Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 4
Indessen da er eine kleine Strecke gegangen war, fing die Betrübniß an, die Oberhand zu gewinnen. Er sahe nur allzuwohl ein, daß er nunmehr alle Hofnung verlohren hätte, von seinen Gönnern einige Hülfe zu erlangen. Er kam mit traurigem Gemüthe nach Hause. Aber wie groß war sein Entsetzen, da er sein Haus von einem andern eingenommen, seine Familie in einer fremden Hütte, seine Frau und seine jüngste Tochter auf dem Krankenbette, und seine älteste Tochter ganz in Thränen zerfließend antraf! Er sank trostloß auf eine Bank nieder, stand nach einigen Minuten auf, umarmte seine Frau und seine Kinder. »Ich bin nicht so glücklich gewesen, sagte er, bey Menschen einige Hülfe für uns zu finden, wir müßen alle Hülfe von dem allmächtigen Gott erwarten, und der wird die unglückliche Unschuld nicht verlassen.«
Sechster Abschnitt.
Wilhelminens Krankheit nahm sehr schnell zu, und bey der kleinen Charlotte, die einige Tage in der äussersten Hitze lag, fingen sich an die Pocken zu zeigen. Der ehrliche Bauer pflegte sie so sehr, als es seine eigene nothdürftige Umstände erlaubten. Er gab ihnen seine einzige Stube ein, schlief mit Sebaldus abwechselnd in der Scheune, und wachte mit ihm abwechselnd bey den Kranken. Mariane aber kam ihrer kranken Mutter und Schwester nie von der Seite. Alles was möglich war, um ihnen Erleichterung zu verschaffen, that sie, aber leider! war nur sehr wenig möglich. Mit jedem Tage vermehrte sich das Elend. Wilhelmine in der äussersten Entkräftung, Charlottchen mit zusammenfliessenden Eiterbeulen überdeckt, keine Arzney, wenig Speise, keinen Freund ausser dem ehrlichen Bauer, keine Hofnung, daß dieser Zustand verbessert werde, keine Aussicht wie man in diesem Zustande fortleben könne. Schon seit einigen Wochen hatte die Familie von dem Verkaufe einiger Wäsche und Mobilien gelebt, die der Bauer, wenn er zu Markte fuhr, in der Stadt verkaufte. Es war zu übersehen, daß diese kleine Hülfe nicht lange dauren könnte. Hernach zeigte sich der kommende Winter, keine Nahrung, kein Obdach, das bitterste Elend. »O großer Gott, rief Sebaldus aus, verdienet eine Abweichung von den symbolischen Büchern, daß eine Familie, die beständig nach deinen Geboten zu wandeln beflißen gewesen, in den kläglichsten Mangel gestürzt werde!«
Inzwischen beschäftigte das gegenwärtige und vergangene Elend den Geist viel zu sehr, als daß oft an das künftige gedacht werden konnte. Jeder Tag sezte zu der großen Masse des Kummers seinen reichlichen Antheil hinzu. Charlottgens Krankheit stieg schnell bis auf den äußersten Gipfel. Je mehr die Säfte ihres Körpers in die schreckliche Gährung geriethen, durch die alle Theile aus der Mischung, in der sie sich einander zusammenhalten und ernähren, in die versezt werden, in der sie sich einander zerstören und auflösen, desto mehr nahm ihr zarter Geist an gezwungener Stärke, an tumultuarischer Thätigkeit zu. Phantasien traten an die Stelle der Empfindungen, und ein taubes Hinbrüten an die Stelle der sanften Ruhe, die Körper und Geist erquickt. Sie gerieth endlich einen Tag lang in einen betäubenden Schlummer, aus dem sie mit der Heiterkeit einer gesunden Person erwachte, sie streckte ihre kleine Hände mit einem zärtlichen Lallen nach dem Bette ihrer schwachen Mutter aus, redete ihren Vater und ihre Schwester an, die sie seit acht Tagen, bey aller zärtlichen Bemühung derselben ihr zu helfen, nicht gekannt hatte, richtete ihr Haupt auf, forderte ihres Vaters Segen, aber indem er einen Schritt zu ihr trat, sank sie zurück in die Arme ihrer Schwester, die sie unterstützen wollte. Mariane that einen lauten Schrey, Sebaldus fiel auf den todten Körper, die schwache Wilhelmine richtete sich auf, als ob sie ihrer Tochter helfen wollte. Umsonst! sie war dahin. Nun sank Sebaldus in die tiefe Betäubung, die keinen Theil des Elends einzeln empfindet, weil das Ganze die Seele völlig eingenommen hat. Auch Marianens Kräfte reichten nicht zu, so viel Unglück zu ertragen. Sie fiel unter einem Strome von Thränen auf ihr Lager, und blieb den ganzen Tag in einer betäubenden Mattigkeit, ohne daß sie im Stande war, ihrer kranken Mutter die gewöhnlichen zärtlichen Liebesdienste zu leisten. Wilhelmine aber, die bisher in der äußersten Entkräftung gelegen hatte, rief alle ihre Lebensgeister hervor, um ihr überschwengliches Elend zu empfinden, denn bey großer Traurigkeit ist die Traurigkeit selbst der einzige Genuß, und daher der Seele angenehm. So schwach sie war, so wendete sie Kräfte an, bald zu klagen, bald zu seufzen, bald, weil selbst der Anblick der Leiche ihre Zärtlichkeit stärker auf die Lebendigen zog, um ihren Mann und ihre Tochter zu trösten. Sie wollte sogar aufstehen, um denen Handreichung zu leisten, deren Handreichung sie selbst nöthig hatte. Aber hier merckte sie, daß ihr Körper schwächer war, als ihr Geist. Sie fiel ermattet nieder, und konnte nur noch blos durch Zureden Trost geben. So brachte diese unglückliche Familie eine Nacht und einen Tag zu, ihr Elend ganz zu empfinden, und einen sehr kleinen Theil davon durch wechselseitigen Trost zu erleichtern. Am Ende dieses Tages fühlte Wilhelmine schon, daß sie mehr Kräfte hatte anwenden wollen als sie besaß, sie fiel Abends in eine außerordentliche Ermattung, und in ein mit vieler Hitze verknüpftes Fieber. Kaum konnte sie gegen Mitternacht einen unruhigen unerquickenden Schlaf genießen. Sie brachte den folgenden Tag in einem schmachtenden Zustande zu. Gegen Abend ergriff sie das Fieber mit viel stärkerer Hitze, sie erwachte des andern Morgens bey Sonnenaufgang äusserst entkräftet, und empfand etwas, dergleichen sie noch nie empfunden hatte. Sie legte ihre Hand in die Hand ihres Mannes, der nebst Marianen die ganze Nacht über nicht von ihrem Bette gewichen war, und sagte mit schwacher Stimme: »Ich sterbe, ich fühle es. Vergeben Sie mir es, mein lieber Mann, daß mein unbedachtsamer Enthusiasmus, den ich oft genug bereuet habe, die unerwartete Folge gehabt hat, Sie und unsere ganze Familie unglücklich zu machen. Der Tod fürs Vaterland ist der Vorwand unsers Unglücks; wollte Gott, ich könnte ihn sterben diesen Tod! Doch ich würde achten, daß ich fürs Vaterland gestorben wäre, wenn unser Unglück von einer empfindsamen Seele nacherzählt, unsere Geistlichen warnen könte, wegen Verschiedenheit der Lehre nicht die bittere Feindschafft aufeinander zu werfen, die die eigentliche Ursach unsers Unglücks ist. Meine Absicht war gut. Mich und unsere Feinde richte der allmächtige Gott, der das innerste der Herzen kennet. Lebe wohl, meine liebe Tochter, lebe so, wie dich deine Aeltern gelebter haben, tugendhaft und unsträflich. Gott gebe, daß du deinen Bruder noch einmahl glücklich wieder sehest. Ists möglich, so unterstütze deinen alten Vater, so lange er lebt. Gott sey dein Erhalter! Seiner Vorsorge empfele ich dich, denn leider von Menschen bist du verlaßen! Umarme mich!« – Hier entrannen zwo Thränen ihren sich brechenden Augen, deren jedes nicht mehr Feuchtigkeit in sich zu halten schien, als nur eine einzige Thräne. Mariane küßte sie auf, und drükte ihren Mund auf den Mund ihrer Mutter, deren Haupt in diesem Augenblick sanft auf ihre linke Schulter sank, und die matten Hände glitten ab, die sie eben um ihre Mariane schlingen wollte. Sie entschlief. Mariane hatte nur noch Kraft, ein wimmerndes Seufzen hören zu laßen, indem sie ihr nochmals den kalten Mund küßte, und hernach sanft die Augen zudrückte. Sie fiel stumm in ihren Stuhl zurück, ohne Thräne, gleich einem unbeweglichen Bilde. Sebaldus in thränenloser Verzweifelung, stumm und staunend, saß ohne Bewegung, außer, daß er seinen düstern Blick von der Leiche seiner kleinen Tochter zu der Leiche seiner Frau wendete. So saßen zwischen zwo geliebten Leichen zween Lebende, todtenähnlich, in stummen Todeskummer. Der einzige Laut den man hörete, war von dem gutherzigen Bauer, der auf der Bank am Ofen sitzend, den Kopf an die Wand gelehnt, innerlich schnuckte.
So saßen sie, und der Mittag war vorbey, ohne daß jemand sich gereget, oder etwas zu sich genommen hätte, als ein Mann in einem großen Reiserocke und in einer Reisekappe vor der Thür vom Pferde abstieg, und in die Stube trat. Es war Hieronymus, der in seinen Geschäften verreiset gewesen war. Weil ihn sein Rückweg durch dieses Dorf führte, so wolte er seinen alten Freund den Pastor besuchen. Er fand aber im Pfarrhause, anstatt seines Freundes, den Magister Tuffelius und den Superintendenten, die eben abgespeist hatten, und nach Tische noch bey einem Glase Wein, von alten Geschichten, von der Convention von Closter-Seven und von dem Atheismus der in den Brandenburgischen Landen, statt der symbolischen Bücher eingeführt werden solte, u. d. gl. sich unterhielten. Sie nöthigten ihn aufs freundlichste hinein, so bald er aber von ihnen den ganzen Vorgang erfahren hatte, setzte er sich alles Nöthigens ohngeachtet wieder zu Pferde, und ritt nach dem ihm bezeichneten Bauerhause.
Hier fand er den traurigsten Anblick. Das Kind im Sarge, die Mutter erblasset, die Tochter halb ohnmächtig, den Vater vor Schmerz betäubt, den gutherzigen Bauer, der anfing ihnen Trost zuzusprechen, da er selbst Trost nöthig gehabt hätte. Beym Anblicke des Hieronymus ergoß sich das weiche Herz der Mariane in einen Thränenstrom. Sie zeigte auf die Leiche ihrer Mutter und Schwester, ihre Blicke sagten mehr, als ihre gestamleten Worte. Hieronymus brachte auch Thränen anstatt Worte herfür. Mariane fiel von Thränen erschöpft in seinen Armen in Ohnmacht. Er brachte sie mit Hülfe des gutherzigen Bauers wieder zu sich. Nun ging seine Sorge auf Sebaldus, der, starre Blicke auf beide geliebte Leichen geheftet, ohne alle Empfindung dessen, was um ihn vorgieng, da saß. Auf alles Zureden des Hieronymus, antwortete er nur durch abgebrochene Worte, tiefe Seufzer und starre Blicke gen Himmel. Endlich stand er auf, hob seine beiden Hände empor, faltete sie, und brach in apocalyptischer Entzückung folgendermaßen aus: »Ja, ich habe Unrecht, o meine verklärte Wilhelmine, dich zu beklagen, daß du einer Welt voll Elend, voll Betrug, voll Bosheit bist entrissen worden: wo das Laster in güldenem Stücke gehet, wo Tugend und Menschenfreundschaft betteln muß, wo fühllose Priester noch jenseits dieses Lebens ihre Verdammungen ausspenden. Wohl dir, daß du gestorben bist! Zwar betrübt mich dein Abschied jetzt sehr, aber o wie sehr viel freudiger wird unsere Zusammenkunft seyn, wenn wir uns in dem himmlischen Jerusalem wiedersehen werden, wo kein Verbannetes mehr seyn wird, wo wir sehen werden den lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Crystall, wo die, die da siegeten an dem Thiere und seinem Bilde und an der Zahl seines Namens, stehen werden, und haben Gottes Harfen, und singen das Lied Mosis und das Lied des Lämmleins, und sprechen: Groß und wundersam sind deine Werke, Herr Gott, Allmächtiger, gerecht und wahrhaftig sind deine Wege du König der Nationen! Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen, weil du so gnädig bist!«
Mit diesen und andern Worten der Apocalypse tröstete sich Sebaldus, und suchte Kräfte, sein Leid zu ertragen. Hieronymus ließ ihn in dieser beruhigenden Extase, gieng zu seinem Mantelsacke, der noch auf dem Pferde lag, holte daraus ein paar gebratene Hüner, und unter einem seiner Pistolenhulfter, eine geschliffene Flasche Rheinwein hervor, denn er pflegte auf Reisen, die Pistolen für seine Feinde, und den Wein für seine Freunde bey sich zu führen. Er zog seinen schweren Reiserock aus, und bereitete in der Scheune das Mahl, von dem er und der Bauer ihrer Traurigkeit ungeachtet, dennoch herzlich aßen, weil sie beide hungrig waren. Sebaldus und Mariane aber, nahmen auf wiederhohltes Zureden, wenigstens so viel zu sich, daß der Körper in den Stand gesetzt ward, die Bekümmernisse der Seele besser zu ertragen.
Nach der Mahlzeit trug Hieronymus mit dem Bauer, Wilhelminens erblassten Körper, und den Sarg der kleinen Tochter in die Scheune, die dem Sebaldus bisher zum Nachtlager, und noch kürzlich zum Speisezimmer gedient hatte. Er rieth Sebaldus und Marianen, nunmehr ihren Körper zu pflegen, da sie die Todten nicht mehr pflegen konnten. Er versprach in zween Tagen wiederzukommen, und für Wilhelminens und des Kindes Begräbniß zu sorgen. Zuletzt erbot er sich, alsdenn Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt zu nehmen, wo sie ihm in seinem Hause willkommen seyn solten. Beide nahmen ein so freundschaftliches Anerbieten mit Dank an. Hieronymus bat Vater und Tochter nochmals, ihre Traurigkeit zu mäßigen, gab, als er seinen Reiserock aus der Scheune holte, dem Bauer etwas Geld, um sie besser pflegen zu können, umarmte sie, und ritt nach Hause.
Siebenter Abschnitt.
Nach zween Tagen erschien Hieronymus, vor des Bauers Hütte, abermals zu Pferde. Ihm folgten zween von seinen Kornwagen, leer, nur daß auf einem ein Sarg stand. In diesen ward Wilhelminens Leichnam geleget. Unterdessen daß der Bauer mit seinen und Hieronymus Knechten des Sebaldus sämtliche Mobilien auf die Wagen packte, ging Hieronymus zum Mag. Tuffelius, um für die doppelte Beerdigung die Gebühren zu bezahlen. Tuffelius bezeigte über des Sebaldus Unfälle ein christliches Mitleiden, versicherte, daß er gegen denselben gar keine Feindschaft hege, und um sein verträgliches Gemüth zu zeigen, erbot er sich sogar, der sel. Frau Pastorin eine öffentliche Leichenpredigt zu halten, wenn es dem Herrn Hieronymus beliebte die Gebühren dafür zu entrichten. Dieser fand es aber eben nicht nöthig, und kehrte nach dem Bauerhause zurück, wo er mit Beyhülfe des gutherzigen Bauern die Beerdigung beider Leichen besorgte, und unmittelbar darauf Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt nahm.
Sie hielten sich einige Monate in Hieronymus Hause auf, ohne daß ihnen der geringste Unfall begegnet wäre. Zwar hielt D. Stauzius, den Sonntag nach ihrer Ankunft, eine scharfe Gesetzpredigt über den Spruch: einen ketzerischen Menschen meide, worinn er sehr deutlich zeigte, daß derjenige, der einen ketzerischen Menschen beherberget, sich seiner Sünden theilhaftig machet, welches er mit 2 Joh. v. 10. bestätigte. Doch hatte er das Misvergnügen, daß diese Predigt gar nicht auf Sebaldus, sondern auf einen katholischen Zuckerbecker gedeutet ward, den der Fürst hatte aus Wien kommen lassen. Und da durch Veranlaßung dieser Predigt, auf dem eben vorseyenden Landtage, die Ritterschaft aus diesem Zuckerbecker ein Landesgravamen machte, und Sr. Durchl. in Unterthänigkeit vorstellte, daß das süße Confect dieses Mannes die Bitterkeit der papistischen Lehre nimmermehr versüßen könte, so bekam D. Stauzius noch dazu aus dem Fürstl. Cabinette einen Verweis, den er zu den Trübsalen rechnete, die der Satan frommen Lehrern erwecket, und ihn in Geduld ertrug, bis er in der am Ende des Landtages zu haltenden Predigt, sich wider diejenigen die den Wächtern Zions ihre Wachsamkeit verweisen, mit Nachdruck erklären könnte.
Sebaldus und Mariane, die die ihnen zugedachte Abkanzelung nicht einmahl erfahren hatten, lebten indessen sehr ruhig und vergnügt. Mariane beschäftigte sich mit weiblichen Arbeiten und mit dem Unterricht zweyer kleinen Töchter des Hieronymus. Sebaldus aber, brachte die meiste Zeit in Hieronymus Laden zu, um aus alten prophetischen Schriften Collectaneen zu seinem apocalyptischen Commentar zu sammlen. Er durfte auch nicht befürchten, daß ihn hier etwa einer von seinen Feinden stören möchte, denn weder der Präsident, noch der Superintendent hatte im Buchladen etwas zu thun. Der erste war ein Genie, und als ein solches hielt er es für sich nicht anständig, viel zu lesen, der andere erwartete alle Wirkung seiner Predigten von der seligmachenden Gnade, und hielt also alle menschliche Gelehrsamkeit für ganz überflüßig.
So zufrieden aber auch Sebaldus und Mariane in dem Hause ihres freundschaftlichen Wirthes waren, so lagen sie ihm doch beständig an, für sie Posten zu finden, in denen sie ihren Unterhalt erwerben könnten. Kurz darauf fand sich eine gewünschte Stelle für Marianen, denn als Hieronymus wieder in Geschäften verreiset war, erfuhr er, daß eine adeliche Dame, eine französische Demoiselle zu Erziehung ihrer beiden Fräulein verlangte. Hierzu schlug er Marianen vor, die auch sehr gern darin willigte. »Diese Stelle, sagte Hieronymus, scheint für Sie sehr vortheilhaft zu seyn, aber ich rathe Ihnen, nicht Ihren Namen zu führen. Diese Dame ist eine weitläuftige Verwandtin des D. Stauzius, und ich befürchte, er mögte aus Rachgier Ihnen auch dort üble Dienste leisten. Und ob es gleich heißt, daß Sie zur Erziehung der jungen Fräulein berufen werden, so ist doch, wie ich merke, die Uebung in der französischen Sprache, das vornehmste, das von Ihnen verlangt wird. Ich habe Sie also, als die Tochter eines von den Russen vertriebenen französischen Predigers aus einem Städtgen der Neumark angekündigt. Dessen Namen müssen Sie also führen, weil der Namen vielleicht nicht wenig beigetragen hat, daß Sie andern Competentinnen. sind vorgezogen worden.«
Mariane nahm also einen französischen Namen an, ob in en oder in ere, oder in on, oder in ac, haben wir nicht eigentlich erfahren können, und reisete mit demselben, und einem Empfelungsschreiben des Hieronymus versehen, nach dem Gute der Frau von Hohenauf ab, welches sechszehn Meilen von der fürstl. Residenzstadt entlegen war.
Ende des ersten Buchs.
Zweytes Buch
Erster Abschnitt.
Sebaldus hatte seine Mobilien gröstentheils verkauft, und das daraus gelösete wenige Geld Marianen zur nöthigen Einrichtung mitgegeben. Er hatte sich in den Zustand jenes Philosophen versetzt, daß er alles das seinige bey sich tragen konnte. Nunmehr bestand er darauf, auf irgend eine Art, und wo möglich, ausser der Stadt, in der seine Feinde wohnten, selbst sein Auskommen zu verdienen. Nach einiger Ueberlegung, nahm ihn Hieronymus mit sich, als er nach Leipzig zur Messe reisete, wo er ihm bald bey einigen großen Druckereyen die Stelle eines Correctors verschaffe. Sebaldus miethete eine kleine Dachstube im sechsten Stockwerke, und war bey seinem obwohl dürftigen Auskommen überaus vergnügt mit seinem Zustande, weil er nur ein Drittel des Tages mit Correcturen zu thun hatte, und die übrige Zeit auf seine apocalyptische Erklärung wenden konnte, die ihm, wie ein alter Freund, in seinen Widerwärtigkeiten nur noch lieber geworden war.
Ob übrigens Sebaldus zuerst den Herrn D. Ernesti oder den Herrn D. Crusius besucht habe, wissen wir nicht. Vielleicht hat er bedacht, daß ein armer Corrector nicht so leicht zu einem vertraulichen Umgang mit solchen Männern gelange, und daß es unnütz sey, einen Gelehrten auf eine halbe Viertelstunde zu besuchen, um sein Gesicht zu begaffen, und ist also gar zu Hause geblieben. Ob er jemals Prof. Gellerts moralischen Vorlesungen beigewohnt, oder jemals mit Mag. Froriep über die symbolischen Bücher, oder über die Nunnation der arabischen Nennwörter disputirt habe, läßt sich auch so genau nicht sagen. Ob er in der Nicolaikirche, des in Leipzig und dessen sämtlichen Vorstädten berühmten Mag. Matthesius salbungsvolle Predigten wider die Schaubühne mit angehört, oder ob er zu eben der Zeit da sie gehalten worden, im Kuchengarten, des eben so weit berühmten Händels von Butter triefende Maulschellen und Wetzsteine verzehret habe, darüber sind gar keine Nachrichten vorhanden.
Es haben sehr ernsthafte Gelehrten behauptet, daß die Wahrheit das Wesen der Geschichte sey. Wir sind weit entfernt, Männern die so scharf demonstrirte Theorien der Geschichte zusammensetzen können, im geringsten zu widersprechen, nur haben wir uns unterstanden zu muthmaßen, daß ob man gleich in der Geschichte lauter wahre Begebenheiten erzehlen solle, man doch auch lieber den grösten Theil der wahren Begebenheiten können unerzählt laßen. Es sind funfzigtausend Bände voll Wahrheit über die Geschichte Deutschlands zusammengetragen worden, so daß der schon ein gelehrter Geschichtskundiger heißet, der nur den funfzigsten Theil dieser Wahrheiten gelesen hat. Dieser Ueberfluß von Wahrheit, hat manchen braven Deutschen zu dem angenehmen Lügner Voltaire geführet, der uns ein halbes Jahrhundert in wenigen Blättern übersehen läßt, aber dafür auch oft unverantwortlicherweise eine Hildegardis hinsetzt, wo eine Mathildis stehen solte, oder die Jahrzahl funfzig angiebt, wo die Jahrzahl sechzig solte angegeben werden. Der Unterschied zwischen unsern deutschen wahrhaften Geschichtschreibern, und den oft lügenhaften Franzosen, (woraus auch zu erklären ist, warum Häberlins Auszug der deutschen Geschichte ungleich corpulenter gerathen ist, als Voltairens allgemeine Weltgeschichte,) besteht darin: Der gelehrte Deutsche verschweigt dem Leser nichts, was er gewiß weiß, und das ist denn sehr viel, aber er bedenkt oft nicht, was der Leser zu wissen verlange, welches gemeiniglich sehr wenig ist. Hingegen der Franzose, der nur wenig weiß, thut sich auch darauf nichts zu gut, sondern erzählet nur das, was er meint, daß seine Leser zu wissen verlangen könnten, macht sich aber auch kein Bedenken, es ihnen zuweilen mit einer kleinen Brühe von Erdichtung schmackhafter zu machen.
Wir die wir diese Beyspiele vor uns sehen, spiegeln uns an denselben. Wir wissen von Sebaldus Aufenthalte in Leipzig sehr viele Umstände, die wir nicht wie die deutschen Geschichtschreiber, samt und sonders erzählen, sondern sie vielmehr mit einiger Verläugnung unterdrücken wollen, weil wir nach reifer Ueberlegung gefunden haben, daß unsere Leser weder Nutzen noch Vergnügen daraus schöpfen können. Hingegen soll auch die Wahrheit das Wesen dieser Geschichte bleiben, und wir werden daher keinesweges, gleich dem leidigen Voltaire, Umstände verstellen oder erdichten, um unsere Erzählung intereßanter zu machen. Damit man aber nicht etwa glaube, wir wüsten nichts, weil wir nichts sagen, so wollen wir, um das Gegentheil zu zeigen, aus der grossen Menge der vor uns liegenden Nachrichten, einige bey Sebaldus Aufenthalt in Leipzig vorgefallenen Abendgespräche mittheilen.
Neben der Dachstube des Sebaldus, wohnete auf einer andern Dachstube ein alter Magister, mit dem er bald Bekanntschaft machte, und mit ihm in kurzen vertraut wurde, weil es sich äusserte, daß derselbe, so wie er, an der Ewigkeit der Höllenstrafen zweifelte. Dieser Mann hatte gründliche Kenntnisse der alten Sprachen und alles dessen, was zur Philologie gehört. Er hatte die alten griechischen Philosophen fleißig gelesen, und sie mit den Schriften neuerer Philosophen verglichen, wodurch er gute Einsichten in die Philosophie erlanget hatte. Aber weil seine Kenntnisse nicht nach der Mode zugeschnitten waren, und weil er, sobald er mit Menschen reden solte, überaus schüchtern und ängstlich war, so hatte er sich nie getraut, um ein Amt, selbst nicht um ein Schulamt anzuhalten, man würde es ihm vielleicht auch nicht gegeben haben. Er war daher als Corrector bey verschiedenen Druckereyen, grau worden. Er kennte alle Vorfälle des Verleger- und Autorgewerbes. Denn gleichwie ein Lichtputzer in der Comödie, zuweilen einen stummen Staatsminister oder einen redenden Lakayen vorstellen muß; so war auch er, obgleich eigentlich nur ein Corrector, dennoch von seinem Verleger oft zum Uebersetzer, ja wohl gar zum Schreiber einer zuverläßigen Nachricht, oder schrift- und vernunftmäßiger Gedanken, gebraucht worden.
Einige Tage nach Sebaldus Ankunft, besuchte ihn der Magister, um den Abend bey einer sehr frugalen Abendmahlzeit zu verplaudern. Der Magister fragte, wie ihm Leipzig gefiele. Sebaldus der nichts für merkwürdig hielt, was nicht einem Buche ähnlich sahe, hatte auch in Leipzig nichts als die vielen Buchdruckereyen und Buchläden bemerkt. Ihm war gar nicht in die Augen gefallen, ob die Einwohner den Rang oder die Bequemlichkeit liebten, ob sie gesellig oder steif wären, ob die Damen lieber geputzt als schön zu seyn suchten, ob die Studenten ein gelehrtes oder ein soldatisches, ein galantes oder ein liederliches Ansehen affectirten, ob die Jungemädgen Niedlichkeit und Artigkeit für den ersten Zweck ihres Daseyns hielten oder nicht. Ihm war es nie eingekommen zu untersuchen, wie die Bauart der Häuser, den Zweck der Eigenthümer bey wenigem Platze ihre Wohnungen bequem zu machen, verriethe, welchen Beweis des Wohlstandes der Einwohner die schönen Gärten und Gartenhäuser in den Vorstädten darböten, und ob daselbst Reichthum und Kenntniß des Schönen mit gleichen Schritten fortgegangen sey. Er hatte sich auf den Straßen nie umgesehen, und es war ihm nie eingefallen zu erörtern, ob das Homannsche Haus oder die Wage schöner gebauet sey, ob am Erker des Romanusschen Hauses, mit Rechte, drey übereinanderstehende Säulenordnungen auf einem Kragsteine ruhen, oder ob im Großbosischen Garten die fleißige Kunst die schönsten Anlagen der Natur verderbt habe. Den schönsten unter den Leipziger Gärten, den Richterschen, hatte er eben so wenig, als die reizende Aussicht aus demselben gegen das Zschochersche Hölzgen zu, gesehen. Die schöne Gegend hinter Raschwitz war ihm nicht zu Gesichte gekommen, und vom Linkschen Winklerschen und Richterschen Cabinette, hatte er nicht einmahl reden hören. Weil die Rathsbibliothek und die Universitätsbibliothek, die einzigen Gegenstände seiner Neugierde, in der Messe nicht offen waren, so hatte er alle Tage seines Aufenthalts in Leipzig damit zugebracht, von Druckerey zu Druckerey und von Buchladen zu Buchladen zu wandern. Noch ganz voll von diesen Gegenständen, rief er aus:
Wie solte mir Leipzig nicht gefallen, der ächte Sitz der Gelehrsamkeit, die wahre Stapelstadt gelehrter Kenntnisse, welche aus Deutschland hieher eingesamlet, und von hieraus allen andern deutschen Provinzen wieder mitgetheilet werden! Hier siehet man in unzählbarer Menge die Früchte der Nachtwachen einer grossen Anzahl gelehrter Männer, die, nachdem sie beschäftigt gewesen, ihren Geist mit allen nützlichen Kenntnissen zu bereichern, diese Kenntniße, durch unermüdetes Nachdenken vervollkommnet, der ganzen Welt mittheilen und sie dadurch zu erleuchten suchen. Wenn ich die hiesigen unermeßlichen Bücherniederlagen betrachtet habe, ist mir die unausgesetzte Geschäftigkeit der Gelehrten recht ehrwürdig vorgekommen. Ich hätte nie gedacht, daß so viele Bücher in der Welt wären, als ich hier beisammen finde, und daß noch jährlich einige hundert oder tausend hinzukommen.
Mag. Und darüber freuen Sie sich? Ich nicht. Sie kommen mir vor, wie ein hungriger Ankömmling an einer reichbesetzten Tafel, der den grossen Vorrath von Speisen sicher, und schon überschlägt, wie gut er sich mit diesen herrlich aussehenden Nahrungsmitteln füttern wolle. Ich bin einer von den Gästen, die schon oft an dieser Tafel geseßen haben, und schon oft hungrig aufgestanden sind. Einige Speisen hatten einen sehr wiedrigen haut-gout, andere schmeckten angenehm aber waren äußerst unverdaulich, andere waren nicht gahr gekocht, und andere waren bloße Schaueßen. Endlich blieb ich zu Hause, aß mein Stück Käse und Brodt, und verwünschte alle Köche.
Seb. Aber ist es nicht ein herrliches Schauspiel, eine so große Menge gelehrter Werke zusammen zu sehen, die doch alle, jedes in seiner Art, die Menschen klüger, gelehrter, weiser, tugendhafter, kurz beßer machen?
Mag. Ein Schauspiel wie manches andere, von dem uns die Einbildungskraft, ehe wir es sehen, die angenehmste Vorstellungen macht. Wer wie Sie vom Lande, aus der Einsamkeit kommt, ist sehr geneigt sich durch jeden ersten Glanz blenden zu laßen, und alles für schöner anzusehen als es ist. Mein lieber Freund! Wenn die Gelehrten durch ihre Bücher sonst nichts zu erlangen suchten, als was sie da sagen, so würden neun Zehentheile der Bücher gar nicht geschrieben werden. Wie die Menschen klüger weiser und beßer werden sollen? Ich wette daran haben neun Zehentheile der Schriftsteller, deren Werke die Meße zur Meße machen, gar nicht gedacht. Sie haben ganz andere Absichten zu erlangen und ganz andere Bedürfniße zu befriedigen.
Seb. Welche könten die seyn? Ein Gelehrter hat freilich viele Absichten und Bedürfniße, als Mensch mit andern Menschen gemein. Was könte er aber als Gelehrter für ein anderes Bedürfniß haben, als seinen Geist durch alle nützliche Kenntniße aufzuklären, und wenn er findet, daß er erleuchteten ist als andere, was folget natürlicher darauf, als die Absicht, andern seine Kenntniße mitzutheilen, das heist ein Schriftsteller zu werden.
Mag. Diese Folge scheint so natürlich, gleichwohl muß sie nicht nothwendig seyn, denn gewiß sehr viel Schriftsteller haben nicht daran gedacht ob ihr Geist aufgeklärt gnug sey, noch weniger ob er aufgeklärter sey, als der Geist anderer Leute, und gleichwohl sind sie Schriftsteller in bester Form, und wenn Zeitungslob und eigen Lob etwas gilt, große berühmte Schriftsteller. Hingegen haben wir beide, Sie mein Freund und ich, von Jugend auf gearbeitet unsere Kenntniße zu erweitern und volkommner zu machen, und ich darf sagen, wir wißen es auch, daß wir manche Sachen beßer einsehen, als manche andere Leute, und gleichwohl dürften wir beide vielleicht nie Schriftsteller werden.
Seb. Ich weiß nicht, was Sie zu thun willens sind. Ich aber, ich muß es mit einiger Schüchternheit gestehen – ich arbeite schon seit vielen Jahren, an einem Commentar über die Apocalypse.
Mag. Ueber die Apocalypse? Da sind Sie mehr als jemand bey mir im Verdacht, daß nicht allein die von Ihnen vorher angeführten schönen Absichten, sondern einige kleine Nebenabsichten Sie zum Schriftsteller machen.
Seb. Ich bin mir keiner Nebenabsichten bewust. Welche könte ich auch haben?
Mag. Ich weiß nicht. Vielleicht ein wenig Ruhmsucht. Sie wollen der Welt gern etwas neues und scharfsinniges sagen, denn etwas für das menschliche Geschlecht nützliches werden Sie doch schwerlich sagen können. Die Apocalypse ist eine dickschälige Citrone, aus der so viele hundert Commentatoren, den wenigen Saft der in ihr war, schon längst ausgepreßt haben.
Seb. Wenn sie nicht mehr Saft in sich hat, so könte sie doch vielleicht noch Oel enthalten. Glauben Sie nicht, daß es dem menschlichen Geschlechte wichtig wäre, wenn ich zeigte, daß alles was man bisher, über dis seit vielen Jahrhunderten vielen Menschen so wichtig scheinende Buch, geschrieben hat, alberne Fratzen sind, voller Unsinn, auf Kosten des gesunden Menschenverstandes, der Religion und der Geschichte gesagt. Wäre es nicht ein Verdienst so viel Lügen um ihr Ansehen zu bringen, wenn ich auch nur wenig Wahrheit an die Stelle setzen könte. Und gleichwohl, ohne ruhmredig zu seyn, versichere ich, daß ich die erfüllten historischen Weissagungen, aus der Geschichte anzeigen und von einigen wenigen noch unerfüllten, solche Muthmaßungen an die Hand geben will, die selbst Königen und Fürsten nicht gleichgültig seyn dürften. Dennoch schätze ich diese meine historische Entdekungen sehr gering gegen diejenigen, die etwas beitragen können den moralischen Zustand des Menschen zu verbeßern. Wie, wann ich aus diesem Buche, von dem künftigen Zustande der Auserwählten die sichersten Schlüße ziehen, wenn ich (hier funkelten dem ehrlichen Sebaldus die Augen) aus demselben die Lehre, die Sie wie ich verabscheuen, die Ewigkeit der Höllenstrafen, gänzlich wiederlegen, und deutlich zeigen könte, wie in Gottes Haushaltung alle Bestrafung auf Beßerung abzielen muß und wird – könte dis dem menschlichen Geschlechte gleichgültig seyn?
