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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 14
Diese letzten Worte hatten so würdevoll und unwiderruflich geklungen, daß sie Neforis erschreckten und der Fassung beraubten. Wie eine der Verachtung anheimgefallene Unwürdige hatte der Mann sie behandelt, auf dessen Stand sie herabsah, den sie aber stets für einen der bravsten, offensten und reinsten Ehrenmänner gehalten, der Mann, den ihr Gatte nicht entbehren konnte, weil er ihm Linderung zu verschaffen und ihn vom übermäßigen Gebrauch seines Betäubungsmittels zurückzuhalten verstand. Weit und breit war er der einzige Arzt von Bedeutung. Auch diesen nützlichen Helfer, welcher der kleinen Maria und manchem ihrer Diener das Leben gerettet, drohte die verhaßte Damascenerin ihr zu rauben, und sie, die fest überzeugt war, eine brave, tüchtige Gattin und Mutter zu sein, stand nun durch diesen bösen Geist ihres Hauses wie ein verächtliches Wesen da, dem ein braver Mensch aus dem Weg geht.
Das war zu viel, und von Zorn und Aerger und aufrichtiger Kümmernis gequält, rief sie kläglich und mit feuchten Augen:
»Aber was soll das nur alles? Du, der mich kennt, der mich hat schalten und walten sehen, kehrest mir in meinem eigenen Hause den Rücken und weisest nach mir mit dem Finger? Bin ich denn nicht zeitlebens ein treues Weib gewesen, das ihren Mann durch Jahre gepflegt, sein Krankenbett nicht verlassen und an nichts gedacht hat, als ihm sein Leid zu erleichtern? Wie eine Einsiedlerin habe ich bei ihm ausgehalten aus lauter Pflichtgefühl und treuer Liebe, während andere Frauen, die es weniger leicht können, Staat machen und Feste besuchen. Und wo werden wohl die Sklaven reichlicher gehalten und häufiger freigelassen als bei uns? Wo bekäme der Bettler so sicher sein Almosen als in unserem Hause, das, das ich, ich allein zur Frömmigkeit anhalte? Und nun soll ich plötzlich um dieses undankbaren, lieblosen Geschöpfes willen nicht mehr wert sein, daß mich die Sonne bescheint, und ein braver Mann wie Du kündigt mir im Handumdrehen die Freundschaft, weil, weil — wie hieß es nur gleich — weil mir der Geist fehlt, oder wie hast Du das Ding genannt, das man haben muß, um Dich...«
»Es heißt die Gesinnung,« unterbrach sie der Arzt, dem die geängstigte Frau, an der er in der That viel Gutes wahrgenommen hatte, leid that. »Ist Dir dies Wort wirklich ganz neu, Frau Neforis? Sie wird uns angeboren, aber fester Wille kann die weniger hoch angelegte Gesinnung veredeln, Schwäche gegen sich selbst die von Natur gute beeinträchtigen, und am jüngsten Tage werden, wenn anders mich die Ahnung nicht trügt, nicht die Thaten gemessen werden, sondern just die Gesinnung. Wie stünd’ es mir zu, Dich zu tadeln? Aber Dich zu beklagen, ist mir gestattet; denn ich sehe an Deiner Seele die Krankheit, welche dem Krebs am Körper gleichkommt...«
»Auch das!« rief Neforis.
»Diese Krankheit,« fuhr der Arzt unbeirrt fort, »den Haß mein’ ich, eine so fromme Christin sollte sich vor ihr zu schützen wissen! Wie ein Dieb in der Nacht ist er in Dein Herz gedrungen, hat da um sich gefressen, Dir das Blut verdorben, Dich verführt, gegen diese von schwerem Unglück getroffene Waise zu handeln wie jemand, der einem Blinden Steine und Pfähle in den Weg wirft, damit er falle. Liegt Dir, wie es doch scheint, in der That ein wenig an meiner Meinung, so bitte Paula, bevor sie Dein Haus verläßt, um Vergebung für den Haß, mit dem Du ihr jahrelang wehe gethan, mit dem Du eben erst unerhörte Beleidigungen, an die Du selbst nicht glaubst, zu den andern gefügt hast.«
Da wandte Paula den Blick, mit dem sie bis jetzt der Rede des Arztes gefolgt war, Frau Neforis zu und löste die in ihrem Schoß gefalteten Hände, um, so fest sie auch entschlossen blieb, die Statthalterei zu verlassen, mit der Rechten in die Hand der Gattin des Oheims einzuschlagen, wenn sie ihr dieselbe darbieten würde.
Indessen tobte ein schwerer Kampf in der Seele der Statthaltersfrau. Sie fühlte, daß sie oft unfreundlich gegen Paula gehandelt; daß über dem Smaragddiebstahl immer noch ein peinliches Dunkel schwebe, hatte sie schon vor dem Besuch des Krankenzimmers widerwillig empfunden. Sie wußte, daß sie ihrem Gatten einen großen Dienst leisten werde, wenn sie die Damascenerin zum Bleiben veranlaßte, den Arzt hätte sie ihrem Hause nur zu gern erhalten; aber wie tief war sie, war ihr Sohn eben noch von diesem hochmütigen Geschöpf erniedrigt worden! Sollte sie sich vor ihr, der so viel Jüngeren, demütigen und ihr die Hand bieten, sollte sie in...
Da erklang das silberne Becken, in welches ihr Gatte eine Kugel warf, wenn er ihrer bedurfte. Sein bleiches, leidendes Gesicht stellte sich vor ihr inneres Auge, sie hörte ihn nach seiner Partnerin beim Brettspiel fragen, sie sah seinen wehmütigen, vorwurfsvollen Blick, wenn es morgen heiße, sie, Neforis, habe ihre Nichte, die Tochter des edlen Thomas, aus dem Hause getrieben, und nun folgte sie einer schnellen Regung, trat mit dem Reliquienschrein in der Linken und der ausgestreckten Rechten Paula entgegen und sagte leise:
»Nur eingeschlagen, Mädchen! Ich hätte manchmal anders gegen Dich sein können; aber warum hast Du nie auch nur das Geringste nach meiner Liebe gefragt? Gott ist mein Zeuge, daß ich anfänglich gewillt war, Dich wie eine Tochter zu halten, aber Du — doch lassen wir das! Es thut mir jetzt leid, daß ich Dir... wenn ich Dir wehgethan habe.«
Schon bei den ersten Worten hatte Paula die Hand in die der Matrone gelegt; die ihre war kalt wie Marmor, die der Statthaltersfrau feucht und heiß, und es war, als fühlten ihre Hände den gleichen Widerwillen gegen einander wie die Herzen, und das empfanden sie beide und ließen jene nur einen kurzen Augenblick in einander. Wie Paula die ihre zurückzog, bewahrte sie die schickliche Haltung besser als die ältere Frau und sagte in ruhigem Ton, doch mit glühenden Wangen:
»So wollen wir denn versuchen, ohne Groll von einander zu scheiden, und ich danke Dir, daß Du mir dies möglich gemacht hast. Morgen früh wird es mir, hoff’ ich, gestattet sein, von dem Oheim, der mir lieb ist, und der kleinen Maria in Frieden Abschied zu nehmen.«
»Aber Du brauchst jetzt nicht mehr zu gehen, ich bitte Dich vielmehr dringend, zu bleiben,« unterbrach sie die Statthaltersfrau eifrig. »Georg läßt Dich nicht ziehen; Du weißt ja, wie wert Du ihm bist.«
»Er war mir oft wie ein Vater,« versetzte Paula, und auch ihr Blick begann feucht zu glänzen. »Darum hätte ich gern bei ihm ausgeharrt bis ans Ende; dennoch bleibt es dabei, daß ich gehe.«
»Und wenn Dein Oheim seine Bitten mit den meinen verbindet?«
»Es würde umsonst sein.«
Da faßte Neforis noch einmal die Hand der Jungfrau und bemühte sich mit aufrichtigem Eifer, sie umzustimmen; doch Paula blieb fest und beharrte auf ihrem Entschluß, schon morgen die Statthalterei zu verlassen.
»Aber wo findest Du gleich ein neues, passendes Heim,« rief Neforis, »eine Unterkunft, wie sie Dir zukommt?«
»Das sei meine Sorge!« entgegnete der Arzt. »Glaube nur, edle Frau, für alle Teile ist es am besten, wenn Paula den Aufenthalt wechselt. Nur noch eins: sie läßt sich hoffentlich bestimmen, wenigstens fürs erste in Memphis zu bleiben.«
Da rief Neforis:
»Bei uns, nur bei uns ist ihre natürliche Heimat. Vielleicht wandelt Gott um Deines Oheims willen Dein Herz, und wir beginnen alle zusammen ein neues, erfreulicheres Leben.«
Ein verneinendes Kopfschütteln war Paulas Antwort, doch Neforis sah es nicht mehr; denn zum drittenmal ließ sich der metallene Ruf vernehmen, und es war ihre Pflicht, ihm zu folgen.
