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Kitabı oku: «Der Waldläufer», sayfa 52

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62. Das Versteck

Am zweiten Abend nach den letzten Szenen aus der Jagd auf wilde Pferde gingen fünf Männer in getrennten Gruppen am Red River hinauf.

Von dem Ort, wo sich diese verschiedenen Personen auf einem Raum von einer halben Meile zerstreut befanden, war es beinahe noch einen Tagesmarsch bis zum Val d‘Or und bis zum Büffelsee etwa noch so weit entfernt, daß ein guter Fußgänger in zwei Tagen den Weg zurücklegen konnte. Der Rio Gila durchströmt in dem Lauf, den wir schon angegeben haben – d.h. von seinem Austritt aus den Nebelbergen bis zur Gabel des Red River —, einen sehr verschiedenartig gestalteten Boden. Bald wallen und brausen seine Gewässer zwischen senkrechten Felsenufern auf einem steinigen Grund, wo sie Stromschnellen oder Wasserfälle bilden, über die der Jäger und der Indianer allein in ihren Kanus aus Baumrinde oder Büffelhaut hinwegfahren können, bald fließen sie ruhig und tief zwischen zwei niedrigen Ufern, die mit so hohem Gras besetzt sind, daß man die Anwesenheit des Büffels und des Grauen Bären nur an den wellenförmigen Bewegungen errät, in die diese Tiere die langen Halme versetzen.

An anderen Stellen berührt der Fluß zwischen sandigen Ufern liebkosend grüne Inseln – eine Art undurchdringlicher Oasen, so dicht haben wilder Wein und spanisches Moos sich um die Bäume geschlungen, die mitten in den Gewässern eine Zuflucht gefunden zu haben scheinen —; weiterhin fließen seine ruhigen Wasser langsam unter den Wölbungen hin, die von den über seine Ufer hängenden Bäumen gebildet werden. Diese Bogenlauben verbreiten in der Tat auf dem Fluß einen dichten, kühlen Schatten, der die glühende Hitze, mit der die Sonne die weiten Ebenen versengt, vergessen läßt.

Die vom Büffelsee entferntesten Personen waren nur zwei, und sie fuhren den Fluß in einem leichten Kanu aus Birkenrinde hinauf, das durch Nähte von Tannenfasern befestigt und mit dem Harz derselben Bäume ausgepicht war. Dieses Kanu, so zerbrechlich es zu sein schien, war nichtsdestoweniger so schwer beladen, daß seine obersten Ränder beinahe in gleicher Höhe mit dem Wasser waren, das an seinen Seiten entlangbrauste. Die Last, mit der das zerbrechliche Fahrzeug beladen war, verhinderte jedoch nicht, daß es durch die Anstrengung der Ruderer ziemlich rasch stromauf lief. Die Ladung des Kanus gehörte zu den verschiedenartigsten; da waren Pferdesättel, verschiedene Kleidungsstücke, Decken von jeder Farbe, Ballen und kleine Kisten von europäischer Fabrikation und endlich Säbel, Messer und ungefähr ein halbes Dutzend Büchsen von verschiedener Länge.

Ohne den besonderen Anzug und das unheimliche Gesicht der beiden Ruderer, die der Leser nach einigen Worten bald wiedererkennen wird, hätte man sie für zwei ehrlich wandernde Handelsleute halten können, die im Vertrauen auf ein sicheres Geleit mit den indianischen Stämmen in der Steppe Handel zu treiben wagen. Der eine war ein Greis mit grauen, der andere ein junger Mann mit langen schwarzen Haaren. Wenn wir sagen, daß sie den die Papagos-Indianer bezeichnenden Kopfputz trugen, so wird man an die Namen Main-Rouge und Sang-Mêlé denken, deren Verkleidung man ohne Zweifel seit ihrem plötzlichen Erscheinen im Wald an dem Abend, wo Don Agustin Peña sich mit seiner Tochter und dem Senator nach der Jagd auf wilde Pferde begab, wiedererkannt hat. Nach dem kühnen Streich, dessen Erfolg die Beraubung und der Tod des Kaufmanns aus dem Presidio gewesen war, wie es der Büffeljäger erzählt hat, hatte sich das Gerücht davon in der Gegend verbreitet. Um den Nachforschungen zu entgehen, hatten die beiden Banditen die Verkleidung angelegt, unter der sie dem Reiterzug begegneten. Der Zufall also, der die Abreise des Hacenderos vierzehn Tage aufgeschoben hatte, war somit die einzige Ursache dieses traurigen Zusammentreffens.

Übrigens ist die Zukunft vor den Augen des Menschen mit Wolken bedeckt. Weiß er denn, worüber er sich freuen oder betrüben soll? Über wie viele unvorhergesehene Stürme nach einem schönen Morgen; wie viele Stürme beim Anbruch eines Tages, an dem die Sonne abends an einem heiteren Himmel strahlend untergeht? Jedenfalls hatte der Mestize – der Leser wird sich dessen erinnern – Rosarita nicht sehen können, ohne dem Eindruck zu unterliegen, den ihre Schönheit gewöhnlich hervorbrachte, und ohne den Wunsch zu hegen, sie wiederzusehen. Er war ihr bis zum Büffelsee gefolgt, und nur um sie – trotz ihrer zahlreichen Begleiter – zu entführen, finden wir ihn in den Nebelbergen, in deren Nähe, wie ihm wohl bekannt war, sich eine zahlreiche Abteilung Apachenkrieger befand.

Die beiden Piraten der Steppe waren nicht allein wegen ihres Mutes und ihrer Geschicklichkeit furchtbar. Man hat indessen gesehen, wie sie in einigen Stunden das ausführten, was die Indianer bei der schwimmenden Insel einen Tag und eine ganze Nacht hindurch vergeblich versucht hatten, d. h. sie hatten die beiden besten Büchsen in der Steppe nach den ihrigen durchaus machtlos gemacht. Sie waren auch furchtbar durch ihre unablässige Tätigkeit und durch die Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die man mit denen der Raubvögel hätte vergleichen können, die ihr Flug in einem Nu von einem Teil des Horizonts zum anderen trägt.

Während beide sich auf die Ruder niederbeugten, schwamm das Kanu rasch bis zu einer Strecke hinauf, wo der Fluß zwischen einer fast ununterbrochenen Reihe von grünen Hügeln dahinströmt, die man bei uns in Europa für Heuschober nach der Heuernte gehalten haben würde. Die wilden, unruhigen Augen des alten weißen Renegaten schweiften von einem Ufer des Flusses zum anderen, durchforschten sorgfältig auch die kleinste Verschiedenheit des Bodens und kehrten dann mit einer gierigen Zärtlichkeit auf die Ladung ihres Kanus zurück. »Nun, du alter Schelm«, sagte der Mestize in einem Augenblick, wo Main-Rouge allein ruderte, um den Lauf des Kanus wieder in gerade Richtung zu bringen, »bemerkst du am Horizont irgendein verdächtiges Zeichen?«

»Ich sehe nichts als deine Torheit!« antwortete der Amerikaner in ärgerlichem Ton. »Und was den Namen anlangt, den du mir zu geben geruhst, so sehe ich darin lediglich deinen dummen Stolz. Was ist denn der Sohn eines Hundes? Ein Hund! Und der Sohn eines Schelms?«

»Das Ebenbild seines Vaters!« erwiderte Sang-Mêlé.«

»Aber du bist viel mehr ein Schelm als dein Sohn, weil du schon lange vor ihm angefangen hast, ein solcher zu sein.«

»Davon weiß ich nichts, du Sohn eines weißen Renegaten und einer indianischen Wölfin!« rief Main-Rouge zornig aus. »Wenn du in meinem Alter stehen wirst … Aber du wirst es niemals so weit bringen.« Sang-Mêlé war an diesem Tag guter Laune, darum lächelte er nur über die Beleidigungen und die düstere Prophezeiung seines Vaters.

»Ja«, sagte der letztere, »wenn Pferd und Hirsch verliebt sind, so verläßt sie die Vorsicht.«

»Könntest du nicht deinen Sohn mit irgendeinem edleren Tier vergleichen?« fragte der Mestize mit hochmütigem Lächeln.

»Was liegt daran? Wir haben die Spuren des Komantschen schon zweimal in der Nähe der unsrigen gefunden, und anstatt nun ebenfalls den seinigen zu folgen, vernachlässigst du vor Ungeduld, dich eines Spielzeugs, dieser kleinen weißen Taube, zu bemächtigen, jegliche Vorsicht. Ich sage dir, daß diejenigen, die in der Steppe nicht auf die Warnung hören, die sie im Boden eingeprägt finden, niemals zu einem hohen Alter gelangen.«

»Zeugen davon sind alle Trapper, Reisenden und Indianer, die deine Spur nicht gesehen oder nicht darauf geachtet haben. Aber still nun von diesem Gegenstand, alter Mann; merke dir: Alles, was den Zweck hat, mich deshalb zu tadeln, daß ich so schnell wie möglich den Liebesdurst zu stillen suche, den mir diese weiße Wolke, diese Schneeflocke, diese Lilie des Sees einflößt, klingt schlecht in meinen Ohren!«

Bei diesen Worten sprühten die Augen des Mestizen Flammen wie die eines Tigers, wenn die Luft ihm ihren heißen Schwingen die geheimnisvolle Witterung der Tigerin zuführt.

Der Vater schwieg, und beide ruderten schweigend weiter. Eine der Inseln, die verstreut mitten im Fluß lagen, erstreckte sich langhin auf dem Wasser wie ein schlafender Seevogel. Es war diejenige, die man die Büffelinsel nannte. —

In einiger Entfernung von den beiden Piraten und verdeckt von den grünen, wellenförmigen Erhöhungen auf dem rechten Ufer marschierte ein Mann allein mit jenem elastischen, nervigen Schritt, der nur dem Indianer eigen ist und den man mit unserem gymnastischen, zur höchsten Vollkommenheit gebrachten Schritt vergleichen kann. Dies war der junge Komantsche Rayon-Brûlant, der allein dem Kriegspfad folgte. Dem biederen jungen Mann lag es am Herzen, seine Ehre zu rächen, die er seit der Ermordung der Weißen, die sich seinem Wort anvertraut hatten, für befleckt hielt, und er unternahm allein eine von jenen abenteuerlichen Heldentaten, die an die irrenden Ritter der Steppe in alter Zeit erinnern.

An der Stelle, die er erreicht hatte, verbarg ihm eine Krümmung des Flusses das Kanu, das stromauf fuhr. Der Indianer näherte sich dem Ufer und machte aus seinen Vorräten einen Packen, den er in seinen Mantel aus Büffelhaut wickelte. Mit Hilfe von Riemen, die unter dem Kinn befestigt waren, band er diesen Packen, auf den er seine Büchse gebunden hatte, fest auf seinen Kopf, trat leise in den Fluß und teilte ihn mit kräftigem Arm; einige Minuten nachher stieg er an das linke Ufer. Er benützte nun mit unendlicher Geschicklichkeit jede Deckung und Unebenheit des Bodens, ohne von den Schiffern im Kanu gesehen werden zu können. Der Komantsche war bald in gerader Linie mit ihnen, dann überholte er sie und erreichte die Stelle am Ufer, die der Büffelinsel gegenüberlag.

Die Furten des Red River schienen ihm ganz bekannt, denn ohne zu zögern, ohne nur einen Augenblick zu suchen, fand er die Furt, die vom Ufer zur Insel führte. Bald war die Furt durchwatet, und der Indianer faßte festen Fuß unter den Weiden, die die Ufer beschatteten. Hier verschwand er, und das geübteste Auge hätte vergebens die ganze Oberfläche der Insel durchforscht, ohne den Indianer zu bemerken, der auf der Spitze, an der sich der Strom des Flusses brach, verborgen war.

Main-Rouge und Sang-Mêlé steuerten offenbar ihr Kanu zur Büffelinsel, und sie hielten auch bald fast in deren Mitte an. Rayon-Brûlant hatte nicht eine ihrer Bewegungen aus den Augen verloren. Er sah, wie sie ihr Kanu befestigten und an Land stiegen, nachdem sie die Vorsicht gebraucht hatten, eine wollene Decke über die Stelle zu breiten, die ihre Füße betreten sollten. Eine kleine Lichtung öffnete sich vor ihnen, und mit Hilfe anderer Decken, die sie im Überfluß bei sich hatten, belegten sie fast deren ganze Oberfläche mit einem großen, weichen Teppich.

Jemand, der nicht alle Vorfälle im Steppenleben gekannt hätte, würde nicht gewußt haben, was er von diesen geheimnisvollen Vorbereitungen denken sollte. Der Indianer wußte, was die beiden Piraten tun wollten, und er hörte auf, sie zu beobachten, um an ein besseres Versteck für sich selbst bis zum Augenblick ihrer Abfahrt zu denken.

Da wir voraussetzen, daß der Leser weniger als der Indianer in die Geheimnisse des wilden Lebens eingeweiht ist, so wollen wir zu seiner Belehrung alle Vorbereitungen im einzelnen durchgehen, die Main-Rouge und Sang-Mêlé treffen wollten. Es ist dies abermals eine von jenen Einzelheiten, die wir zuerst, wie wir uns schmeicheln, denen erzählen, die uns lesen wollen.

Die Büffelinsel schien so vollständig öde, daß es die beiden Banditen kaum der Mühe für wert hielten, einen Blick um sich her zu werfen; nur infolge des Mißtrauens, das in der Steppe zur zweiten Natur wird, oder um ihr Gewissen zu beruhigen, schienen sie diese einfache Vorsichtsmaßnahme zu treffen. Die Gesträuche, die die kleine, mit feinem, dichtem Gras bedeckte Lichtung umgaben, wurden ebenfalls mit anderen Decken behängt, um auch das Zerbrechen eines einzigen Zweiges bei ihrem Hin- und Hergehen zu vermeiden. Nun beschrieb Main-Rouge mit seinem Messer einen Kreis von ungefähr drei Fuß im Durchmesser und hob mit Hilfe einer aus dem Kanu genommenen Schaufel geschickt den Kreis von Rasen samt einer ziemlich dicken Erdlage empor, die noch an den Wurzeln hing, die sich darin nährten, und legte ihn sorgsam auf eine von den zu ihren Füßen ausgebreiteten Decken.

Sang-Mêlé half darauf seinem Vater, nachdem er sich mit einer Hacke versehen hatte, und beide gruben nun die Erde aus, die sie bloßgelegt hatten, und jede Schaufel voll, die sie herausnahmen, warfen sie auf eine Büffelhaut an ihrer Seite. Als sie eine Tiefe von ungefähr drei Fuß erreicht hatten, fingen sie allmählich an, das Loch kreisförmig auszurunden und eine Höhlung in Form einer unterirdischen Kuppel zu bilden. Diese Arbeit nahm ihnen einige Stunden weg, nach deren Verlauf sie eine Art Silo ausgehöhlt hatten.

Während dieser Zeit war die Ladung des Kanus sorgfältig der Sonne ausgesetzt worden, um jede Feuchtigkeit daraus zu entfernen. Die beiden Banditen brachten nun sogleich nach und nach alle Gegenstände vom Ufer in dieses in der Erde angebrachte Versteck. Das Ganze wurde dann mit einem dicken Leder, darauf mit Zweigen und trockenem Gras zugedeckt. Nachdem dies geschehen war, machten sich Main-Rouge und sein Sohn daran, den offen gebliebenen leeren Raum anzufüllen wie Totengräber, die die Erde wieder auf den Sarg werfen.

Allmählich stieg die festgetretene Erde bis zur Höhe der kreisrunden Öffnung. Der eine von den beiden Piraten benetzte diese Erde mit dem Wasser des Flusses, um den Geruch zu vertreiben, den die wilden Tiere hätten wittern können; darauf legten sie mit der größten Sorgfalt das Rasenstück wieder auf die Stelle, die es einige Stunden vorher einnahm.

»Nun, Sang-Mêlé«, sagte der alte Renegat, indem er sorgfältig mit seinen beiden Händen auch den kleinsten im Lauf ihres Werkes zertretenen oder zerknickten Grashalm wieder aufrichtete, »glaubst du, daß dieses Versteck gut angelegt und somit unsere Beute in Sicherheit ist?«

»Ich hoffe es wenigstens«, sagte der Mestize, indem er die Decken, sobald sie darüber hingegangen waren, um ihr Kanu zu erreichen, wieder aufnahm.

Es war nur noch eine Vorsichtsmaßnahme übrig, um ihr Werk ganz vollständig zu machen, nämlich den Abraum der Erde wegzuschaffen, an deren Stelle die Kaufmannsgüter niedergelegt waren. Der Schutt wurde in das Kanu getragen, in die Decke gewickelt, auf die sie ihn geworfen hatten, und als die Ruderer die Mitte des Stromes erreichten, verschlang das Wasser mit diesen Überresten die letzten Spuren, die das Vorübergehen eines Menschen hätten verraten können. Kein Anzeichen blieb auf den Ufern oder in der Lichtung zurück.

Das sind die Vorratsorte, die die Trapper, die Indianer und die Kaufleute in der Steppe unter der Erde einrichten, um ihre Güter, ihre Beute oder ihre Waren in Sicherheit zu bringen.

Das Kanu der beiden Piraten war nun frei von aller Last, mit der diese es überladen hatten, und schwamm bald den Strom mit Schnelligkeit in der Richtung der Nebelberge hinauf. Dort sollte drei Tage später Bois-Rosé ihr Erscheinen bemerken und Baraja sie in ihrem Kanu erblicken; der letztere fand sie am Abend dieses dritten Tages wieder, wo sein Tod dank des Mestizen um einige Stunden verzögert worden war. »Gut«, sagte der junge Komantsche, als sein Luchsauge die beiden Schiffer nicht mehr erblickte, »ihre Seele ist dort begraben; sie werden in kurzer Zeit dahin zurückkehren.«

Darauf setzte der indianische Krieger abermals über den Fluß, schlug den Weg wieder ein, dem er gefolgt war, und gelangte nach einem Marsch von ungefähr einer halben Stunde in eine Schlucht, in der ein behender, kräftiger Renner angebunden war, der bei der Annäherung seines Herrn wieherte. Rayon-Brülant streichelte ihn mit der Hand, schwang sich auf seinen Rücken und sprengte im Galopp davon. Plötzlich hielten Pferd und Reiter an; beide begannen wie zwei gut abgerichtete Spürhunde zu wittern. Es war nichts; nur zwei einzelne Männer waren in der Ferne sichtbar.

Wir haben am Anfang dieses Kapitels von fünf Personen gesprochen; dieses sind die beiden letzten, die wir an dessen Ende wiederfinden. Die beiden Männer hatten ebenfalls den Indianer zu Pferd bemerkt. »Wilson!« sagte der eine von ihnen, der zeichnete. »Sir?« antwortete der Amerikaner. »Diesmal ist dort etwas, das Euch angeht, wenn ich nicht irre.« Und Sir Frederick, der dafür bezahlte, um sich nicht mit all den kleinen Gefahren der Steppe beschäftigen zu müssen, dachte nur noch an die Skizze, die er zu zeichnen im Begriff stand. Die Bewegungen des Amerikaners und des Komantschen, um sich gegenseitig anzureden, zeigten von dem Grad des Vertrauens, der im Verkehr des wilden Lebens vorherrschend ist. Wilson machte ein Zeichen mit der Hand, daß er eine freundliche Unterredung eingehen wolle, warf sich aber dabei in eine Höhlung des Bodens, so daß sein Kopf allein darüber hervorragte.

Der Indianer wurde von diesem Verfahren betroffen, stieg vom Pferd und verbarg sich fast ganz hinter diesem. Dann ließ er es vorwärts gehen, ohne daß man mehr von seiner Person als den Scheitel seines Kopfes und seine über den Sattel hinweg wie eine Kanone auf dem Wall gerichtete Büchse hätte bemerken können. So näherte er sich dem Amerikaner. Der Engländer zeichnete immer noch. Als endlich der Indianer und der Weiße einige Worte gewechselt hatten und gegenseitig überzeugt waren, daß der eine den anderen nicht ermorden wollte, warfen sie ihre Büchsen wieder über die Schulter; der erstere stieg aus seinem Loch, der zweite wieder auf sein Pferd, und beide reichten einander die Hand. »Zu welchem Stamm gehört mein junger Freund?« fragte Wilson.

»Zur Nation der Komantschen; er will sich wieder mit seinen Brüdern vereinigen, um sie auf die Spur eines Feindes zu führen. Was macht mein weißer Bruder in der Steppe?« »Ich weiß es nicht.«

Und als der Indianer mit ungläubiger Miene lächelte, sagte Sir Frederick: »Wir gehen spazieren, mein Lieber.«

»Die Jagdgebiete von Main-Rouge und Sang-Mêlé und die der Apachen sind voll von Gefahren«, sagte der Indianer ernst.

»Das geht mich nichts an; sprecht darüber mit Wilson!«

»Diese oder andere!« erwiderte der Yankee phlegmatisch.

»Meine weißen Brüder sind gewarnt.« Als der Indianer dies gesagt hatte, brach er die Unterhaltung ab und sprengte im Galopp davon.

Wanderer folgte mit den Augen dem jungen, auf einem wilden, ungestümen Renner durch die Steppe dahinstürmenden Krieger; Pferd und Reiter waren berauscht von dem Luftzug, der – frei wie sie – um ihre Ohren sauste. Es war ein imposanter poetischer Anblick, der nur mit dem eines mit vollen Segeln dahinfahrenden Schiffes, das den unermeßlichen Ozean durchfurcht, verglichen werden kann.

Nachdem wir nun die Lücken der Vergangenheit ausgefüllt haben, ist es Zeit, ins Val d‘Or zu Pepe und dem Kanadier zurückzukehren.

63. Zwei Seelen im Fegefeuer

Am Himmel war keine Spur von dem Sturm zurückgeblieben, der die ganze Nacht hindurch nach dem Verschwinden Fabians gewütet hatte, aber die Erde trug noch deren Eindrücke. Der Regen hatte den Boden gepeitscht, zerrissen und ihn wieder geebnet; jede menschliche Spur war verschwunden, und Stimmen ließen sich in den Bergen vernehmen, die am Tag vorher noch stumm waren; es waren dies schlammige Wasserfälle, schmutzige Bergströme, die in die Ebene den Morast des trockenen Grases und die von der Seite der Felsen abgerissenen, besudelten Gebüsche hinabtrugen. Über diesen Szenen der Verwüstung – denn die gelblichen Fluten bespülten die Leichname der auf der Erde liegenden Indianer – glänzte die Sonne wie gewöhnlich an einem heiteren Himmel.

Ein Mann saß mit gebeugtem Haupt allein auf einem Felsblock dicht bei der Pyramide des Grabmals. Der Schmerz schien auf seinem energischen Antlitz in einer Nacht tiefe Furchen gezogen zu haben wie die von der Sturmflut am Fuß der Nebelberge aufgerissenen Spalten. Seine grauen Haare flatterten um seine Wangen, deren sonnenverbrannte Farbe gebleicht war; er schien die glühenden Strahlen nicht zu bemerken, die auf seine entblößte Stirn fielen.

Das war der arme kanadische Jäger.

Seine gewöhnliche, aber schon durch unaufhörliche Angst um Fabian erschütterte Seelenstärke schien unter diesem letzten Schlag ganz vernichtet zu sein. Er war unbeweglich, sein Blick ausdruckslos; die Verzweiflung hatte bei ihm den höchsten Punkt erreicht – den, wo sie stumm wird. In einem starken Herzen aber ist dies der Augenblick, der dem Erwachen der Energie vorangeht.

Er blieb lange Zeit in dieser schrecklichen Krisis, denn die augenblicklich durch den nächtlichen Regen entstandenen Gießbäche hatten zuerst aufgehört zu rauschen, dann hatten sie nur noch sanft gemurmelt und waren endlich ganz still geworden, ohne daß Bois-Rosé seine Stellung geändert hätte. Endlich jedoch hob der alte Waldläufer langsam das Haupt wie ein Mann, der von einem todähnlichen Schlaf befallen ist und bei dem der einzige Lebensfunke, der sich nach dem Herzen als der letzten Festung einer mit Sturm genommenen Stadt geflüchtet hatte, nach und nach wieder erwacht, das Blut wieder in Umlauf setzt und den Gliedern wieder Leben einhaucht. Sein Arm streckte sich unwillkürlich aus; seine Hand öffnete sich, als wollte sie seine gewöhnliche Waffe suchen und ergreifen, aber seine Finger begegneten nur dem leeren Raum. Das war der erste Stoß, der ihn zum äußeren Leben zurückrief; er besann sich, dann streckte er beide entwaffnete Arme gen Himmel.

In diesem Augenblick kam ein Mann um die Felsenkette, die wir so oft erwähnt haben; Bois-Rosé sah ihn, bebte, und sein Gesicht erglänzte von einem bleichen Strahl der Freude. Das war Pepe. Ist das Gesicht eines Freundes nicht immer gleich dem Widerschein der wachenden Vorsehung? Eine dunkle Wolke lagerte noch auf der Stirn des sorglosen spanischen Jägers. Ein rascher, auf seinen alten Gefährten geworfener Blick beruhigte ihn, denn Bois-Rosé kam ihm entgegen. Pepes Stirn klärte sich auf; er fühlte, daß die Eiche zu tiefe Wurzeln in die Erde geschlagen hatte, um schon zu fallen, und er freute sich, sie wieder feststehend zu finden. In alter Zeit hatte wohl ein kräftiger, tapferer Ritter, der durch den Fall einer Zinne oder durch den Schlag einer Streitaxt in seiner Rüstung fast zerschmettert worden war, solche Augenblicke von Betäubung und Schwäche, wie sie den Kanadier befallen hatten; Bois-Rosé erwachte ebenso aus seiner Betäubung. »Nichts?« fragte er mit gebrochener Stimme. »Nichts!« antwortete mit festem Ton der ehemalige Grenzjäger, der bei der wiedergewonnenen Fassung des Jägers jede gewöhnliche Tröstung entschlossen beiseite ließ. »Aber wir werden finden.« »Das habe ich mir auch schon gesagt. Laß uns also suchen!«

Fabians Name wurde weder von dem einen noch von dem anderen ausgesprochen, ihr Herz war zu voll von der Erinnerung an ihn; jeder dachte daran, ohne es sich zu sagen.

Pepe wollte jedoch die Rückkehr seines Gefährten zur Energie erproben. Nur dadurch, daß sie kaltblütig ihre Aussichten berechneten, daß sie beide ihre durch den Schmerz nicht mehr verdunkelte Verstandeskraft vereinigten, konnten sie auf einen glücklichen Erfolg rechnen. Und Pepe legte unerbittlich den Finger auf die noch nicht vernarbte Wunde, um sich von der Kraft des Kranken zu überzeugen. »Er ist entweder tot oder lebendig«, sagte er und sah dabei den Kanadier fest an; »in dem einen wie in dem anderen Fall müssen wir ihn wiederfinden.«

Der Kranke bebte nicht. »Das ist meine Ansicht«, erwiderte er kaltblütig, so vollständig war der Rückschlag gewesen. »Wenn ich ihn tot wiederfinde, werde ich mich töten; wenn ich ihn lebend wieder antreffe, so werde ich leben. In dem einen wie in dem anderen Fall werden meine Leiden nicht lange dauern.« »Gut«, sagte Pepe, der im geheimen seine Pläne machte und auf den wohltätigen Einfluß der Zeit rechnete, die alle schmerzlichen Stunden vernarbt, was auch die Dichter darüber sagen mögen – wohlverstanden die englischen Dichter, die allein die unheilbaren Schmerzen besingen. »Laß sehen«, fügte er hinzu; »wir müssen nun abermals die Richtung einschlagen, in der dieser Schelm Sang-Mêlé entflohen ist, der sich dem Augenblick viel näher befindet, als er denkt, wo er mein oder dein Messer mitten in der Brust hat; denn ich denke mehr als jemals daran, diesen Einfall zur Wahrheit zu machen.«

»Laß uns lieber erst versuchen, irgendeine Spur hier wiederzufinden, die uns Aufklärung darüber geben kann, wie Fabian in die Hände der Indianer gefallen ist«, erwiderte Bois-Rosé. »Sieh, Pepe, du erkennst gewiß wie ich diesen flachen Stein für einen von denjenigen, die uns dort oben zur Deckung gedient haben. Er muß also in einem Kampf Leib an Leib hinabgestürzt und die beiden Kämpfer, aufrecht oder liegend, müssen mit ihm hinabgerollt sein.«

»Das ist fast gewiß, und ich will auf die Plattform steigen und sehen, ob es möglich ist, uns über die Stellung zu vergewissern, in der der Kampf stattfand. Du begreifst, daß dies von Wichtigkeit ist. Wenn sie mit dem Kopf zuerst hinabgestürzt sind – wie es normal der Fall sein muß, wenn man aufrecht steht und der Fuß keinen Stützpunkt mehr findet —, so müßte Fabian sich den Schädel zerschmettern; rollte er jedoch im Liegen und von seinem Feind umschlungen hinab, so ist er mit einigen Quetschungen davongekommen.«

Pepe wollte schon die Seiten der Pyramide erklimmen, als Bois-Rosé ihn zurückhielt. »Sachte, sachte!« sprach er zu ihm. »Wir wollen beide hinaufsteigen, ohne uns, wenn es möglich ist, an die Gebüsche anzuklammern; ich habe in dieser Beziehung meine Gedanken, und wir müssen sorgfältig die Zweige und die Stengel untersuchen.«

Die beiden Jäger fingen also damit an, hinaufzusteigen, und beobachteten aufmerksam die geringsten Anzeichen. Sie hatten nicht nötig, höher als einige Fuß zu steigen. Wie Bois-Rosé es gehofft hatte, sagte ihnen die Untersuchung der Gesträuche, was sie zu wissen wünschten.

»Siehst du«, sagte der Kanadier und zeigte auf zwei Gebüsche, die in derselben Höhe auf der Seite der Anhöhe wuchsen und etwa drei Fuß voneinander entfernt waren, »diese kleinen, zerknitterten Zweige beweisen, daß es wenigstens ein Körper von solcher Länge gewesen ist, der sie in seinem Fall zerquetscht hat. Es ist klar, daß die beiden Kämpfer der Länge nach quer herabgerollt sind. Halt! Da ist ein Loch, in dem vor vierundzwanzig Stunden ein Stein gesessen hat, seine Spitze ragte ohne Zweifel hervor, und die beiden Körper werden ihn, auf seine äußerste Spitze fallend, aus der Erde gerissen haben. Ich wette darauf, wir finden diesen Stein wieder.«

»Das ist nicht nötig!« antwortete Pepe. »Es ist gewiß für mich und für dich, daß Fabian nicht mit dem Kopf zuerst herabgestürzt ist; also lebt er.«

»Ja, aber er ist Gefangener – und bei welchen Feinden!«

»Das Wesentliche ist, daß er lebt! Sind wir nicht da?«

»Oh«, rief Bois-Rosé aus und unterdrückte einen Seufzer schaudernder Angst, »an welchem Ort wird sich wohl der Marterpfahl für ihn erheben?«

»Du standest eines Tages auch daran, Bois-Rosé und …«

»… du hast mich davon befreit. Ich verstehe; wir werden ihn auch davon befreien.«

»Das Wesentliche ist, daß er lebt, sage ich dir!«

Bois-Rosé begnügte sich mit diesem Trost, denn es gab nichts, wozu er sich nicht fähig fühlte, um Fabian zu befreien.

»Nachdem wir diesen Punkt festgestellt haben, werden wir sehen …«

Der Kanadier unterbrach Pepe, indem er seinen Arm mit einer Kraft preßte, als wollte er ihn zerbrechen. »Der Punkt ist zweifelhaft!« rief er aus, als ob ein Lichtstrahl ihn plötzlich berührt hätte. »Wo sind die Leichname der Indianer, die wir getötet haben? In diesem Abgrund ohne Zweifel. Wer sagt dir nun, daß Fabians Leiche nicht bei den ihrigen liegt?«

»Und seit wann hätten diese Hunde von Indianern und besonders dieser verdammte Mestize soviel Sorgfalt für die Leichname ihrer Feinde bewiesen? Die Schelme haben ihre Toten offenbar den Entweihungen durch die Lebenden entzogen, wie es bei ihnen gewöhnlich der Fall ist. – Nein, nein; wenn Don Fabian tot wäre, so hätten wir ihn hier – nur ohne seinen Skalp – wiedergefunden. Sei versichert, daß der Mestize seine Absicht dabei hat, so plötzlich die Belagerung aufzuheben. Er weiß, daß Don Fabian die Lage des Schatzes kennt, den ich so glücklich verborgen hatte, und sein Leben wird dem Banditen bis zu dem Augenblick kostbar sein, wo er ihm diese Stelle entdeckt hat.«

Pepes Ansicht war durchaus nicht ohne Wahrscheinlichkeit, und der Kanadier fühlte sich glücklich, sie für unfehlbar annehmen zu können. Aber ein beunruhigendes Anzeichen enttäuschte ihn plötzlich.

Bois-Rosé hatte sich dem Schlund genähert, in den der Wasserfall hinabstürzte. Er suchte vergeblich am Rand nach menschlichen Spuren, denn der Regen hatte den Boden gepeitscht und sie verwischt. Plötzlich zog ein Gegenstand seine Blicke auf sich. Er bückte sich eilig und zeigte ihn dem Spanier mit düsterer Miene. Es war Fabians Messer. Das Wasser des Himmels hatte es nicht so rein gewaschen, daß nicht noch einige Spuren geronnenen Blutes an den messingenen Nägeln geblieben wären, die den hornenen Griff verzierten.

»Wie befand sich Fabians Messer so nahe beim Abgrund?«

Pepe antwortete nicht auf diese Frage seines Gefährten. Die Erfindungskraft seines Geistes war einen Augenblick lang nicht imstande, eine natürliche Erklärung zu finden, und die beiden Jäger verharrten unter dem Gewicht einer schrecklichen Ungewißheit. Der ehemalige Grenzjäger hielt sich jedoch noch nicht für geschlagen; er näherte sich dem Ort, wo sie beide an den zerknickten Gesträuchen die Richtung erkannt hatten, in der die Kämpfer von der Höhe der Pyramide herabrollen mußten. Von hier aus zog er mit ausgestreckter Hand in Gedanken eine Linie im Mittelpunkt des Raumes, der die beiden Gesträuche voneinander trennte. Diese Linie endete am Fuß des abgestumpften Hügels, nicht weit von der Öffnung des Abgrunds.

»Das Messer Fabians wird beim Sturz seiner Hand entfallen und bis an die Stelle gerollt sein, wo du es gefunden hast. Wenn du nun – was wahrscheinlich ist – annimmst, daß bei dem Kampf, der am Fuß der Pyramiden fortgesetzt wurde, zwei oder drei von diesen Schelmen ihrem Gefährten zu Hilfe gekommen sind, so mußte Don Fabian in einem Nu umringt und gefangengenommen worden sein, ehe er sein Messer wieder aufraffen konnte.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
1180 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain