Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 8
Vierter Abschnitt.
Hier genoß Sebaldus das süße Vergnügen, von seinem Feinde verdienten Dank einzuärndten. Vater und Sohn überhäuften ihn mit Liebkosungen. Der Vater wiederholte mit Eifer den Vorschlag zu einer guten Versorgung, und betheuerte, daß er alles Ansehen, das er in dem Fürstenthume hätte, dazu anwenden wollte. Der Sohn unterstützte diesen Vorschlag, so daß Sebaldus endlich anfieng zu wanken und sich eine ruhige Beförderung in seinem Vaterlande, als eine wünschenswürdige Sache vorzustellen.
Er befragte den Major über diesen Vorschlag, und wunderte sich nicht wenig, daß dieser gar nicht dazu stimmen wollte. Da er die Ehrlichkeit aller Menschen nach seiner eignen beurtheilte, so konnte er sich gar nicht darin finden, daß der Major so viel Argwohn gegen die Aufrichtigkeit des Stauzius merken ließ. Er hielt dies für ein allzuweit getriebenes Mißtrauen, und befestigte sich immer mehr in seinem Vorhaben, durch eine Landpredigerstelle in seiner Vaterstadt Ruhe zu suchen.
Als der Major sahe, daß sein Entschluß, der Einladung des Stauzius zu folgen, fest gefasset war, so wolte er ihm nicht ferner hinderlich seyn. Er ließ den alten Stauzius zu sich kommen, und band ihn aufs allerernstlichste ein, sein Versprechen zu halten. Er benachrichtigte ihn, daß er dem Sebaldus an den Obersten, der die Truppen commandirte, die die fürstl. Residenz besetzt hielten, einen Brief mitgegeben hätte; daß er diesen Officier, der sein vertrauter Freund sey, bäte, den Sebaldus zu beschützen, und jeden, der sich unterstehen würde, ihn zu verfolgen, auf das empfindlichste zu bestrafen. Stauzius versprach mehr, als er vorher versprochen hatte, und versicherte noch mehr zu leisten.
Als Sebaldus von dem Major Abschied nahm, gab er ihm außer dem obengedachten Schreiben an den Obersten, noch ein Empfehlungsschreiben an einen seiner vertrauten Freunde in Berlin mit. Er versicherte ihn, daß, wenn er nach Berlin reisete, dieser Freund ihn, auf Vorzeigung dieses Briefes, aufs freundschaftlichste aufnehmen werde, und daß er bey demselben beständig Nachricht, wo er, der Major, sich aufhielte, würde erhalten können. Er gebot ihm, von diesem Briefe Gebrauch zu machen, wenn, wie er noch immer befürchtete, Stauzius sein Versprechen nicht halten solte. Er betheuerte mit den heftigsten Schwüren, daß Sebaldus seines Beystandes niemals entbehren solte, sobald er nur Nachricht erhielte, daß er desselben benöthigt sey.
Was den Major gegen den guten Generalsuperintendenten so gar sehr mißtrauisch gemacht habe, ist schwer zu sagen. Vermuthlich war es dessen Physiognomie. Ob aber insbesondere ein weit gegen das Ende der Nase vor sich gehendes NasläpchenMan s. Lavaters Physiognomik 2ter Theil. S. 117. u. folg., oder eine eingekerbte Oberlefze, oder grünlichte Zähne, oder ein hörbarer Athem, oder nur überhaupt sein superintendentenmäßiges AnsehenS. Ebendas. S. 26. daran schuld gewesen, würde Herr Caspar Lavater am sichersten berichten können, wenn er den Generalsuperintendenten Stauzius gesehen hätte.
Der Erfolg schien indessen, wenigstens anfänglich, das Mißtrauen des Majors gar nicht zu rechtfertigen. Stauzius nahm den Sebaldus mit sich in die fürstliche Residenzstadt zurück. Er hätte ihn in sein Haus aufgenommen, aber Sebaldus wolte nirgends als bey seinem Freunde Hieronymus, abtreten. Inzwischen erwies ihm Stauzius alle mögliche Höflichkeiten und er ward von demselben sowohl, als von dem Präsidenten nicht selten zu Gaste geladen; sonderlich nachdem der fremde Oberste, dem er sein Empfelungsschreiben überreicht hatte, sich öffentlich für seinen Beschützer erklärt, und ihn dem Präsidenten ausdrücklich zu einer baldigen Wiederbeförderung empfolen hatte. Er ward auch wirklich in den nächsten drey Monaten, zu den zweyen im Lande vacant gewordenen Pfarren vorgeschlagen. Nur war unglücklicher Weise, auf die eine schon vorher einem andern die Anwartschaft gegeben worden, und die andere hielt der Präsident zu wenig einträglich, obgleich Sebaldus meinte, sie sey einträglicher als seine verlassene Pfarre. Der Generalsuperintendent wiederlegte ihm dies, und gab ihm zu verstehen, daß man einem Manne wie Ihm, eine Specialsuperintendentur zu geben gedächte. Nun waren zwar alle Specialsuperintendenten des Fürstenthums in der Blüthe ihrer Jahre, befanden sich wohl an Fleisch und Knochen, aßen und tranken gut, und studirten sehr wenig, so daß man freilich keine Vacanz in kurzem gewiß vorausprophezeien konte. Da aber doch ein Schlagfluß den Gesundesten befallen kann, und ein hitziges Fieber auch keinen Specialsuperintendenten verschont; so war es nicht offenbar unmöglich, daß Sebaldus, der freilich nahe an sechzig Jahre alt, und vom Mangel und Kummer etwas gebeugt schien, bey dem aber übrigens alle Actus naturales sehr gut von statten gingen, eine solche Stelle vor seinem Ende noch erhalten könte.
Sebaldus ließ sich indessen, bis zur Erfüllung dieser Hofnung, die Zeit gar nicht lang werden. Er war bey seinem Freunde Hieronymus aufs freundschaftlichste aufgenommen. Weil er in desselben Laden immer bekannter ward, so fing er an, sich der Geschäfte desselben, wenn er verreiste, anzunehmen. Wenn hingegen sein Freund zugegen war, hatte er völlige Muße, an seinen Commentar über die Apocalypse zu arbeiten, welches ihm so angenehm war, daß er die Hofnung zu einer Pfarre vielleicht ganz vergessen haben würde, wenn sie Stauzius nicht, so oft er ihn zu Gaste bat, erneuert hätte.
Inzwischen war in den ersten Monaten des folgenden Jahres der allgemeine Frieden geschlossen worden. Der fremde Oberste rückte demselben zufolge mit seinen Truppen aus. Diese Veränderung brachte eine große Veränderung in den Herzen und auf den Gesichtern vieler Leute in dem kleinen Fürstenthume hervor. Insbesondere schienen der Präsident und der Generalsuperintendent, den ehrlichen Sebaldus nicht mehr so genau zu kennen als vorher. Sie liessen ihn nicht mehr zu sich bitten. Wenn er sich bey dem erstern anmeldete, so sagte der Bediente schon an der Thür, daß Se. Excellenz Mittagsruhe hielten, oder daß Sie eben Geschäfte hätten, oder daß Sie heute niemand sprächen. Wenn er den letztern zu sprechen verlangte, so kamen, nachdem er eine halbe Stunde in dem Visitenzimmer gewartet hatte, Se. Hochwürdige Magnificenz zwar im Schlafrocke, mit oder ohne Peruke zum Vorscheine, und vergaßen auch niemals beym Weggehen ihn Ihrer Gewogenheit zu versichern; aber, obgleich verschiedene Vacanzen vorfielen, so dachte doch niemand mehr daran, den Sebaldus vorzuschlagen.
