Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Historische Romane + Ausgewählte Schriften + Briefe», sayfa 9

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Zweyter Abschnitt.

Es ist leicht zu erachten, daß, da der Herr Vetter, der doch von guter Familie war, sich gegen das hochadeliche Paar so gefällig bezeigte, man von Marianen, eben so viel, wo nicht mehr Gefälligkeit werde verlangt haben, und wie hart dies anfänglich einer Person vorgekommen seyn müsse, die in der glücklichen Unabhängigkeit erzogen worden war, daß sie seit ihrer ersten Kindheit an, von nichts als von ihrer eigenen Vernunft, und von der Vernunft und der Liebe zärtlicher Eltern abhängig gewesen war. Das unschätzbare Glück der Unabhängigkeit ist durch keine andere Vortheile zu ersetzen. Man mag von dem mächtigsten, von dem reichsten Manne, ja, selbst von seinem eigenen Freunde abhängen, so fühlt man die Fesseln, sie mögen noch so weit losgelassen, und noch so schön geschmückt seyn. Wem das Schicksal die Unabhängigkeit versagt, der mache sich gefaßt, einigen der Rechte eines freygebohrnen Menschen zu entsagen: Er lerne vergessen, was er am eifrigsten wünscht, nach dem trachten, was ihm verächtlich ist, Frölichkeit seines Herzens verbeißen, und bey nagendem Kummer ein heiteres Gesicht annehmen. Ist seine Seele zu stark und sein Herz zu empfindlich, als daß er, so oft es verlangt wird, fremden Irrthum eigener Ueberzeugung vorziehen könne, so kämpfe er den bittern Kampf, und lerne über seinen eigenen Verstand siegen.

Diesen Kampf hatte Mariane mit allem, was er herbes und für den menschlichen Geist erniedrigendes hat, auszustehen. Sie sahe freylich nur allzulebhaft ein, daß sie in einem Zustande war, den bloß das Wohlwollen ihrer Obern erträglich machen konnte, und nahm sich ernstlich vor, so lange es höhere Pflichten erlaubten, sich in allen Dingen ohne Widerrede nach dem Willen der Frau von Hohenauf zu richten, und so gar, wenn es möglich wäre, ihren Wünschen zuvorzukommen. Dies war nun freilich ein schwerauszuführendes Unternehmen; denn die Frau von Hohenauf war sehr auffahrend, sehr eigensinnig und sehr ungleich in ihrem Betragen. Auf ihren Adel äusserst stolz, schien sie alle Personen bürgerlichen Standes für Geschöpfe von einer andern Gattung zu halten, denen sie beständig den großen Abstand, der zwischen ihr und ihnen bleiben muste, fühlen ließ.

Und dennoch stammte sie selbst aus bürgerlichem Stande. Ihr Vater Namens Säugling, war ein reicher Pachter gewesen, und ihr Bruder war ein Tuchhändler in einer großen Handelsstadt, der im Kriege durch Lieferungen an die Armeen ein grosses Vermögen erworben hatte. Dieses bürgerlichen Ursprungs aber war sie nie eingedenk. Vielmehr ging ihr ganzes Thun und Lassen dahin, das Ansehen einer Dame von Stande zu haben, und der Familie ihres Gemahls, die seit länger als hundert Jahren auf ihren angeerbten Gütern Kohl gepflanzt hatte, einen neuen Glanz zu geben. Wenn es nur irgend wahrscheinlich gewesen wäre, daß sie an einem der deutschen fürstlichen Höfe die, wie es billig ist, alle Personen, die nicht wenigstens acht Ahnen haben, aus ihrer Athmosphäre ausschließen, würde zur Cour zugelassen worden seyn, und wenn ihr Gemahl nur irgend zu etwas anders geschickt gewesen wäre, als auf die Jagd zu gehen, zu trinken, und alle Anordnungen seiner Gemahlinn zu bewundern: so hätte sie nicht eher geruhet, bis er sich mit ihr nach Hofe begeben hätte. Hätte sie einen Sohn gehabt: so würde sie ihn zu einem adelichen Amte erzogen haben, und solte es auch nur eine Fähnrichsstelle gewesen seyn; da sie aber bloß Töchter hatte, so ging sie damit um, ihnen eine so galante Erziehung zu geben, daß sie Hofdamen werden und durch ihr Vermögen und ihre Reize, Grafen, Minister oder Generale fesseln könnten; durch welche vortheilhafte Vermählungen sie noch hofte am Hofe und vielleicht im ganzen Lande in großes Ansehen zu kommen. Die größte Glückseligkeit, die sie sich in ihrer Einbildung vorstellen konnte!

Mariane war das Werkzeug, durch welches die beiden jungen Fräulein solten zu so wichtigen Absichten geschickt gemacht werden. Hiezu war es nöthig, daß sie mit fertigen Lippen von nichts und über nichts französisch plappern könnten; daß sie alle Vortheile des Putzes, ihrem Körper gemäß, so zu gebrauchen wüsten, damit er, es sey im nachläßigen Nachtkleide, oder in der sittsamen Roberonde, oder in der prächtigen Galarobe mit ausgespreitetem Panier und schwimmender Schleppe, Augen und Herzen der Cavaliere an sich ziehen müßte; daß sie den Verstand hauptsächlich zu der wichtigen Untersuchung gebrauchten, ob die eroberten Herzen behalten, oder ob sie, nachdem damit eine Zeitlang wie mit einem Ball gespielet worden, in den Winkel geworfen werden solten. Sobald sie dies verstanden, so hatten sie die hauptsächlichsten Wissenschaften gelernt, die die Frau von Hohenauf einer jungen Dame, die am Hofe glänzen will, für nöthig hielt.

Im Grunde schien Mariane zur Lehrerin so wichtiger Wissenschaften nicht eben geschickt zu seyn. Ihr schlichter gesunder Verstand hatte ihr eingebildet, daß der Vorzug eines Frauenzimmers vielmehr darin bestehe, daß sie gut, als daß sie schön sey. Ob sie gleich selbst sehr wohl gebildet war, hatte sie sich doch, vielleicht weil es ihr noch nie eine Mannsperson gesagt hatte, niemals etwas darauf zu gute gethan. Zum Putze hatte sie zwar, ohne es zu wissen, eine natürliche Geschicklichkeit, indem alles sehr wohl anstand, was sie selbst anlegte, oder für andre wählte, welches den Friseur Picard bewog, sie für eine wirkliche Französinn zu halten; aber sie hatte den Putz noch niemals gebraucht, Absichten damit zu erreichen. Sie kannte die Reize der großen Welt nicht, und verlangte auch nicht sie zu kennen, denn ihre Wünsche waren bisher immer sehr mäßig gewesen, und waren sehr leicht befriediget worden. Ihr höchster Wunsch war vorher, die Liebe ihrer Aeltern zu verdienen, itzt aber ihre Pflicht zu erfüllen.

Wenn Mariane eine schlechte Lehrerin war, so waren die beiden Fräulein eben so schlechte Schülerinnen. Sie hatten gar keine Anlage zum Hofleben. Sie waren ein paar gute Landmädchen mit rothen Backen, die vor Gesundheit strotzten. Auf dem Hofe herum zu springen, oder des Abends die blökenden Heerden eintreiben zu sehen, war ein Fest für sie. Im leichten Röckchen und im glatten Nachthäubchen mit himmelblauem Bande umsteckt, gefielen sie sich besser, als in dem reichen Anzuge eines stoffenen Schnürkleides mit Pompons besetzt. Wenn Picard seine ganze Kunst an ihren Köpfen beweisen wollte, ward ihnen die Zeit lang, sie gähnten, oder sprangen auf und liefen ein paar mahl in der Stube herum, oder haschten einen Schmetterling, der eben zum Fenster hineingeflogen war. Wenn ihre Mutter, wie es oft geschah, Assembleen hielt, wo in dem schön erleuchteten grossen Saale, der wohlgeputzte benachbarte Adel, an zwanzig Spieltischen mit dem ernsten Geschäft, die Zeit zu tödten, beschäftigt war, schlich sich die älteste Fräulein, Adelheid, oft in den Garten, die untergehende Abendsonne zu betrachten, den Nachtigallen zuzuhören, oder den Duft der Nachtviolen und des Jesmins einzuziehen. Sie hatten beide keinen glänzenden Verstand, wenn man es glänzenden Verstand heißt, über alle Gegenstände vorschnell und mit Selbstgenügsamkeit ein Redespiel zu halten; noch einen lebhaften Witz, wenn man es lebhaften Witz heißt, Gründe mit Einfällen beantworten, und mit Hohngelächter diejenigen aufziehen, die verständiger sind als wir: Aber sie hatten den gesunden Verstand, der sich mit Bescheidenheit und mit Lehrbegierde wohl verträgt, und so viel Antheil an Witz und Scharfsinn, als nöthig ist, die Gegenstände geschwinder vors Anschauen zu bringen. Von dem Stolze ihrer Mutter, der sich auf Verachtung anderer gründete, hatten sie gar nichts. Sie empfanden die Vorzüge ihres Standes bloß alsdenn, wenn sie dadurch Gelegenheit hatten, wohlzuthun, Almosen auszutheilen, oder einem Bedienten der etwas versehen hatte, bey ihren Aeltern Vergebung zu erbitten.

Eine ähnliche Gemüthsart, brachte bey der Lehrerinn und den Schülerinnen sehr bald eine wechselseitige Zuneigung hervor. Eben diese Uebereinstimmung machte zwar das mütterliche Verbot, daß den Fräulein nicht strenge begegnet werden sollte, ganz unnöthig, aber sonst schien ihre Erziehung eine Wendung zu nehmen, die den Absichten der Frau von Hohenauf nicht völlig gemäß war. In den Lehrstunden war sehr oft, an statt vom adelichen Stande, von der Decence, und von artigen Manieren, vielmehr von ihren Pflichten gegen Gott und ihren Nebenmenschen, die Rede. Anstatt zu lehren, wie ein Schminkpflästerchen mit Coketterie zu legen, oder wie eine Affaire de Cœur am rechten Ende einzufädeln sey, worin die gute Mariane ohnedies sehr unwissend war, suchte sie ihnen vielmehr einzuprägen, daß sie ihren Geist mit nützlichen Kenntnissen auszieren, und ihr Herz der Wohlthätigkeit und der Menschenliebe beständig offen erhalten müßten. Die Lettres d'une Religieuse portugaise wurden daher sehr bald von Steelens Frauenzimmerbibliothek und Hippolyte Comte de Douglas von der ganzen Pflicht des Menschen verdrungen.

Hieraus ist leicht abzunehmen, daß überhaupt anstatt der gebotenen französischen, sehr oft die conterbande deutsche Lectur, insgeheim werde überhand genommen haben. Mariane hatte freylich zu wenig monde, um einzusehen, daß jungen deutschen Damen die deutsche Sprache ganz unnöthig sey. Sie hatte noch keinen Begriff davon, daß man, um standesmäßig zu leben, in seinem eigenen Vaterlande fremde werden müsse. Wie konnte es auch anders seyn? Sie kannte die große Welt so wenig, als die junge Fräulein, die sie unterrichten sollte, und glaubte treuherzigerweise, man lebe nur, um selbst besser zu werden, und um andere Menschen glücklicher zu machen. In solchen spießbürgerischen Grillen wollte sie auch ihre Fräulein erziehen; daher war der Schaden eben so groß nicht, wenn sie auch deutsch mit denselben las, indem sie doch die französische Lectur nicht avec goût zu wählen wußte. Sie laß l'Ami de ceux qui n'en ont point lieber, als les Egarémens de l'Esprit & du Cœur und Memnon Histoire orientale, lieber als die Lettres de Ninon Lenclos oder den Almanac de Toilette. Mit diesem Geschmacke stimmte der Geschmack der jungen Fräulein nur allzusehr überein, denn, wenn diese im Mercure de France blätterten, so überschlugen sie meistens alle Pièces fugitives, Chansons, Enigmes, Logogryphes und Présentations, und verweilten sich bey einem Conte moral von Marmontel oder la Dixmerie, die dazumal einzeln im Mercure zu erscheinen pflegten, oder suchten einen Trait de bienfaisance auf, der zuweilen eingerückt wird.

In allem diesem war noch sehr wenig du bon ton, welches doch die hauptsächlichste Sache war, wozu die Frau von Hohenauf ihre Fräulein wollte angeführt wissen. Es ist also leicht zu erachten, daß sie schwerlich mit einer so bürgerlichen Erziehung werde zufrieden gewesen seyn. Schon in den ersten vier Wochen schien es beinahe, daß sie ihre neue französische Mamsell sehr bald wieder abschaffen würde; denn sie gab derselben bey aller Gelegenheit bittere Verweise, und tadelte alle ihre Anordnungen. Die Fräulein schienen ihr, seit sie bey Marianen waren, blöder, hatten gar keine bonne grace, hatten gar keinen Esprit, antworteten zu langsam und zu kurz wenn man sie fragte, ungefragt plauderten sie sehr selten, wusten ihre Reverenze nicht abzumessen, und beugten die Knie tief gegen einen Verwalter oder Homme d'Affaires, wo ein Kopfneigen, oder ein nachlässiger Knix im Vorbeygehen, hinlänglich gewesen wäre.

Marianen fehlte es freilich, außer andern Erfordernissen, die ihr, um eine gute französische Mamsell zu seyn, mangelten, an der den französischen Hofmeisterinnen so gewöhnlichen Politik, allen Leidenschaften der hochadelichen Mutter zu schmeicheln, alles dreyfach zu loben, was die Mutter an den Kindern lobt, ihren eignen oder fremden Witz die Kinder heimlich auswendig lernen zu lassen, und sie zu gewöhnen, denselben mit dreister Naseweisheit in Gesellschafft an den Mann zu bringen; wodurch denn jedermann der zu leben weiß, über die frühzeitigen Gaben der Kinder erstaunt, der Mutter über das kleine Wunderwerk, das sie unter ihrem Herzen getragen hat, ein verbindliches Compliment macht, und auch nicht vergißt, der Mamsell im besten zu gedenken.

Hievon wußte Mariane gar nichts. Sie war vielmehr beym Antritte ihres Amts so unerfahren, daß sie ihren Fräulein eine anständige Bescheidenheit anpries; eine Eigenschaft, die gar nicht glänzend ist, und die die Frau von Hohenauf aufs höchste an ihren Bedienten lobte. Sie würde also Marianen sehr bald überdrüßig geworden seyn, wenn nicht ein kleiner Umstand, davon in keinem der Systeme der PädagogikUngelehrten Vätern und Muttern zu gute, sey hier angemerkt, daß die Gelehrten mit diesem griechischen Worte die Kunst der Erziehung andeuten. Diese feierliche Benennung wird gebraucht, seitdem die Gelehrten diese Kunst in verschiedene Systeme gebracht haben, deren jedes für sich sehr genau zusammenhängt, nur daß eins dem andern schnurstracks widerspricht., worin noch ein Kapitel von französischen Mamsellen befindlich ist, ein einziges Wörtchen angetroffen wird.

Mariane hatte von Jugend auf eine große Sorgfalt für ihre eigene Person getragen. Sie hielt sich überaus reinlich in Kleidung und Wäsche. Sie hatte die natürliche Gabe, allen weiblichen Putz sogleich nach dessen Bestandtheilen zu übersehen, also auch ihn nachzumachen, nach ihrem Geschmacke zu verbessern, und neuen zu erfinden. Sie gebrauchte sich dieses Talents auch jetzt. Wenn ihre Fräulein besonders fleißig und gehorsam waren, so belohnte sie ihren Fleiß mit einem nach neuer Mode gestecktem Kopfzeuge, oder anderm Frauenzimmerputz, den sie so zu wählen wuste, daß dadurch derselben natürliche gute Leibesgestalt mehr erhoben ward. In kurzer Zeit war ihr ganzer alter Putz mit neuem nach dem besten Geschmacke verwechselt. Den scharfsinnigen Augen der Frau von Hohenauf konnte diese Veränderung nicht entgehen, und sie bemerkte sie mit so großem Wohlgefallen, daß sie es Marianen, wegen ihrer Geschicklichkeit im Putzmachen zu vergeben anfing, daß sie die Seelen ihrer Fräulein bilden wolte. Noch grösser ward die Gunst, als Mariane, durch so glücklichen Erfolg aufgemuntert, es wagte, für die Frau von Hohenauf selbst zu arbeiten, die bisher ihren sämtlichen Putz aus der ersten Quelle, aus Paris, verschrieben hatte. Sie brachte eine Comete aux ZephyrsUnmodischen Lesern und Leserinnen sey kund, daß dies eine Art eines kleinen Kopfzeuges ist, das, glaubwürdigen Nachrichten zufolge, im Winter 1772/1773 wieder sehr stark getragen wird. Es ist zu hoffen, niemand in Deutschland werde so barbarisch-unwissend seyn, nicht zu wissen, daß ein Comet ein kleiner Kopfputz ist, unter welchem ganz frisirte Haare getragen werden. Aux Zephyrs aber heißt dieser Comet, weil daran hinterwärts gewisse haarigte Zierrathen, (denen die in der Putzmachersprache Chenilles oder Raupen heissen, etwas ähnlich) frey herunter hangen, mit denen die angenehmen Zephiren, sehr leicht spielen könnten, wenn sie nur im Winter weheten. zustande, die in der nächsten Assemblee ein großes Aufsehen unter den Damen machte, und in der ihre Gönnerin wenigstens um sechs Jahr jünger aussahe. Man kan leicht denken, daß dieses wichtige Verdienst, Marianens Talente zur Erziehungskunst in ein neues Licht werde gesetzt haben. Man setze hinzu, daß Mariane die Fräulein, die vorher in ihrer Kleidung sehr nachlässig ja wohl gar unreinlich gewesen waren, durch ihr eigenes Beyspiel, zu der Frauenzimmern so anständigen Nettigkeit im Anzuge gewöhnte. Man setze hinzu, daß sie die jugendliche Wildheit der Fräulein, die an das was wohlanständig ist, noch nie einen Augenblick gedacht hatten, durch kleine leutselige Erinnerungen bis zu der kindlichen Freymüthigkeit mäßigte, die mit Bescheidenheit und Sanftmuth sehr wohl bestehen kann. Man setze endlich auch hinzu, daß die Fräulein, wenigstens in ihrer Mutter Gegenwart, beständig französisch redeten, und in ihrer Fertigkeit in dieser Sprache sichtlich zunahmen; und man wird begreifen, daß die Frau von Hohenauf im zweyten Monate, mit ihrer französischen Mamsell, weit mehr zufrieden war, als im ersten. Wenn sie ja an den Fräulein etwas fand, das sie für bas und für bourgeois hielt, so nahm sie sich die Mühe, ihnen selbst darüber einen Verweis zu geben. Sie setzte zuweilen die nachsichtsvolle Anmerkung hinzu, daß man freilich von ihrer Mamsell nicht alles fodern könnte, weil sie nicht de qualité sey, wodurch sie in gedrungener Kürze, zugleich Marianen tadelte, und ihren eigenen Vorzügen ein verbindliches Compliment machte.

Dritter Abschnitt.

In dem dritten Monate von Marianens Aufenthalte bey der Frau von Hohenauf, traf derselben Neffe, der Sohn des Tuchhändlers Säugling, bey ihr ein. Die Bedienten wurden befehligt, ihn Ew. Gnaden zu nennen, und sie stellte ihn allem benachbarten Adel, unter dem Nahmen des Hrn. von Säugling vor. Dieser junge Mensch war mit seinen Universitätsstudien halb fertig, denn er hatte schon zwey Jahre auf einer Universität zugebracht, und es kam nur noch darauf an, daß er ein oder zwey Jahre auf einer andern zubrächte, wohin ihn sein Vater den künftigen Frühling mit einem neuen Hofmeister senden wollte, den er ihm selbst ausgesucht hatte. Indessen wollte er sich mit Genehmhaltung seines Vaters, den Winter über auf seiner Schwester Gute aufhalten. Weil sie von Adel war, und mit dem benachbarten Adel viel Umgang hielt, welchem sie den Ton gegeben hatte, den Aufenthalt auf dem Lande, nicht mit ländlichen Vergnügungen, sondern nach städtischer Etikette, mit Besuchen, Gastmahlen, Assembleen, Spielpartien und Bällen, zuzubringen; so glaubte er, bey ihr Kenntniß der großen Welt zu erlangen und alles was sich noch etwa von Schulstaube an ihm finden möchte, rein abzuschütteln.

Dieses Schulstaubes konnte an ihm auch nicht so gar viel seyn, denn er hatte als ein reicher Jüngling sich nicht auf Brodstudien gelegt, und noch weniger sich mit den alten Sprachen und mit den trocknen Lehrgebäuden der speculativen Wissenschaften beschäftigt; sondern seine Studien waren lachend und reizend und bestanden in Collegien über die schönen Wissenschaften, und in fleißigem Lesen aller deutschen Poeten sonderlich derjenigen, die Freude, Wein und Liebe besungen haben. Er hatte überdies französisch, engländisch und italienisch gelernt, und hatte in diesen Sprachen alle Poeten und die besten Kritiker gelesen.

Er hatte sehr viele Gedichte an Phillis und Doris gemacht, und dies blieb noch beständig, nebst der Sorge für seinen Anzug, seine vornehmste Beschäftigung. Er hielt sehr viel von seiner eignen kleinen Person, die daher auch beständig geputzt, geschniegelt, und auf vier Nadeln gezogen war. Er gefiel sich selbst sehr wohl, nächst diesem aber war sein hauptsächlichstes Augenmerk, dem Frauenzimmer zu gefallen. Er vermied möglichst alle Gesellschaften, worin bloß Mannspersonen waren. In vermischten Gesellschaften saß er allemahl einem Frauenzimmer zur Seite, und wenn er wählen konnte, allemahl bey der, die den sanftesten Blick hatte. Er bewunderte, um Bekanntschaft zu machen, ihre Arbeit, die sie eben verfertigte, lobte ihr wohl gestecktes Demi-ajusté,Weil zu vermuthen ist, daß eher Buchgelehrte, als Gens du bon ton dieses Werk lesen werden, so müssen, der beklagenswürdigen Unwissenheit der erstern zu Liebe, hier schon einige Wörter erklärt werden, die sonst jedermann versteht, dès qu'il entre dans le monde. Ein Bonnet à demi ajusté ist ein Kopfzeug, unter dem eine Dame halb frisirt seyn muß. Ein Assassin ist nichts als ein Schönpflästerchen, das aber seiner Größe wegen, wenn ein gemeines Schönfleckgen verwundet, gar wohl todtschlagen kann. Ein Postillion d'Amour ist eine große Brustschleife von Band, welche weder Pferd noch Horn hat. Eine Respectueuse ist eine Bedeckung des Busens, mit Spitzen, Filet und anderm durchsichtigen Zeuge, die vermuthlich den Namen davon führt, weil sie nicht Ehrfurcht veranlaßt. und sagte ihr über einen Assassin tausend artige Sachen. Von da gieng er unvermerkt zum Erforschen ihres Verstandes über. Er sagte ihr mit sanftlispelnder Stimme, er sehe die kleinen Amorn und Amoretten auf ihrem Postillion auf und niedersteigen, und sich unter den Falten ihrer Respectueuse verbergen, oder andere dergleichen niedliche Imaginatiönchen. Wenn er nun merkte, daß sie Verstand und Geschmack genug hatte, mit seinen lieblichen Empfindungen zu sympathisiren, so fing er gemeiniglich an zu stammlen, sahe etwas schaafmäßig aus, und langte aus seiner Tasche einige von seinen Gedichten, die er ihr vorlas, und von Zeit zu Zeit mit seitwärts schielenden Augen, die Wirkung seiner Geistesfrucht, zu erforschen suchte. Erhielt er ein ruhiges Gehör, und durch einen lächelnden Mund und sanftes Kopfneigen einen gütigen Beyfall, so hatte er ein vergnügtes Tagewerk gehabt. Empfing er aber eine laute Bewunderung, bat man sich eine Abschrift des Gedichts aus, oder bemerkte er gar, daß der Busen seiner Zuhörerin sich zu einem Seufzer empor hob, oder daß sie aus blauen Augen, (denen er, als seinem eigenen schmachtenden Charakter am gemäßesten, vor allen andern den Vorzug gab,) einen empfindenden Blick auf ihn schießen ließ, so zerfloß er in sanften Empfindungen, überließ sich ganz einer zerschmelzenden Zärtlichkeit, und war von dem Augenblicke an, der Sclave der Schönheit, die, was er gedacht hatte, so gut zu empfinden wuste. Er holte aus der Begeisterung ihrer Augen, Stoff zu neuen Gedichten, und je mehr ihm diese gefielen, desto mehr gefiel ihm die Schöne die sie veranlaßt hatte und an die sie gemeiniglich gerichtet waren.

Doch so zärtlich seine Liebe war, so pflegte sie doch nicht allzulange zu dauren; nicht als ob er unbeständig gewesen wäre, sondern weil der Gegenstand seiner Zärtlichkeit gemeiniglich, nach einiger Zeit, seine Gedichte nicht mehr so feurig verlangte, und wohl gar unvermerkt seine Gesellschaft zu vermeiden suchte. So bald er dies merkte, ward er sehr traurig, klagte den Wäldern und den Fluren sein Leiden, tröstete sich aber, wenn ihm ein zärtliches Liedchen über die Untreue seiner Chloris gelang, und fand gemeiniglich um diese Zeit eine andere Zuhörerin, mit der er eben denselben Roman von vorn an spielte.

Dieser kleine Mann schien freilich denjenigen, die nicht ganz seine zuckersüßen Empfindungen nach empfinden konnten, etwas ungeschmackt, aber er war sonst das unschädlichste Geschöpfchen unter der Sonne. Er that nie etwas böses, war nachgebend, gefällig, mitleidig und gutherzig, beleidigte kein Kind, und beleidigt, war er nie geneigt sich zu rächen, kurz er war aller guten Eigenschaften fähig, zu denen nicht nothwendig Stärke des Geistes erfordert wird. Wenn es wahr ist, daß die schönen Wissenschaften, die Herzen ihrer Liebhaber erweichen, so waren sie es vermuthlich, die seine Seele so breyweich gemacht hatten, daß sie einer herzhaften That, oder einer lebhaften Entschließung, so wenig im Guten als im Bösen fähig war. Die lebhafteste Empfindung in seiner Seele, war immer die Begierde, seine Gedichte und besonders vom Frauenzimmer gelobt zu sehen. Dieser Absicht wegen war sein Kleid immer nach der neuesten Mode geschnitten, sein seidner Strumpf milchweiß, und seine Spitzenmanschetten caffebraun gewaschen, dieser Absicht wegen sagte er zuerst seinen Nachbarn und Nachbarinnen verbindliche Dinge vor, war gefällig, nachgebend, kam jedermann mit Höflichkeit zuvor, und pries mit gleicher Behendigkeit, bey den modischen Schönen das Putzwerk, bey den tugendhaften die Tugend, und bey den witzigen den Witz. War er aber gleichwohl so unglücklich, seine Absicht nicht zu erlangen, so war er viel zu bescheiden, als daß er darüber jemand anders, als den stillen Wänden sein Leid geklagt hätte, und zu gutherzig, als daß er diejenigen, denen seine Gedichte nicht gefielen, gehasset hätte. So bald er nur wirklich merkte, daß jemand seine Gedichte beschwerlich waren, so drang er sie ihm nie auf, sodaß, wenn er jemand zur Last fiel, es sicherlich ohne sein Wissen geschah, denn seine Absicht war allemahl, Vergnügen und Zufriedenheit, die er in so großem Maaße in sich selbst fand, durch seine Gedichte auch um sich herum zu verbreiten.

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Litres'teki yayın tarihi:
08 ekim 2025
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1366 s. 28 illüstrasyon
ISBN:
9788026836391
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