Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 17
Elfter Abschnitt.
Kaum war er entschlafen, als der Prediger, welchen Sebaldus unter den Linden auf der Bank getroffen hatte, schnell in das Zimmer trat. Er hatte bey seiner Zuhausekunft, die durch Franzen an ihn gebrachte Botschaft erfahren. Er eilte, so sehr er konnte, an einen Ort, wo er sich, wie ein anderer Fresenius, durch die Bekehrung eines Freygeistes auf dem Todtenbette zu signalisiren dachte; denn weil er sich um alles, was in seinem Kirchensprengel vorgieng, bekümmerte, so war ihm unverborgen geblieben, daß der Major besondere Meinungen hege, und weder ihn noch einen von seinen Kollegen zum Beichtvater gehabt habe.
Als er sahe, daß er zu spät kam, rief er aus:
Pr. O Gott! wie groß sind deine Gerichte! Auch diesen Sünder, dem du so lange Zeit zur Besserung gegeben, und der die Gnadenzeit muthwillig hat verstreichen lassen, hast du ins Gericht der Verstockung dahin gegeben! daran mag sich jeder spiegeln, und Buße thun, weil es noch Heute heißet!
Seb. Mein Herr! schmähen Sie diesen todten Leichnam nicht! Der selige Major war ein rechtschaffener Mann. Sein Innerstes wird Gott richten, vor dessen Richterstuhle er stehet.
Pr. Wie können Sie einen verstockten Sünder selig nennen? Wissen Sie wohl, daß dieser unglückliche Mensch kein ewiges Leben, keinen Himmel und Hölle, keinen Gott und keinen Teufel geglaubt, und in seinen Sünden dahin gelebt hat?
Seb. Ich weiß es, daß er viel Trugschlüsse gemacht hat. Ich habe schon oft gewünscht, und dieser Fall erneuert bey mir den Wunsch, daß der Gebrauch einer gesunden Philosophie unter der ganzen Nation gemein würde, damit auch unstudirte Personen über transcendente Sätze, die sie nicht ganz entbehren können, richtige Begriffe hätten. Jeder Mensch – –
Pr. O! Sie mögen wohl selbst sehr irrige Begriffe haben; was gehört eine weltliche Philosophie hieher? Der Weg zum Heil ist in Gottes Wort vorgeschrieben, und in den Schriften bewährter Theologen, die es erklärt haben, die wollen Sie doch wohl nicht verwerfen? Wollen Sie?
Seb. Davon ist nicht die Rede. Meine Meinung ist nur: Wer sich bey der gewöhnlichen Auslegung und bey der gewöhnlichen Dogmatik beruhigen kann, der thue es; kann er aber nicht, und will er seine Zweifel verfolgen, so wage er sich nicht, ohne das Licht einer gesunden Philosophie, in die Irrgänge der Dogmatik und Exegese, er wird sich sonst immer mehr in seine Zweifel verwickeln. Indessen kann ich nicht glauben, daß Gott jemand verdammen werde, weil er nicht richtig genug gedacht hat,Diese Meinung des Sebaldus, die vielen Gottesgelehrten als nach Ketzerey schmeckend vorkommen möchte, hegte auch ein sehr verständiger und gottseliger Mann. Er sagt: »So ist es im Heidenthume den Epikuräern, und im Judenthume den Sadducäern ergangen. Wobey mir ein öfters eingekommener Gedanke wieder einfällt: was doch die Ursache seyn müsse, daß unser Heiland, der bey allen Gelegenheiten die Pharisäer so hart anlässet, weit gelinder mit den Sadducäern umgeht, die doch, weil Sie die Auferstehung, und ein anderes Leben, wo das Gute belohnt, und das Böse bestraft wird, das Daseyn der Geister, mithin auch gute und böse Engel, leugneten, den Grund aller Religion umstießen? Ich erinnere mich nicht irgendwo etwas gründliches darüber gelesen zu haben. Sollte vielleicht daraus zu schließen seyn, daß in Gottes Augen, die Heucheley, der geistliche Hochmuth, und der versteckte Aberglauben, für grössere Fehler angesehen werden, als die bloßen Irrthümer des Verstandes, wenn sie auch noch so wichtige Gegenstände betreffen?« S. v. Bünau Betrachtungen über die Religion. Leipzig 1769. in 8. 1tes Buch. S. 90. und Menschen sollten es auch nicht thun.
Pr. O! der schönen Philosophie! O! der sündlichen Weichherzigkeit eines natürlichen Menschen! Wer Gottes Wort nicht für Gottes Wort hält, wer sich der Sakramente als von Gott gegebener Gnadenmittel nicht gebraucht, und so in seinen Sünden dahin stirbt, der ist verdammt.
Seb. Wenn Sie nähere Nachrichten von dem Zustande in jenem Leben haben, so muß ich es geschehen lassen. Ich wenigstens kann mich nicht überzeugen, daß ein Mensch, der, so viel er gekonnt, seinen Pflichten nachgelebt, und Gutes gethan hat, der uneigennützig, gerecht und wohlthätig gewesen, und sich bey seinem Ende in des barmherzigen Gottes Arme geworfen hat, – daß dieser von Gott ausdrücklich müsse verdammt werden. Ists anders, so weiß ichs wenigstens nicht.
Pr. Ja! Ich aber weiß es besser! Ich, als ein berufener und verordneter Diener Gottes, sage Ihnen, daß Gottes Wort ausdrücklich lehret: Wer nicht an den dreyeinigen Gott glaubt, der ist ewig verdammt, und ist keine Erlösung für ihn, weder in Zeit noch in Ewigkeit.
Sebaldus, dessen Blut durch das Wort ewige Verdammniß sehr leicht erhitzt ward, fuhr auf, und wollte im Zorne heftig antworten. Er faßte sich aber zum Glücke bald, und sagte bloß, indem er einen Schritt zur Thüre gieng:
»In der That, bloß der, welcher glaubt, er sey ein unmittelbarer Gesandter Gottes, darf sich unterstehen, das Schicksal eines Menschen so positiv zu bestimmen. Verantworten Sie dieß bey dem, der Sie gesandt hat zu verdammen.« Und so gieng er zur Thür hinaus.
Der Prediger, weil er niemand anders hatte, wendete sich an Franzen. Er bewies ihm, daß der Major ewig verdammt seyn müsse. Franz weinte, schlug sich an die Brust, und rief aus:
»Ach! er war doch so sehr böse nicht, daß nicht für seine arme Seele Hülfe seyn sollte. Ich wollte gern selbst für ihn hundert Rosenkränze beten, wenn ich seine Seele aus dem Fegefeuer retten könnte. Doch was kann ich armer einfältiger Mensch! Nein! ich kenne einen frommen Prior in Böhmen, dessen Kloster der Major vom Anzünden und Plündern gerettet hat, der wird ihm gern von den guten Werken des Klosters etwas zukommen lassen, den will ich bitten, daß er für ihn Seelmessen lese.«
Der Prediger entdeckte nun mit Erstaunen, daß Franz katholisch war. In dem Eifer seiner Bekehrungssucht fieng er an, ihm den Gräuel des papistischen Sauerteiges recht lebhaft vorzumalen, und drohte ihm, daß er, wenn er sich nicht zur reinen seligmachenden Lehre wendete, eben wie sein Herr, ewig verdammt werden würde.
Franz, der solche Worte nie bey dem Major gehört hatte, sah den Prediger starr an, und segnete sich über solche Lästerungen; und da der Prediger fortfuhr, den Pabst den Antichrist zu nennen, schalt er ihn eine ketzerische Bestie, und lief zur Thür hinaus.
Der Prediger blieb also bey dem Leichnam allein, und da derselbe auf seine Verdammungen weiter nichts antworten konnte, so gieng er auch hinaus. Als er über den Hausflur gieng, machte Franz zwey große Kreuze vor sich, und spie ihm nach.
Zwölfter Abschnitt.
Herr F. und Sebaldus lebten nun den Winter über sehr eingezogen. Ihre Unterhaltung, die durch die Gesellschaft des Majors sonst mannichfaltiger gewesen war, ward nun viel einförmiger. Sie bestand mehrentheils aus gelehrten Unterredungen, welche aber sehr bald das gewöhnliche Schicksal gelehrter Unterredungen unter vier Augen hatten, die weniger gemeinnützig und lehrreich werden, wenn jeder dem andern sein eigenes Steckenpferd vorreiten will. Herr F. hatte sich auf den Sensus kommunis ein Lehrgebäude der Sittenlehre und der natürlichen Theologie gebauet, welches dem Sebaldus gar nicht einleuchten wollte, als welcher seine Ethik, als ein ächter Crusianer, auf die Thelematologie gründete. Sebaldus hingegen wollte seiner seits seinem Freunde auch seine neuen Entdeckungen über die Apokalypse mittheilen, welche aber gar kein Gehör fanden, sondern vielmehr gerade zu ausgelacht wurden, weil Herr F. schon längst bey sich ausgemacht hatte, daß in der ganzen Apokalypse kein Sensus Kommunis zu finden sey. Sebaldus fieng zu seiner eignen Vertheidigung an, das Grundgesetz des Sensus kommunis zu untergraben. Er zeigte mit philosophischen Gründen, welch ein schwankender Begriff dieß sey, und bewies, daß eine Appellation an den Sensus kommunis, als an ein untrügliches Gericht über den Werth spekulativer Wahrheiten, nicht viel mehr, als eine Appellation an ein inneres Gefühl bedeute, und da dieses von Menschen zu Menschen verschieden seyn müßte, so wäre nicht zu erwarten, daß dadurch irgend etwas könnte mit Erfolge behauptet oder wiederlegt werden. Vergebens. Herr F. hatte sein System lieb, Sebaldus wollte sich seine Weißagungen auch nicht nehmen lassen, sie wurden also heftig, machten nichts aus, und endlich, ob sie gleich nicht aufhörten sich hochzuschätzen, ward doch ihr Umgang laulicher, und einer fand nicht mehr so viel Vergnügen in der Gesellschaft des andern.
So standen die Sachen unter ihnen am Ende des Winters, als Herr F. von seinem Freunde, dem Officier, dem er so viel zu danken hatte, einen Brief bekam. Dieser edle Mann, nachdem er in allen Feldzügen des letzten Krieges für das Vaterland gefochten, und ehrenvolle Wunden erworben hatte, begab sich auf seine Güter, um, in Gesellschaft einer würdigen Gattinn, in häuslicher Zufriedenheit den Rest seines Lebens zuzubringen. Aber er wollte auch, daß nicht er allein, sondern auch andere glücklich seyn sollten. Er betrachtete sich als den allgemeinen Vater seiner Unterthanen, und in dieser Absicht sorgte er für die Erziehung ihrer Kinder. Er wollte zum Schulmeister einen verständigen menschenfreundlichen Mann haben, der nicht etwan nur die Kinder bloß die Fragen und Antworten einer unverständlichen zwecklosen Heilsordnung könnte auswendig lernen lassen, sondern, der ihnen Pflichten deutlich machen sollte, die sie gegen Gott und Menschen zu beobachten hätten, der sie vor Vorurtheilen bewahren sollte, die sich beym Bauer sonst Jahrhunderte lang fortpflanzen, der ihnen richtige Begriffe vom Landbaue, den sie zu treiben bestimmt waren, beibringen, kurz, der sie zu vernünftigen Menschen und zu guten Bauern, erziehen sollte. Einen solchen Mann wollte der Menschenfreund aus seinen eignen Mitteln besolden,Wenn die Chronologie, welche in unserer wahren Geschichte das Hauptwerk ist, nur auf irgend eine Art, sollte es auch nur durch eine Hypothese seyn, sich vereinigen ließe, so würde im übrigen diese ganze Beschreibung vollkommen auf den verehrungswürdigen menschenfreundlichen Verfasser des Versuchs eines Schulbuchs für Landleute (Berlin 1771.8.) passen, welcher alles das oben erzählte, und noch mehr gethan hat. und er bat seinen Freund F. ihm einen solchen Mann zu verschaffen.
Herr F. schlug dem Sebaldus diese Stelle vor, der sie auch vielleicht würde angenommen haben, wenn er nicht überlegt hätte, daß sein Wohlthäter, der Armenschulmeister, sie so gut, als er, verwalten könnte, und daß demselben, nach der unverschuldet erlittenen Beschimpfung seiner Familie, die Entfernung von seinen bisherigen Bekannten zur Beruhigung gereichen würde. Er empfohl also denselben, und er ward angenommen.
Indessen verließ Sebaldus dennoch Berlin gegen den Frühling. Er hatte seit geraumer Zeit keine Nachricht von seiner Tochter, welches ganz natürlich zugieng, denn die Frau von Hohenauf hatte für gut gefunden, den Brief, welchen Mariane, vor ihrer Abreise zur Gräfinn *** unter Einschluß des Hieronymus, an ihren Vater geschrieben hatte, zu verbrennen, weil ihr daran gelegen war, daß niemand Marianens Aufenthalt wissen sollte. Als sich Hieronymus, auf Sebaldus wiederholtes Bitten, bey der Fr. v. H. nach Marianen erkundigte, war derselben kaltsinnige Antwort: »die Mamsell habe sich heimlich fortgemacht, und sie wisse nicht wohin.« Dieß meldete Hieronymus dem Sebaldus, der, durch diese Nachricht sehr beunruhigt, beschloß, im Frühlinge eine Reise zum Hieronymus zu thun, um, wo möglich, von seiner Tochter nähere Nachricht zu erhalten.
Ob es auf diesen Entschluß nicht einigen Einfluß mag gehabt haben, daß weder Herr F. noch sonst jemand in Berlin, von seiner Auslegung der Apokalypse etwas hören wollte, und daß er, so vortheilhaft auch die Schilderung war, die Herr F. von dem Officier machte, doch Ursach finden mochte, zu glauben, derselbe werde noch weniger apokalyptisch gesinnet seyn, wollen wir den Schreibern moralischer Systeme zu untersuchen überlassen, welche auf ein Haarbreit anzugeben wissen, aus welchen Grundsätzen die menschlichen Handlungen entspringen und nicht entspringen.
Genug, Sebaldus, der, bey seiner fleißigen Arbeit und sparsamen Lebensart, eine für ihn beträchtliche Summe zurückgelegt hatte, nahm im Maymonathe von Herrn F. Abschied, setzte sich auf die Post, und befand sich, in wenigen Tagen, bey seinem lieben Hieronymus, und bey seinem ihm eben so lieben Kommentar über die Apokalypse.
Dreyzehnter Abschnitt.
Sebaldus konnte, wider sein Vermuthen, beym Hieronymus keine nähere Nachricht von seiner Tochter erhalten, und dieser wiederrieth ihm auch, deshalb zur Frau von Hohenauf zu reisen, weil er schon voraus wußte, daß alle Nachforschung vergeblich seyn würde. Sebaldus tröstete sich indessen damit, daß er Gelegenheit hatte, seinen Kommentar über die Apokalypse aufs neue zu übersehen und zu vermehren. Nachdem er damit über einen Monath zugebracht hatte, fieng er an, der müßigen Lebensart überdrüßig zu werden, und wünschte wieder eine ordentliche Beschäfftigung zu haben. In der fürstlichen Residenzstadt hatte er kein Amt zu hoffen. Zu Herrn F. zurückzukehren trug er kein Belieben, und andere Aussichten konnte er auch in Berlin eben nicht haben. Es fügte sich aber, daß ein gewisser Edelmann, der vormals am fürstlichen Hofe KammerjunkerS. Wilhelmine, S. 99. gewesen, und nachher im Holsteinischen ansehnliche Güter erheurathet hatte, vom Hieronymus einen Aufseher seiner Bibliothek und seines Antiquitätenkabinets verlangte. Sebaldus ließ sich leicht bereden, diese Stelle anzunehmen. Hieronymus gab ihm einen Empfehlungsbrief an den Kammerjunker mit, und weil er eben im Magdeburgischen für verkauftes Getreide Rechnungen abzuthun hatte, so setzte er sich mit dem Sebaldus auf die Post, um denselben, so weit es sein Weg mit sich brächte, zu begleiten.
Nachdem sie einige Meilen gereiset waren, gesellte sich zu ihnen ein Mann zu Pferde, der einem Verwalter ähnlich war, und den Hieronymus als einen Bekannten begrüßte, und in der folgenden Station bestieg den Postwagen, nebst andern unbedeutenden Reisenden, ein Mann ernsthaftes Ansehens, der ihnen, nach der ersten Begrüßung, selbst sagte, daß sein Hauptstudium die Arabische Sprache sey. Er galt in der That, wie man nachher unter der Hand erfahren hat, allenthalben für einen grundgelehrten Mann, der Hebräisch, Arabisch, Persisch, Syrisch, Samaritanisch, Phönicisch und Koptisch aus dem Grunde verstehe. Er hatte nicht allein, gleich andern Kennern der höhern Exegese, das Hebräische durch das Arabische zu erklären gesucht, sondern er war auf eine Höhe gestiegen, die noch kein anderer Exeget erreicht hatte, nehmlich, er hatte einen Versuch gemacht, das Arabische durch das Hebräische in ein helleres Licht zu setzen. Er war in Leipzig gewesen, und freylich soll seine gerühmte Arabische Kenntniß bey Reisken nicht großen Beyfall gefunden haben, welcher glaubte, daß sie sich nicht weit über den Golius erstreckte. Unser Mann hielt dieß aber, wie billig, für Neid, und wandte sich nach Wittenberg. Er hatte eine Sammlung von ihm in der Bibel, vermittelst des Arabischen, neuentdeckter Beweissprüche bey sich, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik aufs neue befestigt werden sollten. Er glaubte dadurch in dieser orthodoxen Stadt gewiß eine ansehnliche Belohnung oder Beförderung zu erhalten. Er erstaunte aber nicht wenig, da alle dortigen Doktoren der Gottesgelahrtheit seine neuen Beweissprüche für ganz überflüßig hielten, weil sie meinten, die Dogmatik sey durch die Augspurgische Konfession und durch das Konkordienbuch befestigt genug. Zum Glück, konnte ihm seine Arabische Gelehrsamkeit so gut dienen, als weiland dem Ritter Hudibras seine Logik:
who could refute
Change sides, and still dispute.
Er zog also, mit Hülfe der Arabischen Sprache, eine große Menge Erklärungen aus der Schrift, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik zweifelhaft gemacht wurden, und jetzt eben war er im Begriff, mit diesem Schatze von neuen Entdeckungen ins Brandenburgische zu reisen, wo sie, wie er gewiß glaubte, Waare für den Platz seyn müßten.
Dieser Mann wendete sich so gleich an den Sebaldus als an einen Gelehrten, und suchte ihm einen hohen Begriff von seinen Entdeckungen beizubringen. Er bewies ihm weitläuftig, daß die Hebräische Sprache gänzlich ausgestorben sey, und daß, ohne die Arabischen Wurzeln, an keine Palingenesie derselben zu gedenken sey. Er legte ihm daher verschiedene ganz nagelneue Erklärungen vor, z. B. daß 1. B. Mos. XLIX, v. 10. wo man, einige Jahrhunderte lang, den Messias zu finden geglaubt habe, von einer Ueberschwemmung die Rede sey, daß B. der Richter VII, v. 13, wo Luther von gerösteten Gerstenbrodten redet, von einem aus der Scheide gezogenen Schwerte verstanden werden müsse, und dergleichen schöne Sächelchen mehr. Sebaldus, der kein Freund vom Exegesiren, am allerwenigsten von einer so ausschweifenden Exegese war, schwieg ganz stille, bis ihn der Fremde zu wiederholtenmalen fragte, was ihm von dieser neuen Erklärungsart dünke, und ob sie nicht völlig neu, und sehr sinnreich sey.
Sebaldus sagte ganz kalt: »Neu und sinnreich mag sie seyn, aber ich sehe auch wohl, daß man mit solcher Erklärungsart leicht schwarz in weiß verwandeln, und einen Autor sagen lassen kann, was man will.«
Der Fremde, der laute Bewunderung erwartet hatte, fieng nochmals an, mit sehr beredten Gründen darzuthun, daß die Bedeutungen der Hebräischen Wörter verloren gegangen wären, und daß man in den Wurzeln der verwandten Sprachen, besonders der Arabischen, diese Bedeutungen wieder auffinden müsse.
Sebaldus versetzte: »Es scheint mir ganz unmöglich, wenn die Bedeutungen der Deutschen Sprache ganz verloren gegangen wären, sie, nach ein Paar tausend Jahren, in den Wurzeln der Dänischen, Schwedischen und Engelländischen wieder zu finden. Die Wurzelwörter verändern in der Zusammensetzung ihre Bedeutung auf mancherlei Art. Wer die Deutsche Sprache nur in den Wurzeln kennte, und z. B. im Dänischen die Wurzelwörter Tisch, Topf und Nacht gefunden hätte, und nun daraus schließen wollte, daß Nachttisch und Nachttopf Sachen von einerley Art seyn und nur in der Nacht gebraucht werden müßten, dem würde es gerade so gehen, wie unsern heutigen Arabischen Philologen. Ich habe kürzlich eine Schrift des berühmten ReiskeDieses sehr gelehrten und sehr aufrichtigen Mannes Gedanken, wie man der Arabischen Litteratur aufhelfen könne und solle, stehen in den von ihm verfertigten Zusätzen zu der königl. Akademie der schönen Wissenschaften zu Paris, die den elften Theil der Deutschen Uebersetzung (Leipzig 1751. gr. 8.) ausmachen. Diese kleine Schrift verdiente bekannter zu seyn, und von vielen gelesen zu werden, zumal zu itziger Zeit, da wieder allenthalben stark aus der Arabischen Gaukeltasche gespielt wird. gelesen, der die Unmöglichkeit zeigt, die Arabische Sprache, itzt schon, auf die Hebräische anzuwenden. Er versichert: ›Daß noch nicht der tausendste Theil der nützlichen Arabischen Manuskripte bekannt ist und gebraucht werden kann; daß die meisten Theologen, die das Hebräische aus dem Arabischen meistern wollen, aus des Golius Lexikon nur eine sehr dürftige Kenntniß erschnappt haben, oder aufs höchste ein Paar Suren aus dem Alkoran lesen können; daß wir selbst vom Alkoran nicht einmal so viel wissen, um zu entscheiden, ob der vom Maraccius oder von Hinkelmannen eingeführte Text, nach der Lesart der Schule zu al Kufah oder al Basrah sey, welches, wie er sagt, ein so großer Unterschied ist, als zwischen Lutheranern oder Katholiken. Er sagt ausdrücklich, daß man noch einhundert Jahre hindurch gute Arabische Bücher drucken, und sich bis dahin die Lust darüber zu philosophiren ganz vergehen lassen sollte. Er vergleicht, sehr treffend, die Theologen, die itzt schon das Hebräische aus dem Arabischen erläutern wollen, mit den alten Philosophen, welche die Wirkungen der Dinge in der Natur a priori demonstriren wollten, ehe sie noch die Natur durchstudiret hatten, und dadurch die lächerlichsten Grillen in die Physik brachten.‹ Habe ich Unrecht, fuhr Sebaldus fort, wenn ich Reisken, dem größten Kenner der Arabischen Sprache, hierinn glaube?«
»Ey! rief der Fremde ziemlich entrüstet, Reiske kann hievon nicht urtheilen; der Mann versteht zwar etwas Arabisch, aber von dem Hebräischen und andern orientalischen Sprachen, weiß er so viel als nichts. Und Sie, mein guter Herr, der Sie von allen diesen gelehrten Sachen ganz und gar nichts verstehen, Sie sollten davon auch ganz und gar nicht urtheilen, sondern Ehrfurcht für die Bemühungen gelehrter Männer haben, die durch ihre Arabische Philologie in der Bibel ein neues Licht anzünden.«
»Eben deswegen bekümmere ich mich, nebst andern Ungelehrten darum, sagte Sebaldus, weil es über unsere Haut hergeht. Von der einen Seite wird uns zugerufen, daß wir ohne den geschriebenen Willen Gottes nicht selig werden können, und von der andern Seite kommen gelehrte Leute, erklären uns, mit Hülfe von einigen Wurzeln, und Konjekturen, hinein und hinaus, was ihnen beliebt. Und das sollen wir mit Ehrfurcht glauben, weil wir nicht den Golius gelesen haben, oder nicht den Arabischen Alkoran exponiren können? Nein! die Seligkeit des menschlichen Geschlechts kann unmöglich auf solchen Wortklaubereyen beruhen! Hat man einen seltsamem Zirkel gesehen, als den, in welchem man uns herumführen will? Der Willen Gottes im alten Testamente ist Hebräisch geschrieben. Zu den Zeiten der Apostel und der ersten Christen wußte man nichts davon, daß die Bedeutung der Hebräischen Wörter verloren gegangen wäre. In den folgenden Jahrhunderten auch nicht, aber wohl vergaß man den Hebräischen Text bey nahe ganz und gar, und hielt sich an die Vulgata. Als man die Hebräische Sprache wieder hervorsuchen wollte, mußte sie Reuchlin von den Juden lernen, ohne zu wissen, daß diese ihr Hebräisch selbst nicht verstanden, welches sie sich auch nicht träumen ließen. Auf diese Kenntniß der Hebräischen Sprache, wurden sowohl Luthers Deutsche Uebersetzung, als auch alle unsere symbolischen Bücher gebaut; wir stritten, beynahe zwey Jahrhunderte lang, mit bitterm Eifer, über Lehrsätze, die sich darauf gründeten, und endlich, nach zweihundert Jahren, erfahren wir, daß die Bedeutung der meisten Wörter der Hebräischen Sprache verloren gegangen ist, und daß wir sie im Arabischen aufsuchen müssen. Nun haben wir wieder zweihundert Jahre zu streiten. Alsdann kömmt vielleicht jemand, der uns berichtet, daß sich die Bedeutung der Arabischen Wörter auch verändert hätten,Wenn der Fremde wieder zum Worte gekommen wäre, hätte er vermuthlich standhaft behauptet, daß keine einzige Bedeutung eines einzigen Arabischen Werks jemals sich verändert hätte. Dieß versichert wenigstens Magister Schelling, welcher, sitzend in seiner Studierstube im herzoglichen Stifte zu Tübingen, unwidersprechlich überzeugt ist, daß die Arabische Sprache »noch jetzt eben dieselbe ist, die sie bald nach der Zeit ihrer Entstehung war,« und ein feines Kapitel, »von der wunderbaren Erhaltung der Arabischen Sprache in ihrer ersten Reinigkeit, schon den allerältesten Zeiten, bis auf den heutigen Tag« zu erzählen weiß, wie aus seiner Abhandlung von der Arabischen Sprache (Stuttgard 1771.8.) besonders S. 16 bis 21 des mehrern zu ersehen. Freylich, der Reisende Niebuhr, welcher in Arabien gewesen ist, berichtet, daß die itzige Arabische Sprache von der alten Sprache, wie Italiänisch vom Lateinischen unterschieden ist, daß die itzigen Arabischen Gelehrten die Sprache des Alkorans, und anderer Schriften, in ihren Schulen, als eine todte Sprache lernen müssen; daß die itzige Arabische Sprache, so wie alle Sprachen des Erdbodens, in viele Dialekte vertheilt ist, u. d. g. Aber was thut das zur Sache: Niebuhr ist ja ein ungelehrter Ingenieur, und kein gelehrter Philologe! so wie es in allen Sprachen in der Welt gegangen ist, und daß wir diese Bedeutung wieder in der Persischen Sprache,Der gelehrte Engländer Jones hat in der Vorrede zu seiner Persischen Grammatik, schon einen Wink gegeben, den ein Deutscher Professor der Philologie, der vor seinen Zuhörern mit neuen Entdeckungen glänzen will, bald wird mißbrauchen können. oder wer weiß wo, aufsuchen müssen.«
Hier ward Sebaldus durch ein heftiges Geschrey unterbrochen, welches sich auf der Landstraße einige hundert Schritte vom Postwagen erhob. Was dieses für ein Geschrey gewesen, wollen wir künftig berichten, und indessen zur Geschichte Marianens und Säuglings zurückkehren.
Ende des vierten Buchs.
