem Klirren seiner Silberwaffen, das so hell in die allgemeine Fröhlichkeit hineinklang, stieß sein kecker Fußtritt im hohen Grase an etwas, das auch zu tönen begann, aber recht klagend wehmütig, wie über unverschuldete Verletzung. Sich niederbeugend, sah er Berthas Laute, und die Herrin mußte wohl in sehr tiefen Gedanken von hinnen gegangen sein, weil sie die so geliebte Gespielin hier im feuchten Moose und kältenden Tau hatte liegen lassen. Da beugte er sich nach der armen Zither hinab, faßte sie in die Arme, und zog, während er sich auf das Gras niederließ, seine ehrnen Handschuhe aus, um die Verlassene mit zärtlichem Kosen zu trösten. Sie tönte auch gar anmutig und bald recht freudig unter seinen stimmenden Händen, und er sang mit hellem Tone in die Saiten folgendes Lied:

»Frühlingsblüte, Maienwind,

Sind

Neu erwacht in hellen Räumen,

Und zumal

Freier Wasser Spiegelstrahl

Und das Lieben und das Hoffen und das Träumen.

Frisch hinaus

Nach den Kränzen

In des Lenzen

Haus,

Hof und Garten unter Wunderbäumen.

Halt’ ein Knab’ im leichten Trieb

Lieb

Andre Kinder seinesgleichen;

Das mag sein,

Während sie zum Spiel sich reihn,

Und bescheiden durch die Heimat schleichen.

Doch wo Licht

Höhrer Sonnen

Kühn von Wonnen

Spricht,

Muß das arme kleine Lieben weichen.

Dann erst wallt in Maienglut

Blut,

Herz und Geist und alle Sinne,

Wenn die Pracht

Hoher Frauenlieb’ erwacht,

Und zur Heldin wird die blöde Minne,

Junge Maid,

Magst im Garten

Andrer warten;

Weit

Muß ich suchen, wo ich Huld gewinne.«

»Ist denn das recht im vollen Ernste dein Abschied von mir?« fragte Bertha, die sich indes unvermerkt an Ottos Seite geschlichen hatte, und ihn nun, wenn freilich nicht mehr mit so hellen Augen, als gestern, doch mit desto hellern Tränen ansah. – Otto blieb eine Weile nachdenklich und still; dann sagte er endlich: »Liebe Bertha, das Lied hat vieles aus mir herausgesungen, mehr, als ich beinahe selber wußte. Zu Anfang wollte ich nur den Frühling ansingen, und da quoll mir mein ganzer innrer Frühling in wahrhafter Gestaltung mit hervor. Denn hör’, lieb’ Mühmchen, wir können es uns doch nicht mehr ableugnen, daß es so ist, wie es mein Sang verraten hat. Die fremde Dame mit ihrer Pracht und ihrer Not hat all mein Herz entzündet, und das ist es nun erst, was die edlen Sänger Minne heißen. Wie wir miteinander scherzten, war es doch bloß ein Kinderspiel. Sei nur hübsch lustig; es wird gewiß auch noch ein wunderbarer fremder Ritter kommen, um dessentwillen du des blöden kindischen Otto vergessen mußt.«

»Der wird nicht kommen«, sagte Bertha langsam, »und was der Dame Not betrifft, so könnte ja auch mir –«. Sie hielt errötend inne. Otto aber fuhr auf, und rief: »Ha, kämst du je in Not, mein Leben, Gut und Blut wär dein.« –

»Ich will aber gar nicht von Euch gerettet sein, Herr von Trautwangen«, entgegnete Bertha stolz und kalt. »Glaubt mir nur, hätten mich die Heiden auf einen Holzstoß gebunden, wie wir wohl sonst in schönen Märlein von edlen Frauen gelesen, und die Fackeln zischten schon lodernd am dürren Reisig umher, und Ihr kämet geritten, plötzlich, in all der Waffenpracht, die Euch jetzt eben so herrlich schmückt, und wolltet für mich fechten, – ich sagte: Danke! Ich nähm’ Euch nicht zu meinem Kämpfer an, ich riefe Feuer! Mehr Feuer her! – Weh’, und dann löscht’ ich es wohl mit meinen eignen Tränen aus. Sie sind aber zu heiß dazu.«

Und damit sank sie bitterlich weinend in das Gras. Otto riß im streitenden Gefühl an den Saiten der Zither. Die eine sprang mit lautem Weheschrei. Darüber richtete sich Bertha empor, und sagte: »Seht, wie Ihr es mit allem macht, was mir zugehört. Was habt Ihr denn Eure Eisenhandschuh erst ausgezogen? Mit denen hättet Ihr das arme Ding noch schneller entzweibrechen können. Her meine Zither, Herr von Trautwangen. Die doch wenigstens ist mein.« – Und sie riß ihm das Instrument heftig weg, und schritt von dannen. Er rief ihr nach, aber sie wiegte die Zither tröstend in ihren Armen, wie ein beschädigtes Kind, lockte ihr die lindesten und schmeichelndsten Töne hervor, und verschwand mit ihr, ohne sich nach ihm umzusehn, hinter der Kapelle.

Da rief der alte Herr Hugh aus dem Burghofe nach seinem Sohne herauf, und schrie zu vielen Malen: »Es ist fertig! Es ist fertig! junger Herr, zu Roß!« – Und der Jüngling eilte hinab, und sah, wie unten eine Menge von reisigen Leuten bereitstand, und ein lichtbraunes Pferd an goldnen Zügeln, dem er sonst niemals hatte nahen dürfen, an den Händen der Knappen auf ihn wartete.

