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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 27

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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Orion war allein und schaute ihr traurig nach. War das der Fluch des Vaters? Es schien, als sollte jeder, der ihn liebte, Schmerz und Unglück dafür ernten!

Ihn schauderte, doch sein frischer Jugendmut und seine Widerstandskraft waren stark genug, bald Herr dieser marternden Gedanken zu werden. Welche Gelegenheit bot sich da, seine Kraft zu bewähren! Schon während Katharinas Erzählung hatte sich der mutige, thatendurstige Jüngling die Aufgabe gestellt, die Klosterfrauen zu retten. Je größere Gefahren ihre Lösung mit sich brachte, ja, je unausführbarer sie auf den ersten Blick erschien, desto willkommener war sie ihm gerade jetzt.

Frisch und kampflustig warf er die Thür hinter sich zu und trat ins Freie. Es dunkelte schon. Der Arzt mußte sich bei Maria befinden, und er war entschlossen, das Kind mit seiner Hilfe aus der Statthalterei zu entfernen. Erst wenn er Maria bei Paula wohlgeborgen im Hause des Rufinus wußte, konnte er mit freiem Herzen das Unternehmen, welches ihm vorschwebte, ins Werk setzen. Auf der Treppe rief er einem Sklaven zu: »Den Einspänner mit dem persischen Traber!« und bald darauf trat er zugleich mit der Sklavin, welche brennende Lampen brachte, in das Zimmer der Kleinen.

Weder sie noch Philippus bemerkten ihn sogleich, und er hörte, wie sie den Arzt, welcher ihr Handgelenk zwischen den Fingern hielt, fragte:

»Was hast Du nur heute? Mein Gott« — das Lampenlicht fiel ihm eben hell ins Antlitz — »wie blaß und traurig Du aussiehst! Warte, ich habe vorhin ein putziges Kerlchen aus Wachs zusammengeknetet...«

Mit diesem komischen Kunstwerk wünschte sie den Mann, der sich immer so freundlich gegen sie erwies, zu erheitern; doch während sie sich vorbeugte, um es zu ergreifen, bemerkte sie den Oheim und rief:

»Philippus kommt, um mich zu heilen, doch er sieht aus, als bedürfte er selbst eines Tränkchens. Gib acht, Du bekommst die bittere braune Medizin von gestern; da sollst Du einmal spüren, was schlecht schmeckt!«

So freundlich dieser Ausruf auch gemeint war, wurde ihm doch von beiden Männern, während sie einander stumm und mit einer förmlichen Verbeugung begrüßten, keine Beachtung geschenkt; aber es würde Orion auch ohne die Bemerkung des Kindes aufgefallen sein, welche Veränderung seit gestern mit dem Arzte vorgegangen war.

Scheinbar ohne des Eingetretenen zu achten, stellte er noch einige kurze Fragen an Maria, bat Eudoxia, den früheren Vorschriften auch ferner zu folgen, und warf dann einen eiligen Abschiedsgruß hin, der sich an alle Anwesenden zugleich richtete; doch Orion erwiderte ihn nicht, sondern bat mit einem liebevollen Blick auf die Kleine: »Hernach auf ein Wort!«

Dies veranlaßte auch Philippus, sich dem Kinde zuzuwenden, und wie darauf die Augen der Nebenbuhler sich trafen, wußten sie, daß sie wenigstens in einer Hinsicht einig waren und das Gleiche empfanden.

Es war dem Arzt nicht unbekannt geblieben, wie freundlich sich der junge Mann Marias angenommen, und so folgte er ihm schweigend in das Zimmer, welches er jetzt bewohnte, und das — Philipp wußte es — früher Paula beherbergt hatte.

»Im Dienste der Pflicht,« wiederholte er sich wieder und wieder, um ruhig zu bleiben und wenigstens im ganzen aufzufassen, was die klangvolle Stimme des schönen Mannes ihm gegenüber sagte, was er ihm mit einer Wärme, deren er ihn nicht für fähig gehalten, als Bittender vortrug.

Philippus wußte schon längst, in wie beklagenswerter Weise sich die Großmutter von der eigenen Enkelin abgewandt hatte, und fand Orions Wunsch, diese aus der Statthalterei zu entfernen, nur zu gerechtfertigt; als er jedoch erfuhr, daß sie Paulas Obhut anvertraut werden solle, zuckte er zusammen und blickte so düster zu Boden, daß der andere schnell erriet, was in ihm vorging. In der That hatte der Arzt sich gesagt, das Kind diene dem Werber nur zum Vorwand, sich der Geliebten öfter zu nähern, und schon war er, unfähig, diese Befürchtung in sich zu verschließen, aufgesprungen, um ihr Ausdruck zu geben, als Orion ihm das Wort vom Munde nahm und mit niedergeschlagenem Blick bescheiden und aufrichtig sagte:

»Um des Kindes, nur um Marias willen bei meinem seligen Vater...«

Da schüttelte der Arzt düster den Kopf, trat dem Gegner näher und murmelte dumpf:

»Um dieses Kindes willen bin ich im stande, viel zu thun und zu lassen. Besser als bei Rufinus und Paula wird es nirgends aufgehoben sein, doch wenn ich denken sollte,« und dabei erhob sich seine Stimme, und sein Auge gewann einen unheimlich drohenden Glanz, »wenn ich denken sollte, die heilige, gefährdete Unschuld sei nur eine Brücke...«

»Nein, nein!« unterbrach ihn Orion dringend. »Noch einmal die heilige Versicherung, daß ich nichts im Auge habe, als die Rettung des Kindes, und da nun doch schon so viel gesagt ist, kommt es auf ein Wort mehr oder weniger nicht an! Dir steht des Rufinus Haus Tag und Nacht offen, mich wird die nächste Zeit, wenn alles geht, wie ich denke, fern von hier, von Memphis, von der Tochter des Thomas halten. Ein Bubenstreich, mehr darf ich nicht sagen, etwas Schändliches ist im Werke, und ich will es zu hintertreiben suchen mit Gefahr meines Lebens. Du, ihr sollt das Recht verlieren, mir auch ferner Dinge zuzutrauen, die meiner Natur so tief widerstreben wie eurer. Du und ich, wir ringen, irr’ ich nicht, nach dem gleichen Preise und sind zu Gegnern geworden, aber warum soll das Kind darunter leiden? Vergiß es ihm gegenüber, und dies Vergessen wird Deinen Wert in ihren — Du weißt ja — in ihren Augen nur steigern.«

»Meinen Wert?« fiel ihm der andere höhnisch ins Wort. »Hier entscheidet kein Wert, sondern wie die blinde Dirne Glück ihre Gaben auswirft, wie eine Nase, ein Kinn, ein Auge geschnitten, was sich, es kann so gut ein Verbrechen sein wie eine Großthat, was sich zufällig tiefer in das Wachs eines weichen Mädchenherzens eindrückt, aber,« und dies rief er, wie außer sich, dem andern entgegen, »aber verflucht will ich sein, wenn ich weiß, wie wir auf diese Dinge kommen! Ist denn meine Narrheit mit offenem Busen auf der Straße umher gelaufen und hat sich den Leuten gezeigt? Woher weißt Du, was ich empfinde? Hat sie Dir vielleicht selbst von dem lächerlichen Liebhaber geplaudert? Einerlei! Du weißt es schon jetzt oder erfährst es wohl morgen, wer den Hahnenkampf gewonnen. Schau mich nur an! Die Herzensbrecher sehen anders aus als das Thersitesgesicht Dir gegenüber. Viel Glück zu dem Treffer, und das andere — da es doch wohl schon sein muß, auf morgen!«

Hiemit schritt er hastig auf die Thür zu, doch Orion hielt ihn zurück, flehte ihn an, seinen Groll nur jetzt zu vergessen, beteuerte, daß Paula ihm kein Wort von seiner Neigung verraten, daß er vielmehr selbst, da er ihn gestern so spät bei ihr gesehen, Qualen der Eifersucht erlitten, und forderte ihn auf, ihn weiter mit Worten zu mißhandeln, wenn ihm das das Herz erleichtere, nur möge er um alles Guten willen dem unschuldigen, braven Kinde seinen Beistand nicht entziehen.

Des Arztes menschenfreundliches Herz verschloß sich dieser Bitte nicht, und als er sich endlich mit der frohen und doch schmerzlichen Ueberzeugung, daß sein glücklicher Nebenbuhler der Geliebten würdiger geworden, zum Aufbruch anschickte, hatte er mit jenem abgemacht, daß er Frau Neforis, bei der er eine leichte Geistesstörung voraussetze, vorschreiben wolle, das Kind, dem die Luft in der Statthalterei gefährlich sei, einem befreundeten Arzt in der Nähe der Stadt anzuvertrauen.

Sobald Philippus das Haus verlassen, fuhr Orion zu Rufinus, und nach seiner bündigen Erklärung, daß ihn etwas Ernstes und Wichtiges herführe, bat ihn der Greis, ihm auf sein Arbeitszimmer zu folgen. Doch der Jüngling hielt ihn zurück, um mit ihm und den Frauen erst alles ins Reine zu bringen, was die Aufnahme der kleinen Maria betraf.

»Da wird ja nach und nach die ganze Statthalterei in unsern Garten verpflanzt!« rief Rufinus. »Mir soll’s schon recht sein; und Du, Alte, was sagst Du?«

»Mir ganz gewiß,« erwiderte diese. »Uebrigens haben weder Du noch ich hier zu bestimmen: sie wird Paulas Gast sein.«

»Wenn sie nur schon hier wäre,« versetzte die Jungfrau; »denn wer kann wissen, ob Deine Mutter, Orion... Es weht hier eine gefährliche melchitische Luft.«

»Laß Philipp und mich nur sorgen!« versetzte dieser. »Du hättest sehen sollen, wie glücklich das Kind war!«

Dann zog er Paula beiseite und fragte sie schnell: »Hoff’ ich nicht zu viel? Gehört mir Dein Herz? Mag kommen, was will, darf ich auf Dich zählen, auf Dich und Deine Liebe?«

»Ja, ja!« quoll es ihr aus dem innersten Grunde des Herzens, und tief aufatmend, beruhigt und froh folgte er nun dem Greise.

In dem erleuchteten Arbeitszimmer unterrichtete er Rufinus, ohne Katharinas Namen zu nennen, von dem Anschlag des Patriarchen gegen das Cäcilienkloster. Was kümmerten ihn diese melchitischen Nonnen? Aber es war ihm seit dem erlösenden Kirchgang, als sei es seine Pflicht, für alles einzustehen, was recht war, und gegen alles zu Felde zu ziehen, was er für nichtswürdig hielt. Außerdem wußte er, wie warm und entschieden sein Vater gerade für dies Kloster gegen den Patriarchen Partei genommen hatte. Endlich hatte er auch gehört, wie teuer der Geliebten das Kloster und seine Leiterinnen waren, und so schickte er sich freudig an, bei frischen Thaten aus sich selbst herauszukommen und seine Kraft zu bewähren.

Der Greis hörte ihm mit wachsendem Erstaunen und Schrecken zu und erhob sich, nachdem Orion seine Mitteilungen beendet, ratlos und händeringend; doch der Jüngling sprach ihm Mut zu und erklärte ihm, daß er nicht gekommen sei, um ihm eine verhängnisvolle Neuigkeit zu bringen, sondern um Rat mit ihm zu halten, wie man die gefährdeten Unschuldigen rette.

Da spitzte der greise Menschenfreund und Wandersmann die Ohren, und wie das alte Schlachtroß im Pfluge, wenn es Trompeten schmettern hört, sich aufbäumt und den Hals so stolz und edel krümmt wie unter dem glänzenden Geschirr in früheren Zeiten, so richtete Rufinus sich höher auf, seine alten Augen begannen zu funkeln, und begeistert und thatendurstig wie ein feuriger Jüngling rief er: »So ist’s recht, und ich bin mit bei der Sache, und nicht nur als Berater, nein, nein, mit Kopf und Hand und Fuß, mit dem ganzen Menschen! Und Du, junger Mann, Du! Ich hab’ Dir’s von vornherein angesehen, was in Dir steckt, trotz, trotz... Aber, so wahr der Mensch das Maß aller Dinge, wer auf weiten Ab- und Umwegen in das Reich der Tugend gelangt, der wird dort oft ein besserer Bürger, als wer gleich mitten darin zur Welt kam. — Spät ist’s schon, doch das Nachtgebet hat noch nicht begonnen, und ich finde die Frau Aebtissin noch auf. Hast Du einen Vorschlag zu machen?«

»Ja! Uebermorgen Abend um diese Zeit...«

»Warum nicht gleich morgen?« unterbrach ihn der feurige Greis.

»Weil wir mit den Vorbereitungen, die not thun, in zwölf Tagesstunden nicht fertig werden.«

»Gut, gut!«

»Uebermorgen Abend wird also ein großes Boot — nicht von den unseren — am Ufer des Klostergartens bereit liegen. Ich begleite die Frauen bis nach Dumiat an der See. Dahin schick ich noch diese Nacht einen reitenden Boten und lasse für die Fliehenden durch meinen Vetter Columella, den größten Rheder der Stadt, ein Meerschiff chartern. Das bringt sie dann, wohin die Aebtissin befiehlt.«

»Herrlich, köstlich!« rief der Alte begeistert. Dann griff er nach Hut und Stock, und dabei veränderte sich der Ausdruck seines strahlenden Gesichtes und wurde sehr ernst. Mit gemessener Würde trat er auf den überraschten Jüngling zu, blickte ihn mit väterlicher Freundlichkeit an und sagte:

»Ich weiß, was Deinem Hause durch unsere, durch die Glaubensgenossen derjenigen widerfahren ist, für die Du jetzt so klug und mutig einzutreten gedenkst, und das, junger Mann, das ist edel, ja das ist groß. In Dir, den sie mir als einen jungen Weltmenschen mit weitem Gewissen schilderten, muß ich zum erstenmal finden, was ich unter den Frommen und Tugendhaften auf jahrelangen Wanderungen vergebens suchte: den opferfreudigen Willen, den Feind, den Andersgläubigen aus schwerer Not zu erretten. Aber Du bist jung, Orion, und ich bin alt. Dich freut die That allein, ich sehe die Folgen. Weißt Du, was Dir bevorsteht, wenn der Beistand entdeckt wird, den Du dem Wilde leistest, das der Patriarch schon in seinem Netze sieht? Hast Du bedacht, daß Benjamin, der unerbittlichste und dazu der mächtigste unter den jakobitischen Hassern, Dich dann als Dein Todfeind mit all den furchtbaren Mitteln verfolgen wird, über die er verfügt?«

»Ich hab’ es erwogen,« entgegnete Orion.

Da legte ihm Rufinus die linke Hand auf die Schulter, die rechte auf das Haupt und rief: »So nimm dafür im voraus den Segen eines alten Mannes, ja eines Vaters.«

»Eines Vaters,« wiederholte Orion leise, ein freudiger Schauer durchbebte ihm Leib und Seele, und bewegt sank er dem Greise ans Herz.

Eine kurze Minute hielten sie sich so umschlungen; dann löste sich Rufinus aus seiner Umarmung und eilte zu der Aebtissin. Orion gesellte sich zu den Frauen, deren Neugier aufs höchste stieg, als sie den Greis durch die in den Klostergarten führende Pforte verschwinden sahen.

Frau Johanna vermochte vor innerer Unruhe nicht still zu sitzen, Pul antwortete zerstreut, wenn Orion und Paula, die sich unendlich viel zu sagen und zuzuflüstern hatten, sie bisweilen mit in das Gespräch zu ziehen versuchten. Einmal seufzte sie tief auf, und als die Freundin sie fragte: »Was hast Du nur, Kind?« entgegnete sie beklommen: »Es muß etwas Ernstes vorgehen, ich fühl’ es. Wenn Philipp nur hier wäre!«

»Wir sind ja, gottlob, alle wohlauf,« versetzte Orion; sie aber erwiderte schnell: »Ja, ja, gelobt sei der Heiland!« Doch dachte sie dabei: »Ihr glaubt, er sei bloß gut, Kranke zu heilen; aber nur, wenn er da ist, wird alles zum Rechten und Besten geleitet.«

Jedes empfand, daß etwas Ungewöhnliches, Verhängnisvolles sich vorbereite, und wie der Greis endlich zurückkehrte, bestätigte sein Aussehen diese Vermutung.

Still und ernst entledigte er sich des Hutes und Stabes; dann zog er seine Gattin liebevoll an sich und sagte: »Es gilt, wie schon so oft, Mut und Fassung zu zeigen, Alte; eine ernste Pflicht hab’ ich auf mich genommen.«

Frau Johanna war tief erblaßt, und während sie sich fester an den Gatten schmiegte und ihn bat, zu reden und sie nicht länger zu foltern, bebte ihre zarte Gestalt und rannen ihr schwere Zähren über die Wangen. Sie ahnte, daß es den Mann wieder fort von ihr und ihrem Kinde trieb im Dienste und zum Frommen anderer Menschen und wußte zugleich, daß sie es nicht hindern konnte. Aber hätte sie es auch vermocht, würde sie doch Kraft gefunden haben, ihm nicht zu wehren, weil sie ihn immer verstand und mit ihm als notwendig für sein inneres Glück erkannte, was ihn aus dem engen Kreise des Hauses ins Weite zog.

Er sah, was in ihr vorging, und es that ihm weh, aber er ließ sich davon nicht beirren. Er, der jedes kranke Tier zu heilen bestrebt war, hatte sich gewöhnt, diejenigen, welche er am meisten liebte, um seinetwillen leiden zu sehen. Die Ehe, sagte er sich, dürfe den Mann nicht hindern, seinem innersten Beruf zu folgen, und mit diesem stolzen Namen wußte er vor sich selbst und seiner Frau zu rechtfertigen, wozu ihn oft hauptsächlich Wanderlust und Thatendurst drängten. Auch ohne diese Triebe hätt’ er für die bedrohten Nachbarinnen das Seine gethan, sie aber erfüllten ihn mit noch mehr Lust an dem schönen, gefahrvollen Rettungswerke.

Das grausame Schicksal der armen Schwestern und der Gedanke, sie aus ihrer Nähe verbannt zu sehen, that den Frauen bitterlich weh, und so sahen die Männer denn manche Thräne rinnen; aber es bot sich ihnen auch das erfreuliche Schauspiel, drei weibliche Wesen fest und in gleicher Weise entschlossen zu sehen, alles zu wagen, und von denen, die sie liebten, alles wagen zu lassen, um eine That zu verhindern, die sie mit Grauen und Abscheu erfüllte.

Frau Johanna erhob kein Wort des Einspruchs, als ihr Gatte erklärte, die fliehenden Schwestern begleiten zu wollen, und als Rufinus mit leuchtenden Augen Orions Umsicht und wackere Entschlossenheit pries, eilte Paula auf ihn zu und streckte ihm froh und stolz beide Hände entgegen. Dem Jüngling war bei dem allen., als wüchsen ihm Flügel, und dieser verhängnisvolle Abend wurde zu einem der glücklichsten seines Lebens.

Die Aebtissin war auf seinen Plan eingegangen und hatte ihn in einigen Punkten ergänzt. Zwei Laienschwestern und eine Nonne sollten zurückbleiben. Die ersteren hatten sich in die Pflege der Hauskranken zu teilen, wie gewöhnlich die Glocken zu läuten und zu singen, damit der Aufbruch der anderen unbemerkt bleibe, und Frau Johanna, Paula und Pul sollten sie dabei unterstützen.

Als der Jüngling in später Stunde aufbrechen wollte, warf Rufinus die Frage auf, ob es unter den obwaltenden Umständen noch angehe, Maria in sein Haus zu führen; er selbst möchte es bezweifeln. Diese Ansicht teilte auch Frau Johanna; Paula versicherte dagegen, daß sie es für besser halte, das Kind fern liegenden und kaum zu befürchtenden Gefahren auszusetzen, als ihm in der Statthalterei Leib und Seele zerrütten zu lassen. Pul stand auf ihrer Seite, doch mußten sich die Mädchen dem Urteil der anderen fügen.

Dreißigstes Kapitel.

Der Arzt Philippus eilte nach seinem Gespräch mit Orion durch die Stadt und achtete dabei so wenig der ihm begegnenden Leute und der Prozessionen, die mit lautem Gesang ihm entgegenkamen, um den Himmel zu bestimmen, den Nil endlich steigen zu lassen, daß er an mehr als einen Vorübergehenden stieß und mancher und manche ihm scheltende Worte nachrief. In einige Häuser trat er ein, und weder die Kranken noch die Angehörigen derselben erkannten in dem barschen, hastigen Manne den Arzt und Freund wieder, der sonst den Leidenden so teilnehmend und mit so herzbelebender Wärme begegnete, die Kinder in die Lust schwang, ihnen einen Kuß gab oder sie heiter neckte. Heute konnte er auch Erwachsenen Scheu und Bangigkeit einflößen. Die liebe Pflicht war ihm zum erstenmal eine widrige Last; der Leidende erschien ihm wie ein Quälgeist, der sich mit den anderen gegen seine Ruhe verschwor. Was widerfuhr ihm denn Liebes von den Menschen, daß er sich um ihretwillen das Behagen des Daseins und den Schlaf der Nächte rauben ließ?

Rufinus hatte recht!

In dieser Zeit lebte der eine nur, um den anderen wehe zu thun, mit je eisernerer Stirn man Selbstsucht übte und nicht nach rechts und links blickte, desto weiter konnte man es bringen! Narr, der er war, sich von fremdem Leid die Ruhe stören, sich selbst im wissenschaftlichen Fortschreiten hemmen zu lassen!

Von solch bitteren Gefühlen bestürmt, betrat er ein sauberes kleines Haus am Hafen, wo ein braver Schiffssteuermann, von Weib und Kind umgeben, im Sterben lag, und dort ward er plötzlich wieder der Alte, dort bot er alles auf, was er an Wissen und warmer Herzlichkeit besaß, und verließ es blutenden Herzens und mit ausgeleertem Beutel; doch sobald er wieder ins Freie gelangt war, kehrte die vorige Stimmung mit verdoppelter Bitterkeit zurück. Da lag es ja auf der Hand: selbst mit dem festen Entschlusse, sich nicht mehr für andere zu opfern, mußte er es dennoch thun! Dieser Trieb war stärker als er! Wie ein Säufer das Trinken, konnte er das mit den Leidenden Leiden, das sein Bestes Säen, um nichts dafür zu ernten, nicht lassen! Er war dazu gemacht, ausgebeutet zu werden; es war sein Schicksal!

Gesenkten Hauptes trat er wiederum in den Arbeitssaal seines alten Freundes, der gerade wie gestern hinter seinen Rollen und drei Lampen vor dem Arbeitstische saß, unter dem ein Sklave, seines Winks gewärtig, schnarchte.

Mit dem schönen griechischen Gruß: »Freue Dich!«, der heute klang wie ein: »Magst Du ersticken!«, warf er das Obergewand von sich, und auf des Greises Gegengruß und seinen besorgten Ruf: »Wie Du aussiehst, Philipp!« versetzte er grimmig: »Wie em Mensch, der Fußtritte verdient statt des Willkommens; wie ein Einfaltspinsel, der sich wieder eine Nase hat drehen lassen; wie ein Hund, der dem Rüpel, der ihn zu schanden gehauen, die Hand leckt!« Damit warf er sich nieder auf das Lager und erzählte Horus Apollon, was ihm mit Orion begegnet. »Und das Tollste dabei ist,« schloß er, »daß der Mensch mir beinahe gefallen hat, daß er mir wirklich auf dem Wege zu sein scheint, ein ordentlicher Kerl zu werden, daß ich nicht mehr nötig hätte, ihn bei dem bloßen Gedanken, er könne die Hand nach Paula ausstrecken, in den nächsten Kalkofen zu werfen. Aber —« und dabei erhob er sich hastig, »wenn ich ihm auch helfe, das arme Kind von der hirnverbrannten alten Vettel fortschaffen, Marias Arzt will ich, kann ich nicht bleiben. Es laufen genug Quacksalber in diesem Leichnam von einem Nest umher, und unter denen mag sie sich einen wählen. Ich — ich...«

»Du wirst die Kleine weiter behandeln!« fiel ihm Horus Apollon gelassen ins Wort.

»Um es zu erleben, daß mir das Herz täglich mit Nesseln gepeitscht wird?« fuhr der Arzt auf und näherte sich mit heftigen Gesten dem Greise. »Glaubst Du, ich hätte Lust, der Liebsten des Statthalterburschen täglich zu begegnen, mir oft zweimal des Tages den Widerhaken in der blutigen Wunde herumdrehen zu lassen?«

»Ich erwarte eine ganz andere Wirkung von diesen häufigen Besuchen,« sagte der andere. »Du wirst Dich gewöhnen, Paula als das anzusehen, was sie seit gestern nur noch für Dich sein kann: ein hübsches Mädchen, wie es deren Tausende gibt in Aegypten, die Braut eines andern.«

»Ja, wenn dies Herz ein Jagdhund wäre, der sich legt, wenn man ›Kusch‹ ruft!« lachte Philippus höhnisch auf. »Es bleibt dabei, ich muß fort, fort aus Memphis oder meinetwegen auch von dieser erbärmlichen Erde! Ich, und in ihrer Nähe die Ruhe — o meine schöne verlorene Ruhe! — wiedergewinnen?!«

»Und warum sollte Dir das nicht glücken? Für jeden ist jedes Ding nur das, wofür er es ansieht. Hör mir nur zu! Ich hatte eine Arbeit über den alten und neuen Kalender vollendet, und mein Lehrer forderte mich auf, darüber im Museum — wenn die heutige Silbenstecherschule in Alexandria noch diesen Namen verdient — einen Vortrag zu halten, aber ich mochte nicht darauf eingehen, weil ich wußte, daß mich die Anwesenheit von so vielen gelehrten Zuhörern verlegen machen werde. Da riet mir der Meister, mir einzubilden, mein Auditorium sei nicht aus Menschen, sondern aus lauter Kohlköpfen zusammengesetzt. Das leuchtete mir ein; ich befolgte den Rat und so kam ich über die Befangenheit fort, und wie Oel floß mein Vortrag.«

»Eine gute Geschichte,« entgegnen Philippus, »doch seh’ ich nicht ein...«

»Du sollst Dir, will sie besagen,« unterbrach ihn der Alte, »aus der allerholdseligsten Geliebten wenn auch keinen Kohlkopf, so doch in Gedanken ein Dutzendwesen machen, womit Dein Herz nichts mehr zu thun hat. Biet’ einige Willenskraft auf, und es wird Dir gelingen.«

»Wenn das Herz eine Zahl und die Leidenschaft Kalendermacherei wäre!« rief der Arzt. »Du bist ein weiser Mann, und Deine Schriftrollen und Tafeln haben Dich wie Wälle und Mauern vor der Leidenschaft geschützt!«

»Wer weiß!« versetzte der andere. »Jedenfalls würde diese es nie über mich vermocht haben — um eines Weibes willen, das meine Neigung verschmäht, meinem Freunde und Vater die wenigen Tage, die ihm noch unter der Sonne zu wandeln vergönnt ist, grausam zu vergällen. Willst Du mir geloben, nichts mehr von Flucht aus Memphis und dergleichen zu faseln?«

»Lehre mich erst meine Widerstandskraft messen.«

»Willst Du sie wenigstens zu üben versuchen?«

»Ja, Dir zu liebe.«

»Versprichst Du mir, das arme kleine Mädchen, das ich gern mag, trotz seiner Herkunft, weiter zu behandeln?«

»So lang ich es aushalte, täglich mit derjenigen zu verkehren — Du weißt ja...«

»Das soll ein Wort sein. Komm jetzt und laß uns ein paar Abschnitte weiter übersetzen.«

Bis spät blieben die Freunde bei der Arbeit zusammen, und als der Greis allein war, dachte er: »So lang er dem Kind nützen kann, geht er nicht fort, und bis dahin hab’ ich wohl der verdammten Sirene die Grube gegraben.«

Orion hatte in der Frühe des nächsten Morgens alle Hände voll zu thun. Bevor es noch hell war, fertigte er zwei sichere Boten nach Dumiat ab und übergab beiden einen Brief mit dem Auftrag, ein Segelschiff für die Fliehenden bereit zu halten. Der eine sollte drei Stunden später aufbrechen als der andere, damit es dem Unternehmen nicht schade, wenn einem ein Unfall begegnete.

Sein erster Ausgang führte ihn an den Hafen, und es gelang ihm dort, bald ein gutes und geräumiges Nilboot aus Dumiat zu mieten, dessen Führer, ein zuverlässiger und geschickter Mann, ihm versprach, ihre Abmachung geheim zu halten und sich von morgen Nachmittag an zu seiner Verfügung zu halten.

Nachdem er unterwegs mit sich zu Rat gegangen, begab er sich sodann auf das Rentamt und setzte dort mit Hilfe des Nilus ein Testament auf, welches am andern Morgen vor Notar und Zeugen rechtskräftig gemacht werden sollte. Seine Mutter, die kleine Maria und Paula setzte er zu Haupterben ein. Als Legate vermachte er den Kranken und Waisenhäusern des Landes, sowie der Kirche, damit sie für das Heil seiner Seele beten lasse, eine beträchtliche Summe, eine andere »dem gerechtesten unter den Richtern des Hauses«, dem Rentmeister Nilus. Auch die Griechin Eudoxia, die Erzieherin Marias, wurde bedacht, und endlich verordnete er die Freilassung sämtlicher Haussklaven und vermachte ihnen, damit sie nicht Not litten, als gemeinsam zu bearbeitenden Besitz eine seiner größten Herrschaften in Oberägypten. Den treuen Dienern und Freigelassenen der Familie vergrößerte er die reichlichen Zuwendungen, welche ihnen schon sein Vater gemacht.

Diese Arbeit nahm mehrere Stunden in Anspruch, und Nilus, der in die rechten Formen goß und niederschrieb, was er ihm diktirte, that es tief bewegt und er staunt über die Umsicht und Güte des Jünglings, den er, seitdem er ihn den Richterstuhl hatte entweihen sehen, für einen verlorenen Menschen gehalten.

Aus der Verordnung Orions, das Testament sei zu eröffnen, falls er vier Wochen nach der Ausstellung desselben von einer Reise, die er morgen anzutreten gedenke, noch nicht zurückgekehrt sei, ersah der treue Beamte, daß der letzte Sproß des Hauses, in dessen Dienst er ergraut war, sich großen Gefahren auszusetzen gedenke, doch wagte er in seiner Bescheidenheit keine Frage, und sein Herr zog ihn nicht ins Vertrauen.

Als beide Männer den Vorsaal betraten, stand dort der Rechnungsschreiber Anubis, der Milchbruder und Freund der kleinen Katharina, doch Nilus achtete seiner nicht, und während er Orion mit feuchtem Auge die zum Abschied gebotene Hand küßte, und dieser ihm verhieß, ihm morgen Abend vor dem Aufbruch noch einmal Lebewohl zu sagen, öffnete ihm der junge Anubis, der sich achtungsvoll, doch mit offenen Ohren beiseite gehalten, dienstbeflissen die schwere mit Eisen beschlagene Thür.

Erschöpft und hungrig fragte Orion nach seiner Mutter, und da er hörte, daß sie sich niedergelegt habe, begab er sich in den Speisesaal, um einen Imbiß zu nehmen. Obgleich die Frühstücksstunde erst eben gekommen, sah man es der Griechin Eudoxia doch an, daß sie ihn mit Ungeduld erwarte. Eine große Neuigkeit drückte ihr das Herz ab, und während Orion noch die Schwelle überschritt und sie begrüßte, rief sie ihm zu:

»Weißt Du schon? Hast Du vernommen?«

Dann begann sie, ermuntert durch seine kurze Verneinung, schnell zu erzählen, daß Frau Neforis auf Verlangen des Arztes, der vorhin dagewesen, sich entschlossen habe, sie mit ihrer Enkelin fort, in bessere Luft, zu einem Freunde des Philippus zu schicken, und zwar schon heut oder spätestens morgen.

Orion fuhr bei dieser Mitteilung unwillig auf. Er hatte nicht erwartet, daß der Arzt so früh kommen werde, und nun war dennoch eben das durch ihn veranlaßt worden, was seit gestern Abend nicht mehr rätlich erschien.

»Höchst unangenehm!« murmelte er vor sich hin, während der Sklave ihm ein gebratenes Huhn und Spargel auftrug.

»Nicht wahr? Und vielleicht sollen wir gar aufs Land!« entgegnete sie mit einem schmachtenden Blick und zog einen der langen Spargel durch die Zähne.

Bei diesem Anblick und diesen Worten war es Orion, als gönne er der alten Närrin nicht das gute Gericht, und seine Stimme klang nicht sonderlich freundlich, als er erwiderte, Stadt oder Land blieben sich vollkommen gleich; es handle sich allein darum, was das Beste sei für die Kleine.

Bei seiner Bemerkung, daß er morgen Abend verreise, schrie Eudoxia auf, ließ einen ganzen Spargel in den Schoß fallen und rief kläglich: »O dann, dann ist alles vorbei!«

Er aber fuhr ihr verweisend in die Rede: »Dann fängt vielmehr Deine Pflicht, Dich dem Kind voll und ganz zu widmen, erst recht an. Du weißt, daß Maria jetzt der eigenen Großmutter störend erscheint. Schenk ihr Liebe, wie Du ja schon zu thun begonnen, sei ihr wie eine Mutter, und wenn Du mir wirklich gewogen bist, so zeige es dadurch. Was mich betrifft, so wirst Du mich dankbar finden und nicht nur mit Worten. Geh morgen aufs Rentamt; Nilus wird Dir das einzige geben, womit ich mich jetzt erkenntlich beweisen kann. Setze nur getrost Deine beste Kraft an die Pflege des Kindes; für Dein Alter zu sorgen war ich bedacht.«

Mitten unter den überschwenglichen Danksagungen der Griechin erhob er sich und begab sich zu seiner Mutter. Sie ruhte noch immer; aber er ließ sich diesmal dennoch anmelden, und sie empfing ihn gern, ja sie hatte seinen Besuch schon erwartet.

In ihrem vor dem Sonnenbrand geschützten Schlafzimmer ruhte sie in halb liegender Stellung auf einem Diwan und eröffnete dem Sohn ihren Entschluß, dem Rat des Arztes zu folgen und das Kind einem seiner Freunde anzuvertrauen. Das alles hatte schläfrig und gelassen geklungen, sobald Orion ihr aber widersprach und sie bat, die Kleine in der Statthalterei zu behalten, wurde sie lebhaft, und mit dem Rufe: »Das wünschest Du? Das kannst Du fordern?« maß sie ihn empört mit den Augen. Dann fuhr sie klagend fort: »Es verkehrt sich jetzt eben alles. Das Alter vergißt nicht, aber die Jugend hat ein kurzes Gedächtnis. Du hast schon längst andere Dinge im Kopf, aber ich, ich denke noch daran, wer ihm, wer meinem Verstorbenen im Angesicht des offenen Himmels die letzten Augenblicke auf Erden zur Hölle machte!«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
820 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain