Kitabı oku: «Die neue Elite», sayfa 3

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AUSNAHMETALENTE

Wie in jeder Generation beobachten Lehrer auch unter den heutigen Kindern und Jugendlichen vereinzelt Ausnahmetalente. Diese besonders kompetenten Jugendlichen kommen entweder aus einem Elternhaus, das fördernd, ermöglichend und unterstützend ist. Diese Kinder fallen den Lehrern besonders durch ihre offene Neugierde auf.

Es gibt aber auch die zurückgezogenen oder schrägen Ausnahmetalente. Sie entwickeln sich früh unter besonders schwierigen Umweltbedingungen oder Familienkonstellationen, weil sie einen spezifischen Leidensdruck durchleben und überwinden, indem sie sich mit einer Sache ganz tief beschäftigen. Das sehen die Lehrer in der Musik ebenso wie im Sport oder beim künstlerischen Ausdruck. Oft können diese Kinder ihre Emotionen in der frühen Kindheit nicht ausreichend verbal ausdrücken und bearbeiten. Stattdessen finden sie ihren Ausdruck in einer Form, die zu ihnen passt. Sie ziehen sich zurück und üben exzessiv. Damit verhelfen sie einem besonderen Talent zum Durchbruch.

Ausnahmetalente sind meist schon in der Volksschule erkennbar. Im Prinzip sind Ausnahmetalente diejenigen, die sich auf Basis einer gewissen genetischen Prädisposition, mit Hilfe von guten Lehrern, durch geduldiges Üben und Freude an der Sache früher und konsequenter in eine bestimmte Richtung entwickeln und deshalb bald aus der Schar der Gleichaltrigen herausragen. Daran hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts verändert.

Was sich allerdings verändert hat, ist der Umstand, dass mehr Ausnahmetalente als früher von ihrem Weg abkommen und ins Mittelmaß oder noch weiter zurückfallen. Das ist ebenfalls hauptsächlich auf den Einfluss der digitalen Medien zurückzuführen. Der häufigste Grund für das Scheitern von Ausnahmetalenten ist der maßlose Gebrauch digitaler Technologien. Das überall verfügbare Smartphone ist die Einstiegsdroge. Kinder, die anfällig sind, sind allerdings nicht wählerisch. Sie nehmen alles, was sie an digitalen Geräten kriegen können: Das Tablet der Mutter, den PC des Vaters oder die Spielkonsolen der älteren Geschwister. Das Problem mit dem Smartphone ist bei Burschen eher das übermäßige Spielen, bei Mädchen eher das übermäßige Kommunizieren über soziale Medien. Das kann sich bis zur Abhängigkeit und Sucht steigern.

ABHÄNGIGKEIT, SUCHT UND ABLENKUNG

In den Schulen fallen diese Abhängigkeiten und das Suchtverhalten erst bei extremen Fällen auf, weil die Lehrer üblicherweise keinen Einblick haben, was die Kinder in ihrer Freizeit tun. Es ist zumeist der Schlafmangel, der die Abhängigen verrät. Kinder, die mit müden Augen regelmäßig im Unterricht einschlafen, weil sie die Nacht durchgespielt oder gechattet haben, sind in den Schulen ein neues Phänomen.

Die tatsächlich Süchtigen bilden zum Glück eine kleine, wenn auch wachsende Minderheit. Massenhaft wirksam sind die mit der Digitalisierung einhergehenden Probleme im Spektrum rund um den Beginn der Abhängigkeit. Veritable Massen von Kindern hängen viel zu viel und zu lange am Handy und wollen davon nicht lassen. Die Masse unserer Kinder bewegt sich im Graubereich am Rande der Abhängigkeit. Diese Kinder sind in eine Sackgasse ihrer psychisch-kognitiven, körperlich-motorischen und emotionalen Entwicklung geraten. Sie vergeuden nicht nur ihre Zeit, was ihr gutes Recht wäre. Sie schaden sich selbst, weshalb wir Erwachsenen einschreiten müssen. Sie verschütten ihre Potentiale, was ein gesellschaftliches Problem darstellt.

Aus dieser Masse an Kindern, die durch die Welle der Digitalisierung beschädigt und behindert werden, ragt die neue Elite heraus. Das sind jene Kinder und Jugendlichen, die den digitalen Verführungen widerstehen und sich in ihrer Entwicklung nicht ablenken lassen.

Die Möglichkeiten der Ablenkung sind durch das omnipräsente Smartphone deutlich gestiegen. Je nach Alter sind die Kinder ohnehin mehr oder weniger geneigt, sich ablenken zu lassen. In der frühen Pubertät, bei den 13- und 14-Jährigen, erreicht diese Ablenkungsneigung ihren Zenit. In diesem Alter fällt es Kindern besonders schwer, geduldig an etwas zu arbeiten und damit ihre Begabungen weiter zu entwickeln. Zerstreutheit ist in dieser Phase der Orientierung ganz normal. Dementsprechend war auch der Unterricht in der siebten und achten Schulstufe immer schon eine große Herausforderung. Aber das hohe Maß an Reizüberflutung durch das ständig präsente Smartphone gab es früher nicht. Die zunehmende Reizüberflutung behindert die Entwicklung der Kinder und macht den Unterricht gerade in den kritischen Jahren noch schwieriger.

Die derzeit junge Generation leidet darunter, dass die Digitalisierung weitgehend anarchisch vonstattengeht. Die meisten Erwachsenen haben keinerlei Konzept für die Digitalisierung in ihrem Einflussbereich. Weder bezogen auf sich selbst noch in Bezug auf die Kinder. Es gilt schon als fortschrittlich, sich die Frage zu stellen, wie viele Stunden digitale Medien pro Tag den Kindern in welchem Alter zuträglich sind. Innerhalb des ständig umkämpften Rahmens des Wieviel sind die Kinder und Jugendlichen mit der neuen Technologie meist sich selbst überlassen. Denn die Eltern verwenden das Smartphone und andere digitalen Geräte zumeist dazu, um die Kinder zu beschäftigen und derweil etwas anderes erledigen zu können. Diese Entwicklung resultiert nicht zuletzt aus dem zunehmenden Zeitdruck, unter dem die Erwachsenen stehen.

Dementsprechend überwiegt die Nutzung der Smartphones für Spiel und Kommunikation via Social Media, gefolgt von Unterhaltung und Information mit Spaßfaktor. Das sind allesamt die Nutzungen, die den Kindern keinen weiterführenden Nutzen verschaffen. Ihre Energien versickern gleichsam in den digitalen Geräten, ohne dass etwas Produktives oder Weiterführendes dabei herauskommt.

DAS DIGITALE ARBEITSGERÄT

Auch jene Eltern, die in der Digitalisierung generell einen Segen sehen, erkennen den negativen Einfluss der überschießenden Nutzung der digitalen Geräte zur Ablenkung. Diese Eltern hoffen, dass ihre Kinder das Smartphone irgendwann als das entdecken, was es auch für viele erfolgreiche Erwachsene ist: ein praktisches, vielseitiges Arbeitsgerät. Allerdings wird diese Hoffnung meist enttäuscht. Es ist ein Mythos, dass das digitale Spielen und Kommunizieren die Kinder darauf vorbereitet, dass sie die digitalen Geräte irgendwann als Arbeitsgerät nutzen. Realität ist genau das Gegenteil. Ein intuitives Verständnis für digitale Geräte entwickeln Kinder ganz schnell. Je mehr sie allerdings am Handy digital spielen und kommunizieren, desto eher wird dieses Verhalten zur Abhängigkeit oder Sucht und desto weniger wahrscheinlich ist es, dass sie die digitalen Geräte als Arbeitsinstrument entdecken. Dies erfordert vielmehr einen Bruch mit den bisherigen Nutzungsgewohnheiten der Kinder.

In der Praxis zeigt sich, dass auch ältere Jugendliche und junge Erwachsene die Arbeit mit digitalen Geräten in Windeseile erlernen, sobald sie sich für die Möglichkeiten interessieren, die die Geräte bieten, ganz unabhängig davon, ob sie in früheren Jahren eine Affinität zu digitalen Spielen, zu sozialen Medien und sonstigen digitalen Zerstreuungen entwickelt haben oder nicht.

In diesem Zusammenhang beobachten Lehrer eine leichte Trendwende. Es gibt eine kleine, aber wachsende Gruppe von Jugendlichen, die vor allem den Computer – weniger das Handy – als Werkzeug benutzen. Die Jugendlichen entdecken die digitalen Geräte als Arbeitsinstrumente, mit denen sie etwas schaffen können.

SILVIA

Silvia lebt in einer größeren Gemeinde im alpinen Raum. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches hat sie gerade erfolgreich die Matura hinter sich gebracht.

Ein Handy bekam sie erst relativ spät, erst mit 14 Jahren. Diese Festlegung ihrer Eltern empfand sie laut eigener Aussage nie als Defizit oder Einschränkung. Lange war sie die Einzige in der Klasse ohne Handy. Das machte so etwas wie ihre eigene Identität aus. Sie war stolz, in den ersten drei AHS-Klassen die Einzige zu sein, die kein Handy hatte.

Andere in ihrer Klasse spielten schon längst Handyspiele. Diese stufte sie als dumm und komplett unnötigen Zeitvertreib ein, der mit ihren vielen sonstigen Beschäftigungen nicht zusammenpasste. Bis sie 16 war, war sie überhaupt nie auf irgendwelchen sozialen Medien. Aus Neugier verschaffte sie sich dann doch Zugang zur einen oder anderen Plattform. Bis heute ist sie allerdings komplett inaktiv auf Social Media. Sie schaut nie drauf. Sie gibt auch zu, dass ihr die Handhabung dieser Apps schwerfällt, weil sie sich damit gar nicht beschäftigen will.

Mit 16 schloss sie mit sich selbst eine Art Vertrag. Sie wollte ihre tägliche Zeit am Smartphone unter eine halbe Stunde bringen. Diese halbe Stunde nutzte sie zum Telefonieren und zum Schreiben von Nachrichten. Da ging sich daneben keine aufwändigere Selbstdarstellung auf sozialen Medien mehr aus. Die frei gewordene Zeit nutzte sie, um ihren diversen analogen Hobbys nachzugehen. Insbesondere das Bergsteigen und Klettern im Naturfels liebt sie. Im Winter geht sie zum Eisklettern und auf Schitouren. Das Bergsteigen sieht sie nicht primär als Sport, sondern eher als Naturerlebnis, das eine positive Wirkung auf sie hat.

Ab dem Alter von 16 Jahren wurde auch der Computer für sie wichtig. Sie fand Gefallen am Programmieren und übte das Coding fortan regelmäßig. Bis heute liebt sie es, wenn ein von ihr entwickeltes Programm funktioniert. Dann fühlt sie sich besonders produktiv.

In den Jahren bis zur Matura nutzte sie das Internet auch intensiv für Fotobearbeitung, für den Wissenserwerb, um Podcasts zu hören und Dokus anzuschauen. Mit der Zeit entwickelte sich aus dieser Suche nach Wissen abseits der Schule auch ein Berufswunsch. Silvia möchte definitiv in die Forschung, und zwar im Bereich Genetik oder Neurologie.

Anleitungen oder auch nur initiale Impulse von Eltern und Lehrern zu dieser Nutzung der digitalen Technik sind eher selten. Dieser positive Trend geht vorwiegend von einer Elite unter den Jugendlichen aus, die nicht länger bloße Konsumenten der digitalen Programme sein, sondern selbst gestalten wollen. Wir sehen hier nicht nur eine technische Elite unter den Jugendlichen, die sich vorwiegend aus jenen Kindern rekrutiert, die ein Talent für die technischen Fächer inklusive Mathematik haben. Auch musisch oder graphisch begabte Kinder verwenden den Computer, um etwas zu schaffen.

Unter diesen Jugendlichen finden sich auch einige, die davor viel mit dem Computer gespielt haben. Es ist allerdings nicht das Computerspiel, das sie auf die sinnvolle Nutzung des Computers vorbereitet hat, sondern durchwegs die vor der Computerspielphase entwickelte Begabung, die wieder zum Durchbruch kommt. Ein Lehrer formuliert es sehr treffend: Ein guter Programmierer muss ein guter Mathematiker sein, kein guter Computerspieler.

SELBSTBEWUSSTSEIN

Lehrer beobachten auch einen Zusammenhang zwischen dem Handy-Nutzungsverhalten und dem Selbstbewusstsein der Kinder. Die Kinder und Jugendlichen nutzen das Handy anders als die Erwachsenen. Das hat auch mit ihrem Drang zu tun, sich von den Erwachsenen abzugrenzen. Wir können das am Beispiel der Nutzung von sozialen Medien beobachten. Während die älteren Generationen quer durch alle Schichten auf Facebook sind, verwenden die Kinder und Jugendlichen derzeit vorwiegend die Videoplattformen Instagram und TikTok. Dort sind sie weitgehend unter sich.

Die sozialen Medien halten für Kinder und Jugendliche besondere Gefahren bereit. Eine davon betrifft ihr Selbstbewusstsein. Die Kehrseite des kindlichen Präsentationsdranges ist die Abhängigkeit von Bestätigung von außen. Die heutigen Kinder sind es von klein auf gewohnt, für ihre Aktionen Bestätigung zu bekommen. Nicht nur von Eltern und Verwandten. Auch die Algorithmen der digitalen Spiele und sozialen Medien sind so gestaltet, dass sie ständig positive Rückmeldung geben. Umso mehr Bestätigung von außen kommt, umso weniger lernen die Kinder, sich selbst zu genügen. Sie entwickeln kein Gefühl für ihre eigenen Leistungen. Durch diese Prädisposition steigt die Neigung, das eigene Tun auf den allgegenwärtigen sozialen Medien zu präsentieren und dort um Bestätigung zu heischen.

Soziale Medien haben jedoch die eigentümliche Dynamik, dass aufgrund des Überangebots nur das wirklich Bemerkenswerte und Neue nennenswerte Bestätigung in Form von Views, Followern und Likes erhält. Darunter leiden vor allem jene Kinder, deren Selbstbewusstsein ohnehin schwach ausgeprägt ist.

Kinder, die von ihrer Persönlichkeit her eher in sich ruhen, haben weniger Probleme mit den digitalen Medien als jene, die eher außenorientiert sind, die ihre Aufgaben mit minimalem Aufwand erledigen und prinzipiell schnelle Erfolge erzielen wollen.

Lehrer bemerken auch, dass die Kinder heutzutage bei Anforderungen an die Kreativität deutlich weniger ihre eigenen inneren Bilder nutzen. Vielmehr orientieren sie sich zuallererst an den Bildern, die ihnen eine erste Suche im Internet liefert. Dadurch kommt es zu einer Normierung des kreativen Ausdrucks, den es bei früheren Generationen nicht gab. Umso schwieriger ist es für die Kinder, etwas Originelles zu produzieren, das Aufmerksamkeit erzeugt und verdient. Auch deshalb hat es diese Generation schwerer, ein gutes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Daher wird die Stärkung von Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit bei Kindern ein wesentliches Thema in diesem Buch sein.

SEHNSUCHT NACH DEM ANALOGEN

Bei den Kindern und Jugendlichen sehen die Lehrer durchaus eine Sehnsucht nach dem Analogen. Insbesondere die analoge Kommunikation und der direkte menschliche Kontakt sind für die Kinder und Jugendlichen besonders attraktiv. Das entsprechende Bedürfnis kommt daher, weil die digital vermittelte Kommunikation via Handy – oder auch am Computer beim Homeschooling während der Pandemie – den direkten menschlichen Kontakt nur suggeriert, aber letztlich nicht ersetzen kann.

Wegen ihrer eigenen Disposition – Zeitmangel und Erholungsbedarf – erkennen allerdings die wenigsten Eltern und Lehrer dieses Bedürfnis der Kinder. In ihrer Freizeit nutzen die Erwachsenen die digitalen Geräte vorzugsweise zur Zerstreuung. Weit verbreitet ist die Nutzung von Streaming-Services wie Netflix oder Amazon, die mit einem breiten Angebot an Filmen und Serien dem Fernsehen den Rang als allabendlicher Lieblingszeitvertreib ablaufen.

Weil sie sich selbst vorzugsweise vor den Bildschirmen niederlassen, geben jene Erwachsenen ein schlechtes Vorbild und lassen viele Chancen ungenutzt, die Kinder zumindest eine Zeit lang von den Bildschirmen wegzubringen. Gemeinsam spielen, Sport betreiben oder Geschichten erzählen wäre besser als gemeinsam einen Film anzuschauen. Den Kindern sind die analogen Tätigkeiten in Verbindung mit dem persönlichen Austausch zumeist lieber.

Die Sehnsucht der Kinder nach dem Analogen zeigt sich auch am Spaß, den sie haben, wenn sie Dinge erstmals selbst tun. Ein Lehrer berichtet beispielsweise davon, dass die wenigsten Kinder heutzutage Erfahrung damit haben, wie ein Hammer funktioniert. Umso größer ist ihr Spaß beim Nägel-Einschlagen. Sie sind begeistert bei der Sache, wenn sie Nägel einschlagen dürfen. Da entsteht im Unterrichtsfach technisches Werken ein unglaublicher Lärm in der Klasse. Es ist ein neues Körpererleben, verbunden mit realer Gefahr für die eigenen Finger. Das ist anders als beim Spielen am Handy, wo die Gefahr nur dem eigenen Avatar droht, während der Spieler körperlich unantastbar ist. Das Körpererleben mit realen Werkzeugen ist für die Kinder ganz offensichtlich zutiefst befriedigend.

Ähnliches zeigt sich in den Schulen auch bei einfachen Tätigkeiten wie dem Töpfern. Die Kinder sind vorerst zwar ungeübt beim Formen und Kneten von Ton mit den bloßen Händen und entsprechend ungeschickt, aber sie sind motiviert bei der Sache. Dasselbe gilt für das Sägen oder Drechseln oder das Herstellen von Seife.

Es ist also keineswegs so, dass die Kinder der Digitalisierung einfach anheimfallen und die Eltern und Lehrer dieser Entwicklung machtlos gegenüberstehen. Wie das Verhältnis von digitalen und analogen Tätigkeiten tatsächlich aussieht, ist im Kern eine Frage der intrinsischen Motivation. Welche Tätigkeiten erscheinen den Kindern attraktiver?

Viele Erwachsene haben den Eindruck, dass die meisten Kinder ständig am Handy hängen und schwer von dort wegzubekommen sind. Wenn wir die Mechanismen der intrinsischen Motivation verstehen, können wir den Kindern analoge Erfahrungen ermöglichen, die ihnen attraktiver erscheinen als das Handy. Nur intrinsisch motivierte Kinder entwickeln ihre Talente und bringen es in einem Fachbereich zur Exzellenz, was ihnen den Aufstieg in die neue Elite sichert. Daher wird uns die Motivationsfrage in diesem Buch noch ausführlicher beschäftigen.

DIE TRENDWENDE

Wir vergessen oft, dass Kinder psychisch und körperlich in einem Entwicklungsprozess stehen und zuerst psychisch reifen müssen, um mit neuen Technologien so umgehen zu können, dass sie keinen Schaden nehmen. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie haben von Beginn ihres Lebens tolle Fähigkeiten und eine bewundernswerte Ausstattung. Aber sie stehen als Kinder ein paar Jahre lang vor der zentralen Aufgabe, sich psychisch, körperlich, emotional und sozial zu entwickeln und zu lernen, mit der – primär analogen – Welt umzugehen. Das ist Herausforderung genug, schön und abenteuerlich.

Wenn Kinder diese fördernde und fordernde Chance nicht bekommen und die Gesellschaft sie in dieser historischen Phase der Digitalisierung mit Erwachsenen gleichsetzt, dann mutet sie den Kindern Entwicklungseinschränkungen und reale Gefahren für Körper, Geist und Seele zu. Derzeit bietet unsere Gesellschaft den Kindern keinen besonderen Schutz vor der Digitalisierung, sondern liefert die Kinder an die Macht und Kraft der Algorithmen und ihrer Produzenten aus.

Am schlimmsten sind die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Kleinsten. Manche werden sagen: Die Dosis macht das Gift. Das ist prinzipiell richtig. Aber digitale Geräte können besonders für kleinere Kinder allzu leicht zum Suchtmittel werden. Daher sind schon geringe, an sich noch ungiftige Mengen problematisch. Wir gönnen unserem Kind ja auch nicht regelmäßig ein ganz kleines Stamperl Wein, damit es sich an genussvolles Trinken schon in jungen Jahren herantasten soll und den Umgang mit einem potentiellen Suchtmittel einübt. Der Schaden von digitalen Medien in der Kindheit ist selten sofort und direkt wahrnehmbar. Der Preis der digitalen Welle für die gesunde Gesamtentwicklung unserer Kinder ist jetzt schon exorbitant hoch.

Gegen die Digitalisierung als globale und von mächtigen wirtschaftlichen Interessen getriebene historische Entwicklung sind die einzelnen Eltern machtlos. Nichtsdestotrotz haben Eltern immer noch den größten Einfluss auf die Entwicklung ihrer eigenen Kinder und tragen dementsprechend die größte Verantwortung. Das gilt auch noch in den Jahren, in denen die Kinder immer selbständiger werden und sich mehr an Gleichaltrigen orientieren, weil den Gleichaltrigen diese Verantwortung nicht zugeschoben werden kann.

Das vorliegende Buch lotet die trotz der historischen Entwicklung immer noch entscheidenden Handlungsspielräume für Eltern aus. Auch in der heutigen Zeit können wir unsere Kinder vor negativen Einflüssen schützen und dafür sorgen, dass sie die bestmögliche Entwicklung nehmen. Wenn wir das als Eltern so gut wie möglich gewährleisten, dann können unsere Kinder zur neuen Elite werden.

Lehrer beobachten neuerdings eine positive Entwicklung: Nach dem Hype rund um die Digitalisierung in den letzten fünf bis zehn Jahren zeichnet sich nun langsam eine Trendwende ab. Jene Eltern, die möchten, dass ihre Kinder ihre Begabungen entwickeln und erfolgreich ins Leben gehen, sorgen dafür, dass ihre Kinder einen sorgsameren Umgang mit dem Handy und anderen Bildschirmgeräten pflegen. Oder sie probieren es zumindest. Den meisten Eltern fehlt das entsprechende Know-how. Daher ist der Streit um die Nutzung der digitalen Geräte neuerdings das dominante Thema in den Eltern-Kind-Beziehungen. Dieses Buch will Eltern vermitteln, dass es über weite Strecken auch ohne Streit geht.

Im Rahmen dieser positiven Entwicklung beobachten Lehrer auch, dass sich jene Kinder, die ihre Begabungen entwickeln und dadurch herausragen, über die Schulklassen hinweg zusammenschließen. Diese Zusammenschlüsse finden immer in überschaubaren Gruppengrößen statt, damit der direkte persönliche Austausch möglich wird. Die Kinder finden sich rund um ihre ähnlichen Interessen und Begabungen zusammen und befruchten sich gegenseitig.

Die neue Gruppenkultur ist geprägt durch wechselseitiges Interesse am jeweils anderen und den Wunsch nach fairem und ehrlichem Umgang miteinander. Die Gruppenmitglieder sprechen etwaige Irritationen direkt an, sie sagen sich offen ihre Meinungen und diskutieren gerne über die brisanten Probleme unserer Zeit. Jugendliche, die sich auf Basis ihrer Begabungen zusammentun, sind auch hoch motiviert, politische und gesellschaftliche Themen zu besprechen. Sie sind kritisch gegenüber den älteren Generationen, die ihnen bedrohliche globale Probleme hinterlassen. Diese Beobachtung teile ich mit Freunden meines Alters. Das erlebe ich selbst, wenn ich mit meinen Studenten, meinen Töchtern und deren Freundinnen und Freunden rede.

Eltern fördern diese neue Gruppenkultur, indem sie sich mit anderen Eltern befreunden, deren Kinder ähnliche Begabungen und Verhaltensweisen zeigen wie ihre eigenen. Das passiert in kleineren Gemeinden ebenso wie in den Städten. Die begabten Kinder wollen Freude und lustvolles Lernen an einer gemeinsame Sache miteinander teilen und das Gruppenerleben dabei genießen. Sie werden aufeinander aufmerksam und messen sich in einem durchwegs kooperativen Geist aneinander, was ihre Entwicklung fördert. Diese kleinen Gruppen, die auf diese Weise entstehen, sind der Nukleus der neuen Elite.

SEBASTIAN

Hausübungen verweigerte Sebastian aus Prinzip. Zwar akzeptierte er die Schulpflicht als historische Errungenschaft. Die Jugend sollte seiner Meinung nach ihre Zeit vor allem mit Lernen verbringen, statt schon früh zum Arbeiten genötigt zu sein. Aber er sah nicht ein, dass er seine Nachmittage, Abende und Wochenenden mit dem Wiederholen des Unterrichtsstoffes vergeuden sollte. Nach der Schule wollte er selbst bestimmen, was es für ihn zu lernen gab. Das war vor allem die Musik, von der es in der Schule ohnehin viel zu wenig gab. Am liebsten beschäftigte er sich mit seinem elektrischen Cello, aber er spielte auch Bass und Gitarre.

Seine Mutter war Gesangslehrerin, sein Vater bildender Künstler. Die beiden hatten Sebastians musisches Talent früh erkannt und gefördert. Beide Eltern verwendeten ihr Handy in Sebastians Gegenwart konsequent nur zum Telefonieren und SMS-Schreiben. Einen Fernseher gab es in ihrem Haushalt nicht. Statt fernzusehen, musizierten sie abends gemeinsam. Einmal pro Monat gab es einen gemeinsamen Filmabend, für den sie im Wohnzimmer die Bilder abhängten, um die weiße Wand mit dem Beamer bestrahlen zu können.

Als die Großmutter Sebastian eines Tages ein Computerspiel schenken wollte, weil sie fand, dass ein modernes Kind auch solche Spiele beherrschen müsse, drohte der Vater ganz offen damit, ein solches Geschenk postwendend in den Müll zu werfen.

In der Volksschule hatte Sebastian das Problem, dass er sich im Unterricht oft langweilte, weil er unterfordert war. Die Eltern versuchten die Volksschullehrerin dafür zu gewinnen, den talentierteren Kindern anspruchsvollere Aufgaben zu stellen. Die Lehrerin war zwar nicht gewillt, ihren eingeübten Unterrichtsplan umzustellen, aber sie scheute auch den Konflikt mit den Eltern und mit dem zunehmend renitenten Sebastian. Also erlaubte sie ihm, über Kopfhörer Musik zu hören oder zu lesen, wenn ihm zu langweilig war. Solange er nur den Unterricht nicht störte.

Dieses Arrangement hielt, bis Sebastian ins Gymnasium kam. Er hatte sich für eine Schule entschieden, die als besonders anspruchsvoll galt. Den Schulwechsel empfand er zunächst als angenehm, weil ihn der Unterricht nicht mehr langweilte. Aber Hausübungen kamen für ihn nicht in Frage. Daher gab es auch bald die ersten Konflikte, und zwar gleich mit mehreren Lehrern.

Am Ende des ersten Schuljahres galt Sebastian im Lehrerkollegium als Problemfall. Insbesondere Sebastians Klassenvorstand, der Deutsch und Englisch unterrichtete, forderte disziplinäre Konsequenzen. Er hatte bereits versucht, über Sebastians Eltern zu intervenieren. Aber weder Vater noch Mutter zeigten sich kooperativ. Sie teilten dem Klassenvorstand schriftlich mit, dass Sebastian bereits alt und reif genug sei, um selbst zu entscheiden, wie er seine schulischen Angelegenheiten regeln wolle.

Dass er bei den Eltern solchermaßen abgeblitzt war, fand der Klassenvorstand unerhört. Er versuchte den Direktor dafür zu gewinnen, Sebastian von der Schule zu verweisen. Sollten die Eltern mit ihrem Lümmel doch eine andere Schule nerven. Einzig Sebastians Musikprofessor stellte sich klar gegen den Klassenvorstand.

Zwei Wochen vor der Notenkonferenz fand das alljährliche Sommerfest der Schule statt. Wenige Tage vor diesem Fest brach sich der Bassist der Schulband beim Fußballspielen den Arm. Auf der Suche nach Ersatz wandten sich die Bandmitglieder an besagten Musikprofessor. Der sprang jedoch nicht selbst ein, sondern empfahl – aus gutem Grund – Sebastian. Zunächst waren die drei Jungs und die Schlagzeugerin skeptisch. Sie waren alle 17 und 18 Jahre alt. Sebastian war gerade erst 11 geworden. Aber beim Vorspielen überzeugte er die anderen binnen weniger Minuten. Sie mussten auch nicht lange proben, denn die Schulband spielte Klassiker der Rockmusik. Die beherrschte Sebastian im Schlaf.

Die beim Schulfest versammelten Lehrer, Eltern und Schüler staunten nicht schlecht, als der Knirps gemeinsam mit den wesentlich Älteren auf die Bühne trat und sich den E-Bass umhängte. Sebastian zeigte nicht die geringste Scheu, im Gegenteil.

Um dem Publikum sofort jeden Zweifel an seinen Fähigkeiten zu nehmen, spielte die Band als Intro Another One Bites the Dust von Queen und danach das ebenfalls für seine Basslinie berühmte Seven Nation Army von den White Stripes.

Das Konzert dauerte dreieinhalb Stunden. Für die letzte Zugabe wechselte Sebastian zur E-Gitarre, entschuldigte sich vorab dafür, dass er nicht mit den Zähnen spielen konnte wie Jimi Hendrix, und spielte Voodoo Child (Slight Return). Wer daraufhin Sebastians Finger über die Gitarre huschen sah, dem musste klar sein, dass dieser junge Mann eine Karriere als Profi-Musiker vor sich hatte.

Der Schuldirektor hatte die Schulband schon mehrere Jahre lang konsequent gefördert. Wegen des Mangels an Nachwuchs war er schon in Sorge gewesen. Umso glücklicher war er nun angesichts dieses neuen Talents.

Damit veränderte sich die Ausgangslage für die Notenkonferenz. Vor dem Schulfest hatte der Direktor nichts dagegen einzuwenden gehabt, ein Problemkind loszuwerden. Nun aber wollte er Sebastian unbedingt an seiner Schule halten. Darauf hatte der Musikprofessor gehofft. Noch ein paar andere Kollegen waren nach dem Schulfest von Sebastians Talent überzeugt und sprachen sich nun deutlich für einen Verbleib Sebastians an der Schule aus.

Der Klassenvorstand und ein paar andere Kollegen hingegen beharrten darauf, dass an Sebastian ein Exempel statuiert werden müsse. Sonst würden bald auch andere Schüler auf die Idee kommen, die Hausübungen zu verweigern.

In der Konferenz hatte der Direktor das letzte Wort. Allerdings gab der Klassenvorstand nicht auf. Er sah seine Autorität unterminiert und nahm die Angelegenheit persönlich. Ab dem nächsten Schuljahr versuchte er mehr oder weniger unverhohlen, Sebastian aus der Klasse zu drängen. Er benotete seine Schularbeiten schlechter, registrierte es nicht, wenn Sebastian mitarbeiten wollte, und wenn Sebastian nicht mitarbeitete, notierte er entsprechende Schlechtpunkte.

Eine Zeit lang versuchte er sogar, andere Kinder gegen Sebastian aufzuhetzen, indem er Gruppenarbeiten verlangte und die Gruppe, in der Sebastian war, schlechter bewertete. Allerdings musste er bald einsehen, dass er sich mit dieser Taktik nur selbst unbeliebt machte. Denn Sebastian galt in seiner Altersstufe schlicht als unantastbar. Er hatte seine wesentlich älteren Bandkollegen hinter sich. Daher wagten sich nicht einmal die aggressivsten Kinder an Sebastian heran.

Im Lehrerkollegium machte der Klassenvorstand weiterhin Stimmung gegen Sebastian. Die Fronten verhärteten sich. Vor allem die Kollegen aus den anderen Hauptfächern, die von Sebastian ebenfalls Hausübungen verlangten und nicht bekamen, waren auf seiner Seite. Dass andere Kinder sich von Sebastian in Sachen Hausübungsverweigerung anstecken lassen würden, bewahrheitete sich jedoch nicht. Die anderen Kinder spürten offenbar, dass Sebastian einen Sonderstatus hatte und sich mehr herausnehmen konnte.

Für Sebastian war der Konflikt mit mehreren Lehrern anstrengend, aber er war viel zu eigensinnig, um einzulenken. Außerdem brachten ihm die Reibereien mit den Autoritäten den Nimbus des Outlaws ein. Somit galt er nicht nur wegen seines Talents in der ganzen Schule als cool.

In einer Parallelklasse gab es einen Buben namens Sigmund, der musisch ebenfalls überdurchschnittlich begabt war. Sebastian sorgte dafür, dass Sigmund in der Schulband aufgenommen wurde. Sie wurden dicke Freunde.

Der Konflikt mit seinem Klassenvorstand zog sich über Jahre. Aber Jahr für Jahr behielt Sebastian die Oberhand. Am Ende des Schuljahres schaffte er es stets durch gute Schularbeiten, sich zumindest ein Genügend als Gesamtnote zu sichern.

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