Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 3

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Dritter Abschnitt.

Indessen erscholl die Nachricht von Sebaldus Predigt und von ihren Folgen, bald bis in die fürstliche Residenzstadt. Sebaldus hatte im Consistorium zwey sehr mächtige Feinde. Der eine war der Präsident, der als ein Ehrenmitglied verschiedener deutschen und lateinischen Gesellschaften viele sehr fliessende deutsche Reime, und viele sehr deutliche lateinische Chronodistichen verfertigte. Alle am fürstlichen Hofe vorfallende Galatage, alle Landplagen, als Heuschrecken, Hagel, feindliche Einfälle, alle Promotionen der ihm untergebenen Conrectoren, und Landprediger, besang seine Muse ungesäumt. Wilhelmine war eine viel zu feine Kennerin der schönen Wissenschaften, als daß sie sich dem falschen Geschmacke, der in ihrem Vaterländchen beschützt ward, nicht hätte widersetzen sollen. Sie sprach bey jeder Gelegenheit von den deutschen Versen des Präsidenten überaus verächtlich, und seine lateinische Chronodistichen, wenn sie sie auch nicht verstand, so wuste sie sie doch aus dem Zuschauer mit einer Reihe Soldaten zu vergleichen, in welcher einige Riesen zwischen einer Anzahl Zwerge ständen. Nun ist es bekannt, daß alle Dichter sehr empfindlich, und die schlechten Dichter gemeiniglich die empfindlichsten sind. Es ist also leicht zu erachten, daß es der Präsident für einen unerhörten Eingriff in die Landesverfassung und gute Subordination hielt, daß eine Landpfarrerfrau sich über die Verse eines Mannes wie er, öffentlich aufhalten dürfte, und daß er keine Gelegenheit wird verabsäumet haben, ihrem Manne empfinden zu laßen, daß er sein Oberer war. Der zweyte Feind des Sebaldus, war der Generalsuperintendent D. Stauzius. Dis war eben der Pfarrer, der Sebaldus mit Wilhelminen getrauet hatte, der wilde Mann, der so gern von dem Obersten Menzel und von dem lustigen Treffen zu Roßbach sprach. Er hatte kurz nach Sebaldus Heirath die Ausgeberin des Präsidenten geheirathet, die Sebaldus verschmähst hatte, und war dadurch Generalsuperintendent worden. So wie er am Stande zunahm, wuchs auch sein Eifer für die Orthodoxie. Er lies sich zum Doctor der Theologie machen, damit er einen doppelten Beruf habe, sich der Orthodoxie alles Fleisses anzunehmen. Er erhielt im Lande eine solche Einförmigkeit in der Lehre, wie ein Hauptmann bey einer wohleingerichteten Compagnie Soldaten, bey der jeder Rock so lang als der andere, jeder Zopf so dick als der andere, jede Stiefelette so lang aufgeknöpft ist als die andere, und die sich nie nach ihrem eigenen Willen, sondern blos nach dem Wink ihrer Obern beweget. So bald ein Prediger nur den geringsten Geruch von Ketzerey an sich spüren ließ, ward er abgeschaft. Dadurch ward das Ländgen wirklich so rein gehalten, daß Sebaldus der einzige war, der auf der schwarzen Liste stand. Schon als D. Stauzius noch Dorfpfarrer war, hatte er sich mit Sebaldus oft über die Ewigkeit der Höllenstrafen gestritten, die er mit großem Eifer behauptete, und von der Sebaldus, wie wir dem Leser schon haben merken lassen, Begriffe hatte, die zwar ganz menschenfreundlich, aber gar nicht orthodox waren. Seitdem D. Stauzius Superintendent worden war, hatte er die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen noch nothwendiger gefunden. Er merkte beim Antritt seines Amts bald, daß er bey den Kammerjunkern und den fürstlichen Räthen, mit dem florentinischen Wetterglase, aus welchem er vormahls seinen Bauern Wind und Wetter vorhersagte,S. Wilhelmine S. 105. nicht viel ausrichten konnte. Er legte sich also, um sie in kirchlicher Zucht zu halten, auf ein recht derbes Gesetzpredigen. Er mahlte ihnen den höllischen Schwefelpfuhl recht schrecklich, und die Martern der Verdammten recht gräßlich vor, wobei er denn mit einem holen klagenden Tone das Wort ewig! ewig! ewig! sehr oft erschallen ließ. So streng und unerbittlich er aber auf der Kanzel gegen die Sünder war, so gefällig und nachgebend war er gegen seine Frau, die er aus so vornehmen Händen empfangen hatte. Sie regierte ihn ganz. Unglücklicherweise aber für Sebaldus war sie auf denselben und seine Frau auch sehr übel zu sprechen. Sie konnte es ihm noch nicht vergeben, daß er ihre Hand und mit ihr das einträgliche Amt ausgeschlagen hatte, bloß um eine jüngere und schönere Person zu heirathen. Wenn also D. Stauzius gegen Sebaldus nur ein verdriesliches Wort sagte, so setzte sie noch zwey oder drey hinzu, und brachte sowohl ihren itzigen Mann, als ihren gewesenen Herrn wider ihn auf. Welch Wunder also, daß Sebaldus sehr oft, auch bei den geringfügigsten Vorfällen nachdrückliche Verweise aus dem Consistorium bekam.

Die gegenwärtige Sache hingegen war zu wichtig, als daß sie mit einem bloßen schriftlichen Verweise konnte abgemacht werden. Sebaldus ward also in Person nach der fürstlichen Residenz, vor dem Consistorium zu erscheinen, gefordert. Als er erschien, sahe ihn der Präsident von oben bis unten an, seufzte, machte die Augen zu, hob das Angesicht gen Himmel, und hielt ihm in einem feinen etwas heisern und langgezogenen Ton seinen Unfug vor, daß er von etwas anders, als von Busse und Zerknirschung des Herzens gepredigt hätte, welches den symbolischen Büchern schnurstracks zuwider sey. Kaum hatte er ausgeredet, als der Superintendent aufstand. Er schrie mehr, als er sprach, zitterte vor Eifer, ward feuerroth im Gesichte, runzelte seine starke halbgraue und halbrothe Augenbraunen, konnte noch nicht sprechen, und schüttete als er anfieng, in einem holen bellenden Ton, so schnell daß ein Wort das andere jagte, ein gestottertes Anathema über das andere auf den armen Sebaldus aus. Er hielt ihm vor, daß die zehn angeworbenen Bauerkerl, vermuthlich hätten in den Stand der Gnade kommen können, daß sie aber nun in dem Lande wohin sie gebracht würden, Atheisten werden, und also ewig verdammt werden müsten. Auch Er, Sebaldus, hätte die ewige Verdammniß dadurch verdient, daß er an dem ewigen Wehe von zehn Seelen schuld wäre, u. s. w.

Sebaldus antwortete bescheiden mit wenig Worten, und ließ am Ende seiner Rede einfließen, »daß Gott gnädiger wäre, als erbitterte Menschen, daß er uns nach der reinen Absicht unsers Herzens, nicht aber nach einem nicht vorhergesehenen Erfolge unserer Handlungen, richten werde.« Stauzius fuhr ihn mit unbeschreiblicher Wuth an: »Ob er die Ewigkeit der Höllenstrafen glaube?« Sebaldus antwortete ganz gelassen: »Er glaube nicht, daß es Menschen gezieme, der Güte Gottes Maaß und Ziel zu setzen.« »Sie sehen, meine Herren, redete der äusserst aufgebrachte Superintendent die anwesenden an, daß dieser gottlose Mann in den Grundlehren des Glaubens irrig ist, und schändliche grundstürzende Irrthümer behauptet, ich trage also darauf an, daß er unverzüglich seines Amtes entsetzt werde, damit er die Seelen der ihm anvertrauten Heerde nicht ferner in Gefahr bringe.« Der Präsident antwortete hierauf mit sanftmüthiger Mine: »Es ist zwar wahr, daß Ehrn Nothanker sich eine schwere Verschuldung hat zur Last kommen lassen, doch erfordert die christliche Liebe, daß man in einer so wichtigen Sache, als die Absetzung vom Amte ist, sich nicht übereilen müsse. Daher ist meine Meynung, daß dem Fiscal aufgetragen werde, eine in gehöriger Form abgefaßte Klage zu überreichen, welche dem Beklagten mit dem Bedeuten, sie in zween Tagen zu beantworten, sub poena praeclusi und daß alsdenn in contumaciam wider ihn erkannt werde, zu communiciren sey, desgleichen daß derselbe auf nächste Session in vierzehn Tagen beschieden werde, um die alsdenn abzufassende Sentenz anzuhören.« Dieser Meinung fielen alle bey, und Sebaldus verfügte sich mit schwerem Herzen nach Hause.

Die Klage des Fiscals lief in wenig Tagen ein, und weil darin noch mehr auf die Ewigkeit der Höllenstrafen, als auf die gehaltene Predigt Rücksicht genommen war, so glaubten Sebaldus und Wilhelmine, darin die Feder des D. Stauzius zu erkennen. Sebaldus beantwortete sie in den gesetzten zween Tagen ausführlich, und Wilhelmine fügte noch einige Anmerkungen hinzu, die ihrer Meinung nach die Unschuld ihres Mannes so treffend bewiesen, daß sich auch nicht das geringste nur mit einigem Scheine, dawider sagen liesse. Die Verantwortung ward übergeben, und Sebaldus schwebte indessen zwischen Furcht und Hofnung. An dem angesetzten Tage begab er sich nach der Residenz. Er muste in dem Vorzimmer der Sessionsstube eine halbe Stunde warten, unterdessen daß über sein Schicksal gerathschlagt ward. Darauf ward er hineinbeschieden, um die Sentenz anzuhören, welche, nach dem gewöhnlichen Eingange, folgendermaßen lautete: »daß Beklagter wegen irriger Lehre und Abweichung von den so theuer beschwornen symbolischen Büchern, wobey er aller liebreichen Ermahnungen ohnerachtet verharret, seines Predigt- und Lehramts zu entsetzen, und er bedeutet werde, sich alles fernern Lehrens, Predigens und sonstiger Actuum ministerialium gänzlich zu enthalten, so lieb als ihm die Vermeidung fürstl. Ungnade, und zweyjähriger Zuchthausstrafe sey. V. R. W.« Es fand keine Appellation statt. Es ward dem guten Sebaldus von dem Consistorialbothen unverzüglich Kragen und Mantel abgenommen, zugleich ward er ernstlich bedeutet, die Pfarrwohnung zu räumen, indem die Pfarre bereits vergeben sey, und darauf ward er mit einer väterlichen Ermahnung in Frieden entlassen. Das Consistorium aber blieb noch versammlet, um den Präsidenten, ein lateinisches Chronodistichon, auf diesen merkwürdigen zur Festhaltung der reinen orthodoxen Lehre abzweckenden Actum, verlesen zu hören, das er in den vierzehn Tagen seit der letzten Seßion zu Stande gebracht hatte.

Sebaldus war, als er auf die Straße kam, von dem, was vorgegangen war, so betäubt, daß er alle Besonnenheit verlobt. Seine Füsse trugen ihn mechanischer Weise gerade nach Hause. Wilhelmine hatte sich, aus zureichenden Gründen, von dem Ausgange des Processes die beste Hofnung gemacht. Sie hatte daher, in der von ihr selbst gepflanzten Laube, neben dem Pfarrhause, eine ländliche Abendmahlzeit zugerichtet. Als sie damit fertig war, gieng sie ihrem Manne, mit ihren beiden Töchtern, entgegen. Er kam endlich. Als er noch einige Schritte von ihr war, sahe sie schon in seinen wilden starr auf sie gerichteten Augen, einen Theil des über sie schwebenden Unfalls. Er kam näher, und sagte ihr in wenig Worten, wie groß ihr Unglück sey. Wilhelmine ward blaß, die Knie zitterten ihr, sie fiel in ihrer Tochter Arme, und die kleine Charlotte warf sich auf ihre Mutter und weinete. Wilhelmine ward erst nach geraumer Zeit ihrer Sinne wieder mächtig, und in großer Schwachheit nach Hause gebracht. Alle die Vergnügungen, die sich diese kleine Familie, bey dem Abendmahl in der Laube, nach der Zurückkunft ihres Vaters versprochen hatte, waren dahin. Wilhelmine war von dem heftigen Schrecken so sehr beweget worden, daß sie in wenig Stunden in einem starken Fieber lag. Mariane, ob sie gleich ihr Herzeleid verbarg, konte doch, indem sie ihrer Mutter Handreichung leistete, ihre naßen Augen nicht verbergen. Die kleine Charlotte winselte unaufhörlich, weil sie ihre Mutter leiden sahe. Sebaldus aber, über sein Unglück kaum so sehr niedergeschlagen, als über die Härte rachgieriger Menschen bestürzt, saß staunend, in der stillen Schwermuth die äusserlich kalt scheint, aber innerlich mit desto größerer Heftigkeit auf die Lebensgeister wütet.

Vierter Abschnitt.

Des andern Morgens frühe, erschien vor Sebaldus Thüre ein Wagen, in welchem Mag. Tuffelius, der Informator des Superintendenten saß. Diese Person war fünf Fuß vier Zoll lang, und näherte sich mehr der Magerkeit eines Candidaten, als der Feistigkeit eines Pfründenbesitzers. Sein hageres bleiches Gesicht war beständig wasserrecht gerichtet, ohne sich herauf oder herunter zu neigen. Seine Hände die etwas länger waren, als sie hätten seyn sollen, hielt er mehrentheils gerade vor sich weg, und bewegte sie wellenförmig, wie ein Schwimmender im Wasser. Sein Gang war abgemessen und bedächtlich, als wenn er sich fürchtete auf etwas zu treten, und wenn er sprach, welches nie ohne Noth geschah, war seine Stimme allezeit einen halben Ton höher gestimmet, als anderer Leute Stimme, und hatte dabey etwas quäckendes, daß man glaubte einen Staar zu hören. Er ließ sich durch den Bauer der ihn gefahren hatte anmelden, stieg nach empfangener Antwort langsam aus dem Wagen, und schritte fort, bis er ins Zimmer kam, wo ihn Sebaldus und Mariane empfiengen. Er legte seinen Hut vor seinen Bauch, und beide Hände in den Hut, grüßte die Anwesenden mit einem halbtiefen Bücklinge ohne Haupt und Füsse zu bewegen und ohne ein Wort zu sprechen, setzte sich, und nach verschiedenen Hem, Hem, ließ er sich folgendermaßen aus: »Da ich den göttlichen Beruf erhalten habe, die Seelen dieses Dorfs als ein treuer Hirte zu weiden, so wird es dann wohl nöthig seyn, daß mir dieses Pfarrhaus als meine künftige Wohnung sogleich geräumet werde, sintemahl ich in dem Herrn entschlossen bin, mein Amt unverzüglich anzutreten, und zu dem Ende noch anheute, auf meine nächstens zu haltende Antrittspredigt zu studieren.« Sebaldus stellt ihm vor, daß es unmöglich seyn würde, das Haus zu räumen, um so viel mehr, da seine Frau diese Nacht krank worden wäre. Tuffelius antwortete sehr trocken: »Die Ihnen in Person vorgelesene Sentenz enthält deutlich, daß sie die Pfarrwohnung sogleich räumen sollen, und es muß jeder Christ der Obrigkeit unterthan seyn, die Gewalt über ihn hat, ich rathe Ihnen also wohlmeinend an, sich zu hüten, daß Sie nicht einst zu einem Beispiele angeführet werden, wie die Abweichung von der reinen Lehre, auch zuletzt Rebellion wider die Obrigkeit hervorbringt.« Sebaldus war durch diese Rede so sehr zum Erstaunen gebracht, daß er den Mag. Tuffelius mit starren Augen ansahe, und stillschwieg. Mariane aber nahm das Wort, und sagte mit sanfter und zitternder Stimme zu Tuffelius: »Wir sind nicht willens, uns zu widersetzen, wir sind auch dazu viel zu schwach, wir verlangen nur so viel Zeit, als nöthig ist, um eine andere Wohnung zu suchen, dazu ist ein Tag zu kurz, zudem ist meine Mutter gefährlich krank worden. Ein Prediger ist Bothe des Friedens, er soll Ruhe, Einigkeit und Wohlwollen befördern. Wollen Sie also wohl den Anfang Ihres Predigtamts damit machen, daß sie eine äusserst schwache Kranke aus dem Hause werfen?« Tuffelius der mit seinen Augen bishero noch immer unverwandt gerade vor sich weggesehen hatte, richtete sie in einer mit dem Horizonte parallelen Linie gegen Marianens Antlitz, runzelte die Stirn, zog den Mund ein wenig in die Breite, und sagte mit etwas lauterer Stimme und aufgehobener rechten Hand: »Mulier taceat in rebus eccleslasticis! Meine liebe Jungfer, ich wäre nicht werth, ein vieljähriger Candidat des heiligen Predigtamts zu seyn, wenn ich die Pflichten dieses hochwichtigen Amts nicht wüste. Die erste Pflicht desselben ist wohl warlich, daß in Rücksicht auf geistliche und göttliche Dinge alle irrdische und weltliche Dinge uns gar nicht bewegen müssen. Es würde unverantwortlich seyn, wenn man die armen verirrten Schafe einen Sontag über ohne Hirten lassen wollte, es ist also meine höchste Pflicht, mich ihrer ohne Verzug anzunehmen, und sie bald wieder auf den rechten Weg und auf die gute gesunde Weide der reinen Lehre zu führen, wovon sie vielleicht leider! (hier seufzete er, und that einen halben Blick auf Sebaldus) ab, und in den stinkenden Sumpf der Heterodoxie geführet worden.« Es ward hierüber noch vieles hin und her geredet, und Tuffelius ließ sich endlich mit Mühe bereden, damit zufrieden zu seyn, daß ihm vor der Hand eine Stube eingeräumt würde, begab sich in dieselbe schrieb einen langen Brief, mit dem er den Bauer der ihn gefahren hatte zurücksendete, legte Lankischens Concordanz, die er im Kuffer mitgebracht hatte, auf den Tisch, und fing an den Faden seiner Anzugspredigt zu spinnen.

