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Kitabı oku: «Alfried Krupp», sayfa 8

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Kaiser Wilhelm dauerte es zu lange. Am 15. Oktober 1872 erließ er folgende Kabinets-Ordre: „Ich habe aus den über die allseitig als nothwendig anerkannte Neubewaffnung der Feldartillerie Mir gehaltenen Vorträgen und eingereichten Berichten ersehen, daß durch die zu diesem Zwecke bei der Artillerie-Prüfungskommission stattfindenden Versuche in anerkennenswerther Weise angestrebt wird, ein nach Möglichkeit vollkommenes Feldartillerie-Material für die Armee zu erhalten; indeß habe Ich auch den Eindruck gewonnen, daß in dem Bestreben, ein auf eine lange Zeit hinaus allen Bedürfnissen des Feldkrieges genügendes Geschützsystem zu konstruiren, ins besondere administrativen Rücksichten ein zu großes Gewicht beigelegt und dabei den gegenwärtigen, zu einer Entscheidung drängenden Zeitverhältnissen zu wenig Rechnung getragen wird. Ich muß es als durchaus wünschenswerth bezeichnen, daß die schwebenden Versuche baldigst zum Abschlusse kommen, und bestimme Ich hierdurch, diese derart zu beschleunigen, daß mir am 1. April k. J., als zur Einführung in die Feldartillerie geeignet erachtet, je nach den erzielten Resultaten, entweder ein Einheitsgeschütz oder je ein leichtes und ein schweres gezogenes Feldgeschütz mit Laffete und Protze vorgeführt werden kann.”

Allerdings ward am 1. April 1873 auch ein neues (7,85 cm) Geschütz dem Kaiser vorgestellt, aber zur Einführung war es nicht geeignet, denn die Kommission war noch mit keinem Haupttheil bisher zum Abschlusse gekommen.

In diesem Winter (72/73) hatte Krupp wieder eine neue Rohrkonstruktion vorgelegt, welche sich für das Feldgeschütz geeigneter erwies, als das Ringrohr, nämlich ein Mantelrohr. Bei diesem werden 2 Gußstahlzylinder so übereinander geschoben, daß sie im stärkst beanspruchten Rohrtheil, vom Laderaum bis zu den Schildzapfen sich überdecken und hier die gleiche Verstärkung erzeugen, wie die Ringe des Ringrohres. Der innere Zylinder bildet nach vorn den langen Rohrtheil, der äußere verlängert sich nach hinten, um den Verschluß aufzunehmen. Dieses Rohr ward bei der endlich 1873 getroffenen Entscheidung endgültig angenommen; für beide, auf 9,15 cm und 7,85 cm normirte Kaliber gleichzeitig Krupp’s Verschluß mit einer Aenderung des Dichtungsringes. Dagegen ward Laffete und Protze von der Kommission konstruirt, erstere allerdings in Stahlblech nach Krupps Vorschlag und allein mittelst von ihm neu hergestellter maschineller Einrichtungen ausführbar. So sehen wir endlich 1874 die neuen Geschütze fertig, ein Kompromiß zwischen den wetteifernden Parteien, dessen Löwenantheil aber immerhin Krupp verblieb, so sicher das Rohr das wichtigste Stück an einem Geschütz ist.

Ganz anders endete der Kampf, den er in einem anderen Staate durchfocht, um sein neues Geschütz zur Einführung zu bringen. Dieses war in Oesterreich, wo die Frage des neuen Feldgeschützes einen ganz eigenartigen Verlauf nahm. Nachdem man sich 1871 überzeugt hatte, daß man an der Bronze nicht festhalten könne, versuchte man 1873 verschiedene Stahlrohre, nämlich zwei solche aus einheimischen Fabriken, die sich aber als unbrauchbar erwiesen, und mit Kruppschen Rohren. Letztere fielen zur vollen Zufriedenheit aus und so trat man in Beziehung zur Firma und setzte die Versuche bis zum Herbst 1874 fort.

Die Oesterreicher hatten hierbei den großen Vortheil, daß die preußischen Versuche den ihrigen unmittelbar vorausgingen, daß mithin die Fragen alle bereits durchgearbeitet und geklärt waren, welche bei ihrem Feldgeschütz nicht anders, als bei den preußischen zu beantworten waren. Das Personal Krupps hatte sich durch alle Konstruktionsänderungen im Zusammenarbeiten mit der Artillerie-Prüfungskommission durchgerungen und sich an Beherrschung des Materials, wie an Gewandtheit entschieden vervollkommnet. Das alles kam den österreichischen Geschützen zu Gute, an denen alle von Krupp allmählich erlangten Verbesserungen ohne Weiteres angebracht werden konnten mit Ausschluß der von der Artillerie-Prüfungskommission selbst hinzugethanen Veränderungen, die Krupp mit Recht nicht als sein geistiges Eigenthum betrachtete.

Bei der Uebersendung der Probegeschütze (das erste Rohr langte im Dezember 1872 in Wien an, also wahrscheinlich ziemlich gleichzeitig mit der Lieferung des ersten Mantelrohrs nach Berlin) verlangte Krupp vollständige Geheimhaltung der als sein geistiges Eigenthum zu erachtenden Konstruktionen, und, als er am 6. Mai 1873 um Kostenberechnung und Lieferzeit für 2000 Geschütze gefragt wurde, erwiderte er, daß er für die gelieferten und noch zu liefernden Versuchsmittel (Rohre, Laffeten und Geschosse) keine Entschädigung beanspruche, wohl aber glaube, „sich der Erwartung hingeben zu dürfen, daß die Lieferung sämmtlicher Feldkanonenrohre ihm schließlich übertragen werden würde, wenn die K. K. Feldartillerie auf Grund der Versuchsergebnisse zur Einführung von Gußstahlgeschützen übergehe.”

Im März und August 1873 wurde das erste 8,7 cm Rohr erprobt, hierauf von Krupp noch 3 Geschütze sammt Laffeten, Granaten und grobkörnigem Geschützpulver unentgeltlich geliefert. Die am 27. Oktober 1873 vorgenommenen Schießversuche hatten allgemein befriedigt und am 22. Januar 1874 bestellte daraufhin das Militär-Komitee noch 4 komplette 8,7 cm-Geschütze, sowie ein 7,8 cm – und ein 7,5 cm-Geschütz mit allem Zubehör. Die am 26. August 1874 gemachten Schießversuche ergaben eine erstaunliche Ueberlegenheit über alle im Vergleich geprüften Geschütze. Aber eine Bestellung erfolgte nicht weiter.

Oesterreich hätte die Beschaffung der 2000 Feldgeschütze, welche Krupp binnen 17 bis 18 Monaten liefern wollte, große finanzielle Schwierigkeiten bereitet, die Reichsvertretung würde eine so bedeutende Summe nicht bewilligt haben, zumal die inländische Eisenindustrie bei der herrschenden Geschäftsstille die Beschaffung des neuen Artillerie-Materials wie eine ihr gebührende Hilfe in ihrer bedrängten Lage betrachtete und deshalb alle Hebel in Bewegung setzte, um die Bestellung in die Hand zu bekommen. Das Reichsministerium glaubte, einen Antrag der inländischen Industriellen, versuchsweise Stahl-Ringrohre herstellen zu dürfen, nicht abweisen zu können und hätte mit diesem Entschluß eine große Verlegenheit hervorgerufen, da eine wirkliche Geschütz-Industrie in Oesterreich gar nicht existirte und mit erheblichem Zeit- und Geldaufwand erst hätte geschaffen werden müssen, wenn nicht ein glücklicher Zufall darüber hinweggebracht hätte: Die Bronze, die man soeben verworfen hatte, half aus der Noth; im Oktober 1874 begannen die Versuche mit dem ersten von Uchatius gelieferten Stahlbronze-Rohr.

Die Verfechter der Bronze hatten schon seit Jahren darüber gesonnen, diesem Material eine größere Härte zu geben; die Verbesserungen des Gusses in Coquillen, die schnelle Abkühlung durch Wasser, der Zusatz von Phosphor hatten zu keinem voll befriedigenden Ergebniß geführt. Im Herbst 1873 machte Lavroff, ein russischer Oberst, den Versuch, durch Hindurchtreiben von Zylindern mit zunehmendem Durchmesser durch das Geschützrohr die innere Wandung zu verdichten, und der gute Erfolg brachte den österreichischen General Uchatius auf den Gedanken, welcher endlich zum Ziele führte. Während er den äußeren Schichten des Rohres durch scharfe Abkühlung nach dem Guß einen großen Härtegrad verlieh, erreichte er dasselbe für die inneren durch eine gewaltsame Erweiterung der Durchbohrung von 80 bis auf 87 mm mittelst hindurchgetriebener konischer Stempel. Die dem Metall verliehene Spannung wirkt danach ähnlich wie die Spannung des Gußstahls beim Ringrohr der explodirenden Pulverladung gegenüber.

Das erste Proberohr entsprach den Hoffnungen. Es hielt bis Januar 1875 2588 Schüsse aus, ohne an Treffsicherheit einzubüßen. Nachdem auch eine größere Anzahl Stahlbronze-Rohre sich in gleicher Weise bewährt hatte, wurde das Material und die Herstellungsweise des General Uchatius für die Neuarmirung der Feldartillerie angenommen, die Einrichtung der Geschütze, ihr Verschluß, Geschoß, die Laffete, Richtmaschine, kurz alles den Krupp’schen Geschützen nachgebildet. Dessen noch im September 1874 wiederholtes Drängen, wegen der Bestellung der Gußstahlgeschütze zu einem Entschluß zu kommen, hatte das österreichische Ministerium ausweichend beantwortet, fernere Anfragen ganz unberücksichtigt gelassen und als nun die Stahlbronze-Rohre angenommen waren und der deutsche Fabrikant Entschädigung für sein Eigenthumsrecht an deren Konstruktion verlangte, soll sich das österreichische Ministerium folgendermaßen geäußert haben: „Die Monate lang auf dem Steinfelde stattgehabten Versuche mit den Kruppschen Gußstahlrohren haben zu Verbesserungen in der Konstruktion geführt, woran das technische und administrative Militär-Komitee nicht ohne Antheil bleiben konnte. Es ist unverkennbar, daß die hieraus entsprungenen Vortheile der genannten Firma zu Statten kamen, von der selber noch Konstruktionsverbesserungen vorgenommen werden.” Der „Pester Lloyd” bemerkte zu der Frage: „Die Veränderungen, die Krupp nach den Direktiven des österreichischen Militär-Komitees an den Gußstahlrohren vorgenommen hat, bilden keineswegs mehr sein geistiges Eigenthum; u. A. rührte der Flachkeil nicht von Krupp her.”

Es ward mithin Krupp das alleinige Eigenthumsrecht streitig gemacht, da bei den Versuchen eine Mitwirkung des Komitee’s stattgefunden hatte, und anstatt der in Aussicht gestellten Zuertheilung der Lieferung von 2000 Feldgeschützen ward ihm seitens der österreichisch-ungarischen Delegationen am 9. Oktober 1875 eine Entschädigung von 160000 fl. zugebilligt.

So ward in Oesterreich der Gußstahl von der Stahlbronze verdrängt, soweit das Gebiet der Feldartillerie reicht. Für die schweren Geschütze der Kriegsschiffe hatte man bereits im Jahre 1871 die Gußstahl-Ringrohre vom 15 bis zum 26 cm Kaliber von Krupp angenommen, und auch in der Folge wurden diese schweren Geschütze von ihm bezogen, da man sie in Hartbronze nicht in gleicher Leistungsfähigkeit herstellen konnte.

Wiederum ist es eigenthümlich, daß in Preußen die – in Spandau seit 1875 auch hergestellte – Hartbronze gerade bei den schweren Geschützen, nämlich zu Belagerungsgeschützen, Verwendung fand, während die Feldartillerie dem Gußstahl treu blieb. Dem Essener Werk erwuchs also auch hier, wie allerorten, in der Bronze noch einmal ein gefährlicher Feind, nachdem sie bereits endgültig überwunden zu sein schien. Welchen Abbruch sie dem Gußstahl noch zu thun im Stande war, ergiebt sich daraus, daß fast das ganze Arsenal der Belagerungsgeschütze in Deutschland seit 1875 durch Bronzegeschütze gebildet wurde; da war die 9- und 12 cm-Kanone, welche 1876, der schwere Zwölfpfünder, welcher 1880, der 15- und 21-cm-Mörser, welche 1881 in Bronze hergestellt, erprobt und eingeführt wurden. Nur für das schwere 15 cm-Rohr glaubte man den Gußstahl beibehalten zu müssen. Die Gründe für diese Bevorzugung der Bronze lagen nahe. Das Material stand in großen Massen dank den in großer Zahl erbeuteten französischen Geschützen zur Verfügung. Die rapide Entwickelung, welche das Geschützwesen durch immer neue technische Erfindungen und Vervollkommnungen nahm, ließ voraussehen, daß in kurzer Zeit die geschaffenen Geschütze durch andere Staaten überholt und wieder unbrauchbar sein würden. Gußstahlrohre waren in diesem Falle, nachdem sie mit soviel höheren Kosten beschafft waren, ganz werthlos, während die Bronzegeschütze immer ihren Materialwerth behielten. Die thatsächliche Entwickelung hat diese Voraussicht bewahrheitet. Die Bronzegeschütze waren aber außerdem bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit und Haltbarkeit vollkommen den Anforderungen genügend; nur ein Fehler machte sich bemerkbar, daß der Laderaum unter der Einwirkung der explodirenden Ladungen Veränderungen erlitt, und dieses war schließlich auch der Grund, welcher sie wieder zu beseitigen zwang. Bei der Einführung des rauchlosen Pulvers und der Sprenggranaten mußte man die Hartbronzerohre zunächst mit einer Stahlseele versehen und ging bei Neukonstruktionen wieder zum Gußstahl über. Aber diesen endlichen und wohl endgültigen Sieg seines Materials über den hartnäckigen, immer wieder erstehenden Gegner, die Bronze, sollte Alfried Krupp nicht mehr erleben.

Auch in anderen Staaten erlitt Krupp starke Einbuße durch die Stahlbronze. Italien folgte Oesterreich 1880 nach mit der Einstellung von Bronzegeschützen in die Feldartillerie, Spanien nahm solche bereits 1879 an, und in Oesterreich gelang es, auch 12 cm-, 15 cm – und 18 cm-Rohre für starke Ladungen herzustellen, so daß für diesen Staat nur die schwere Schiffsarmirung in Gußstahl zu liefern blieb. Während in dem Anfang der siebenziger Jahre ein mächtiger Aufschwung der Geschütz-Fabrikation eintrat, scheint nach 1874 ein nicht unbedeutender Rückgang sich fühlbar gemacht zu haben. Die Zahlen stiegen nämlich von 919 im Jahre 1871 bis 1874 allmählich auf 2931 Stück; für die nächsten Jahre liegen gar keine Angaben vor. Dann kommt aber im Beginn des Jahres 1878 die Lieferung der neuen Ausrüstung für die russische Feldartillerie, 1800 Geschütze, und hiermit ein Zeitpunkt, welcher in mehrfacher Beziehung den Beginn einer glücklicheren Periode nach überstandenen schweren Jahren bezeichnet.

VIII
Unheimliche Gegner

Während die Kriegsjahre 1870/71 für die meisten industriellen Unternehmungen Deutschlands eine naturgemäße Arbeitsstockung mit sich brachten, so daß die Fabrikherren nicht ungern die zu den Fahnen berufenen Reservisten und Landwehrleute scheiden sahen, fand sich Alfried Krupp im Gegentheil genöthigt, nicht nur den Ausfall an Arbeitskräften anderweitig zu decken, sondern seine Arbeiterzahl sogar über die der Vorjahre zu steigern. Sie betrug 1870 7337 und erreichte 1871 die Ziffer von 8314. Es galt, die früheren Bestellungen an Geschützmaterial schleunigst zum Abschluß zu bringen und die von Berlin neu eingehenden dringenden Aufträge so rasch zu erledigen, daß die Geschütze bei der Entscheidung auf dem Schlachtfelde noch mitwirken könnten. Unter den neu bestellten 323 Stück befanden sich nicht weniger als 149 schwere Rohre vom 12cm bis zum 26cm-Kaliber, ein Beweis, daß die letzte Spur des Mißtrauens in die Gußstahlringrohre überwunden war.

Aber Krupp’s nimmer rastender Erfindungsgeist, welcher jede sich bietende Gelegenheit mit Genugthuung ergriff, wo es galt, einer neuen Aufgabe gerecht zu werden, suchte sich auch in neuer origineller Weise zu bethätigen. Den Luftballons, welche von Paris Nachrichten und wichtige Persönlichkeiten in die Provinzen trugen, war mit dem Gewehr, wie mit dem Geschütz nicht beizukommen. Er konstruirte deshalb ein Ballongeschütz, mit einem Rohr von nur 150 kg Gewicht, und mit einer leichten Räderlaffete, so daß ein Mann es völlig meistern und bedienen konnte. Dem Rohr gab er eine Bewegungseinrichtung, welche es nach jeder Richtung schnell und leicht zu drehen gestattete, und eine Tragweite von einer Meile in horizontaler, 2000 Fuß in senkrechter Richtung. Das Geschoß – eine ca. 3 Pfund schwere Granate – sollte das Gas des Ballons zur Entzündung bringen. Es scheint nicht, als wenn mit diesen Miniatur-Geschützen, welche Krupp der deutschen Belagerungsarmee zum Geschenk machte, irgend ein Erfolg erzielt worden sei; trotzdem sind sie bemerkenswerth als charakteristisches Zeichen des patriotischen Sinnes und der Erfindungsgabe, welche neben der Last der vermehrten Arbeit ihn noch Zeit gewinnen ließen für Erfindung eines nicht unwichtigen Hilfsmittels.

Nach Beendigung des Krieges, der die Vorzüge des Gußstahls so hell beleuchtet hatte, begannen die Jahre eines neuen, alles bisher Erreichte weit überholenden Aufschwunges der Essener Werke. Die Arbeiterzahlen steigen 1872 auf 10622, 1873 auf 11867 und erhalten sich auch 1874 mit 11690 beinahe auf dieser Höhe. Auch die Zunahme der Gesammtproduktion, welche von 130 Millionen Pfund im Jahre 1870, im folgenden auf 150 Millionen stieg und in den Jahren 1872 und 1873 die gleiche Höhe von 250 Millionen festhielt, zeigt, daß in den letztgenannten Jahren ein Höhepunkt der Entwickelung erreicht war.

Es wurde bereits früher erwähnt, wie Krupp diesen Aufschwung vor allem dazu benutzte, um durch die großartige Anlage von Arbeiter-Kolonien seinen Untergebenen eine behaglichere Existenz zu schaffen, und wie er allen auf ihre Wohlfahrt bedachten Einrichtungen einen Abschluß zu geben sich bemühte. Daneben vernachlässigte er den zweiten Gesichtspunkt nicht, dem Werke durch Neu-Erwerbungen und Betriebs-Anlagen immer größere Unabhängigkeit zu geben. Er vervollständigte die Sayner Besitzungen, bestehend aus der Sayner und Mülhofer Hütte und Oberhammer durch Ankauf der Hermannshütte bei Neuwied am 24. Juli 1871 und erwarb im folgenden Jahre die Johanneshütte bei Duisburg, wodurch er die Produktion des Roheisens auf monatlich nahezu 10 Millionen Kilogramm mittelst 12 Hohöfen brachte. Von großer Wichtigkeit waren aber ferner die Steinkohlenzechen. Nachdem er bereits 1868 sämmtliche 1000 Kuxe der Zeche „Hannover” angekauft hatte, erwarb er auch durch Pachtvertrag den größten Theil der Förderung der Zechen „Graf Beust”, „Ernestine” und „Friedrich Ernestine”, welche alle im Osten der Stadt Essen liegen.

Obgleich er bereits 414 Eisensteingruben im Jahre 1872 besaß, war doch sein Bemühen unausgesetzt darauf gerichtet, auch bezüglich der Beschaffung der besten Eisenerze unabhängig zu werden, und hierzu bot sich im Jahre 1872 eine günstige Gelegenheit. Krupp erwarb sich bedeutende Konzessionen vorzüglicher Eisenerzlager bei Bilbao in Nord-Spanien. Mit 3 anderen Gesellschaften theilte er sich zu gleichen Theilen in deren Ausbeute und gewann hierdurch einen jährlichen Import von 300000 Tonnen für seine Bessemer-Stahlfabrikation. Zur Beförderung der werthvollen sehr eisenreichen Erze von ihrem Gewinnungsort nach dem Nervion-Flusse bei Luchana ward 1872 eine 12 Kilometer lange Eisenbahn angelegt. Hier wird das Erz in die Transportdampfer verladen, welche es nach Rotterdam befördern. Mit dieser Erwerbung hatte sich Krupp von den Schwankungen der Konjunkturen unabhängig gemacht, und der Vortheil zeigte sich bereits in diesen Jahren, als in Folge des Aufschwunges der rheinisch-westfälischen Industrie ein Mangel an Arbeitskräften eintrat und hiermit eine enorme Steigerung der Preise für Roheisen und Stabeisen sich geltend machte. Um aber auch die Beförderung der Erze von Bilbao nach Deutschland sich unter allen Umständen zu sichern, ließ Krupp auf verschiedenen Werften eigene Transportdampfer erbauen. Vier derselben, für eine Last bis zu 1700 Tonnen konstruirt, liefen im Frühjahr 1874 von Stapel, sie erhielten die Namen „Essen”, „Friedrich Krupp”, „Orconera” und „Sayn”. Ein fünfter Dampfer „Hochfeld” ward 1878 in Dienst gestellt.

Je eingehender er sich mit der Weiterentwickelung seiner Geschütz-Konstruktionen beschäftigte, desto mehr empfand Krupp die Nothwendigkeit, mit den Schießversuchen sich gleichfalls, unabhängig von denen der Großmächte, auf eigene Füße zu stellen. Bisher hatte er innerhalb der Fabrik allerdings Einrichtungen getroffen, um die Geschütze anzuschießen und die Anfangsgeschwindigkeiten der Geschosse zu messen. Ueber die Treffsicherheit, Geschoßwirkung am Ziel u. s. w. gewann man aber bei den äußerst beschränkten Raumverhältnissen keine Ergebnisse. Neben der Rohrkonstruktion traten aber in dieser Zeit die anderen Faktoren immer mehr in den Vordergrund, Geschoßkonstruktion, Zünder, Sprengladung und Treibmittel. Die ballistischen Versuche waren nur auf einem Gelände von großer Ausdehnung mit Nutzen ausführbar. Deshalb legte Krupp im Jahre 1873 einen großen Schießplatz zu Visbeck bei Dülmen an, welcher mit einer nutzbaren Länge von 6200 m allen Anforderungen zu genügen schien. Freilich gelang es dem Besitzer selbst, binnen kurzer Zeit seinen Geschützen eine so gesteigerte Wurfweite zu geben, daß der Schießplatz nicht mehr ausreichte.

Ueber dieser und anderen großartigen Anlagen der Fabrik ist aber nicht eine ganz kleine bauliche Maßnahme Krupps zu übersehen, welche ein helles Licht auf seine Gemüthstiefe und seine Charakterentwickelung wirft. Als mit den siebenziger Jahren sich die Perspektive auf einen beispiellosen Aufschwung seines Werkes vor ihm aufthat, als er seinen Gußstahl, nirgends in seiner Vorzüglichkeit erreicht, auf den verschiedensten Gebieten der Friedens- und Kriegs-Technik siegreich vordringen sah, als er im stolzen Triumph dem Erbe seines Vaters ein wirkliches Monopol errungen sah – da gab er seinem Bedürfniß, den Blick mit Vorliebe zurück zu lenken auf die kleinen Anfänge und auf die schweren Jahre, durch welche er sich hindurchringen mußte, einen deutlichen Ausdruck, indem er am 14. Januar 1872 aus dem südenglischen Bade Torquay einen Brief an die Prokura der Fabrik richtete, an dessen Spitze er eigenhändig ein Bild seines Elternhauses gezeichnet hatte. Dieser lautete:

„Dieses kleine Haus, in der Mitte der Fabrik jetzt, welches wir im Jahre 1822/23 bezogen, nachdem mein Vater ein ansehnliches Vermögen der Erfindung der Gußstahlfabrikation ohne Erfolg und außerdem seine ganze Lebenskraft und Gesundheit geopfert hatte, dieses damalige einzige Wohnhaus der Familie, worin ich mit derselben eine Reihe von Jahren des Elends und Kummers durchlebt habe, von wo aus 1826 am 28. Oktober mein verstorbener Vater zur Gruft getragen wurde, wo ich in der Dachstube hunderte von Nächten in Sorge und fieberhafter Angst mit wenig Aussicht auf die Zukunft durchwacht habe, wo vor und nach mit geringen Erfolgen die erste Hoffnung erwachte und worin ich die Erfüllung der kühnsten Hoffnungen erlebt habe – kleine Haus muß, sobald als die Jahreszeit die Arbeit gestattet, um so viel wie nöthig gehoben, mit neuen Sohlen und Pfosten an Stelle der etwa verfaulten versehen und ganz so wieder hergestellt werden, wie es ursprünglich war. Das (vordere) Zimmer (rechts) bekommt nur ein Fenster wie früher und alle Fenster Laden mit einem herzförmigen Luftloch darin. Für den Fall, daß Wände darin versetzt und Thüren und dergleichen verlegt sein möchten, wünsche ich baldigst eine rohe Skizze, um Alles genau anzugeben, wie es gewesen ist. Möbel, Treppe, Oefen, Schieferbekleidung, Bilder, Tapeten, Fuß- und Stuhlleisten, Alles soll genau so werden, wie es gewesen ist. Der Zwischenbau, wo jetzt die Abfertigung der Arbeiter ist, wird abgerissen bis an die massive Wand, etwa 24″ vom alten Hause entfernt und da wird dieser ursprüngliche südliche Giebel des alten ersten massiven Fabrikgebäudes, welches zum Andenken noch einen Kamin der alten Gießerei behalten hat, wieder hergestellt. Der Zwischenbau deckt nämlich noch zwei Fenster des alten Fabrikgebäudes. Sollte der Zwischenraum als Weg oder Eisenbahn nützlich werden, so habe ich nichts dagegen. Das kleine Haus aber soll gar keine geschäftliche Bestimmung haben. Ich wünsche, daß dasselbe so lange erhalten bleibe, als die Fabrik bestehen wird und daß meine Nachfolger so wie ich, mit Dank und Freude hinblicken werden auf dieses Denkmal, diesen Ursprung des großen Werkes. Das Haus und seine Geschichte mag dem Zaghaften Muth geben und ihm Beharrlichkeit einflößen, es möge warnen das Geringste zu verachten und vor Hochmuth zu bewahren. Ich wünsche auf der Fabrik vorzugsweise dort abzusteigen und zu verweilen und, wenn nicht eine andere Bestimmung die gegenwärtige aufheben möchte, aus demselben Hause dereinst bestattet zu werden. Zu vorgedachten Zwecken bitte ich dieses Blatt aufzuheben.

Torquay, den 14. Januar 1872.

(gez.) Alfred Krupp.”

Welch tiefe Pietät spricht aus dieser Verfügung! Nicht verschwinden sollen die Spuren der ärmlichen Vergangenheit zwischen den mächtigen Gebäudekomplexen der Fabrik, sondern mit peinlicher Sorgfalt, bis auf die kleinsten Bestandtheile, sollen sie erhalten werden, eine stete Mahnung für sein Geschlecht, nicht sich zu überheben im Glück und nicht zu verzagen im Unglück, nicht zu lassen von dem ernsten Streben, das den Gründer beseelte und seinen Sohn aus diesem dürftigen Anfang sein imposantes Werk herauszugestalten befähigte. Er schämt sich nicht der ärmlichen Vergangenheit, nein! Mit berechtigtem Stolze stellt er sie neben die Riesenerfolge seiner Energie, seiner genialen Schaffenskraft, deren beredte Zungen, die dampfenden Essen, die sausenden Maschinen, die riesigen Hämmer, rings dieses kleine Haus umgeben. Und den Tausenden seiner Arbeiter bietet er den Beweis, daß er nicht anders gelebt, nicht anders mit der Noth gerungen hat, als sie selbst, daß er einer der Ihren war und ihre Sorgen versteht, daß er neben ihnen am Ambos stand und mit seiner Arbeit dieses ganze Werk erschuf, das die Mitwelt mit Staunen erfüllt.

Und gerade dieses Hinweises sollte er bald bedürfen.

Bereits in den sechziger Jahren hatte die sozialdemokratische Agitation unter Leitung von Tölcke, Hasenclever und Dreesbach im Essener Revier Fuß zu fassen gewußt. Die Erfolge waren zwar noch nicht groß, denn bei der Reichstagswahl am 7. September 1867 hatte Hasenclever im Ganzen 3419 Stimmen, bei der Nachwahl 1868 nur 3280 Stimmen erhalten und im Jahre 1871 brachte es der Lassalleaner v. Schweitzer nur auf 1425 Stimmen; aber Angriffspunkte boten dennoch die Essener Verhältnisse mancherlei, die eine immer wachsende Agitation einzuleiten gestatteten. Namentlich herrschte unter den Bergleuten eine gewisse Gährung. Die Kohlenproduktion hatte einen enormen Aufschwung genommen, wie sich aus der Zunahme der Förderung im Oberbergamtsbezirk Dortmund ergiebt. Während 1867 von 49400 Arbeitern 10½ Millionen Tonnen im Werthe von 55,7 Mill. Mark gefördert wurden, waren es 1871 12,7 Mill. Tonnen bei 64200 Arbeitern, und 1872 sogar 14,4 Mill. Tonnen bei 68500 Arbeitern. Der Werth der Jahresproduktion war aber auf 91 bezw. 123,5 Mill. Mark gestiegen, also von 5,3 auf 8,6 Mark pro Tonne, und die Bergleute glaubten, daß ihre Löhne, welche von 2,55 Mark auf 3,31 Mark erhöht worden waren, nicht hinreichend gestiegen seien. So bot sich den sozialdemokratischen Agitatoren willkommene Gelegenheit, um in öffentlichen Versammlungen die Lohnfrage, die damals immer zunehmende Wohnungsnoth zu diskutiren und schließlich die Bildung eines Komitees zu veranlassen, das am 1. Juni 1872 im Namen der Belegschaften von 26 Zechen eine Erhöhung der Löhne um 25 %, Einführung der achtstündigen Arbeit u. s. w. verlangte. Auf die Ablehnung der Forderungen Seitens der Zechenverwaltungen erfolgte am 26. Juni ein Massenstreik, indem die Belegschaft von 40 Zechen, mehr als 15000 Bergleute, die Arbeit verweigerte. Das war ein Ausfall von täglich 30000 °Ctr. Kohlen, und so wie alle anderen Fabrikanten der Gegend, wurde Krupp durch den volle sechs Wochen anhaltenden Streik auf das empfindlichste betroffen. Denn eins seiner wichtigsten Rohmaterialien war ihm entzogen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Agitatoren gehofft hatten, mittelst dieser Kohlen-Noth Zugang zu den bisher ihnen wenig geneigten Arbeitern der Gußstahlfabrik zu finden, da die Unzufriedenheit eintreten mußte, wenn Krupp gezwungen wurde, seine Betriebe ganz oder zum Theil einzustellen. Je mehr feiernde Arbeiter, desto mehr Angriffspunkte für die Agitation und Verhetzung gegen die Arbeitgeber.

Aber sie hatten sich in Krupp vollständig verrechnet. Einerseits hatte er, den Streik voraussehend, rechtzeitig seine Gegenmaßregeln getroffen; anderseits wußte er seinen Einfluß auf seine Arbeiter sich vollkräftig zu erhalten. Am 11. Juni lasen die Arbeiter, überall in der Fabrik angeheftet, eine Bekanntmachung:

„Zur Zerstreuung der mehrfach von Arbeitern der Gußstahlfabrik geäußerten Besorgniß, ob durch etwaige Arbeitseinstellungen auf den Kohlengruben auch ihnen Arbeit und Verdienst geschmälert werden möchte, kann ich mittheilen, daß die Gußstahlfabrik große Opfer nicht gescheut hat, um die Fortführung des Betriebes unter allen Umständen sicher zu stellen. Aus Nah und Fern ist für die Kohlenzufuhr gesorgt. Der an verschiedenen Orten schon beschaffte Vorrath reicht für Monate. Meine Arbeiter können also, möge auch eine andere Klasse von Arbeitern sich ein sicheres Unheil bereiten, trotzdem getrost in die Zukunft sehen. Es wird im Betriebe der Fabrik, sowie in den Bauten von Werkstätten, Arbeiterwohnungen, auch Schulen etc. nach wie vor alles seinen Gang gehen.”

Man las, nickte befriedigt mit dem Kopf und ging an die Arbeit. Es kostete recht große Opfer, um den Ausfall an Kohlen durch Anfuhr aus der Ferne zu decken, aber Schlimmerem ward dadurch vorgebeugt, dem gegen Krupp gerichteten Angriffsversuch die Spitze abgebrochen. Trotzdem ermüdeten die sozialdemokratischen und, mit ihnen schon damals verbunden, die ultramontanen Wähler nicht, Krupps Arbeiter, namentlich die jüngeren, in diesen Jahren in großer Masse neu eingestellten, zu bearbeiten, um ihre Unzufriedenheit zu erregen. Dem aufmerksamen Auge des Fabrikherrn entging dieses Treiben nicht, und noch ein Mal ergriff er das Wort, indem er am 24. Juli folgenden Aufruf erließ:

„An die Arbeiter der Gußstahlfabrik! Vor 45 Jahren stand ich in den ursprünglichen Trümmern dieser Fabrik, dem väterlichen Erbe, mit wenigen Arbeitern in einer Reihe. Der Tagelohn für Schmiede und Schmelzer war damals von 18 Stüber auf 7½ Sgr. erhöht, der ganze Wochenlohn betrug 1 Thlr. 15 Sgr. Fünfzehn Jahre lang habe ich grade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn ausbezahlen zu können, für meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter nichts, als das Bewußtsein der Pflichterfüllung. Bei dem Wechsel der allgemeinen Verhältnisse mit dem fortschreitenden Gedeihen der Fabrik erhöhte ich allmählich die Löhne, als Regel immer freiwillig jeder Erinnerung zuvorkommend, und diese Regel soll in Kraft bleiben. Eine nützliche Einrichtung nach der andern ist getroffen und viele stehen noch bevor, die äußersten Kräfte sind bis heute angespannt worden im Interesse der Arbeiter, die in Angriff genommenen neuen Wohnungen gehen in die Tausende. Wenn bei Verkehrsstockungen alle Industrien darniederlagen, wenn Bestellungen fehlten, so habe ich dennoch arbeiten lassen, niemals einen treuen Arbeiter entlassen. Es sind noch viele Alte da, die dies bezeugen können. Fraget sie, was im Jahre 1848 für die Arbeiter geschehen ist. Die späteren Opfer der Kriegsjahre sind übrigens Allen bekannt. Wer berechnet die Opfer der jetzigen Kohlennoth? Gegenseitige Treue hat das Werk so groß gemacht. Ich weiß es, daß ich Euer Vertrauen verdiene und besitze, und darum will ich diese Worte an Euch richten. Ich warne, bevor ich Anlaß habe, über Untreue und Widerstreben mich zu beklagen, vor dem Loose, welches herumtreibende Aufwiegler und Zeitschriften unter dem Scheine des Wohlwollens und unter Mißbrauch von religiösen und sittlichen Denksprüchen dem großen Arbeiterstande zu bereiten bestrebt sind. Ihre Ernte wird beginnen, wenn sie durch falsche Verlockung unwiederbringlich die Existenz Eures Standes untergraben haben werden; sie wollen den allgemeinen Untergang, um dann mit ihrem Einfluß im Trüben zu fischen. Man erkundige sich nach der Vergangenheit dieser Apostel, nach ihrem häuslichen und sittlichen Lebenslauf. Die Geldbeiträge der Arbeiter für mündlichen und schriftlichen Skandal sind ihnen eine bequemere, angenehmere Beute, als reelle Arbeit sie bietet. Die „Essener Blätter” unter Anderm bestreben sich, durch Erfindungen aller Art den Charakter der Verwaltung meiner Fabrik zu verdächtigen und bringen zum Zweck des Aufhetzens gestern die Nachricht, daß die Konferenz gezwungenermaßen für eine Gattung Feuerarbeiter eine bedeutende Lohnerhöhung bewilligt habe.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
28 eylül 2017
Hacim:
260 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain