Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 6
Zweyter Abschnitt.
Sebaldus brachte der Ermahnung des Magisters ungeachtet, die Nacht sehr unruhig zu, und beseufzete noch den folgenden Tag den unvollkommnen Zustand der deutschen Gelehrsamkeit und das Schicksal der deutschen Gelehrten. Nachmittag ging er zu seinem Freunde Hieronymus, um ihm sein gestriges Gespräch mit dem Magister zu erzählen, und ihn zu fragen, ob desselben Nachrichten zuverläßig wären.
»Ich finde, sagte Hieronymus, daß der Hr. Magister von allen diesen Dingen sehr wohl unterrichtet ist, aber warum beunruhigt Sie diese Erzählung, die freilich nur allzu wahr ist, so gar sehr.«
Seb. Es kränket mich, daß ich von der Hochachtung, die ich für die deutsche Gelehrsamkeit und für die deutsche Gelehrten hege, so viel ablassen muß. Ich habe beständig, einen Mann der ein Buch schreiben kann, mit Ehrfurcht angesehen, und den ganzen Haufen der Schriftsteller habe ich mir als eine Anzahl einsichtsvoller und menschenfreundlicher Leute vorgestellt, die beständig beschäftigt wären, alles was der menschliche Verstand edles schönes und wissenswürdiges hervorbringen kann, zu erforschen, und es zur Aufklärung des menschlichen Geschlechts in ihren Büchern öffentlich bekannt zu machen. Nun thut es mir weh, daß ich sie als einen Haufen geschäftiger Schmierer ansehen soll, die Wahrheit und Einsicht zu einem schimpflichen Gewerbe machen, das blos ihren eigenen Ruhm, Nutzen oder Nahrung zum Zwecke hat.
Hier. Und es thut ihnen um desto weher, weil sie selbst in die Zahl der Schriftsteller zu treten gedenken! – Nicht wahr? – Aber trösten sie sich, alle Schriftsteller und Uebersetzer sind nicht so beschaffen, wie sie Ihr Magister beschrieben hat. Er hat nur von neun Zehentheilen geredet. Es ist noch das zehnte Zehentheil übrig, würdige gelehrte Männer, die es wirklich mit dem Fortgange der Wissenschaften gut meinen, welche der Eitelkeit und den Vergnügungen der Jugend entsagen, um sich gründliche Kenntnisse zu erwerben, und welche Nächte durchmachen um ihre Nebenmenschen, klüger, weiser, erleuchteten und gesitteter zu machen. In deren Gesellschaft zu treten, dürfen Sie sich nicht schämen.
Seb. Und dieser wäre nur eine so geringe Anzahl? Wenn Sie die Anzahl der nützlichen Bücher so gering machen, wissen Sie wohl, daß Sie sich selbst erniedrigen.
Hier. Wie so?
Seb. Ich habe immer der Buchhandlung vor allen Arten der Handlung den Vorzug gegeben, weil ich glaube, daß durch ihre Vermittelung die gelehrten Kenntnisse unter die Menschen gebracht werden, weil sie nicht blühen kan, als wenn eine gründliche und nützliche Gelehrsamkeit blühet.
Hier. Da haben sie einen sehr falschen Begriff von der Buchhandlung. Sie sicher nur in rechtem Flore, wenn die Leute sehr dumm sind.
Seb. Wenn die Leute sehr dumm sind? Das kann ich nicht begreifen. Dumme Leute werden ja keine Bücher kaufen.
Hier. Weßwegen nicht? Sie kaufen dumme Bücher, und die sind in größerer Anzahl und machen größere Bände aus. Es ist auch viel leichter und bequemer für dumme Leute zu schreiben und zu verlegen, als für kluge. Sehen Sie nur meine Collegen die Buchhändler in den katholischen Provinzen an, die zum Theile reicher sind, als alle protestantische Buchhändler, die jetzt die Messe besuchen. Sie finden in ihren Verzeichnissen schöne Folianten über das Jus canonicum, herrliche Fasten- und Fronleichnamspredigten, derbe Controverspredigten wider alle Ketzer, tröstliche Legenden der Heiligen, Gebetbücher und Breviarien in Menge, aber oft kein einziges vernünftiges Buch, das ich, so einfältig auch meine liebe Vaterstadt ist, in meinen Buchladen legen, oder Sie, wenn Sie noch so reich wären, in ihre Bibliothek würden setzen wollen. Oder haben Sie wider Vermuthen (hier ergriff er ein auf seinem Pulte liegendes Bücherverzeichniß) Lust Z. B. folgende Bücher zu kaufen: Laurentii von Schnüffis mirantische Mayenpfeife, mit Kupf. P. Sennenzwickels ernstliche Kurzweil für die zenonische Gesellschaft der machiavellischen Staatsklügler, worin das edle Paar Gebrüdrichen Atheismus und Naturalismus, samt den hallerischen Gedichten dem Sileno als Riesenschröcker aufgeopfert werden. P. Dionysii von Lützenburg verbesserte Legend der Heiligen von P. Martin von Cochem. Der himmlische Gnadenbrunn St. Walburgä. Die geistliche Sonnenblum d. i. kurze tägliche Besuchungen des allerheil. Sacraments des Altars. P. Biners Mucken-Tanz der Herren Prädicanten zu Zürch um das Licht der katholischen Wahrheit. Alexii Riederers Geistliches Seelennetz oder 150 geistreiche Betrachtungen. Bulffers mit kurzen Waaren handelnder evangel. Kaufmann, oder kurze Sonn- und Feyertagspredigten. Der christkatholische goldne Schlüssel, mit welchem die Schatzkammer der zeitlich- und ewigen Güter kann aufgesperrt werden. Hausingers geistliches Frühstück, oder auserlesene Sittenlehren, wollen Sie diese und andere dergleichen schöne Sächelgen mehr, kaufen?
Seb. Nein! was sollte ich mit dem unsinnigen Zeuge machen!
Hier. Nicht? desto schlimmer für den Buchhändler, daß Sie so klug sind, er wird sich dumme Käufer schaffen müssen, oder sein ganzer Laden wird voll bleiben.
Seb. Aber der Buchhändler sollte der Gelehrsamkeit aufhelfen, und keine andere als gute Bücher drucken und verkaufen.
Hier. Das heißt von dem Buchhändler zu viel gefordert, der sich nie nach dem Geschmack der besten Gelehrten, ja selbst nicht nach seinem eigenen, sondern nach dem Geschmacke des großen Haufens richten kan, und dieser macht es ihm nur allzuleicht, die guten Schriftsteller beynahe ganz zu entbehren.
Seb. Dies thun die Buchhändler freilich, aber sie solten es nicht thun, sondern solten sich billig nach dem Geschmacke der grösten Gelehrten richten, und ich habe mich schon oft über Sie gewundert, da Sie wissen was große Gelehrten von Büchern urtheilen, und doch schlechte Bücher drucken und verkaufen.
Hier. Mein Freund! der Geschmack der großen Gelehrten ist der Geschmack sehr weniger Leute. Der Buchhändler aber braucht sehr viele Käufer, wenn er sein Geschäft treiben soll. Daher kommt es, daß so oft Autor und Verleger bey dem besten beiderseitigen willen, sich nicht vereinigen können. Jener will den innern Werth seines Buchs verkaufen, dieser will bloß eine Wahrscheinlichkeit des Absatzes kaufen. Jener schätzt seinen und seines Buches Werth nach dem Beifalle einiger wenigen Edlen. Dieser überlegt, ob es möglich oder wahrscheinlich sey, daß viele nach dem Buche lüstern seyn werden, ohne in Anschlag zu bringen, ob sie gelehrt oder ungelehrt, weise oder einfältig, nach Unterricht oder nach Zeitvertreib begierig sind. Sehen Sie den Tyroler der dort geschliffne optische Gläser zum Verkauffe herumträgt. Er hat kein Flintglaß und keine Dollondsche Tuben. Fragen sie ihn, warum er nicht vorzüglich sich erkundigt, was für Gläser die grösten Astronomen verlangen? Er wird antworten: Ich verkaufe meine Gläser, ich bekümmre mich nicht, ob man sie in Telescope setzt, um unbekannte Sterne zu observiren, oder in Perspective, um einen entfernten Feind zu entdecken, oder den Freund der uns besuchen will früher zu erblicken, oder in Microscope, um im Saamenthiergen zu unterscheiden, ob der erste Keim des Menschen ein Fisch oder eine Faser ist, oder in Brenngläser, um Flotten oder Tabackspfeifen anzuzünden, oder in Brillen um feine Schrift zu lesen. Soviel ist gewiß, irgendwozu muß die Waare brauchbar seyn, sonst führe ich sie nicht. Doch hat mich die Erfahrung so viel gelehret, daß Brillen stärker abgehen als TelescopienDaß diese Erfahrung des Tyrolers, auch schon im vorigen Jahrhunderte richtig befunden worden, zeigt die weise Frau Verlegerin eines höchst wichtigen türkisch geschriebenen Geschlechtregisters, mit dessen Uebersetzung und Commentirung Wilhelm Schickard Professor zu Tübingen im Jahre 1628. die orientalische Geschichte aufklären wolte. Schickard glaubte gewiß, sein Buch würde viel Käufer haben, weil es nicht zu den gemeinen alle Tage vorkommenden Büchern gehörte, sondern er darin den Gelehrten von einer neuen und fremden Materie, so viel neues und fremdes berichten konnte. Aber aus dieser Ursache befürchtete die Frau Verlegerin das Gegentheil. Sie versicherte, aus der Erfahrung zu wissen, daß die Bauerkalender viel häufiger verkauft würden, als die astronomischen Ephemeriden, aus denen sie gemacht sind. S. Leßings Beyträge zur Geschichte und Litteratur. Erster Beytrag S. 91., zumahl in meinem Lande, wo viele Leute ein blödes Gesicht haben, und sich kein Mensch auf die Astronomie legt.
Seb. Aber es ist dennoch unrichtig, daß die Buchhandlung durch dumme Bücher in Flor kommt, denn sie können doch nicht läugnen, daß seitdem die Lectur in Deutschland mehr Mode geworden, die Buchhandlung mehr florire.
Hier. Das läugne ich geradezu. Zur Zeit der schönen dicken Postillen, der centnerschweren Consultationen, der Arzneibücher in Folio, der Opera omnia, der classischen Autoren und Kirchenväter in vielen Folianten, der theologischen Bedenken, der Leichenpredigten in vielen Bänden, der Labirynthe der Zeit, der Schaubühnen der Welt, war die Buchhandlung im Flor. Was gibt man uns jetzt anstatt dieser wichtigen Werke? Kleine Büchelgen von wenig Bogen, die aus Hand in Hand gehen, viel gelesen und wenig gekauft werden, wodurch denn endlich die Leser so klug werden, daß ihnen die alten Kernbücher anstinken. Sehen Sie, das ist der Vortheil, den wir Buchhändler vom Lesen der Bücher haben.
Seb. Aber das ist doch zu arg. Wenn man die Bücher nicht lesen soll, was soll man denn damit thun?
Hier. Sie zerreißen oder Wände damit tapezieren.
Seb. Gott behüte, was sagen Sie da!
Hier. Was alle Tage geschiehet. Meine besten Kunden sind Schulknaben, Handwerksburschen, Bauern, gute Mütterchen, die beten und singen und die die Knäblein und Mägdlein oft mit sich in die Wochenpredigten nehmen, die denn aus langer Weile fleißig die Gebetbücher und Gesangbücher zerreißen. Die Gewürzkrämer machen auch eine wichtige Consumtion von Büchern, und in diesem Kriege sind viele Streitschriften wider die Ketzer, die mir zur Last lagen, in Patronen verschossen worden. Wände mit Büchern tapezieren, oder um gelehrter zu reden, große Bibliotheken errichten, war zu der Zeit Mode als die vorhergenannten großen Bücher noch verkauft wurden. Itzt hat die leidige Sucht, Gedichte und kleine Modebücher zu lesen, die großen Bibliotheken und die schwerfällige Art zu studiren wozu große Bibliotheken nöthig waren, ganz aus der Mode gebracht, und seitdem ist eine sehr ergiebige Quelle des Reichthums der Buchhändler verstopft. Wenn auch irgend eine tüchtige Feuersbrunst einem Buchhändler aufhelfen könte, so wird selten eine verbrannte Bibliothek wieder angeschaft.
Seb. So ist dies das Schicksal der Bücher, der Früchte des Fleißes so vieler verdienstvollen würdigen Gelehrten? Zerrissen, zu Düten verbraucht, oder vergessen, oder verbrannt zu werden? Darüber möchte man Blut weinen.
Hier. Geben Sie sich zufrieden. Wir reden von zwey ganz verschiedenen Dingen. Erinnern Sie sich nur aus ihrem Gespräche mit dem Hrn. Magister, auf welche Art die Bücher, die marktgängige Waare sind, verfertigt werden, so werden sie finden, daß sehr viele davon eigentlich noch ein schlechter Schicksal verdienten.
Seb. Wenn auch alles wahr wäre was Sie da sagen, so wünschte ich doch, daß es nicht wahr wäre.
Hier. Ich auch nicht.
Seb. Und doch sagen Sie selbst, daß es Ihr Vortheil erfodere, daß die Welt dumm bleibe.
Hier. Wenn ich als Kaufmann rede, so muß ich freilich wißen, was eigentlich mein Vortheil ist; aber ich liebe meinen Vortheil nicht so sehr, daß ich ihn mit dem Schaden der ganzen Welt erkaufen wolte. Ich liebe die Aufklärung des menschlichen Geschlechts, sie fängt auch an, sich bey uns zu zeigen; allein sie gehet noch mit sehr langsamen Schritten fort. Ich habe den Wirkungen derselben oft mit Vergnügen bis in die Winkel nachgespürt, wohin keine gelehrte Nachricht reicht. Ich merke seit einiger Zeit, daß in meiner Vaterstadt, verschiedene schlechte Bücher, die ich sonst oft verkauft habe, liegen bleiben, und freue mich darüber.
Seb. Ich frage Sie aufs Gewissen, mein lieber Freund , ist nicht ein wenig Selbstlob bey dieser Großmuth, deren Sie sich rühmen?
Hier. Mit nichten! denn es ist gar keine Großmuth. Ich habe Correspondenz nach dummeren Städten und Provinzen, wo diese schlechte Bücher begierig gekauft werden.
Seb. Aber wenn diese auch einmahl klug werden?
Hier. Sehr wohl. Alsdenn bin ich ganz gefast, den Buchhandel niederzulegen, und bloß beym Kornhandel zu bleiben. Seitdem die ökonomischen Principien aus Frankreich bey uns Mode worden sind, und alles ruft: fahrt nur viel Korn weg, so werdet ihr viel haben, ist in meinem Vaterlande und in den benachbarten Gegenden so oft Kornmangel, daß es sich der Mühe belohnt, ein Kornhändler zu seyn. Auf allen Fall werden in meinem Vaterlande noch keine Zeuge zu Schlafröcken, noch keine Mützen Hüte und Strümpfe gemacht; ich kann also noch Manufacturen anlegen. Aber wehe den Buchhändlern in dummen Ländern, wo schon viel Manufacturen sind und wo die Handlung überhäuft ist. Wenn ein solch Land einmahl erleuchtet wird, so ist für sie kein Mittel zur Nahrung weiter übrig.
Seb. Aber ich habe doch gehört, daß in England und in Frankreich sich die Buchhändler bey guten Büchern sehr wohl stehen sollen.
Hier. Das komt daher, weil in Frankreich und in England, die Classe der Schriftsteller der Classe der Leser entspricht; weil jene schreiben was diese zu lesen nöthig haben und lesen können.
Seb. Ist es denn in Deutschland nicht eben so?
Hier. Sehr selten. Der Stand der Schriftsteller beziehet sich in Deutschland beinahe bloß auf sich selber, oder auf den gelehrten Stand. Sehr selten ist bey uns ein Gelehrter ein Homme de Lettres. Ein Gelehrter ist bey uns ein Theologe, ein Jurist, ein Mediciner, ein Philosoph, ein Professor, ein Magister, ein Director, ein Rector, ein Conrector, ein Subrector, ein Baccalaureus, ein Collega infimus, und er schreibt auch nur für seine Zuhörer und seine Untergebnen. Dieses gelehrte Völkchen von Lehrern und Lernenden, das etwa 20 000 Menschen stark ist, verachtet die übrigen 20 Millionen Menschen, die außer ihnen deutsch reden, so herzlich, daß es sich nicht die Mühe nimmt für sie zu schreiben, und wenn es zuweilen geschiehet, so riecht das Werk gemeiniglich dermaßen nach der Lampe,Der Verfasser, der als ein Deutscher, sich in nichts dessen was deutsch ist schämet, bekennet gern, daß auch dieses Werk von diesem Geruche nicht wenig an sich hat. Er warnet alle Weltleute, nicht zu wagen es zu lesen. daß es niemand anrühren will. Die zwanzig Millionen Ungelehrten, vergelten den 20 000 Gelehrten Verachtung mit Vergessenheit, sie wissen kaum daß die Gelehrten in der Welt sind. Weil nun kein Gelehrter für Ungelehrte schreiben will, und da doch die ungelehrte Welt so gut ihr Bedürfniß zu lesen hat, als die gelehrte, so bleibt das Amt für Ungelehrte zu schreiben, endlich den Verfassern der Inseln Felsenburg, den Postillenschreibern, und den moralischen Wochenblättern, deren Fähigkeiten den Fähigkeiten der Leser, die sie sich gewählt haben, viel genauer entsprechen, als die Fähigkeiten der grösten Gelehrten ihren Lesern, die daher weit mehr gelesen werden, als die grösten Genien, die aber auch ihre Leser nicht um einen Daumbreit höher hinaufheben, die vielmehr sehr oft nicht wenig beytragen, daß das Licht der wahren Gelehrten sich nicht auf die Ungelehrten ausbreitet. Daher sind einige Städte bey uns so helle, und ganze Länder sind in der grösten Finsterniß.
Seb. Aber die Wissenschaften können nicht allemahl so faßlich vorgetragen werden, daß sie der große Haufen begreifen kan, sie würden sonst nicht allein nicht erweitert werden, sondern sie würden endlich in ein seichtes Geschwätz ausarten, das man bey halbem Hinhören begreifen kan, aber ihre wichtigste Wahrheiten würden sie entbehren müssen, weil sie nicht durch eine flüchtige Lectur, sondern nur durch ein gründliches Studium begriffen werden können. Ich erinnere mich gehört zu haben, daß die Franzosen auf diese Art verschiedenen Wissenschaften geschadet haben, weil sie popular vortragen wolten, was sich nicht popular vortragen läst. Man würde auch dem Gelehrten alle Begierde nach neuen Entdeckungen nehmen, wenn er nie für die Gelehrten, sondern nur für die Unwissenden schreiben sollte. Es müssen also gelehrte Bücher, bloß für Gelehrten geschrieben werden.
Hier. Ganz recht! Nur wenn die Nation durch die Schriften der Gelehrten soll erleuchtet werden, so muß sich die Anzahl der bloß für Gelehrten geschriebenen Bücher, zu den für das ganze menschliche Geschlecht geschriebenen Büchern verhalten, wie die Anzahl der Gelehrten zu dem übrigen menschlichen Geschlechte, vielleicht wie 1 zu 1000, vielleicht wie 1 zu 2000. Ich befürchte aber, es wird in Deutschland gerade umgekehrt seyn.
Seb. Aber wenn nun bey uns in Deutschland die Anzahl der Gelehrten größer ist, die sich fähig finden, durch neue Erfindungen die Gränzen der Wissenschaften zu erweitern, als derer die sich fähig finden, die schon erfundenen Wahrheiten für das Publicum faßlich zu machen?
Hier. Ich zweifle, daß deshalb die deutschen Gelehrten bloß für Gelehrten schreiben, weil sie viel neue Entdeckungen zu machen hätten. Es sind in Deutschland nach einer gewiß nicht zu starken Berechnung seit hundert Jahren 400 bis 500 Logiken geschrieben worden; vielleicht in dreyen oder vieren mag diese Wissenschaft durch neue Entdeckungen seyn bereichert worden, die übrigen schreiben sich aus, und auf höchste haben sie einige Definitionen verändert, und einige Lehrsätze anders eingekleidet, und dies sind die neuen Erfindungen worauf sie stolz thun. Sind solche Entdeckungen wohl der Mühe werth? und wäre es nicht besser gewesen, wenn die, die so wenig entdecken konnten, sich lieber beflissen hätten, das schon entdeckte gemeinnützig zu machen? Es kommt mir vor, als ob in Deutschland in den beiden vorigen Jahrhunderten Materialien zu dem großen Gebäude der Wissenschaften wären gesammlet worden, die aber in ziemlicher Unordnung untereinander herumlagen, Quadersteine, Backsteine, Dachziegel, Balken, Bretter, Eisenwerk u. s. w. Im vorigen Jahrhunderte war die Beschäftigung der Gelehrten, die Materialien abzusondern, und jede Art in zierliche Schichten übereinander zu setzen. In diesem Jahrhunderte hätten Baumeister kommen sollen, die aus diesen Materialien, dem menschlichen Geschlechte zum besten, Gebäude gebauet hätten. Aber jeder Gelehrte fährt fort, sein Schichtchen Backsteine vor sich her dicht aufeinander zu legen, und nennt es ein Lehrgebäude. Ist jemand so glücklich auf seinem Spaziergange ein paar einzelne Steine zu finden, und sie in guter Ordnung zu seinem Häufchen hinzuzulegen, so heißt er ein Erfinder. Derjenige der große Quadersteine in Graben neben einander wälzt, daß sie einmahl künftig einem Gebäude zum Grunde dienen könnten, heißt ein tiefsinniger gründlicher Mann. So thun unsere sämtliche Gelehrten nichts, als Materialien in Ordnung bringen und einen Grund legen. Fängt aber jemand an, aus den verschiedenen großen Haufen Materialien die Jahrhunderte lang dicht aufeinander gelegen haben, auf den schon gelegten Grund ein Gebäude zu bauen, so verspottet man ihn als einen seichten Kopf, der Materialien und Grund von andern nimmt, und dessen Ordnung voller Lücken ist. Man bedenkt nicht, daß durch diese Lücken das Licht in das Gebäude fällt, und daß durch dieselben, Menschen in das Gebäude hineingehen können, dahingegen in den dichten Haufen weder Licht noch Wärme dringen und keine menschliche Creatur darin wohnen konnte. Man sollte nicht zufrieden seyn, jede Wissenschaft vor sich in ein Lehrgebäude zu ordnen, sondern eine jede Wissenschaft sollte billig auf alle andere, und alle zum Besten der menschlichen Gesellschaft angewendet werden.
Seb. Aber ich wiederhole noch einmahl, die Wissenschaften würden seicht werden, wenn man nicht fortführe ihre Theorien zu untersuchen. Wohin soll es endlich mit ihnen kommen, wenn man bloß das, was davon dem gemeinen Haufen faßlich ist, bearbeiten will?
Hier. Und wohin soll es endlich mit der Beförderung der Entwicklung aller Kräfte des Geistes, mit der Erleuchtung des ganzen menschlichen Geschlechts kommen, die der vorzüglichste Zweck der Wissenschaften ist, wenn die Gelehrten bloß für sich, und jede Art von Gelehrten besonders für sich, in ihrem kleinem Zirkel bleiben, und den großen Zirkel der übrigen ganzen Nation ihrer Achtsamkeit unwürdig halten wollen. Es können zwar immer einige Gelehrten von Profession bleiben, davon jeder über seine Wissenschaft einzeln nachdenkt, und seine Bemerkungen den Gelehrten mittheilet. Aber haben denn die Gelehrten gar keine Pflichten gegen das übrige menschliche Geschlecht? Der Bauer der das Feld besäet, der Weber der Zeuge bereitet, der Maurer der Häuser bauet, der Kaufmann, der die zur Nothwendigkeit und Bequemlichkeit gereichenden Dinge zusammenbringt, tragen jeder durch ihren Fleiß das ihrige zum gemeinen Besten bey, und auch die Gelehrten werden durch sie genähret, bekleidet, vor den Ungemächlichkeiten des Wetters bewahrt, und mit Bequemlichkeiten versehen; sollten die Gelehrten nun ein Recht haben, ihre Einsichten beständig nur unter sich zu behalten, und sie nie diesem geschäftigen Theile der Nation, für die Wohlthaten, die sie täglich von ihm empfangen, mitzutheilen. Sie können dieses nicht allein dadurch thun, wenn sie gewisse gemeinnützige Wahrheiten faßlich vortragen, welche Beschäftigung viele Gelehrten deshalb verachten, weil sie glauben, daß nur mäßige Geschicklichkeit dazu gehöre. Es giebt vielmehr noch eine höhere Art der Gemeinnützigkeit, die Genie, Gelehrsamkeit, Anstrengung aller Geisteskräfte erfodert, und die man dadurch erreicht, wenn man, wie ich schon gesagt habe, nicht allein jede Wissenschaft vor sich selbst, sondern auch in Absicht auf alle andere, und alle in Absicht auf die menschliche Gesellschaft betrachtet. Hierin fehlen die meisten deutschen Schriftsteller, die ihre Wissenschaft zwar aus dem Grunde verstehen, aber sie bloß allein für sich, und nie in dem Zusammenhange der übrigen Wissenschaften, und nie in Absicht auf den Nutzen des menschlichen Geschlechts, betrachten. Ein Criminalist ist ein grundgelehrter Mann, wenn er alle Ausgaben der peinlichen Halsgerichtsordnung mit ihren Commentarien durchgelesen und verglichen hat, und genau zu bestimmen weiß, in welchem Falle, und im wie vielstem Grade man zur Tortur schreiten soll. Er hält den für einen schwachen Kopf, der noch erst untersuchen will, ob ein Erforschungsmittel der Wahrheit, das im Heil. Römischen Reiche schon vor mehr als zweihundert Jahren durch Gesetze vorgeschrieben worden, unzulänglich ja gar unmenschlich seyn könne. Ein Lehrer des deutschen Kirchenrechts wird mit grössester Gründlichkeit und Belesenheit beweisen, daß im Heil. Römischen Reiche nur zwey Religionen existiren dürfen, und daß es reichsgesetzwidrig sey, wenn derjenige, der keiner dieser beiden Religionen beyfällt, nicht sogleich des deutschen Vaterlandes verwiesen werde. Laß den friedfertigen Gottesgelehrten, laß den menschenfreundlichen Philosophen, laß den einsichtsvollen Politiker dawider auftreten, und versichern, wahre Religion, Wohl des Menschen, und Wohl des Staats erfodere, daß man niemand dogmatischer Lehren wegen verdamme, und keinen Ketzer, sobald er ein guter Bürger ist, aus dem Lande jage, er wird sie bloß bedauren, daß sie in der Kenntniß des deutschen Kirchenrechts so unwissend sind; laß sie sich auf die gesunde Vernunft berufen, er wird voll Verachtung antworten, daß man so wenig das deutsche Kirchenrecht als das deutsche Staatsrecht, nach der Vernunft, sondern nach dem Herkommen beurtheilen müsse. Eben so samlet der Geschichtschreiher eine Menge Facten, ohne Wahl und Absicht, ohne daraus Philosophie, Politik oder Kenntniß des Menschen zu erläutern, und der Philologe zieht klassische Autoren heraus, samlet Lesearten und berichtigt Varianten, ohne ein einzigmahl seine Leser auf den Geist der alten Schriftsteller, auf den Zweck warum sie geschrieben haben, zu führen. Wenn ich nicht gewohnt wäre, weder im Guten noch im Bösen von Gottesgelehrten zu reden, so würde ich die anführen, die mit ihren Nebengottesgelehrten beständig Dogmatik, Exegese und Polemik wechseln, ohne jemals zu überlegen, welchen Einfluß Dogmatik, Exegese und Polemik auf die Verbesserung des menschlichen Geistes haben könne, und wie sie sich gegen Geschichte, Philosophie und Politik verhalten. Wenn jemals die deutschen Schriftsteller anfangen, die Wissenschaften aus solchen Augenpunkten zu betrachten, so werden sie sie mit weit glücklicherm Erfolge erweitern, als durch trockne Compendien, leere Speculationen und absichtlose Compilationen, sie werden für Kenner schreiben, und doch den Lesern aus allen Ständen interessant werden. Selbst durch dieses Interesse, werden sie alle Arten von Lesern zum Studiren wissenschaftlicher Kenntnisse ermuntern, so werden sich die Wissenschaften in mehrere Stände ausbreiten, und gelehrte Schriftsteller werden den mehr erleuchteten Lesern fasslich schreiben können, ohne der seichten Denkungsart des großen Haufens zu Gefallen, eine unrechtverstandene Popularität zu affectiren.
Seb. Ich finde, daß Sie vollkommen Recht haben. Ich kenne keinen höhern Nutzen der Wissenschaften, als die Erleuchtung des menschlichen Geschlechts. Aber hiezu haben gewiß vortrefliche deutsche Schriftsteller auch das Ihrige beygetragen, ich darf ihnen nur aus dem Fache, das ich kenne, die würdigen Gottesgelehrten unsers Vaterlandes ins Gemüth bringen, die sich mit glücklichem Erfolge bemühet haben, Dogmatik, Exegese und Polemik, nach dem Nutzen und dem Schaden, den sie dem menschlichen Geschlechte bringen können, zu betrachten.
Hier. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich von keinem Gottesgelehrten urtheilen will: aber ich verehre die großen Schriftsteller in allen Wissenschaften, die von philosophischen und menschenfreundlichen Absichten belebt, mehrere Wissenschaften zugleich überschauen, und das wahre Verhältniß einer jeden zur allgemeinen Erkenntniß zu bestimmen suchen. Deutschland hat einige, und sie sind vortreflich, aber sie sind in sehr geringer Anzahl. Die meisten deutschen Schriftsteller, sind voll pedantischen Stolzes, nur bemühet, den Theil der Wissenschaften den sie lehren, er mag nun klein, unbeträchtlich, ja wohl schädlich seyn, als den wichtigsten auszugeben, und ihm dünkt, um zu meinem vorigen Gleichnisse zurück zu kommen, daß der kleine Haufen Steine den sie sammlen und Stein über Stein aufstapeln, wichtiger und nützlicher sey, als das gröste Gebäude.
Seb. Mein Freund! Sie sind wirklich gegen die deutschen Gelehrten ungerecht, und nehmen Sie es mir nicht übel, fast muß ich glauben, dis komme von ihrem Stande her. Sie selbst haben die Tiefen der Gelehrsamkeit nicht erforschet, und wissen also auch nicht, wie ein wahrer Gelehrter eigentlich beschaffen ist. Ein wahrer Gelehrter siehet alle Gegenstände der menschlichen Erkenntniß in einem weit hellern Lichte, als ein Ungelehrter, und kan daher von ihrem Werthe und Unwerthe besser urtheilen; er wird nie die Wissenschaft in der er arbeitet höher achten, als sie es werth ist, oder deshalb die andern Wissenschaften, wenn sie wichtiger sind, vernachläßigen. Die Wissenschaften, mein lieber Herr Hieronymus, sind durch ein allgemeines Band verbunden, und wer bloß seine Wissenschaft schätzen wollte und die andern nicht, handelte so thöricht, daß sich dies von keinem wahren Gelehrten vermuthen läßt. Lernen Sie die Gelehrten besser kennen.
Hier. Haben sie den Messcatalogus von dieser Messe schon gelesen.
Seb. Wie kommen Sie darauf? Nein noch nicht.
Hier. Wir wollen einmahl die Beschaffenheit der neuen deutschen Bücher aus diesem Catalogus beurtheilen. Lassen Sie uns einmahl zusammenrechnen, wie viel von jeder Art der Wissenschaften Bücher herausgekommen sind, und hernach darüber Betrachtungen anstellen.
Seb. Sehr gern. Dis wird Sie am besten widerlegen. Wahre Gelehrten sehen allemahl, das lasse ich mir nicht ausreden, auf dasjenige was dem Ganzen vortheilhaft ist, nicht, was ihnen insbesondere gefällt.
Sie fingen also an den Meßkatalogus durchzugehen, und fanden 350 UebersetzungenDiejenigen, denen etwa die Anzahl der Uebersetzungen und Journale, nach Proportion allzustark dünken sollte, müssen bedenken, daß es eine Michaelmesse war. Denn wenn auch einige Schriftsteller im Sommer spazieren gehen, so arbeiten doch Uebersetzer und Journalisten, im Sommer und Winter, mit gleicher Thätigkeit fort. aus verschiedenen Sprachen, 65 neue Stücke von Journalen, 40 Compendien und Lesebücher, 74 Dissertationen und Programmen, 53 Bände Predigten, 67 theologische Bücher von allerhand Art, aber nur 9 juristische, weil die Anweisungen zum Reichsproceß und zum Criminalproceß schon oben unter den Compendien gerechnet worden, 23 medicinische Bücher, 16 Wochenblätter, 5 Geschichtbücher, 37 diplomatische Bücher, 17 Romanen, meistens in Erfurt, Dresden und Regenspurg gedruckt, 31 Gedichte, 3 mathematische Bücher, 1 physicalisch Buch und 15 aus der Naturhistorie. Hingegen fanden sie nur zwey einige Wochen vor der Messe erschienene Bücher, worin die Wissenschaften in ihrer Verbindung und in Verhältniß auf die Menschheit betrachtet wurden, und von diesen versicherten verschiedene gelehrte Zeitungen, voller Verachtung, daß ihre Verfasser seichte Köpfe wären, die keine gründliche Einsichten in die Wissenschaften hätten, und bloß durch das geringe Verdienst einer guten Schreibart, bey dem gelehrten Pöbel Beyfall erschlichen.
Hieronymus ging in ein Nebenzimmer, um diese Zeitungsstücke zu suchen, weil er aber dabey etwas verweilte, hatte Sebaldus indessen eiligst 13 Titel von neuen Büchern über die Apocalypse, die er sich beym Durchsehen des Catalogus heimlich mit dem Nagel gezeichnet hatte, auf einen Zettel ausgezogen, mit dem er dem Hieronymus entgegen kam, und ihn sehr angelegentlich bat, ihm diese Bücher zu leihen. Der gefällige Hieronymus fing gleich an zu suchen und kaum hatte er sie herbey geholt, als Sebaldus, des bisherigen Gesprächs ganz uneingedenk, sie unter den Arm nahm und damit nach Hause eilte, wo er nicht ruhete, bis er eins nach dem andern durchgelaufen hatte.
