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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 29
»Aber ich glaube an ihn!« rief Paula unter strömenden Thränen.
»Du glaubst, weil Du liebst!« erwiderte die Aebtissin.
»Und weil er es verdient.«
»Seit wie lange?«
»Und war er denn nicht ein herrlicher Mann vor seinem Fehltritt?«
»Das ist auch mancher Mörder gewesen. Ein Augenblick stößt die meisten Verbrecher aus der Gesellschaft.«
»Die trägt ihn noch immer auf Händen.«
»Als den Sohn des Mukaukas.«
»Und weil ihm sein Wesen alle Herzen gewinnt.«
»Auch das des Höchsten?«
»O Mutter, Mutter, warum missest Du ihn mit dem Maß Deiner dem Himmel geweihten Seele! Wie wenige Auserwählte werden doch der Gnade teilhaftig, von der Du sprichst!«
»Wer gesündigt wie er, der muß darnach ringen.«
»Er thut es, Mutter, in seiner Weise.«
»Die falsch ist, falsch für ihn, der solches verbrochen. Alles, wonach er strebt, sind weltliche Güter.«
»Nein, nein. Er steht fest im Glauben an Gott und den Heiland. Er ist kein Leugner.«
»Und glaubt sich dennoch der Buße entschlagen zu dürfen?«
»Vergibt der Herr wahrer Reue nicht alles? Und er hat bereut, und wie schwer, wie furchtbar hat er gelitten!«
»Sage lieber: die Streiche empfunden, die sein Frevel ihm zugezogen. Es kommen noch mehr, und wie wird er sie tragen? Die Versuchung lauert auf allen Wegen, und wie wird er ihr entrinnen? Als warnende Mutter bin ich Dir zuzurufen verpflichtet: Halt Deine und seine Leidenschaft noch im Zaume, fahre fort, zu prüfen, und gewähr’ ihm nicht eher auch nur das Kleinste, Du Jungfrau, bis daß er...«
»Und bis wann, bis wann soll ich auf dieser unwürdigen Wacht stehen?« schluchzte Paula. »Ist das Liebe, die nicht vertraut, die nicht bereit ist, auch des Wankenden Dasein zu teilen?«
»Ja, Kind, ja,« unterbrach sie die Greisin. »Alles dulden, alles ertragen, ist die Pflicht wahrer Liebe und auch der Deinen; doch die unlösbarsten aller Bande sollst Du Dich und ihn erst dann umschlingen lassen, wenn aus dem wankenden ein sicher schreitender Wanderer geworden. Folge jedem seiner Schritte, steh ihm mit treuer Sorge zur Seite, verzweifle nicht an ihm, wenn er sich anders zeigt, als Du hoffst, suche Du, fromme Seele, suche Du ihn der Gnade würdig zu machen, aber gib ihm nicht übereilt, nicht jetzt schon das Jawort.«
Auch dieser letzten Mahnung fügte sich Paula nicht willig, doch die Aebtissin erfüllte das, was Orion begangen, mit großem Mißtrauen. Ein so schwerer Sünder, den der Fluch des Vaters getroffen, hätte nach ihrer Ueberzeugung, um Gnade flehend und nach Wiedergeburt ringend, sich von der Welt abwenden müssen, statt an der Seite eines so bevorzugten, so innig von ihr geliebten Wesens, wie Paula, Wonnen zu suchen, die sie nur dem tadellosesten ihrer Glaubensgenossen gönnte. O wie gern hätte sie, die nach einer stürmischen Jugend mitten in der Welt erst im Kloster Seelenruhe und wahres Glück gefunden, das herrliche Kind der Freundin als reine Braut Christi an ihrer Seite und vielleicht als ihre Nachfolgerin im Amt der Aebtissin gesehen! Die großen Schmerzen, welche treuloser Männer Ruchlosigkeit ihr selbst bereitet, hatte sie ihrem Liebling ersparen wollen, und so war sie keinen Zoll breit von dem Inhalt ihres Rates abgewichen, und nicht müde geworden, der Jungfrau eifrig und doch liebreich die Notwendigkeit vorzustellen, sich ihm zu fügen. Endlich hatte Paula mit dem Versprechen Abschied von ihr genommen, nicht früher ein festes Verlöbnis mit Orion einzugehen, als bis er aus Dumiat zurückgekehrt sein und die Freundin ihr brieflich mitgeteilt haben werde, welches Urteil sie sich auf der bevorstehenden Flucht über ihn gebildet.
So viel Thränen, wie bei dieser Unterredung, hatte die starkherzige Jungfrau seit der verhängnisvollen Messe von Abyla, wo sie Vater und Bruder verloren, nicht vergossen, und mit verweintem Angesicht und heftig schmerzendem Kopf war sie durch den Sonnenbrand des glühend heißen Mittags in das Haus des Rufinus und zu ihrer alten Betta zurückgekehrt. Diese war in sie gedrungen, sich niederzulegen, und als sie damit kein Gehör fand, hatte sie sie wenigstens überredet, sich das Haupt mit Wasser, so frisch sich’s bei solcher Hitze beschaffen ließ, zu kühlen und sich das Haar von ihrer geschickten Hand recht vorsichtig neu ordnen zu lassen; denn das sei schon der verstorbenen Mutter bestes Mittel gegen Kopfweh gewesen.
Als Paula dem Geliebten endlich an einer schattigen Stelle des Gartens gegenüberstand, schauten sich beide befangen und befremdet an. Er blickte bleich und verstimmt auf sie hin, und ihre vom Weinen geröteten Augen und die zusammengezogene Stirn, unter der der Schmerz hämmerte und bohrte, trugen nicht dazu bei, seine Stimmung zu heben. Es war an ihr, sich zu entschuldigen, und als er seinem Gruß die Anrede nicht sogleich folgen ließ, sagte sie denn auch mit leiser, inniger Bitte:
»Verzeih, daß ich so spät komme. Wie lange hast Du doch warten müssen! Aber der Abschied von meiner besten Freundin und zweiten Mutter brachte so tiefe Erregung mit sich und ist so unsagbar traurig gewesen! Ich wußte nicht, wohin vor Kopfweh, als ich zurückkam, und jetzt... Wie so ganz anders hab’ ich Dir heute früh zu begegnen gehofft!«
»Schon gestern blieb Dir keine Zeit für mich übrig,« entgegnete er finster, »und heute — Du warst dabei, wie Rufinus mich einlud — heute! — Ich bin nicht anspruchsvoll, und Dir gegenüber, mein Gott, wie dürft’ ich es sein? Aber galt es heute nicht auch von mir Abschied zu nehmen, vielleicht auf immer? Warum mußte der Freundin so viel Zeit und Kraft bewilligt werden, daß ein so spärlicher Rest übrig bleibt für den Freund? Das heißt unbillig verteilen.«
»Wie sollt’ ich es leugnen?« bat sie traurig. »Ja, ganz gewiß, Du hast recht, doch ich konnte gestern Abend das Kind, während es seinen schweren Kummer bei mir ausweinte, nicht sogleich verlassen, und wenn Du wüßtest, wie ich erschrocken war und wie weh mir das Herz that, als mir statt Deiner Dein Brief...«
»Ich mußte zu dem Feldherrn hinüber,« unterbrach sie Orion. »Dies Abenteuer zwingt mich, vieles hinter mir zu lassen, und ich bin nicht mehr der losgebundene Freiste der Freien von früher. Während dieses schrecklichen Frühstücks habe ich wie auf Nadeln gesessen. Aber lassen wir es dabei bewenden! Mit vollem, hoffnungsfreudigem Herzen kam ich hieher; und nun? Siehst Du, Paula, dies Unternehmen reißt mehr für mich entzwei, setzt mich in eine verhängnisvollere Lage, bürdet mir weit mehr auf, als Du denken und wissen kannst — ich erklär’ es Dir später — und um es zu ertragen, um den frischen Mut und die Freudigkeit, deren ich bedarf, zu bewahren, muß ich des einen sicher sein, wofür ich ganz andere Gefahren und Mühen wie ein fröhliches Spiel auf mich nehmen würde, muß ich wissen...«
»Mußt Du wissen,« fiel sie ihm ins Wort, »ob sich mein Herz voll und ganz Deiner Liebe erschlossen...«
»Ob ich,« rief er mit wachsendem Feuer, »trotz all des schweren Leides, das diese arme Seele bedrückt, glücklicher sein darf als die Seligen im Himmel. O Paula, einziges, angebetetes Mädchen, darf ich...«
»Du darfst,« versetzte sie laut und innig. »Ich liebe Dich, Orion, werde nie und nie mehr aufhören, Dich aus ganzer Seele zu lieben.«
Da stürzte er ihr näher, faßte wie außer sich ihre beiden Hände zusammen, riß sie, nicht achtend des nahen Hauses, woraus zwanzig Augen ihm zuschauen konnten, an die Lippen und bedeckte sie mit glühenden Küssen, bis sie sie ihm entzog und ihm flehentlich zurief:
»Nicht so, nein, bitte, nicht so und nicht jetzt.«
»Jetzt, gerade jetzt, oder wann sonst?« fragte er stürmisch. »Aber hier, dieser Garten, Du hast recht, hier ist nicht der Platz für zwei selige Menschenkinder, die sich eben gefunden. Komm mit, geh mir voran in das Haus, such’ uns dort eine Stelle, wo wir ungesehen, unbelauscht, allein mit uns selbst und unserem Glück...«
»Nein, nein, nein!« fiel sie ihm hastig ins Wort und fuhr mit der Hand über die schmerzende Stirn. »Komm mit auf die Bank unter der Sykomore; es ist dort ganz schattig, und da sage mir alles, da sollst Du auch noch einmal hören, wie gewaltig mich die Liebe erfaßt hat.«
Enttäuscht und befremdet schaute er sie an, sie aber wandte sich der Sykomore zu, ließ sich unter ihr nieder, und er folgte ihr langsam.
Freundlich winkte sie ihm, sich neben ihr niederzulassen, er aber blieb vor ihr stehen und sagte traurig und dumpf:
»Immer dasselbe, immer die gleiche Ruhe und Kälte... Ist das das Rechte, Paula? Ist das die gewaltige Liebe, von der Du sprichst? Soll das die Antwort sein, auf den Sehnsuchtsruf eines leidenschaftlich glühenden Herzens? Ist das alles, was Liebe der Liebe gewährt, was die Braut dem Bräutigam schuldet, der auf dem Sprung steht, sie zu verlassen?«
Da schaute sie ihn tief beängstigt an und sagte mit rührend inniger Bitte:
»O Orion, Orion, hast Du denn nicht gehört, siehst, fühlst Du denn nicht, wie sehr ich Dich liebe! Du mußt es empfinden, und thust Du es, so begnüge Dich, ich beschwöre Dich, Du einzig Geliebter, so begnüge Dich jetzt noch damit, daß dies Herz Dir gehört, daß Deine, ja Deine Paula — da ist sie, ich, ich bin es — an nichts denken, für nichts sorgen, beten und flehen will als für Dich, ja für Dich, jetzt mein ein und mein alles.«
»Nun, so komm, so komm mit mir,« rief er stürmisch, »und gewähre dem Verlobten, was ihm gebührt!«
»Nein, nein, nicht Verlobter, noch nicht!« rief es flehend aus ihrer tief geängstigten Seele. »Auch in meinen Adern fließt warmes, sehnsüchtiges Blut, auch mich verlangt es, in Deine Arme zu eilen und mein Haupt an das Deine zu schmiegen, aber Deine Braut — jetzt, heute schon, darf ich’s, kann ich’s nicht werden!«
»Und warum? Laß mich’s wissen, warum nicht!« rief er aufgebracht und preßte die geballte Faust an die Brust. »Warum willst Du nicht meine Braut sein, wenn es wahr ist, daß Du mich liebst? Wozu ersinnst Du diese neue, gräßliche Folter?«
»Weil mich die Weisheit gelehrt hat,« versetzte sie mit hochwogendem Busen schnell und leise, als fürchte sie sich, die eigenen Worte zu hören, »weil sie mich lehrte, die Zeit dazu sei noch nicht da. Ach, Orion, Du hast nicht gelernt, das Verlangen, die Wünsche zu zügeln, die in Dir brennen, Du hast nur zu schnell vergessen, was hinter Dir, hinter uns liegt, welchen Berg es zu überschreiten gab, bis wir dahin gelangt sind, uns zu finden, bis ich — ja, Geliebter, es muß gesagt sein — bis ich nur vermochte, Dir nicht mit Groll und Haß ins Antlitz zu schauen. Eine wunderbare, geheimnisvolle Fügung hat es gewollt, und auch Du hast redlich das Deine gethan, daß das alles ganz anders geworden, daß, was weiß war, nun schwarz ist, daß sich der erkältende Nordsturm in einen heißen Südwind verwandelt. So wird wohl Gift zu Arznei und Fluch zum Segen! Aus leidenschaftlichem Haß ist in diesem thörichten Herzen ebenso gewaltige Liebe entsprungen. Aber Deine Braut, Dein Weib kann ich jetzt noch nicht werden. Nenn’ es Zagheit, nenn’ es eigensüchtiges Bedenken, nenn’ es, wie Du willst. Ich heiß’ es ›Weisheit‹ und lob’ es, obgleich es die armen Augen da tausend bittere Thränen gekostet, bevor Herz und Geist sich entschlossen, sich der warnenden Stimme zu fügen. Und Du, halte Dich fest an dem einen: keinem andern als Dir wird dies Herz je gehören, was auch geschehe — Dein ist meine ganze Seele! — Deine Braut will ich erst werden, wenn ich mit ebenso freudigem Vertrauen wie heißer Liebe Dir zurufen darf: ›Du bist Sieger geblieben, nimm mich hin, ich bin Dein!‹ Dann sollst Du fühlen und bekennen, daß Paulas Liebe nicht kühler, nicht schwächer ist... O Gott, Gott, Orion, lerne, lerne mich verstehen! Du mußt es lernen, um meinet-, um deinetwillen mußt Du’s! Mein Kopf, gütiger Himmel, mein Kopf!«
Dabei senkte sie das Haupt und preßte die Hände auf die glühende Stirn, er aber legte ihr bleich und fröstelnd die Rechte auf die Schulter und sagte mit gepreßter, des Wohllautes beraubter, trockener Stimme:
»Die Esoteriker verlangen Prüfungen von ihrem Jünger, bevor sie ihm Einlaß in das Mysterium gewähren. Wir sind ja in Aegypten, und doch nimmt sich dergleichen sonderbar aus, wenn es angewandt wird auf die Liebe. Doch das alles kommt nicht aus Dir. Was Du Weisheit nennst, ist die Stimme der Klosterfrau von da drüben.«
»Die Stimme der Besonnenheit,« versetzte Paula leise. »Das Verlangen des Herzens hatte sie laut überschrieen, und ich dank’ es der Freundin...«
»Was dankst Du ihr?« rief der Jüngling aufgebracht bis ins Tiefste. »Verwünschen solltest Du sie für diesen nichtswürdigen Dienst, wie ich es hier thue. Kennt sie mich etwa? Hat sie je ein Wort aus diesem Munde vernommen? Wüßte die Afterweise, die überkluge Nonnendespotin, wie es hier drinnen beschaffen, sie hätte Dir anders geraten! Mit Vertrauen und Liebe hat man mich schon als Kind zu der schwersten Leistung gebracht. Was ich auch gefehlt, freundliches Zutrauen verletzte ich niemals. Und was Dich, Du Weise und Besonnene, angeht, so hätte ich, geliebt und beseligt, nur auf Deinen Beifall bedacht, voller Stolz und Glück auch den letzten Deiner Zweifel überwunden zu haben, für Dich Sonne und Sterne vom Himmel gerissen und jeder Versuchung ins Antlitz gelacht. — Aber so — so! Statt mich zu heben, erniedrigt ihr mich, stellt ihr mich vor mir selbst an den Pranger! Eins mit Dir, wär’ ich Dir vorausgeflogen in die lichten Regionen, wo die Vollkommenheit thront, aber so — so? Welch ein Geschäft, Deine kühle Liebe durch gute Thaten wie mit Oelbaumscheiten zum Flammenschlagen zu bringen! Welch ein Geschäft für einen Mann, sich vor der Geliebten einer Prüfung zu unterziehen! Widerwärtige, beleidigende Folter, die ich nicht ertrage, gegen die sich alles hier drinnen auflehnt, von der Du ablassen wirst und mußt, wenn es wahr ist, daß Du mich liebst!«
»Ich liebe Dich, lieb’ Dich!« rief sie außer sich und umklammerte seine Hände. »Vielleicht hast Du recht. Ich... Gott, was soll ich thun? — Fordere nur jetzt kein Ja oder Nein! Auch den ärmsten Gedanken kann ich nicht fassen! Du siehst, siehst, wie ich leide!«
»Ich seh’ es,« entgegnete er und schaute mitleidig auf die Blässe und das schmerzliche Zucken auf ihrer Stirn, »und da es denn sein muß: auf heute Abend! Suche jetzt Ruhe und pfleg’ Dich — doch dann...«
»Dann, während der Fahrt, auf der Flucht,« rief Paula, »wiederholst Du der Aebtissin, was Du mir eben gesagt hast. Sie ist eine herrliche Frau, und sie lernt Dich lieben und verstehen, ich weiß es. Auch das Wort gibt sie Dir sicher zurück...«
»Welches Wort?«
»Das ich ihr gab, nicht eher die Deine zu werden...«
»Als bis ich die Esoterikerprüfung bestanden?« rief Orion und zuckte unwillig die Achseln. »Geh jetzt zur Ruhe, geh! Was die schönste Stunde unseres Lebens hätte sein sollen, das hat eine Fremde zu einer widrigen, unseligen gemacht. Du bist Deiner, ich meiner nicht sicher. Was wir hier, was wir jetzt noch reden, für Dich wie für mich erwächst daraus nichts Gutes. Geh zur Ruh’, verschlaf Deinen Schmerz; und ich — ich will zu vergessen versuchen, will... Wenn Du wüßtest, wie es hier drinnen aussieht! Jetzt lebe wohl, und auf ein freundlicheres, und — was ich kaum mich zu sagen getraue — ein beglückenderes Wiederbegegnen!«
Damit wandte er ihr schnell den Rücken, sie aber rief ihm klagend nach: »Orion, vergiß es nicht, Orion, Du weißt, daß ich Dich liebe!«
Doch er hörte sie nicht mehr und eilte gesenkten Hauptes, ohne in das Haus des Rufinus zurückzukehren, auf die Straße.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Tief innerlich verletzt, warf sich Orion zu Haus auf den Diwan. Sie hatte gesagt, daß ihr Herz ihm gehöre, doch was war das für eine ärmliche, kühle Liebe, die nichts gewährte, bevor sie sich sichergestellt sah! Und wie hatte Paula einer Dritten gestatten können, sich zwischen sie beide zu stellen und ihr Thun und Empfinden zu lenken? Was unter ihnen vorgegangen war, mußte sie dieser Dritten verraten haben, für diese ihm feindlich gesinnte melchitische Nonne wollte, sollte er... Es war um den Verstand zu verlieren... Aber er konnte nicht zurück, er hatte sich dem würdigen Greise, hatte sich ihr gegenüber zu dem unsinnigen Abenteuer verpflichtet. Statt der herrlichen, stolzen Beherrscherin seines ganzen Wesens zeigte ihm jetzt seine Einbildungskraft ein thränenreiches, unselbständiges, herzenslaues Weib.
Da lagen die Karten und Pläne, die er sich, um sie für die Aufgabe, welche ihm der edle Amr gestellt, zu benützen, von Nilus hatte auf sein Zimmer bringen lassen, und als sein Blick auf sie fiel, schlug er mit der Faust an die Wand, sprang er auf, lief er wie ein Besessener in demselben Zimmer auf und nieder, das ihr stilles Leben geweiht.
Da stand ihre Laute; er hatte sie neu besaitet und gestimmt. Um sich zu beruhigen, riß er sie an sich, ergriff er das Plektrum und begann zu spielen. Doch das Instrument war schlecht, sie hatte sich mit dem elenden Dinge begnügt! Er warf es auf die Polster und nahm sein eigenes zur Hand, ein Geschenk Heliodoras.
Wie schön und weich hatte sie es zu spielen verstanden! Auch jetzt gaben seine Saiten einen herrlichen Klang, und nach und nach begann er sich seiner zu freuen, und die Musik sänftigte, wie schon so oft, seine erregten Sinne. Schön und rührend klang sein Spiel, doch manchmal schlug er so heftig in die Saiten, daß ihr gewaltiges Klirren und Sausen und Schmettern sich anhörte wie der wehe Aufschrei einer verzweifelten Seele.
Bei solchem leidenschaftlichen Spiel klappte plötzlich mit dröhnendem Aufschlag der Steg auf den Boden der Laute, und im selben Augenblick öffnete der Sekretär, der ihn in die Hauptstadt begleitet, in freudiger Erregung die Thür und rief ihm schon auf der Schwelle entgegen:
»Herr, denke nur, Herr! Da kommt ein Bote aus der Herberge des Sostratus und überbringt Dir dies Täfelchen. Es ist offen, und ich hab’ es gelesen. Denk nur, ‘s ist kaum zu glauben! Der Senator Justinus mit seiner edlen Gattin, der hohen Matrone Martina, ist hier, hier in Memphis, und sie lassen Dich bitten, sie aufzusuchen, um Wichtiges mit Dir zu besprechen. Heute Nacht sind sie angekommen, sagt mir der Bote, und nun, nun... Solche Freude! Was hast Du alles in ihrem Palast genossen! Können wir sie in der Herberge lassen? So lang es ein Gastrecht gibt, wäre das eine Sünde!«
»Unmöglich, völlig unmöglich!« rief Orion, der die Laute aus der Hand geworfen hatte und nun selbst auf das Täfelchen blickte. »Er ist es wahrhaftig; seine eigene Handschrift! Und gerade diese beiden Unbeweglichen sind in Memphis, sind in Aegypten! Beim Zeus,« — so schwur die goldene christliche Jugend in Alexandria und Konstantinopel noch immer — »beim Zeus, ich bin ihnen schuldig, sie hier aufzunehmen wie Fürsten! Warte! Du sagst natürlich dem Boten, ich werde gleich kommen, und läßt das neue pannonische Viergespann an den silbernen Wagen schirren. Und ich, ich geh’ zu der Mutter; aber das hat ja noch Zeit. Du befiehlst gleich dem Sebek, den Fremdenstock, aus dem die Kranken ja gottlob heraus sind, für vornehme Gäste herrichten zu lassen. Mein jetziges Zimmer wird mit dazu genommen, und ich zieh’ in die frühere Wohnung zurück. Sie haben sicher ein großes Gefolge. Zwanzig, dreißig Sklaven ans Werk! In längstens zwei Stunden muß alles bereit stehen. Die beiden Säle sind besonders schön auszustatten. Wo es fehlt, steht dem Sebek unbedenklich alles zur Verfügung, was in der Statthalterei ist. Justinus hier in Aegypten! Aber nun eile Dich! Doch warte! Noch eins! Nimm die Schriften und Pläne hier, oder nein... Sie sind für Dich zu schwer. Uebergib sie einem Sklaven und laß sie zu Rufinus bringen, der sie aufbewahren soll, bis ich komme Sag’ ihm, ich dächte sie unterwegs zu benutzen, er weiß schon.«
Der Sekretär stürmte hinaus, und Orion ließ sich schnell das Haar ordnen und das Trauergewand in neue Falten legen; dann begab er sich zu der Mutter. Sie hatte oft und viel von der herzlichen Aufnahme gehört, die dem Sohn und in früherer Zeit ihrem verstorbenen Gatten im Hause des Senators zu teil geworden, und fand es darum selbstverständlich, daß der sogenannte Fremdenstock, zu dem auch Paulas Zimmer gehört hatte, den Reisenden eingeräumt werde; doch sie verlangte, selbst für leidend erklärt zu werden, um sich nicht um die Gäste bekümmern zu brauchen.
Dann riet sie Orion, seine Reise aufzuschieben und sich den Freunden zu widmen; er aber erklärte, daß er sich nicht durch sie zurückhalten lassen könne. Auf Sebek und die oberste Schaffnerin sei voller Verlaß. und einer Kranken erlasse selbst der Kaiser die Pflichten der Wirtin. Einmal werde sie dem edlen Paare wohl gestatten, ihr die Aufwartung zu machen, aber auch dies lehnte Frau Neforis ab. Es sei genug, wenn die Gäste täglich in ihrem Namen und mit Grüßen von ihr auserlesene Früchte und Blumen und zuletzt wertvolle Gastgeschenke empfingen.
Orion fand dies Vorhaben ihrer würdig, und bald darauf jagte er mit seinen Pannoniern zum Hofe hinaus.
Am Hafen begegnete er dem Schiffsführer, den er gemietet, hielt ihm schnell zwei Finger entgegen, und dieser deutete durch eifriges Kopfnicken an, die Bedeutung dieses Winkes: »Zwei Stunden vor Mitternacht wirst Du erwartet,« verstanden zu haben.
Der Anblick des wettergebräunten Schiffers und die Aussicht, den vornehmen Freunden ihre Güte zu vergelten, ermunterten ihn, und so leid es ihm that, gerade diese Gäste verlassen zu müssen, begannen die seiner wartenden Gefahren ihn doch wieder zu reizen. Es sollte ihm nicht schwer fallen, die Aebtissin unterwegs für sich zu gewinnen, und Paula brachte er vielleicht schon heut Abend zur Vernunft. Justinus und seine Frau waren auch Melchiten, und er wußte, daß sie, die er hoch schätzte, über sein Vorhaben entzückt sein würden, wenn er sie ins Vertrauen zog.
Die Herberge des Sostratus, ein gewaltiges Gebäudeviereck, das sich um einen weiten Hof schloß, war die vornehmste und größte der Stadt. Ihre Ostseite wandte sich der Straße und dem Nil zu und enthielt die besten Zimmer des Hauses, welche das Senatorenpaar mit seinen Begleitern seit der vergangenen Nacht bewohnte.
Den Justinus zog das Gerassel des Viergespanns ans Fenster, und sobald er Orion erkannte, schwenkte er mit einem Tischtuch, das er rasch ergriffen, in die Straße hinein, rief ihm ein heiteres »Willkommen!« entgegen und zog sich dann schnell in das Zimmer zurück.
»Er ist da!« rief er seiner Gattin zu, welche nur aufs notdürftigste bekleidet auf einem Polster lag, sich von einem Knaben Kühlung zuwedeln ließ und von Zeit zu Zeit einen Becher mit Fruchtsaft an die trockenen Lippen führte.
»Ei, sieh, das ist schön!« versetzte die Matrone und befahl ihrer Zofe, schnell, schnell einen Umwurf, aber einen ganz leichten, zu bringen. Dann wandte sie sich an ein höchst liebliches junges weibliches Wesen, das schon beim ersten Ruf des Justinus vom Diwan aufgesprungen war, und fragte:
»Willst Du, daß er Dich gleich hier finde, Herzchen, oder lässest Du uns erst mit ihm reden und ihm erzählen, daß wir Dich mitgeschleppt haben?«
»So ist’s am besten,« versetzte die Gefragte mit wohllautender Stimme und seufzte leis auf, bevor sie beklommen fortfuhr: »Was soll er nur von mir denken? Man wird alt, aber die Thorheit, die Thorheit...«
»Wächst sie,« lachte die Matrone, »oder läßt sie nach mit den Jahren? Doch da ist er wohl schon.«
Nun eilte die junge Frau auf eine Seitenthür zu und verschwand hinter derselben. Frau Martina schaute ihr nach, und indem sie dem Blick ihres Gatten den Weg mit dem Finger wies, rief sie: »Sie läßt sich ein Spältchen offen. Herr Gott, bei dieser Hitze auch noch verliebt sein; grausiger Gedanke!«
Da öffnete sich die Thür, und nun erfolgte die allerherzlichste Begrüßung.
Man sah es dem alternden Paar wie dem Jüngling an, daß sie sich dieses Wiedersehens innig freuten.
Als Justinus Orion ans Herz zog, rief die Matrone: »Mir auch einen Kuß!« und nachdem der Jüngling ihr schnell und heiter den Willen gethan, klagte sie stöhnend.
»O Mensch, o Menschenkind, großer Sesostris! Wie hat es Dein berühmter Ahnherr dahin gebracht, unter dieser Sonne Großthaten zu verrichten? Was mich betrifft, ich vergehe, zerschmelze wie Butter; doch was thut man nicht alles für seine Lieben? Aber Syra, Syra! Um Gottes willen noch ein kleines Etwas, das wie ein Kleidungsstück aussieht! Wie verständig sind doch die afrikanischen Bauernmoden, denen wir unterwegs manchmal begegnet! Wenn sie ein drei Finger breites Tüchlein tragen, meinen sie, sie wären hübsch angezogen. Aber nun setzen — setzen; hieher, zu meinen Füßen! Einen Stuhl für den Herrn, Argos; dann etwas Wein, und das Wasser in solchem feuchten Thonkruge, und so kühl wie vorhin. »Mann, ich finde, der Junge ist wieder um einiges hübscher geworden. Aber lieber, lieber Gott, das Trauergewand! Wie’s ihm steht! Armer, armer Schelm; wir haben’s schon in Alexandria erfahren!«
Dabei trocknete sie sich die Augen und zugleich die perlende Stirn, und ihr Gatte fügte zu ihrer Beileidsbezeigung über den Tod des Mukaukas die seine.
Es war ein behagliches, fröhliches Paar, dieser Justinus mit seiner Martina. Zwei Menschen, die sich so recht sicher fühlten in ihrem großen, ererbten Wohlstand, und die, hochgeboren wie beide waren, nie Würde zur Schau zu tragen brauchten, weil sie ihnen in den Augen von Groß und Klein ohnehin zukam. Sie hatten sich das Recht erobert, in der von steifen Formen gebundensten aller Gesellschaften natürliche Menschen zu bleiben, und wem der ungebundene Ton an ihnen und ihrem Hause nicht gefiel, der konnte ja fern bleiben.
Er, ohne Ehrgeiz, Senator infolge seines Besitzes und Namens, nie bedacht, von dieser Scheinwürde einen andern Gebrauch zu machen, als bevorzugten Klienten des Hauses Stellen oder den Seinen bei festlichen Gelegenheiten gute Plätze zu verschaffen, aber ein gastlicher Herr, der Freund seiner Freunde, der gleich gern lebte wie leben ließ. Martina, eine herzensgute Matrone, die nie Anspruch auf Schönheit erhoben hatte, aber doch viel umworben gewesen war. Längst schon fand es dies Ehepaar nirgends schöner, als in der Hauptstadt oder auf ihrer herrlichen Villa am Bosporus, und es verschmähte darum, wie andere Große und Reiche, Bäder zu besuchen oder sich sonst auf Reisen zu begeben. Es guten Freunden in ihrem Hause angenehm zu machen, gewährte ihnen Vergnügen, und an solchen fehlte es nie, schon weil es gerade denen, die sich den Rücken am byzantinischen Hofe müde gebückt, in ihrem zwanglosen Kreise absonderlich behagte.
Die Jugend wählte Martina gern zu ihrer Vertrauten, und auch Heliodora, die Witwe ihres leiblichen Neffen, war in ihrer Herzensnot zu ihr gekommen; hatte sie Orion doch in ihrem Hause kennen gelernt. Heliodora war des alten Paares Liebling, aber höher noch als sie hatte den beiden der jüngere Bruder ihres verstorbenen Gatten gestanden. Er war bestimmt gewesen, ihr Erbe zu werden, doch sie hatten ihn zwei Jahre lang betrauert, da die Kunde zu ihnen gelangt war, daß Narses, der als Tribun unter den kaiserlichen Reitern gestanden, im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen. Indessen vermochte niemand nähere Auskunft über seinen Tod zu erteilen, bis ihre unermüdlichen Nachforschungen ergeben hatten, daß er von den Sarazenen gefangen worden sei und in Arabien Sklavendienste verrichte.
Durch Orion und seinen verstorbenen Vater hatten sie die Bestätigung dieser Nachricht und wenige Stunden nach der Abreise des jungen Aegypters einen mit zitternder Hand geschriebenen Brief des Verschollenen erhalten, in dem er sie anflehte, seine Lösung durch Amr, den Statthalter von Aegypten, zu bewirken. Da war das alternde Paar auf Reisen gegangen, und Heliodora hatte das Ihre gethan, sie zu diesem Schritt zu bewegen. Ihre Sehnsucht nach Orion, dem sie ein volles Jahr mit aller Hingabe ihres zärtlichen Herzens angehört hatte, war seit seinem Aufbruch von Stunde zu Stunde gewachsen, und sie hatte das der Matrone nicht verhehlt, diese aber hielt es für ihre Pflicht, dem armen, liebeskranken Kinde beizustehen; denn Heliodora hatte ihren Gatten, des Senators Neffen, bis an sein Ende mit rührender Treue und Sorgfalt gepflegt, und außerdem war sie, Martina, es gewesen, die dem jungen Aegypter, der »es ihr angethan hatte«, Gelegenheit geboten, sich der jungen Witwe zu nähern.
Die beiden waren ja wie für einander geschaffen, und das Ehestiften machte ihr Vergnügen. Aber es hatten sich in diesem Fall nur die Herzen, nicht die Hände finden wollen, und es war Martina endlich sehr peinlich geworden, Orion und Heliodora vor aller Welt und mit gutem Recht ein Liebespaar nennen zu hören.
Einmal hatte sie dem jungen Aegypter in ihrer behaglichen Weise ins Gewissen geredet und die Antwort erhalten, sein Vater, der Jakobit, werde ihm nie gestatten, sich mit einer Andersgläubigen zu vermählen. Dagegen hatte sie damals wenig sagen können; aber, hatte sie oft gedacht, ging es nur an, Heliodora dem alten Mukaukas zu zeigen, werde er, den sie als schönen jungen Freund anmutiger Frauen vor langen Jahren in der Hauptstadt gesehen, den Widerstand schon aufgeben, und ihr Liebling besaß in der That alles, was einem Vaterherzen den Wunsch nahe legen konnte, sie mit seinem Sohn zu verbinden. Sie war aus gutem Hause, eines vornehmen Mannes Witwe, reich, erst zweiundzwanzig Jahre alt, und von einer Schönheit, die alt und jung hinreißen mußte. Ein süßeres, sanfteres Wesen meinte Martina gar nicht zu kennen. Ihre großen, feuchten Augen, sie nannte sie »betende«, mußten einen Stein erweichen, und ihr blondes, leicht gewelltes Haar war so weich wie ihr Gemüt. Dazu kam ihre volle, biegsame Gestalt, und wie sie sich zu kleiden, wie sie zu singen und die Laute zu schlagen verstand!
Nicht von ungefähr ward sie von allem umworben, was jung und vornehm war in Konstantinopel! Und konnte der alte Mukaukas sie nur einmal lachen hören! Es gab ja nichts Froheres, Glockenhelleres als ihr Gelächter! Besonders hohen Geistes war sie gerade nicht, aber ebensowenig durfte man sie einfältig nennen. Gar zu kluge Frauen waren niemals jedermanns Sache.
Als es zur Reise nach Aegypten kam, stand es von vornherein in Martina fest, Heliodora mitzunehmen und in Memphis mit der Tändelei, die ihren Liebling in den Mund der Leute gebracht, Ernst werden zu lassen. Wie sie nun gar in Alexandria erfuhr, der Mukaukas Georg sei inzwischen gestorben, hielt sie das Spiel für gewonnen.