Sobald sie das Zimmer verlassen, atmete Paula tief auf und rief:
»O Gott, o Gott, wie das schwer war! Ihr nicht ins Gesicht zu schleudern, mit welchen Frevelthaten ihr ruchloser Sohn... Nein, nein, dazu hätte nichts mich bewogen; aber ich kann Dir nicht sagen, wie dieses Weibes bloßer Anblick mich aufbringt, wie leicht mir ums Herz ist, seit ich die Brücken abgebrochen, die mich mit diesem Hause, mit Memphis verbinden.«
»Mit Memphis?« fragte der Arzt.
»Ja!« versetzte Paula lebhaft. »Fort will ich, weit fort von hier, aus dieser Frau und ihres Sohnes Nähe! Wohin? Ob nach Syrien zurück, ob nach Griechenland, — jeder Weg ist mir recht, der von hier fort führt.«
»Und ich, Dein Freund?« fragte Philippus.
»Die Erinnerung an Dich nehme ich mit mir in dankbarem Herzen.«
Da lächelte der Arzt, als sei etwas eingetroffen, das er erwartet, und sagte nach kurzem Bedenken:
»Und wo und wie soll der Nabbatäer Dich finden, wenn er in dem Klausner vom Sinai wirklich Deinen Vater erkennt?«
Diese Frage überraschte und erschreckte Paula, und Philippus setzte nun alles daran, um sie von der Notwendigkeit ihres Bleibens in der Pyramidenstadt zu überzeugen. Es galt zunächst, ihre Amme zu befreien, und dabei konnte er ihr seine Mitwirkung verheißen, und alles, was er vorbrachte, nahm so weislich Rücksicht auf die Verhältnisse, mit denen es zu rechnen galt, und die Thatsachen, welche vorlagen oder eintreten konnten, daß sie über die Besonnenheit und den praktischen Sinn des Mannes, mit dem sie gewöhnlich nur über Dinge, die nicht von dieser Welt waren, geredet hatte, staunte und größtenteils um ihres Vaters und Perpetuas willen, aber auch in der Hoffnung, sich seines Umganges weiter zu erfreuen, einwilligte, wenigstens fürs erste zu Memphis und im Hause seines ihr durch die Erzählungen des Arztes längst bekannten Freundes, ihres Glaubensgenossen, zu bleiben und dort den ferneren Verlauf ihres Schicksals abzuwarten. Fort von Orion, ihn nie, nie wieder zu sehen, war der heißeste Wunsch ihres Herzens. Jede Stätte erschien ihr gut, wo sie nicht zu befürchten hatte, ihm zu begegnen. Sie haßte ihn, doch sie wußte, daß ihr Herz nicht zur Ruhe kommen werde, so lange diese Möglichkeit vorlag. Sie begehrte sich auch von dem Verlangen zu befreien, das wieder und wieder mit wunderbarer, entsetzlicher Macht in ihr aufstieg, seinen ferneren Schicksalen zu folgen. Darum, nur darum sehnte sie sich fort und ins Weite, darum genügte ihr kaum des Arztes Versicherung, ihr neuer Gastfreund werde jeden Besuch von ihr fernzuhalten wissen, den sie nicht selbst zu empfangen wünsche. Sie vor Aufdringlichen zu schützen, schloß Philippus, werde seine Sache sein, sobald sie ihn rufe.
Wie die beiden sich trennten, trat die Sonne hinter den Ostbergen hervor, und beim Abschied sagte Paula:
»So beginnt denn morgen für mich ein neues Leben, von dem ich mir wohl vorstellen kann, daß es mit Deiner Hilfe sich freundlicher gestalten wird als das vergangene,« und der Arzt entgegnete froh bewegt:
»Für mich hat dies neue Leben schon gestern begonnen.«
Vierzehntes Kapitel.
Zwischen Morgen und Mittag saß die kleine Maria unter denselben Sykomoren, welche gestern das junge, kurze Liebesglück des Bachstelzchens beschattet, auf einem niedrigen Rohrstuhl, und neben ihr ihre Erzieherin Eudoxia, unter deren Aufsicht sie aus einem griechischen Katechismus die zehn Gebote abschreiben sollte.
Die Lehrerin war von der wachsenden Hitze und dem Blütenduft rings um sie her entschlummert, und ihre Schülerin führte nicht mehr die Feder.
Mit verweinten Augen sah sie auf die Muscheln, welche über den Weg gestreut waren, und benützte ihr langes Lineal, anfangs um unter ihnen umherzuwühlen, dann aber um die Worte »Paula« und »Paula, Marias Geliebte« mit großen Anfangsbuchstaben in sie einzufurchen. Nur ein Schmetterling, welcher den Bewegungen des Holzes folgte, weckte dann und wann einen heiteren Zug in ihrem lieben Gesichtchen, aus dem es dem trüben Geiste »Kummer« doch nicht geglückt war, den Frohsinn ganz zu verdrängen. Trotzdem that das Herzchen ihr weh. Still wie in ihrer Umgebung war es im ganzen Garten und auch im Hause; denn vor Sonnenaufgang hatte sich der Zustand des Großvaters ernstlich verschlimmert und jedes Geräusch mußte von ihm fern gehalten werden.
Maria dachte eben an den armen Kranken, wie schwer er zu leiden habe, und wie weh auch ihm die Trennung von Paula thun werde, als ihr durch die Allee Katharina entgegenkam.
Die Sechzehnjährige machte heute ihrem Namen Bachstelzchen wenig Ehre; denn ihre niedlichen Füßchen schlürften durch den Muschelkies, ihr Köpfchen war müde gesenkt, und wenn eins der tausend Insekten, die sich in der sonnigen Morgenluft wiegten, ihr nahe kam, schlug sie nach ihm gereizt mit dem Fächer.
Als sie Maria erreicht hatte, rief sie ihr das gewöhnliche »Freue Dich« zu; doch diese beantwortete es nur mit einem widerwilligen Kopfnicken, wandte ihr dann halb den Rücken und fuhr fort, ihre Inschrift zu malen.
Aber Katharina achtete noch nicht dieses kühlen Willkommens, sondern hob teilnehmend an:
»Es soll ja Deinem armen Großvater nicht wohl gehen?«
Maria zuckte die Achseln.
»Sie sagen sogar, er sei recht bedenklich erkrankt; ich habe Philippus selbst gesprochen.«
»So?« machte Maria, ohne die ältere Freundin anzusehen, und setzte ihre Thätigkeit fort.
»Orion ist bei ihm,« ergänzte Katharina. »Und Paula, sie will die Statthalterei also wirklich verlassen?«
Das Kind nickte stumm mit dem Kopf, und seine verweinten Augen füllten sich mit neuen Thränen.
Da bemerkte das Bachstelzchen, daß die Kleine traurig aussah und ihr geflissentlich keine Antwort erteilte. Zu anderen Zeiten hätte sie das wenig gekümmert, aber heute verletzte sie ihr Schweigen, ja, es wurde ihr dabei bange, und so stellte sie sich Maria, die das Lineal unermüdlich zu handhaben fortfuhr, gegenüber und sagte laut und empfindlich:
»Es scheint ja, als sei ich seit gestern in Ungnade gefallen. Wie jedes will, aber solche Ungezogenheit, sag’ ich Dir, laß ich mir nicht gefallen.«
Die letzten Sätze waren von der Erzieherin, welche die hohe Stimme Katharinas erweckt hatte, verstanden worden, und indem sie sich eine würdige Haltung gab, fragte sie streng:
»Wie hat man sich gegen liebe Gäste zu verhalten, Maria?«
»Ich sehe hier keine,« versetzte das Kind und zog die Lippen trotzig zusammen.
»Ich aber, ich!« rief die Erzieherin. »Wie eine Barbarentochter benimmst Du Dich, nicht wie ein hellenisch erzogenes Mädchen. Katharina ist kein Kind mehr, wenn sie sich auch noch manchmal zum Spielen mit Dir herabläßt. Gleich gehst Du hin und bittest sie für dies garstige Wort um Verzeihung!«
»Ich?« fragte das Kind, und es lag darin die entschiedenste Ablehnung dieses Befehles. Dann sprang sie auf und rief mit funkelnden Augen: »Wir sind keine Griechinnen, weder sie noch ich, und wenn ihr es noch einmal hören wollt: Sie ist, ist, ist nicht mehr mein lieber Gast, meine Freundin; nein, wir haben nichts, gar nichts mehr mit einander zu schaffen!«
»Bist Du toll geworden?« rief nun Eudoxia, und ihr langes Gesicht gewann ein bedrohliches Ansehen, während sie sich trotz der wachsenden Hitze des Tages aus ihrem tiefen Ruhesessel erhob und sich anschickte, auf ihren Zögling zuzutreten und ihn mit Gewalt zu der Abbitte zu nötigen. Doch Maria war behender als die alternde Griechin und floh hurtig wie eine Gazelle die Allee hinunter, dem Strom entgegen.
Eudoxia versuchte ihr zu folgen; doch die Hitze lähmte sie bald, und als sie erschöpft und keuchend stehen blieb, sah sie, wie Katharina, die nun auf einmal wieder das alte Bachstelzchen geworden, an ihr vorbei und dem Kinde mit einer Schnelligkeit nachjagte, die sie mit Schauder erfüllte.
Maria bemerkte bald, daß sie nur noch von Katharina verfolgt ward, mäßigte den Lauf und erwartete im Schatten eines großen Gebüsches die aufgegebene Freundin. Bald stand ihr diese mit glühenden Wangen gegenüber, faßte ihre beiden Händchen und rief empört:
»Was hast Du da drüben gesagt? Du... Du... Wüßte ich nicht, was für ein naseweiser Kindskopf Du bist, so wär’ ich im stande...«
»So wärst Du imstande, mich falsch zu verklagen! Aber jetzt lässest Du mich los, oder ich beiße!« Und als Katharina ihr auf diese Drohung hin die Hände freigab, fuhr sie noch heftiger fort: »O, o, ich kenn’ Dich seit gestern! Und wenn Du es noch einmal hören willst: ich bedanke mich für solche Freundin! Schämen solltest Du Dich tief in den Erdboden hinein der Sünde, die Du begangen. Ich bin erst zehn Jahre, aber ehe ich das begangen hätte, das, lieber hätt’ ich mich in das heiße Loch mit der armen, unschuldigen Perpetua einsperren, wollt’ ich mich hinrichten lassen, wie ihr’s mit dem armen, ehrlichen Reiter Hiram, pfui, pfui! im Sinne habt!«
Katharinas glühende Wangen waren bei diesen Worten erblaßt, und weil sie nichts darauf zu erwidern wußte, warf sie den Kopf zurück und entgegnete so stolz und überlegen, wie es ihr eben gelang:
»Was weiß denn solch ein Kind von Dingen, über die sich selbst große Leute die Köpfe zerbrechen!«
»Große Leute!« lachte Maria, welche kaum drei Finger breit kleiner war als ihre Gegnerin. »Wachs’ erst tüchtig, und dann nenne Dich groß. In zwei Jahren reichst Du mir grad bis an die Augen.«
Da stieg der lebhaften Aegypterin das Blut zu Kopfe, und sie schlug dem Kinde mit der flachen Hand ins Gesicht; Maria aber blieb wie erstarrt vor ihr stehen, und nachdem sie minutenlang und ohne einen Klagelaut die Augen zu Boden geschlagen, wandte sie der andern den Rücken und begab sich schweigend in die schattige Allee zurück.
Katharina folgte ihr mit feuchten Augen. Sie fühlte, daß Maria berechtigt sei, das, was sie gestern gethan, zu mißbilligen; denn sie hatte ja selbst keinen Schlaf finden können und war mehr und mehr zur Ueberzeugung gelangt, daß sie schlecht, ja unverzeihlich gehandelt. Jetzt hatte sie wieder etwas Unverantwortliches begangen! Sie fühlte, daß sie dem Kind etwas Schweres zugefügt habe, und das that ihr aufrichtig leid. Wie eine Dienerin folgte sie Maria schweigend in einiger Entfernung. Gern hätte sie sie am Kleide zurückgehalten, ihr gute Worte gegeben, ja sie um Verzeihung gebeten, und wie sie sich dem Platze näherte, wo sich die Erzieherin wieder als unglückliches Schlachtopfer der ägyptischen Hitze in ihren tiefen Stuhl geworfen, rief Katharina Maria bei Namen, und als sie es ablehnte, sie anzuhören, legte sie ihr die Hand auf die Schulter und sagte weich und bittend:
»Verzeih mir, daß ich mich so vergessen; aber was kann ich dafür, daß ich so klein bin. Du weißt ja, wenn einer darüber spottet...«
»So wirst Du böse und schlägst,« entgegnen das Kind und schritt dabei weiter. »Gestern noch hätte ich vielleicht gar über die Ohrfeige gelacht, ‘s wäre ja nicht die erste gewesen, oder Dir auch eine zurückgegeben, aber heute, vorhin,« und dabei schauerte sie unwillkürlich zusammen, »vorhin ist mir’s gewesen, als wär’ mir ein schwarzer Sklave mit der garstigen Hand über die Backe gefahren. Du bist auch gar nicht mehr, wie Du warst, Du setzest die Füße ganz anders und siehst — verlaß Dich darauf — siehst gar nicht mehr so nett und lustig aus wie früher, und ich weiß auch warum: Du hast gestern Abend eine große Sünde begangen.«
»Aber, liebes Schätzchen,« bat nun die andere, »Du mußt nicht so hart sein. Vielleicht hab’ ich vor den Richtern wirklich nicht alles gesagt, was ich wußte, doch Orion, der mich so lieb hat, und dessen Frau ich doch werde...«
»Der hat Dich zu der Sünde verführt!« rief die Kleine. »Auch er ist gut und froh und freundlich gewesen bis gestern; aber seit dem... O dieser unglückselige Tag.«
Hier ward sie von der Erzieherin Eudoxia unterbrochen, die sie mit einer Flut von Vorwürfen überschüttete und ihr endlich befahl, sich an die Arbeit zurückzubegeben.