Er trat hervor, und Herr Hugh sagte zu ihm mit einem schmerzlichen Lächeln: »Ach! Scheiden und Meiden tut weh! Nicht wahr, junger Degen? – Nun, macht Euch nur sogleich auf das Roß, und versucht, wie ein so edles Tier sich drein findet, Euer eigen zu sein.« –

Und der junge Ritter Otto von Trautwangen sprengte den Hengst mit gewaltiger Übermacht bald hin und bald her, daß die Knappen davor erstaunten, und der Meinung waren, es müsse dieser edle Gaul seinen rechten Reiter wohl anerkennen, und dessen Gewalt über ihn von sonderbarer, ganz unerhörter Bedeutung sein. Der alte Vater aber streckte seine Arme aus, und rief: »Steige wieder ab, mein lieber Sohn, daß ich dich noch einmal so recht aus ganzen Kräften an das Herz drücken kann.« – Und vom Rosse flog der Ritter mit klirrendem Schwunge, und lief in seines Vaters Umarmung. Der Streithengst aber schnob die Knappen wild an, die ihm nach den Zügeln griffen, und hieb auf sie ein, bis er sich Bahn machte und seinem jungen Herrn nachtrabte, bei dem er alsdann stehn blieb, und während dieser seinen alten Vater herzte, den Kopf liebkosend auf seine Schulter legte.

»Nun, mein Sohn, reise mit Gott!« sagte Herr Hugh, den geliebten Jüngling sanft von sich drückend. »Dein Gefolge wartet.« –»Herr Vater, wollet mir eine Bitte nicht abschlagen«, sprach Otto darauf, »mag sein, daß es die letzte wird, denn ich ziehe weit hinaus, und habe wohl manch ein derbes Kämpfen zu bestehn.« – »Mein Sohn«, entgegnete Herr Hugh, »man muß jedwedes Wort von übler Vorbedeutung meiden. Das Unglück häkelt sich gern und leicht an, und was unsern Wünschen unersteigbare Klippen sind, werden jenem bequeme Treppen. Darum sage mir nichts von letzten Bitten; aber deine Bitte selbst sage mir, und ich werde sie vermutlich erfüllen.« – »Herzlieber Herr Vater«, sagte Otto, »soviel ich noch von rechten Helden gehört und gelesen habe, sind sie immer allein auf ihre ersten Abenteuer geritten. So tat es der hürnin Seyfried, und so alle die Besten mit. Ihr aber wollt mir von einem Gefolge sprechen, und ich sehe da auch einen ganzen Haufen reisefertig umherstehn. Sendet mich nicht hinaus, wie ein verzognes Kind, sondern wie einen tüchtigen Kerl, der seinen und vieler andern Leute Schutz im freudigen Herzen trägt und in der rechten Faust.« – Da hieß Herr Hugh die Reisigen und Knappen allzumal absatteln und zu Hause bleiben. »Denn«, sagte er, »mein Sohn hat auf eine solche Weise gebeten, daß es eine große Sünde wäre, ihm irgend mit abschlägiger Antwort zu begegnen. Und Ihr, junger Ritter, macht, daß Ihr schnell hinauskommt, sonst wird Euerm alten Vater am Ende noch das Herze weich. Soviel aber sag’ ich Euch, verfahrt mir so säuberlich mit dem edlen Freiherrn von Montfaucon, als es Euer Gelübde zuläßt, denn er hat mit dem Ringe so gar unrecht eben nicht.«

Da flog der junge Degen aufs Roß und zur Burg hinaus, und der alte Herr Hugh ging bitterlich weinend in die Gemächer zurück. Er sah aber so ehrwürdig aus in seinen Tränen, daß keiner von den Hausleuten den Mut hatte, ihm grade ins Angesicht zu sehn.

Wie nun Herr Ott’ von Trautwangen über die Wiese trabte, saßen Bertha und der alte Minnesinger Walther auf dem Walle, und sahen betrübt zu, denn die Jungfrau hatte dem Greise, der eben wieder zum Besuch auf die Veste gekommen war, ihren ganzen Jammer anvertraut. Sie wollte auch wieder zu weinen anfangen, da sagte Meister Walther: »Lied bricht Leid. Laßt uns dem Ritter etwas nachsinnen auf die Fahrt.« – Und er hub also an:

»Ich bin ein schwacher Greise,

Zieh’ nicht mehr weit hinaus;

Du suchst auf Jünglings Weise

Gar manchen fernen Strauß.

Denn Strauß sind Kusses Grüße,

Und Strauß auch die vom Speer,

Nur sind die einen süße,

Die andern bitterschwer.«

Bertha sang:

»Du sollst die süßen pflücken,

Den bittern ferne sein;

Zwar wird mein Herz mich drücken

Zu Tod mit herber Pein.

Doch schläfst du unter Lauben,

So schlaf ich gern im Grab;

Drum brich, ich will’s erlauben,

Brich nur mich Lilie ab.«

Walther gedachte noch weiterzusingen, aber Bertha winkte ihm, daß er innehalten sollte, denn sie konnte es doch nicht länger ertragen, und wickelte sich tief in ihre Schleier ein. Da war der leise Klang auf den wehenden Morgenlüften auch zu Otto hinübergedrungen. Er trabte schneller, und zog sein Visier herunter, um nichts mehr zu hören. Weil es nun das erstemal war, daß er einen geschloßnen Helm trug, sah ihn durch die Luken desselben die Welt ganz wunderlich und wie durch ein verschönendes Fernglas an; zudem schwamm alles vor dem frischen Morgenlicht mehr in glühroter, als in irgendeiner andern Farbe, so daß der junge Kriegsmann sich nicht enthalten konnte, laut in das wunderschöne Leben hineinzujauchzen, und aller Wehmut vergessend wie ein maigeborner Vogel über Wiese und Heide und Acker dahinflog.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
525 s. 9 illüstrasyon
ISBN:
9783754183151
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: