Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 12
Sebaldus war in großen Eifer gerathen; er brach plötzlich ab, und fieng an nachzudenken, wie der gute Mann gemeiniglich that, wenn er merkte, daß er sehr heftig geworden war, um zu überlegen, ob er sich auch vergangen, oder zu viel geredet habe.
Der Pietist bewegte den Zeigefinger seiner rechten Hand zweymal auf und nieder, und sagte sanftmüthiglich:
»Lieber Bruder, ich beweine deinen erschrecklichen Unglauben; und du kannst noch in ungöttlichen Eifer gerathen! Hier kann man den sichtlichen Unterschied des Standes der Natur und der Gnade sehen. Wer in der Gnade ist, der ist so ruhig, der erträget alles, der erduldet alles, stellet alles Gott anheim.« –
Indem er dieß sagte, sprangen unvermuthet zwey Räuber, von welchen damals, nach eben geschlossenem Frieden, die ganze Gegend wimmelte, mit gezogenen Säbeln aus einem dicken Gebüsche, und fielen die Reisenden an. Sebaldus gab mit dem ruhigen Bewußtseyn, daß er sich nicht wehren könnte, und daß er wenig zu verlieren hätte, das wenige Silbergeld her, das ihm übrig geblieben war. Der Pietist hingegen war unter den Händen der Räuber todtenblaß, zitterte, und bezeugte sich sehr ungeberdig. Er wälzte sich auf die Erde, suchte seine Uhr zu verbergen, empfieng aber darüber verschiedne Stöße und Schläge. Seine Taschen wurden demungeachtet sämtlich ausgeleeret. Man nahm ihm auch sein neues feines Kleid, und den einen Räuber gelüstete endlich nach seinen ganz neuen Stiefeln. Er mußte, alles Weigerns ungeachtet, sich auf die Erde setzen, um sie auszuziehen: da aber einer noch nicht völlig ausgezogen war, entstand ein Geräusch im Busche, und ein Hund schlug an. Hierüber wurden die Räuber flüchtig. – Der Pietist sprang auf, und schrie aus Leibeskräften: »Halt Diebe! halt Diebe!« Als aber niemand kam, so setzte er sich, mit dem Stiefel in der Hand, abermals unter einen Baum, um recht herzlich auf die Bösewichter zu fluchen, die die Straßen berauben.Er soll, wie verschiedne Nachrichten bezeugen, den frommen Wunsch hinzugethan haben, daß ihnen, wenn das eiskalte Fieber ihre Glieder zerrütte, weder bittre Essenz noch Kirchengebet helfen möchten, welchen Wunsch der Verfasser des Gedichts Wilhelmine, der, nach Art der Dichter, wegen der genauen Bestimmung der Zeiten und Personen, wohl die ungedruckten Urkunden nicht eben mag nachgeschlagen haben, dem Sebaldus beylegt. (S. Wilhelmine S. 79.) Es ist aber sehr unwahrscheinlich, daß Sebaldus einen solchen Wunsch sollte gethan haben, da aus sichern Nachrichten erhellet, er sey der Meinung gewesen, daß das Kirchengebet überhaupt keine Krankheiten lindere.
Zuletzt sagte er zum Sebaldus, indem er ihm im Stiefel ein geheimes Täschchen zeigte, worinn er sein Gold verwahret hatte: »Sehen Sie nun, wie der Herr die Gottlosen mit Blindheit schlägt. Ist nicht dieß Gold durch ein Wunder gerettet worden?« Hier zog er seinen Stiefel an, und stand auf.
Sebaldus versetzte: »Ich finde, daß der Stand der Natur und der Gnade, wie Sie vorher bemerkten, wirklich unterschieden ist. Ich natürlicher Mensch kann den Verlust meines Geldes ruhig ertragen. Es waren freylich nur wenige Groschen, aber mein letzter Heller ist mit weg. Ihnen ist noch weit mehr übrig geblieben, als ich vorher hatte. Ey! Ey! ein Wiedergeborner sollte wenigstens nicht fluchen!«
Der Pietist ward feuerroth, und sagte stotternd: »Die Bösewichter verdienen den Fluch, daß sie, wie Sie vorher ganz recht sagten, Menschen wie wilde Thiere anfallen, da wir uns einander unterstützen sollten. Ach! und das wenige Gold hat der Herr nicht meinetwegen mir so wunderbarlich erhalten, sondern um nothleidender Brüder und Schwestern willen, für die ich es von christlichen Seelen gesammlet habe. Wiewohl ich itzt selbst nothleidend bin.« –
Er hatte nicht ganz unrecht, denn er stand im bloßen Hemde da, indeß ein ziemlicher Landregen zu fallen anfieng, Sebaldus zog ungebeten seinen alten Ueberrock aus, und überreichte ihm denselben.
»Nehmen Sie, sagte er; ich begehe freylich ein geschminktes Laster, indem ich Ihnen diesen alten Kittel anbiete. Aber der Regen fällt zu stark, als daß wir itzt feine Distinktionen machen könnten.«
Der Pietist nahm den Ueberrock stillschweigend an; und weil beide Wanderer vielleicht über das Vorgefallene nachzudenken für gut fanden, so schwiegen sie auch den übrigen Theil des Weges, bis sie gegen Abend in Wustermark ankamen.
Zweyter Abschnitt.
Es scheint, der Pietist war einer von den angesehenen Personen des Konventikels, deren Heiligkeitsgeruch sich gemeiniglich, zehn bis zwölf Meilen in die Runde, unter den frommen Seelen ausbreitet, die daher bey jedem Bruder und jeder Schwester auf ihren Reisen willkommen sind, und in deren Häusern mit eben der Zuversicht einsprechen, mit der ein reisender Mönch, in ein an dem Ende seiner Tagereise liegendes Kloster eintritt. Unser Wanderer hatte eben deshalb Wustermark zum Nachtlager erwählt, weil er wußte, daß daselbst eine fromme wohlhabende Bauerwittwe wohnte, in deren Haus er auch so gleich gieng, und den Sebaldus seinem Schicksal überließ, der in einer elenden Dorfschenke eine Stube voll allerhand Gesindel antraf, unter welchem er sich diese Nacht wenig Ruhe versprechen konnte.
Man hat bemerkt, daß, bey den Frömmlingen männliches Geschlechts, mit heißem Eifer für fromme Uebungen sehr oft eine große Hartherzigkeit verknüpft ist, seltener bey denen von weiblichem Geschlechte. Die Bäuerinn hörte von ihrem Gaste kaum, daß er noch einen Reisegefährten habe, welcher, gleich ihm, von Räubern geplündert worden: so kam sie in die Schenke, und lud den Sebaldus zu sich ein. Sie trug auf, was ihr Haus vermochte, und die Wanderer erquickten sich.
Nach Tische fieng der Pietist die Betstunde an, mit der die reisenden Heiligen, da wo sie einkehren, gemeiniglich ihre Zeche zu bezahlen pflegen. Sebaldus, so sehr er eine dürre Dogmatik, und eine störrische Polemik haßte, so sehr war er ein Freund herzlicher Andacht. Er war daher sehr erbaut von der stillen Aufmerksamkeit der Bäuerinn und ihrer Kinder. Auch der Vortrag seines Reisegefährten war ihm nicht zuwider; denn dieser besaß vollkommen die Biegsamkeit , in welcher Leute seiner Art sich bestreben, bey denjenigen, die sie nicht bekehren können, wenigstens eine gute Meinung von sich zu hinterlassen. Er vermied also in seinem Vortrage, sehr weislich, alle Punkte, über die, wie er unterweges gemerkt hatte, Sebaldus anderer Meinung war, und hielt sich bey allgemeinen ascetischen Betrachtungen auf, die der Bauerfamilie begreiflich schienen, und beym Sebaldus gleichförmige Gedanken erregten, mit denen er sich sehr zufrieden zur Ruhe legte.
Den Morgen früh, nach eingenommenem reichlichem Frühstück, dankten sie ihrer Wohlthäterinn, und setzten ihren Weg weiter fort. Sebaldus genoß den schönen Morgen, sang ein fröhliches Morgenlied, und war so innig vergnügt, daß er gar nicht daran dachte, wie mißlich sein Zustand war, und welchen Zweck die Reise, auf der er itzt eben begriffen war, haben könnte, bis sein Reisegefährte selbst das Gespräch auf Berlin brachte, wohin sie giengen. Dieser beseufzete, mit auf die linke Achsel gesenktem Haupte, und gen Himmel erhobenen Augen, das Elend dieser großen Stadt, wo, wie er versicherte, die Religion ein Gespötte sey, wo niemand in die Kirche gehe, wo ein jeder rechtschaffner Christ verachtet werde, und wo Rotten und Ketzereyen regierten. Er beklagte den Sebaldus recht geflissentlich, weil er, als ein Fremdling, der sich nicht in den besten Umständen befinde, in dieser Stadt voll Irrgläubigkeit und voll Unglaubens, ganz gewiß werde umkommen müssen.
»Ich habe, sagte Sebaldus, bessere Hoffnung. Ich weiß aus der Erfahrung, daß bey dem, was viele Leute Unglauben und Ketzerey nennen, die Liebe des Nächsten sehr wohl bestehen kann.«
»Nein! Nein! rief der Pietist mit erhabener Stimme, wo Glauben ist, da ist auch Liebe! die findet man aber in dieser Stadt, ja im ganzen Lande, gar nicht. Da herrscht lauter Eigennutz und Betrug, da gehen alle Laster im Schwange, da ist die Ruchlosigkeit aufs höchste gestiegen, da ist alle christliche Liebe erloschen.«
Er sagte dieses mit so vieler Dreistigkeit, und versicherte so oft, er kenne Berlin, wo er sich oft aufgehalten habe, so genau, und es sey überhaupt eine weltbekannte Sache, daß Sebaldus anfieng darüber nachdenkend zu werden.
»Ich gestehe, sagte er, nach einiger Ueberlegung, wenn die Einwohner dieser Stadt, ja dieses ganzen Landes, so beschaffen sind, als Sie sie beschreiben, so muß es ein wahres Unglück seyn, unter ihnen zu wohnen. Aber, fuhr er fort, – nachdem er nochmals ein wenig gestaunt hatte, – sollten Menschen, die so gesinnet sind, wohl in Gesellschaft leben können? Sollte ein Staat wohl in kurzer Zeit blühend werden können, der lauter solche Bürger enthielte? Und doch soll, wie man mich versichert hat, der Preußische Staat, nur seit Menschengedenken, sehr blühend geworden seyn; besonders soll ja Berlin am Wohlstande seit dreißig Jahren sichtlich zugenommen haben.«
Der Pietist, der dieses Raisonnement nicht fassen konnte, sagte mit dummer Gleichgültigkeit: »Was hat das Zeitliche mit dem Himmlischen zu thun? Die Kinder dieser Welt sind immer klüger, als die Kinder des Lichts! Glauben Sie mir gewiß, es giebt in dieser großen Stadt, einige wenige fromme Seelen ausgenommen, die noch ihren Heiland lieb haben, nichts als böse Atheisten, die keinen Gott, keinen Teufel, und keine Hölle glauben.«
»Ey nun! sagte Sebaldus, wenn diese Leute keinen Gott glauben, so glaube ich einen, und weiß, daß er keinem seiner Geschöpfe mehr Elend auflegen wird, als es tragen kann.«
Dritter Abschnitt.
Sie waren unter dergleichen Gesprächen durch Spandau gegangen, und hatten sie nur unterbrochen, um beym Hereingehen und Herausgehen die kurzen Fragen der wachthabenden Unterofficiere zu beantworten, die ein Paar so unansehnliche Passagiere nicht des Aufschreibens oder Meldens werth hielten. Als sie an Charlottenburg kamen, erblickte Sebaldus, mit Vergnügen, jenseit der Spree im königlichen Garten, die lange Allee dichtbelaubter Kastanienbäume, unter denen einige einzelne Spaziergänger auf- und abgiengen. Er blieb auf der Brücke stehen, um noch einmal darnach zurück zu schauen. Vor dem Schlosse hingegen gieng er vorbey, ohne daß es ihm nur einmal eingefallen wäre, zu fragen, was für ein großes Gebäude dieß wäre. So sehr war er gewohnt von den Schönheiten der Natur schnell gerührt zu werden, und so wenig aufmerksam war er auf alle Pracht der Kunst.
Sie kamen nunmehr in den berlinischen Thiergarten. Je mehr sie fortgiengen, desto mehr ward Sebaldus entzückt. Man muß anmerken, daß in der Nacht ein starker Strichregen gefallen war, welcher den Sand, mit dem die Natur in diesen Gegenden so freigebig gewesen ist, zum Stehen gebracht, und den Staub von den Baumblättern abgewaschen hatte, den tausend Frauenzimmerschleppen, nebst einer verhältnißmäßigen Anzahl von Wagenrädern und Pferdefüßen, bey trockenem Wetter im Thiergarten zu erregen pflegen. Den Vormittag hatte sich das Wetter aufgeklärt, und bereits seit einigen Stunden, schien die Sonne. Die gänzlich reine Luft erhob das Grün der Bäume, das auf mannigfaltige Art abgewechselt das Auge belustigte.
Die Wanderer sahen die glückliche Mischung dunkler Fichten mit schlanken Ulmen, hellgrünen weißrindigen Birken, und glatten Akacien unterbrochen, denen hundertjährige majestätische Eichen zum Hintergrunde dienen. Melancholische Gänge von dichtem Lerchenholze, und von düstern Eibenbäumen, führen auf weite Plätze und auf grüne Säle mit Statuen geziert, und mit Hecken von jungen Eichen, und von immergrünem Nadelholze umkränzt. Sie giengen durch beschattete Gänge, mit Linden, und breitbelaubten Platanusbäumen besetzt, hinter welchen dichte Gebüsche von Erlen und Espen die feuchten Gründe anfüllen, neben ihnen der verwachsene Wald, wo einsam der sokratische Ahorn wächst, und die Pappel und der Masholder, wo die weit sich ausbreitende Buche, ihre grünen gestreckten Aeste wiegt, und erhabene Tannenfichten auf schlankem und geradem Stamme, die belaubte Krone, hoch über den dichten Wald, einzeln himmelan strecken. Der frische Geruch des Nadelholzes, vom Regen ausgelockt, und balsamische Lindenblüthe, erquickten sie, so wie sie giengen, und beym Uebergange über jede Queerallee, begrenzte die Aussicht der benachbarte Spreestrom, auf dem aufgespannte Segel vorbeywallten.
Sie kamen endlich Nachmittags gegen drey Uhr auf den Platz bey den Zeltern, den, weil es Sonntag war, eine Menge Spaziergänger anfüllte. Zwar war noch nicht die modische sechste Stunde da, welche die schöne Welt in den Zirkel zusammen bringt, um zu sehen, und gesehen zu werden. Die Excellenzen und die gnädigen Damen hatten sich nicht längst erst zur Tafel gesetzt. Die Kenner im Essen kaueten noch an den reichgewürzten Frikasseen, schmeckten die zusammenkoncentrirten Säfte der feinen Ragouts, in Schüsseln mit Asa Fötida gerieben, und zogen im voraus das Fümet des raren Wildes in sich, das ihrer Zähne wartete. Die reichen Kapitalisten, waren eben vom Burgunder und sechs und zwanziger Rheinweine gesättigt, und fiengen an, beym Desserte, den Peter Semeyns, Syrakuser, Rivesaltes und Capwein aus kleinen Gläsern zu schlürfen. Die schönen Damen bürgerliches Standes, waren eben im Begriffe zu Kaffeevisiten zu fahren, und ordneten die Geschichte des Tages, so wie sie sie erzählen wollten, in ihrem Kopfe zusammen, und die französische Kolonie war noch in der Vesperpredigt.
Kurz, es war drey Uhr, und es war also von der schönen Welt noch wenig zu sehen; hingegen wimmelte der Platz von den glücklichen Söhnen der Erde, die alle Sorgen der Woche am Sonntage völlig vergessen, und sich und ihr Leben, bey einem Spaziergange, und bey einem geringen Labetrunke, herzlich genießen. Arbeiter auf Weberstühlen und in Schmiedeessen, füllten die Zelter an, und ließen ihren Groschen unter lautem Gelächter aufgehen, oder steckten ernsthaftiglich über das gemeine Beste ihre Köpfe zusammen, weißagten neue Auflagen, und fällten Urtheile über Gerüchte von bevorstehenden Kriegen.
Der Zirkel, der nach drey Stunden der Schauplatz der Schönen, vornehmen Standes, seyn sollte, war itzt vom gemeinen Manne, im besten Anputze und voll fröhliches Muthes, angefüllt. Da war mancher gesunder Jüngling, im neugewendeten Rocke und mit goldner Troddel am Hute köstlich geputzt, neben ihm in silberbebrämter Mütze, seine rothbäckige Liebste, die, zur Feyer dieses ihm längst versprochenen Spazierganges, ihre sämtlichen sechs Röcke übereinander gezogen, und ihre neuen kalmankenen Schuhe nicht vergessen hatte. Hinter ihnen, das Bild der ehelichen Verträglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der seinen jüngsten Knaben im langen Rocke auf dem Arme trug, indeß seine Frau ihres Mannes Stock in ihrer rechten Hand führte, ihre funfzehnjährige Tochter ihr zur Linken, in der Schönheit der Jugend, mit niedergeschlagenen Augen, die unter der emporstehenden Haube sanft hervorblickten. Die große Allee von der Stadt her, war von Spaziergängern zu Fuß und zu Pferde bedeckt, und einige Wagen brachten wohlbeleibte Tanten und bürgerlich erzogene Nichten, bis ans Thor, die nur die Reize eines angenehmen Spazierganges suchten, und auf wohlfrisirte Köpfe, und Aufsätze nach der neusten Mode Acht zu haben, nicht waren gewöhnt worden.
Sebaldus Stirn erheiterte sich bey dem Anblicke so vieler vergnügten Leute. Des Pietisten Stirn aber ward dadurch noch mehr gerunzelt. Er rief voll geistliches Verdrusses aus: »Siehe da die Kinder Belials, wie sie den Lüsten des Fleisches nachziehen! Wie sie den Weg der Sünden gehn, reiten und fahren! Immer gerade in den höllischen Schwefelpfuhl hinein!«
»Behüte Gott! sagte Sebaldus: Ich sehe nichts sündliches darum, daß diese Leute den herrlichen Tag geniessen, den uns Gott giebt, so weit ich sehen kann, ist ihr Vergnügen sehr unschuldig.«
»O, wie sündlich! sagte der Pietist mit entflammten Augen: das ist recht des Teufels Lockspeise, wenn er uns mit dem weltlichen Vergnügen ankörnen kann. Ein rechtes Gnadenkind kann kein anderes Vergnügen haben, als sein eines Elend zu kennen, und zu fühlen was es heißt, ein rechter armer Sünder zu seyn.«
Sebaldus, dem diese gesalbten Weidsprüche nicht gefielen, antwortete nichts, würde auch nicht zum Worte gekommen seyn; denn der Pietist, den die Herzlichkeit zum Heilande ergriffen hatte, fieng an, die vorübergehenden zu ermahnen, ihnen die Abscheulichkeit des Spaziergehens an einem schönen Tage vorzustellen, und Ihnen dafür das Seitenhöhlchen anzupreisen, in welchem sie recht selige Spaziergänge halten könnten, u. s. w.
Einige giengen vor ihm vorbey, beynahe ohne ihn zu hören, andere gafften ihn an, ohne zu wissen, was sie aus ihm machen sollten, andere schüttelten den Kopf. Endlich versammlete sich doch allerhand Pöbel, der schrie und lärmte, und vom Tollhause zu reden anfieng, ja einige hoben Erdklößer auf, und warfen sie über ihn weg.
Sebaldus fieng an zu fürchten, daß der Auftritt ernsthafter werden möchte, und suchte seinen Reisegefährten von seinem Vornehmen abzuhalten; diesem aber hatte der geringe Anschein eine Art von Märtyrer zu werden, den Kopf angeflammt, und er fieng an, mit stärkerer Stimme, den Vorübergehenden ein Wort ans Herz zu legen.
Endlich gerieth er an einen Kerl, der nach seinem braunen Rocke und rund um den Kopf herum abgeschnittenen Haaren, nichts anders als ein Schlächter oder Gerber seyn konnte. »Mein Freund, redete er ihn an, er gehet, um sich die Zeit zu vertreiben, o! wenn er wüßte, wie wohl dem ist,
Der da seine Stunden
In den Wunden
Des geschlacht'en Lamms verbringt.«
»Herr, sagte der Kerl mit starren Augen: was kann mir das helfen, ich bin vorigen Sonntag im Lamme gewesen, aber das Bier war sauer.«
Und damit gieng er fort. Der umstehende Pöbel schlug ein Gelächter auf, und verließ unsre Reisenden. Der Pietist verstummte.
Die Enthusiasten pflegen, in der Hitze ihres Eifers, gewöhnlicher Weise einen Kothregen, und allenfalls auch einige Faustschläge, nicht zu achten, wenn es ihnen nur gelingt Aufmerksamkeit zu erregen: wenn sie aber trockner Weise ausgelachet werden, und niemand bey ihnen stehen bleibt, so kühlet sich ihr Eifer ab, und sie begnügen sich allenfalls, zwischen den Zähnen murmelnd, die dem Worte ungehorsamen Weltkinder dem Teufel zu übergeben.
So gieng es hier auch. Der Pietist schwieg mürrisch still, und Sebaldus, da sie indessen ins Thor traten, und unter den Linden fortgiengen, genoß die Schönheit dieser Allee, sog den Duft der Lindenblüthe ein, und freuete sich über die fröhlichen Gesichter, die ihm allenthalben entgegen kamen.
Sie giengen einige Straßen stillschweigend fort, bis sie an eine Kirche kamen, in welcher Gottesdienst gehalten wurde. »Siehe da! rief der Pietist aus, wie leer der Weg zum Gotteshause ist, und wie angefüllt der Weg zu den Häusern des Teufels war! O! wie ist doch alle Gottesfurcht, alle Liebe zum Heilande in dieser großen Stadt ganz ausgetilget! Wie wandelt doch jedermann im Pfade der Ruchlosigkeit, läuft dem Teufel gerade in den Rachen, und stürzt sich in das ewige Verderben!«
Sebaldus schauete ungeduldig einigemal rechts und links um sich.
»O Stadt! fuhr der Pietist fort: die du bist wie Sodom und Gomorrha, wie bald wird Gott seinen feurigen Schwefelregen über dich ergießen! Und dieß wäre schon lange geschehen, wenn nicht wenige Gerechten in dir wären, um derentwillen dich der Herr schonet! Ja, mein Freund! (hier fieng er an zu weinen,) es giebt hier einige erwählte Seelen, die bis über den Kopf in den Wunden des Lammes sitzen, die zu einem Pünktlein, zu einem Stäublein, zu einem Nichts geworden sind, und sich nur in das blutige Lamm verliebt haben, diese halten noch die verworfene Stadt, daß sie nicht fällt.«
Indem er dieses sagte, blieb er plötzlich an einer Ecke stehen, zog des Sebaldus alten Ueberrock aus, und gab ihn zurück. Sebaldus bat ihn, denselben so lange zu behalten, als er ihn brauchte. »Nein, sagte er, ich trete nunmehr bey einem lieben Bruder ab. Wie wird dem sein Herz seyn, wenn er mich in meiner Nacktheit siehet, wenn er siehet, was ich um des Heilandes willen gelitten habe. Er wird dann thun, so viel ihn der Heiland heißt.« Hier drückte er dem Sebaldus die Hand, wünschte ihm den Segen des Herrn, verließ ihn, klopfte an ein vierzig Schritte davon entferntes großes wohlgebautes Haus, und gieng, nachdem es geöffnet worden, hinein.
Sebaldus stand noch an der Ecke, mit dem Ueberrocke auf dem Arme, und nachdem er denselben angezogen hatte, befand er sich an einem sehr heißen Nachmittage nichts besser. Er gieng voller Gedanken die Straße wieder herunter, die er gekommen war, und da er wieder an die Kirche kam, so trat er, weil er nichts bessers zu thun wußte, hinein.
Er fand die Kirche wider Vermuthen so gestopft voll, daß es ihm einige Mühe kostete, sich so weit durchzudrängen, daß er den Prediger deutlich verstehen konnte. Dieß war ein junger Kandidat, der mit zierlichem Anstande, eine erbauliche Rede von der wahren christlichen Liebe, beynahe zu Ende gebracht hatte, und itzt eben bey der Nutzanwendung war. Das Herz des guten Sebaldus erweiterte sich wieder, da er die vielen schönen Lehren des Predigers, und die Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuhörer betrachtete; und die finstere Vorstellung von Berlin, welche seines Reisegefährten Bericht bey ihm verursacht hatte, fieng an, etwas aufgeheiterter zu werden.