Sebaldus, Wilhelmine und Mariane hatten sich immer blos auf ihre gute Sache verlaßen, und sahen nunmehr zu spät ein, daß so gut eine Sache auch ist, dennoch eine mächtige Protection zu einem vortheilhaften Ausschlage, nie überflüssig seyn werde. Wilhelmine erinnerte sich des Hofmarschalls und des Grafen von Nimmer, sie glaubte, daß diese mächtigen Patrone sie gewiß nicht würden verlaßen haben, wenn man sie um Hülfe ersucht hätte. Da sie bey der Schwachheit ihres Körpers nichts von der Lebhaftigkeit ihres Geistes verlohren hatte, so fing sie an, muthige Hofnung zu hegen, daß durch mächtige Vorworte vielleicht ihr Schicksal noch könnte geändert werden. Sie wendete alle Kräfte an, ihren Mann zu bereden, daß er nach der Stadt gehen und bei seinen Gönnern Hülfe suchen sollte, welches Sebaldus endlich versprach. Es ward ferner verabredet, daß man die Pfarrwohnung nicht freiwillig räumen wollte, und Wilhelmine wuste viele zureichende Gründe anzuführen, warum Gewalt weder gebraucht werden könnte noch würde. So lange man nur im Besitz wäre, glaubte sie, könnte noch wohl die Absetzung widerrufen werden. Mit diesen Ueberlegungen beschäftigten sie sich bis auf den Abend, da sie sich etwas beruhigt niederlegten. Eben dis that auch Tuffelius, nachdem er mit lauter Stimme seinen Abendsegen abgelesen, und ein Abendlied von zehen Versen gesungen hatte, wir wissen aber nicht genau, ob es Der Tag hat sich geneiget, oder Nun sich der Tag geendet hat, gewesen sey.

Fünfter Abschnitt.

Den andern Morgen früh ging Sebaldus bey Sonnenaufgang nach der Stadt. Wilhelminen hatten ihre süße Hofnungen eine ruhige Nacht verschaft, wodurch sie merklich gestärkt ward. Sie ließ sich einige Stunden nachher in einem Großvaterstuhl setzen, trank Thee, und hielt den Kopf der kleinen Charlotte, die selbst die Nacht sehr unruhig zugebracht hatte, und über Hitze und Bangigkeit klagte. Sie wollte sich eben von Marianen etwas aus Wielands Sympathien vorlesen laßen, als Tuffelius unangemeldet in ihr Schlafzimmer trat. Er war im Schlafrocke, und hatte eine von seiner eigenen Hand sehr weiß gepuderte Perucke aufgesetzt. »Ich freue mich, sagte er, (nachdem er ihr in dem Herrn Friede gewünscht hatte) Sie ausser dem Bette und so gesund, stark und munter zu sehen, welches sehr gut ist, indem Sie mir anheute ohne Widerrede das ganze Haus einräumen müssen.« Wilhelmine, ganz erstaunt, stellte ihm die Unmöglichkeit vor. Tuffelius erwiederte aber: »Es kan kein fernerer Aufschub statt finden. Auf nächstkünftigen Sonntag wird meine Introduction vor sich gehen, daher wird der Herr Generalsuperintendent des Sonnabends bey mir abtreten, dazu muß ich in meinem Hause alle nöthigen Anstalten machen, zumahl da er die Jungfer Ursula Stauziin mit sich bringen wird, mit welcher ich mich in ein christliches Eheverlöbniß eingelaßen, so ich Ihnen aus nachbarlicher Freundschaft hiemit will notificirt haben. Säumen Sie also nicht ferner. Es stehet geschrieben: Bittet, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter, itzt sind wir mitten im Sommer, und Sie können also wohl zufrieden seyn.« Hiebey blieb es. Wilhelminens Gründe, Marianens Bitten, Charlottchens Weinen und Aechzen, ob sie sich gleich ihm zu Füssen warf, halfen nichts. Er führte sie säuberlich, eine nach der andern zur Thüre hinaus, wo sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen vier fürstliche Trabanten von einem Unterofficier befehligt, vorfanden, durch dieselben ließ Tuffelius, alles was im Hause befindlich, sehr behutsam auf die Straße setzen, und gab selbst Achtung, daß nicht das geringste zerbrochen ward.

Es war heller Sonnenschein, da dis geschah, hingegen war es freilch Tuffelius Schuld nicht, daß eine Viertelstunde darauf ein starker Regen fiel. Wilhelmine mit ihren Kindern suchte sich unter einen am Hause gelegenen Schuppen vorm Regen zu verwahren. Alle Bauern waren zusammengelaufen. Sie hätten bey einer andern Gelegenheit ihrem Pfarrer freilich nachdrücklich Hülfe geleistet. Aber der Anblick der fürstlichen Uniform und des blanken Pallasches des Unterofficiers, erinnerte sie ihrer treugehorsamsten Pflicht. Einer kratzte sich den Kopf, der andere schüttelte den Kopf, und so gieng einer nach dem andern weg, bis sie der Regen vollends zerstreute.

Nur ein Bauer, den Sebaldus bey einem gewissen Vergehen, wegen dessen er ihn hätte zur Kirchenbuße zwingen können, mit einer bloßen liebreichen Ermahnung bestraft hatte, ließ sich das Elend zu Herzen gehen. Er führte Wilhelminen mit ihren Kindern in sein Haus, und holte mit seinem Knechte ihre Sachen nach, die er bis auf weitere Anordnung wenigstens vor dem Regen sicher stellte.

Sebaldus war unterdessen in der Stadt angekommen. Sein erster Gang war zum Hofmarschall, bey dem er sich melden ließ, und auch nach einem halbstündigen Warten vorgelaßen ward. Der Hofmarschall war nicht mehr eben derselbe, der er vor einigen zwanzig Jahren gewesen war, als er Wilhelminen dem Pastor zuführete. Er hatte sich unterdessen mit der schönen Clarisse vermählet. Dis war ein eitles, verschwenderisches, cokettes Ding, bey der er wenig vergnügte Stunden hatte. Sie verschwendete seine Güter, putzte sich den halben Tag, und brachte die andere Hälfte mit ihren Liebhabern zu, die sie alle vier Wochen abwechselte. Ihren Gemahl bekam sie nicht zu sehen, als wenn sie Geld zur Bezahlung ihrer Spielschulden von ihm zu fordern, oder sonst mit ihm zu zanken hatte, und endlich nach einem zehnjährigen Ehestande starb sie im Wochenbette, woran, wie damalige Hofnachrichten bezeugen, der Hofmarschall gar nicht schuld zu seyn glaubte. Er auf seiner Seite hatte mehr als fünf und zwanzig Jahre lang, wie es einem treugehorsamsten Hofmarschall gebühret, allen Hoffesten Ehre gemacht, und zur Ehre des Fürsten dessen Wein nie gesparet, sondern hatte alle durchreisende hochadeliche, freyherrliche und gräfliche Layen, redlich unter den Tisch getrunken, hingegen war er auch freilich von manchen geistlichen Herren, als Aebten, Domherren, Mönchen, Capitularen, deutschen Rittern und Maltheserrittern, wieder redlich unter dem Tisch getrunken worden. Er hatte auf diese Art in den Diensten der gnädigsten Landesherrschaft, seine Gesundheit, und den größten Theil des Vermögens, das ihm die schöne Clarißa übrig gelaßen hatte, zugesetzt. Er glaubte also ein Recht zu haben, für seine treugeleisteten Dienste mit einer ansehnlichen Pension auf Lebenszeit belohnt zu werden. Er hatte damals vor einigen Wochen darum angehalten, hatte aber statt derselben in sehr gnädigen Ausdrücken seinen Abschied, mit dem Predicat, als fürstl. Geheimderrath erhalten. Seit dieser Zeit hatte er zum öftern Anfälle von Devotion, die mit den Anfällen vom Stein, vom Chiragra und Podagra abwechselten, und itzt da Sebaldus ihm aufwarten wollte, hatte er eben einen Anfall von Devotion, Chiragra und Podagra zugleich. Er lag auf einer Servante, von Mahagoniholze lagen Goezens Todesbetrachtungen auf alle Tage, und der wohlgerüstete Himmelswagen nebst den Frankfurter Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitungen. Sobald der Schmerz in den Händen und Füßen zu arg ward, ergrif er eins von den Büchern, und laß überlaut eine Betrachtung oder Gebet über das andere, und um desto heftiger und lauter je ärger der Schmerz war; so bald er aber nachließ, ergriff er die Zeitungen, um sich an den Berichten von den grausamen Metzelungen, die die Reichsexecutionsarmee unter den Preußischen Heeren zuletzt angerichtet hatte, in der Stille das Herz zu laben. Eben beym Zeitungslesen traf ihn Sebaldus an, und dis war für sein Anliegen eben nicht vortheilhaft. Der Hofmarschall fuhr ihn ziemlich darüber an, daß er nicht Busse gepredigt hätte, anstatt durch seine Predigt eine Armee zu verstärken, von der, wenn das verwünschte Recrutiren nicht wäre, schon kein Mann übrig seyn müste. Er hielt ihm dabey eine lange Predigt vom deutschen Vaterlande, die der berühmte Verfasser des deutschen Nationalgeistes und der Reliquien, irgendwo auch einmal gehöret haben muß, weil man in diesen Büchern wörtlich wieder findet, was damals der alte podagrische Hofmarschall zum Pastor Sebaldus sagte. Nachdem diese Lection eine halbe Stunde gewähret hatte, kam er auf Sebaldus Anliegen zurück, wegen deßen er ihn an den Consistorialpräsidenten verwies. Doch versicherte er ihn, als ein alter Hofmann, höflich bey allen Gelegenheiten seiner Protection. Sebaldus fuhr nach dem Schlafrockzipfel, um ihn zu küssen, welches er auch ruhig geschehen ließ. Hingegen hob er seine Hand auf, um an seine Schlafmütze zu greifen, weil er aber vermuthlich vergaß, daß er die Hand nicht wohl beugen konnte, empfand er plötzlich einen so empfindlichen Schmerz, daß er ein Sacr** ausrief, sogleich nach Goezens Todesbetrachtungen griff, und laut an zu lesen fieng: Betrachtung am 15ten Junius.

Sebaldus war durch diesen Besuch wenig getröstet worden. Er suchte seinen Freund Hieronymus auf, hörte aber, daß derselbe verreiset wäre. Er ging daher nach einem Wirthshause, wo er den Rest des Tages blieb. Den andern Morgen frühe machte er sich nach Rennsdorf, dem Sitze des Grafen von Nimmer, auf, wo er gegen eilf Uhr ankam. Diese Zeit, die dem bürgerlichen Theile der menschlichen Gesellschaft beinahe Mittag ist, war für den Hochgräflichen Greis kaum Morgen. Seit einer halben Stunde ohngefehr hatte er das Bette verlaßen, hatte das wichtige Geschäfft des Küchenzettels abgefertigt, und war itzt beschäftigt, auf einem weichen Sofa seine Chocolate einzuschlürfen, und auf die Verdauung der gestrigen Mahlzeiten zu warten. Sobald sich Sebaldus anmelden ließ, ward er sogleich vorgelaßen. Er näherte sich mit wenigstens zwanzig Bücklingen dem hochgräflichen Lager, und stamlete etwas einem Complimente ähnliches, welches der Graf, in eine Frage nach seinem Befinden verdolmetschte, und nach verschiedentlichem Räuspern antwortete: »Nicht recht wohl mein lieber Herr Pastor, mein böser Morgenhusten quälet mich alle Tage mehr! Ich kann nichts mehr eßen. Gestern habe ichs nur einmal gewagt, eine Auerhahnpastete zu kosten, die liegt mir heute noch im Magen. Ich bin gar zu schwach. Selbst die astrakanschen Melonen wollen mir nicht bekommen, die Ananas machen mir Blähungen. Ich habe mir heute blos ein einziges Ragout fin bestellt, ich muß heute fasten, um meinen Magen wieder herzustellen. Aber ists nicht elend, mein lieber Herr Pastor, wenn man nicht eßen kann.« Sebaldus antwortete mit einem tiefen Seufzer: »Ja wohl, Ew. Hochgräfl. Gnaden, beinahe eben so schlimm, als wenn man nichts zu eßen hat, ich befürchte beinahe, daß ich in diesem Fall –« der Graf fiel ihm ins Wort: »Sie haben Recht, lieber Herr Pastor, bald wird man auch gar nichts zu eßen haben, der leidige Krieg verderbt alles. Ich habe vorigen Winter recht elend zugebracht. Die Austern kamen sehr unrichtig an. Den ganzen Winter über habe ich aus Preußen kein Birkhuhn gesehen, auch Stör bekomt man nicht. Sehen Sie, Herr Pastor, ich bin ein deutscher Patriot, ich kann das französische Eßen nicht leiden. Ich kann ihre Consommés à la Cardinale, ihre C—les d'agneau frites nicht ausstehen. Lieber Herr Pastor, wir müßen bedenken, daß wir Deutsche sind. Wir können uns zwar die guten französischen Brühen gefallen laßen, aber unsere Speisen selbst müssen deutsch seyn. Ich weiß was in allen deutschen Provinzen das Beste ist. Wenige Leute verstehen Z. B. hier zu Lande, was eine pommerische große Murähne ¾ Ellen lang, oder eine Flinder von der Insel Hela, oder ein berlinischer Sander für Dinge sind, die habe ich sonst posttäglich bekommen. Aber izt Herr Pastor, izt ist alles aus. Ich habe mir im vorigen März aus Hanau eine kalte Pastete, und aus Frankfurt am Mayn einen gewürzten Schwartenmagen kommen laßen, den haben die preußischen Husaren bey Fulda aufgefangen, welcher Teufel soll denn auch denken, daß die Kerlen schon im März aus den Winterquartieren seyn werden. Im vorigen October sollte ich Krammetsvögel vom Harze bekommen, die hatten die Lucknerischen Husaren sich auch wohl schmecken laßen. Im Februar habe ich Fasanen aus Böhmen verschrieben, ja! wenn nicht die Gränitzer bei Wilsdruf gestanden hätten! Die Franzosen machens nicht beßer. Meine westphälische Schinken, und den Champagner, in dem ich sie wollte kochen laßen, haben sie im vorigen Monate in Bielefeld geplündert. Da sieht mans klar, daß es ihnen mehr um die westphälischen Schinken, als um den westphälischen Frieden zu thun ist. Ich ließ mir Caviar aus Königsberg kommen, da haben die Rußen die Post bey Cößlin angehalten, und bey Colberg auf die Flotte gebracht. Ich mögte nur wißen, was mein Caviar auf der Flotte zu thun hätte, ich habe niemals ein Korn davon zu kosten bekommen. Izt habe ich aus Sonnenburg Krebse verschrieben, Herr Pastor, dis sind die schönsten Krebse an Größe und an Geschmack, aber die werden wohl die Schweden speisen, denn die Erlangische Kriegs- und Friedenszeitung schreibt, daß sie nächstens in Berlin seyn werden. So sind wir allenthalben mit Feinden umgeben, die uns alles wegnehmen. Kein Wunder wenn wir schon ganz ausgehungert sind.« Indem er dis sagte, kam der Cammerdiener, und fragte, ob es Sr. Hochgräflichen Gnaden gefällig wäre, das Frühstück zu sich zu nehmen. »Ja, sagte der Graf, und gebt noch ein Couvert für den Herrn Pastor. Sie müßen wißen, fuhr er fort, daß ich meinen Küchenzettel zu Mittag und Abend selbst mache, aber das Frühstück zu wählen überlaße ich meinem Koche, der sinnet denn mir jeden Tag etwas neues zu machen, das ist mir unerwartet, und reizt ein wenig den Appetit. Wir wollen einmal sehen, was wir heute gutes zum besten haben. Aha! einen Capaun, und mit Trüffeln gefüllt, – nicht übel, hier haben Sie Herr Pastor« – hiemit legte er dem Sebaldus ein Stück vor, und nun ging weiter kein Wort aus seinem Munde, so daß Sebaldus, nachdem er ein paar Stücken verzehret, Zeit genug hatte, seine und seiner Familie Noth vorzutragen. Der Graf schüttelte dabey den Kopf, sagte mit vollem Munde manches Hm, und brach endlich aus: »Herr Pastor ich wüste nicht, wie ich Ihnen helfen sollte, die Zeiten sind gar zu elend. Ja wenn die preußischen Einfälle nicht wären. Stellen Sie sich nur vor, daß gestern der Rittmeister, der eine Meile von hier auf Postierung stand, sechszehn Stück Rothwildpret in meinem Holze hat schießen laßen, und noch dazu meistens Riecken. Da mögte man vergehen, itzt in der Setzzeit.« Sebaldus versicherte Se. Gräfl. Gnaden, daß er von Ihnen keine weitere Unterstützung verlangte, als nur Dero hohes Vorwort bey dem Consistorialpräsidenten, damit er nicht aus der Pfarre geworfen werde. »Ja so, versezte der Graf, mein Vorwort wollen sie haben, ich bedaure, daß ich Ihnen damit nicht dienen kann, denn ich komme izt gar nicht mehr nach der Stadt, sehen Sie, man ißt da gar zu erbärmlich, zumal bey dem Präsidenten, dem komme ich in meinem Leben nicht wieder. Er hat mir vor einem halben Jahre eine Zwiebelsuppe und darin kleine nürnberger geräucherte Würste vorgesetzt, ich begreife gar nicht, wie eine menschliche Creatur sich mit so etwas nähren kann. Nein, Hr. Pastor, bleiben Sie heute Mittag bei mir, nur auf ein Gericht Gerngesehn, aber das doch besser seyn soll, als ein Tractament beym Präsidenten.« Sebaldus entschuldigte sich damit, daß er heute noch zu Hause seyn müße. »Nun, so bedaure ich, daß ich Sie nicht bey mir sehen kann. Leben Sie wohl, Herr Pastor, meinen Empfehl an Ihre Frau Liebste.« Sebaldus stand nach also erhaltenem Abschiede, voller Verwirrung auf, machte drey oder vier Bücklinge, griff dem Grafen nach dem Schlafrockzipfel, der ihn aber zurück schlug, und dafür den Pastor umarmete, der ganz verwirrt über diese gräfliche Gnade, wieder Bücklinge vorwärts und rückwärts zu machen anfing, so daß er nicht wußte, wie er zur Thüre herauskam, und da er heraus war, nicht wußte, ob er freudig oder betrübt seyn sollte.

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08 ekim 2025
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9788026836391
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