Endlich ward nach ein paar Monaten eine Predigerstelle in einem benachbarten kleinen Städtchen offen, die Sebaldus unter andern deshalb gern gehabt hätte, weil Hieronymus den dasigen Viehmarkt zu besuchen pflegte, und er sich ein großes Vergnügen dabey vorstellte, seinen einzigen Freund jährlich zweymahl zu sehen, und in seinem Hause aufzunehmen. Er wagte es also, dem Generalsuperintendenten abermals aufzuwarten, und zum erstenmahle sich selbst um diese Stelle zu melden.
Stauzius warf die Sache nicht ganz weg; aber nach einigem Ha und Hem, fieng er an dem Sebaldus vorzustellen: »Wie er selbst einsehen würde wie nöthig es wäre, wenn von seiner wirklichen Beförderung die Rede seyn solte, daß er das gegebene Aergerniß höbe, vor dem Consistorium seine irrige Meinungen, besonders von der Ewigkeit der Höllenstrafen widerriefe, auch wegen der höchstwichtigen Lehre von der Genugthuung, dem Sinne der reinen symbolischen Bücher gemäß, sich erkläre; indem er sich mit Betrübniß erinnere, in Leipzig darüber von ihm eine höchstbedenkliche Aeusserung gehört zu haben.«
Sebaldus stand ganz erstaunt da, und sagte kurz: »daß er sich über diese Zumuthung wundere, daß er aber, um keines zeitlichen Vortheils willen, die Wahrheit die er erkenne, verläugnen würde.«
Stauzius verwies ihm, in nicht ganz völlig sanftem Tone, seine Hartnäckigkeit, gebot ihm von seiner ketzerischen Lehre abzustehen, und erinnerte ihn zulezt, indem er durch einen Griff an seine violette Mütze das Zeichen zum Abschiede gab, mit einem trocknen Amtsgesichte: »daß itzt die Zeit nicht mehr wäre, da man, durch feindliche Gewalt, in den Weinberg des Herrn einzudringen suchen müsse. Es sey itzt, Gottlob! Frieden.«
Als Sebaldus seinem Freunde Hieronymus diesen Vorgang erzählte, fand dieser bestätigt, was er schon längst befürchtet hatte, nämlich daß für den Sebaldus in dem Fürstenthume weiter keine Beförderung zu hoffen sey. Nach einigen Tagen erfuhr man, daß der Präsident einen Fiskal veranlasset habe, den Sebaldus fiskalisch anzuklagen, weil er im Kriege für fremde Truppen Recruten geworben, zehen wirklich aus dem Lande geschaft, und den Sohn des Generalsuperintendenten für Geld habe loslassen wollen. Sebaldus lachte über eine so ungereimte Anklage, und brannte vor Begierde sich vor Gerichte zu stellen, um durch bloße Erzählung der Wahrheit seine Feinde zu beschämen.
Hieronymus aber, der einige mehrere Erfahrung in Welthändeln hatte, versicherte ihn: »daß derjenige, der wissentlich eine falsche Anklage thue, nicht durch die Wahrheit beschämet werde; daß man einen mächtigen Mann alsdenn am meisten fürchten müsse, wenn er offenbar ungerecht anklage, und daß bey einem fiskalischen Processe nie etwas zu gewinnen, sehr oft aber viel zu verlieren sey.«
Nachdem beide den wahren Zustand der Sachen reiflicher überlegt hatten, so kamen sie überein, daß den mächtigen Feinden des Sebaldus seine Gegenwart im Lande zuwider wäre, und daß es für ihn sicherer seyn möchte, itzt abzuziehen, als sich mit Gewalt wegtreiben zu lassen.
Das Empfehlungsschreiben des Majors nach Berlin ward also hervorgesucht. Hieronymus schrieb auch eins, an einen seiner dortigen Handlungsgenossen, das, wenn sich nichts bessers fände den Sebaldus, wenigstens wieder zu der Würde eines Correctors erheben sollte, zugleich stellte er demselben eine Summe Geldes zu, welche er aus den bey ihm zurückgelassenen Mobilien gelöset zu haben versicherte, die aber Sebaldus Erwartung so sehr übertraf, daß er vermuthete und es sich merken ließ, sein Freund habe auch hier als Freund gehandelt.
Die Post nach Berlin war bestellt. Sebaldus, weil er noch nicht wußte, wie lang sein Aufenthalt in Berlin dauern könnte, nahm nur in einem kleinen Kuffer das allernothwendigste zu sich. Das übrige, worunter auch sein Commentar über die Apocalypse war, der schon zu ein paar hundert Heften angewachsen seyn mochte, ließ er bey seinem Freunde Hieronymus stehen.
Nun setzte er sich, nach zärtlichem Abschiede von seinem Freunde, auf den Postwagen, und trat seine Reise an.
In der zweyten Nacht ward der Postwagen, ohnweit der Brandenburgischen Gränze, in einem Walde unvermuthet von Räubern überfallen; sie schlugen den Postillion auf der Stelle tod, und Sebaldus, der der einzige Passagier war, empfing einen Schlag auf den Kopf, davon er betäubt zur Erden fiel. Als er wieder zu sich kam, war die Sonne aufgegangen, der Postillion lag todt ausgestreckt, der Postwagen war beraubt, und sein eigner Kuffer war gänzlich ausgeleert. Als er sich selbst besah, fand er, daß die Räuber ihm seine Kleider, deren schlechtes Ansehen sie vermuthlich nicht in Versuchung führen konte, gelassen hatten. Er fand auch noch etwas kleines Geld in einer Tasche. Seine beiden Recommendationsbriefe waren aber weg, welches ihn zwar bestürzt machte, doch, indem er sich erinnerte, daß er so klug gewesen, seinen Commentar über die Apocalypse zurückzulassen, welcher sonst auch der größten Gefahr verlohren zu gehen, würde ausgesetzt gewesen seyn: so war er in etwas getröstet. Er suchte aus dem Walde herauszukommen, und folgte der ersten Landstraße, die er fand, ohne zu wissen, wohin sie ihn führte.
Ende des zweyten Buchs.
Drittes Buch
Erster Abschnitt.
Sobald Mariane nebst ihrem französischen Namen auf dem Wohnsitze des Herrn von Hohenauf angelangt war, war die gute französische Aussprache die erste Sache wonach gefragt ward. Die gnädige Frau, die sehr füglich darüber urtheilen konnte, weil sie selbst mit einem angenehm gemischten halb thüringischen halb wetterauischen Accente französisch sprach, erklärte nach einer viertelstündigen Unterredung, daß Marianens Aussprache ohne Tadel sey, und fragte ihren neben ihr sitzenden Gemahl »ob sich nicht gleich die Aussprache einer gebohrnen Französinn, von der Aussprache einer Deutschen durch ein gewisses je ne sai quoi unterscheide?« welches dieser, den seine Gemahlinn schon seit den ersten Tagen ihrer Vermählung gewöhnt hatte, alles was sie mit einem gewissen Tone fragte, zu bejahen, mit einem deutlichen: »Allerdings!« bekräftigte.
Nun schritt die gnädige Frau zur Instruction der künftigen Hofmeisterinn ihrer Kinder. Der Hauptpunkt war, daß sie beständig französisch und niemals deutsch mit ihnen sprechen, und daß sie die Kinder anweisen sollte, sich als Personen von Stande zu betragen, und jederzeit artige Manieren zu haben. Hierauf ward gefragt, ob sie Gelegenheit gehabt habe, öfters Personen von Stande zu sehen und ihr Betragen zu beobachten. Mariane ob sie gleich hier eine Französinn vorstellte, hatte doch das zuversichtliche Bejahen noch nicht gelernt, welches schon oft, sowohl mancher französischen Hofmeisterinn und Kammerjungfer, als manchem französischen Kammerdiener und Projektmacher, aus der Noth geholfen hat; sie bekannte daher mit Erröthen, daß sie selten in dem Falle gewesen wäre.
»Desto schlimmer, sagte der Hr. von Hohenauf, denn bey der Erziehung vornehmer Kinder ist das nothwendigste, ihnen standesmäßige Manieren beizubringen. Zum Glück kann sie ihren Mangel abhelfen, Mamsell, wenn sie fleißig auf meine Gemahlinn Acht hat, denn die ist ein vollkommnes Muster standesmäßiger Aufführung.«
Die Frau von Hohenauf neigte ihr mit starken Knochen versehenes Vorderhaupt nachläßig auf die rechte Schulter, lächelte über ein paar vorwärts geworfene Lippen, blinzelte mit ihren grauen roth unterlaufenen Augen, und sagte:
»Sie sind sehr gütig Hr. von Hohenauf, aber wahr ists, daß ich eine gewisse Decence in meinem Betragen zu beobachten suche, die Personen vom Stande eigen ist. Hiernach, Mamsell, muß sie meine Fräulein auch bilden, daß sie sich niemals vergessen, sondern beständig vor Augen haben wer sie sind. Dies, Mamsell, muß Sie auch niemals aus den Augen lassen, sondern bedenken, daß sie in meinen Fräulein, Personen von Stande vor sich hat. Sie muß ihnen beständig mit Nachsicht begegnen, ihnen niemals befehlen, noch weniger gegen sie strenge oder unfreundlich seyn, wenn sie auch ein wenig Lebhaftigkeit zeigen; denn Jugend hat keine Tugend. Es ist genug, wenn sie nur die Decence und ihre Geburt nie vergessen. Nächstdem kann sie ihnen oft gute französische Bücher geben, daß sich der Geist aufklärt. Wir lassen deshalb monathlich den Mercure de France kommen, darin stehen die neuesten Enigmes und Logogryphes, wie sie am Hofe zu Versailles eben gänge und gäbe sind, auch schöne Poesies fugitives, davon müssen die Fräulein urtheilen lernen, damit sie, wenn künftig ihr Amant ihnen ein Madrigal à Silvie mit einem galanten Envoy zusenden wird, die Finesse davon einsehen, und mit Esprit antworten können. Auch sind in dem Mercure Nachrichten von den neuesten Opera comiques und von den neuesten Almanacs, Modes und Chansons, dadurch lernen sie, was izt in Paris du bon ton ist, zu loben. Hauptsächlich aber muß sie gute Romanen mit ihnen lesen, als Hippolyte Comte de Douglas, die Memoires d'une Dame de qualité qui ne s'est point retirée du Monde, die Lettres d'une Religieuse portugaise, u. s. w. damit die Fräulein beizeiten lernen, wie eine Affaire de Cœur geführet wird, und damit sie die grace plus belle que la beauté lernen, durch die unser Geschlecht über das männliche einen so sichern Sieg zu erhalten weiß.«
Hier minaudirte sie aus dem rechten Augenwinkel, in Ermangelung einer andern Mannsperson, auf ihren Gemahl, der dadurch beherzt gemacht, sein Wort auch dazu geben wolte, und sagte: »Imgleichen Gellerts Fabeln könnten auch wohl mit den Kindern gelesen werden.«
»Ja, versetzte die gnädige Frau, mit trübem Blicke, und etwas gerümpfter Nase: Gellerts Fabeln gehen allenfalls an, aber andere deutsche Bücher muß sie sie nicht lesen lassen, denn das deutsche Zeug nützt den Fräulein nichts, wenn sie nach Hofe kommen, Picard mein Homme de Chambre sagt immer, es ist kein brin von bon ton darin, und das ist auch wirklich wahr. Es klingt alles so deutsch, wahrhaftig ich bekomme Vapeurs, wenn ich nur die gothischen Buchstaben von ferne sehe.«
Marianen war alles unerhört, was ihr gesagt ward. Sie dünkte sich in einer ganz neuen Welt zu seyn. Sie verstand von dieser Rede, die noch dazu von einer etwas stämmigen deutschen Dame, in dem nachlässigen Tone einer Petite-Maitresse dahingelallt ward, nicht den dritten Theil; versprach aber doch mehrere Gelehrigkeit, als sie sich vor der Hand noch selbst zutraute. Eben so hörte sie, ohne ein Wort dawider einzuwenden, die Anordnung ihres häuslichen Lebens an, welche ihr bekannt gemacht wurde. Man sagte ihr nämlich, daß sie in Nebenstunden für die gnädige Frau und die beiden Fräulein Putz machen, und der Cammerjungfer helfen müsse Kleider garnieren. Man gab ihr zu verstehen, daß man erwarte, sie werde, wenn große Gesellschaft da wäre, helfen den Tisch anordnen, und wenn die Jungemagd viel zu thun hätte, auch darnach sehen, daß die Schränke gebohnt, und der Staub von den porcellanenen Aufsätzen abgewischt werde. Zuletzt erfuhr sie, daß sie zwar, wenn die Herrschaft allein wäre, der Fräulein wegen, die Gnade haben solte an die hochadeliche Tafel gezogen zu werden, wenn aber Gesellschaft da wäre, so würde sie sich selbst bescheiden, mit den übrigen Domestiken höhern Rangs zu essen.
Dies waren sämtlich Personen, die nützliche Talente besaßen, feine Sitten hatten, und die Welt kannten. Sie bestanden in dem französischen Friseur der gnädigen Frau, in dem Gerichtsactuar, der zu gleicher Zeit das Amt eines Tafeldeckers wahrnahm, in der Kammerjungfer der gnädigen Frau, die in den Kohlgärten vor Leipzig in der Schule der artigen Lebensart gewesen war, in der Ausgeberin, die bey einem Hauptmanne, dem sie drey Campagnen durch als Köchin gefolgt war, die Oekonomie gelernet hatte, in einem ausgedienten Fahnenschmiede, der im Hause ehrenhalber der Stallmeister des gnädigen Herrn titulirt ward, und in einem armen vater- und mutterlosen Verwandten, welcher von einem Regimente, unter das man ihn als Fahnjunker gebracht, bloß deswegen war weggejagt worden, weil er in der Schlacht bey Roßbach zuerst sich umgekehrt hatte. Freilich war diesem löblichen Beyspiele hernach das ganze Regiment gefolgt, doch ohne seine Schuld, indem er in der That schon über funfzig Schritte entfernt war, als es geschahe.
Dieser Herr Vetter ward auch, wie Mariane, wenn keine Gesellschaft vorhanden war, zur Tafel gezogen. Dagegen ließ er sich gefallen, allerhand kleine Dienste zu leisten, Z. B. den Stuhl wegzurücken, wenn seine gnädige Tante aufstand, den Pfropfzieher zu holen, wenn sein gnädiger Oheim trinken, oder die Pfeife zu stopfen, wenn er nach Tische rauchen wollte, laut zu lachen, wenn er einen Schwank erzählte, und den Augenblick stille zu schweigen, so bald sie durch eine gerunzelte Stirne zu erkennen gab, daß sie keinen Gefallen daran hätte. Er muste auf jede Frage sogleich eine Antwort bereit haben, und wenn die Antwort mißfiel, sich nicht verdrießen lassen, daß ihm stillzuschweigen geboten, oder er vom Tische aufzustehen befehliget ward, und muste nicht sauer aussehen, wenn er wieder erschien. Kurz, er hatte den Posten manches Kammerjunkers an manchen fürstlichen Höfen, einen Posten, der seines äusserlichen Glanzes wegen, von denen die ihn nicht haben können, so oft gewünscht, und von denen die ihn bekleiden, so oft vermaledeyet wird. Einen Posten, für den, ob ihn gleich so viele Deutsche besitzen, dennoch in der an Conversationsausdrücken armen deutschen Sprache noch keine besondere Benennung zu finden ist, und für den die in der Conversationssprache so reichen und scharfsinnigen Franzosen und Engländer, noch keine bessere Benennung haben finden können, als daß sie die Inhaber eines solchen Postens, Schlangen- und Krötenesser nennen.