Das Kind folgte widerstandslos diesem Geheiß; doch es hatte kaum die Wachstafel zurechtgelegt, als Katharina wieder an seiner Seite war und ihm zuflüsterte, Orion habe gewiß nur ausgesagt, was er für das Richtige gehalten, und sie, sie sei wirklich im Zweifel gewesen, ob eine Gemme mit einem goldenen Rücken oder ein bloßes Stück Goldblech an Paulas Kette gehangen.
Da wandte Maria sich rasch und hastig auf sie zu, sah ihr fest in die Augen und rief, um nicht von Eudoxia verstanden zu werden, in ihrer ägyptischen Sprache, von der die Griechin verschmäht hatte, auch nur ein einziges Wort zu lernen:
»Ein elendes, am Rande gezacktes Goldblech hat an der schönen Kette gehangen, und noch dazu ist es Dir am Kleide hängen geblieben. Ich seh’ es vor mir! Und wenn Du vor den Richtern ausgesagt hast, es sei eine Gemme gewesen, so hast Du gelogen. Da sieh her, das sind die Gesetze, die der liebe Gott selbst auf dem heiligen Sinaiberge gegeben, und da steht es geschrieben: ›Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten,‹ und wer das doch thut, hat mir der Presbyter erklärt, der macht sich einer Todsünde schuldig, für die es keine Vergebung gibt auf Erden und im Himmel, wenn nicht durch schwere Buße und unsers Erlösers besondere Gnade. So steht es geschrieben, und Du, hast Du wirklich vor den Richtern aussagen können, was falsch ist und unwahr und andere ins Verderben stürzen muß?«
Da schaute die junge Angeklagte verwirrt und beschämt zu Boden und versetzte zögernd:
»Orion hatte es so fest und sicher behauptet, und dann — ich weiß selbst nicht, wie es über mich kam — aber ich war ihr so bös, so... Morden hätt’ ich sie können!«
»Wen?« fragte Maria verwundert.
»Du weißt es ja; Paula.«
»Sie?« fragte Maria, und ihre großen Augen füllten sich von neuem mit Thränen. »Ist es denn möglich! Bist Du ihr nicht gerade so gut gewesen wie ich? Hast Du Dich nicht manchmal an sie gehängt wie eine Klette?«
»Ja, ja doch! Aber vor den Richtern war sie so gräßlich stolz, und dann... Doch das alles kannst Du, glaub mir’s, Maria, kannst Du wirklich und wahrhaftig noch nicht verstehen!«
»Nicht?« fragte das Kind und kreuzte die Arme. »Für wie dumm hältst Du mich denn? Du bist in Orion — und er ist ja auch ein Mann, wie es wenige gibt — vernarrt, verliebt bis über die Ohren, und weil Paula wie eine Königin neben Dir aussieht und so viel schöner und größer ist als Du, und Orion sich — ich hab’s ja gesehen — bis gestern tausendmal mehr um sie gekümmert hat als um Dich, bist Du eifersüchtig und neidisch auf sie geworden. O, ich weiß alles! Ich weiß auch, daß alle Frauen sich in ihn verlieben, und daß sie der Mandane um seinetwillen die Ohren abgeschnitten haben, und daß ihm sein Schätzchen in Konstantinopel das weiße Hündchen geschenkt hat. Die Sklavinnen erzählen nur, was sie wissen, und was ich mag. Am Ende hast Du auch Grund, auf Paula eifersüchtig zu sein; denn legte sie’s nur darauf ab, lieber Gott, wie bald sähe Orion Dich gar nicht mehr an! Sie ist das schönste, klügste, beste Mädchen auf der ganzen Erde, und warum soll sie nicht stolz sein? Das falsche Zeugnis, das Du geredet, wird dem armen Hiram das Leben kosten; aber der gütige Heiland vergibt Dir’s am Ende. ‘s ist Deine Sache, und mich geht es nichts an; aber daß Paula um Deinetwillen das Haus verläßt, daß ich sie nie, nie, nie wieder sehen soll, ob ich Dir das vergessen kann, ich glaub’s nicht, aber ich will Gott darum bitten.«
Dabei brach sie in lautes Schluchzen aus, und die Erzieherin stand schon auf, um dem Gerede, das sie nicht verstand und das ihr darum widerwärtig und beängstigend vorkam, ein Ende zu machen, als das Bachstelzchen sich vor dem Kinde niederwarf, es mit den Armen umschlang und, gleichfalls in Thränen zerfließend, ausrief:
»Maria, liebes Mariechen, Ein unwissender Kritikaster nahm Anstoß an dem »Irenchen«, welches der Verfasser in den »Schwestern« gebrauchte, und bezeichnete diese Diminutivform als groben Anachronismus. Dennoch liebten die Griechen in Aegypten Frauennamen in der Diminutivform so sehr, daß sie sie selbst in den Steuerlisten den einfachen Namen vorzogen. Uebrigens war diese Form auch den attischen Griechen geläufig. vergib mir. O, wenn Du wüßtest, was ich schon ausgestanden habe, bevor ich hieher kam! Verzeih mir, Maria, sei wieder mein gutes, liebes Mariechen! Gewiß, gewiß, Du bist viel, viel besser als ich! Wozu, lieber Heiland, wozu bin ich gestern Abend geworden, und durch ihn, nur durch ihn, den ja jeder Mensch lieb haben muß, nur durch Orion! Willst Du’s glauben: ich weiß noch nicht einmal, warum er mich zu dieser Sünde verführt hat! Aber ich muß versuchen, ihm nicht mehr gut zu sein, ihn ganz zu vergessen, obgleich, obgleich... Denke Dir nur, daß er, er mich sein Bräutchen genannt hat; aber nun er mich so betrogen, darf ich denn wagen, sein Weib zu werden? Die ganze Nacht hat mir’s keine Ruhe gelassen. Lieb hab’ ich ihn, lieb, Du weißt nicht wie sehr; aber ich kann doch die Seine nicht werden; lieber geh’ ich ins Kloster oder in den Nil, und das alles, ich sag’ es noch heute der Mutter.«
Die Griechin hatte den Mädchen erstaunt zugeschaut, und es bot auch einen befremdlichen Anblick, die Jungfrau vor dem Kinde knieen zu sehen. Sie lauschte auf den glühenden Fluß der ihr unverständlichen Rede und erwog, wie sie ihren Zögling, zur Not mit Hilfe der Großmutter, dahin bringen könne, sich gemessenerer griechischer Bewegungen zu befleißigen.
Da trat Paula in die Allee. Die Sklaven, welche ihr mit mehreren Truhen und Paketen auf einer großen Sänfte gefolgt waren, gingen gerade auf den Nil zu, wo das Boot wartete, welches sie in ihr neues Heim führen sollte.
Schweigend und unbemerkt ließ sie die Augen eine Zeit lang auf dem rührenden, fest umschlungenen Mädchenpaare ruhen und hörte die letzten Worte des liebenswürdigen jungen Geschöpfes, das ihr so Schweres angethan hatte. Sie ahnte nur, was hier vorgegangen war, aber es widerstand ihr, länger zu lauschen, und so rief sie Maria an, und als diese aufsprang und ihr mit hingebender, stürmischer Zärtlichkeit an den Hals flog, bedeckte sie ihr Köpfchen und ihr seines Antlitz mit Küssen.
Dann löste sie sich aus der Umarmung des Kindes und sagte leise und mit feuchten Augen:
»Lebe wohl, Du mein Liebling! In wenigen Augenblicken bin ich nicht mehr die Eure, und ein anderes, fremdes Heim nimmt mich auf. Bleibe mir gut und vergiß mich nicht, und daß Du es wissest, Du hast auf Erden keine treuere Freundin als mich.«
Da flossen neue Thränen, und das Kind beschwor sie, nicht zu gehen, sie nicht zu verlassen; aber Paula wehrte seinen Bitten gerührt und erstaunt, daß sie an dieser Stätte, wo sie so wenig Liebe gesäet, doch so viel warme Liebe geerntet.
Dann reichte sie der Erzieherin die Hand zum Abschied, und als sie sich Katharina zuwandte, um auch ihr, der Mörderin ihres Glückes, wie schwer es ihr auch fiel, Lebewohl zu sagen, sank das Bachstelzchen, überfließend von Thränen der Reue, vor ihr nieder, bedeckte ihre Kniee und Hände mit Küssen und bekannte sich schuldig des schwersten Verbrechens. Aber Paula ließ sie nicht zu Ende reden, sondern hob sie auf, küßte ihr die Stirn und sagte, daß sie verstehe, wie sie zu dieser Sünde gekommen, und daß sie, wie Maria, versuchen werde, ihr zu vergeben.
Bei dem mit vielen Ruderern bemannten Kahn der Statthalterei, wohin sie die Mädchen begleiteten, fand sie Orion.
Er hatte diesen Morgen zweimal vergeblich versucht, Gehör bei ihr zu finden, und sah bleich und erregt aus. Mit einem herrlichen Blumenstrauß in der Hand, bot er Maria und seinem Bräutchen einen flüchtigen Gruß und beachtete es nicht, daß Katharina ihn nur stumm und zaghaft zurückgab.
Dann trat er Paula näher, teilte ihr flüsternd mit, Hiram sei gerettet, und beschwor sie darauf, wenn sie selbst auf Vergebung ihrer Sünden hoffe, ihm nur wenige Augenblicke zu schenken; als sie aber mit einem stummen Achselzucken seine Bitte ablehnte und auf das Boot zuschritt, streckte er die Hand aus, um ihr behilflich zu sein; sie aber sah geflissentlich beiseite und reichte dem Arzt die Rechte. Da sprang er ihr in den Nachen nach und raunte ihr mit bebender Stimme ins Ohr:
»Ein Elender, ein Unglücklicher bittet Dich um Gnade. Ich war gestern von Sinnen. Ich liebe Dich, liebe Dich, Mädchen, wie sehr — Du wirst es erfahren!«
»Genug!« unterbrach sie ihn laut und erhob sich in dem schwankenden Kahne. Philippus stützte sie, Orion aber legte ihr den Strauß in den Schoß und sagte allen vernehmlich:
»Den Vater wird Dein Abschied schmerzlich bekümmern. Er ist so krank, daß wir Dir nicht gestatten durften, Abschied von ihm zu nehmen. Hast Du ihm noch etwas zu sagen...«
»So wähle ich einen andern Boten!« versetzte sie streng.
»Und wenn er nach dem Grund Deines plötzlichen Aufbruches fragt?«
»So werden ihm Deine Mutter und Philippus Antwort erteilen.«
»Aber er war Dein Vormund, und ich weiß, Dein Vermögen...«
»Es ist bei ihm in sicheren Händen.«
»Und wird des Arztes Befürchtung zur Wahrheit?«
»So fordere ich das meine durch meinen neuen Kyrios zurück.«
»Du wirst es auch ohne ihn erhalten. Kennst Du kein Erbarmen, keine Vergebung?«
Da warf sie statt jeder Antwort den Blumenstrauß, den er ihr gegeben, ins Wasser; er aber sprang ans Land und fuhr sich, ohne der Anwesenden zu achten, mit der Hand durch das Haar und preßte sie an die glühende Stirn.
Das Boot stach in die Wellen, die Ruderer regten eifrig die Riemen, Orion aber starrte ihm nach und tiefe Atemzüge hoben und senkten seine Brust, bis eine kleine Hand die seine erfaßte und Marias zärtliche Kinderstimme ihm zurief:
»Fasse Dich, Oheim! Ich weiß ja, was Dich bekümmert.«
»Was weißt Du?« fragte er barsch.
»Es reut Dich, daß Du und Katharina gestern Abend gegen sie und den unglückseligen Hiram...«
»Thorheit!« unterbrach er sie heftig. »Wo ist Katharina?«
»Ich soll Dir sagen, sie könne Dich heute nicht sehen. Sie hat Dich so lieb, aber sie, auch sie empfindet jetzt bittere Reue.«
»Die mag sie sich sparen,« fuhr der Jüngling auf. »Gibt es da etwas zu büßen, so fällt es auf mich, so martert es mich hier zu Tode. Aber das alles... Hol mich der Satan! Was geht das ein Kind an! Mach, daß Du fort kommst! Eudoxia, führe das Mädchen an seine Arbeit!«
Damit nahm er den Kopf der Kleinen zwischen die Hände, küßte ihr mit stürmischer Zärtlichkeit die Stirn und stieß sie dann der Erzieherin in die Arme, die sie dienstwillig mit sich fortzog.
Sobald sich Orion allein sah, lehnte er sich an einen Baum und stöhnte tief auf wie ein verwundetes Wild. Das Herz that ihm weh zum Zerspringen,
»Hin, hin! Verscherzt, verloren, das Beste auf Erden!« Und nun legte er die Hände an den Baum und preßte die Stirn darauf, bis sie ihn schmerzte. Er wußte sich nicht zu lassen vor Weh und Zorn gegen sich selbst. Es war ihm, als sei er schwer berauscht gewesen und habe in der Trunkenheit das eigene Haus in Asche gelegt. Wie das alles hatte geschehen können, er wußte es selbst nicht mehr! Nach seinem nächtlichen Ritte hatte er den Rentmeister Nilus wecken lassen und ihm aufgetragen, Hiram heimlich in Freiheit zu setzen. Aber erst durch den Anblick des vom Schlage getroffenen Vaters war er zu voller Ernüchterung gelangt. Der furchtbare Ernst des Todes hatte ihm an diesem Lager voll ins Antlitz geschaut, und es war ihm gewesen, als könne er den geliebten Mann nicht scheiden sehen, bevor er seinen Frieden mit Paula gemacht, ihre Vergebung erlangt, sie, die dem Vater lieb war, ihm zugeführt und für sie und sich selbst seinen Segen erfleht habe.
