Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 11

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»O meine Schönste, der Liebe sind keine Schwierigkeiten unüberwindlich. Lieben Sie mich nur« – –

»Wir wollen lieber die Schwierigkeiten vermeiden, als sie zu überwinden suchen. Ich schätze Sie aufrichtig hoch; seyn Sie damit zufrieden. Ich werde beständig Ihre wahre Freundin seyn, aber –«

Indem sie dieses sagte, trat wieder alles Vermuthen hinter einer geschnittenen Hecke die Frau von Hohenauf hervor, die seit der letzten Entdeckung von Marianens deutscher Lectur mißtrauisch, beständig alle ihre Schritte beobachtet hatte. Sie schalt ihren Neffen heftig aus, wegen seiner niederträchtigen Neigung gegen ein gemeines Mädchen. Der armen Mariane aber machte sie die bittersten Vorwürfe, daß sie einen jungen Menschen von Stande verführen wollte, welchen Ausdruck sie oft wiederholte. Sie verbot ihr aufs nachdrücklichste, ihren Neffen je wieder allein zu sehen, und ließ sie auch von der Zeit an nicht einen Augenblick aus den Augen.

Indeßen würde ihr freilich diese genaue Aufsicht auf zwey Liebende bald sehr beschwerlich geworden seyn, wenn nicht zween Tage darauf Hr. Rambold, der Hofmeister den der alte Säugling seinem Sohn sendete, angelanget wäre. Sie säumte also nicht, sondern schickte beide nach ein paar Tagen, auf die Universität wohin sie bestimmt waren, und empfahl dem Hofmeister, auf Säuglings Aufführung ein wachsames Auge zu haben.

Der verliebte Säugling war trostlos. Seine Seele schmolz von Zärtlichkeit, aber war auch von Zärtlichkeit so voll, daß kein einziger Gedanken, wie es möglich seyn sollte, sie zu sehen, darin Platz finden konnte. Je mehr er daran dachte, desto unmöglicher schien es ihm. Ihm fiel keines von den sinnreichen Mitteln ein, die die Romanenschreiber unserer lehrbegierigen Jugend so freigebig an die Hand geben. Z. B. auf einer Strickleiter ins Fenster zu kriechen; sich in einen Kasten sperren und zu ihr bringen zu lassen; einen doppelten Schlüßel machen zu laßen, um ihre Thüre zu öfnen; ja nicht einmahl die einfältigen auch außer Romanen so oft ausgeübten Mittel, das Kammermädchen zu bestechen, oder unter dem Fenster der Schönen hin und her zu spazieren, und so lange zu husten oder zu pfeifen, bis sie am Fenster erscheine. Da ihm also gar kein Mittel in den Sinn kommen wollte, so muste er mit schwerem Herzen abreisen, ohne seine Geliebte zu sehen und von ihr Abschied zu nehmen.

Als er an den Ort seiner Bestimmung ankam, nahm seine Traurigkeit sehr zu. Er wendete sich zu seiner gewöhnlichen Zuflucht, der Dichtkunst, und schrieb eine Heroide unter dem Namen des Leander an die Hero, in welcher er seinen ganzen zärtlichen Schmerz über die Abwesenheit seiner Geliebten auszudrücken suchte. Nachdem er damit meist fertig war, fiel ihm plötzlich der Gedanken ein, daß er nicht die geringste Hofnung habe, diese Epistel seiner Geliebten in die Hände zu bringen. Er ging mit dem Papier in der Hand in seinem Zimmer so tiefsinnig auf und nieder spatzieren, daß er seinen Hofmeister nicht eher erblickte, als bis er vor ihm stand, ihm das Papier aus der Hand nahm, und es lächelnd durchlas.

Säugling sank vor Schrecken beynahe nieder, weil er für sich und seine Geliebte aus dieser Entdeckung des Hofmeisters die schlimmsten Folgen befürchtete. Glücklicherweise für ihn, gehörte Rambold nicht zu den mürrischen Hofmeistern die ihrer untergebenen Jugend alles Vergnügen versagen, vielmehr hatte er sehr politisch berechnet, daß ein junger reicher Patricier nur ein oder zwey Jahre auf Universitäten von seiner Aufsicht abhänge, hingegen hernach viel länger, – weil Väter sterblich sind u. s. w, – seines Vermögens genießen, und seinem Hofmeister eine kleine bewiesene Gefälligkeit reichlich vergelten könnte. Anstatt also Säuglingen zu schelten, zog er ihn bloß wegen seiner zuckersüßen Empfindungen ein wenig auf; denn er war ein witziger Kopf, der in den verschiedenen Stationen seines Lebens, die Seele aller Cotterien, Schmäuse und Trinkgesellschaften gewesen war. Endlich um Säuglingen, der noch immer in großer Verlegenheit da stand, gänzlich zu beruhigen, versprach er ihm treuherzig, daß er es selbst seine Sorge seyn lassen wolle, die zärtliche Epistel in Marianens Hände zu bringen. Er sagte ihm auch, wie; nämlich durch Hülfe des Kammermädchens der Frau von Hohenauf, mit der er, während seines zweytägigen Aufenthalts auf dem Gute des Hrn. von Hohenauf eine so vertraute Bekanntschaft gemacht hatte, daß er ihr eine solche Verrichtung gar wohl auftragen zu können glaubte.

