Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 16
Neunter Abschnitt.
Unter diesem Gespräche waren sie aufgestanden, und setzten es fort, bis sie vor das Haus kamen, wo ihr beiderseitiger Freund, der Major, wohnte, dem sie diesen Abend einen Besuch zugedacht hatten. Indem sie eben ins Haus traten, sahen sie, zu ihrem großen Erstaunen, daß der Armenschulmeister, Sebaldus Freund, von zwey Bedienten mit Gewalt die Treppe hinunter geworfen ward, denen der Pietist, mit welchem Sebaldus nach Berlin gekommen war, eiligst folgte, und mit weggewandtem Angesichte, die Hände über das Haupt zusammenschlagend, sich durch die Hausthür auf die Straße drängte. Herr F. und Sebaldus stießen die Bedienten zurück, die den wehrlosen und todtenblassen Schulmeister noch übler behandeln wollten, und der Major, der im Erdgeschosse wohnte, und bey dem heftigen Lärm seine Thür geöffnet hatte, nahm ihn in seinen Schutz, und führte ihn in sein Zimmer, wo er ihn in einen Armstuhl sich niedersetzen ließ.
Nachdem der Schulmeister wieder etwas Athem zu schöpfen anfieng, war die allgemeine Frage: »was die Ursache des Lärms gewesen sey, und was er mit dem im ersten Stockwerke wohnenden Edelmanne, dessen Bedienten ihm so hart begegnet, zu thun gehabt habe.«
Der Schulmeister antwortete bloß durch tiefes Schluchzen, und durch die kläglichsten Ausrufungen: »Ich elender Mann! ich unglücklicher Mann! ich bin ohne Rettung verloren!«
Sebaldus suchte ihn durch alle möglichen Gründe wieder zur Fassung zu bringen, der Major bot ihm seinen Arm, Herr F. seine Börse und alle sonst nur mögliche Hülfe an.
Vergebens! er wiederholte seine trostlosen Ausrufungen, mit den Geberden eines Verzweifelten begleitet, bedeckte dazwischen einmal über das andere sein Angesicht mit seinen beiden Händen, und weinte bitterlich.
Nach langem Zureden beruhigte er sich endlich so weit, daß er, mit vielen untermischten Seufzern, folgendes erzählen konnte.
»Sie wissen es, sagte er, in dem er sich zum Sebaldus wandte, und ihm wehmüthig die Hand drückte, wie ruhig und wie glücklich ich war. Obgleich arm, hatte ich doch mein Auskommen. Ich arbeitete, nebst meiner Frau, fleißig; und meine Tochter – o mein einziges Kind! Sie war nie ihren Aeltern ungehorsam gewesen, sie hatte uns nie den geringsten Verdruß gemacht, sie übertraf uns an Fleiß, sie machte uns mit ihrer künstlichen Arbeit Vergnügen; wenn wir Aeltern nur gerade die Nothdurft erwerben konnten, so verschaffte uns ihr Fleiß zuweilen einen festlichen Tag. Sie war mein Augapfel, ich war mehr als glücklich, als der heuchlerische Bösewicht, den sie haben aus der Thüre rennen sehen, meine ganze Glückseligkeit, die ich auf Erden habe, zerstörte. Er setzte sich in der St. Gertrautskirche oft neben mir, wo er auch wohl zuerst meine Tochter mag gesehen haben. Er suchte meine Bekanntschaft, indem er zwey arme Knaben in meine Schule brachte, für die, wie er sagte, gottselige Leute das Schulgeld bezahlen wollten. Er sah und lobte meiner Tochter Arbeit, er brachte in kurzem einen Menschen mit, der feine ausgenähte Arbeit bestellte, und reichlich bezahlte. Dieß