Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.
Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 28
Dabei versetzte ein thränenloses, leises Schluchzen ihre Brust in schnelle, krampfhafte Bewegung, und Orion wagte es nicht, ihr weiter zu widersprechen. Mit herzlichen Worten suchte er sie zu beruhigen, und als sie sich wieder aufrichtete, teilte er ihr auch mit, daß er sie auf einige Zeit zu verlassen gedenke, um auf den Gütern nach dem Rechten zu sehen, und diese Mitteilung erfreute sie sehr.
Allein, ganz allein und unbeobachtet sein, das schien ihr jetzt köstlich. Die weißen Kügelchen boten ihr mehr, erhoben ihre Stimmung besser als jeder menschliche Umgang. Sie brachten ihr Träume schlafend und wachend, und diese waren tausendmal schöner als ihr verödetes wirkliches Dasein. Ganz in Erinnerungen aufgehen, beten, träumen, sich in das Jenseits und in die Mitte ihrer Verstorbenen hineindenken, und dazu — sie that es gern und reichlich — essen und trinken, war alles, was sie noch von dem Dasein auf Erden verlangte.
Als Orion ihr auf ihre Frage erwiderte, daß er zuerst in das Delta zu gehen gedenke, bedauerte sie es; denn in Oberägypten hätte er seine Schwägerin, die Mutter der kleinen Maria, in ihrem Kloster besuchen können.
Dabei richtete sie sich auf, fuhr mit der Hand über die Stirn und wies auf das Tischchen zu Häupten des Diwans, worauf neben einem Pokal mit Fruchtsaft, Flaschen, Döschen und anderen Dingen auch eine Schreibtafel und eine Briefrolle lagen. Nach dieser griff sie, reichte sie Orion und sagte:
»Ein Schreiben von Deiner Schwägerin. Es ist gestern Abend gekommen, und ich hab’ es auch zu lesen begonnen, aber es fing mit der Klage um den Vater an, und das — Du weißt ja — vor dem Schlafengehen — ich konnte mit dem besten Willen nicht weiter, konnte nicht ertragen! Und heute... Erst die Kirche, dann der Arzt und seine Forderung wegen des Kindes. Ich habe noch keinen Mut gefunden, weiter zu lesen! Was kann ein Brief mir auch anderes bringen als Böses! Weißt Du etwa, woher mir noch Erfreuliches zukommen könnte? Aber jetzt... Bitte, lies mir den Brief vor; doch nicht wieder das über den Vater, das spar’ ich nur für nachher auf, für mich allein.«
Da entfaltete Orion das Röllchen und überflog mit zuckenden Lippen die Klage der Nonne über den Verstorbenen.
Wilden Fanatismus atmete jeder Satz dieses Briefes der Märtyrerwitwe. Sie hatte im Kloster gefunden, was sie suchte; sie erklärte, nur noch in Gott und in dem Gottheiland zu leben. Auch ihr Kind sei ihr nur noch wie ein fremdes junges Geschöpf Gottes, für das es ihr Wonne bereite, zu beten. Dennoch sei es ihre Pflicht, für das Seelenheil des Kindes zu sorgen, und wenn es der Großmutter nicht zu schwer falle, sich von Maria zu trennen, wünsche sie die Kleine jetzt wiederzusehen. Sie sei zwar vor kurzem Aebtissin ihres Cönobiums geworden, und niemand könne sie hindern, das Kind bei sich aufzunehmen; doch sie fürchte, daß übergroße natürliche Liebe zu ihr sie wieder mit der Welt des Fleisches verbinden werde, mit der sie auf ewig gebrochen, und so werde sie Maria in einem benachbarten Kloster nicht für irdisches Elend, sondern für himmlisches Glück, nicht zur Genossin eines sündigen Gatten, sondern zu einer reinen Braut Christi erziehen lassen.
Orion überlief es kalt, während er dies Schreiben vorlas, und als er es niederlegte und die Mutter ausrief: »Vielleicht hat sie recht, vielleicht ist es schon jetzt geboten, das Kind nicht zu dem Freunde des Arztes, sondern in das Kloster zu senden und es auf den einzigen Weg zu stellen, der ohne Gefahr und Hemmnis in den Himmel leitet!« — sagte sich Orion, daß es seine Pflicht sei, die frohherzige Kleine vor diesem Schicksal zu bewahren, und bat die Mutter, zu bedenken, daß es zunächst darauf ankomme, die Gesundheit des Kindes wiederherzustellen. Er sehe nun ein, daß sie im Rechte gewesen. Der Vater habe sich den Verordnungen des Philippus immer gefügt, und schon deswegen sei es ihre Pflicht, seinem Rate zu folgen.
Frau Neforis, die schon seit einiger Zeit begehrlich nach einer Büchse an ihrer Seite geschaut hatte, widersprach ihm nicht, und am Abend brachte Orion die kleine Maria mit ihrer Erzieherin zu Rufinus, der beide, trotz seiner Bedenken von gestern, gern aufnahm.
Als Maria dicht neben Paulas Bett in dem ihren lag und die Jungfrau sich über sie neigte, schlang die Kleine die Arme um ihren Hals, lehnte den Kopf an ihre Brust und fühlte sich da warm und weich und sicher gebettet.
Wie erlöst aus Kerker und Banden weinte sie sich aus und goß das ganze Weh und Leid ihres tief verwundeten kleinen Herzens in die Seele der Freundin.
Diese hörte bei alledem Orions Stimme im Garten, und es zog sie gewaltig zu dem Geliebten hinunter, den sie bei seiner Ankunft nur flüchtig begrüßt hatte; aber sie brachte es nicht über sich, das Kind von ihrem Busen zu reißen, es in seinem neuen Glück zu stören, es jetzt, gerade jetzt zu verlassen. Doch nein, nein; sie mußte ihn sehen. Alles, was in ihr war, trieb sie zu ihm hin, und als Pul in das Zimmer trat, legte sie Marias Hand in die ihre und sagte: »So, nun schließt ihr beide Freundschaft und bleibt hübsch beisammen, bis ich wiederkomme und euch etwas Schönes erzähle. Du hast ja Orion so lieb, mein Mädchen, und von ihm und mir soll meine Geschichte handeln.«
»Er hat fort gemußt,« fiel ihr Pul ins Wort. »Auf diesem Täfelchen stehen seine Grüße. Er ist vor Ungeduld beinahe vergangen, und wie er nicht länger warten konnte, schrieb er dies für Dich nieder.«
Mit einem klagenden Ausruf ergriff Paula seinen Brief und las ihn auf ihrem Zimmer. Er hatte so sehnsüchtig wie sie auf ihr Erscheinen geharrt, doch endlich nicht länger warten können. Wie anders, hieß es in dem Schreiben an die Geliebte, habe er gehofft, diesen Tag zu beschließen, den er der Rettung ihrer Freundinnen gewidmet!
O, warum hatte sie sich hier festhalten lassen, warum war sie nicht wenigstens auf einige Augenblicke zu ihm geeilt, um ihm für seine Güte und Treue zu danken und ihn laut und offen das bekennen zu hören, was er ihr gestern nur zugeraunt hatte. Betrübt und unzufrieden mit sich selbst begab sie sich endlich zu dem Kinde zurück.
Orion hatte den Aufbruch in der That nicht länger verschieben können; denn es war ihm nötig erschienen, den Vertreter des Chalifen von seiner Reise und seinem Zerwürfnis mit dem Prälaten in Kenntnis zu setzen. Von allen Beweggründen, welche ihn antrieben, den Nonnen zu helfen, war »Rache« derjenige, welchen der Araber am besten verstand.
Einunddreißigstes Kapitel.
Während Orion über den Strom nach Fostat ritt, versagte ihm die Freudigkeit, die ihn noch vor kurzem beseelt. Hätte Paula ihm nicht wenigstens einen Bruchteil der Stunde, die sie dem Kinde geschenkt, widmen können und müssen? Mit einem freundlichen Händedruck beim Willkommen und einem dankbaren Blick war er abgespeist worden. Wäre sie ihm nicht freudig entgegengeflogen, wenn die Liebe, deren sie ihn gestern versichert, ihr Herz so innig und heiß durchglühte wie seins? War die stolze Seele dieser Jungfrau, welche seine Mutter kalt und unnahbar nannte, nicht fähig zu heißer, sich selbst vergebender Hingabe? Gab es kein Mittel, das heilige Feuer, das in ihm entflammt war, in ihr zu erwecken? Mancherlei Zweifel und das bittere Gefühl der Enttäuschung quälten ihn, und eine Fülle von Bedenken drang nun auf ihn ein, die ihm wohl fern geblieben wären, wenn er sie wiedergesehen, ihr frohes: »Ich liebe dich!« vernommen und die Lippen von dem ersten Kuß der Geliebten geweiht gefühlt hätte.
Herabgestimmt, ja verdrossen trat er in das Haus des Feldherrn. Abgewiesene Bittsteller begegneten ihm im Vorsaal, und mit einem bittern Lächeln sagte er sich, daß er soeben in ähnlicher Weise unverrichteter Sache heimgeschickt worden sei, heimgeschickt — und von wem?!
Er ließ sich melden, und seine Stimmung hob sich ein wenig, als er sofort vorgelassen und an vielen Wartenden vorbei in das Empfangszimmer des Feldherrn geführt wurde.
Dieser begrüßte ihn mit väterlicher Herzlichkeit, und als er hörte, daß Orion mit dem Patriarchen hart aneinander geraten sei, fuhr er auf und rief mit ausgestreckten Händen:
»Ergreif die Rechte hier, Freund, tritt über zum Islam, und mit der Linken mach’ ich Dich im Namen meines Herrn, des Chalifen, trotz Deiner Jugend zum Nachfolger Deines Vaters. Fort mit den Bedenken! Schlag ein; rasch, schnell! Es ist mir peinlich, Aegypten zu verlassen und Memphis ohne Statthalter zu wissen.«
Da erglühte Orion über und über. Seines Vaters Nachfolger! Er, der neue Mukaukas! Wie das seinen Ehrgeiz kitzelte, welche Bahnen der Thätigkeit dies für ihn aufthat! Es flimmerte ihm vor den Augen und trieb ihn auf den gütigen Gönner zu, dessen Rechte sich ihm noch immer entgegenstreckte; doch plötzlich zeigte ihm seine rege Einbildungskraft das Bild des Erlösers, mit dem er in der Kirche einen stummen Bund geschlossen, wie er trauernd sein mildes Antlitz von ihm abwandte. Da wußte er wieder, was er sich gelobt, da war alles vergessen, was Paula ihm angethan hatte, da ergriff er zwar die Hand des Feldherrn, doch nur um sie an die Lippen zu ziehen und ihm aus vollen. Herzen zu danken; dann aber bat er ihn mit warmer, liebenswürdiger Dringlichkeit, ihm nicht zu grollen, wenn er fest bleibe und bei dem Glauben seiner Ahnen und seines Vaters verharre. Und der Feldherr zürnte ihm nicht; doch hastig und fern von der freudigen Herzlichkeit, mit der er ihm entgegengekommen, mahnte ihn Amr, vor dem Patriarchen auf der Hut zu sein, gegen den er ihn, so lang er dabei verharre, Christ zu bleiben, nicht zu schützen vermöge.
Als Orion ihm sodann mitteilte, daß er auf kurze Zeit zu verreisen gedenke und auch komme, um sich zu verabschieden, fuhr der Feldherr unwillig auf.
Auch er, sagte er, müsse fort, und zwar schon übermorgen, nach Medina.
»Da ich Dich,« rief er, »so jung für den hohen Posten Deines Vaters ins Auge faßte, war ich auch besorgt, eine Aufgabe für Dich zu finden, bei deren Lösung Du zeigen könnest, daß ich Dir nicht zu viel zugetraut. Nun bestehst Du auf Deinen. Willen, ich aber kann unmöglich einem Christen in Deinen Jahren die wichtige Statthalterei von Memphis anvertrauen; mit dem jungen Muslim hätten wir’s eben gewagt! Aber ich will Dir die Aufgabe, die Dir einmal zugedacht war, auch jetzt nicht entziehen. Gelingt Dir die Lösung, so wird es gut für Dich selbst sein, und ich denke sie dann zu Gunsten der ganzen Provinz zu verwerten; denn was führt mich jetzt von hier fort, wo meine Anwesenheit bei hundert neuen, unvollendeten Schöpfungen so nötig wäre, als die Sorge für das Wohl dieses Landes, wo ich doch nur ein Fremdling bin, während Du es lieben mußt als Deine eigene und Deines Geschlechtes Heimat? Ich gehe nach Medina, weil der Chalif in dem Briefe dort mir vorwirft, ich schicke aus einem so reichen Lande wie Aegypten zu geringe Summen in den Schatz. Und doch wandert kein Dinar von euren Steuern in meinen eigenen Beutel! Dafür halt’ ich hundertundfünfzigtausend Arbeiter auf den Beinen, um die Kanäle und Wasserbauten neu herzustellen, die meine Vorgänger, die byzantinischen Blutsauger, so schmählich vernachlässigt haben und in Verfall geraten ließen, dafür bau’ und schaff’ ich und streue Saat für die Zukunft. Das kostet Geld! Das verschlingt den Löwenpart dessen, was einkommt. Nicht nur um mich von Vorwürfen zu reinigen, sondern um Omar zu bestimmen, mir auch in Zukunft zu gestatten, keine Raubwirtschaft zu treiben, sondern das wahre Wohl der Provinz im Auge zu behalten, mach’ ich mich auf den Weg. Ich thu’ es ungern aus tausend Gründen, und Du, junger Mann, solltest, wenn Dir Dein Vaterland wert ist... Hast Du es lieb und wünschest Du ihm das Beste?«
»Aus voller Seele!« rief der Jüngling.
»Wohl denn, so solltest Du jetzt, wenn es irgend thunlich ist, still zu Hause bleiben und Dich mit ganzer Kraft der Aufgabe widmen, die ich Dir stelle. Ich hasse den Aufschub. Nicht lange hin und her reiten und die Pferde ermüden, sondern gerade hinein in den Feind, ist mein Grundsatz, nicht nur im Felde. Beherzige die Lehre! Du wirst keine Zeit zu verlieren haben; denn ich verlange nichts Leichtes. Du sollst, gestützt auf Deine Kenntnis dieses Landes, seiner Bewohner, sowie mit Hilfe der Aufzeichnungen und Listen in den Archiven eures alten Statthalterhauses, von denen mir Dein Vater erzählte, eine neue Bezirkseinteilung auszuarbeiten versuchen, und zwar mit Rücksicht auf die Steuerlast der einzelnen Distrikte. Die alte Art der Abgabenerhebung taugt nicht, wir empfinden es täglich; Du wirst weiten Spielraum für Verbesserungen jeder Art finden. Stürze das Vorhandene um, wenn Du es für notwendig erachtest. Auch andere haben sich an der Distriktseinteilung und dem neuen Modus der Steuererhebung versucht. Der beste Entwurf erhält den Vorzug, und Du scheinst mir der Mann, den Preis zu erwerben und damit ein weites und schönes Wirkungsfeld für die Zukunft. Ist es nicht nur die Langeweile und der Hunger nach den Vergnügungen der Großstadt, an die Du gewöhnt bist, die Dich aus eurem traurigen Memphis fortlocken...«
»Nein, Herr,« versicherte Orion. »Was ich vorhabe, kommt nicht einmal mir selbst zu gute, und hätte ich mich nicht fest gebunden, ich stürzte mich schon morgen mit Leib und Seele in diese herrliche Arbeit. Daß Du eine gute Lösung so wichtiger Fragen von mir erwartest, ist das schönste Geschenk, das ich jemals erhalten. Schon um mich Deines Zutrauens würdig zu machen, kehr’ ich so schnell als möglich zurück und soll alles aufgeboten werden, was ich etwa an Geist und Scharfsinn, an Ausdauer und Vaterlandsliebe besitze. Ich bin ein fleißiger Schüler gewesen, und Schande über mich, wenn das, was ich als Jüngling war, den Mann verhinderte, den Knaben zu überbieten.«
»Schön, schön,« entgegnete der Feldherr und hielt Orion die Hand hin. »Thu Dein Bestes, und Du sollst reiche Gelegenheit erhalten, Deine Kraft zu bewähren. Beherzige meine Warnung vor dem Patriarchen und dem schwarzen Wekil. Ich habe hier leider niemand, der seine Stelle ausfüllen könnte, außer dem wackern Kadhi Othman, aber der ist kein Krieger und auf seinem Platz unentbehrlich. Geh’ dem Obada aus dem Wege, komm bald zurück, und der Barmherzige sei mit Dir...«
Als Orion bei der Heimkehr die Schiffbrücke hinter sich hatte, sah er ein geschmücktes Nilboot, wie es jetzt nur noch selten hier landete, im Hafen vor Anker liegen, und auf der Nilstraße begegneten ihm zwei Sänften, denen Lasttiere und Diener folgten. Das alles hatte einen glänzenden, vornehmen Anstrich, und zu anderer Zeit hätt’ es seine Neugier gereizt; heut aber legte er sich nur flüchtig die Frage vor, wer die Ankömmlinge sein möchten, und sann dann weiter der Aufgabe nach, die ihm Amr gestellt. Aus tiefstem Herzensgrunde verwünschte er die Stunde, in der er sich gebunden und für Fremde einzutreten verpflichtet; denn er, der nach so langem Müßiggang darnach lechzte, seine Kraft zu erproben, der sich plötzlich und wie durch ein Wunder auf den Weg berufen sah, den er sich selbst vorgezeichnet, fühlte sich nun behindert und abgezogen von einer Aufgabe, die er trefflich zu lösen hoffte, mit der er seinem Vaterlande dienen konnte, und die ihn anzog wie mit hundert Magneten.
Nachdem seinem Testamente am folgenden Morgen rechtliche Giltigkeit verliehen worden war, berief er den Rentmeister zu einer Unterredung unter vier Augen. Er hatte sich gesagt, daß wenigstens einer in seinem Hause, und dieser eine konnte nur Nilus sein, Kenntnis von dem geplanten Unternehmen haben müsse.
So bat ihn denn der Rentmeister, ihm in das Impluvium seiner Privatwohnung zu folgen, und diese Einladung war von mehreren anwesenden Schreibern vernommen worden; doch ließen sie sich dadurch nicht in ihrer Arbeit stören; nur der jüngste von allen, ein hübscher, sechzehnjähriger Bursch, mit gebräuntem ägyptischem Gesicht und klugen, lebhaften kohlschwarzen Augen, der jedem Wort des Rentmeisters und seines Herrn aufmerksam gefolgt war, erhob sich, sobald die beiden die Schreibstube verlassen, geräuschlos aus seiner hockenden Stellung und schlüpfte unbemerkt in den Vorsaal. Von dort aus eilte er die leiterartige Stiege hinan, welche auf den Taubenschlag führte, dessen Besorgung ihm oblag, schwang sich aus der hohen Wohnung der geflügelten Boten schnell auf das Dach des unteren Stockwerks und kroch auf dem Leibe bis zu dem großen leeren Rechteck, durch welches das oben offene Impluvium Licht und Luft empfing. Mit einer raschen Handbewegung schob er das Segel ein wenig zurück, welches dies um Mittag beschattete, und lauschte mit aller Spannung auf das Gespräch, welches sich unter ihm entspann.
Dieser Bursch war Anubis, der Milchbruder des Bachstelzchens, und er schien seiner geliebten Herrin in der Kunst des Horchens nicht nachzustehen; denn aufmerksamer als er konnte niemand die Ohren spitzen. Er wußte auch, wofür er sich auf dem Dache den glühenden Pfeilen der unbarmherzigen afrikanischen Sommersonne aussetzte, hatte ihm doch Katharina, seine angebetete Gespielin, die Gebieterin auch seines jungen, leidenschaftlichen Herzens, einen süßen Kuß versprochen, wenn er Näheres über die gefahrvolle Reise Orions auskundschafte. Anubis hatte ihr selbst gestern Abend mitgeteilt, was in dem Vorsaal des Rentamts von ihm erlauscht worden war; aber diese allgemeinen Hindeutungen waren dem Bachstelzchen ungenügend erschienen. Es mußte klar sehen, mußte genau wissen, was da im Werke sei, und sie irrte sich nicht, wenn sie voraussetzte, daß gerade derjenige Lohn, welchen sie dem Knaben versprochen, ihn anspornen werde, auch das Unmögliche zu leisten.
So schnell zum Ziel zu kommen, hatte der junge Bursche nicht erwartet, wie kühn er auch zu hoffen verstand; denn kaum war es ihm gelungen, das Segel zurückzuschieben, als Orion begann, dem Rentmeister alles zu eröffnen, was er zu thun beabsichtigte.
Nachdem jener seinen Bericht geschlossen, wartete der Knabe die Antwort des Nilus nicht ab, sondern kroch, wie berauscht von seinem glücklichen Erfolge und der Aussicht auf einen Lohn, welcher für ihn die ganze Seligkeit des Himmels in sich schloß, nach dem Taubenschlage hin. Aber er konnte auf dem Wege, den er gekommen, nicht wieder zurück; denn war er wieder im Vorsaal und ein älterer Beamter begegnete ihm dort, so wurde er wieder an die Schreibstube gebannt. — So schlüpfte er denn zu der Brüstung des Daches, welche dem Fischerhafen zugewandt war, schwang sich über sie hinaus und erfaßte eine Gosse, um sich an ihr hinuntergleiten zu lassen; doch sie war leider sehr alt — es regnet so gar selten in Memphis — und kaum folgte der Körper des Knaben den Händen, als das morsche Blech klirrend auseinander flog. Mit den Trümmern der Gosse stürzte der verwegene Bursche vier Mannshöhen tief zu Boden, von dem Pflaster her erscholl ein dumpfer, mit kreischendem Geschrei vermischter heftiger Schlag, und kurz darauf war es im ganzen Rentamt bekannt, daß der arme, flinke Tauben-Anubis bei der Versorgung seiner Pfleglinge vom Dache gefallen sei und das Bein gebrochen habe.
Die beiden Männer im Impluvium sollten von diesem Unfall erst später Kunde erhalten; denn es war Befehl erteilt worden, sie nicht in ihrem Gespräch zu stören.
Nilus hatte den Eröffnungen seines jungen Herrn mit wachsendem Erstaunen, Unwillen und Schrecken zugehört, und als Orion geendet, war er mit der ganzen Beredsamkeit eines treuen, für das Heil der Seele und des Leibes eines geliebten Menschen besorgten Herzens in ihn gedrungen, von diesem Wagnis abzustehen, woraus ihm nichts erwachsen könne als Mißbilligung, Schaden und Verfolgung. Nilus war Jakobit mit ganzem Herzen und der Gedanke, sein junger Herr stehe im Begriff, für melchitische Nonnen das Aeußerste zu wagen und den Zorn, ja den Fluch des Patriarchen auf sich zu laden, erschien ihm unerträglich.
Des treuen Beamten Warnungen und flehentliche Bitten ließen Orion nicht unberührt; aber er beharrte auf seinem Entschluß und stellte Nilus vor, daß er Rufinus sein Wort verpfändet und darum nicht mehr zurücktreten könne, obgleich er schon selbst die Freude an dem geplanten Unternehmen verloren. Den alten, braven Mann allein in die Gefahr ziehen zu lassen, widerstrebe ihm, ja sei ihm unmöglich.
Aufrichtige Herzensbesorgnis macht findig, und kaum hatte Orion ausgeredet, als Nilus ihm mit einem Vorschlag entgegenkam, welcher wohl geeignet schien, des Jünglings letzte Bedenken zu zerstreuen. Der griechische Werftvorsteher Melampus war ein eifriger Melchit, wenn er sich auch nicht mehr öffentlich zu seinem Glauben bekennen durfte. Er und seine beiden Söhne, zwei starke und frische Schiffszimmerleute, hatten ihre kecke Unternehmungslust vielfach bewährt, und Nilus zweifelte nicht, daß sie sich mehr als gern an einem Unternehmen beteiligen würden, das die Rettung so vieler frommen Glaubensgenossinnen bezweckte. Sie sollten an Orions Stelle treten und konnten den alten Herrn weit wirksamer unterstützen als er.
Dem Jüngling sagte dieser Vorschlag insofern zu, als er sich von den wackern Handwerkern, die er recht wohl kannte, gute Hilfe versprach, und so wollte er sie zwar mitnehmen, doch darum nicht von der eigenen Mitwirkung lassen.
Dem zäh bei seinen Mahnungen verharrenden Nilus mußte er endlich Schweigen gebieten. Dennoch begab er sich mit dem bekümmerten Manne auf die Werft, und der alte Meister, ein gutherziger Riese, zeigte sich freudig bereit, für die Rettung der Nonnen einzutreten, als sei »jede einzelne seine eigene Mutter«. Den Jungen werde es ein Fest sein, an solchem Streiche teilzunehmen, und er irrte nicht; denn nachdem man sie ins Vertrauen gezogen, schwang der eine begeistert das Beil, und der andere schlug so froh mit der schwieligen Faust in die Linke, als sollt’ es zum Tanz gehen.
Ungesäumt bestieg Orion mit allen Dreien ein Boot und ließ sich in das Haus des Rufinus rudern, um sie mit ihm bekannt zu machen, und sie gefielen dem Alten vortrefflich.
Orion blieb bei ihm zurück. Er hatte ihm gestern zugesagt, das Frühstück mit ihm zu teilen, und dies stand bereit. Paula war schon eine Stunde im Kloster und mußte, wie Frau Johanna versicherte, jeden Augenblick wiederkehren. Darum ließ man sich ohne sie nieder, die Schüsseln wurden aufgetragen, das Mahl näherte sich dem Ende, und sie war noch immer nicht zurück. Orion, dem es anfänglich gelungen war, seinen Mißmut zu verbergen, wurde jetzt so von ihm beherrscht, daß seine Wirte Mühe hatten, ihm durch Fragen und Wiederfragen kurze und zerstreute Antworten zu entlocken.
Auch Rufinus wurde besorgt, doch als er eben aufstand, um nach Paula zu sehen, sah Pulcheria, die am Fenster stand, sie kommen und eilte mit einem freudigen. »Da ist sie!« hinaus.
Aber wieder verging Minute auf Minute, aus der Viertel- wurde eine halbe Stunde, und Orion harrte noch immer vergeblich der Jungfrau. Die freudige Erwartung hatte sich in ihm längst in Ungeduld, die Ungeduld in das Gefühl der gekränkten Würde und dieses in Ingrimm und bittern Groll verwandelt, als endlich Pulcheria statt ihrer in das Speisezimmer trat und ihn in Paulas Auftrag ersuchte, in den Garten zu kommen.
Ueberlange war sie im Kloster zurückgehalten worden. Wie der Rauch, den der Zeidler in den Bienenkorb ziehen läßt, hatte die Schreckenspost die stillen, frommen Schwestern aus der gewohnten Ruhe aufgeschreckt und sie durcheinander getrieben. Heute galt es, das Wertvollste zusammenzupacken, und obgleich Orion erklärt hatte, daß nur eine geringe Anzahl von Kisten und Säcken in dem Boot Platz finden könne, schleppte diese ihr Betpult, jene ein großes Heiligenbild, eine dritte einen kupfernen Fischkessel und eine vierte, fünfte und sechste gar den großen Schrein mit den Gebeinen des Märtyrers Ammonius herbei, welchen die Priesterkirche den Ruf besonderer Heiligkeit verdankte. Um diesem Zuviel zu steuern, hatte die Aebtissin ihre ganze Thatkraft und Würde aufbieten müssen, und manche mit einem teuren, aber zu umfangreichen Besitztum abgewiesene Schwester war weinend mit ihrem Schatz von dannen gezogen.
Die Oberin der Nonnen war erst im stande gewesen, sich Paula ganz zu widmen, nachdem das Mitzuführende überblickt werden konnte. Dann hatte sie die Jungfrau in ihr mit gediegener und kostbarer Schlichtheit ausgestattetes Wohnzimmer geführt und sie dort mit warmer Teilnahme das Herz vor sich ausschütten lassen.
Wer diesen beiden so zusammen begegnet wäre, hätte leicht denken können, es habe sich hier die beunruhigte Tochter Rat suchend an das Herz der Mutter geflüchtet; denn die greise Aebtissin konnte in ihrer Jugend recht wohl der Tochter des Thomas geglichen haben, nur hatte sich die vornehme und doch anmutige Haltung der Jungfrau bei der Matrone in majestätische, herablassende Würde verwandelt, und ihrem trotzig geschlossenen Munde sah man nicht mehr an, daß er einst die anmutige Zier ihres Antlitzes gewesen.
Während sie den Bekenntnissen des Mädchens folgte, wechselte der Ausdruck ihrer ruhigen Augen, welche nur, wenn Glaubenseifer sich ihrer Seele bemächtigte, fanatisch glühten, nicht selten, und sie bekam auch sehr Verschiedenartiges zu hören; denn Paula betrachtete diese Unterredung wie eine Beichte und verschwieg der mütterlichen und zugleich priesterlichen Freundin nichts von allem, was in ihrem äußeren Dasein, in ihrem Geist und Herzen vorgegangen war, seitdem sie das Haus des Mukaukas betreten. Keine Falte ihrer Seele ließ sie unenthüllt, nichts beschönigte oder verbarg sie, und als sie des Geliebten kraftvolles Ringen, des Lebens ganzen Ernst zu erfassen, schilderte, rissen Liebe und Begeisterung sie hin, sein durch einen kurzen, aber tiefen Schatten verdunkeltes Bild in um so hellerem Glanz leuchten zu lassen.
Nachdem Paula endlich ihre Beichte beendet, war die Aebtissin lange stumm geblieben; dann aber hatte sie das Mädchen an sich gezogen, und es liebreich gefragt:
»Und nun? Nicht wahr, nun drängt und treibt es da drinnen, der Leidenschaft, die sich Deiner in so befremdlicher Weise bemächtigt, den Lauf zu lassen, in die weit geöffneten Arme des geliebten Mannes zu fliegen, Dich ihm hinzugeben und zu sagen: ›Da hast Du mich, ich bin Dein! Rufe dem Priester, daß er uns segne!‹ — Ist es so, sehe ich recht?«
Da hatte Paula ihr tief errötend zugenickt, die Greisin aber ihr Haupt an die Brust genommen und nachdenklich erwidert: »Ich sah ihn sein Viergespann an mir vorüberführen, und dachte dabei an manches berühmte Bildwerk griechischer Heiden. Schönheit, Geburt, Besitz, ja auch Geist und Gaben, alles, was ihm das Herz einer Paula gewinnen könnte, ist sein, und sie — ich seh’ es — überläßt es ihm gern.«
Und wiederum hatte ihr das Mädchen zugenickt, und die Greisin war mit einem leisen Seufzer und als sei es ihr mühsam gelungen, sich mit etwas Unabwendbarem abzufinden, fortgefahren: »So war’ denn jede Warnung vergebens. — Er ist allerdings nicht unseres Glaubens, er...«
»Aber wie er ihn achtet,« rief Paula, »das zeigt er, indem er für Dich, für die Deinen Freiheit und Leben aufs Spiel setzt.«
»Sage: für die Geliebte,« entgegnen die Aebtissin. »Doch lassen wir das aus dem Spiel, so sehr es mich auch schmerzt, mir die Tochter des Thomas als Gemahlin eines Jakobiten zu denken. — Du wirst ihn nicht lassen, und der Vater der Liebe führt oft treue Liebe auf wunderbaren Wegen zum Besten, auch wenn es in die Irre und durch Schluchten und Abgründe geht.«
Da war Paula ihr um den Hals gefallen, um sie dankbar zu küssen; doch die Aebtissin hatte das beglückte Mädchen nur kurze Zeit gewähren lassen, und sie dann an ihre Seite gezogen. Mit Paulas Rechten in beiden Händen war sie dann in den Ton ruhiger Darlegung übergegangen. Sie und die Ihren, hatte sie begonnen, seien Orion große Erkenntlichkeit schuldig. Ihr heißester Wunsch sei, daß Paula als Gattin das schönste Erdenglück gewinne; doch, da sie Rat zu erteilen berufen, dürfe sie sich nicht blenden vor den Gefahren, welche eben dies Glück zu beeinträchtigen drohten. Hinter ihr, der Aebtissin, liege eine lange und vielgliederige Erfahrungsreihe, und diese habe ihr hundert junge Männer gezeigt, die als schwere Sünder von Vater und Mutter, der Kirche und allen Guten verloren gegeben worden seien, und von diesen habe mancher seinen Tag von Damaskus gesehen. Ein Wendepunkt sei für sie eingetreten, und aus den verlorenen Söhnen seien treffliche, fromme Männer geworden.
Paula war ihr bei diesen Worten mit freudig strahlenden Augen näher gerückt, sie aber hatte das Haupt ab weisend geschüttelt, und ihr Blick immer andächtiger und schwärmerischer geleuchtet, während sie mit tiefem Ernst fortgefahren war:
»Indessen, mein Kind, an allen diesen hatte sich die Gnade wirksam erwiesen, hatte sich das Wunder vollzogen, das wir Wiedergeburt nennen. Sie waren dieselben geblieben am Fleisch und in den Grundzügen der Sinnesart, aber ihr Verhältnis zur Welt und zum Leben war ein ganz neues geworden. Was ihnen früher wünschenswert erschienen war, das konnten sie jetzt hassen, das Bedeutende war für sie nichtig, das Nichtige bedeutend geworden; hatten sie früher alles auf die eigenen Wünsche bezogen, so bezogen sie es jetzt auf Gott und seinen Willen. Die alten Triebe waren dieselben geblieben; doch sie ließen sich in Schranken halten durch die nie schlummernde Erkenntnis, daß sie nicht zur Freude führten, sondern ins ewige Verderben. Diese Wiedergeborenen lernten die Welt verachten, und statt in den Staub, war ihr Blick aufwärts und gen Himmel gerichtet. Wer von ihnen strauchelte, den zwang sein gesamtes neues Wesen, das Gleichgewicht wiederzufinden, bevor er völlig zu Boden sank. — Aber Orion? Doch Dein Geliebter? Seine Schuld seh’ ich ihn überspringen, und von einem würdigeren weltlichen Lebensgang hofft er eine neue Vereinigung mit Gott. Nicht nur seine Sinnesart ist die alte geblieben, sondern auch sein Verhältnis zum Leben, zu den Gütern, die es den Weltkindern bietet. Fleischliche Liebe treibt ihn an, nach Hohem und Großem zu streben, mit ernstem Willen sucht er es zu erreichen, doch über jeden Stein, den der Teufel ihm in den Weg wirft, kann und wird er fallen, und sich schwer wieder aufrichten; denn das Unglück hat ihn nicht zur Wiedergeburt geführt, und zu neuem Leben in Gott. Gerade seinesgleichen sah ich unzähligemale in die Sünde zurücksinken, der sie entronnen, und bevor wir einem Mann, der sich einmal, wenn auch nur einmal, so weit von den Wegen Gottes entfernte und an dem sich die Gnade noch nicht wirksam erwiesen, völlig vertrauen, thut es gut, seinen Gang und seine Handlungsweise länger als kurze Tage im Auge zu behalten. Fühlst Du Dich auch gedrungen, festzuhalten an der Neigung Deines Herzens, so eile doch nicht eher in des Geliebten geöffnete Arme, so gib ihm nicht eher die reinen Heiligtümer des Leibes und der Seele hin, werde nicht eher die Seine, als bis er sich völlig bewährt hat.«