Unterdeßen, befand sich Mariane in großer Unruhe. Säuglings Zuneigung zu ihr hatte schon lange vorher ehe er sie gestand, ihrer weiblichen Scharfsichtigkeit nicht entgehen können. Sie hatte Wohlgefallen daran gehegt, weil sie sie für die bloße Höflichkeitsbezeugung eines artigen jungen Menschen ansahe, ohne zu denken, daß sie sich jemals in eine feurige Liebe verwandeln, oder daß diese Liebe einen tiefen Eindruck auf ihr Herz machen könnte. Als er seine Liebe endlich erklärte, und er zugleich in demselben Augenblicke von ihr getrennet ward, fand sie zwar ihr Herz tief verwundet, glaubte aber, daß dies von ihrer beleidigten Empfindlichkeit, und vom Wiederwillen gegen die Härte der Frau von Hohenauf herrühre. Nachdem aber Säugling abgereiset war, und sie in der Heftigkeit ihrer Leidenschafft glaubte, daß sie ihn nie wiedersehen würde, merkte sie erstlich, vor sich selbst erröthend, wie sehr sie ihn liebte. Bald war sie sehr zornig, daß er nicht von ihr Abschied genommen hatte, bald entschuldigte sie ihn, und stellte sich vor, wie untröstlich er selber seyn müste, und dieses Bild ihrer Einbildungskraft selbst machte ihn ihrem Herzen liebenswürdiger. Jeden Ort wo sie ihn gesehen hatte besuchte sie mit einer zärtlichen Schwermuth, und des Nachts stand sein geliebtes Bild beständig vor ihren Augen.

Einst ergriff sie von ohngefehr die Lettres d'une Religieuse portugaise, die sie, auf Befehl, so oft ihren Fräulein ganz ruhig vorgelesen hatte. Sie erstaunte darüber, daß ihr so viel Bilder belebt, so viel Klagen herzrührend, so viel Empfindnisse aus der Seele herausgezogen schienen, über die sie vorher weggelesen hatte. So sehr wahr ist es, daß Bücher voll verliebter Empfindungen, die auf den Weisen und Gleichgültigen wenig Eindruck machen, in ein junges unerfahrnes Herz, das den ersten Eindrücken dieser gefährlichen Leidenschaft offen steht, den süßen Gift weit tiefer hineinflößen als selbst die Reden des Geliebten: weil die erhitzte Einbildungskraft, mit ihren eigenen Geschöpfen nach Belieben spielend, die Empfindungen viel reiner inniger und heftiger vorstellt, als sie in der wirklichen Welt seyn können, in der sie durch hundert ganz gemeine gleichgültige Umstände vermischt, seichter gemacht und gemildert werden.

Nun ward dieses Buch Marianens tägliche Lectur. Sie wünschte, daß ihr Säugling solche Briefe voll Liebe und Beständigkeit schreiben möchte, als der Ritter v. C. und sie versprach sich, daß sie ihm mit eben so viel Inbrunst und Sehnsucht antworten wollte, als die zärtliche Nonne. Sie sahe in diesem Briefwechsel eine so anmuthige Beschäftigung voraus, daß sie die Zeit nicht erwarten konnte bis er seinen Anfang nehmen würde. Es waren schon einige Wochen verlaufen, und sie hatte schon alle zärtliche Gründe erschöpft, um das Stillschweigen ihres Geliebten zu entschuldigen, als ihr das Kammermädchen Säuglings Heroide, mit einem prosaischen Briefe begleitet, übergab, worin er alles was er bey ihrer beiderseitigen Trennung empfand, ausgedrückt hatte, und sie beschwor, ihm wenigstens schriftlich zu sagen, daß sie gegen seine Zärtlichkeit nicht unempfindlich sey, wozu er ihr das Kammermädgen als ein sicheres Werkzeug empfahl.

Die verliebte Mariane las beide Sendschreiben mit heftiger Begierde, und überlas sie fünf oder sechsmahl mit noch innigerm Vergnügen. Als sie sich aber niedersetzen wollte, um sie zu beantworten, empfand sie die unaussprechliche Empfindung eines wohlgezogenen Frauenzimmers, die immer mit gewissenhafter Strenge ihre Pflichten beobachtet, und noch nie einen Schritt gethan hat den sie hätte verheeren dürfen. Sie erröthete und erschrack vor sich selbst. Je mehr sie, in den süßen Vorstellungen ihrer Einbildungskraft, eine Gelegenheit gewünscht hatte die Feder ansetzen zu können, um ihre innerste Neigungen auszudrücken, desto mehr sank sie ihr nieder so bald sie sie wirklich ansetzen wolte, und je öfter sie es versuchte, desto mehr verlohr sie den Muth es zu wagen. Auch half es nichts, daß das Kammermädgen ihr öfters zuredete, auf den Brief eine Antwort zu geben. Vielmehr da das dienstwillige Mädchen, der die feinen Scrupel die Marianens Gemüth beunruhigten in ihrem Leben nie in den Sinn gekommen waren, die ganze Sache sehr auf die leichte Achsel nahm; so konnte dies vielleicht einige widrige Wirkung thun, indem Marianens Delicatesse bewogen ward diese Sache von einer Seite zu betrachten, von der sie bald den Blick wegwandte, aus Furcht allzusehr darüber nachzudenken.

Sechster Abschnitt.

Säugling war von allem Troste verlassen, als er erfuhr, daß Mariane weder seine Poesie noch seine Prose einer Antwort würdigen wollte. Er hielt sich für den unglücklichsten unter allen Menschen, und wuste, da seine Dichtkunst die erwartete Hülfe nicht leistete, nur bloß zu bittern Thränen seine Zuflucht nehmen. Rambold aber, der zwar weniger Zärtlichkeit, aber etwas mehr Erfahrung besaß, und dem überdies das Kammermädchen in ihrem Antwortsschreiben einen gewissen Wink gegeben hatte, that keck den Vorschlag, daß Säugling in seiner Gesellschaft, insgeheim nach dem Gute der Frau von Hohenauf reiten, und Marianen besuchen sollte. Säugling erschrak vor diesem Vorschlage, sowohl wegen dessen Folgen, als wegen der Beschwerlichkeit eines Ritts von fünf Meilen. Rambold aber wuste diese Bedenklichkeiten mit seinem gewöhnlichen Witze lächerlich zu machen, so daß Säugling anfing, diesen Vorschlag nur von der angenehmen Seite zu betrachten, und darin willigte.

Sie ritten also an einem schönen Sommermorgen aus, und Säugling, über seinen eigenen Muth erstaunt, kam sich, nach dem er eine Meile geritten hatte, und die Beschwerlichkeiten der Reise zu empfinden anfieng, als ein anderer Leander vor, der durch die Gefahr der wilden Wellen zu seiner Geliebten Hero eilte. Sie kamen des Abends sehr ermüdet auf einem Vorwerke an, das etwa zweihundert Schritte von dem Dorfe entlegen war. Des andern Morgens sehr früh, ermunterte und ermannte sich Säugling, seiner Müdigkeit ohnerachtet, und wanderte nach dem herrschaftlichen Garten, in den sie durch eine von dem schlauen Kammermädchen geöfnete Hinterthür traten. Sie führte Säuglingen ferner nach einer etwas abgelegenen grünen Laube, wo Mariane, in der Meynung ganz allein zu seyn, mit süßer Schwermuth Säuglings Heroide las.

Sie that einen lauten Schrey, als sie ihn erblickte, und wollte forteilen. Es war aber ein Glück, daß ihr ihre Füße diesen Dienst versagten, denn der zitternde Säugling war selbst in so großer Verlegenheit, daß er schwerlich so viel Besonnenheit gehabt haben würde, sie zurück zu halten. Er stand mit herunterhangenden Händen, wie ein stummes Bild da, und es währte einige Minuten, ehe er mit stamlender Zunge eine Entschuldigung seiner Verwegenheit vorbrachte. Da er in Marianens Augen, auf die er seinen Blick unverwendet heftete, keinen Zorn wahrnahm, so faßte er das Herz, sich ihr zu Füßen zu werfen, ihr nochmals die ganze Innigkeit seiner Liebe zu entdecken, und sie um Gegenliebe anzuflehen. Mariane wolte noch zurückhalten, aber sie konnte ihrer innern Zärtlichkeit selbst nicht Wiederstand thun, und entdeckte, unter sanftem Erröthen, alles was sie für ihn fühlte. Säugling glaubte in den dritten Himmel versetzt zu seyn, dankte ihr mit den herzrührendsten Ausdrücken, und beide schworen sich eine unverbrüchliche Treue und Zärtlichkeit.

Sie hatten sich so viel zu sagen, daß einige Stunden vergiengen, ehe sie voneinander schieden. Die Wollust dieser Unterredung war zu groß, als daß nicht noch mehrere gleich geheime Zusammenkünfte auf diese hätten folgen sollen, in denen beide Liebenden ihre Herzen aufs genaueste mit einander vereinigten, und den süßesten Reiz darin fanden, daß sie alles Widerstandes ohngeachtet, sich ewig lieben wollten.

Indessen hatte die Frau von Hohenauf insgeheim erfahren, daß Mariane täglich sehr früh aufstände, in den Garten gienge, und sich daselbst einige Stunden aufhielte. Sie gieng ihr eines Tages, ohne die wahre Ursach nur im geringsten zu vermuthen, nach, und behorchte das verliebte Paar, als sie eben in der zärtlichsten Unterredung waren. Sie kannte sich selbst nicht, vor heftiger Wuth. Sie fuhr wie eine Furie auf die arme Mariane los, belegte sie mit den schimpflichsten Namen, stieß sie aus der Laube heraus, und indem sie dem ganz erschrockenen Säugling, der wie eine unbewegliche Bildsäule da stand, zuschrie, daß sie seinem Vater seine abscheuliche Bosheit melden werde, und daß er ihr nimmermehr wieder vor die Augen kommen sollte, so schleppte sie die halbtodte Mariane nach dem Hause zu.

Säugling stand noch einige Zeit in zitternder Unthätigkeit, bis er sich endlich besann, daß es am besten seyn werde, wegzugehen. Er fand aber zu seinem grossen Erschrecken die Hinterthür des Gartens verschlossen. Rambold, der sich mit dem Kammermädchen, in einem dreißig Schritte hinter der Laube belegenen ziemlich dichten Gebüsche befand, vielleicht um ihr ein Kapitel aus dem vierten Bande der Insel Felsenburg zu erklären, war bey dem ersten Lärmen davongelaufen, und hatte in der Eil die Thüre hinter sich zugeschlagen, und das Kammermädchen war, durch ihr wohlbekannte Nebengänge, nach dem Hause zu gelaufen. Der arme Säugling, der sich also allein und eingeschlossen sahe, wußte nicht, was er vor Angst beginnen sollte. Er sahe für sich gar keinen Ausgang; denn über die Mauer zu steigen, ob sie gleich nicht sehr hoch war, war für ihn eine unmögliche Sache, er fieng also an, für sein Leben zu zittern, als wenn er in der Gewalt seines ärgsten Feindes gewesen wäre. Nachdem er aber eine Viertelstunde im Garten in der Irre gelaufen war, fiel ihm endlich ein, daß die große Gartenthüre offen seyn werde. Sie war es auch wirklich, und er gieng, obgleich mit Zittern und Zagen, dennoch ohne von jemand bemerkt zu werden, durch den Hof und durch das Haus, auf die freye Strasse des Dorfs.

Er eilte nun mit verdoppelten Schritten nach dem Vorwerke, wo er die Pferde schon gesattelt und Rambolden seiner erwartend antraf. Sie setzten sich sogleich zu Pferde, Säugling in der größten Traurigkeit, die ihn Rambolds Lustigkeit weder zu mildern, noch dessen Schrauberey zu verbergen bewegen konnte. Sie brachten auf der Zurückreise zween Tage zu, demohnerachtet legte sich Säugling sogleich bey der Ankunft ins Bette, um sich theils von einem Fieber, welches die Gemüthsbewegung, theils von einigen andern kleinen Beschwerlichkeiten, welche die Strapazen der Reise, seinem zarten Körper zugezogen hatten, heilen zu lassen.

Der unglücklichen Mariane, ward von der Frau von Hohenauf mit der äußersten Härte begegnet. Keine Entschuldigung ward angenommen, die schimpflichsten Vorwürfe wurden nicht gesparet. Sie wäre sogleich auf die Strasse geworfen worden, wenn nicht zu befürchten gewesen wäre, daß Säugling, durch ihr Unglück, noch näher mit ihr verbunden werden möchte. Sie ward also eingesperret, bis sich eine Gelegenheit fände, sie gänzlich wegzuschaffen.

Die Fr. von Hohenauf besann sich, daß die Gräfinn von *** bey ihrer Anwesenheit, im Discurse beiläufig geäußert hatte, sie wünschte eine Person von guter Aufführung und von Talenten um sich zu haben, die ihr Gesellschaft leisten, und ihr vorlesen könnte. Die Gräfinn, obgleich aus einem der ältesten Geschlechte, und unter der Pracht und den Lustbarkeiten des Hofes erzogen, schätzte Verdienst mehr als Adel, und die Schönheiten der Natur und eine in der Stille wohlverbrachte Zeit mehr, als den glänzendesten Pomp. Diese Neigungen der Gräfinn von *** waren den Neigungen der Frau von Hohenauf, so schnurgerade zuwieder, daß zwischen ihnen mancher Wortwechsel darüber entstanden war, und daß die letztere die erstere – wie es immer zu geschehen pflegt, wenn ein Thor gegen einen Klugen Unrecht hat – herzlich zu haßen anfieng, ob sie gleich freilich, dem Wohlstande gemäß, eine Dame von diesem Range äußerlich mit den größten Freundschaftsbezeugungen überhäufte.

»Ha! sagte die Frau von Hohenauf, für diesen Zieraffen wird die schöne Mariane eine würdige Gesellschaft seyn.« Hiezu kam, daß die Güter der Gräfinn an fünf und zwanzig Meilen entlegen waren, indem sie zur Zeit des Geburtsfestes, nur um eine Verwandtinn zu besuchen, in diese Gegend gekommen war. Die Frau von Hohenauf schrieb also an die Gräfinn, und schlug ihr Marianen zur Gesellschafterin vor, doch ohne die wahre Ursach dieses Vorschlags im geringsten zu erwähnen. Die Gräfinn, welche sich Marianens Betragen gegen den armen Pachter noch mit Vergnügen erinnerte, antwortete nach Wunsch.

Nun trat die Frau von Hohenauf in Marianens Gefängniß, zwang sich zu einer Freundlichkeit, die ihr gar nicht von Herzen gieng, stellte ihr die unverdiente Gnade vor, daß sie ihr, anstatt sie zu strafen, einen so guten Platz verschaft habe, versicherte, daß sie alles vergangene vergessen wolle, verlangte aber auch, daß Mariane alle Verbindung mit Säuglingen aufheben, ja ihm nie ihren Aufenthalt melden sollte.

Mariane, die einige Wochen, in großer Verlegenheit über ihr itziges und künftiges Schicksal, zugebracht hatte, war sehr erfreut, daß es eine so glückliche Wendung nahm. Sie hatte die vortreflichen Gesinnungen der Gräfinn, bey derselben Anwesenheit, kennen lernen, und sahe also sehr wohl ein, daß der Vorfall mit Säuglingen, derselben Zutrauen zu ihr mindern könnte. Sie versprach also mehr als verlangt wurde, nämlich niemand, wer es auch sey, das geringste von der Sache zu entdecken, ja sie versprach sich selbst, wenn sie von Säuglingen nichts mehr hörte, ihn ganz zu vergessen, und hofte dadurch wieder in den ruhigen selbstgenügsamen Zustand zurück zu kommen, in dem sie war, ehe sie die Wirkungen dieser unglücklichen Liebe erfuhr.

Um jedermann den Ort ihres künftigen Aufenthalts zu verbergen, ließ sie die Frau von Hohenauf des Nachts, mit Postpferden, nach einer nicht weit von den Gütern der Gräfinn gelegenen Stadt bringen, von dannen sie die Gräfinn in einem Wagen abholen ließ.

Ende des dritten Buchs.

Viertes Buch

Erster Abschnitt.

Sebaldus wanderte auf der von ohngefehr gefundenen Landstraße fort, ohne zu wissen wohin. Er war schon ein paar Meilen einsam fortgegangen, als er von weitem einen Fußgänger erblickte, den er einzuholen suchte. Er verdoppelte seine Schritte, und erblickte einen Mann, der in einen grauen Rock von feinem Tuche gekleidet war, eine ungepuderte Stutzperucke auf dem Kopfe hatte, einen kleinen Bündel an einem Stabe auf der Schulter trug, und mit heller Stimme, das Lied: Wachet auf, ruft uns die Stimme, sang. Sebaldus, ein Freund des Singens geistlicher Lieder, zumahl gewisser enthusiastischer Melodien, gesellte sich zu dem Wanderer, und summete das Lied, in einer mit vielen Terzien und Sexten untermischten extemporirten Baßpartie nach.

Als es geendigt war, grüßten sich die beiden Wanderer, und Sebaldus fragte den Fremden: »Wohin der Weg führe, auf dem sie giengen?«

»Nach Wustermark, sagte der Fremde, wo ich Nachtlager zu halten, und den andern Morgen nach Berlin zu gehen gesonnen bin.«

Sebaldus freuete sich, daß er auf dem rechten Wege war, denn ob er gleich, nachdem er seine Recommendationsbriefe verlohren hatte, nicht wußte, was er in Berlin machen sollte, so wußte er doch eben so wenig, was er an irgend einem andern Orte in der Welt hätte machen sollen.

Er bat also den Fremden um Erlaubniß in seiner Gesellschaft zu gehen, und erzählte ihm den Unfall, den er auf dem Postwagen gehabt hätte.

Der Fremde kreuzte und segnete sich über diese Begebenheit, und lobte seine eigene Vorsicht, daß er, da die Wege, nach dem Frieden, unsicher wären, lieber zu Fuße gegangen sey.

»Nicht eben, setzte er hinzu, als ob ich viel Geld bey mir hätte. Ich bin zufrieden, wenn ich reich bin im Heilande. Aber der Herr hat doch meine Vorsichtigkeit gesegnet.«

Sebaldus versetzte: »Ich bin so vorsichtig nicht gewesen. Ich hatte noch keinen Begrif davon, daß ein Mensch seinen Nebenmenschen mit kaltem Blute anfallen und berauben könnte.«

»Ach mein lieber Bruder, die arme menschliche Natur ist ganz verderbt. Wenn wir nicht durch die Gnade ergriffen werden, so sind wir in grundlosem unerforschlichem tiefem Verderbnisse.

»Ey, mein Freund, von den Lastern einiger Bösewichter kann man nicht auf die Natur der Menschen überhaupt schließen. Wir sind von Natur nicht geneigt, wie die wilden Thiere, uns anzufallen, sondern in Gesellschaft zu leben, und uns zu unterstützen.«

»Ach wir armen Menschen! wie könnten wir uns unterstützen, wenn uns die Gnade nicht unterstützte, wie könnten wir etwas gutes wirken, wenn es die alleinwirkende Gnade nicht wirkte!«

»Freylich! wir haben alles durch die göttliche Gnade. Aber die Gnade wirkt nicht wie der Keil auf den Klotz. Gott hat die Kräfte zum Guten in uns selbst gelegt. Er hat uns Verstand und Willen, Neigungen und Leidenschaften gegeben. Er will, daß wir thätig seyn sollen, so viel gutes zu thun, als uns möglich ist. Er hat Würde und Güte in die menschliche Natur gelegt.«

»O welch ein Selbstbetrug, mein lieber Bruder! rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer aus: Wenn wir Gott wohlgefällig werden wollen, so müssen wir nichts als lauter Elend und Unwürdigkeit an uns sehen:

Wollt ihr zu Jesu Heerden,

So müßt ihr gottlos werden!

Woltersdorfs sämtliche neue Lieder. Berlin 1768. S. 37.

Daß heist, ihr müßt die Sünden

Erkennen und empfinden

wie ein theurer Knecht Gottes singet. Wir müssen an der Gnade hangen, die Gnade alles wirken lassen, der Gnade alles Gute zuschreiben; denn wird die Gnade in uns erst recht groß, wenn wir recht klein, recht unwürdig werden.

Wenn wir uns mit den Siechen

Ins Lazareth verkriechen!«

Sebaldus zuckte die Achseln, und sagte: »Dieß sind gesalbte Schalle, die einer verderbten Einbildungskraft heilig scheinen, die aber keinen Sinn enthalten. Wir besitzen Kräfte zum Guten. Wer dieß läugnen wollte, würde Gottes Schöpfung schänden, der uns so viele Vollkommenheiten gegeben hat. Ohne den Einfluß einer übernatürlich wirkenden Gnade zu erwarten, können wir Tugenden und edle Thaten ausüben. Oder sind etwan Wohlwollen, Menschenliebe, Freundschaft, Großmuth, Mitleiden, Dankbarkeit nicht Tugenden?«

»Scheintugenden, mein lieber Bruder, weltliche ehrbare Scheintugenden. Mit solchem Bettlersmantel, will der unwiedergebohrne Mensch, den Aussatz seiner natürlich verderbten Natur bedecken. Mit diesen sogenannten Tugenden aber, kann man auf ewig in den Schwefelpfuhl geworfen werden, aus welchem keine Erlösung ist. Dieß sind nicht die wahren gottgefälligen Tugenden. Wenn Tugenden nicht aus der Gnade entspringen; so sind sie geschminkte Laster zu nennen.«

»Wozu soll man so seltsame Benennungen erdenken? Ich vergebe z. B. den Räubern die mich beraubt haben, ich wünsche ihre Besserung. Dieß ist so wenig die Wirkung einer übernatürlichen Gnade daß es vielleicht bloß nur die Wirkung meines Alters, oder meines Temperaments ist. Ist dieß aber deswegen Gott nicht gefällig? Ist es ein Laster?«

»Wenn es nicht aus Herzlichkeit zu dem blutigen Versöhner geschiehet, so ist es nichts als ein weltliches Tugendbild, eine nachgemachte Frömmigkeit, bey der man ewig verlohren gehen kann!«

»Sprechen Sie doch nicht so! Hiemit kan man alten Mütterchen allenfalls eine Furcht einjagen, aber man beweiset nichts. Ich habe über diese Sachen reiflich nachgedacht, und ich finde, daß weder eine blutige Versöhnung, noch eine ewige Verdamniß, mit den erhabenen Begriffen, die wir von Gott haben müssen, zusammenstimmen.«

»Ja! ja! so geht es! je mehr die Menschen alles durch ihre bloße Vernunft einsehen wollen, destoweniger erkennen Sie ihre angebohrne Blindheit und Finsterniß. Mir fällt hiebey ein, was ein lieber Sohn des Heilandes sagt:Der Pietist hat diese Worte buchstäblich aus den Büdingschen Sammlungen. 8ten Stück S. 257. genommen. ›Es ist unvermeidlich, daß Seelen, die sich nicht ganz in das evangelische Wesen verlohren haben, daß sie ihren Bissen Brod, den sie in den Mund stecken, gleichsam in dem Heilande verzehren, und denen das im Namen Jesu auf den Abtritt gehen, noch ein Geheimniß ist, in allerhand Bedenklichkeiten verfallen; aber die Gnaden- und Bundesleute verstehen sich auf halbe Worte, und wissen die Theilung des Tempels des Heil. Geistes in allen Ein- und Ausgängen, ohne Kopfbrechen zu machen.‹«

Sebaldus starrete den Fremden an, ohne ein Wort zu sagen. Dieser glaubte vielleicht, er verstumme aus Bewunderung oder Entzückung; Er fuhr also fort:

»Ach lieber! laß dich von der alleinwirkenden Gnade ergreifen! Laß dich von der Kraft des Bundesblutes anfassen. Bete herzlich um die Wiedergeburt. Bete daß du bald zum Durchbruch kommen mögest. Bete, bete, ich will mit dir beten, lieber Bruder!«

Sebaldus sagte sehr kalt: »Ich pflege das Vater unser zu beten, darinn steht nichts vom Durchbruche, nichts vom Bundesblute, nichts von der Wiedergeburt und von der alleinwirkenden Gnade.«

Der Pietist schlug die Hände über sein Haupt zusammen, und rief aus: »Welcher Unglaube! welche fleischliche Sicherheit! O betrüge dich nicht Mensch! die Ewigkeit wird kommen, Quaal ohne Ende für den Sünder!« –

Sebaldus gerieth in Eifer, und fieng an die Ewigkeit der Höllenstrafen, mit dem besten ihm beywohnenden Gründen, zu widerlegen, aber der Pietist, der sich von je her auf inneres Gefühl, nie aber auf Gründe eingelassen hatte, antwortete nichts, sondern schlug nochmals die Hände über sein Haupt zusammen, hob die Augen gen Himmel, und fieng an, so laut er konnte, nachfolgendes Lied zu singen:Der Leser glaube nicht etwan, daß ein solches Lied zu Behufe dieses Gesprächs erdichtet worden. Er darf auch nicht glauben, daß es etwan ein unbedeutender Schwärmer für den Winkel eines fanatischen Conventikels verfertigt habe. Nein! dieß Lied steht S. 792. eines, in die evangelisch-lutherischen Kirchen in der Churmark, unter öffentlicher Autorität, eingeführten Gesangbuchs, betitelt: Geistliche und liebliche Lieder, welche der Geist des Glaubens durch D. M. Luther, Joh. Hermann, Paul Gerhard, und andere seiner Werkzeuge, in den vorigen und itzigen Zeiten gedichtet, und die bisher in den Kirchen und Schulen der Königl. Preuß. und Churf. Brandenb. Lande bekannt, u. s. w. herausgegeben von Johann Porst, Königl. Preuß. Consistorialrath, Probst und Inspector zu Berlin. Gedruckt zu Berlin in 12.

»Zu spät ists zu erfahren, was Höll und Ewigkeit, ach! willst du's darauf sparen, thu's nicht, heut ists noch Zeit, bekehre dich von Herzen, daß du der Quaal entgehst, denk, dann giebt es nicht Scherzen, wenn du vorm Richter stehst.

Der dir das Urtheil fället, das Leben rund abspricht, zum Teufel dich gesellet, des ewgen Todsgericht, o Zeter! Ach! Weh! Jammer! Welch Heulen wird da seyn, wenn in die Marterkammer, der Henker schleppt hinein.

Dahin, wo keine Reue, kein Klagen helfen kann, die Marter geht aufs neue nach tausend Jahren an! Da ist kein Glied so kleine, das nicht sein Leiden hat, der Leib der fühlt das seine, die Seel' auch früh und spat.

In großer Furcht und Schrecken, in finstrer Dunkelheit, wird die Verdammten decken, Angst, Grauen, Traurigkeit, die Zähne werden klappen für Frost und großer Hitz, und werden blindlings tappen, nach einem frischen Sitz.

Sie werden ewig fallen ins Loch, das keinen Grund, und auf einander prallen zusammen in den Schlund, sich beißen, fressen, nagen, sich fluchen, lästern stets, der Tod wird sie recht plagen, ohn Ende: Seht, so gehts.

So geht es den Verfluchten in ihrem Höllenloch, den Schlemmern und Verruchten, ach gläubets, gläubets doch, wollt ihr daran noch zweifeln? so wahr ists, so wahr Gott, ihr fahret zu den Teufeln, wo ihr das halt't für Spott!«

Dieß Lied sang Sebaldus nicht mit, vielmehr zeigte er unter Absingung desselben sichtbare Kennzeichen der Ungeduld. Nach dessen Endigung, gerieth er einige Minuten lang in ein tiefes Nachsinnen, und fragte endlich seinen Mitwanderer:

»Sind Sie denn also ein Wiedergebohrner?«

»Ja, antwortete er, mit sehr sanfter Stimme: das bin ich durch Gottes Gnade. Vor drey Jahren den 11ten September, Nachmittags um 5. Uhr, hatte ich zuerst das selige innere Gefühl der Gnade, die bey mir zum Durchbruch kam, seitdem habe ich an der Gnade beständig gehangen, bin nie der Gnade satt worden,«

»Also glauben sie doch gewiß ewig selig zu werden?«

»Ach ja! dessen bin ich gewiß:

Denn ich will stets ein Bienelein

Auf des Lammes Wunden seyn

Und fahren so in'n Himmel nein.«

»So! Und werden ewige Freude haben, und werden ganz geruhig zusehen,Manchen eifrigen Gottesgelehrten, muß es nicht so anstößig seyn, als dem ehrlichen Sebaldus, daß die Seligen im Himmel die ewige Quaal der Verdammten ganz geruhig, ohne Mitleid, ansehen sollen. Z. B. In M. Cyriacus Höfers kurzem und richtigem Himmelsweg, wie ein Kind in 24 Stunden lernen kann, wie es soll der Höllen entgehen und ewig selig werden, einem Katechismus, der im Churfürstenthume Sachsen, und vielleicht auch in andern Provinzen, in vielen Schulen, zur Unterweisung der Jugend gebraucht wird, und der noch 1772 zu Leipzig gedruckt worden, findet man S. 97. folgende Fragen und Antworten: wie Millionen ihrer Nebenmenschen sich beißen, fressen, nagen, sich fluchen und lästern, wie der Tod sie recht plagt ohne Ende. Welcher Gräuel! können Menschen ihre Nebenmenschen so verdammen, und können mit Wohlgefallen von ihrer Verdammung ein feyerliches Lied singen!«

Der Pietist lächelte, und sagte mit sanfter Stimme. »Da siehet man den natürlichen Menschen! Ich verdamme sie ja nicht, sondern (er lächelte nochmals) die Bibel verdammt sie. Da steht es deutlich.«

Sebaldus fuhr sehr heftig heraus: »Nein, das steht nicht in der Bibel; und wissen Sie, wenn es darinn stünde, so wäre sie nicht Gottes Wort. Ich möchte eben so gern ein Atheist seyn, als solche abscheuliche Begriffe von Gott haben, daß er uns das Leben rund abspricht, daß er uns dem Teufel zugesellet, daß er uns durch Henker in Marterkammern schleppen läßt, wo keine Reue, keine Klagen helfen kann. – Entsetzlich! von Ihm so zu denken, dem Vater des Lebens, dem Geber alles Guten!« –

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
08 ekim 2025
Hacim:
1366 s. 28 illüstrasyon
ISBN:
9788026836391
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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