war, wie ich hernach erfahren habe, der Kammerdiener des wollüstigen Müßiggängers, der in diesem Hause wohnt, ein undeutscher Kerl, ohne Redlichkeit, ohne Menschengefühl, den das Wimmern der zu Grunde gerichteten Unschuld so wenig rührt, als den Schlächter das Blöken des Lamms, dem er die Kehle abschneiden will. Mit diesem hat der schändliche Unterhändler vermuthlich den abscheulichen Entwurf ins Reine gebracht, mich und mein Kind ins Unglück zu stürzen. Er führte meine Tochter, in Gesellschaft ihrer Mutter, zu seiner Muhme, wie er sagte, einer Matrone, die ausgenähte Arbeit verfertigte, und verfertigen ließ. Sie schien mit meiner Tochter Arbeit zufrieden, zeigte ihr aber noch feinere, und gab ihr zu verstehen, daß sie dergleichen von ihr wolle verfertigen lassen, daß sie ihr mehrere Vortheile dabey zeigen wolle, nur müsse sie unter ihren Augen arbeiten. Mein Kind freute sich, mehr lernen zu können, und wir fanden kein Bedenken, sie in das Haus einer Matrone zu schicken, bey der alles ein frommes und verständiges Ansehen hatte. Sie gieng einige Monathe lang täglich in dieß Haus. Sie nahm an Geschicklichkeit zu, und wir glaubten, diese Bekanntschaft wäre ein Glück für unser Kind. Ach, leider! wir wußten nicht, daß sie schon unwiederbringlich unglücklich war. In den ersten Tagen ihres Aufenthalts in diesem Hause, war der junge Herr selbst, unter dem Vorwande Arbeit zu bestellen, dahin gekommen, er hatte meine Tochter gesehen, und ihre Arbeit gleichgültig gelobt. In kurzem ward er zudringender, die Wirthinn ließ ihn mit meiner Tochter geflissentlich allein, oder ward von ihrem Vetter zu andern Geschäfften gerufen. Nun wandte er alle verführerischen Künste an, um ein junges Herz zu gewinnen, das noch nicht gelernt hatte, sich gegen betrügerische Anlockungen zur Wehre zu stellen. Das süße Gift der Schmeicheley bethört wohl oft einen weisen gesetzten Mann, wie sollte ihm ein junges unerfahrnes Mädchen widerstehen können, das noch keinen hinterlistigen Menschen gesehen hatte, das jedes Herz für so ehrlich hielt, als ihr eigenes. Kurz, ihr ward ihre Unschuld geraubt. Die Folgen davon, ließen sich bald spüren. Sie ward kränklich, und das schreckliche Geheimniß konnte ihrer Mutter ferner nicht verborgen bleiben. Wir waren wie vom Blitze gerührt, aber Klagen und Verwünschungen waren zu spät, wir mußten nur unser armes Kind zu retten suchen, das in Kummer über ihren Fehltritt, den sie nun erst in seiner wahren Gestalt sah, sich das Leben abhärmte. Auf der andern Seite wollte der Verführer auch nicht eher von ihr ablassen, bis er ihrer völlig satt wäre. Er sandte täglich Botschaften und Briefe, die nicht angenommen wurden. Der Kammerdiener schlich sich einigemal ins Haus, wo ich ihn unsanft abwies. Endlich meldete sich heute der Unterhändler, der sich seit langer Zeit nicht hatte sehen lassen. Er betauerte, mit gleisnerischem Wortgepränge, den Unfall, den ich hätte erfahren müssen, und, nach vielen Umschweifen, kam er endlich auf seinen Antrag, nehmlich, daß ich mit dem Herrn selbst sprechen möchte, weil er mir Vorschläge thun wolte, die so vernünftig und billig wären, daß dadurch ein großer Theil des geschehenen Schadens könne ersetzt werden. So groß auch mein Widerwillen war, dem Verführer meiner Tochter ohne Verwünschung in die Augen zu sehen, so gieng ich doch mit dem dienstwilligen Unterhändler hin. Was meinen Sie, daß der vernünftige und billige Vorschlag war? (Hier drang ein Strom von Thränen aus seinen Augen:) Meine Tochter sollte Ausgeberinn bey dem Verräther ihrer Ehre werden, und ihr Vater sollte einen schimpflichen monathlichen Gehalt haben, um die Frucht des unerlaubten Umgangs zu erziehen. Hier konnte ich mich nicht mäßigen, ich stieß aus, was der Unwillen einem ehrlichen, obwohl armen Vater eingeben kann, dem ein vornehmer Wollüstling zumuthen darf, der Kuppler seiner eignen Tochter zu werden. Der Kammerdiener, der während der ganzen Unterhandlung eben so viel gesprochen hatte, als der Herr selbst, fand es sehr lächerlich, daß ich mich einem Arangément widersetzen wollte; daß der gnädige Herr der petite fille ja weiter nichts übels thun wollte, u. d. gl. Ich ließ meinen ganzen Unmuth aus, und wollte unverzüglich zur Thür hinaus, als der Unterhändler ins Mittel trat. Er versicherte, daß er den ersten Vorschlag selbst nicht billige, weil dadurch den Schwachen manches Aergerniß gegeben werden könnte; er erklärte also, daß der Kammerdiener meine Tochter heurathen, und das Kind als sein eigenes aufnehmen solte, dagegen werde ihn der gnädige Herr zum Haushofmeister machen, so bald er sich mit seinen Gläubigern völlig gesetzt habe, und wieder zum Genuß seiner Güter gekommen sey. Nein! länger konnte ich mich nicht halten. Eben so gern würde ich meine Tochter dem Büttel gegeben haben, der diesen Buben hätte brandmarken sollen, welcher das vornehmste Werkzeug der Verführung meiner Tochter gewesen war. Ich sagte nunmehr dem Herrn gerade heraus, daß ich sein Bubenstück auf keine Weise durch meinen Beytritt billigen wollte, daß ich die wenige Gerechtigkeit, die mir der Richter wiederfahren lassen könnte, aus allen Kräften suchen würde, und daß er mit meinem Willen meine Tochter nie wieder sollte zu Gesicht bekommen. Er kam darüber in die größte Wut, und befahl seinen Bedienten mich hinaus zu werfen; der Unterhändler wollte ihn zwar besänftigen, aber er hieß ihn auch zum Teufel gehen, und lief als ein Rasender in sein Kabinett.«
Als er seine Erzählung geendigt hatte, verbarg er abermals sein Angesicht in seine Hände, und überließ sich einer trostlosen Verzweiflung.
Alles, was Sebaldus und Herr F. thaten, um ihn aufzurichten, verfieng nichts. Er rief mit kläglicher Stimme aus: »Alle Hoffnung ist für mich verloren! Selbst die Gesetze haben keinen Schutz für mich. Mein Gegner darf mich ungestraft beleidigen, ungestraft unglücklich machen!«
»Nein! das soll er nicht!« rief der Major, der schon lange mit starrer Aufmerksamkeit zugehört hatte. »Wir wollen sehen, was der Bursche zu thun vermeint.«
Er rief seinen Reitknecht, ließ sich bey seinem Nachbar eine Treppe hoch melden, und ein Paar Minuten drauf nahm er seinen Hut und Degen, und stieg die Treppe hinauf, ohne erst Antwort zu erwarten.
Er fand den Edelmann im Vorsaale, im Begriffe auszugehen, um diesen Besuch zu vermeiden. Er wollte sogleich eine höfliche Entschuldigung stammeln, aber der Major trat gerade vor ihn, und sprach mit gerunzelter Stirn:
»Herr! sind Sie ein Edelmann?«
»Ich dächte, war die Antwort, ich könnte mich in ein hohes Stift aufnehmen lassen, wenn ich wollte. Aber um Vergebung, wozu diese Frage, die mich befremden könnte?«
»Wozu? weil ich dächte, daß ein Edelmann auch ein ehrlicher Mann seyn müßte, ehe er ein Edelmann seyn kann.«
»Wie so? – Mein Herr! Sie kommen in meine eigene Wohnung, mich zu beleidigen, geben sie wohl Acht,« –
»Herr, die Wahrheit ist gut zu sagen, wo es auch ist. Sie haben, Herr! eines ehrlichen Mannes Tochter verführt, und haben noch dazu den Vater gröblich beleidigt, das thut kein Mann der Ehre im Leibe hat, und das haben Sie gethan.«
»Herr Major, wenn ich nicht für Ihr Alter Achtung hätte, – so würde ich… Aber parbleu ich weiß auch noch nicht, was Sie von mir eigentlich wollen. Meinen Sie etwa den Kerl, der eben hier war? der geht mich gar nichts an. Mein Homme de Chambre hat mit seiner Tochter was zu thun gehabt, und darüber lärmt der Vater. Aber er hat Unrecht, denn mein Homme de Chambre will das Mensch heurathen.«
Der Kammerdiener trat vertraulich hervor, und versicherte den Major, in gebrochenem Deutsch, daß er noch zur Heurath bereit sey.
Der Major sah ihn flämisch über die Achsel an, und sagte: »Patron, wenn ich mit dir werde reden wollen, so werde ich dirs sagen. – Mit Ihnen habe ichs zu thun, Herr! der Sie sich ins Herz schämen sollten. Meinen Sie, Herr, daß ich nicht weiß, wer mit dem Mädchen zu thun gehabt hat? Denken Sie, Herr, daß die Tochter eines ehrlichen Mannes, weil Sie sie geschändet haben, nun für Ihren Kuppler gut genug ist?«
»Das ist doch besonders, – ganz besonders; – und Sie mäßigen sich noch dazu gar nicht in Worten; – lassen Sie doch die Leute die Sache ausmachen, die Sache geht mir ja gar nichts an; – und darf ich fragen, wie Sie dazu kommen, daran Theil zu nehmen?« –
»Wie? Herr! weil der Mann mein Freund ist.« –
»Ah pardi! das ist eine andere Sache. Ich habe nicht gewußt, daß Sie unter Leuten solcher Art auch Freunde hätten.«
»Ja, Herr! Ich schäme mich nicht, eines ehrlichen Mannes Freund zu seyn, und scheue mich nicht, jeden Schurken zur Rede zu setzen, der einem ehrlichen Manne ungestraft Unrecht thun will.«
»Ich bin ganz betroffen, Herr Major; da ich gar nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, kommen Sie in meine Wohnung, und sagen mir voll Ungestüm Dinge vor, die – – ich weiß gar nicht – Was verlangen Sie denn, daß ich dem Manne und dem Mädchen thun soll?« –
»Herr! Genugthuung sollen Sie beiden geben, und – doch, durch welche Genugthuung können Sie ein solches schimpfliches Verfahren wieder gut machen!« – Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn.
»Sie sehen also selbst, Herr Major, daß ich bey der Sache nichts weiter thun kann; und wenn mein Homme de Chambre das Mädchen heurathet, und ich ihr in Ansehung seiner, ein Heurathsgut gebe.« –
»Nein, Herr! mir sollen Sie Genugthuung geben, weil Sie ein Schurke sind, und sich unterstehen, mit mir unter Einem Dache zu wohnen;« – und hiemit zog er den Degen.
»Herr Major! hören Sie doch vernünftige« –
»Herr! zieh' Er, oder, straf mich Gott! ich will Ihm zeigen, daß Er nicht werth ist einen Degen an der Seite zu tragen.«
»Gut! Herr Major! ich will Ihnen Satisfaktion geben, – aber auf Pistolen; – – ich schlage mich nicht anders, als auf Pistolen.«
»Herr! mach' Er kein Federlesens, zieh Er auf der Stelle, oder ich will Ihn –«
Dem Edelmann blieb nichts übrig, als den Degen zu ziehen. Der Major drang auf ihn ein. Der Kammerdiener kam seinem Herrn mit gezogenem Hirschfänger zu Hülfe, und plötzlich fuhr der Hirschfänger tief in des Majors Rücken, ob von ungefähr, oder vorsetzlicher weise, sey dahin gestellt.
Franz, der Reitknecht, faßte den Kammerdiener in die Gurgel, und gab ihm einen Deutschen Faustschlag auf den andern ins Gesicht. Der Major lag in seinem Blute, der Edelmann machte ihm eine verbindliche Entschuldigung, wegen dieses unglücklichen Vorfalls, die der Major bloß mit einem Blicke voll Verachtung beantwortete. Herr F. schickte nach der Wache. Der Kammerdiener ward in Verhaft genommen, der Edelmann bekam Hausarrest. Der Major ward in sein Bette gebracht und von einem Wundarzte verbunden, und der Schulmeister, den seines Vertheidigers Unfall, noch mehr wie sein eigener, außer aller Fassung gebracht hatte, ward halb todt in eine Miethskutsche gesetzt, und von Herrn F. und von Sebaldus nach Hause gebracht.
Zehnter Abschnitt.
Der Major ward von seinen Freunden täglich besucht. Im Anfange schien die Wunde nicht gefährlich. Aber nach einigen Tagen verschlimmerten sich die Umstände sehr. Das Wundfieber ward heftiger, die Entzündung nahm zu, und die Kräfte nahmen ab. Der Wundarzt erklärte endlich, daß sehr wenige Hoffnung zur Wiedergenesung da wäre. Die sämmtlichen Freunde des Majors waren darüber sehr niedergeschlagen, der gute Franz aber, der über dreißig Jahre in des Majors Dienste gewesen war, weinte unablässig, so daß ihn der Kranke selbst tröstete, der unter allen diese Nachricht mit der größten Gleichmüthigkeit aufnahm. Die geschwinde Abnahme seiner Kräfte ließ nur allzusehr befürchten, daß sie wahr seyn möchte.
Eines Tages war der Kranke besonders schwach. Gegen Mittag aber fiel er in einen Schlummer, in dem er einige Stunden verblieb, und als er erwachte, äußerlich ein wenig erquickt schien. Franz, der über dessen mißlichen Zustand sehr traurig war, ergriff die Gelegenheit, da der Major heiteres Gemüths, und sie beide allein waren, und that, nach vorgängiger Entschuldigung, eine Frage, die ihm schon lange auf dem Herzen gelegen hatte, nehmlich:
»Ob der Herr Major, nicht das Sakrament nehmen wollte.«
»Lieber Franz, du meinst es recht gut, sagte der Kranke, aber wozu? Ich habe das Abendmahl immer nur genommen, wenn entweder das Regiment kommunicirte, oder wenn ich besondere Ursach fand, mich zu sammeln, und ernsthaft über mich nachzudenken; aber glaube mir, Franz, ein Krankenlager von drey Wochen giebt an sich selbst Gelegenheit genug zum ernsthaften Nachdenken.«
»Aber, lieber Herr Major! ein Mensch muß doch so schwer sterben, wenn er nicht gebeichtet hat.«
»Höre nur, mit der Beichte habe ich niemals etwas zu thun gehabt. Anstatt der Beichte sagte ich allemal laut und ernstlich: Schaff in mir Gott ein reines Herz, und gieb mir einen neuen gewissen Geist; verwirf mich nicht von deinem Angesichte, und sey mir gnädig. Damit war mein Feldprediger zufrieden, und ich denke, Gott wird auch damit zufrieden seyn, wenn ichs jetzt sage. Aber höre, Franz, ich will jetzt thun, was ich sonst bey der Beichte that, ich will dich wegen alles dessen um Vergebung bitten, was ich dir kann zuwider gethan haben; vergieb es mir.« Hier reichte er Franzen die Hand.
Franz küßte des Majors Hand, die er mit Thränen benetzte, und sagte schluchzend: »Ach, Herr Major! ich kann Ihnen nichts vergeben, Sie sind immer mein guter Herr gewesen, und haben an mir mehr Liebe bewiesen, als ich verdiente. Vergeben Sie mir nur, wenn ich zu vorschnell gewesen bin. Ich dachte doch, man könnte nicht ruhig sterben, wenn man nicht von einem geistlichen Herrn ordentlich vorbereitet würde. Als Sie daher schliefen, lief ich geschwind zu einem Prediger, der nicht weit von hier wohnt, aber er war nicht zu Hause.«
»Du hasts recht gut gemeint, Franz; da er aber nicht zu Hause war, ists nun auch eben so gut. Ich habe mit diesen Herren nicht gern etwas zu thun, wenn ich sie nicht vorher genau kenne. Ich lag, du weißt es, auf dem Schlachtfelde bey Torgau, hart verwundet, an zwölf Stunden, ehe du mich unter den Todten und Blessirten herausfandest. Damals konnte mir kein Feldprediger zusprechen, und ich war zum Tode eben so bereit, wie jetzo.«
Indem er dieses sagte, trat Sebaldus herein, um ihn zu besuchen.
»Sie kommen, mein lieber Freund, sagte der Kranke, gerade zur rechten Zeit. Ich werde von diesem Lager nicht wieder aufkommen, ich weiß es, und bin ganz völlig gefaßt zu sterben. Nun meint mein guter Franz, (er drückte demselben die Hand) es sey nöthig, daß ich von einem Geistlichen zum Tode bereitet würde. Dieß wünschte ich von niemand lieber, als von Ihnen, mein Freund. Thun Sie, als ob Sie mein Beichtvater wären. Fragen Sie mich, lehren Sie mich, beten Sie mit mir.«
Sebaldus sagte sehr gerührt: »Der Zuspruch auf dem Todtenbette ist allezeit eine sehr schwere und zuweilen eine vergebliche Sache. Es kann daselbst schwerlich noch eine Veränderung des Geistes vorgehen, wenn sie vorher im ganzen Leben nicht geschehen ist. Glaubenslehren zu beweisen, ist die Zeit zu kurz und der Geist nicht heiter genug; Pflichten einzuschärfen, ist zu spät. Die Schwachen aufzurichten, ist was ein menschenfreundlicher Prediger am leichtesten thun kann.«
Maj. Herr! ich bin nicht schwach! schonen Sie meiner gar nicht, sondern gehen Sie mit mir um, wie ein Pfarrherr am Todtenbette thun soll, recht wie es vorgeschrieben ist.
Seb. Ich würde mich warlich freuen, wenn ich zur Beruhigung eines Mannes, den ich so werth schätze, etwas beytragen könnte. Da Ihr Gemüth gelassen ist, so ist es vielleicht am nützlichsten, wenn ich Sie an verschiedene Wahrheiten, die den Menschen ehrwürdig und wichtig seyn müssen, erinnere. Ich kann nicht wissen, ob Sie dieselben in Ihrer gehörigen Verbindung gedacht haben; wäre dieses nicht, so könnte ich vielleicht ihre Wirkungen vermehren, wenn ich, durch eine kurze Ueberlegung, eine Lücke zwischen denselben ausfüllen könnte. Dieserhalb wünschte ich Ihre Gesinnungen über gewisse Lehrpunkte zu wissen.
Maj. Ganz recht; examiniren Sie mich nur, ich will auf alles antworten.
Seb. Sie glauben vermuthlich, daß ein Gott da ist, der Himmel und Erde geschaffen hat?
Maj. Ja, freylich! Wer sollte nicht an Gott glauben?
Seb. Sie glauben auch, daß Gott die Welt, und alle Dinge darum, mit einer weisen Vorsehung regiere?
Maj. Freylich! ohne Gott geschiehet nichts.
Seb. Und daß nach diesem Leben noch ein künftiges zu gewarten sey?
Mai. Nein, mit dem Tode ist alles aus.
