Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 15
»Pietistisch? rief Sebaldus aus; die Bürger von Berlin pietistisch!«
»Ja! ja! versetzte Herr F. pietistisch, oder orthodox von der pietistischen Seite; denn Sie wissen, es sind noch nicht funfzig Jahre, daß große Streitigkeiten zwischen der orthodoxen Orthodoxie und zwischen der pietistischen Ortodoxie geführet wurden, und zu der letztern hat sich ein großer Theil der Einwohner von Berlin schon damals und in der Folge geneigt: woher wäre sonst der große Beyfall entstanden, den nebst Leuten, wie Spener und Schade, auch Fuhrmann, Schulz, Woltersdorf und andere nach einander gehabt haben.«
»Sie reden von vergangenen Zeiten, seitdem aber hat sich wohl in Berlin vieles gar sehr abgeändert.« –
»In den Schriften, die herauskommen, ist die Veränderung geschwinder und allgemeiner, als in den Gemüthern der Einwohner gewesen. Diese sind, in Absicht auf Religionsgesinnungen, noch beynahe eben das, was sie vor vierzig Jahren waren. Ich habe sogar bemerkt, daß sich ihre dogmatischen Gesinnungen nach den Gegenden der Stadt, wo sie wohnen, modificiren. In der alten guten Stadt Berlin findet man noch alte Gewohnheiten, und auch alte Dogmatik. Die Pfarrkinder der uralten Pfarrkirche zu St. Nikolai, am Molkenmarkt, und in der Stralauer Straße bis zur Paddengasse hinauf, halten am meisten auf reine Orthodoxie. Ich versichre Sie, daß Sie daselbst noch ehrenfeste Bürger über Erbsünde und Wiedergeburt können disputiren hören; desgleichen haben die Gärtner und Viehmäster in den Berlinischen Vorstädten noch alle löbliche Anlage auf einen Ketzer mit Fäusten loszuschlagen. In Kölln, in der Gegend des Schlosses, könnten noch am ersten die Freygeister anzutreffen seyn. In dieser Gegend war es auch, wo der Probst Reinbeck, im Haudenschen Buchladen auf der Schloßfreyheit, seine Betrachtungen über die Augspurgische Konfession schrieb, welche zuerst in den Damm, den Eifer und verjährtes Vorurtheil, gegen die menschliche Vernunft, für die Orthodoxie, aufgeworfen hatten, ein kleines Loch machten, das hernach so sehr erweitert worden ist. Die Nachbarschaft des Hofes trägt auch wohl etwas bey, daß die Leute hier freyer denken. Man komme hingegen nur in die bürgerlichern Gegenden der Fischerstraße und Lappstraße, und man wird die Neigung für die Orthodoxie viel stärker finden, ja ich vermuthe, daß sie bey den Gerbern, Pergamentmachern und Seifensiedern in Neukölln bis zum Eifer steige. In den dumpfigen Gassen des Werders wohnen die Separatisten, welche Gott einsam dienen; in den höher gelegenen die stillen Gichtelianer,Diese harmlose Religionspartey unterscheidet sich sehr rühmlich durch sehr ansehnliche Almosen, (zuweilen von einigen tausend Thalern,) die sie giebt, und zwar mehrentheils so unbekannter weise, daß man die Geber nur muthmaßen kann. die ruhige Beschaulichkeit lieben, und unerkannt wohlthun. Um die Gegend der Hospitalkirche zu St. Gertraut fangen die Herrnhuter an sich zu zeigen, und so wie die breiten und hellen Straßen der Friedrichsstadt anfangen, so fangen auch die Religionsgesinnungen der Einwohner an, luftiger und geistiger zu werden. Pietisten, die in Gefühlen und innigen Empfindungen ihre Religion suchen, und Schwärmer von allen Gattungen, finden sich hier, und der innere Trieb der Raschmacher und Wollkämmer bricht hier oft in Erbauungsstunden und Weißagungen aus. Die Dorotheenstadt wird zum Theil von ketzerischen Reformirten und Franzosen bewohnt. Aber in allen Gegenden der Stadt ist eine andere Gattung Leute verbreitet, die ich oft in Gesellschaften angetroffen habe, denen man es anmerkt, daß sie niemals weder Orthodoxie noch Heterodoxie untersucht haben, bey denen es hingegen festgesetzt bleibt, daß alles darinn bleiben soll, wie es war. Es giebt unter ihnen so gar deliirte Weltleute, die scherzen, Karten spielen, mit Frauenzimmern tändeln, und doch die Nase rümpfen können, wenn sich die geringste Ketzerey spüren läßt.«
»Dieß sollte mir herzlich leid thun, sagte Sebaldus; denn wenn solcher Leute in Berlin viele sind, so kömmt mir Ihre Nachricht nur allzu glaubwürdig vor, daß hier die Erleuchtung und die Freyheit zu denken noch nicht so groß ist, als ich mir vorgestellt habe. Ich habe immer gefunden, daß diejenigen, die aus Trägheit und Nachläßigkeit die Wahrheit nicht suchen wollen, die Selbstdenker am meisten hassen, weil sie sich sonst ihrer Trägheit und Nachläßigkeit schämen müßten. Mir ist aber immer, selbst derjenige, viel ehrwürdiger gewesen, der, durch Liebe zur Untersuchung der Wahrheit, auf Irrthümer verfällt, als derjenige, der sie gar nicht untersuchen mag.«
»In diesen Gesinnungen werden viele Einwohner Berlins nicht mit ihnen übereinstimmen, und vielleicht nicht einmal alle Berlinischen Geistlichen.«
Siebenter Abschnitt.
Unter solchen Gesprächen hatten sie sich unvermerkt von ihrem Spaziergange linker Hand abgeschlagen, und waren in die Lindenallee gerathen, wo sie sich ziemlich ermüdet auf eine Bank niedersetzten, an deren anderm Ende ein Prediger mit einem Kandidaten in tiefem Gespräche saß.
»Es müssen doch noch einige andere Ursachen seyn, sagte der Kandidat, warum die Freydenkerey so sehr in Berlin überhand genommen hat. Ueppigkeit und Wollust gehen in andern großen Städten auch im Schwange, aber man siehet da nicht so viele öffentliche Freydenker.«
»Freylich, versetzte der Prediger, unsere schönen heterodoxen Herren, die die Religion so menschlich machen wollen, und die dabey die Würde unseres Standes ganz aus der Acht lassen, sind am meisten Schuld daran. Sie wollen den Freydenkern nachgeben, sie wollen sie gewinnen. Als ob es sich für uns schickte, mit Leuten solches Gelichters Wortwechsel zu führen. Man muß ihnen kurz und nachdrücklich den Text lesen, man muß ihnen das Maul stopfen, man muß sich bey ihnen in der Ehrfurcht zu erhalten wissen, die sie uns schuldig sind.«
»Das ist wahr. Nur ists zu beklagen, daß diese Leute für alle ehrwürdigen Sachen, und besonders für den Predigerstand nicht die gehörige Ehrfurcht haben.«
»Daran sind wieder die neumodischen Theologen schuld, die sich selbst die Mittel benehmen, womit man die Layen im Zaum halten muß. Sie schwatzen immer viel vom Nutzen des Predigtamts, und vergessen das Wesen des Predigtamts hierüber. Sie geben sich selbst als die nützlichen Leute an, (Hier verbreitete sich ein mildes ironisches Lächeln, dicht unter seinem breiten Schiffhute), die der Staat verordnet hat, Weisheit und Tugend zu lehren. Eine rechte Würde! Weisheit und Tugend dünkt sich jetzt jeder Wochenblättler oder Romanschreiber zu lehren! Damit werden wir eine feine Ehrfurcht von Layen fordern können! Aber wenn wir, so wie es recht ist, darauf bestehen, daß unser Beruf ein göttlicher Beruf ist, daß die Ordination, die wir empfangen haben, nicht eine leere Ceremonie ist, sondern daß sie uns zu Nachfolgern der Apostel, zu Boten Gottes, zu Handhabern seiner Geheimnisse macht, daß sie uns das Amt der Schlüssel überträgt, so wird unser Orden bald wieder zu seiner vorigen Würde gelangen, und dann wird auch, natürlicher Weise, die Religion mehr geschätzt werden. Aber unsre feinen Lehrer der Rechtschaffenheit haben so eine große Begierde nützlich zu seyn, daß sie sich und ihren Orden und die Religion darüber vergessen.«
»Es ist wahr, sagte der Kandidat, indem er den Kopf schüttelte, es scheint mir auch fast, daß die Protestanten, in der Absicht eine päbstische Hierarchie zu vermeiden, den geistlichen Stand andern Ständen allzusehr gleich machen.«
»O! ein wenig Pabstthum wäre uns sehr nöthig, oder wir werden nie wieder Glaubenseinigkeit und Glaubensreinigkeit erlangen. Ich kann es dem Luther und Melanchthon nicht vergeben, daß sie die Hierarchie ganz aufgehoben, und auf die Vorzüge des geistlichen Standes so wenig geachtet haben. Daraus ist denn endlich der ganze Verfall des Christenthums entstanden. Denn wer giebt darauf Achtung, was ein elender Prediger sagt? Hingegen, wenn ein Erzbischof spricht, so müssen die Freygeister wohl schweigen. Man sieht es auch noch, daß an den protestantischen Orten, wo den Geistlichen ein Schatten von Autorität übrig ist, daß da auch die Religion geachtet wird. Ich wollte es unsern Freydenkern rathen, daß sie einem Senior in Hamburg, oder einem Präpositus in Mecklenburg, oder einem Superintendenten in Sachsen, oder einer theologischen Fakultät in Greifswalde und in Göttingen in die Hände fielen, da würde ihnen ein kurzer Proceß gemacht werden. Aber mit uns armen Berlinischen Predigern können sie bald fertig werden; wir haben keine Würde mehr, wir verdienen keine Ehrfurcht mehr, wir haben sie uns selbst vergeben, da wir vernünfteln und beweisen wollen, anstatt daß wir solchen Leuten imponiren, daß wir ihnen den Daumen aufs Auge drücken sollten.«
»Ach! rief der Kandidat mit einem Seufzer aus, seitdem ich mich dem geistlichen Stande gewiedmet habe, habe ich es schon oft beklagt, daß dieses nicht mehr so recht angehen will. Nun muß man schon aus der Noth eine Tugend machen, muß die Zweifel der Gegner kennen lernen, muß sich auf Widerlegungen und Beweise gefaßt machen. –«
»Damit, fiel ihm der Prediger ins Wort, werden Sie nicht weit kommen. Die Layen müssen glauben, was ihnen an Gottes statt gesagt wird, und ihre Zweifel unterdrücken, darauf muß man dringen! Die Dogmatik ist eine Art von statutarischem Rechte, das man annehmen muß, wenn man es auch nicht allemal bis aufs Recht der Natur zurückführen kann. Und zuletzt wird bey dem Vernünfteln doch nichts herauskommen; denn, ich wiederhole es nochmals, dem Layen muß und soll man nicht erklären und beweisen, sondern er muß glauben. Es kömmt hier gar nicht auf die Vernunft, sondern auf die Bibel, auf eine übernatürliche Offenbarung an. Hier muß man nur nicht schmeicheln, sondern die menschliche Vernunft in ihrer Ohnmacht zeigen, ihr aber keinesweges, wie unsre trefflichen Lehrer der Tugend thun, ein Recht in Glaubenssachen zugestehend
Herr F. hörte dieses Gespräch stillschweigend an, das Gesicht auf seinen Stock gestützt. Sebaldus aber war dabey sehr unruhig, und rückte sich auf der Bank hin und her, so daß er unvermerkt dem Prediger näher kam.
Dieser fuhr fort: »Und unsern neumodischen Theologen, die die Welt haben erleuchten wollen, die so viel untersucht, vernünftelt, philosophirt haben, wie wenig haben sie ausgerichtet! wie müssen sie sich krümmen und winden! Sie philosophiren Sätze aus der Dogmatik weg, und lassen doch die Folgen dieser Sätze stehen; sie brauchen Wörter in mancherley Verstande, sie verwickeln sich in ihre eignen Schlingen, sie sind aufs äußerste inkonsequent. –«
Sebaldus fiel Ihm schnell in die Rede: »Und wenn sie denn nun inkonsequent wären? Wer einzelne Vorurtheile bestreitet, aber viele andere damit verbundene nicht bestreiten kann oder darf, kann, seiner Ehrlichkeit und seiner Einsicht unbeschadet, inkonsequent seyn oder scheinen. Die Verbesserer der Religion mögen immerhin ein zerrißnes Buch seyn, daß weder Titel noch Register hat, und in welchem hin und wieder Blätter fehlen; aber auf den vorhandenen Blättern stehen nöthige, nützliche, vortreffliche Sachen, und ich will diese Blätter, ohne Zusammenhang, lieber haben, als Meenens Beweis der Ewigkeit der Höllenstrafen, und wenn dieß Buch noch so komplet wäre.«
Der Prediger schaute, mit stierem Blicke, und verlängertem Angesichte, dem Sebaldus gerade ins Gesicht, zog seinen Hut langsam ab, und sagte, indem er sich gegen ihn neigte, mit einem Torte voll Nachdruck und Würde:
»Sie sind also, wie ich merke, ein Gönner der neuern heterodoxen Theologen. Sie werden vermuthlich alles, was dahin gehört, wohl überlegt haben; denn Herren Ihrer Art handeln niemals unüberlegt. Sagen Sie mir also doch, was für ein Christenthum wir bekommen möchten, wenn diese Herren so fortfahren, wie sie angefangen haben.«
»Ey nun! versetzte Sebaldus, es könnte wohl ein sehr christliches Christenthum werden.« –
»Christlich? ja ein heidnisches Christenthum wird es werden. Hören Sie wohl? heidnisch ist der wahre Namen!«
»Mag es doch heißen, wie es will; das menschliche Geschlecht wird durch eine Benennung weder glücklich noch unglücklich.«
»So? wenn Sie denn also meinen, so mögen die Herren immer auf den Naturalismus fort arbeiten. Indifferentisten sind sie ohnedem schon. Auf die Art könnten sie ziemlich fortschreiten. Zum Glücke aber, setzte er mit einer weisen Miene hinzu, sind sie seichte Köpfe, die sich in kurzem vor sich selbst scheuen, und so wie in ihrer Philosophie, auch in ihrer Theologie, auf dem halben Wege stehen bleiben.«
»Wenn es der Weg zur Wahrheit ist, so ists, meines Erachtens, kein geringes Verdienst, bis auf den halben Weg zu kommen. Der Weg der Wahrheit ist so steil und ungebahnt, daß der eine früh, und der andere spät, ermüdet. Ein jeder gehe, so weit es ihm seine Kräfte erlauben. Auch derjenige, der nur einen einzigen Schritt fortgeht, auch derjenige, der nur eine ganz kleine Strecke durch seinen Fleiß bahnet, ist mir ehrwürdig. Aber nicht derjenige, der aus Stolz den Weg gar nicht antreten will, der aus Trägheit, um nicht einen Schritt weiter zu gehen, die Falschheit die vor den Füßen liegt, für Wahrheit ausgiebt.«
»Also, rief der Prediger mit einem spöttischen Lächeln aus, wollen Sie erst neue Wege zur Wahrheit bahnen? Sie kommen zu spät, mein lieber Herr! der Weg ist schon ganz gebahnt; er heißt die Bibel. Und dabey haben uns unsere Vorfahren einen ganz untrüglichen Wegweiser gesetzt, der heißt die symbolischen Bücher. Die haben Sie freylich, vermuthlicher Weise, nicht gelesen, denn die Herren Selbstdenker pflegen nicht sehr belesen zu seyn. Wenn Sie mich zuweilen besuchen wollen, so können Sie sich näher belehren. Ich will Ihnen unsere ältern Theologen zu lesen geben, denn die werden ihnen wohl gänzlich unbekannt seyn. Sie werden darum, zu Ihrer Verwunderung, alle Streitfragen längst erörtert, alle Zweifel längst bestimmt, und alle die neuen Meinungen, auf die sich die neuen Heterodoxen so viel zu Gute thun, längst widerlegt finden. Leben Sie wohl, mein lieber Herr! – Ich wohne in der …Straße.«
Hiemit stand er auf, das süße Lächeln der Selbstzufriedenheit auf seinen Lippen. Die andern standen gleichfalls auf, und jeder gieng seinen Weg.
Achter Abschnitt.
Nach einer kurzen Pause, sagte Sebaldus: »Hätte ich doch nimmermehr gedacht, daß man auf diese Art in Berlin von den symbolischen Büchern reden würde. Ein unbetrüglicher Wegweiser! Ich dächte, kein vernünftiger Mensch würde blindlings einem Wegweiser folgen, der vor mehr als zweyhundert Jahren gesetzt worden, er würde bedenken, durch wie viele Vorfälle der Wegweiser seit zweyhundert Jahren könne verrückt, oder der Weg seyn geändert worden. Wenn man diese Trüglichkeit überlegt, so muß man sich sehr wundern, daß die Menschen so großes Verlangen bezeigen, sich nach Lehrformeln, Synodalschlüssen und symbolischen Büchern zu richten.«
»Die Menschen ein Verlangen? rief Herr F. aus. – Dieß glaube ich eben so wenig, als daß die Menschen ein Verlangen haben, sich bey der Nase herumführen zu lassen. Aber diejenigen, welche die Menschen beherrschen wollen, brauchen Nasen, daran sie dieselben herumführen können, und dazu sind die wächsernen Nasen am besten. Glauben Sie denn, daß der Mann, der eben itzt so viel von symbolischen Büchern redete, ihnen eben so strenge anhängt, als er verlangt, daß ihnen andere anhängen sollen?«
»Dieß muß ich dahin gestellt seyn lassen, weil ich den Mann nicht genau genug kenne.«
»Ich lasse es auch dahin gestellt seyn. Ich kenne aber nicht wenig Geistliche von hohem Sinne, die vielleicht sehr leicht Heterodoxen geworden wären, wenn dadurch Ruhm oder ansehnliche Aemter zu erlangen gewesen wären. Wenn sie aber sehen, daß andere schon mit besserm Erfolge durch Heterodoxien Ruhm erworben haben, wenn sie fühlen, daß sie schwerlich Geschicklichkeit und Muth genug haben möchten, noch wichtigere Neuerungen zu wagen, so ekelt ihnen davor, Heterodoxen vom zweyten oder dritten Range zu seyn, und sie ergreifen die viel bequemere und sichrere Partey, sie stellen sich an die Spitze der Orthodoxen ihrer Stadt oder ihrer Provinz, und wenden eben die Lebhaftigkeit des Geistes, mit der sie Ketzereyen hätten anstiften können, an, um sich Ketzereyen zu widersetzen. Sich auf die ältern Theologen und auf die symbolischen Bücher, bloß als auf unwidersprechliche Grundgesetze, zu berufen, ist schon eine so alte politische Maxime solcher Leute, daß sie bereits abgenutzt ist, und daß die Klügern unter ihnen schon auf ganz andere Mittel denken, um den Ruhm, den sie durch neue Heterodoxien nicht zu erhalten wußten, durch eine neue Orthodoxie von ihrer eignen Schöpfung zu erlangen. Denn wenn diese Herren auch vorgeben, daß sie noch so altorthodox wären, so ist doch gemeiniglich die Art, wie sie orthodox seyn wollen, sehr neu.«
»Dieß kann wohl nicht anders seyn, erwiederte Sebaldus, denn je mehr ich den Gang, den der menschliche Verstand in seiner Entwicklung von je her genommen hat, bedenke, desto unmöglicher scheint es mir, daß alles so bleiben sollte, wie es vor zweyhundert Jahren gewesen ist, und desto ungereimter scheint es mir, daß man, durch Vorschriften von irgend einer Art, die Veränderungen der Meinungen und ihren Fortgang hindern will. Die symbolischen Bücher sind für die Zeit und unter den Umständen, unter denen sie gemacht worden sind, sehr gut. Aber wenn wir denselben beständig anhangen wollten, so befürchte ich, da sich seitdem Regierungsform, Wissenschaften und Sitten gänzlich geändert haben, wir würden endlich eine Theologie bekommen, die sich für die Zeit, in der wir leben, auf keine Weise schicken würde.«
»Sie haben ganz recht. Wenn unsere Theologen die symbolischen Bücher des sechszehnten Jahrhunderts zur unveränderlichen Form des Glaubens annehmen, so handeln sie gerade eben so klug, als wenn unsere Schneider die steifen Kragen, kurzen Mäntel, und weiten mit Pelz bebrämten Röcke eben dieses Jahrhunderts zur unveränderlichen Form der Kleidertracht hätten festsetzen wollen. Die Erfahrung lehret uns, daß die Meinungen sich nicht minder verändern, als die Kleidertrachten. Es geht daher auch den symbolischen Büchern eben so, wie der Kleidung der Geistlichen. Als die symbolischen Bücher gemacht wurden, enthielten sie bloß die allgemein angenommenen Meinungen aller Glieder der Lutherischen Kirche, so wie die Kleidung der Geistlichen, dem Schnitte nach, die Kleidung aller gelehrten Leute, und die schwarze Farbe, die Farbe eines Biedermanns war, wenn er feyerlich erschien. Als die Kleidermoden sich änderten, so blieben die Geistlichen in derselben immer wohl vierzig oder funfzig Jahre zurück, so wie es ihnen noch oft in der Litteratur und Philosophie geht. Endlich änderte sich die Welt so sehr, daß der Schnitt des Glaubens und der Kleidung, der zu Luthers Zeiten allen guten Leuten gemein war, endlich das Symbolum eines besondern Standes blieb. Und dennoch befürchte ich, es gehe, noch in einer andern Absicht, der Konformität mit den symbolischen Büchern, wie den Aermeln und den Mänteln der Geistlichen. Obgleich jene immer Orthodoxie heißt, und diese immer schwarz bleiben, so haben sie beide doch, sonderlich seit funfzig Jahren, so viel kleine, aber wesentliche Veränderungen erlitten, daß im Grunde, ein guter alter orthodoxer Dorfpastor, der, seit Buddeus Zeiten, an keine Veränderungen weder in der Gelehrsamkeit noch in Rockschößen und Perücken gedacht hat, von einem jungen orthodoxen Diakon itziger Zeit, der vier Jahre lang in adelichen Häusern Hofmeister gewesen ist, aller Konformität unerachtet, eben so stark in der Kleidertracht, als in der Glaubenslehre verschieden ist.«
Sebaldus sagte lächelnd, »es dünckt mich doch fast, die Dogmatik habe seit meiner Jugend mehrere Veränderungen erlitten, als die Kleidertracht. Ich dächte die Geistlichen giengen noch eben so, wie vor vierzig Jahren, in Röcken, und in Kragen und Mänteln.«
»Ich dächte nicht. Sie haben nur auf jene Veränderung mehr acht gegeben, als auf diese. Sie ist eben so merklich. Ja sogar, oft ist sie aus Begierde, sich von andern Glaubensgenossen zu unterscheiden, entstanden, und dann ward sie ein Stück der Kirchengeschichte.«
»Sie scherzen. Wie kann die Glaubenslehre auf die Kleidertracht einen Einfluß haben! Außerdem sieht ja, in der ganzen protestantischen Kirche, eine Priesterkleidung der andern ähnlich.«
»Keinesweges! Der steife Wolkenkragen in Hamburg, Braunschweig, Breßlau, Leipzig, und das feine Ueberschlägelchen anderer Länder, die enge Summarie in Mecklenburg und Holstein, der weite Priesterrock in Sachsen und Anhalt, der Mantel in Brandenburg, das sammtne Kalottchen, das der Danziger Prediger auf seine Perücke näher, sind alles wesentliche Unterschiede, die, so wie alle Dinge in der Welt, ihren zureichenden Grund, (determinirenden Grund, dachte Sebaldus heimlich bey sich) und vielleicht oft zunächst in der Lehre haben. Hier habe ich eben eine ungedruckte Handschrift: Historische Versuche über Berlin betitelt, in der Tasche, die mir ein Freund mitgetheilt hat. Ich will Ihnen daraus etwas weniges von der Geschichte der Hüte und Mäntel der Berlinischen Geistlichkeit vorlesen. Vielleicht merken Sie daraus, daß die Eingeweihten aller Orden Zeichen haben, die den Augen der Profanen entgehen.«
Sie setzten sich abermals auf eine Bank, und Herr F. las, wie folget:
»Philipp Jakob Spener, ein gutmüthiger redlicher Mann, der, in einem Zeitalter voll theologisches Stolzes, und theologischer Zänkerey, bescheiden und friedliebend war, der, vorzüglich vor allen dogmatischen Spitzfündigkeiten, die er gern vermieden hätte, und nach dem Genius seines Zeitalters nicht vermeiden konnte, die Rechtschaffenheit und die Lauterkeit des Herzens einschärfte, befliß sich nicht in seiner Kleidung etwas sonderliches zu haben. Matth. XXIII. 5. an, in ihrer Kleidung sich geflissentlich Unter andern fanden in einer gewissen Kirche, in welcher wechselsweise Lutherisch und reformirt gepredigt ward, beide Gemeinen Ursach, sich über diese Neuerung zu beklagen. Es war bisher die Gewohnheit gewesen daß der Prediger, ehe er in die Sakristey trat, außen, neben der Thür derselben, seinen Hut anhieng, woraus die Zuhörer gleich abnehmen konnten, an welcher Konfession die Reihe sey. Nachdem aber der Hut seine symbolische Kraft verloren hatte, so konnten die irregemachten Kirchkinder nunmehr weiter an keinem Kennzeichen unterscheiden, ob die Predigt, die sie hörten, Lutherisch oder reformirt sey. so gieng es doch ohne weitere Ahndung durch. Denn nunmehr war die Zeit gekommen, da die Unordnung und Lauigkeit in der Lehre, die sich schon lange in die Herzen eingeschlichen hatte, auch an den Kleidern sichtbar werden sollte. Vor Zeiten hatten sich die Lutherischen und Reformirten, so viel wie möglich, von einander abgesondert, auch wohl, eine Folge des Eifers für eines jeden Symbolum, weidlich mit einander gehadert, nicht weniger, eine Folge des Haders, einander herzlich gehasset; nunmehr aber, da sich ihre Geistlichen auch nicht einmal mehr der Kleidung nach von einander unterschieden, war fast gar die Frage nicht mehr, ob jemand Lutherisch oder reformirt sey. Diese Indifferentisterey hatte aber auch andere schädliche Folgen. Denn die geistliche Kleidung verlohr einen großen Theil ihrer symbolischen Deutung, und zugleich einen großen Theil ihrer Gravität. In der allgemeinen Sorglosigkeit gegen alle bestimmten äußerlichen Zeichen, wurden ohne alle Amtskleidung, in blauen, grauen und braunen Röcken auf der Straße und in Gesellschaften zu erscheinen, und sich keiner gleichgültigen Handlung zu entziehen, die ein jeder anderer unbescholtener Bürger auch verrichten darf.«
Und nun fragte Herr F. lächelnd: »Was sagen Sie zu diesen Veränderungen der Kleidertracht, die doch offenbar mit gewissen Veränderungen in den Glaubensgesinnungen Schritt gehalten haben?«
»Ich sage, antwortete Sebaldus sehr ernsthaft, daß sie nur merkwürdig werden, wenn sie merkwürdige Folgen haben, und die haben sie nur, wenn man sie für merkwürdig hält. Macht man ein unwichtiges Ding wichtig, es mag nun ein Rockärmel, oder ein symbolisches Buch seyn, so kann über dessen Veränderung Zank und Bitterkeit, ja wohl gar Aufruhr und bürgerlicher Krieg entstehen. Eben deshalb sollte man, meines Erachtens, in Dingen, die von der Meinung der Menschen abhangen, nicht allzuviel bestimmen und durch Zeichen festsetzen wollen, weil dadurch Nebendingen mehr Werth beygelegt wird, als sie eigenthümlich haben. Das Bezeichnete ist wesentlich, das Zeichen willkührlich. Hat ein ietziger Geistlicher Speners edelmüthige Gesinnungen, so wird er einem weisen Manne eben so werth seyn, er mag sich schwarz oder grün kleiden, und jeder ehrliche Mann, der rechtschaffen handelt, und so viel er kann, tugendhafte Thaten thut, verdient verehrt zu werden, er mag seine Gedanken vor sich selbst weglaufen lassen, oder sie an irgend ein Symbolum heften wollen. Wenn mich nicht alles, was ich als Kennzeichen der Wahrheit erkenne, trügt, so muß ich glauben, Gott selbst werde uns nach unsern Gesinnungen, und nicht nach unsern Spekulationen richten; er werde jedem gnädig seyn, der so viel gutes thut, als er in der Lage, in der er sich befindet, thun kann, und werde keinen verdammen, weil er symbolische Bücher, die irgend eine Partey, die einmal auf einem Winkel der Erde eine Zeitlang mächtig war, zur Richtschnur festgesetzt hat, entweder nicht verstehen oder nicht billigen konnte.«
