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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 13

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An vielen Sträuchern hatten sich dort Blüten entfaltet und versandten süßen, die Brust beklemmenden Duft. Der Mondschein drang durch die dichten Kronen der Sykomoren, und schimmernde Lichtstreifen und Kreise spielten im Laubwerk, an den Stämmen und auf dem dunklen Boden. Die Glut des Tages war, festgehalten von dem Blätterdom zu ihren Häupten, immer noch schwül und drückend, und in diesem Gange nannte er sie zum erstenmale sein einziges Bräutchen, schlug er ihr Herz in Ketten und Bande. Jedes seiner glühenden Worte durchzitterte die seine Seele marternde wilde und bange Erregung und gewann das Ansehen, als sei es tief und aufrichtig empfunden.

Dazu berauschte der Blütenduft ihr junges, unerfahrenes Herz, und willig bot sie ihm die Lippen zum Kusse, tief beseligt fühlte sie hier die ersten Schauer junger, erwiderter Liebe.

Ein Leben lang hätte sie so mit ihm verbunden sein mögen, doch schon nach einigen Minuten sprang er auf und rief, begierig, der zärtlichen Wallung ein Ende zu machen, die sich auch seiner zu bemächtigen begann, laut und heftig:

»O dies teuflische, verwünschte Gericht! Aber das ist das Geschick des Mannes! Die Pflicht ruft, und er muß mitten aus allen Wonnen des Paradieses auf die Erde zurück. Deinen Arm, Du, mein ein und mein alles!«

Und Katharina gehorchte ihm und ließ sich, verwirrt und befangen von dem unerhörten Glück, das ihr widerfahren, von ihm fortziehen und horchte tief atmend auf, wie er ihr zurief:

»Nach dieser Himmelswonne in das nüchternste aller Geschäfte! Und wie widrig, wie häßlich über die Maßen ist die Sache, um die es sich handelt! Wie gern möcht’ ich Paula ein Freund und treuer Beschützer sein, statt ein Gegner!«

Bei diesen Worten fühlte er die Linke des Mädchens auf seinem Arm zusammenzucken und weiter, immer weiter trieb es ihn auf der Bahn des Verbrechens. Katharina zeichnete ihm selbst den Weg vor, zum Ziel zu gelangen, und während er fortfuhr, ihre Eifersucht zu entflammen, indem er Paulas Anmut und Hoheit pries, entschuldigte er sich vor sich selbst mit der Erwägung, daß er als Bräutigam berechtigt sei, die Braut zu zwingen, ihm Glück und Ehre zu retten.

Dennoch hatte er bei jedem schmeichelnden Wort die Empfindung, als erniedrige es ihn selbst, als begehe er damit gegen Paula ein neues Unrecht. Es ward ihm nur zu leicht, ihr Lob zu singen; doch als er es mit wachsender Lebhaftigkeit that, schlug sie ihm auf den Arm und rief halb scherzend, halb ernstlich verdrossen:

»O, diese Göttin! Bin ich oder ist sie Deine Geliebte? Daß Du mich nicht eifersüchtig machst! Hörst Du?«

»Kleines Närrchen!« entgegnete er munter und fuhr dann beschwichtigend fort: »Sie ist wie der kühle Mond, aber Du bist die lichte, wärmende Sonne. Ja, Paula! — Einem Olympier, einem Erzengel wollen wir sie überlassen; ich lobe mir mein kleines, fröhliches Mädchen, das mit mir das Leben genießen soll mit all seinen Freuden!«

»Das wollen wir!« jauchzte sie auf und sah den Horizont ihrer Zukunft in glänzendem Sonnenlicht strahlen.

»Gütiger Himmel,« unterbrach er sie wie überrascht. »Das Licht dort scheint schon aus dem elenden Gerichtssaal. O, die Liebe, die Liebe! Von ihr bezaubert, haben wir den Zweck unseres Ganges vergessen. Sage mir, Schatz, weißt Du noch genau, wie das Halsband aussah, womit Du und Maria heute Mittag gespielt habt?«

»Es war sehr fein gearbeitet, und nur in der Mitte hing ein garstiges, verbogenes Goldblech.«

»Kunstkennerin, Du! Du hast die schön geschnittene Gemme übersehen, die in der unscheinbaren Fassung ruhte.«

»Gewiß nicht!«

»Doch, kleine Weisheit!«

»Nein, Liebster!« und als sie dies Wort aussprach, schlug sie die Augen froh auf, als sei ihr ein kühnes Wagnis gelungen. »Was Gemmen sind, weiß ich genau. Vater hat eine große Sammlung davon hinterlassen, und Mutter sagt, nach dem Testament gehörten sie einmal meinem künftigen Mann.«

»So kann ich Dich, mein reizendes Juwel, mit einem Rahmen von lauter Gemmen umgeben!«

»Nein, nein,« rief sie lustig. »Gib mir nur später eine Fassung; denn ich bin ein so flüchtiges Ding, doch es darf nur, nur Dein Herz sein!«

»Diese Goldschmiedsarbeit ist schon verrichtet! Aber im Ernste, Kind; was an Paulas Halsband hing, das war eine Gemme, und Du, kleine Kennerin, hast sie zufällig nur von hinten gesehen. Da hat sie einen Rücken, ganz wie Du ihn beschriebst, eine schlichte Kapsel von Goldblech.«

»Aber Orion!«

»Hast Du mich lieb, Herzensmädchen, dann widersprich mir nicht weiter. Später will ich Dich immer um Deine Ansicht fragen, doch in diesem Fall könnte mich Dein Irrtum in schwere Mißhelligkeiten stürzen und mich zwingen, Paula nachzugeben, und sie zu meiner Bundesgenossen zu machen. Da sind wir! Aber bleiben wir noch einen Augenblick stehen! Und nun noch einmal die Gemme! Siehst Du; — wir können beide irren, ich wie Du, aber ich glaube sicher, im Rechte zu sein, und wenn Du diesmal eine andere Aussage machst wie ich, so stehe ich vor den Richtern da wie ein Lügner. Wir sind nun doch Braut und Bräutigam, eins, ganz eins, und was das eine von uns schädigt oder erhebt, das erhebt und erniedrigt zugleich auch das andere. Sagst Du, die mich lieb hat, und von der die Leute schon munkeln, Du würdest bald als Herrin in der Statthalterei gebieten, etwas anderes aus wie ich, so glauben sie’s sicher. Sieh, Dein ganzes Wesen ist lauter Güte, doch Du bist noch zu rein und jung, um jede Forderung der allgewaltigen Liebe, welche alles erträgt und erduldet, ganz zu verstehen. Wenn Du mir in diesem Falle nicht freudig nachgibst, so liebst Du mich sicher nicht, wie Du solltest. Und was verlangt man denn Großes? Ich frage Dich, und Du sagst nichts weiter vor den Richtern aus, als daß Du heut Mittag Paulas Halsband gesehen und daß eine Gemme daran befestigt gewesen sei, eine Gemme mit Amor und Psyche.«

»Das soll ich vor all den Männern bezeugen?« fragte Katharina bedenklich.

»Das mußt Du thun, Du freundlicher Engel!« rief Orion zärtlich. »Findest Du es hübsch, wenn die Braut ihrem Liebsten die erste Bitte grämlich, bedenklich, rechthaberisch abschlägt? Nein, nein; wenn nur ein Fünkchen Liebe für mich in Deinem Herzchen glimmt, wenn Du mich nicht gezwungen sehen willst, Paula zu bitten, sich mir gnädig zu erweisen...«

»Aber warum handelt sich denn das alles? Wem kann’s nur so viel darauf ankommen, ob eine Gemme oder ein einfaches Goldblech...«

»Das wird Dir später alles ausführlich erklärt,« versetzte er eifrig.

»Thu es doch jetzt schon...«

»Es geht nicht, wir haben die Geduld der Richter schon längst viel zu hart auf die Probe gestellt; es ist kein Augenblick zu verlieren!«

»Nun gut, aber ich komme um vor Verlegenheit und Scham, wenn ich vor den Richtern eine Aussage mache...«

»Die richtig ist und wodurch Du mir zeigen kannst, daß Du mich liebst,« unterbrach er sie dringend.

»Wie schrecklich das ist!« rief sie ängstlich. »So binde mir wenigstens den Schleier fest um das Gesicht. All die bärtigen Männer

»Wie der Vogel Strauß,« lachte Orion und that ihr den Willen. »Wenn Du wirklich eine andere Ansicht hast als Dein... wie hast Du vorhin gesagt? Sag’s doch noch einmal!«

»Dein Liebster!« rief sie verschämt und innig, und half Orion, ihr den Schleier doppelt vor das Gesicht binden, und wehrte ihm nicht, als er ihr ins Ohr flüsterte: »Laß doch sehen, ob ein Kuß auch durch solche Vermummung noch gut schmeckt! — Nun komm; in wenigen Minuten ist alles vorüber!«

Damit führte er sie schnell in den Vorraum des Gerichtssaals, bat sie, einen Augenblick zu warten, und teilte den Richtern eilig mit, Frau Susanna habe ihm ihr Töchterchen nur anvertraut unter der Bedingung, daß er sie, nachdem sie ihre Aussage als Zeugin gemacht, ungesäumt zu ihr zurückführe. Dann ließ er Paula rufen und forderte sie auf, sich zu setzen.

Katharina war zaudernd und beklommenen Herzens in den Vorraum des Gerichtssaals getreten. Sie hatte sich wohl manchmal durch kleine Winkelzüge vor Schelte zu retten gesucht, aber noch nie ernstlich gelogen, und nun sträubte sich alles in ihr gegen die Zumutung, etwas geradezu Unwahres zu sagen. Aber konnte das denn schlecht sein, was Orion, der edelste der Männer, der Abgott der ganzen Stadt, so dringend von ihr begehrte? Legte die Liebe — er war ja dieser Ansicht gewesen! — ihr nicht die Pflicht auf, alles zu thun, was ihn vor Nachteil und Schaden beschützen konnte? Das wollte ihr zwar nicht völlig billig erscheinen, aber vielleicht begriff sie es nur noch nicht ganz, weil sie so jung und unerfahren war. Es ängstige sie auch, daß ihr Geliebter, wenn sie gegen seinen Willen handelte, mit Paula einen Bund schließen mußte. An Selbstbewußtsein fehlte es ihr gar nicht, und sie sagte sich, daß sie vor keinem Mädchen in Memphis zurückzustehen brauche; nur die schöne, stolze, große Damascenerin fühlte sie ihrer kleinen Person hoch überlegen, und sie konnte nicht vergessen, wie vorgestern, da Paula mit ihrem Bräutigam im Garten auf und nieder gewandelt war, das Stadthaupt von Memphis ausgerufen hatte: »Welch ein wundervolles, herrliches Paar!« Oft hatte sie gedacht, daß kein schöneres, vornehmeres, liebenswerteres Geschöpf auf Erden wandle als die Tochter des Thomas, und um einen Blick, ein freundliches Wort von ihr sehnsüchtig geworben. Aber seit jenen Worten des Stadthauptes war eine bittere Empfindung gegen Paula, die später von vielen Seiten reichliche Nahrung empfing, in ihr lebendig geworden. Sie begegnete ihr immer wie einem Kinde, nicht wie einem erwachsenen Mädchen, das sie doch war. Warum hatte sie heute Mittag ihren Bräutigam, so durfte sie ihn ja nun nennen, ihren Bräutigam aufsuchen wollen und sie von ihm zurückgehalten? Und wie war es zugegangen, daß Orion mitten, während er ihr seine Liebe gestand, so mehr als warm, so begeistert von ihr gesprochen hatte? Nein, vor der Damascenerin mußte sie auf der Hut sein, und wenn man erst von dem Glück sprach, das ihr widerfahren, Paula wenigstens gönnte ihr’s gewiß nicht; denn daß auch sie ihren Geliebten nicht gleichgiltig ansah, das fühlte, das wußte Katharina. Sie besaß keine Feindin auf der Welt, aber Paula, die war es, von ihr hatte ihre Liebe alles zu fürchten, und plötzlich fragte sie sich, ob das Goldblech, das sie gesehen, nicht doch eine Gemme gewesen. Hatte sie denn das Halsband auch nur einen Augenblick aufmerksam betrachtet? Und warum sollte sie schärfer gesehen haben als die großen, wunderschönen Augen des Orion?

Er hatte schon recht, recht wie immer!

Die meisten geschnittenen Steine hatten doch eine ovale Gestalt, und oval war auch das Ding gewesen, worüber sie Zeugnis ablegen sollte. Ein falsches von ihr zu verlangen, das sah Orion nicht ähnlich! In jedem Fall war es die Pflicht seiner Braut, ihn vor Schaden zu wahren und zu verhindern, mit der falschen Sirene ein Bündnis zu schließen. Sie wußte, was sie zu sagen hatte, und schon wollte sie sich ein Stück des Schleiers vom Antlitz lösen, um Paula recht fest in die Augen zu schauen, als Orion wiederkehrte, um sie in den Gerichtssaal zu führen.

Zu seiner Freude, ja fast zu seinem Erstaunen sagte sie hier mit aller Sicherheit aus, eine Gemme habe heute Mittag an Paulas Halsband gehangen, und als man ihr den Onyx wies und sie fragte, ob sie sich desselben erinnere, entgegnete sie ruhig:

»Das kann es gewesen sein oder auch nicht; ich entsinne mich nur noch des ovalen goldenen Rückens; übrigens ließ mir diese Jungfrau ihr Kleinod nur kurze Zeit in den Händen.«

Als der Rentmeister Nilus sie dann aufforderte, das Bild des Amor und der Psyche näher zu betrachten, um ihre Erinnerung zu schärfen, entgegnete sie abweisend:

»Ich mag solche heidnische Bilder nicht; wir jakobitischen Mädchen tragen auch anderen Schmuck.«

Da erhob sich Paula, trat ihr mit einem Blick voll strengen Vorwurfs entgegen, und nun war es der kleinen Katharina lieb, daß sie den Einfall gehabt, sich den doppelten Schleier umlegen zu lassen. Aber nur kurze Zeit dauerte die tiefe Beklemmung, in die sie das Auge der Damascenerin versetzte; denn als diese ihr vorwurfsvoll zurief: »Du deutest auf Dein Bekenntnis. Es fordert wie das meine, der Wahrheit die Ehre geben. Bedenke, was von Deiner Aussage abhängt; ich beschwöre Dich, Kind!« da unterbrach die Kleine ihre Gegnerin und rief gereizt und in leidenschaftlicher Wallung:

»Ich bin kein Kind mehr, auch nicht für Dich, und bevor ich rede, bedenke ich mich, wie mich’s gelehrt ward!«

Dann warf sie das Köpfchen trotzig zurück und wiederholte bestimmt:

»Dieser Onyx hat in der Mitte der Kette gehangen.«

»Daß Dich, Du schändlicher Knirps!« rief ihr die Amme, ihrer selbst nicht mehr mächtig, ins Antlitz; Katharina aber schrak zusammen und blickte sich, als habe sie eine Natter gestochen, nach derjenigen um, die es gewagt hatte, sie so grausam und frech zu beschimpfen. Hilflos und dem Weinen nahe suchte ihr Blick nach Beistand, und sie brauchte nicht lang auf den Rächer zu warten; denn Orion befahl sogleich, Perpetua wegen ihrer falschen Aussagen ins Gefängnis zu führen, die Damascenerin aber, weil sie nicht geschworen und nur in guter Absicht eine unglaubliche Geschichte erdichtet, zu entlassen und die Truhe wieder auf ihr Zimmer zu tragen.

Da trat diese noch einmal vor die Schranken, löste den Onyx von der Kette, warf ihn dem Juden Gamaliel zu, der ihn auffing, und sagte:

»Ich schenke ihn Dir, Mann! Vielleicht kauft ihn Dir der Schurke wieder ab, der ihn an meine Kette gehängt hat. Von dem heiligen Kaiser Theodosius hat sie meine Ahnfrau empfangen, und ehe ich sie weiter durch dieses Geschenk eines Elenden besudeln ließe, würf’ ich sie selbst in den Nil. Euch armen, betrogenen Richtern zürne ich nicht, doch ich beklag’ euch! Mein Hiram« — und dabei wies sie auf den Freigelassenen — »ist ein redlicher Mann, dessen ich mit dankbarer Liebe gedenken will bis in den Tod; aber dieser ungerechte Sohn des gerechtesten Vaters, dieser dort...« Das rief sie, indem sie Orion gerade ins Gesicht wies; hier aber unterbrach sie der Jüngling mit einem lauten »Genug!«

Da suchte sie sich zu sammeln und sagte:

»Ich thu’ Dir den Willen; denn Dein Gewissen wird Dir hundertfach wiederholen, was ich verschweige, und nun auf ein Wort!« Damit trat sie ihm näher und flüsterte ihm zu:

»Ich habe es über mich gewonnen, die schärfste Waffe gegen Dich unbenützt zu lassen, einem gegebenen Wort zu Gefallen. Wenn Du nicht der Elendeste der Elenden bist, so gedenke des Deinen und rette Hiram.«

Ein stummes Nicken war seine Antwort, sie aber blieb auf der Schwelle noch einmal stehen und rief Katharina zu:

»Dich, Kind; denn das bist Du, Dich wird der Sohn des Mukaukas für den Dienst, den Du ihm eben erwiesen, mit unnennbaren Schmerzen belohnen!«

Damit verließ sie den Saal, erstieg mit wankenden Knieen die Treppe, und als sie wieder neben dem Lager der armen Irrsinnigen weilte, schenkte ihr der gütige Gott die lindernde Wohlthat der Thränen.

Ihr Freund sah sie weinen und weinen und störte sie nicht, bis sie ihn selbst anrief und ihm alles vertraute, was ihr an diesem schweren Tage begegnet.

Orion und Katharina hatten den frohen Mut verloren und begaben sich ernst zu dem Säulengange zurück. Als sie unterwegs in ihn drang, ihr zu erklären, warum er sie zu diesem Zeugnis verleitet, vertröstete er sie auf morgen. Sie fanden Frau Susanna allein; denn seine Mutter war zu dem schwerer leidenden Gatten gerufen worden und hatte die kleine Maria mit sich genommen. Nachdem er die Witwe begrüßt und sie an den Wagen geleitet, kehrte er in den Sitzungssaal zurück.

Dort trug er den Richtern den gesamten Thatbestand und alles, was gegen den Freigelassenen zeugte, noch einmal in runder Zusammenfassung vor. Darauf wurde das Urteil gefällt. Es verdammte den treuen Hiram gegen die einzige Stimme des Rechnungsbeamten Nilus zum Tode.

Orion befahl, die Vollstreckung des Urteils aufzuschieben, und kehrte nicht wieder in das Haus zurück, sondern ließ sich den wildesten Hengst satteln und sprengte ganz allein in die Wüste. Er hatte gesiegt, aber es war ihm, als sei er bei diesem Rennen in den Schlamm geraten, und als müsse er darin ersticken.

Dreizehntes Kapitel.

Was der Arzt durch Paula von den Vorgängen des vergangenen Tages, Orions Verhalten und dem Ausgang der Gerichtssitzung vernommen, brachte ihn außer sich, und ungestüm billigte er des Mädchens Entschluß, diese verruchte Räuberhöhle, dies Haus des Uebelwollens, des Betruges, der blöden Richter und falschen Zeugen sofort zu verlassen.

Zu einem ruhigen Gespräch zwischen ihnen kam es noch nicht; denn in dem Krankenzimmer gab es für Philippus bald alle Hände voll zu thun.

Der Masdakit Rustem, welcher bis dahin bewußtlos dagelegen hatte, war infolge eines neuen Medikamentes aus der Erstarrung erwacht und verlangte stürmisch nach Haschim, seinem Meister. Als dieser nicht kam und man ihm sagte, daß er ihn erst morgen erwarten dürfe, richtete sich der Riese in den Kissen auf, stemmte die gewaltigen Arme steif ausgestreckt hinter sich auf die Bettstatt, schaute irren Blicks hin und her und schüttelte den großen Kopf, von dem man die Haarmähne geschnitten, wie ein gereizter Löwe. Dabei rief er dem Arzte mit tiefen, weithin hallenden Brusttönen schmähende Worte in seiner Muttersprache zu, die keiner der Anwesenden verstand, und während Philippus den Verband auf der schweren Wunde furchtlos neu zu befestigen suchte, löste Rustem plötzlich die Hände von der Bettstatt, schlang sie um den Leib des Heilkünstlers und versuchte ihn rasend und mit Schaum auf den Lippen zu sich niederzuziehen. Brüllend wie ein Raubtier zerrte er an seinem Gegner, aber auch jetzt verlor Philipp keinen Augenblick die Gegenwart des Geistes, sondern befahl der Nonne, zwei handfeste Sklaven zu holen.

Diese eilte davon, und Paula ward nun Zeugin eines furchtbaren Ringens; denn der Arzt hatte die Knöchel des Riesen mit den seinen umfaßt und entfernte mit einer Kraft, welche man wohl dem großen, starkknochigen Manne, aber schwerlich dem nach vorn übergeneigten Forscher hätte zutrauen mögen, des Persers Hände von seinen Hüften, preßte dann Finger auf Finger zwischen die Rustems, zwang ihn in die Kissen zurück, setzte die Kniee auf sein ehernes Lager und bewältigte ihn so, daß der Verwundete sich nicht wieder aufzurichten vermochte. Und doch wandte der Masdakit alle Kraft auf, um sich von dem Gegner zu befreien, aber dieser war jetzt stärker als er; denn Blutverlust und Fieber hatten Rustem geschwächt.

Paula sah diesem Ringkampf der besonnenen Kraft gegen die tierische Stärke eines rasenden Riesen zitternd und mit laut pochendem Herzen zu. Sie konnte dem Freunde nicht beistehen, doch sie folgte vom Kopfende des Lagers aus jeder seiner Bewegungen, und wie er den gewaltigen Mann, vor dem ihr kranker Oheim in memmenhafter Furcht zusammengeschauert war, gebändigt hielt, mußte sie seine männliche Schönheit bewundern; denn seine Augen strahlten jetzt in feurigem Glanz, und der kleine, untere Teil seines Gesichtes verlängerte sich bei der furchtbaren Anstrengung, die er sich auferlegte, und brachte ihn in Harmonie mit der großen Stirn und dem übrigen Antlitz. Ihre Seele bebte für ihn, und sie meinte an ihm, an dem sie früher nichts geachtet hatte als den überlegenen Verstand, etwas Großes und Heldenhaftes zu erkennen.

Minutenlang hatte der Kampf gedauert, als Philippus die Arme des Persers erlahmen fühlte, und nun rief er Paula zu, ihm ein Tuch, einen Strick oder was es sonst sei, zu reichen, um den Wütenden zu binden.

Da eilte sie schnell und mit voller Besonnenheit in das Nebenzimmer, ergriff ihr Kopftuch, riß die seidene Gürtelschnur von ihrem Gewande, stürzte mit beidem auf den Kampfplatz zurück und half dem Arzt mit dem Mut eines Mannes die Hände des Rasenden fesseln. Jeden Ruf, jeden Fingerzeig des Freundes verstand sie, und als die Sklaven, welche die Nonne gerufen, in das Krankenzimmer traten, fanden sie Rustem mit fest zusammengeschnürten Händen wieder und hatten ihn nur noch zu verhindern, aus dem Bett zu springen oder sich auf die Seite zu werfen.

Nun schrieb Philippus den Sklaven mit fliegendem Atem vor, wie sie sich verhalten sollten, und als er dann in den Arzneikasten griff und Paula bemerkte, daß seine blauroten, geschwollenen Finger dabei zitterten, nahm sie die Flasche heraus, auf die er hinwies, mischte sie das Medikament nach seiner Vorschrift, scheute sie sich nicht, es mit Hilfe der Männer dem Tobenden zwischen die gewaltsam geöffneten Zahnreihen zu gießen.

Die heilsamen Tropfen beruhigten den Kranken in wenigen Minuten, und bald konnte der Arzt mit eigener Hand unter Beistand der geübten Nonne die Wunde des Karawanenführers reinigen und neu verbinden.

Inzwischen war auch die Irrsinnige von dem Gebrüll des Persers erwacht und fragte ängstlich, ob der Hund, der böse Hund wieder da sei. Aber sie ließ sich schnell von Paula beruhigen und beantwortete die Fragen, welche diese an sie richtete, so verständig und ruhig, daß ihre Pflegerin den Arzt herbeirief und er Paulas Hoffnung, in dem geistigen Zustande der Irrsinnigen sei ein günstiger Umschwung eingetreten, beipflichten durfte. Was sie sprach, klang wehmütig und freundlich, und als Paula dies hervorhob, bemerkte der Arzt:

»Auf dem Krankenbett lernt man die Menschen kennen. Das wilde Mädchen, das den Sohn dieses Hauses vielleicht in mörderischer Absicht überfiel, zeigt jetzt seine wahre, sanfte Natur. Was den Burschen da angeht, so ist er ein Kraftmensch und dazu ein braver Kerl, meine zehn Finger zum Pfande!«

»Was verleibt Dir dies Zutrauen?«

»Auch im Fieber hat er nicht ein einzigesmal gekratzt oder gebissen und sich immer nur gewehrt wie ein ordentlicher Bursch... Meinen Dank jetzt für Deine Hilfe; hättest Du ihm die Schnur nicht um die Hände geschlungen, so wäre das Spiel vielleicht zu einem andern Ende gekommen.«

»Gewiß nicht!« versetzte Paula bestimmt. »Wie stark Du bist, Philipp! Man könnte sich vor Dir fürchten.«

»Du?« lachte der Arzt. »Brauchst vielmehr nur nicht weiter bange zu sein, hast ja zufällig gesehen, daß Dein Beschützer nicht schwach ist! Puuh! Ein wenig Ruhe thäte jetzt gut!«

Da reichte sie ihm das eigene Tuch, und während er es dankbar benützte, um sich die Stirn zu trocknen, und den Wunsch, es an die Lippen zu ziehen, mühsam unterdrückte, rief er heiter:

»Mit solcher Gehilfin muß alles glücken. Stark sein ist kein Verdienst; jedermann bleibt es, der mit gesundem Blut und festen Knochen zur Welt kommt, die Glieder, wie ich es als Jüngling und Knabe gethan, tüchtig übt und sein väterlich Erbteil nicht durch ein verkehrtes Leben verkümmert. Uebrigens spür’ ich die Balgerei doch noch in den Händen; aber dort im Saal steht herrlicher Wein; zwei Becher oder drei würden nur gut thun.«

Damit begaben sie sich beide in das Nebengemach, worin die meisten Lampen bereits erloschen waren.

Paula goß ihm den Rebensaft ein, kredenzte ihm den Pokal, und er leerte ihn mit vollen Zügen; den zweiten Becher war es ihm indessen nicht mehr auf ihr Wohl auszuschlürfen beschieden; denn kaum hatte er ihn an die Lippen geführt, als es in dem Zimmer des Masdakiten laut ward und Frau Neforis erschien.

Die sorgsame Gattin des Mukaukas war nicht von dem Lager ihres Gemahles gewichen, ja selbst das Gebrüll des Persers hatte sie nicht veranlaßt, ihren Posten zu verlassen; als sie aber durch die Sklaven vernommen, was es da oben gegeben und daß Paula immer noch mit dem Arzte bei den Kranken verweile, war sie, sobald ihr Gatte sie entbehren konnte, in den Fremdenstock gestiegen, um Philippus zu sprechen, der Damascenerin vorzuhalten, was sich für sie schicke, und sich nach den wunderlichen Geräuschen umzusehen, von denen ihr das zu dieser Stunde sonst totenstille Haus erfüllt zu sein schien. Sie gingen von den Krankenzimmern, dem heimkehrenden Orion und dem Rentmeister Nilus aus, welchen jener, obgleich sich die Nacht schon dem Morgen näherte, zu sich berufen hatte; aber der Statthaltersgattin schien im Anschluß an diesen widerwärtigen Tag, der noch dazu als ein unheilbringender im Kalender stand, alles bedrohlich, und so war sie in Begleitung des wachhabenden Dieners ihres Gatten und mit einem kleinen Reliquienschrein in der Hand, dem sie die Kraft zuschrieb, böse Geister zu bannen, die Treppe hinangestiegen.

Eilig und leise trat sie in die Krankenzimmer und unterzog dort zuerst, besorgt und unwirsch wie jeder, der in der Nacht aus der Ruhe gestört wird, die Nonne einem strengen Verhör. Dann drang sie in den Saal, wo Philippus eben seiner Freundin den zweiten Becher zutrank und Paula ihm mit schlecht geordnetem Haar und gürtellosen Kleidern gegenüberstand. Das alles verstieß gegen die Sitte, dergleichen wollte sie in ihrem Hause nicht dulden, und so befahl sie der Nichte ihres Gatten kurz, sich zur Ruhe zu begeben. Nach allem, was man ihr heute, nein, schon gestern nachgesehen, rief sie, würde es sich besser für sie schicken, in ihrem Zimmer stille Selbstschau zu halten, die Lügengeister, die sie beherrschten, zu bannen und ihren Heiland um Vergebung zu bitten, als hier die Krankenpflegerin zu spielen und das Zechgelage mit einem jungen Manne fortzusetzen, das sie, eben habe sie es von der Nonne gehört, schon um Mittag begonnen.

Paula hörte ihr schweigend zu, doch die Farbe wechselte dabei mehr als einmal auf ihrem Antlitz; als aber Neforis zuletzt mit dem Finger auf die Ausgangsthür wies, rief sie mit all dem kühlen Stolze, über den sie, wenn sie sich unwürdigen Verdächtigungen ausgesetzt sah, verfügte:

»Deine Meinung ist leicht zu durchschauen. Ich würde sie keiner Antwort würdigen, wenn Du nicht die Gattin des Mannes wärest, den ich, bevor Du ihn gegen mich eingenommen, gern meinen Gastfreund und Beschützer nannte und der ja auch mit mir verwandt ist. Wie immer, so traust Du mir auch heute Unwürdiges zu. Indem Du mir die Thür dieser geheiligten Räume, dieser Krankenzimmer weist, vertreibst Du mich zugleich aus Deinem Hause, das Du, und mit Dir Dein Sohn — einmal muß es gesagt sein — mir ohnehin zur Hölle gemacht hast.«

»Ich, ich, und mit mir... Nein, das ist, das...« fiel ihr die Matrone mit fliegendem Atem ins Wort, preßte beide Hände auf die heftig bewegte Brust, und ihr fahles Gesicht bekleidete sich mit glühendem Rot, während aus ihren Augen zornige Blitze schossen. »Das ist... Tausendmal zu viel ist es, tausendmal, hörst Du? Und ich, ich würdige sie noch einer Antwort! Von der Straße haben wir sie aufgelesen, und sie wie eine Tochter gehalten, unsinnige Ausgaben für sie bestritten, und nun...«

Diese Worte waren mehr an den Arzt als an das Mädchen gerichtet gewesen, Paula aber nahm die Herausforderung auf und entgegnete in einem Ton, aus dem nichts klang wie tiefe Verachtung:

»Und nun erkläre ich Dir bestimmt und als mündige Jungfrau, mit freier Verfügung über mich selbst, daß ich morgen in der Frühe mit allem, was mein ist, dies Haus, und sei’s auch als Bettlerin, verlasse, in dem man mich schmählich beleidigt, mich und meinen treuen Diener fälschlich verurteilt und im Begriff steht, ihn schändlich zu morden.«

»Und wo man Dich...« kreischte Neforis die gelassenere Gegnerin an, »wo man Dich viel zu mild vor dem Schicksal des Räubers, den Du zu uns eingeschmuggelt, bewahrt hat. Um einen Einbrecher zu retten, hast Du — unerhört ist es — hast Du gewagt, den Sohn Deiner Wohlthäter als ungerechten Richter...«

»Das ist er!« rief Paula empört. »Und noch mehr! Das Kind, das Du ihm selbst zur Gattin bestimmtest, hat er verführt, zu falschem Zeugnis schmählich verführt. Und mehr, viel mehr könnt’ ich sagen, wäre mir in Dir die Mutter nicht heilig, hätt’ es Dein Gatte nicht um mich verdient, daß ich ihn schone.«

»Schonen, schonen!« wiederholte Neforis höhnisch. »Du und uns schonen! Der Angeklagte hat die Gnade und schont, schont seinen Richter! Aber gezwungen sollst Du werden, ja gezwungen, zu reden. Und was Du, Verleumderin, von dem falschen Zeugnis gesagt hast...«

»Das wird Deine eigene Enkelin,« unterbrach sie der Arzt, »wenn Du Dich nicht mäßigst, edle Frau, vor aller Welt bestätigen müssen.«

Da lachte Neforis krampfhaft auf und fuhr dann außer sich fort:

»So also stehen die Sachen! Das heilige Krankenzimmer macht ihr zum Tempel des Bacchus, der Venus; und nicht genug mit diesem ruchlosen Frevel, schließt ihr ein Bündnis, um ein rechtschaffenes Haus und seine Häupter in Schmach und Schande zu stürzen!« Dann stemmte sie die linke Hand mit dem Reliquienschrein in die Hüfte und rief schnell und heftig: »So soll denn euer Wille geschehen. Zieht hin, wohin ihr mögt! Wenn ich Dich, Du undankbares, böses Geschöpf, bis morgen um Mittag noch in der Statthalterei finde, so lasse ich Dich von der Wachmannschaft auf die Straße führen; denn Du — ich will diesem armen, gequälten Herzen auch einmal gestatten, sich Luft zu machen — Du, Du, Du bist mir zuwider, bist nur verhaßt, Dein bloßes Dasein ärgert mich und bringt Unglück, mir und uns allen, und außer — außerdem sind mir die Smaragden lieb, die wir haben...«

Mit diesem allerhärtesten Wort, das sie gegen die Mahnung ihrer besseren Gefühle herausgestoßen hatte, schien sie ihre Seele von einem Zentnergewicht entlastet zu haben; denn sie holte tief Atem, und weit milder und besonnener als vorher wandte sie sich an den Arzt und sagte:

»Du, Philipp, was Dich betrifft, mein Mann hat Dich nötig, Du weißt ja, was wir Dir bieten, und kennst Georgs offene Hände. Vielleicht besinnst Du Dich eines Bessern und wirst einsehen lernen...«

»Ich?« fiel ihr der Heilkünstler mit einem überlegenen Lächeln ins Wort. »Kennst Du mich wirklich so schlecht, Frau Neforis? Dein Mann, ich gebe zu, daß er mir wert ist, und wenn er meiner bedarf, wird er wohl nach mir schicken. Ungerufen betrete ich indessen diese Schwelle nie wieder, wo man das Recht mit Füßen tritt, die wehrlose Unschuld beschimpft und in Verzweiflung stürzt. Ja, sieh mich nur erstaunt an! Dein Sohn hat den Richterstuhl seiner Väter entweiht, und des unschuldigen Hiram Blut kommt auf sein Haupt; Du aber, fahre Du nur fort, Deine Smaragden zu lieben. Paula rührt sie nicht an, sie ist zu hoch gesinnt, um Dir den zu nennen, vor dem Du gut thätest, sie in den tiefsten Kellerraum zu verschließen! Was ich da eben aus Deinem Munde vernommen, zerreißt jedes Band, welches die Zeit zwischen uns knüpfte. Ich verlange keinen Besitz, kein ansprechendes zuvorkommendes Wesen, keine Gabe des Geistes oder Körpers von meinen Freunden, oder sag’ ich nur meinen nahen Bekannten; aber einen gemeinsamen Boden müssen wir haben: den einer würdigen Gesinnung. Diese kam nicht mit Dir zur Welt, oder ging Dir verloren, und ich will und muß von diesem Augenblick an ein Fremder für Dich sein und wünsche Dich nicht wieder zu sehen, es sei denn bei Deinem Gatten, der nach mir begehrt.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
820 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain