Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 5

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Mag. Mein Freund, Sie haben wirklich eine gute Anlage zum Schriftsteller, Sie kommen in Feuer wenn Sie von Ihrem Buche reden. Doch scheint es mir, indem Sie mir beweisen wollen, daß die Ruhmsucht nicht der Bewegungsgrund Ihres Schreibens ist, so rühmen Sie sich so sehr als man sich rühmen kann.

Seb. Den Ruhm, der aus einer wohlgelungenen Ausführung eines nützlichen Unternehmens entspringt, verachte ich gar nicht. Er ist jedem rechtschaffenen Manne angenehm, und kann mit der Begierde der Welt zu nützen, sehr wohl bestehen, und so wird es vermuthlich auch wohl mit den Nebenabsichten seyn, die Sie den Schriftstellern schuld geben.

Mag. Nicht völlig eben so. Die meisten Schriftsteller schreiben, um bekannt zu werden, ein Amt zu erschreiben, einem Patron ein Buch zu dediciren, einen Freund zu erheben, oder einen Feind zu erniedrigen, und sie denken mehrentheils nicht daran, ob die Welt von ihren Büchern Nutzen oder Schaden habe, wenn sie nur ihren Privatendzweck erreichen.

Seb. Den können sie aber nicht erreichen, wenn sie nicht zugleich etwas nützliches schreiben. Denn es kann doch niemand so unverschämt seyn, ein Buch herauszugeben, um etwas bekanntes oder langweiliges oder nichtsbedeutendes zu sagen.

Mag. Das sollte freilich nicht seyn, wie will es aber ein armer Schriftsteller machen, wenn er nichts neues intereßantes und wichtiges zu sagen hat, und doch ein Buch schreiben soll. Meinen sie nicht, daß ein wichtiges und nützliches Buch viel Geschicklichkeit erfodere, daß man sehr viel mehr wißen müße, als was man sagt, daß man vorher alles nachlesen müße, was andere bekannte Schriftsteller über diese Materie geschrieben haben, daß man sich aber doch nicht müße merken laßen, wie viel man gelesen habe, daß man seine ganze Materie wohl überlegen und anordnen müße, und daß zu allem diesen sehr viel Zeit und Arbeit gehöre?

Seb. Allerdings!

Mag. Meinen Sie aber, daß der, der bekannt werden, ein Amt erschreiben, seinem Patron ein Buch dediciren, seinen Freund erheben oder seinen Feind erniedrigen will, allemahl Geschicklichkeit haben werde, oder viel Zeit und Arbeit werde anwenden können?

Seb. Nein! Wenn aber dis nicht ist, so muß er auch gar kein Buch schreiben, denn den wahren Hauptzweck des Schriftstellens unwichtigen Nebenzwecken aufopfern, ist eines wahren Gelehrten ganz unwürdig.

Mag. Ja freilich eines Gelehrten! Aber ein Schriftsteller, kann es im Laufe seines Gewerbes nicht so genau nehmen.

Seb. Ich weiß nicht wie Sie sprechen. Ein Buchdrucker oder ein Buchhändler, mag ein Gewerbe mit Büchern haben, aber ein Schriftsteller ist ein Gelehrter, der der Welt nützliche Kenntniße mitzutheilen sucht, der Wahrheit und Weisheit befördern will.

Mag. Ihre Einbildungskraft, mein liebster Freund, fliegt noch ziemlich hoch, laßen Sie sich herunter, und kommen Sie der Erde näher. Der gröste Haufen der Schriftsteller von Profeßion, treibt ein Gewerbe, so gut als die Tapetenmaler oder die Kunstpfeifer, und sieht die wenigen wahren Gelehrten, fast eben so, für zudringliche unzünftige Pfuscher an, als jene Handwerker einen Mengs oder Bach. Durch dis Gewerbe, und nicht durch die Begierde das menschliche Geschlecht zu erleuchten, entsteht die unsägliche Menge von Büchern die Sie so bewundert haben; denn Leipzig ist freilich seit mehr als hundert Jahren die Stapelstadt der Waaren, die diese gelehrten Handwerker zu jeder Meße verfertigen.

Seb. Sie haben ein sonderbares Vergnügen daran, Wörter zusammenzusetzen, deren Begriffe offenbar miteinander zu streiten scheinen. Gelehrsamkeit ein Handwerk? Bücherschreiben ein Gewerbe?

Mag. Allerdings, und zwar ein solches Gewerbe, worin jeder den Nutzen so sehr auf seine Seite zu ziehen sucht, als es nur möglich ist. Der Autor will gern dem Verleger so wenig Bogen Manuscript als möglich, für so viel Geld als möglich ist, überliefern. Der Verleger will gern so viele Alphabete als möglich, so wohlfeil als möglich einhandeln, und so theuer als möglich verkaufen. Der Autor will gern so wenig Zeit, Mühe, Ueberlegung und Geschicklichkeit an sein Buch wenden, und doch so viel Ruhm, Belohnung, Beförderung, von der Welt einärndten, als möglich. Zu dem letzten sind leider nur allzuviel Mittel vorhanden.

Seb. Sie sagen mir da so unerhörte Sachen, daß ich vor großem Erstaunen mich fast nicht getraue, ein Wort dagegen zu sagen, und doch begreife ich alles ganz und gar nicht. Was für Mittel können vorhanden seyn, durch ein Buch Ruhm und Belohnung zu erlangen, in dem man nicht Talente zeigt und auf das man wenig Zeit gewendet hat?

Mag. Ey sehr viele. Z. B. ein Profeßor muß Amtswegen ein Collegium lesen, dazu schreibt er ein besonderes Compendium der ganzen Wissenschaft. Dis kostet wenig Zeit und Mühe, erfordert auch wenig Talente, und doch giebt es bey den Studenten das Ansehen, als ob man die Sachen besser verstehe als seine Vorgänger, und bey der Welt das Ansehen, als ob man ein Buch schreiben könne.

Seb. Aber die Welt kan doch unmöglich ein bloßes Compendium einer bekannten Wissenschaft für ein Buch ansehen.

Mag. Die deutsche Welt ist gutwillig, sie hat sich schon sehr viele Compendienschreiber für Schriftsteller aufdringen laßen. Und denn weiß mancher Lehrer noch wirthschaftlicher mit seinem Pfunde zu wuchern. Will das Compendium nicht Ruhm gnug bringen, so läst man einen Theil des Discurses oder der Amplification des Compendiums unter einem Modetitel drucken, und denn ist man ein Schriftsteller in bester Form.

Seb. Ja! aber doch sind meines Erachtens, Studenten und Leser sehr unterschieden.

Mag. Ja freilich, darum werden auch die Stadthistörchen, die Anspielungen auf die Herren Collegen, die Schwänke die die Benevolenz der Herren Commilitonen captiviren sollen, weggelassen, wenigstens von denen, die Kenntniß der Welt und Lebensart im Munde führen.

Seb. Das ist ganz gut! Aber ich dächte doch, der ganze Ton müste verändert werden. Ein Lehrer kann voraussetzen, daß er mehr Einsichten habe als seine Zuhörer, deshalb kann er ihnen manches sagen, daß er den Lesern mit Anstand nicht sagen darf, weil er vermuthen kan, daß darunter viele seyn möchten, die eben so viel, und mehr Einsicht haben als er.

Mag. Sehr wenige Profeßoren denken so delicat als Sie, ich kenne mehr als einen, der seine Leser völlig eben so anredet und unterrichtet, als ob sie lauter junge Studenten wären.

Seb. Das befremdet mich sehr. Ich wenigstens wenn ich in dem Falle wäre, würde mir immer vorstellen, daß die erleuchtetesten Leute meiner Zeit meine Leser seyn könnten, und welche armselige Figur ich gegen sie machen müste, wenn ich ihnen ganz bekannte Sachen vordociren wolte, die sie viel besser wüsten. Ueberhaupt dächte ich, ein Lehrer in einem Collegium für junge Leute, müsse sich nach dem Verständnisse des Geringsten unter seinen Zuhörern bequemen, hingegen ein Schriftsteller, suche hauptsächlich den Verständigsten unter seinen Lesern zu gefallen, daher könne ein gutes Collegium, doch schwerlich ein gutes Buch werden.

Mag. Ey sie machen sich feine Schwierigkeiten! Wissen Sie hiemit, was gedruckt werden kann, kann ein Buch werden. Eine Dißertation, eine Prolusion, eine Oration, ein Programma, ein Oster- oder Pfingstanschlag den ein Schulmann oder Profeßor amtshalber schreiben muß ist ja wohl noch weniger ein Buch.

Seb. Ich wenigstens halte die Verfertigung solcher Aufsätze für ein Opus operatum, bei dem gewöhnlicherweise mehr die Hand als der Kopf nöthig ist.

Mag. O man kann ein Schriftsteller von vielen Bänden werden, ohne den Kopf sonderlich anzustrengen. Was denken Sie wohl Z. B. von einem Prediger der seine gehaltene Predigten drucken läst?

Seb. Wenn meine Gemeinde meine Predigten verlangte, so würde ich sie sehr gern zu ihrem Gebrauche drucken lassen, denn warum solte ich ihr nicht schriftlich sagen, was ich ihr mündlich gesagt habe? Aber auch bloß für meine Gemeine solten meine Predigten gedruckt werden. Ich habe meine Predigten immer besonders nach den Umständen meiner Gemeine eingerichtet. Nun würde ich immer denken, die Welt würde nicht weiter nutzen können, was ich blos meiner Gemeine, gesagt habe, als das, was ich als Vater meinen Kindern zu ihrem bessern Verhalten eingeschärft habe.

Mag. Vielleicht würde doch die Welt, das was Sie so bescheiden ankündigen, mit mehrerm Nutzen lesen, als die Predigten der Herren, welche die ganze Welt für ihre Diöcese halten.

Seb. Es kan seyn, daß auch in meinen Predigten etwas gemeinnütziges ist, aber doch würde das Bändgen, das ich mir der Welt vorzulegen getraute, immer sehr klein seyn.

Mag. Das Bändgen? Wer sich recht auf Predigtschreiben legt, hört vor dem dreizehnten oder vierzehnten Bande nicht auf.

Seb. Wie? dreyzehn oder vierzehn Bände Predigten? dazu gehört mehr Herz als ich habe!

Mag. Freilich Sie haben viel Bedenklichkeiten. Wenn Sie eine Dedication an einen Patron zu machen hätten, und sie könnten kein Buch schreiben, so dächten Sie auch wohl nicht daran, das erste beste Buch wieder drucken zu laßen, und es ihrem Gönner zuzueignen?

Seb. Ich dächte wenigstens, der Patron würde mir nur wenig danken, wenn ich ihm anstatt etwas neues, nur etwas aufgewärmtes versetzte.

Mag. Als wenn der Patron nicht zufrieden seyn müste, daß sein Namen vor dem Buche stehet, und als wenn er es auch noch würde lesen wollen! Gnug daß Ihnen mancher Journalist danken wird, daß Sie durch die neue Herausgabe, unserer Litteratur einen so großen Dienst geleistet haben. Und sie werden noch dazu als ein wichtiger Mann erscheinen, wenn Sie dem Buche eine Vorrede vorsetzen, um es durch ihren Namen der Welt anzupreisen.

Seb. Aber wenn man nicht wirklich sehr berühmt ist, so gehört viel Charletanerie dazu, so eine vornehme Mine zu affectiren.

Mag. Ja! wenn Sie ihren Namen selbst nicht für berühmt halten, so sind sie auf gutem Wege, ihn nie berühmt zu machen. Ich merke wohl Sie wollen incognito arbeiten; damit ist Ihnen auch zu dienen. Da ist mehr als ein Verleger, der seinen Autoren aufträgt was er zu brauchen denkt: Geschichte, Romanen, Mordgeschichte, zuverläßige Nachrichten, von Dingen die man nicht gesehen hat, Beweise, von Dingen die man nicht glaubt, Gedanken, von Sachen die man nicht versteht. Ich kenne einen der in seinem Hause an einem langen Tische zehn bis zwölf Autoren sitzen hat, und jedem sein Pensum fürs Tagelohn abzuarbeiten gibt. Ich läugne es nicht – denn warum solte ich Armuth für Schande halten – ich habe auch an diesem langen Tische gesessen. Aber ich merkte bald, daß ich zu diesem Gewerbe nichts taugte, denn ich kann zwar ohne Gedanken eine Correctur lesen, aber nicht ohne Gedanken Bücher schreiben, und bey solchen Büchern ist immer der am angenehmsten, der nur am geschwindesten schreibt, wenn er auch gleich am schlechtesten schreiben solte.

Seb. Am schlechtesten? da handelt ja der Verleger wider seinen eigenen Vortheil; denn was kan die Welt mit den schlechten Büchern machen.

Mag. Was gehet den Verleger die Welt an? er bringt sein Buch auf die Messe.

Seb. Nun – und durch die Messe kommen die Bücher in die Welt.

Mag. Freilich, nur mit dem Unterschiede, daß sie vorher vertauscht werden, und daß also der Verleger am besten daran ist, der die schlechtesten Bücher hat, weil er gewiß ist, etwas bessers zu bekommen.

Seb. Aber denn müssen doch einige Buchhändler die schlechtesten Bücher bekommen, und die bedaure ich.

Mag. Weswegen? Es ist ihnen ja unbenommen, Narren zu suchen, die aus dem schlechtesten Buche klug zu werden denken, oder die es um Gotteswillen lesen, wie mein alter Conrector wolte, daß ich die schlechten Prediger hören solte.

Seb. Nun fängt mir an ein Licht aufzugehen. So könnte es ja wohl der Vortheil der Buchhändler erfordern, zuweilen schlechte Bücher zu verlegen.

Mag. Dis könnte wohl seyn, wenigstens scheint es nicht, als ob sie sich sonderlich darum zu bekümmern hätten, ob die Bücher gut sind, oder nicht.

Seb. Ja, wenn dis wahr ist, was Sie sagen, so müste ich freilich von der Menge der nützlichen Bücher, über deren Daseyn ich mich gefreuet habe, alle diejenigen abziehen die die Convenienz der Schriftsteller und die Laune der Buchhändler zur Welt bringt.

Mag. Und rechnen Sie immer auch den grösten Theil der ungeheuer großen Anzahl von Büchern ab, mit denen vermittelst unserer Uebersetzungsfabriken Deutschland überschwemmt wird.

Seb. Habe ich recht gehört? Uebersetzungsfabriken? Was soll denn das bedeuten?

Mag. Fabriken, in welchen Uebersetzungen fabricirt werden, das ist ja deutlich.

Seb. Aber Uebersetzungen sind ja keine Leinwand oder keine Strümpfe, daß sie auf einem Stuhle gewebt werden könnten.

Mag. Und doch werden sie beinahe eben so verfertigt, nur, daß man wie bey Strümpfen, bloß die Hände dazu nöthig hat, und nicht, wie bey der Leinwand, auch die Füße. Auch versichre ich Sie, daß keine Lieferung von Hemden und Strümpfen für die Armee genauer bedungen wird, und richtiger auf den Tag muß abgeliefert werden, als eine Uebersetzung aus dem französischen, denn dies wird für die schlechteste, aber auch für die gangbarste Waare, in dieser Fabrik geachtet.

Seb. Alles was Sie mir sagen, ist mir unerhört. Also giebt es unter den Uebersetzungen, und unter den Uebersetzern auch wohl einen Rang oder Unterschied.

Mag. Allerdings! Ein Uebersetzer aus dem engländischen ist vornehmer, als ein Uebersetzer aus dem französischen, weil er seltener ist. Ein Uebersetzer aus dem italienischen läßt sich schon bitten, ehe er zu arbeiten anfängt, und läßt sich nicht allemahl den Tag vorschreiben, an dem er abliefern soll. Einen Uebersetzer aus dem spanischen aber, findet man fast gar nicht, daher kömmt es auch, daß zuweilen Leute aus dieser Sprache übersetzen, wenn sie sie gleich nicht verstehen. Uebersetzer aus dem lateinischen und griechischen sind häufig, werden aber gar nicht gesucht, daher bieten sie sich mehrentheils selbst an. Außerdem giebt es auch Uebersetzer, die zeitlebens gar nichts anders thun als übersetzen; Uebersetzer, die ihre Uebersetzungen in Nebenstunden zur Erholung machen, wie die Frauenzimmer die Knötchenarbeit, Marly und Filet; Vornehme Uebersetzer, diese begleiten ihre Uebersetzungen mit einer Vorrede, und versichern die Welt, daß das Original sehr gut sey; Gelehrte Uebersetzer, diese verbessern ihre Uebersetzungen, begleiten sie mit Anmerkungen und versichern, daß es sehr schlecht sey, daß Sie es aber doch leidlich gemacht hätten; Uebersetzer, die durch Uebersetzungen Originalschriftsteller werden, diese nehmen ein französisches oder engländisches Buch, lassen Anfang und Ende weg, ändern und verbessern das übrige nach Gutdünken, setzen ihren Namen keck auf den Titel, und geben das Buch für ihre eigene Arbeit aus. Endlich giebt es Uebersetzer, die ihre Uebersetzungen selbst machen, und solche die sie von andern machen lassen.

Seb. Sie vergeßen, dünkt mich, noch einen wichtigen Unterschied, unter den Uebersetzern, die die Sache und beide Sprachen verstehen, und denen, die nichts davon verstehen. Ich glaube diesen Unterschied bey den wenigen Uebersetzern gemerkt zu haben, die neue Uebersetzungen der Apocalypse versuchten.

Mag. Vielleicht mag dis bey der Apocalypse einen merklichen Unterschied machen, aber bey unsern gewöhnlichen Uebersetzungen aus dem französischen und dem engländischen wird so genau darauf nicht geachtet.

Seb. Aber ich dächte dis wäre das vornehmste, worauf besonders der Verleger, seines eigenen Nutzens wegen, Acht haben müste.

Mag. Keinesweges! Hieran denkt er gemeiniglich gar nicht, oder sehr wenig. Wenn er drey Alphabete in groß Octav oder in groß Quart zu Completirung seiner Meße noch nöthig hat, so sucht er unter allen neuen noch unübersetzten Büchern von drey Alphabeten dasjenige aus, dessen Titel ihm am besten gefällt. Hat er einen Uebersetzer gefunden (welches eben nicht schwer ist), der noch drey Alphabete bis zur nächsten Messe zu übersetzen Zeit hat, so handeln sie über den armen Franzosen oder Engländer, wie zween Schlächter über einen Ochsen oder Hammel, nach dem Ansehen, oder auch nach dem Gewichte. Wer am theuresten verkauft, oder am wohlfeilsten eingekauft hat, glaubt, er habe den besten Handel gemacht. Nun schleppt der Uebersetzer das Schlachtopfer nach Hause, und tödtet es entweder selbst, oder läst es durch den zweyten oder dritten Mann tödten.

Seb. Durch den zweyten oder dritten Mann? Wie ist das zu verstehen?

Mag. Dis ist eben das fabrikenmäßige beym Uebersetzen. Sie müssen wissen, daß es berühmte Leute giebt, die die Uebersetzungen im Großen entrepreniren, wie ein irrländischer Lieferant das Pöckelfleisch für ein spanisches Geschwader, und sie hernach wieder an ihre Unterübersetzer austheilen. Diese Leute haben von allen neuen übersetzbaren Büchern in Frankreich, Italien und England die erste Nachricht, wie ein Mäckler in Amsterdam Nachricht von Ankunft der ostindischen Schiffe im Texel hat. An diese wenden sich alle Buchhändler, die Uebersetzungen haben wollen, und sie kennen wieder jeden ihrer Arbeiter, wozu er zu gebrauchen ist, und wie hoch er im Preise stehet. Sie wenden ihnen Arbeit zu, bestrafen sie wenn sie säumig sind mit Entziehung ihrer Protection, merzen die Fehler ihrer Uebersetzungen aus, oder bemänteln sie mit ihrem vornehmen Namen, denn mehrentheils sind Entrepreneure von dieser Art stark im Vorredenschreiben. Sie wissen auch genau, wie viel Fleiß an jede Art der Uebersetzung zu wenden nöthig ist, und welche Mittel anzuwenden sind, damit ihre Uebersetzungen allenthalben angepriesen, und dem berühmten Manne öffentlich gedanket werde, der die deutsche gelehrte Welt damit beglückt hat.

Seb. Sie wissen, wie viel Fleiß an eine jede Art der Uebersetzung zu wenden nöthig ist? Gehört denn nicht einerley Grad von Fleiße zu jeder Uebersetzung, wenn sie in ihrer Art gut seyn soll?

Mag. Keinesweges! Dis kann nach den Umständen sehr verschieden seyn. Z. B. Zu theologischen Büchern thut gemeiniglich ein Hochwürdiger Herr einem Buchhändler den Vorschlag, sie unter seinem Namen und mit seiner Vorrede übersetzen zu lassen, es versteht sich aber, daß er das Buch nicht selbst übersetzt, sondern er giebt es gegen zwey Drittheile der mit dem Verleger abgeredeten Bezahlung, an einen seiner Arbeiter ab. Dieser verdingt es gemeiniglich gegen drey Viertheil dessen was ihm der Hochwürdige Herr gönnen will, an einen dritten, der es zuweilen, wenn die Fabrik stark gehet, an einen vierten gegen funfzehen Sechzehntheile deßen was er bekomt, abläßt. Dieser übersetzt es wirklich, so gut oder schlecht er kann. Bey dicken Beweisen daß der Meßias schon gekommen ist, bey biblischen Geschichten in zwölf Bänden, bey voluminösen Dogmatiken, bey Predigten aus dem französischen oder engländischen übersetzt, kann dis ohne Bedenken gewagt werden, denn die Leser, die solche Bücher lesen, merken nicht, ob irgendwo etwas falsch sey, und die theologischen Kunstrichter sind nicht so schlimm, daß sie durch den Namen eines berühmten Vorredners oder durch ein höfliches Schreiben eines Bruders im Herrn, nicht solten zur Duldung und Schonung einer schlechten Uebersetzung bewegt werden können. Die Ausgaben der Uebersetzungen historischer Werke, Reisebeschreibungen u. d. gl. sind meistens das Werk der Buchhändler, die sich dazu einen Wohlgebohrnen oder Hochedelgebohrnen Herrn aussuchen, weil in diesem Fache die Uebersetzungsentrepreneure nicht so häufig sind, als im theologischen Fache. Doch werden solche Uebersetzungen gemeiniglich auch an Unterarbeiter ausgetheilt. Diese müßen sich aber schon mehr in Acht nehmen, daß sie wenigstens die eigenen Namen richtig übersetzen und die Jahrzahlen recht abschreiben, denn auf solche Sachen lauren unsere historische Recensenten wie Falken. Dagegen ist auch nicht so viel daran gelegen, wenn sie die Vorstellungen der Begebenheiten und die eingestreute Reflexionen etwas flüchtig und schielend übersetzen, denn sie werden auf die Art der Schreibart einiger deutschen Geschichtschreiber desto ähnlicher, die in ihrer Freunde gelehrten Zeitungen und Journalen gewohnt sind am lautsten gelobt zu werden. Aber neue Komödien und neue Romanen muß meistens der selbst übersetzen, der als Uebersetzer bekannt seyn will, denn diese Bücher kommen alzuvielen Lesern in die Hände, und die Kunstrichter sind hier gleich bey der Hand, und lassen sich selten durch einen berühmten Namen vom Tadel abschrecken.

Seb. Ich erstaune immer mehr über das was Sie mir sagen. Es ist mir, als ob Sie von einer andern Welt redeten. Sie können auch unmöglich Deutschland im Sinne haben.

Mag. Sie vielmehr kommen aus einer andern Welt, aus der schönen Welt der Imagination, wo jeder berühmte Mann viele Verdienste hat, wo jeder Schriftsteller zu Untersuchung der Wahrheit schreibt, wo die Vorreden wahre Nachrichten vom Buche enthalten, wo niemals ein Journalist den Schriftsteller dem er nicht wohl will anschwärzt, wo kein beleidigter Schriftsteller Cabalen macht, wo ein Lehrer der Tugend auch allemahl tugendhaft, und ein Lehrer der Weisheit weise ist. Mein lieber Freund! träumen Sie nicht fort, so angenehm Sie auch träumen mögen, sehen Sie um sich herum, was in Deutschland vorgeht, so werden Sie finden, daß das, was ich Ihnen sage, keine Erdichtung ist.

Seb. Nun wenn auch jemand einmahl so etwas unternähme, so kann doch das Publicum nicht lange in der Verblendung bleiben, und denn wird es aus mit der Fabrik seyn.

Mag. Unser Publicum ist sehr nachsehend, zumahl bey dicken Büchern, welches diejenigen sind, die die Uebersetzer von Profession am liebsten wählen. Ich versichere Sie, daß wenigstens der dritte Theil der deutschen Bücher auf diese Art fabricirt wird. Denn ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß beinahe die Hälfte der neuen deutschen Bücher Uebersetzungen sind, und ich sage gewiß zu wenig, wenn ich nur zwey Drittel der Uebersetzungen als Fabrikenarbeit ansehe.

Seb. Gott behüte! Die Hälfte unserer neuen Bücher sind Uebersetzungen? Was wird denn alles übersetzt.

Mag. Was? Bogen und Alphabete! Was darauf steht, darum bekümmert sich weder Verleger noch Uebersetzer, zum höchsten der Leser, wenn er will und kann.

Seb. Allein da wird denn auch der Leser gemeiniglich sehr unzufrieden seyn.

Mag. Ach nicht doch! Die Leser der Uebersetzungen sind gutwillige Seelen. Sie haben gegen alles was schwarz auf weiß gedruckt ist, eine große Ehrerbietung. Und wenn ihnen auch etwas nicht recht gefällt, so nehmen sie die Schuld selbst auf sich, und zählen Uebersetzer und Verfasser los. Kein deutscher Leser wird das Unglück einer neuen Uebersetzung machen, so wenig als noch ein deutsches Parterre jemals eine neue übersetzte Komödie ausgepfiffen hat.

Seb. Aber wenn auch niemand es merket, so ist es doch allemahl einem Gelehrten unanständig, die Gelehrsamkeit bloß zu einem schimpflichen Gewerbe zu machen, und die Fortpflanzung der Wahrheit und Tugend ganz aus den Augen zu setzen.

Mag. Seyn Sie aus alzugroßer Gerechtigkeit nicht ungerecht. Unser Vaterland kann von den Gelehrten nicht mehr fodern, als es um sie verdient. Wo ist das deutsche Land, wo ein deutscher Gelehrter als Gelehrter leben kann? Wo ist es möglich, ohne besonders glükliche Umstände, die Muße zu finden, die ein Schriftsteller braucht, wenn er in seiner Kunst groß werden will. Unser bestes wünschenswürdigstes Schicksal ist ein Amt, in dessen Erwartung wir verhungern müssen, wenn wir kein Erbtheil zuzusetzen haben, und bey dem wir, wenn wir es erhalten haben, vor vieler Amtsarbeit, alle Gelehrsamkeit vergessen. Unsere beste Schriftsteller haben zuweilen, die Muße, die sie zu ihren vortreflichsten eigenen Werken nöthig gehabt haben, durch fabrikenmäßige Uebersetzungen, kümmerlich verdienen müssen. Es ist leider fast gar kein anderes Mittel da, um einen Gelehrten der kein Amt hat und kein Amt bekommen kann, vor dem Hunger zu verwahren. – Verlangen Sie nicht mehr, als wir leisten können.

Seb. Das Bild das Sie machen ist sehr traurig. Aber ich bleibe dennoch dabey, daß Entwicklung und Verbreitung der Wahrheit die Hauptpflicht eines Autors sey. Ich würde niemals daran gedacht haben, einen Commentar über die Apocalypse zu schreiben, wenn ich nicht geglaubt hätte, unbekannte nützliche Wahrheiten entdeckt zu haben.

Mag. Die auch trotz ihrem Commentar unbekannt bleiben werden. Denn glauben Sie mir, Bengel ist im Besitze des apocalyptischen Reichs, aus dem Sie ihn nicht vertreiben werden. Wir haben in Deutschland noch kein Beyspiel, daß einem abgesetzten Dorfpfarrer mehr wäre geglaubt worden, als einem Prälaten.

Seb. Ich kan über das Schicksal meines Commentars ruhig seyn. Genug wenn ich die Wahrheit sage, wie ich sie erkenne, und weil es Wahrheit ist, und nicht deswegen, weil ich mit einem Buchhändler einen Contract gemacht habe ihm funfzig Bogen zu liefern. Wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit kommen, wenn der gröste Theil der Schriftsteller nicht die Beförderung der Gelehrsamkeit, sondern die Beförderung ihres Ruhms und Nutzens sucht.

Mag. Und wohin soll es mit der deutschen Gelehrsamkeit kommen, wenn deutsche Gelehrsamkeit in unserm eigenen Vaterlande ein Schimpf ist, wenn das sicherste Mittel zu darben ist, sich auf Kenntnisse zu legen, die die Seelen unserer Mitbürger erleuchten, aber nicht ihren Wollüsten dienen, oder ihren Beutel füllen können, wenn kein einziges Mittel übrig bleibt, dem Gelehrten, der weder Kuppler noch Plusmacher seyn will, in der Welt sein Auskommen zu geben, wenn man uns recht zu belohnen denkt, sobald man uns auf eine Universität schickt, wo wir unsere nöthige Einkünfte von dem Wohlwollen einer unwissenden und ungezähmten Jugend suchen müssen, oder uns in ein Amt verstößt, wo uns alles was wir gelernt haben, unnütz ist, und wo uns die edle Empfindsamkeit, welche durch die Wissenschaften in unsern Seelen verbreitet worden, die Ausübung dieses Amts weit beschwerlicher macht, als einem rohen Diener der Absichten jedes Gewaltigen im Lande.

Seb. Ich bin ganz außer mir, über alles was ich hören muß. So schlecht siehet es mit der Gelehrsamkeit in Deutschland aus? Wohin soll es mit Wahrheit und Tugend kommen, wenn die Gelehrten, die derselben Herolde seyn solten, nur Eigennutz und Eigenlob suchen? Wie soll unser Vaterland durch die Wissenschaften erleuchtet werden, wenn man sie zu einem niedrigen Gewerbe misbraucht? Nein! dis ist mir ein unerträglicher Gedanke.

Mag. Geben Sie sich zufrieden! Was ist der deutschen Gelehrsamkeit damit geholfen, wenn ein paar arme Correctoren eine unruhige Nacht haben. Wir wollen uns die Fehler unserer Litteratur und unserer Gelehrten nicht verhelen, aber wir wollen auch das entschuldigen, was, ohne die Schuld unserer Gelehrten, nicht anders seyn kann.

Hiermit gab der Magister dem Sebaldus die Hand, und wünschte ihm eine gute Nacht.

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08 ekim 2025
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1366 s. 28 illüstrasyon
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9788026836391
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