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Kitabı oku: «Der Waldläufer», sayfa 53
Bois-Rosé mußte sich abermals mit dieser Erklärung begnügen, denn er war zu dem Punkt gekommen, glühend zu hoffen, nachdem er einmal über die geistige Niedergeschlagenheit, die ihn beherrschte, triumphiert hatte. Große Schmerzen beruhigen sich zuweilen mit noch weniger guten Gründen, als der war, den Pepe mit einer Überzeugungskraft angeführt hatte, die der Kanadier zu teilen nicht umhin konnte. Die beiden Jäger verließen darauf diesen Teil des Tals, den sie untersucht hatten, und stiegen auf den Gipfel der Felsenkette.
»Ich kehre wieder zu meiner Meinung zurück«, fuhr Pepe fort, während beide versuchten, ein geheimnisvolles Ereignis zu durchdringen, wobei der von den Sturzbächen durchwühlte Boden ihnen jede genügende Erklärung verweigerte. »Don Fabian wird ein Gefangener in der Gewalt dieses abscheulichen Sang-Mêlé sein; man wird versuchen, ihn durch Furcht und durch Versprechungen zu gewinnen; und da der kühne junge Mann über die ersten spotten und die anderen verachten wird, so wird er uns damit auf die eine oder die andere Weise Zeit geben, bis zu ihm zu dringen.«
»Ach«, rief Bois-Rosé mit Bitterkeit aus, »ein alter Fuchs wie ich, und sich so fangen lassen!«
»Es gibt noch Waffen, die man uns nicht nehmen kann: nämlich ein gutes Messer für jeden von uns, ein unerschrockenes Herz und – ich darf es wohl sagen – das Vertrauen auf Gott, der dich nicht so wunderbar auf Fabians Weg geführt hat, um ihn dir so für immer zu nehmen. Du wirst mir darauf erwidern, daß der Hunger uns bedroht. Das ist freilich wahr …«
»Was liegt daran! Wir werden es machen wie diese armen Teufel von Indianern, die Wurzelesser, die uns im vorigen Jahr in den Felsengebirgen beherbergten und die sich nur von wilden Früchten oder Wurzeln nähren.«
»So sehe ich dich gern, Bois-Rosé, wie an dem Tag, wo ich dich in einer wahrhaftig sehr kritischen Stellung ruhig rauchen sah, obgleich du an jenem verdammten Pfahl, wie du weißt, angebunden warst, und als du beim Ton einer gewissen Büchse, den du so gut kanntest, den Kopf ohne Erstaunen in dem Augenblick umwandtest, wo der Indianer, der schon in die Haut deiner Stirn geschnitten hatte, wie ein von einer tödlichen Ohnmacht getroffener Hund niederstürzte …«
»Ich war in der Tat nicht erstaunt, Pepe, denn ich erwartete dich!« erwiderte der Kanadier einfach.
»Ich sage dir das nicht, um dich an diesen kleinen Dienst zu erinnern, sondern weil es dir beweisen muß, daß man in dieser irdischen Welt nie an irgend etwas verzweifeln darf.«
Die beiden Jäger waren an dieselbe Stelle gekommen, wo sich die Indianer am vorigen Tag befunden hatten. Bois-Rosé stand aufrecht auf der Böschung des Abhangs und konnte sich nicht enthalten, einen schwermütigen Blick auf die Plattform der gegenüberliegenden Pyramide zu werfen, auf der sie sich selbst – stark durch ihre Einheit, durch ihre Kraft und ihren Mut – verschanzt hatten. Ihre Einheit war zerrissen, ihre Kraft zerbrochen; der Mut allein blieb ihnen noch übrig.
»Ah«, rief der Kanadier aus, »das ist die erste freudige Bewegung seit gestern abend, die mein Herz klopfen läßt!«
»Was gibt es?« fragte Pepe, indem er sich seinem Gefährten näherte.
»Sieh nur!« Bois-Rosé zeigte ihm einen Fetzen von Fabians kattunener Jacke, die die Kraft des Windes ohne Zweifel zwischen den Stengeln der Gesträuche festgehalten hatte. »Er ist bis hierher gekommen«, fuhr er mit trauriger Freude fort; »und dieser Fetzen Zeug wird ihm bei seiner Verteidigung vom Leib gerissen sein.«
»Die Jacke dieses armen Jungen war sehr mürbe, so reich er auch hätte sein können«, sagte Pepe lächelnd. »Das beweist aber auch, daß ich mich nicht täusche, wenn ich sage, er lebt. Hierbei möchte ich dich auch fragen, ob du noch glaubst, daß die Indianer so große Sorgfalt für die Leichname der Weißen haben?«
»Das ist wahr!« antwortete Bois-Rosé. »Ich hatte nicht daran gedacht, hier den Beweis davon zu suchen.«
Ein trauriger Anblick sprach beredt für diese letzte Behauptung Pepes: Es war die Leiche Barajas, die noch an der Stelle ausgestreckt lag, auf die die Kugel des Kanadiers ihn geworfen hatte. Der Unglückliche schien seinen Schatz immer noch nicht verlassen zu wollen. »Wenn dieser Hund von Mestize die Sorgfalt für die Toten gehabt hätte, die du bei ihm voraussetzest«, sagte der Spanier, »so würde der Besitz dieses Goldes ihn glänzend dafür belohnt haben. Ah! Don Fabian verdankt sein Leben dem Gedanken, den Gott mir eingeflößt hat: dieses Tal mit Zweigen zu bedecken, die es vor den Augen aller verborgen haben.«
Das war die Wahrheit; denn wie oft im Leben hat man es nicht zu bereuen oder sich glücklich zu schätzen, jene plötzlichen höheren Eingebungen vernachlässigt oder befolgt zu haben, wie Pepe einer gehorcht hatte?
»Wollen wir jetzt ein wenig von diesem Gold mitnehmen, da wir keine anderen Waffen mehr haben, Bois-Rosé?«
»Wozu nützt das Gold in der Steppe? Werden sich bei seinem Anblick die wilden Tiere vor uns entfernen? Werden die durch die Prärien springenden Büffel und Rehe zu uns herankommen, um sich fangen zu lassen? Lassen wir dieses Val d‘Or, wie es ist; mit seinem Leichnam als einen Beweis von der Bestrafung des Bösen. Dieser Fetzen Kattun ist kostbarer für mich als all diese unnützigen Reichtümer!«
Die beiden Jäger hatten an diesem Ort alle Geheimnisse erfahren, die sie hier zu erfahren hoffen konnten, und sie wandten sich an dem Felsenabhang nach den Nebelbergen, deren Nebeldecke unter ihren Falten noch die Enthüllung vieler Geheimnisse verbergen konnte. »Laß uns hier einen Augenblick stehenbleiben«, sagte Pepe, als sie nicht ohne Mühe die steilen Pfade erklommen hatten, die Main-Rouge und Sang-Mêlé eingeschlagen haben konnten, denn der Hunger machte sich den beiden Jägern seit langer Zeit fühlbar. Sie teilten die wenigen Vorräte, die ihnen noch übrigblieben. Es war ihre erste und einzige Mahlzeit, seitdem sie am vorigen Tag mit Fabian gegessen hatten.
So heftig auch der Schmerz sein mag, von dem man ergriffen ist, so läßt doch Gott niemals zu, daß die Rechte der Natur über eine gewisse Zeit hinaus unbeachtet bleiben, weil das Leben des Menschen nur eine lange Reihe von vorübergehenden Schmerzen und – ebenso wie diese Schmerzen – von flüchtigen Freuden sein soll, denen sich niemand entziehen kann. Darum ist der Mensch genötigt, so sehr er auch seine eigene Schwäche verachtet, seine Verzweiflung zu ernähren.
Nachdem dieses Mahl beendet war, ohne daß sie voraussahen, auf welche Weise sie, der Unterstützung ihrer Büchsen beraubt, am folgenden Tag Essen bekommen würden, nahmen der Kanadier und der Spanier geduldig ihre Untersuchungen des Bodens wieder auf. Hier war es noch viel schwerer, die durch den Sturm verwischten Spuren wiederzufinden. Zu den dichten Dünsten, die die magnetischen Spitzen der Nebelberge herbeizogen – eine ewige Wasserkunst, wo sich Bäche und Ströme ergießen und hervorbrechen —, schienen unaufhörlich neue Dünste aus dem Schoß der Erde emporzusteigen und erhoben sich in dichten, spiralförmigen Linien aus den tiefen Schlünden der Sierra.
Eine aufmerksame Untersuchung auf dem Teil des Bodens, den sich jeder zugeteilt hatte, bot ihnen kein Anzeichen dar, das sie auf die Spur hätte bringen können. Beide waren von einem dichten Nebelkreis eingeschlossen, so daß sie einander nicht mehr sehen konnten, als Pepe den Kanadier zu einer Beratung herbeirufen zu müssen glaubte. Er wartete vergeblich auf eine Antwort, und als er ihn ein zweites Mal gerufen hatte antwortete wohl eine menschliche Stimme auf den Ruf des Spaniers, aber nicht die des Kanadiers. Pepe war erstaunt, sich nicht allein mit Bois-Rosé in diesen Bergen zu befinden, und rief mit demselben Ton, den er, mit der Büchse im Anschlag, angenommen haben würde »Wer, bei allen Teufeln, ist da?«
»Wen rufst du so an?« fragte Bois-Rosés Stimme mitten aus dem Nebel.
»Señor Bois-Rosé, Señor Don Pepe, wo seid ihr?«
»Hierher!« antwortete Pepe, als er Gayferos‘ Stimme erkannte.
»Gott sei Dank, ich finde euch endlich wieder und brauche doch nun in diesen verfluchten Bergen nicht vor Hunger zu sterben«, sagte der skalpierte Gambusino und trat aus dem Nebelschleier hervor, der ihn bis jetzt verborgen hatte.
»Gut«, sagte Pepe zu sich; »da ist noch ein Kostgänger, der von Wurzeln ernährt werden muß. – Nun, mein Braver, Ihr seid schlecht angekommen!« antwortete er laut. »Jäger ohne Gewehr sind nur sehr schlechte Verbündete!«
»Und Don Fabian?« rief Gayferos, der es nicht vergessen hatte, daß er nur der Fürsprache dieses jungen Mannes sein Leben sozusagen verdankte. »Ist das Unglück, das ich geahnt habe, wirklich eingetreten?«
»Er ist Gefangener der Indianer, und Ihr seht uns selbst ohne Lebensmittel, ohne Munition – wie Kinder den wilden Tieren, den Indianern und, was noch schlimmer ist, dem Hunger preisgegeben. Aber ehe ich Euch alles Unglück erzähle, das uns betroffen hat, muß ich mir erst von Bois-Rosés Auskunft erbitten.«
Der Spanier zeigte dem alten Jäger am Fuß eines dichten Strauches von hohem Wermut Spuren, die der Regen nicht vollständig unter dem Laub, das sie schützte, hatte verwischen können.
»Waren auch Weiße unter ihnen?« fragte er.
»Hier sind indianische Mokassins, hier Schuhsohlen eines Weißen, wenn ich nicht irre.« Der Waldläufer brauchte die Spuren, die ihm Pepe zeigte, nicht lange zu untersuchen. »Fabians Fuß hat diese letzten Spuren nicht zurückgelassen!« sagte Bois-Rosé. »Erinnerst du dich nicht der Spuren, denen wir vor wenigen Tagen folgten, als der arme Junge, eifriger als wir, auf der Fährte des letzten Rehs, das wir getötet haben, vor uns war? Ich hoffe auf Gott; aber noch ist kein Beweis da, daß Fabian noch am Leben ist.«
»Ihr zweifelt also daran?« fragte Gayferos teilnehmend.
Zum erstenmal, seit er wieder zu ihnen gekommen war, warf Bois-Rosé einen Blick des Willkommens auf den Gambusino. Er wurde betroffen von der Veränderung, die achtundvierzig Stunden fast gänzlicher Enthaltsamkeit und großen Leidens bei diesem hervorgebracht hatten.
»Ob wir zweifeln, daß Don Fabian am Leben sei?« rief Pepe. »Ja, gewiß! Wir haben ihn nur kurz verlassen und ihn nicht wiedergefunden. Aber was sagtet Ihr denn eben von einem Unglück, das Ihr gefürchtet hättet?«
»Gestern abend«, antwortete Gayferos, »als ich euch nicht, wie ihr mir versprochen hattet, zurückkommen sah, die wenigen Nahrungsmittel aber, die ihr mir zurückgelassen habt, erschöpft waren, fürchtete ich endlich, ohne Hilfe und Beistand zurückgelassen zu sein, und entschloß mich, mir selbst zu helfen. Ich folgte eine Weile euren Spuren, die ich dicht an diesen Bergen verloren habe. Ich irrte beim Anbruch der Nacht aufs Geratewohl umher, als ich an eine Stelle gelangte, von der aus ich einen breiten Strom erblicken konnte; ich sah, daß unter mir ein Strohhut schwamm, den ich als das Eigentum dessen erkannte, den ihr Fabian nennt.«
»Wo denn?« rief Bois-Rosé und stieß einen Freudenschrei aus. »Pepe, mein alter Freund, wir sind den Räubern auf der Spur; das Kanu, das ich bemerkt hatte, gehört ohne Zweifel diesen Menschen.... Führt uns doch zu diesem Teil des Flusses.«
Man wird bemerken, daß Bois-Rosé in der Feierlichkeit seines Schmerzes den Indianern und ihren Verbündeten nicht mehr den Beinamen Schelme und Dämonen beilegte, mit denen er sie gewöhnlich bezeichnete. Das Unglück reinigt wie das Feuer alles, was es nicht verzehrt hat. Es scheint alles größer und erhabener zu machen, was es berührt. Die Freude kehrte wieder in das Herz des alten Jägers zurück, und während sie hinter Gayferos hergingen, erkundigte sich Bois-Rosé sorgfältig nach allem, was ihm während ihrer Abwesenheit begegnet war.
»Nichts«, antwortete der skalpierte Gambusino, »außer daß Gott es ohne Zweifel gewollt hat, daß sich rings um mich eine große Menge von dem wunderbaren Kraut befand, das man in meinem Vaterland Apachenkraut nennt und dessen Saft fast augenblicklich vernarbt. Ich machte einen Umschlag aus diesen Kräutern, nachdem ich sie zwischen zwei Steinen zerquetscht hatte, und die Erleichterung, die ich einige Stunden danach empfand, war so groß, daß ich Hunger bekam und die Vorräte aufaß, die ihr mir zurückgelassen hattet.«
»Und habt Ihr den Hut Don Fabians auf dem Weg zu uns gesehen?«
»Ja, und diese Entdeckung ließ mich irgendein Unglück fürchten, dessen Wirklichkeit ich sehr beklage.«
Der Spanier erzählte dem neuen Gefährten, den der Zufall ihnen sandte, rasch von der Belagerung, die sie ausgehalten hatten, und von der traurigen Entwicklung, die deren Ende gewesen war.
»Wer sind denn diese Männer, die tapferer und geschickter gewesen sind als ihr?« fragte Gayferos mit einem Erstaunen, das genugsam bewies, wie hoch er die Kraft seiner Befreier anschlug.
»Schelme, die weder Gott noch den Teufel fürchten; wir haben eine schreckliche Genugtuung zu fordern!« antwortete Pepe und nannte die beiden furchtbaren Gegner, mit denen sie ihr böses Geschick zum zweitenmal hatte zusammentreffen lassen. »Wir werden es das drittemal sehen«, fügte der Spanier hinzu.
In diesem Augenblick langten die drei Fußgänger nach vielen, durch das schlechte Gedächtnis des Gambusinos verursachten Umwegen ganz nahe bei der Stelle an, wo er sie eben getroffen hatte; dort, wo Baraja das von den beiden Piraten der Prärien bemannte Kanu in dem unterirdischen Kanal hatte verschwinden sehen.
Nur mit der größten Mühe konnten sie alle drei die schroffen Abhänge, die diesen verlorenen Arm des Flusses überragten, hinabsteigen. An den Ufern dieses Flusses hofften die beiden Jäger solche Spuren zu finden, daß sie diejenigen, die sie schon entdeckt hatten, vervollständigen konnten.
64. Der Hunger
Als die beiden Jäger und der Gambusino an das Ufer des Stromes gekommen waren, bemerkten sie bald, daß es nicht weit von der Stelle, wo sie herabgestiegen waren, einen viel weniger beschwerlichen Weg gab, der sich vom Gipfel der Felsen bis zur Oberfläche des Flusses hinschlängelte.
»Das ist ohne Zweifel der Weg, den diese Schelme mit ihrem Gefangenen eingeschlagen haben, und unten an diesem Pfad muß man ihre Spuren suchen.« »Ich wundere mich nur darüber«, antwortete Bois-Rosé und untersuchte aufmerksam den Ort, »daß Fabian, den ich doch als so ungestüm kenne, gutwillig und ruhig diesen steilen Abhang herabgestiegen ist. Dieses Gesträuch, dieser Wermut trägt keine Spur eines Widerstands von seiner Seite.«
»Hättest du es lieber gesehen, wenn er sich von der Höhe dieser Felsen mit denen, die ihn umringten, herabgestürzt hätte?«
»Nein, gewiß nicht, Pepe«, antwortete Bois-Rosé; »aber du hast es ebensogut wie ich gesehen, daß er damals, wo er sich beinahe im Salto de Agua zerschmettert hatte, weder auf die Zahl derjenigen, die er verfolgte, noch auf den Abgrund, über den er zu Pferd setzen mußte, Rücksicht nahm, und darum hat diese passive Unterwürfigkeit von seiner Seite etwas Beunruhigendes für mich. Der Junge war ohne Zweifel verwundet, vielleicht sogar ohnmächtig, und das erklärt mir …«
»Ich sage nicht nein«, unterbrach ihn Pepe; »deine Meinung ist ziemlich wahrscheinlich.«
»Mein Gott! Mein Gott!« rief Bois-Rosé kummervoll. »Warum muß dieses Ungewitter jede Blutspur weggewaschen, alle Eindrücke zerstört und verwischt haben? Es wäre ohne das so leicht gewesen, sie wiederzufinden und sich von so vielen Dingen, die wir notwendig wissen müssen, Rechenschaft zu geben. Habt Ihr nicht bemerkt, Gayferos, ob Blut an dem schwimmenden Hut gewesen ist?«
»Nein«, sagte der Gambusino, »ich war zu weit entfernt. Jene Felsen, auf denen ich mich befand, sind zu hoch, und der Tag wurde düster.«
»Wenn ich es für gewiß annehme, daß er keinen Widerstand geleistet hat, weil er verwundet war, würde das nicht beweisen, daß Don Fabian in den Händen dieser Schurken so gut ist wie die Hoffnung auf ein reiches Lösegeld, so daß sie sich wohl die Mühe gegeben haben, ihn in ihren Armen bis in ihr Kanu zu tragen?«
Bois-Rosé nahm mit dankbarem Blick diese wahrscheinliche und tröstliche Voraussetzung des spanischen Jägers auf.
In der Tat war Fabian durch den Stoß seines Kopfes gegen den flachen Stein, der mit ihm herabrollte, ohnmächtig geworden und während der langen Ohnmacht in das Kanu getragen worden. Ein Indianer hatte sich zwar seines Hutes bemächtigt, diesen aber wegen seines Alters verächtlich ins Wasser geworfen.
Bis zu diesem Augenblick hatten sich die Jäger also in keinem ihrer Schlüsse betrogen und fuhren, obgleich sie nicht wußten, daß sie beinahe die ganze Wahrheit erraten hatten, nichtsdestoweniger in ihren Nachforschungen mit neuem Eifer fort. Sie gingen also an dem Teil des Flusses nicht stromauf, denn das Wasser in ihm schien stehend zu sein, sondern drangen bis zur Öffnung auf ihrer rechten Seite vor. An dieser Stelle war das Wasser nicht tiefer als zwei Fuß und Schilf bedeckte fast überall den Grund.
Ein plötzlicher Gedanke fuhr Bois-Rosé durch den Kopf; er lief zu dem engen Kanal und verschwand unter dem düsteren Gewölbe.
Während dieser Zeit untersuchten Pepe und Gayferos ihrerseits die Ufer, die Gesträuche bis zur Oberfläche des Wasser; nichts jedoch bewies, daß hier menschliche Wesen seit der Erschaffung der Welt vorübergekommen seien. Ein Hurra Bois-Rosés, dessen Stimme in dem unterirdischen Kanal wie der Donner rollte, rief sie zu ihrem Gefährten.
Der Kanadier hatte nicht ohne Grund ein Triumphgeschrei ausgestoßen. Tiefe Spuren waren noch auf dem schlammigen Boden unverletzt geblieben; die einen halb von Wasser bedeckt, das aus der Erde hervorquoll, die anderen deutlich bestimmt und wie in die feuchte Erde hineingeformt, boten sie sich von allen Seiten den Augen der beiden Jäger und des Gambusinos dar. Das war die Stelle, wo Main-Rouge und Sang-Mêlé ihr Kanu angebunden hatten!
»Ah«, rief Bois-Rosé aus, »wir werden jetzt nicht mehr auf gut Glück umherirren! Gott verzeihe mir – was sehe ich denn dort zwischen dem Schilf? Ist es ein trockener Schilfstengel oder ein Stück Leder? Sieh doch her, Pepe, denn die Freude trübt meine Augen.«
Pepe nahm, einige Schritte durch das Wasser machend, einen Gegenstand auf, den er dem alten Jäger zeigte. »Es ist ein Stück von einem ledernen Riemen, mit dem das Kanu an diesen Stein angebunden war und den die Schelme zerschnitten haben, anstatt ihn aufzuknüpfen«, sagte der Spanier; »und da ich einmal hier bin, so will ich doch noch ein wenig weiter unter diesem Gewölbe vordringen, denn es ist mir, als ob ich in einiger Entfernung etwas wie einen Streifen halbdunklen Lichtes auf der Oberfläche des Flusses zittern sehe.«
Pepe ging vorsichtig bis ans Knie im Wasser weiter zu dem Ort hin, wo in der Tat der Tag mit zweifelhaftem Glanz am äußersten Ende des unterirdischen Kanals zu leuchten schien. Wie groß war seine Überraschung, als er die Büschel von Binsen und Schilf zurückschlug und sein Blick über einen See flog, dessen Gestalt ihm bekannt war. In der Tat bildete der Kanal unter dem Felsen eine Verbindung mit dem See des Val d‘Or.
Pepe kam zurück, um dem Kanadier seine Entdeckung mitzuteilen, obgleich sie jetzt ohne irgendwelche Wichtigkeit war. Bois-Rosé konnte jedoch sich nicht enthalten, seinem Schmerz bei dem Gedanken Luft zu machen, daß der Körper des Indianers, der vom Gipfel der Felsen unter seiner Kugel herabgestürzt war, ihm dieses dicht bei ihnen in den See mündende Gewölbe entdeckt und ihm wie durch die Macht der Vorsehung einen Weg, um mit Fabian und Pepe zu entkommen, angedeutet hatte, ohne daß er den Gedanken gehabt hatte, es zu benützen.
»Und hier«, schloß er, sich vor die Stirn schlagend, »würden wir dieses Kanu gefunden haben, um aus diesen Bergen herauszukommen, indem wir nur ganz einfach dem Lauf des Wassers folgten!«
»Folgen wir ihm also zu Fuß«, rief Pepe aus, »und wir werden zu gleicher Zeit in die Spuren dieses verfluchten Mestizen treten!«
»Vorwärts! Benützen wir den Augenblick, wo der Hunger noch nicht unsere Füße erstarrt und unser Gesicht geschwächt hat. Vor Sonnenuntergang werden wir schon eine ziemliche Strecke Weges zurückgelegt haben.«
Bei diesen Worten setzte sich Bois-Rosé mutig in Bewegung, obgleich er nur von solchen unbestimmten Anzeichen unterstützt wurde; seine beiden Gefährten folgten ihm. Ihr Marsch war anstrengend, denn sie mußten den Fluß entlang die abschüssigen Ufer ersteigen, die ihn einengten, und Felsen erklimmen, die ihn überragten. Ein einziges Ereignis war in den ersten Stunden bemerkenswert: Es war dies die Auffindung des Strohhutes des armen Fabian, den der ungestüme Wind des Ungewitters vor sich hergetrieben hatte und der, an den dornigen Zweigen eines Gebüsches hängend, unter dem Lufthauch hin und her schwankte.
Bois-Rosé untersuchte mit tränenschweren Augen diesen ihn so schwermütig stimmenden Überrest des Kindes, das er zum zweitenmal verloren hatte. Übrigens ließ sich keine Spur von Blut daran erblicken. Der Kanadier band ihn an sein Wehrgehänge, wie es ein Pilger mit einer heiligen Reliquie gemacht hätte, und setzte schweigend seinen Marsch fort.
»Das ist ein gutes Zeichen«, sagte Pepe, der sich seinerseits Mühe gab, die Traurigkeit, die ihn überfiel, von sich abzuschütteln; »wir haben seinen Dolch und seinen Hut gefunden – Gott wird uns auch ihn selbst finden lassen!«
»Ja«, sagte der Kanadier mit düsterer Miene; »und außerdem, wenn wir ihn nicht wiederfinden …«
Bois-Rosé beendete seine angefangene Rede in Gedanken. Der alte Waldläufer dachte ganz im stillen an jene unsichtbare Welt, wo sich diejenigen wiederfinden, deren gegenseitige Liebe noch jenseits des Grabes fortdauern muß, ohne daß sie sich jemals wieder trennen müßten.
Obgleich die Sonne noch ziemlich weit vom Horizont war, hinter dem sie verschwinden sollte, so erlosch doch allmählich der Tag unter dem über den Bergen dicht angehäuften Nebel, als die drei Wanderer an einen Ort kamen, wo das Wasser eine Art von Strudel bildete, der nach des Kanadiers Versicherung ohne Zweifel dadurch gebildet wurde, daß in der Nähe ein anderer Arm sich mit dem Fluß vereinigte.
Bois-Rosé hatte nicht ganz unrecht; aber anstatt eines Zusammenflusses waren zwei vorhanden, und der Strom, dem sie bis jetzt gefolgt waren, war nur durch einen zu hohen Wasserstand beim Zusammenfluß der Ströme entstanden und verlängerte sich rückwärts mehrere Meilen weit bis zu dem See, von dem sie aufgebrochen waren.
Die kleine Truppe machte an dieser Stelle halt. Eine neue Ungewißheit stellte sich ihnen dar. Welche Richtung hatte das Kanu eingeschlagen? War es der Arm des Flusses, der nach Osten, oder war es derjenige, der nach Westen floß? Die drei Männer beratschlagten, ohne einen bestimmten Entschluß fassen zu können. Sie suchten überall eifrig nach einer Spur, die sie auf den rechten Weg bringen könnte. Die graue, düstere Oberfläche der Gewässer und das an den Ufern murmelnde Schilf konnten ihnen auch nicht die unbestimmteste Andeutung geben.
Dann brach die Nacht unter einer Decke undurchsichtigen Nebels traurig und schwarz herein; selbst der Polarstern glänzte nicht mehr am Himmel, dessen Gewölbe aus Blei zu bestehen schien. Man mußte sich entschließen, die ferneren Nachforschungen bis zum Anbruch des Tages aufzuschieben und hier bis zur Morgenröte zu bleiben, um nicht möglicherweise einen falschen Weg einzuschlagen. Die Müdigkeit war auch ein Hindernis für den Marsch, und der Hunger begann, ohne daß es einer dem anderen gestanden hätte, nicht bloß, sich fühlbar zu machen, sondern auch wahrhaft unerträglich zu werden.
Alle drei legten sich schweigend ins Gras, aber ihre geschlossenen Augenlider forderten vergeblich den Schlaf heraus.
In dem ständigen Kampf zwischen der Zerstörung und dem Leben, dessen Schlachtfeld der menschliche Körper ist, gibt es einen schrecklichen Punkt, wo der Schlaf vor dem nagenden Hunger entflieht, wie sich der Hirsch bei der Stimme des Jaguars entsetzt und das Weite sucht. Dann macht das Leben eine letzte, äußerste Anstrengung; der Schlaf gießt endlich über den erschöpften Körper einige stärkende Tropfen aus, und von dieser Zeit an geht die Zerstörung mit raschen Schritten vorwärts, und die hinfällige menschliche Maschine unterliegt bald den Angriffen des inneren Feindes, der an ihr nagt.
Die drei Wanderer waren nun erst bis zu jener Periode des inneren Kampfes gekommen, wo der Hunger lange den Schlaf verjagt, der der letzte sein soll; denn die Schläfrigkeit, die noch rascher eintritt, ist nichts weiter als der Todeskampf. Erst nachdem sie sich oft auf ihrem Rasenbett hin und her gewälzt hatten, konnten die drei Wanderer die Augen einige Stunden lang schließen; und trotzdem wurde das Schweigen der Nebelberge zu verschiedenen Malen durch ein Angstgeschrei gestört, das die Schläfer im Traum ausstießen.
Ringsum war noch tiefe Nacht, als sich Bois-Rosé schweigend erhob. Trotz der Angriffe des Hungers fühlte der kanadische Riese, daß seine Kräfte sich noch nicht vermindert hatten, daß aber die Stunden kostbar wären. Er warf einen traurigen Blick auf die düstere, ihn umgebende Landschaft; auf diese öden Berge, deren Zacken keinem belebten Wesen Schutz zu bieten schienen; auf den Fluß mit schwarzen Gewässern, in deren Schoß die Bewohner tief in ihren Zufluchtsorten schliefen. Er überzeugte sich sehr bald, daß der Hunger der einzige Gast dieser Einöden wäre, und weckte den spanischen Jäger.
»Ach, du bist es Bois-Rosé?« fragte Pepe, die Augen öffnend. »Kannst du mir irgendeine Nahrung zum Ersatz für den Traum geben, dem du mich entreißt? Ich träumte …«
»Wenn man ein Werk vor sich hat, wie das ist, das uns zu tun noch übrigbleibt, so sind die Stunden zu kostbar, um zu schlafen!« unterbrach ihn Bois-Rosé mit feierlichem Ton. »Wir haben kein Recht, den Schlaf dieses Mannes zu stören«, fügte er, auf Gayferos deutend, hinzu; »er hat keinen Sohn zu retten. Aber wir, wir müssen Tag und Nacht marschieren.«
»Das ist wahr; aber wohin marschieren?«
»Jeder nach seiner Richtung. Du an den Ufern des einen Stromes, ich an denen des anderen; untersuchen, überall nach Spuren umherblicken, dann uns hier beim Anbruch des Tages wieder vereinigen – das ist es, was uns zu tun obliegt.«
»Welche Trostlosigkeit herrscht um uns her!« sagte Pepe mit leiser Stimme und schauderte unter dem ersten Anfall von Entmutigung, die sich unmerklich in sein Herz schlich.
Der Kanadier besaß noch seine ganze stolze, durch die Not noch nicht gezähmte Kraft und bemerkte nicht, daß die Energie seines Gefährten einen Augenblick geschwankt hatte.
Pepe seinerseits hatte bald seinen sorglosen Mut zurückgerufen. »Hast du irgendeinen Gedanken in dieser Beziehung?« fügte er schnell hinzu.
»Ja. Als ich zum erstenmal das Boot dieser beiden Männer, die uns so verderblich sind, für einen schwimmenden Baumstamm hielt, segelte es gerade nordwestlich um die Spitze dieser Berge. Es muß also gerade denselben Windstrich benutzt haben, um zurückzukehren. Hätte ich mitten in diesem Nebel die Stelle unterscheiden können, wo die Sonne untergegangen ist, so würde ich dich sogleich auf den rechten Weg bringen; aber nicht einmal der Polarstern glänzt am Himmel! Wenn du also nach einem einstündigen Marsch nicht die Ebene vor dir erblickst, so komm zu mir hierher zurück – ich werde sie dann ohne Zweifel gefunden haben.«
Die beiden Jäger entfernten sich jeder nach seiner Seite und verloren einander bald aus den Augen.
Der skalpierte Gambusino schlief noch, und als er endlich erwachte, bemerkte er, daß er allein war. Staunen und Unruhe jedoch waren bei ihm nur von kurzer Dauer; Pepe kehrte bald zu ihm zurück. Die ersten Strahlen des Tages mußten schon die Ebene erleuchten, obgleich unter dem Nebel der Berge die Morgendämmerung kaum begonnen hatte.
Pepe war zurückgekehrt, nachdem er dem Lauf des Flusses mitten durch eine ununterbrochene Reihenfolge von steilen Felsen, drohenden Abhängen und hohen Hügeln gefolgt war; das Boot hatte also diese Richtung nicht eingeschlagen, soviel man es wenigstens aus dem Mangel jeglichen Anzeichens schließen konnte, das sicherer gewesen wäre als die Voraussetzungen des Kanadiers. Es kam jetzt nur darauf an, zu wissen, ob dieser glücklicher gewesen war.
Eine weitere halbe Stunde war noch nicht verflossen, als Bois-Rosé ebenfalls zurückkehrte. »Vorwärts!« rief er aus der Ferne, sobald er nur seine beiden Gefährten erblickte. »Ich bin auf dem einzig richtigen Weg!«
»Gott sei gelobt!« sagte Pepe. Und ohne den Kanadier weiter zu befragen, setzte er sich in Bereitschaft, diesem mit soviel Schnelligkeit zu folgen, als ihm die Schwäche erlaubte, die er zu fühlen anfing.
Der Tag war in dem Augenblick angebrochen, als die kleine Schar endlich sah, wie der Fluß breiter wurde, mitten durch eine unermeßliche Ebene floß und die Strahlen der Sonne auf der Oberfläche der Gewässer funkelten. Der Kanadier ging voraus, dem Anschein nach unempfindlich gegen die Schmerzen des Hungers, die ihn nicht weniger als seine beiden Gefährten peinigten. Diese folgten ihm etwas entfernt voneinander; Pepe zuerst, indem er vergeblich versuchte, einen kriegerischen Marsch zu pfeifen, um seinen Magen auf andere Gedanken zu bringen; der Gambusino folgte zwanzig Schritt hinter dem Spanier und schleppte sich unter erstickten schmerzlichen Seufzern fort.
Nachdem sie eine Stunde gegangen waren, rief der Kanadier, der immer vorausging, Pepe zu, an den Ort zu kommen, wo er haltgemacht hatte. Es war dies unter einer Gruppe von großen Bäumen, mitten im hohen, trockenen Gras, das der Jäger nur mit der Hälfte seines Körpers überragte. »Lauf doch!« rief Bois-Rosé mit einem Ton lustigen Vorwurfs aus. »Man sollte meinen, du hättest deine Beine in den Bergen vergessen!«
»Sie sind in offener Empörung gegen mich, meine Beine«, antwortete Pepe. Und er sah, wie der Kanadier sich niederbückte und im Gras verschwand.
Als er Bois-Rosé erreicht hatte, fand er ihn auf dem Boden kniend, wo er mit der größten Sorgfalt neben den Resten eines Feuers, von dem noch einige Brände rauchten, zahlreich verstreute Spuren untersuchte.
»Der Gewitterregen«, sagte der Kanadier, »durch den die Spuren in den Bergen verwischt waren, hat diese hier bewahrt, weil sie, anstatt vor dem Regen gemacht zu sein, in den Boden gedrückt sind, den er schon erweicht hatte. Sieh diese Schritte, deren Spuren schon unter der Sonnenhitze hart wurden – sind das nicht die von Main-Rouge und Sang-Mêlé und von seinen Indianern?«
