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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 34
Sechsunddreißigstes Kapitel.
In der Statthalterei gab es eine entsetzliche Nacht.
Frau Martina fragte sich, welche Sünden sie begangen, daß gerade sie auserlesen sei, Zeugin eines solchen Unglücks zu werden.
Und was ward nun aus ihren Heiratsplänen?
Ein Umzug bei dieser Hitze war gewiß schwer erträglich; aber sie hätte ein dutzendmal aus einem Quartier in das andere ziehen und sich wie einen Ball hin und her werfen lassen wollen, wenn es dadurch zu ermöglichen gewesen wäre, ihren lieben »großen Sesostris« aus so schrecklicher Gefahr zu erretten.
An alle dem war gewiß die verruchte, tolle Geschichte mit den Nonnen schuld!
Und diese Araber!
Sie nahmen eben, was ihnen behagte, und waren wahrhaftig im stande, den Sohn des großen Mukaukas auszuplündern und zum Bettler zu machen.
Eine schöne Geschichte!
Heliodora hatte am Ende für beide genug, und sie und ihr Mann brauchten sie in ihrem Testament nicht zu übergehen; aber es handelte sich hier vielleicht um ganz andere Dinge: um Leben und Tod.
Es überlief sie kalt bei diesem Gedanken, und ihre Befürchtung schwebte nicht in der Luft: der schwarze Araber, der zu ihr gekommen war, um mit ihr zu verhandeln und ihr schließlich zu gestatten, bis morgen in der Statthalterei zu bleiben, hatte ihr das durch den Dolmetscher geradezu sagen lassen. Ein unerhörtes, gräßliches, namenloses Unglück! Und sie mitten darin, gezwungen, das alles mit zu erleben!
Und ihr Mann, ihr armer Justinus! Wie nahe mußte ihm das alles gehen! Die Augen wurden ihr nicht trocken, und bevor sie einschlief, betete sie recht innig, ihre Heilige und die gute Mutter Gottes möchten das alles zu einem freundlichen Ende führen. Mit dem Gedanken: »Welch ein Unglück!« schloß sie die Augen, und am frühen Morgen wachte sie wieder mit ihm auf.
Dennoch war das Entsetzlichste noch nicht zu ihr gedrungen, was sich in dieser verhängnisvollen Nacht begeben.
Eine Schar von arabischen Kriegern war bei Anbruch der Nacht zu Fuß, zu Roß und im Nachen über den Nil gekommen und hatte, geführt von dem Wekil Obada, die Statthalterei umzingelt.
Nachdem es fest stand, daß Orion sich in der That auf Reisen befand, wurde der Rentmeister Nilus gefangen gesetzt. Darauf lag es dem Schwarzen ob, die Witwe des Mukaukas von dem Geschehenen zu unterrichten, und sie zu veranlassen, schon morgen das Haus zu verlassen. Dies mußte geschehen, weil er mit der ehrwürdigen Wohnstätte des ältesten Geschlechts im Lande etwas ganz Besonderes vorzunehmen gedachte.
Frau Neforis war noch wach und hielt sich, wie der Dolmetscher als Vorläufer Obadas sich bei ihr melden ließ, im Brunnenzimmer auf. Er fand sie in einiger Erregung; denn obwohl sie nicht mehr fähig war, folgerichtig zu denken, und ihr, wenn ihr Geist in Anspruch genommen wurde, die Einfälle nur wie blitzartige Erleuchtungen durch das Gehirn schossen, hatte sie doch bemerkt, daß etwas Besonderes in der Statthalterei vorgehe; aber sowohl der Hausmeister Sebek als ihre Zofen waren ihren Fragen ausgewichen und hatten sie nur dahin beantwortet, daß der Stellvertreter des Amr gekommen sei, um mit dem jungen Herrn zu reden. Es scheine sich um etwas Bedeutendes, vielleicht um eine falsche Anklage zu handeln.
Orion, berichtete nun der Hermeneut, sei angeklagt, ein Unternehmen ins Werk gesetzt zu haben, welches zwölf arabischen Kriegern das Leben gekostet, und schon der Angriff eines einzigen Muslim von seiten eines Aegypters wurde, sie wußt’ es, mit dem Tod und der Konfiskation des Vermögens bestraft. Ferner war ihr Sohn eines Raubes beschuldigt worden.
Am Schluß seiner Mitteilung, der Frau Neforis mit stieren Augen, entsetzt und endlich wie vernichtet zugehört hatte, bat der Dolmetscher für den Wekil um Gehör.
»Noch nicht gleich, noch einige Minuten,« lautete die mühsam hervorgestoßene Antwort der Witwe; denn sie mußte sich erst durch den Genuß ihres Arkanums stärken. Sobald dies geschehen war, zeigte sie sich bereit, Obada zu empfangen.
Der schwarze Feind ihres Sohnes wünschte ihr als milder, großmütiger Mann zu erscheinen und eröffnete ihr mit schmeichlerischer Unterwürfigkeit und häufigem Zähnefletschen, daß sie im Lauf des morgenden Tages das Haus, in dem sie die längste und glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht hatte, verlassen müsse.
Auf seine Erklärung, daß ihr eigenes Vermögen unangetastet bleiben werde und es ihr freistehe, in Memphis zu bleiben oder ihr Haus in Alexandria zu beziehen, entgegnete sie gelassen, es werde sich ja finden! Dann fragte sie, ob sich die Araber bereits ihres Sohnes bemächtigt?
»Nicht eigentlich,« versetzte der Wekil; »doch wir wissen, wo er steckt, und morgen oder übermorgen haben wir den beklagenswerten Jüngling.«
Bei den letzten Worten bemerkte die Witwe einen schadenfrohen Glanz in den Augen des Schwarzen, die bis dahin mitleidsvoll zu blicken versucht hatten, und mit leisem Kopfnicken fuhr sie fort: »Es handelt sich also für ihn um Leben und Tod?«
»Fasse Dich, edle Frau,« lautete die Antwort. »Nur um den Tod.«
Da schlug sie den Blick gen Himmel, ließ ihn dort lange verweilen und fragte dann weiter: »Und wer hat ihn des Raubes geziehen?«
»Das Haupt seiner eigenen Kirche...«
»Benjamin,« murmelte sie vor sich hin, und ihr Mund verzog sich zu einem eigentümlichen Lächeln. Sie hatte gestern ihr Testament zu Gunsten des Patriarchen und der Kirche aufgesetzt. »Wenn Benjamin es gelesen,« sagte sie sich, »ändert er wohl die Gesinnung gegen Dich und die Deinen und läßt fleißig für uns beten.«
Da sie nichts weiter sagte, schaute der Wekil sie fragend und mit einiger Verlegenheit an, bis sie sich endlich erhob und ihn nicht ohne Würde und mit der Bemerkung verabschiedete, das Geschäftliche sei nun erledigt, und weiter habe sie nichts mit ihm zu teilen.
Damit war diese Unterredung zu Ende, und als das Brunnenzimmer hinter dem Wekil lag, murmelte er vor sich hin: »Dies Weib! Entweder ist es von Dämonen besessen und irre da oben oder eine seltene Heldin!«
Frau Neforis ließ sich in ihr Schlafzimmer führen, und nachdem sie zu Bett gegangen, befahl sie der Zofe, ein Kästchen aus ihrer Truhe zu nehmen, und es auf das Arzneitischchen am Hauptende ihres Lagers zu stellen.
Als sie allein war, zog sie die beiden Briefe, welche der Mukaukas Georg ihr als Bräutigam geschrieben, und ein Gedicht, das Orion einst an sie gerichtet, daraus hervor und versuchte zu lesen; doch es flimmerte ihr so vor den Augen, daß sie die Blätter wieder fortlegen mußte. Dafür nahm sie ein Päckchen zur Hand, das die Locken enthielt, welche sie von den erkalteten Häuptern ihrer verstorbenen Söhne und ihres Gatten geschnitten. Mit schwärmerischer Zärtlichkeit blickte sie auf diese teuren Andenken, und nun übte der Mohnsaft seine Wirkung. Mit greifbarer Deutlichkeit stellten sich ihr die Bilder der Verstorbenen vor die Seele, und sie verkehrte mit ihnen, als stünden sie voll blühender Lebenskraft an ihrem Lager. Mit den Locken in der Hand, schaute sie dann aufwärts und versuchte sich zu vergegenwärtigen, was sich heute ereignet und was ihr bevorstand. — Es galt, diesen Raum, dies breite Lager, dies Haus, das hieß alles verlassen, woran sich die teuersten Erinnerungen an diejenigen knüpften, welche sie liebte. Man wollte sie dazu zwingen, — aber stand es ihr auch an, sich dem Willen dieses Schwarzen, dieses Fremden hier, wo sie gebot, zu unterwerfen? Mit einem verächtlichen Lächeln schüttelte sie das Haupt und öffnete einen Glascylinder, welcher noch zur Hälfte mit Opiumkügelchen gefüllt war. Dann nahm sie einige auf die Zunge und wandte den Blick wieder nach oben. Da trat bald ein neues Gesicht vor ihr inneres Auge, und sie erblickte denjenigen, von dem auch der Tod sie nicht zu scheiden vermochte, und ihre verstorbenen Söhne zu seinen Füßen. Und nun stieg, wie ein Taucher aus den Wogen des Stroms, Orion aus Wolken hervor und schwang sich an das Ufer der Insel, an dem ihr Gatte und die Jünglinge standen. Sein Vater öffnete ihm die Arme und zog ihn ans Herz, und sie selbst, oder war es doch nur ihr Bild? trat zu den anderen, und jeder eilte ihr zärtlich entgegen, und zuletzt auch ihr Gemahl, und an seiner Brust blieb sie ruhen; und wenn sie sich seit Stunden und längst vor dem Ueberfall der Araber halb betäubt und wie benebelt gefühlt hatte, so empfand sie jetzt eine süße, die Glieder lähmende Schläfrigkeit, der ihr ganzes Wesen sich hinzugeben verlangte. Aber wie sie schon die Augenlider gesenkt, schoß ihr wieder durch den Sinn, was bevorstand, und mit dem Aufgebot aller Willenskraft richtete sie sich auf und nahm das Wasser, welches stets auf dem Tischchen neben ihr stand, um den Rest der Kügelchen, die der Cylinder enthielt, hineinzuschütten und den Becher auszutrinken bis auf den Grund.
Bei alledem war ihre Hand ruhig geblieben, und aus dem zufriedenen Lächeln ihres Mundes und dem verlangenden Blick ihres Auges hätte man schließen können, daß sie dürste und sich einen wohlschmeckenden Trank bereite. Einer Verzweifelten, welche die Hand an sich selbst legt, sah sie am wenigsten ähnlich, und sie empfand auch weder Bedenken noch Todesfurcht, noch die Last der Schuld, welche sie auf sich nahm, sondern nur eine süße Müdigkeit und Hoffnung, beseligende Hoffnung auf ein Dasein ohne Ende, vereint mit ihren Teuren.
Aber kaum hatte sie den tödlichen Trank genossen, als sie ein kalter Frost durchschauerte. Halb aufgerichtet rief sie die Zofe, welche im Nebenzimmer wachte, und da diese ihr ängstlich in die stieren Augen schaute, stammelte sie ihr zu: »Einen Priester, rasch — ich will sterben!«
Da lief die Dienerin hinaus und rief im Viridarium dem Hausmeister Sebek zu, welcher mit dem Wekil vor dem Tablinum stand, was sich ereignet, und der Schwarze gestattete ihm, seiner sterbenden Herrin den Willen zu thun, und führte ihn selbst bis ans Thor. Dicht vor demselben traf der Hausmeister einen Diakonus, welcher soeben einem von der Seuche Dahingerafften den Segen der Kirche gebracht hatte, und wenige Minuten später standen sie an dem Lager der Witwe.
Neben ihr ruhten die Locken ihrer Söhne, ihre Hände waren um ein Kruzifix gefaltet; doch ihre Augen, welche lange in das Antlitz des Erlösers geschaut hatten, blickten jetzt wieder mit schwärmerischem Glanz nach oben.
Der Priester rief sie bei Namen; doch sie mißkannte ihn, hielt ihn für ihren Sohn und lallte ihm liebreich zu.
»Orion, armes, armes Kind! Und Du, Maria, mein Herzchen, mein süßer kleiner Schatz! Der Vater — ja, lieber Junge — der Vater, komm nur; er ist wieder gut und verzeiht Dir... Alle, die ich geliebt, sind wieder beisammen, und keiner — wer kann uns noch trennen? Weißt Du, Mann? Höre, Georg! —«
Da that der Priester, was seines Amtes war, sie aber schaute, ohne es zu bemerken, in die Höhe, und ihre lächelnden Lippen bewegten sich dabei immer fort; doch gelang es ihnen nicht mehr, deutliche Laute zu bilden. Endlich kamen sie zur Ruhe, die Augensterne verschwanden unter den Lidern, die Hände lösten sich von dem Kruzifix, die Glieder erbebten ihr leise, um sich dann allmälich zu strecken, und ihr Mund öffnete sich, als ob er tief Atem schöpfen wolle. Aber er schloß sich nicht wieder, und als der treue Hausmeister ihre Lippen einander näherte, war ihr Antlitz schon regungslos, und ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen.
Der treue Mann schluchzte laut auf, und als er dem Wekil die Trauerpost überbrachte, stieß dieser einen Fluch aus und rief dem Unterbefehlshaber an seiner Seite, welcher die Beladung einiger Kamele mit den Schätzen des Tablinums überwachte, ingrimmig zu: »Ich wollte die verrückte Alte großmütig schonen, und nun spielt sie mir diesen Streich, und die in Medina schieben mir auch ihren Tod noch in die Schuhe, wenn nicht...«
Hier unterbrach er sich plötzlich, und während er sich wieder den Kamelen und ihrer Beladung zuwandte, dachte er: »Bei so hohem Spiel kommt es auf ein paar Goldstücke mehr oder weniger nicht an. Einige Köpfe müssen noch vom Rumpfe — der des schönen Aegypters den übrigen voran. — Wenn nur die Verschworenen in Medina ihre Schuldigkeit thun! Des Omar Sturz bringt auch den Amr zu Fall, und damit kommt dies alles ins Gleiche!
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Katharina hatte wenig geschlafen und war ihrer Gewohnheit gemäß sehr früh aufgestanden, während Heliodora die Morgenstunden gern verschlief. Diese waren in solcher Glutzeit gewiß die schönsten des Tages, und das Bachstelzchen hatte sie sonst froh genossen, aber obgleich eine große indische Blume in der letzten Nacht zum erstenmal aufgeblüht war, und der Obergärtner sie ihr mit gerechtem Stolz zeigte, konnte sie sich doch nicht freuen. Mochte sie verdorren, und mit ihr die ganze Welt!
In dem Nachbargarten regte sich noch nichts; doch da kam der lange Arzt Philippus auf der Straße daher, um die Frauen drüben zu besuchen.
Mit wenigen hurtigen Schritten eilte sie an das Thor und rief ihn an.
Sie mußte ihn bitten, von der gestrigen Begegnung zu schweigen, und er blieb sogleich stehen und teilte ihr mit, bevor sie noch Zeit gefunden, ihm ihren Wunsch zu eröffnen, daß die Witwe des Mukaukas in dieser Nacht, von Schreck und Entsetzen übermannt, ihrem Gatten gefolgt sei.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der das Bachstelzchen Frau Neforis wie einer zweiten Mutter zugethan gewesen, in der ihr die Statthalterei wie der Inbegriff alles Großen, Ehrwürdigen und Vornehmen erschienen war und in der sie stolz und glücklich gewesen, dort ein und aus gehen zu dürfen, dort wie ein Kind des Hauses geliebt zu werden, und so waren die Thränen, mit denen sich ihre Augen bei dieser Nachricht füllten, ungemacht, und es that ihr wohl, die frohe, herausfordernd glückselige Miene abzulegen, welche sie wie eine Maske trug, seitdem es in ihrer Seele so finster, wild und elend aussah.
Der Arzt begriff ihre Trauer, versprach ihr gern, gegen jedermann reinen Mund zu halten, tadelte sie nicht, hielt ihr aber nochmals die Gefahr vor, der sie sich ausgesetzt hatte, und erinnerte sie dringend daran, jedes Kleidungsstück, das sie und Heliodora gestern getragen, beiseite zu schaffen; denn die feinen Ansteckungsstoffe hingen sich an alles, und jedes Stück Zeug, das einen Kranken berührt habe, sei ganz besonders geeignet, das Seuchengift auf andere zu übertragen und weiter zu verbreiten. Sie hörte ihm ängstlich zu und konnte ihn dann beruhigen; denn alles, was sie und die junge Frau gestern getragen, war in den Badeofen gewandert.
Der Arzt eilte weiter, sie aber achtete nicht der wachsenden Hitze und wandelte ruhelos in den Gängen des Gartens umher. Das Herz schlug ihr in kleinen, raschen, peinigenden Schlägen, eine unsichtbare Last bedrückte sie und hinderte sie, frei zu atmen. Dabei stieg eine Reihe von quälenden Gedanken ungerufen in ihr auf, ließ sich nicht zurückdrängen und steigerte ihre innere Beklemmung.
Frau Neforis tot, die Statthalterei von den Arabern genommen, Orion seiner Güter beraubt und angeklagt auf Tod und Leben.
Und das friedliche Haus dort hinter der Hecke. Was stand ihm, seinem silberhaarigen Herrn und dessen unschuldiger Frau und Tochter bevor? Ein Unwetter zog sich auch über ihnen zusammen, sie sah es herannahen, und hinter ihm her wie neues, braunes, todbringendes Gewölk die Seuche, die furchtbare Seuche.
Und sie, sie, das kleine, schwache Mädchen, das flüchtige Bachstelzchen, hatte all dies Furchtbare heraufbeschworen, sie war es gewesen, die die Schleusen geöffnet, aus denen sich jetzt das Verderben rings um sie her zu ergießen begann. Sie sah die Flut wachsen und steigen, sah sie schon das eigene Haus, den eigenen Fuß gierig umspülen, und sie fürchtete sie so, daß ihr im Gedanken an sie der Angstschweiß Stirn und Hände befeuchtete; aber dennoch, dennoch! Hätte sie wirklich die Macht besessen, das Unheil in seine Wolken, die Fluten in ihr Bett zurückzutreiben, sie hätt’ es doch unterlassen! Das letzte, was sie wünschte, was sie als Frucht ihrer Saat aufgehen und sich entfalten zu sehen begehrte, das war noch nicht gekommen, und das zu erleben, dafür war es wert, viel zu erdulden, ja mußte es sein, aus dieser falschen, heißen, reizlosen Welt zu scheiden.
Der Tod hing über Orions Haupt, und bevor er ihn ereilte, sollt’ er wissen, wer das Schwert gegen ihn geschliffen. Vielleicht kam er mit dem Leben davon, doch der Araber gab nicht heraus, was er einmal besaß, und sollte wirklich der junge, glänzende Krösus als Bettler aus dem Gefängnis ins Leben zurücktreten, dann, dann... Was Paula! Was Heliodora! Ihre kleine Hand hatte dem Adler des Zeus nun einmal das Blitzbündel entwunden, dann fand sich auch für diese ein Strahl!
Das Gefühl ihrer furchtbaren Macht, der schon Opfer auf Opfer gefallen, berauschte sie. Sie wollte, wollte Orion, wollte ihn, der sie betrogen, ins Verderben, ins Elend gestoßen, als Bettler zu ihren Füßen sehen, und das war es, was ihr den Mut stärkte, auch das Aeußerste zu unternehmen; das, nur das! Und was ihr dann zu thun gefallen würde, das wollte sie selbst noch nicht wissen, das lag noch im Schoße der Zukunft, das konnte vielleicht weich und barmherzig und liebreich ausfallen.
Als sie sich in das Halle zurückbegab, waren Angst und Beklemmung von ihr gewichen, frische Thatenlust hatte sich ihrer Seele bemächtigt, und aus der kleinen Lauscherin und Hinterträgerin war in dieser Stunde ein zu jedem Verbrechen bereites, zielbewußtes, furchtbares Weib geworden.
»Armes Schäfchen!« dachte der Arzt Philippus, wie er den Garten des Rufinus betrat; »auch ihrem kleinen Herzchen mag der Unselige weh genug gethan haben!«
Der Garten seines alten Freundes war leer. Nur unter der Sykomore saßen zwei Menschen: die Riesengestalt eines jungen Mannes und ein schönes, zartes, etwas bleiches, blondhaariges Weib. Der große Gesell hielt eine breite Wollensträhne mit den mächtigen Händen auseinander, und das Mädchen neben ihm wickelte den Faden auf ein Knäuel. Es war der Masdakit Rustem und die schöne Mandane, beide hergestellt von ihren Wunden, und die Perserin zu neuem, ruhigem, verständigem geistigem Leben erwacht.
Philippus war dieser wunderbaren Herstellung mit großer Teilnahme und Sorgfalt gefolgt. Er schrieb sie zunächst der starken Blutung an ihrem Kopfe, dann aber auch der guten Luft und Pflege zu, die sie genossen. Es galt nur, sie auch weiter vor Unruhe und heftiger Gemütsbewegung zu schützen. In dem Masdakiten hatte sie einen Freund und gehorsamen Verehrer gefunden, und Philipp freute sich an dem Anblick dieser beiden, an denen seine Kunst einmal nicht zu schanden geworden.
Der Gruß, den er ihnen zurief, klang auch gar froh und herzlich, und auf Philippus’: »Wie geht es?« antwortete der Masdakit mit einem heiteren: »Wie dem Fisch im Wasser!« und indem er auf Mandane wies: »Der Landsmännin gleichfalls.«
»Einverstanden?« fragte Philipp, und sie bejahte es mit einem lebhaften Nicken.
Da drohte Philipp dem Perser mit dem Finger und rief: »Wickle Dich hier nur nicht fest, Freund! Wer weiß, wie bald Herr Haschim Dich fortruft!«
Während er dem genesenden Paar dann den Rücken wandte, murmelte er vor sich hin: »Doch einmal etwas Erquickliches bei all dem Elend; sie und die kleine Maria!«
Vor seiner Abreise hatte Rufinus die verkrüppelten Kinder, welche er bei sich aufgenommen, zu ihren Eltern zurückgeschickt, und so fand der Arzt niemand im Vorsaal.
Wahrscheinlich waren die Frauen beim Morgenimbiß im Speisezimmer! Doch er irrte; denn der sollte erst später beginnen, und Pulcheria war noch mit der Herrichtung des Tisches beschäftigt.
Sie bemerkte den Eintretenden nicht, während sie Trauben und Granatäpfel, Feigen und die an Geschmack der Maulbeere gleichenden Früchte, welche büschelweise aus dem Stamm der Sykomore hervorschießen, sorgfältig zwischen Blättern, die von der Glut der letzten Wochen halb vergilbt waren, zusammenlas. Das hübsche Gebäu rundete sich schon zu einem zierlichen, vielgliedrigen Kegel, doch ihre Gedanken waren nicht ganz bei der Arbeit; denn Thräne auf Thräne rann ihr über die Wangen.
»Die gelten dem Vater,« dachte Philippus, während er ihr von der Thür aus zuschaute.
»Armes Kind!« Wie oft hatte er den Freund sie so nennen hören! Und ein Kind war sie bis jetzt auch für ihn gewesen; doch heute mußte er sie mit anderen Augen ansehen, da es ja ihr eigener Vater so bestimmt; auch stand er vor ihr wirklich wie vor einem Wunder.
Was war aus der kleinen Pul nur geworden?
Wie konnte er das erst heute bemerken?
Eine herrlich erwachsene Jungfrau regte da vor ihm die runden schneeweißen Arme, und er hätte vorhin noch schwören mögen, daß sie niemals andere als die dünnen Kinderärmchen besessen, die sie ihm so oft um den Hals geschlungen hatte, wenn sie auf ihm, ihrem »edlen Renner«, im Garten auf und nieder geritten.
Wie lange war das her?
Zehn Jahre!
Sie zählte jetzt siebenzehn!
Und wie zart, schlank und weiß waren ihre Hände geworden, um deretwillen die Mutter sie oft gescholten, wenn sie Sandhäuser gebaut und sich gleich darauf zu Tisch gesetzt hatte.
Nun legte sie eine Traube in schöner Rundung um einige Granatäpfel her, und dabei kam ihm die Anerkennung in den Sinn, welche sein alter Freund gestern ihrer Geschicklichkeit gezollt hatte.
Die Fenster waren verhängt; doch einzelne Sonnenstrahlen fanden trotzdem den Weg in das Zimmer und fielen auf ihr rotblondes Goldhaar. Einen so köstlich gefärbten Haarschmuck hatten selbst die blonden Böotierinnen nicht gehabt, die er als Student von Athen aus in ihrer Heimat bewundert.
Daß ihr Gesicht hübsch und lieb war, das hatte er immer gewußt; doch wie sie die Augen aufschlug und sie ihn bemerkte, und ihr Blick ihn so jungfräulich verlegen, so lieblich überrascht und doch so freundlich traf, da fühlte er, daß er erröte, und er mußte sich erst einige Augenblicke sammeln, um ihren Gruß mit etwas Besserem als dem bloßen Gegengruß zu erwidern. Und mit welchem bedeutenden Satze begann die Anrede, auf die er sich in dieser Pause besonnen.
»Ja, da bin ich,« lautete er wörtlich und verdiente wahrhaftig nicht die herzliche Antwort: »Gottlob, daß Du kommst!« und die mit so reizender Befangenheit hinzugefügte Erklärung: »Schon wegen der Mutter!«
Da errötete er, der Mann, der von jugendlicher Befangenheit längst nichts mehr wußte, zum zweitenmale und erkundigte sich nach dem Befinden Frau Johannas und wie sie ihr Leid ertrage, und endlich sagte er ernst:
»Wie Schlimmes brachte ich gestern, und heute flattere ich euch wieder als Unglücksrabe ins Haus.«
»Du?« fragte sie lächelnd, und in diesem kleinen Wort lag ein so holder Zweifel an seiner Fähigkeit, Böses zu bringen, daß er sich sagen mußte, der Freund habe ihm in diesem Kinde, in dieser Jungfrau das Beste hinterlassen, was ein Sterblicher dem andern nur immer zu bescheren vermag: eine teure, vertrauensvolle, unschuldige Tochter, nein, ein Schwesterchen, so rein, so anmutig und liebenswert, wie es nur das Kind solcher Eltern sein konnte.
Und während er ihr dann erzählte, was sich in der Statthalterei zugetragen, und merkte, wie sehr ihr um Paulas und der kleinen Maria willen der Tod der ihr selbst fern stehenden Witwe zu Herzen ging, beschloß er, Pulcherias Mutter gleich nachher mit dem Wunsche ihres verstorbenen Gatten bekannt zu machen.
Doch dies alles drängte die alten Empfindungen für Paula keineswegs in den Schatten, nein, sie quälten ihn heute so heiß und brennend wie je; aber er fühlte dabei, daß sie ihm zum Unheil gereichten, daß er sich mit ihnen selbst schädige und, da sie nicht erwidert wurden, beleidige. Er wußte, daß er in der Nähe der Damascenerin, daß er, verurteilt, mit ihr zusammenzuleben, nie zur Ruhe kommen und Leid auf Leid zu erdulden haben werde. Nur fern von ihr und unter einem Dache mit Johanna und ihrer Tochter konnte es ihm wieder beschieden sein, ein zufriedener, glücklicher Mensch zu werden, und doch wagte er noch nicht, diesem Gedanken Ausdruck zu geben.
Pulcheria merkte, daß er ihr etwas vorenthielt, und fürchtete, es sei ihm etwas Neues bekannt geworden, das sie bedrohe, doch dieser Besorgnis konnte er entgegentreten und versichern, er habe vielmehr etwas im Sinne, das wenigstens ihm erfreulich scheine; aber daran konnte ihr bekümmertes und viel geängstigtes Herz kaum glauben, und nun bat er sie, die Hoffnung auf bessere Tage nicht zu verlieren, und fragte sie, ob sie recht festes, gutes Zutrauen zu ihm habe.
Da antwortete sie freudig, das müsse er doch fühlen, und während Frau Johanna und die anderen das Zimmer betraten und sie der Mutter, die sie schon in der Frühe begrüßt hatte, zunickte, hielt sie ihm die Hand hin und ergriff sie und schüttelte sie herzlich.
Das waren erquickliche Augenblicke für ihn gewesen, doch Paulas Anblick und das, was er ihr mitzuteilen hatte, führte ihn in die alte, bedrückte, unglückselige Stimmung zurück.
Die kleine Maria, welche wieder rote Wangen bekommen hatte und wie eine Gesunde aussah, warf sich bei den schlimmen Nachrichten, die er überbrachte, schluchzend um Paulas Hals; diese aber zeigte sich ruhiger und gefaßter, als er erwartet. Zwar war sie anfänglich tief erblaßt; bald aber hatte sie ruhig und gesammelt zugehört und endlich die freie, aufrechte Haltung wiedergewonnen.
Philippus mußte sich bei ihrem Anblick ans Herz greifen, und sobald es anging, brach er auf.
Es war, als sollte ihm noch einmal recht deutlich und schmerzlich vorgeführt werden, was er in ihr hätte besitzen können; denn wie getragen von einer hohen Empfindung schritt sie dahin, und ein träumerischer Schimmer verlieh ihrem edlen Gesicht einen Anmutszauber, der ihm ebenso weh that, wie er ihn entzückte.
Orion ein seiner Güter beraubter Gefangener!
Nur kurze Zeit hatte sie dieser Gedanke erschreckt; dann aber war es ihr gewesen, als sei es so eben recht, und das, was auf den ersten Blick wie ein furchtbares Unglück erschien, über sie verhängt worden, um ihre Liebe gleichsam von der Schale zu befreien, sie in ihrer ganzen Größe und Reinheit bloßzulegen und ihr, half der Allgütige, die rechte Weihe zu geben.
Für sein Leben fürchtete sie nicht; denn er hatte ihr gesagt und geschrieben, wie väterlich freundlich sich der Feldherr Amr gegen ihn erwiesen, und alles, was geschehen, war gewiß nur ein Streich des Wekils, von dessen bösem, gehässigem Wesen er ihr, während Rufinus die Aebtissin gewarnt, ein abschreckendes Bild entworfen.
Als des Freundes Haus hinter Philipp lag, atmete er auf.
Wie hatte er diese Frauen so ganz anders gefunden, als er erwartet!
Sein alter Freund kannte die Menschen!
Aus kleinen Anzeichen war es dem Greise gelungen, sich ein richtigeres Bild von Pulcheria zu bilden, als er es in jahrelangem vertrautem Umgang gewonnen. Auch das hatte der Alte vorausgesehen, daß die Gefahren, welche den Statthalterssohn bedrohten, Paulas Gefühle für Orion wie ein frischer Windhauch anfachen würden, und Johanna, die zarte, schwächliche Johanna, wie heldenhaft trug sie den Verlust dessen, für den sie so viele Jahre in treuer Liebe gelebt! Er mußte sie mit der unglücklichen Neforis vergleichen, und was war es denn, was jene den schwersten Verlust so viel würdiger tragen ließ als diese? Doch nur ihrer Pulcheria zärtliches Herz, das ihr Leid so schön und still mit ihr trug, es so gern und verständnisvoll teilte. Dergleichen hatte der Witwe des Mukaukas gefehlt, und glücklich, wer ein solches Herz sein nennen durfte.
Gesenkten Hauptes durchmaß er, diesmal ohne nach rechts und links zu schauen, den Garten.
Der Masdakit, welcher noch immer mit Mandane unter der Sykomore saß und so wenig wie sie von der steigenden Glut des Tages gestört ward, blickte ihm nach, wies auf ihn hin und seufzte:
»Da geht er! ‘s ist wohl das erstemal, daß er Dir oder mir ein garstiges Wort sagte; oder hast Du es gar nicht verstanden?«
»Doch, doch,« sagte sie leise und schaute auf ihre Stickerei.
Sie redeten persisch miteinander; denn sie hatte diese Sprache nicht vergessen, welche die Mutter bis an ihr Ende mit ihr geredet.
Das Leben ist bisweilen das seltsamste Märchen, und wunderbar durfte man das Ungefähr nennen, welches gerade diese beiden in der Krankenstube zusammengeführt hatte; denn seine ferne Heimat war auch die ihre, und er kannte sogar ihren Oheim, den Bruder ihres Vaters, und des letzteren traurige Geschichte.
Als sich das griechische Heer seiner Gegend bemächtigt hatte, waren die Männer mit den Herden in die Wälder geflohen, die Frauen und Kinder in das Festungswerk, welches die Landstraße verteidigte. Dies hatte den Byzantinern nur kurze Zeit widerstanden, und die Weiber, und unter ihnen auch Mandane und ihre Mutter, waren an die Soldaten als wertvolle Kriegsbeute verteilt worden. Ihr Vater hatte dann eine bewaffnete Bande um sich geschart, um die Frauen zu befreien, war aber dabei mit seinen Genossen ums Leben gekommen. Man sprach heute noch in der Gegend von dem traurigen Untergang des mutigen Mannes, und seinem jüngeren Bruder gehörten nunmehr das Gut und die schönen Roßweiden, die jener besessen.
So hatten die beiden Genesenden von vornherein sich viel zu erzählen, und es war merkwürdig, wie fest viele frühe Kindheitserinnerungen sich Mandanes Gedächtnis eingeprägt hatten.
Mit umdüstertem Gehirn war ihr wundes Haupt auf die Kissen des Krankenbettes gelegt worden, und wie ein Gewitter, das die erstickende Luft eines drückenden Sommertages säubert, hatte das neue Leid den Schleier von ihrem verfinsterten Geiste gezogen. In der Kindheit, der Zeit, da sie noch die Mutter besessen, und in der Gegenwart weilte er gern, was dazwischen lag, erschien ihm wie der nächtliche Himmel: finster, aber erhellt von einem furchtbaren Kometen und leuchtenden Sternen. Der Komet war Orion. Was sie mit ihm genossen und durch ihn gelitten, verwies sie in die Zeit ihres Irrsinns, das hatte sie sich gewöhnt, zu den Wahnvorstellungen zu zählen, von denen sie befangen gewesen. Ihre Seele war nicht zum Haß geschaffen, und sie wollte und konnte dem Statthaltersohne nicht feindlich gesinnt sein. So stellte sie sich ihn vor wie einen, der ihr ohne üblen Willen großes Unrecht zugefügt, und dessen sie sich nicht einmal erinnern durfte, ohne sich in Gefahr zu begeben.