Seb. Ich habe zuweilen aus Ihren Reden geschlossen, daß Sie eine solche Meinung hegten, ohne daß es sich gefügt hätte, sie näher erläutern zu können. Wäre diese Meinung wahr, so wären wir, wie Sie selbst nicht läugnen werden, in vielen Begegnissen des Lebens völlig trostlos. Gott hat aber, wie ich glaube, so wie er kein Uebel, ohne zu gutem Zwecke zuläßt, auch, als ein gütiger Vater, für jedes Uebel den Trost in die Natur gelegt. Dieß hat mir schon vor langen Jahren über diese Meinung näher nachzudenken Gelegenheit gegeben; ich weiß daher, daß, in der Vernunft und in der Schrift, viele Gründe zu finden sind, die sehr bald das Gegentheil wahrscheinlich, und, bey reiferm Nachdenken, gewiß machen.
Maj. Herr! ich habe immer gedacht, daß die Vernunft nicht einmal weiß, wenn ein Todter recht todt ist, wie sollte sie wissen, was nach dem Tode vorgehet. Wenigstens meine Vernunft reicht so weit nicht. Was die Schrift betrifft, so steht viel gutes darinn. Ich habe alles gelesen. Es läßt sich vieles hier in diesem Leben recht wohl nützen. Aber von einem künftigen Leben, so wie von so viel andern unbegreiflichen Dingen, glaube ich nichts, wenns auch in einem Buche steht.
Seb. Wenn Sie denn also die Bibel gelesen haben, glauben Sie denn, daß darinn der Willen Gottes enthalten ist, dem wir folgen sollen?
Maj. Gottes Willen ist, daß ein Mensch ein rechtschaffner Kerl seyn soll, und nicht Unrecht thun. Das weiß jeder, und es steht auch in der Schrift. Das übrige mag für euch Herren Geistlichen gut seyn. Ein Soldat kann nicht so vielerlei Dinge in seinen Kopf kriegen, worüber ihr euch disputirt.
Seb. Sie gestehen also, daß kein Mensch Unrecht thun sollte. Gleichwohl thun die meisten, ja man kann wohl sagen alle Menschen mannichfaltig Unrecht. Wie ists nun, wenn wir mit unsern Sünden Bestrafung verdient hätten?
Maj. So mögen wir sie leiden. Wer heißt uns sündigen?
Seb. Die Frage läßt sich vielleicht nicht so gerade zu entscheiden. Denn, wenn nun unsere Natur so unvollkommen ist, daß wir nicht ohne Sünde bleiben können, wenn wir nun zu schwach sind, den Willen Gottes vollkommen zu befolgen.
Maj. Ey! denn kann Gott auf uns nicht zürnen. Er hat uns selbst gemacht, und warhaftig recht mit großer Klugheit gemacht, daß nichts an uns ohne Ursach ist. Wie könnte er denn von uns etwas verlangen, das wir nicht leisten könnten? Sehen Sie hier meinen Hühnerhund, der ist ein Hühnerhund, und weiter nichts, er wird vor einem Huhn stehn; aber wenn ich verlangen wollte, daß er eine Sau stellen sollte, so kann ich nicht sagen, der Hund sündigt, wenn ers nicht kann.
Seb. Sie schließen viel zu rasch. Wir würden langsamer gehen müssen, wenn wir diese Frage gründlich untersuchen wollten, dazu fehlt uns itzt aber die Zeit. Lassen Sie uns auf das künftige Leben zurückkommen. Ueberlegen Sie wohl, daß wenn es wegfällt, auch alle Belohnungen und Bestrafungen wegfallen, welche Tugend und Laster, wie es offenbar ist, in diesem Leben nicht in angemessenem Maße erhalten. Und damit würden also auch alle Bewegungsgründe zur Tugend wegfallen.
Maj. Warum das? Ein ehrlicher Kerl muß Recht thun, weil es Recht ist, und nicht weil er dafür belohnt seyn will. Werde ich belohnt, so ists gut, wofern aber nicht, so muß ich doch rechtschaffen handeln. Ich habe im letztern Kriege oft mein Leben gewagt, ob ich gleich immer Major geblieben bin. Oder glaubt er, Herr! daß ich nur deswegen den Schurken da oben zur Rede gestellt habe, damit ich dadurch in jenem Leben könnte Oberstlieutenant werden?
Seb. Die Belohnungen sind aber doch Folgen guter Thaten. Auch in diesem Leben verlangt ein Soldat für seine Tapferkeit vom Könige Belohnung, und ist unzufrieden, wenn er sie nicht bekömmt.
Maj. Ey, ists nicht Belohnung genug, wenn ich weiß, daß ich Recht thue. Und dann, Herr! ists mit Gott eine ganz andere Sache, als mit dem Könige. Der Herr, ist ein Mensch wie ich, und kann nicht alles wissen, sonst wäre ich auch wohl weiter. Aber Gott weiß alles, und da hats gute Wege, der wird mir schon zukommen lassen, was mir gehört.
Seb. Setzen Sie nun aber einmal auf einen Augenblick voraus, daß ein künftiges Leben wäre, welches doch, wie Sie gestehen werden, an sich nicht unmöglich ist; setzen Sie voraus, daß alle unsere Handlungen, gute und böse, auch in jenem Leben Folgen haben müssen, und daß diese Folgen, wenn uns gleich die Art noch unbegreiflich ist, in vielen Fällen überschwenglich groß seyn können. Wird nun derjenige nicht viel vorsichtiger gehandelt haben, der seine Handlungen, nach einer strengen Richtschnur, so eingerichtet hat, wie er sie auch in jenem Leben zu verantworten gedenkt, als derjenige, der, in der Meinung, es sey nach dem Tode alles aus, gethan hat, was ihm beliebt, und in dieser Sorglosigkeit vieles begangen hat, das er nicht rechtfertigen und dessen Folgen in jenem Leben er nicht ändern kann? Und überlegen Sie, welcher unter beiden in dieser Welt ein besserer Bürger, und ein rechtschaffenerer, tugendhafterer Mensch seyn werde.
Der Major sah den Sebaldus mit starren Augen an, und schwieg still. Sebaldus auch. Endlich brach der Kranke aus:
»Herr! daran habe ich noch in meinen Leben nicht gedacht. Ein Soldat hat auch nicht Zeit, so weit hinzudenken. Aber ich besinne mich itzt eben. Wenn auch ein künftiges Leben, und ein jüngster Tag ist, so glaube ich, ich werde dann ein Herz fassen, und weder vor Gott noch vor dem Teufel erschrecken. Laß ihn kommen den Teufel, wenn er mich anklagen will, er muß mich doch vor Gott anklagen, und der weiß, daß ich nie wissentlich etwas böses gethan habe. O! du mein allmächtiger Schöpfer! würde ich sagen, (er richtete sich ein wenig auf, und faltete seine Hände,) du weißt, daß ich nie den hilflosen Unglücklichen gedrückt, daß ich nie Wittwen und Waisen betrübt, daß ich nie wissentlich diese Hände zum Bösen gebraucht habe. Zwar – (hier schwieg er ein wenig still, und schlug seine Augen nieder) ich hätte noch mehr Gutes thun können – Aber (hier hob er seine Augen abermals empor) allgütiges Wesen, ich werfe mich in deine Hände. Du hast mich zum Menschen machen wollen, also sollte ich wohl nicht ganz vollkommen seyn. Ich verlange auch nicht, wenn ein Himmel ist, im Himmel obenan zu stehen.«
Hier sank er, von der Anstrengung entkräftet, sanft zurück, die Luft fehlte ihm, er erholte sich, und sprach noch mit stammlender Stimme zum Sebaldus, indem er ihm die Hand drückte:
»Ach! mein Freund, wenn Gott ein Regiment von Seligen hat, so wäre es schon genug, wenn unser einer nur ein Gemeiner werden könnte.« – –
Er wollte noch etwas sagen; aber der Steckfluß nahm überhand, er fieng an zu röcheln, und nach einigen fruchtlosen Versuchen ihm zu helfen, verschied er einige Minuten darauf, und Sebaldus drückte ihm weinend die Augen zu.
