Kitabı oku: «Schatten über der Seine - Kriminalroman»
Fritjof Guntram
Schatten über der Seine - Kriminalroman
Saga
Schatten über der Seine - KriminalromanCopyright © 1970, 2019 Fritjof Guntram und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711583104
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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An einem schönen Sommertag, frühmorgens gegen neun Uhr, machte ein Pariser Verkehrspolizist die bestürzende Feststellung, daß ein weiblicher Körper in der Seine trieb. Der Schauplatz dieses Ereignisses war Neuilly. Passanten hatten den Polizisten auf den im Wasser treibenden Leichnam aufmerksam gemacht. Der Schutzmann kletterte hinunter zum Seineufer und zog den Körper an Land. Dann ging er zum nächsten Telefonautomaten und rief die Mordkommission an. Nur wenige Leute waren Zeugen dieses Ereignisses gewesen, denn es war früher Morgen, und die Straße führte hier in einiger Entfernung vom Fluß vorbei; zwischen Straße und Fluß waren Grünanlagen.
Die Spezialisten der Mordkommission nahmen ihre Untersuchungen auf, und das Ergebnis dieser Untersuchungen lautete: Selbstmord. Man identifizierte die Tote. Sie war ein junges Mädchen, das in Montmartre ein armseliges Zimmer bewohnt hatte. Als Beruf war in ihrem Paß, den sie bei sich trug, Malerin angegeben. Verwandte waren nicht aufzufinden. Die Obduktion der Leiche ergab nichts Neues. Es schien sich um einen jener Selbstmordfälle zu handeln, die in einer Großstadt wie Paris keine Seltenheit waren.
Irgendein Zeitungsreporter erfuhr davon, und am folgenden Tag stand die Notiz im Paris Soir. Auch der Name der Toten wurde erwähnt Charline Bussière. Niemand, zuallerletzt der Reporter, ahnte, daß damit ein Stein ins Rollen gebracht wurde, der sich zu einer Lawine auswachsen würde. Denn es gab einen Menschen in Paris, der wußte, daß Charline Bussière nicht Selbstmord begangen hatte.
Eine gnadenlose Jagd nach diesem Menschen sollte beginnen.
Philippe Letailleur verließ die Metro in der Avenue des Dames und stieg eilig die Treppe hoch, die ins Freie führte. Er war ein junger Mann von knapp dreißig Jahren. Daran, daß er älter aussah, war sein blonder Schnurrbart schuld, der sorgfältig gepflegt war und ihm das Aussehen eines Engländers gab, was durch die schwarze Hornbrille, die er trug, noch unterstützt wurde. Nichtsdestotrotz war Philippe Franzose durch und durch, allerdings war er auch ein Snob. Diese Tatsache mag vielleicht dadurch ihre Erklärung finden, daß er ganz vorzügliche Augen besaß und dennoch eine Brille trug. Nicht etwa um besser zu sehen, sondern um besser auszusehen. Wenigstens fand er dies, und seine Erfolge in der Damenwelt bestätigten vielleicht diese Ansicht.
Philippe Letailleur verließ die Metrostation und sah sich aufatmend um. Ein wolkenlos blauer Himmel spannte sich über der Stadt. Die Luft war lau, ein ganz schwacher Wind wehte. Phlippe stieß einen Seufzer aus. Der Tag war viel zu schön für das, was er vorhatte. Aber er war nun einmal auf dem Weg, und er wollte jetzt nicht umkehren.
Er überquerte die Straße und ging bis zur Rue Binale. Das ist eine ganz kleine Straße mit zahlreichen kleinen Läden, Buchhandlungen, Cafés, Tabaktrafiks und ein oder zwei Kunsthandlungen.
Vor einer davon blieb er stehen und sah sich suchend um. Dann holte er einen Zettel aus der Tasche und verglich die Hausnummern. Schließlich drückte er entschlossen die Klinke hinunter und betrat den Laden.
Ein Schild, welches über dem Ladentisch angebracht war, zeigte die Inschrift „Galerie Roland“. Der Ausdruck Galerie war vielleicht etwas übertrieben. In Wirklichkeit war sie nur ein winziger Raum, in dem zahlreiche Bilder aufeinandergestapelt waren. Da sie bis auf wenige Ausnahmen übereinanderlagen, konnte man auch kaum erkennen, was sie darstellten. Im Hintergrund des Ladens war ein uralter Radioapparat aufgestellt, aus dem leise Musik kam. Kein Mensch war zu sehen.
Philippe Letailleur räusperte sich mehrmals, dann wandte er sich entschlossen um, öffnete die Tür erneut und warf sie mit gewaltigem Geräusch ins Schloß.
Sein Manöver hatte Erfolg. Aus dem an den Laden anschließenden Raum kam mit langsamen Bewegungen ein alter Mann, dessen lange, weiße Haare unter seiner Baskenmütze hervorsahen. Er näherte sich Philippe und sah ihn fragend an.
„Bonjour, Monsieur“, sagte Philippe höflich, „ein Bekannter hat mir die Galerie Roland empfohlen. Ich möchte mir ein Bild kaufen.“
„Ah“, sagte der Mann, und sein Interesse wuchs zusehends. Er streckte Philippe die Hand entgegen. „Ich bin Antoine Roland“, stellte er sich vor, „ist es ein bestimmtes Bild, das Sie kaufen wollen?“
„Gewissermaßen“, nickte Phlippe, „genau gesagt möchte ich das Bild einer jungen Dame schenken.“
Roland lachte auf.
„Hoho“, rief er, „das habe ich noch nicht erlebt. Zu meiner Zeit haben wir den Mädels andere Dinge geschenkt. Die Jugend von heute ist doch anders, als wir es waren. Haben Sie sich schon überlegt, was für einen Stil die junge Dame bevorzugt?“
Philippe rieb sich gedankenvoll das Kinn.
„Die junge Dame ist Engländerin“, erklärte er, „deshalb muß es kein bestimmter Stil sein. Es muß nur französisch aussehen, und allzu teuer darf es nicht sein.“
„Verstehe, verstehe“, nickte Roland, „Sie wollen keinen echten Renoir, aber etwas, was so ähnlich aussieht.“
„Sie haben es erfaßt“, sagte Philippe, „meinen Sie, daß Sie etwas für mich haben?“
„Sicher“, meinte Roland, „sehen Sie sich nur die Bilder an. Es ist zwar etwas eng bei mir, aber dafür habe ich sehr viele Bilder in meinem Laden. Selbstverständlich alles Originale, keine Drucke. Glücklicherweise gibt es in Paris noch eine ganze Menge junger, begabter Maler. Wie gefällt Ihnen dies hier?“
Er hielt ein ziemlich großes Bild ohne Rahmen hoch. Phlippe drehte zögernd den Kopf hin und her.
„Ich kann mich nicht dafür erwärmen“, gestand er schließlich, „ich finde es reichlich abstrakt. Haben Sie nicht etwas Altmodisches da? Die junge Dame, der ich das Bild schenken möchte, ist schließlich Engländerin.“
Roland suchte eine Weile und legte Philippe schließlich ein anderes Bild vor.
„Nein“, sagte Philippe sofort, „das ist scheußlich.“
Roland kicherte.
„Sie haben ein sicheres Urteil“, sagte er, „dieses Bild stammt noch von meinem. Vorgänger, von dem ich den Laden vor vierzig Jahren übernahm. Ich habe seit damals sämtliche Bilder verkauft, die ich von ihm übernommen hatte, dieses hier ausgenommen. Seit vierzig Jahren nun versuche ich, dieses Bild loszuwerden, aber es scheint hoffnungslos. Ich überlasse es Ihnen für hundert Franken.“
Das war ein extrem niedriger Preis, aber Philippe schüttelte den Kopf. Ablehnend musterte er das im Jugendstil gemalte Bild. Es stellte einen kleinen Amor mit Pfeil und Bogen dar, umgeben von einem Kreis von nackten, kleinen Engeln.
Roland stellte das Bild fort und holte ein anderes hervor. Fasziniert starrte Philippe auf dieses Bild.
Es zeigte einen Pariser Boulevard, ein Café, vor dem zahlreiche Menschen auf dem Bürgersteig saßen. Die Gesichter der Menschen waren ausdrucksvoll wiedergegeben. Die ganze Stimmung eines Sommertages in Paris war wunderbar eingefangen. Philippe wußte sofort, daß er dieses Bild kaufen würde. „Was kostet es?“ fragte er.
Der Kunsthändler sah auf der Rückseite des Rahmens nach. „Achttausend Francs“, erwiderte er, „der Rahmen ist dabei.“
„Ich möchte es nehmen“, sagte Philippe nachdenklich, „können Sie mir sagen, von wem es gemalt ist?“
Roland drehte das Bild noch einmal herum. „Von einer jungen Malerin aus Montmartre“, erwiderte er, „ihr Name ist Charline Bussière.“
Es war einer jener seltsamen Zufälle, die den Lauf der Dinge oft so entscheidend beeinflussen, daß Philippe am selben Abend den Paris Soir kaufte. Es war die Ausgabe, in welcher die Notiz von Charline Bussières Selbstmord vermerkt war. Und Philippe las die Notiz.
Er wurde davon seltsam berührt. Immer wieder tauchte vor ihm die Vision jenes Bildes auf mit seinem heiteren, dem Leben zugewandten Ausdruck darin. War es möglich, daß ein Mensch, der so malen konnte, Selbstmord beging?
Philippe versuchte diese Frage zu lösen, während er in einem Café saß oder genauer gesagt, auf dem Bürgersteig vor einem Café. Es war Nacht geworden, aber immer noch fuhren zahlreiche Autos über den Asphalt des breiten Boulevards, waren die Bürgersteige von Menschen belebt. An solch warmen Abenden gingen die Pariser spät schlafen. Man promenierte an den Schaufenstern entlang, sah und wurde gesehen.
Philippe nahm noch einmal die Zeitung hoch und las in einer seltsamen Mischung der Gefühle die kurze Notiz.
„Selbstmord einer jungen Künstlerin“, hieß die Ueberschrift, und darunter stand: „Gestern vormittag wurde im Gebiet von Neuilly der Leichnam eines jungen Mädchens in der Seine gefunden. Die Untersuchungen der Polizei ergaben, daß sie aus bisher noch ungeklärten Gründen Selbstmord verübte. Die Tote war in Künstlerkreisen in Montmartre recht gut bekannt. Es handelt sich um Charline Bussière, eine Schülerin von Professor Fresney.“
Professor Fresney — das war ein ziemlich bekannter Künstler. Er hatte eine eigene Mal- und Zeichenschule, in welcher er einen Kreis von Schülern und Anhängern um sich versammelt hatte. Philippe erinnerte sich daran, daß Fresney als abstrakter Maler galt. Es war merkwürdig, daß diese Charline Bussière beim ihm Schülerin gewesen sein sollte. Sie malte so völlig anders, altmodischer, heiterer, ein wenig verspielt.
Philippe wollte gerade die Zeitung wegleegn, als ihm von hinten jemand kräftig auf die Schulter schlug.
„Philippe!“ rief eine Stimme in dem weichen, klingenden Tonfall des Südfranzosen. Philippe wußte sofort, wen er vor sich hatte.
„Daniel“, antwortete er erfreut. Er erhob sich und begrüßte den Mann, der gekommen war. Es handelte sich um Daniel Auvant, einen Bekannten, den er in Marseille vor einigen Jahren kennengelernt hatte und der jetzt als freier Künstler in Paris lebte. Auvant war ein großer, hagerer Mann, etwa dreißig Jahre alt, mit dichtem, blauschwarzem Haar, das ihm auf einer Seite in die Stirn fiel. Unter seiner saloppen Kordjacke trug er ein kragenloses Hemd.
Daniel Auvant ließ sich in einen Stuhl fallen und rief: „Paris ist doch eine Kleinstadt. Ich bin kaum eine Viertelstunde von daheim fort, und schon treffe ich dich.“
„Ein Grund zum Feiern“, meinte Philippe und bestellte zwei Aperitif. Plötzlich schien ihm etwas einzufallen. Er sah Daniel an und fragte:
„Sag mal, Daniel, bist du eigentlich in einer Künstlergenossenschaft?“
„In einer was?“ fragte Daniel verständnislos.
„Einer Künstlergenossenschaft“, wiederholte Philippe, „ich meine so einen Verein, in dem sich Maler treffen und über neue Theorien diskutieren?“
Auvant sah ihn erschüttert an.
„Du sprichst auf eine merkwürdige Art von solchen Dingen“, sagte er kopfschüttelnd. „Wir Maler haben Schulen und Vereinigungen, aber keine Genossenschaften oder gar Vereine. Wir sind doch keine Gewerkschaft.“
„Meinetwegen“, sagte Philippe ungeduldig, „aber ich möchte gerne wissen, ob du in einer solchen Vereinigung bist.“
Auvant nickte.
„Ich bin Mitglied der Künstlervereinigung Die neue Brücke“, erklärte er.
„Großartig“, sagte Philippe zufrieden, „dann kennst du sicher einen gewissen Professor Fresney.“
Auvant lachte.
„Und ob ich ihn kenne! Das ist einer der Gründer der ,neuen Brücke‘. Ich persönlich halte ihn für einen Maler, von dem ich noch viel lernen kann.“
Philippe hatte diese Antwort nicht erwartet. Ueberrascht sah er Daniel Auvant an Der Maler machte ein freundliches, argloses Gesicht. Er schien noch nichts zu wissen. Philippe tastete sich langsam vor.
„Kennst du auch ein Mädchen mit Namen Charline Bussière?“ fragte er vorsichtig.
„Natürlich“, nickte Auvant, „ein netter Käfer, die Kleine. Sie malt recht; gute Bilder. Ich gebe das zu, obwohl ich sonst der Meinung bin, daß Frauen hinter ihre Kochtöpfe in die Küche gehören.“
Es bestand kein Zweifel mehr daran. Daniel Auvant wußte noch gar nicht, daß Charline tot war.
„Kanntest du sie näher?“ erkundigte sich Philippe zögernd.
Auvant drehte die Handflächen nach außen und spreizte die Finger — eine beliebte Bewegung der Leute aus dem Süden. Sein Gesicht nahm einen verschmitzten Ausdruck an.
„Nicht sonderlich“, gab er schließlich zu, „ich hätte schon gewollt, aber sie wollte nicht. Und so sah ich mich anderweitig nach einer kleinen Freundin um. Mit Charline verbindet mich eine gute Freundschaft, sonst nichts. Warum fragst du eigentlich?“
Philippe schwankte, ob er es ihm mitteilen sollte. Er entschloß sich dafür. Daniel Auvant würde es in wenigen Stunden doch erfahren. Unruhig rückte er an seiner Brille, während er Auvant schweigend die Zeitung reichte.
Der Maler las die Zeitungsnotiz durch und hob dann langsam den Kopf. Fassungslos starrte er Philippe an. Die Wirkung eines Blitzschlages hätte nicht schlimmer sein können.
„Soll das heißen“, fragte er nach einer Weile mit belegter Stimme, „daß Charline etwa tot ist?“
Philippe nickte.
„Sie muß es sein“, sagte er, „ich glaube nicht, daß es zweimal eine Malerin mit Namen Charline Bussière gibt. Außerdem steht ja noch da, daß sie eine Schülerin von Professor Fresney war. Ich sehe keinen Grund, daran zu zweifeln.“
„Ja“, sagte Daniel Auvant nachdenklich, „trotzdem ist mir der Gedanke unfaßbar. Sie war ein so lebenslustiger Mensch. Warum sollte sie Selbstmord begangen haben?“
„Vielleicht aus wirtschaftlicher Not“, mutmaßte Philippe, selbst nicht so recht überzeugt.
„Unsinn“, brauste Auvant auf, „sie hatte genug zum Leben. Der Alte — das heißt, Fresney — hielt sie für sehr begabt und gab ihr ein monatliches. Stipendium, von dem sie bequem ihr Zimmer bezahlen konnte und noch genug zum Leben hatte. Außerdem sind wir Maler alle daran gewöhnt, daß wir fast kein Geld haben. Deswegen brachte sich Charline niemals um. Das ist Unsinn, das glaubst du selbst nicht.“
Er war ungewöhnlich heftig. Offensichtlich ging ihm die Nachricht von ihrem Tode sehr nahe.
Philippe schwieg eine Weile und meinte dann.
„Aber warum sollte sie sonst Selbstmord begehen?“ Er sprach noch nicht den Gedanken aus, der ihm auf dem Herzen lag, aber auch ohne das kam Auvant von selbst darauf.
„Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, daß sie sich umgebracht haben sollte“, sagte er aufs äußerste erregt. Dann schwieg er. Seinem Gesicht war anzusehen, daß es in ihm arbeitete. Endlich meinte er finster: „Ich habe nur eine einzige Erklärung dafür: Ich glaube, daß man sie ermordet hat!“
Philippe lehnte sich tief atmend zurück. Er nahm seine Brille ab und strich sich mit dem einen Bügel über seinen blonden Schnurrbart — eine Geste, die er unbewußt stets ausübte, wenn er über irgend etwas erregt war.
„Bist du dir dessen sicher, Daniel?“ fragte er.
Der Maler spielte mit dem Glas in seiner Hand. Sein Gesicht hatte immer noch den finsteren Ausdruck.
„Einigermaßen“, sagte er. „Du darfst mir glauben, daß ich nicht leichtfertig daherrede. Ich habe Charline gekannt — vielleicht besser als mancher andere. Sie war noch sehr jung. Weißt du, daß sie erst zwanzig Jahare alt war?“ Er hielt inne und fuhr fort, als keine Antwort kam: „In einem solchen Alter bringt sich kein Mädchen um, es sei denn, es wäre schwermütig oder pessemistisch veranlagt. Das war bei Charline nicht der Fall.“
„Und wenn es doch so wäre?“ widersprach Philippe.
Gereizt fuhr Auvant auf.
„Ich sage dir doch, daß sie ein fröhliches Mädchen war. Das heißt, fröhlich ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Sie war sehr eigenwillig und manchmal auch trotzig. Aber ich würde nicht einmal sagen, daß sie sehr gefühlsbetont war. Das einzige, was mir noch wahrscheinlich vorkäme, wäre, daß sie einem Unfall zum Opfer gefallen ist.“
Philippe spielte mit diesem Gedanken. Er hatte instinktiv das Gefühl, daß dies nicht so war. Daniel bestätigte dies auch mit seinen nächsten Worten.
Sie war eine ganz vorzügliche Schwimmerin“, wußte er zu berichten, „sie besaß sogar die Rettungsmedaille. Es ist unwahrscheinlich, daß sie in den Fluß fiel und ertrank.“
„Du glaubst, daß sie schon tot war, als sie in den Fluß fiel?“ fragte Philippe.
Daniel nickte.
„Ich kann es mir nicht anders erklären“, sagte er.
Philippe überlegte einen Augenblick.
„Das müßte die Polizei doch festgestellt haben“, sagte er dann und fuhr fort: „Ich bin überzeugt davon, daß man die Leiche genau untersucht hat. Offenbar hat man nichts gefunden, was auf einen gewaltsamen Tod hindeutet, also keine Würgemale oder kein Anzeichen dafür, daß sie mit einem chemischen Mittel betäubt worden ist. Wenn man nichts gefunden hat, muß man logischerweise annehmen, daß der Mörder, falls es wirklich einen gibt, auch nichts dergleichen angewandt hat.“
Auvant machte ein unwilliges Gesicht.
„Das schon“, gab er zu, „aber ich glaube trotzdem nicht an einen Unfall.“
„Es wäre die natürlichste Erklärung“, widersprach Philippe abermals, obwohl er im Grunde davon selbst nicht überzeugt war. Philippe Letailleur jedoch war ein sehr logisch denkender Mensch. Er unterschied streng zwisehen seinen Gefühlen und seinem Verstand. Sein Gefühl sagte ihm in diesem Fall, das Charline Bussière ermordet war, aber sein Verstand wußte keine Begründung dafür zu geben. So zählte er selbst alle Gründe auf, die gegen einen Mord sprachen — und glaubte doch an einen Mord.
„Es wäre noch eine Möglichkeit denkbar“, sagte Daniel Auvant, und seine Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. „Vielleicht hat die Polizei doch etwas gefunden und läßt die Meldung von einem Selbstmord lediglich deswegen verbreiten, um den Mörder in Sicherheit zu wiegen. Vielleicht hat sie eine Spur, die sie ungestört verfolgen will.“
Philippe lehnte sich zurück und sah nachdenklich auf die Straße hinaus. Was Auvant gesagt hatte, war richtig, eine durchaus wahrscheinliche Möglichkeit. Aber — bei allem Respekt vor der Polizei — Philippe traute ihr nicht soviel Scharfsinn zu. Welche Spur sollte sie verfolgen? Wenn feststand, daß Charline ermordet war, häte man dies mit größter Wahrscheinlichkeit bekanntgegeben, ja, womöglich noch die Bevölkerung zur Mitarbeit aufgefordert.
Auvant schien seine Gedanken zu erraten.
„Freilich müssen wir diese Möglichkeit außer acht lassen“, sagte er, „denn wir können sie niemals nachprüfen. Immerhin könnte sie uns helfen, denn wenn Charline ohne jede Anwendung von Gewalt ermordet sein sollte, könnten wir zwar unter Umständen den Mörder finden, ihm aber nie die Tat nachweisen.“
„Wir hätten es sozusagen mit einem perfekten Mord zu tun“, nickte Philippe.
„Das ist es, worüber ich auch schon nachgedacht habe. Aber etwas anderes, Daniel. Kennst du jemanden, dem der Mord zuzutrauen ist?“
Auvant lachte bitter auf.
„Das ist eine seltsame Frage. Verdächtig ist jeder, der mit ihr zusammenarbeitete, der sie kannte, mit ihr befreundet war, kurz, so ziemlich jeder in Montmartre. Wenn du willst, bin ich auch verdächtig.“
Philippe sagte abwehrend: „So meinte ich es nicht. Der Mörder muß doch ein Motiv gehabt haben. Geld hatte Charline nicht, somit konnte sie auch nicht deswegen umgebracht warden.“
Auvant sah ziemlich ratlos aus. „Das stimmt. Ich kann es mir nur schwer erklären.“
„Vielleicht gibt es jemanden, mit dem sie in letzter Zeit öfters verkehrte“, mutmaßte Philippe, „vielleicht hatte sie einen festen Freund. Weißt du etwas darüber?“
Daniel Auvant schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
„Natürlich“, rief er aus, „warum habe ich nicht gleich daran gedacht. Charline wurde in letzter Zeit von einem Verehrer bedrängt, den sie anscheinend nicht allzu gut leiden konnte, der aber offensichtlich sehr in sie verliebt war. Es handelt sich um einen jungen Amerikaner. Sein Name ist Henry Aston. Allerdings habe ich ihn seit vierzehn Tagen nicht mehr gesehen.“
„Na, großartig“, sagte Philippe zufrieden, „da haben wir doch wenigstens einen Anhaltspunkt.“
„Ich kann aber nicht daran glauben“, versetzte Auvant zweifelnd? „Henry Aston ist ein junger Mann mit besten Manieren.“
„Du gehst eben nicht oft genug ins Kino“, rief Philippe eifrig aus, „die jungen Leute mit den guten Manieren sind meistens die Mörder.“
Auvant lächelte schwach. Philippe hatte so laut gesprochen, daß ein paar Leute an den Nachbartischen sich umsahen. Es war mittlerweile völlig dunkel geworden. Ueber ihnen hatte man eine gestreifte Markise heruntergekurbelt, in der sich das Licht der gleich einer Perlenkette aufgereihten farbigen Glühbirnen fing. Ein warmer, roter Lichtschein lag über der Terrasse.
Philippe bestellte noch einen Aperitif.
„So“, sagte er zufrieden und rückte an seiner Brille, „jetzt erzähl mir einiges über diesen Henry Aston.“
Auvant dachte kurz nach, und dann begann er zu sprechen. Charline Bussière war vor einem Jahr, als sie erst wenige Wochen in Professor Fresneys Malklasse war, plötzlich für zwei Wochen nach England verreist wegen einer Erbschaftsangelegenheit. Was im einzelnen vor sich gegangen war, wußte Daniel nicht. Er berichtete jedoch, daß sie auf der Ueberfahrt einen jungen Amerikaner kennengelernt hatte, eben diesen Henry Aston, mit dem sie sich anfreundete. Während dieser Aston sich anscheinend in sie verliebte, schien sie nicht entschlossen, in ihm mehr als einen Freund zu sehen, sehr zu seinem Leidwesen. Es kam zu Auseinandersetzungen, bei denen Auvant mitunter Zeuge war. Er erzählte, daß Charline öfter zu ihm gekommen sei und sich über Henry Aston beschwert habe.
Sie bezeichnete ihn als einen kultivierten Barbaren, der zwar wüßte, wie man Messer und Gabel anfaßte, der jedoch auf die Gefühle seiner Mitmenschen keine Rücksicht nahm. „Es kam, wie es kommen mußte“, sagte Daniel, „sie machte Schluß mit ihm, und er schien auch Verstand genug zu haben, um einzusehen, daß es sinnlos war. Er zog sich nach England zurück, wo sein Vater, der einiges Geld besitzt, ein Landhaus hat. Die Astons stammen nämlich aus England und sind seltsamerweise sehr stolz darauf“, wußte Daniel weiter zu berichten. „Ungefähr ein Dreivierteljahr lang hielt sich Henry Aston in England auf und ließ nichts von sich hören. Dann, es war vor vielleicht vier Wochen, tauchte er eines Tages wieder hier auf — als Maler.“
„Als was?“ fragte Philippe erstaunt und leicht amüsiert, denn ihm als Franzosen lag die Vorstellung fern, es könnte in Amerika Maler geben.
„Du hast richtig gehört“, nickte Daniel, „er erschien mit einem Stapel Bilder, ging zu Professor Fresney, und als dieser die Bilder gesehen hatte, war er hell begeistert. Er bezeichnete ihn als Genie und forderte ihn auf, in seine Klasse einzutreten, um dort die richtige Maltechnik zu erlernen. Henry Aston nahm an, und so kam es, daß Charline mit ihm in dieselbe Klasse geriet.“
„Wohl gegen ihren Willen“, meinte Philippe.
„Zweifellos“, nickte Auvant, „aber wider Erwarten schien es ganz gut zu gehen. Die beiden vertrugen sich nicht schlecht. Was im einzelnen vor sich ging, weiß ich nicht, denn ich hatte mit Charline nicht allzuviel Kontakt in den letzten Wochen. Das letztemal traf ich sie vor, warte mal, vor etwa drei Wochen. Es war an einem Sonntag. Ich war mit meinem Freund aufs Land gefahren und traf sie in einem Gasthaus an der Straße nach St. Denis. Ich wäre vorbeigefahren, aber mein Freund — es ist Gérard le Comte, du kennst ihn vielleicht — machte mich darauf aufmerksam, daß der Wagen von Aston vor dem Gasthaus parkte. So hielten wir an und sahen hinein.“
„Welches Gasthaus war es?“ fragte Philippe, „ich kenne mich auf der Strecke nach St. Denis gut aus.“
Philippe hatte früher einmal in Montmorency gewohnt; dieser Ort liegt unmittelbar hinter St. Denis.
„Es war die Auberge Ile de France“, berichtete Auvant, und Philippe nickte. Er kannte es, ein großes Rasthaus, unmittelbar vor der Stadtgrenze von Paris gelegen.
Auvant sprach weiter:
Wir gingen hinein und trafen Charline. Sie saß in Begleitung von Henry Aston in einer Nische. Es sah so aus, als verstünden sie sich gut, aber ich hatte sofort das Gefühl, daß irgend etwas mit ihnen nicht in Ordnung war. Es herrschte jene Stimmung zwischen ihnen, die man nach einer Auseinandersetzung so oft antrifft. Sie waren sehr höflich zueinander, gewiß. Aber ich hatte deutlich das Gefühl, als hätte es eine Verstimmung zwischen ihnen gegeben. Charline sagte im Verlauf des Gespräches etwas sehr Merkwürdiges zu mir. Sie tat, als wäre es ein Scherz, aber heute glaube ich, daß mehr dahintersteckte. Sie sagte: „Daniel, ich denke, wir werden uns bald trennen und werden uns dann so bald nicht mehr Wiedersehen!“ Auf meine Frage, wie das zu verstehen sei, reagierte sie nicht. Ich vergaß den Zwischenfall, aber jetzt steht er mir wieder klar vor Augen.“
„Und Henry Aston?“
„Der saß dabei, machte ein freundliches Gesicht und plauderte harmlos über alles mögliche. Ich wurde nicht recht schlau aus den beiden.“ Auvant seufzte auf. „Jedenfalls glaube ich, daß man Charline ermordet hat. Philippe! — wir müssen den Mörder finden.“
„Vielleicht kann ich dazu helfen“, sagte Philippe und setzte übergangslos hinzu: „Uebrtgens habe ich vorhin ein Bild von Charline gekauft.“
Von wem?“fragte Auvant erstaunt.
„Von Antoine Roland. Das ist der Inhaber einer kleinen Kunsthandlung in der Rue Binale. Es war nicht sehr teuer.“
Auvant sagte aufgebracht:
„Das verstehe ich nicht. Fresney hatte seinen Schülern untersagt, Bilder zu verkaufen, solange sie noch bei ihm in der Ausbildung waren. Es ist eine Marotte von ihm. Er sagt, ein Künstler sollte erst dann seine Werke verkaufen, wenn er wirklich etwas leistet. Wenn Charline Bussière trotzdem ein Bild an einen Kunsthändler gab, mußte sie riskieren, von Fresney hinausgeworfen zu werden.“
„Vielleicht hat sie es nicht gewußt“, sagte Philippe schulterzuckend und erhob sich. Er warf ein Geldstück auf den Tisch. „Ich muß gehen“, sagte er mit einem Blick auf die Uhr, „ich muß noch zum Gare de lʼEst. Dort kommt mit dem Elf-Uhr-Zug eine scharmante junge Engländerin an, die der seltsamen Meinung ist, daß ich ihr richtiger Beschützer in Paris wäre. Vielleicht hat sie gar nicht so unrecht“, fügte er mit einem vielsagenden Blick hinzu und winkte Auvant zu. „Ich besuche dich mal in den nächsten Tagen.“
Beide Hände in den Taschen verließ er das Café und sah sich nach einem Taxi um.
Philippe hatte im Laufe des Gespräches die feste Ueberzeugung bekommen, daß Charline Bussière ermordet worden war — aber er war vernünftig genug, um einzusehen, daß es für ihn kaum eine Chance gab, als verhältnismäßig Außenstehender den Mörder zu finden. Es schien sich um einen raffiniert eingefädelten Mord zu handeln. ,Der perfekte Mord‘, dachte Philippe, als er sich in ein Taxi zwängte.
Für die nächsten Stunden dachte er dann nicht mehr an den Fall, aber er sollte bald genug daran erinnert werden.
Vorerst jedoch stieg er am Gare de l’Est aus, stellte fest, daß er sich verspätet hatte, jagte in höchster Eile einer Blumenverkäuferin nach und kam gerade noch zurecht, um mit einem Strauß roter Rosen und seinem strahlendsten Lächeln Jeannette Vivian Neeley zu begrüßen.
Jeannette, wie er sie kurz zu nennen pflegte, war die Tochter eines englischen Kunststofffabrikanten. Er hatte sie kennengelernt, als er vor Jahren mit seiner Familie an der See auf Urlaub war. Die Neeleys waren in jenem Jahr nach Frankreich gekommen, um dort ihre Ferien zu verbringen. Das Kennenlernen der beiden Familien war auf die übliche Weise geschehen. Erst hatte der Neeleysche Hund Freundschaft mit dem Foxterrier der Letailleurs geschlossen, dann hatten die Neeleykinder sich an die Letailleurkinder angeschlossen, und zum Schluß gerieten die Alten ins Gespräch.
Seit jener Zeit kannte Philippe Jeannette und war seitdem mit ihr in einem lebhaften Briefwechsel verblieben. Vor kurzem hatte ihm Jeannette mitgeteilt, daß sie gern für vierzehn Tage nach Paris kommen würde. Philippe hatte sich sofort als vorzüglicher Fremdenführer angepriesen, und jetzt war Jeannette da.
„Wie war die Reise?“ erkundigte sich Philippe, während er, ihren Koffer tragend, zum Ausgang schritt. „Ich habe bereits ein Hotelzimmer für dich besorgt und auch eines für Mrs. Stipherson.“ Das war die frühere Gouvernante von Jeannette, die jetzt als Hausdame rangierte. Sie sollte am nächsten Tag folgen, denn die Neeleys waren nicht entschlossen, ihre Jeannette ohne jeglichen weiblichen Schutz in das Sündenbabel Paris zu schicken.
„Die Ueberfahrt war schrecklich stürmisch“, versicherte, Jeannette und schüttelte den Kopf, daß ihre kastanienbraunen Haare nur so flogen, „aber das ist vergessen. Schließlich bin ich in Paris. Wo ist das Moulin Rouge?“
„Hier nicht“, lachte Philippe.
Sie verzog den Mund.
„Ich bin richtig enttäuscht, Philippe. Ich dachte, wir wären schon mitten drin im Sündenpfuhl.“
„Im was?“ fragte Philippe.
„Im Sündenpfuhl“, wiederholte Jeannette, „seit drei Wochen höre ich jeden Tag von Mrs. Stipherson, daß Paris die lasterhafteste Stadt der Welt ist. Jetzt möchte ich gerne wissen, wo das Laster ist.“
Philippe lachte und winkte nach einem Taxi.
„Fahren wir erst einmal ins Hotel“, sagte er, „du kannst schließlich nicht all die Sünden, für die du nun noch vierzehn Tage Zeit hast, in den ersten zehn Minuten begehen. Außerdem habe ich deinen Eltern und Mrs. Stipherson gegenüber eine moralische Verantwortung.“ Er räusperte sich. „Das ist eine schwere Bürde, vor allem, wo es sich um dich handelt.“
Sie mußten beide lachen. Wenig später fanden sie ein Taxi und ließen sich auf der rückwärtigen Bank nieder.
„Die Ueberfahrt war eine aufregende Sache“, schwärmte Jeannette nach einigen Minuten, „es herrschte starker Wind. Uebrigens, ob du es glaubst oder nicht, ich habe schon das erste Rendezvous in Paris.“