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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 35

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»Das heißt doch,« hob der Masdakit nun wiederum an, »daß es auch Dir nicht gleichgiltig sein wird, wenn mich Haschim zurückruft?«

»Nein, Rustem; das würde mir sogar sehr leid thun.«

»O!« machte der andere und fuhr sich über den großen Kopf, auf dem die starke Haarmähne, welche man abgeschnitten, wieder zu wachsen begann. »Ja, dann, Mandane, dann... Ich habe schon gestern reden wollen, doch es kam noch nicht heraus; aber nun: warum thut es Dir eigentlich leid, daß ich gehen muß?«

»Weil — ja, wer findet denn gleich die Gründe — weil Du immer gut gegen mich warst, und weil Du mein Landsmann bist und ich persisch mit Dir reden kann, wie mit der Mutter.«

»So, also nur darum?« fragte der andere gedehnt und rieb sich die Stirn.

»Nein, nein! Auch weil... Hast Du uns einmal verlassen, so bist Du doch nicht mehr da...«

»Ja, das ist es eben, das ist’s! Und wenn Dir das leid thut, so muß es Dir doch gefallen haben hier — so mit mir zusammen.«

»Warum denn auch nicht? Gewiß war es hübsch,« entgegnete sie und suchte errötend seinem Blick auszuweichen.

»Das war’s auch und ist’s immer noch!« rief er und schlug mit der breiten Faust in die Linke, »und eben darum muß es einmal heraus, darum dürfen wir uns, wenn wir vernünftig sind, gar nicht mehr trennen.«

»Aber Dein Herr wird Dich brauchen!« rief sie mit wachsender Befangenheit aus, »und immer können wir den guten Menschen hier doch nicht zur Last sein. Weben soll ich noch nicht, aber bald muß ich mich, da ich doch frei bin und die Schrift habe, die mich losgibt, nach Arbeit umschauen, und ein kräftiger, gesunder Mann wie Du kann sich auch nicht immer pflegen.«

»Was pflegen!« lachte er behaglich auf. »Geschafft soll werden, geschafft und für Drei!«

»Bei Deinen Kamelen; immer auf Reisen?«

»Damit hat’s dann ein Ende,« versetzte er schmunzelnd. »Wir gehen in die Heimat zurück, ich kaufe mir dort ein gutes Stück Weideland; denn mein ältester Bruder hat unser Gütchen, und ob ich mich auf Kamelzucht verstehe, das frage den Haschim.«

»Aber, Rustem, bedenke doch!«

»Bedenken! Denken hin, denken her. Wollen und haben, darauf kommt’s an. Und wenn Du meinst, zum Kaufen braucht’s Geld, und an dem Besten wird’s hapern, so kann ich Dir sagen... Verstehst Du zu lesen? Nein, ich auch nicht; aber da in dem Täschchen hab’ ich meine Abrechnung von des Herrn eigener Hand. Elftausenddreihundertundsechzig Drachmen sind’s am letzten Termine gewesen für Lohn, weißt Du, und als den Gewinn, an dem der Herr mich teilnehmen läßt, seitdem ich die Karawane führe. So ziemlich alles hat er behalten; denn Verpflegung gab es, ein Stück Zeug für den Leib fiel immer ab von den Waren, und ein Schlemmer bin ich niemals gewesen. Elftausenddreihundertundsechzig Drachmen! He, Täubchen, so steht es; und was sagst Du nun? Läßt sich dafür etwas kaufen? Ja oder nein?«

Triumphirend schaute er sie an, sie aber entgegnen eifrig: »Doch, doch, und bei uns zu Lande, glaub’ ich, etwas recht Hübsches.«

»Und wir — Du und ich — wir — es soll jetzt ein ganz neues Leben beginnen. Siebenzehn Jahre war ich alt, wie ich dem Herrn gefolgt bin, und bei der Sonnenwende bin ich sechsundzwanzig geworden. Wie viel Jahre war ich also auf Reisen?«

Beide dachten eine Zeit lang nach, dann sagte Mandane schüchtern: »Wenn ich nicht irre, sind’s acht.«

»Neun sind es schon, glaub’ ich,« versetzte er eifrig. »Laß einmal sehen; her mit dem Pätschchen! Siehst Du, mit der Siebenzehn fang’ ich an — so alt war ich wie ich in den Dienst trat. Der kleine Finger zuerst — so ein niedliches Dingel! — und nun der andere!«

Dabei faßt’ er ihre Rechte und zählte an ihren Fingern weiter, bis er auch zum letzten der linken Hand gelangt war.

Das Resultat versetzte ihn in Erstaunen, und kopfschüttelnd rief er:

»Man hat doch an beiden Händen zehn Finger, und zehn Jahre können’s noch nicht sein, neun sind es höchstens!«

Und jetzt begann er das Zählen, welches ihm sehr behagte, von neuem, doch das Ergebnis blieb das gleiche; sie aber versicherte, es seien nur neun, sie hab’ es berechnet, und er stimmte ihr bei und meinte, ihre Fingerchen müßten verhext sein. Ja, das Spiel hätte noch lange fortgedauert, wenn ihr nicht eingefallen wäre, daß man die Siebenzehn nicht mitzählen dürfe und gleich mit der Achtzehn beginnen müsse. Rustem konnte das indessen nicht recht begreifen, und wenn er trotzdem nachgab, ließ er doch ihre Hand nicht frei und fuhr heiter fort: »Und, mein Mädchen, siehst Du, diese kleine Hand — zieh sie jetzt meinetwegen zurück — diese Hand will ich behalten, und mit ihr das hübsche Mädele, und was daran hängt. Und ich nehme Dich und die beiden Hände samt den verhexten Fingern mit mir nach Hause. Da können sie fleißig weben und sticken, und als Mann und Weib trennen wir uns nicht wieder, und ein Leben wollen wir führen — ein Leben — die Paradiesesfreuden sollen dagegen sein wie lauter Hiebe mit dem Oelbaumscheit auf den Schädel; ich hab’ sie gespürt!«

Dabei griff er wieder nach ihrer Hand, doch sie entzog sie ihm und sagte verwirrt und mit niedergeschlagenen Augen: »Nein, Rustem; ich habe ja schon gestern dergleichen gefürchtet, doch nie und nimmermehr darf das geschehen. Ich bin so dankbar, so dankbar; aber nein, nein, es kann nicht sein, und dabei muß es bleiben. Dein Weib, Rustem, darf ich nicht werden.«

»Nicht?« fragte er dumpf, und auf der schmalen Stirn schwoll ihm die Ader. »So hast Du mich vorhin zum Narren gehalten? Und was Du da von Dankbarkeit faselst...«

Heftig erregt stand er auf, sie aber faßte seinen Arm, zog ihn auf die Bank zurück, wagte es, ihm mit zärtlicher Bitte in die Augen zu schauen, welche nie lange zornig zu glühen vermochten, und sagte: »Wie Du gleich wieder auffährst! Es wird mir ganz gewiß weh thun, mich von Dir zu trennen; und siehst Du mir denn nicht an, daß ich Dir gut bin? Aber es geht und geht doch nicht! Ich, ich... ach, dürfte ich doch wieder in die Heimat zurück, mit Dir, gerade mit Dir! Und Dein Weib! Was für ein stolzer, schöner Gedanke das ist, und wie rührte ich so gern für uns beide die Hände, die ja geschickt und fleißig sind, aber...«

»Aber?« fragte er und streckte ihr das große, gerötete Gesicht mit einem Ausdruck entgegen, als hab’ er im Sinn, sie zu zermalmen.

»Aber um Deinetwillen geht es nicht, darf es nichts sein, nein, ganz gewiß nicht; denn so, so schlecht will ich Dir all Deine Güte nicht lohnen. Hast Du denn ganz vergessen, was ich war, was ich bin? Und Du? Als freier Mann kommst Du bald mit einem schönen Vermögen nach Hause und darfst von jedermann Achtung und Ehrerbietung verlangen; doch das wird anders, ganz anders, wenn Du ein Weib wie mich mit Dir schleppst, eine — und wär’ es auch nur eine frühere Sklavin!«

»Darauf also kommt es hinaus?« unterbrach er sie, und sein Blick erhellte sich wieder. »Das ist’s, was Dich ängstigt, Du armes Seelchen? Aber weißt Du denn nicht, wer ich bin, hab’ ich Dir nicht neulich erklärt, was ein Masdakit ist? Wir Masdakiten glauben und wissen, daß alle Menschen ursprünglich gleich sind, daß es besser stünde um diese pudelnärrische Welt, wenn es weder Herren gäbe noch Knechte; doch wie es zugeht auf Erden, so geht es eben zu. Der reine Himmelsherr duldet es wohl noch eine Weile; aber später, vielleicht schon bald, wird es ganz anders, und unsere Aufgabe ist es, den Tag der Gleichheit vorzubereiten. Mit ihm kommt das Paradies auf die Erde, und es wird für den Menschen kein Ueber und Unter, sondern nur noch ein Handinhand und Nebeneinanderstehen und Wandeln geben. Dann hört Krieg und Elend auf; denn was es Schönes und Gutes auf Erden gibt, das gehört allen gemeinsam, und jeder gibt und hilft dem andern so gern, wie er ihm jetzt nimmt und ihn schädigt und drückt. Wir schließen auch keine Ehen wie die anderen Menschen, sondern der Mann, der einem Weibe gut ist, sagt: ›Willst Du mein sein?‹ Und wenn das Herz es ihr rät, so folgt sie ihm in sein Haus, doch eins darf das andere verlassen, wenn es mit der Liebe vorbei ist, aber fester aneinander gehangen wie meine Eltern und Großeltern haben keine anderen Ehepaare unter Parsen und Christen, und so, ebenso wollen wir’s halten bis ans Ende; denn unsere Liebe, die soll uns stark zusammenbinden mit guten Seilen, die länger dauern als unser Leben. — Nun kennst Du die Lehre unseres Meisters Masdak, der schon mein Vater und Großvater gefolgt sind und die mir meine Mutter gepredigt, als ich noch klein war. Unser ganzes Dorf hängt ihr an, und es gibt da auch keine Sklaven, nein, das Land, das dem Dorfe gehört, das bearbeiten alle gemeinsam, und die Ernte teilen sie unter einander. Aber freilich, Fremde lassen sie nicht mehr zu, und ich muß mir das Meine schon anderwärts suchen. Doch Masdakit Die kommunistische Lehre Masdak’s charakterisirt der alexandrinische Bischof Eutychius, geb. 876 n. Chr., also. »Es hat Gott den Menschen das Ihre zugeteilt, damit du es gleichmäßig unter ihnen verteilest und keinem mehr zufalle als dem andern. Wenn aber einem mehr als billig an Vermögen, Weibern, Sklaven und beweglichem Besitz gehörte, dem wollen wir es entreißen, damit wir ihn und die anderen unter sich gleich machen.« bleib’ ich darum doch, und wähl’ ich mir eine frühere Sklavin zum Weibe, so handle ich nur nach der Lehre des Meisters und leist’ ihr Vorschub. Aber Du — eigentlich ginge Dich das gar nichts an; denn Du bist eines freien, braven Mannes Kind, den das ganze Land achtet, und eine Gefangene bist Du für die dort im Osten und keine Sklavin! Mich werden sie ehren als Deinen Befreier. Aber hätt’ ich Dich so, wie Du da bist, als letzte Sklavin eines Schweinehirten gefunden, ganz gewiß, auch dann wär’ ich gleich in den Beutel gefahren und hätte Dich losgekauft und Dich als mein Weib mit nach Hause genommen, und keiner von den Unseren, der Dich gesehen, hätt’ mir’s verdacht. Jetzt weißt Du’s, und nun ist’s hoffentlich aus mit dem Sperren und Zieren.«

Aber Mandane gab ihm noch immer nicht nach, sondern schaute ihn mit einem um Mitleid flehenden Blick traurig an und wies auf die Stelle ihrer verstümmelten Ohren.

Da zuckte er mit den Achseln und lachte: »Das, nun natürlich auch das noch. Du willst mir eben nichts schenken. Ja, hätt’ es die Augen betroffen, dann wär’ es aus mit dem Sehen gewesen, und ein blindes Weib kann kein Landmann brauchen, dann ließ’ ich Dich auch, wo Du bist. Aber so, sage selbst, Täubchen, hörst Du nicht scharf wie ein Vogel? Und die Vögel — so hübsche Tierchen — hast Du je einen mit Ohren gesehen, außer den garstigen Fledermäusen und Eulen? Dummes Zeug ist das alles. Und wer sieht denn überhaupt, was Dir fehlt, seit die Jungfrau Pul Dir die Haare so schön nach vorne gekämmt hat? Und nun gar zu Hause! Hast Du den Kopfschmuck unserer Frauen vergessen? Wenn da eine Löffel hat wie ein Hase; nur zu! Man sieht es ja doch nicht. Wie Du bist, Du cypressenwüchsige Lilie, siehst Du noch zehnmal schöner aus als die Hübscheste dort, und wenn sie statt zwei gleich drei oder vier Ohren hätte. Ein Mädchen mit drei Ohren! Denk einmal, Mandane: wohin kommt das dritte zu stehen?«

Wie lachte er dabei so herzlich, wie war er so froh, diesen Spaß gefunden, und was ihr leicht hätte weh thun können, so scherzhaft beiseite geschoben zu haben.

Doch seine laute Heiterkeit verfehlte die Wirkung und erweckte nur ein stummes Lächeln auf ihren Lippen, und auch dies verschwand schnell, und an seine Stelle trat, während ihr schönes Haupt tief auf die Brust sank, ein so schwer besorgter, bekümmerter Ausdruck, daß er weder mit dem Scherz fortfahren noch sie wieder hart anlassen konnte, sondern mitleidsvoll und mit leisem Kopfschütteln sagte: »So mußt Du mich nicht ansehen, Taube, ich kann’s nicht ertragen. Was liegt Dir wohl noch auf dem Seelchen? Mut, Mut, Schatz, und frei weg von der Leber geredet! Aber warte! Die Hand vor den Mund! Das, das kann ich Dir wohl ersparen. ‘s ist — mein armes, liebes Mädele! — es ist die alte Geschichte mit dem Sohn des Mukaukas.«

Da nickte sie ihm mit feuchten Augen bejahend zu, er aber stieß einen stechenden Seufzer aus und sagte: »Ich hab’ mir’s gedacht, richtig gedacht, armes Herzchen!«

Dann faßt’ er ihre Hand und fuhr treuherzig fort: »Das hat auch mir böse Stunden bereitet, hat nur da drinnen arg zu schaffen gemacht, und beinahe wär’s so weit gekommen, daß ich Dich darum sitzen gelassen und uns beide um Glück und Freude betrogen hätte. Aber ich bin zu rechter Zeit zur Vernunft gekommen. Nicht weil Frau Johanna — und was die spricht, das muß wohl wahr sein — mir vorgestern sagte, das mit dem — nun, Du weißt ja — das sei alles hin und vorüber; nein, diesmal ist die Vernunft aus mir selber gekommen; denn ich hab’ mir gedacht: so ein engelschönes, mutterloses, schutzloses Sklavending, das der junge Sohn des eigenen Herrn festhält, wie soll es sich wehren? Und das arme, liebe Herz, wie grausig bös es bestraft ward! Ach, Mädelchen, Mädelchen, heul nur! Mir steigt es ja auch schon ins Auge! ‘s hat so sein sollen, es ist so über Dich gekommen. Du und ich und der Großkönig und alle himmlischen Heerscharen, wer kann wohl noch etwas dagegen? Aber, siehst Du, ich armer Narr, ich versteh’, wie das gekommen, und verklage Dich darum nicht und hab’ Dir auch nichts zu verzeihen. Ein schweres Unglück ist’s eben gewesen. Aber es hat, gottlob, beizeiten sein Ende gefunden, und ich kann es ganz und gar vergessen, wenn Du mir nur sagst: ›Das alles ist aus und vorbei und liegt im Grab wie was Totes.‹«

Da zog sie, bevor er es wehren konnte, seine Hand mit ungestümer Zärtlichkeit an die Lippen und schluchzte: »So gut, so himmlisch gut, wie Du bist, Rustem, so gut gibt es keinen zweiten Menschen auf Erden, und dafür soll die Mutter Dich segnen! Mach mit mir, was Du willst. Und daß Du’s weißt, ja, vorbei ist alles, hin und vorbei, und muß ich doch noch einmal daran denken, so graut mir davor. Und so, gerade so, wie Du sagtest, ist’s wirklich gewesen. Die Mutter tot, und niemand da, um mich zu warnen und zu beschützen! Ich war kaum sechzehn Jahre alt, ein einfältiges, unerfahrenes Ding, und da rief er mich zu sich, und über mich ist es gekommen wie ein Traum, wenn man schläft, und als ich wieder erwachte...«

»Da sind wir,« unterbrach er sie und wischte sich die Augen und versuchte dabei zu lachen, »da haben wir mit Löchern im Kopfe neben einander gelegen, und wie es bei mir zu Hause immer am schönsten ist, wenn der harte Winterfrost vorbei und der Schnee zerschmolzen und alle Blumen im Thale auf einmal aufblühen, so geht es auch uns jetzt am Ende, mein Mädele. Gut, wunderherrlich soll es jetzt werden! Vorgestern, siehst Du, da war ich mit mir noch nicht im reinen; denn Dein Unglück, es ließ mir keine Ruhe und ging mir gegen den Strich; nun, Du kannst Dir’s schon denken. Aber dann, als ich später in meiner Kammer lag, und der Mond schien mir aufs Bett, da,« und nun fuhr er mit einem träumerischen Ausdruck, der sein derbes Antlitz eigentümlich verschönte, sinnend fort: »da mußt’ ich mich fragen: hat denn der Mond da oben nicht heut Abend wieder gute Erfrischung und schönes Licht gebracht, obgleich er doch in der Frühe versunken war im Meer? Und so ein Menschenherz, das einmal untergegangen war, kann es nicht auch wieder aufgehen blink und blank, wenn es sich recht abgebadet und ausgeruht hat? Und so ein Herz! Man möchte wohl seine Liebe für sich ganz allein, aber es kann sich doch mehr als einmal verschenken; denn, dacht’ ich mir, meine Mutter, wie ist sie so zärtlich gegen mich gewesen, und als noch ein Kind kam und noch eins, hat sie ihnen auch ihr Bestes gegeben, und ich bin darum nicht zu kurz gekommen, wenn sie mein jüngstes Schwesterchen an der Brust hielt, und auch dieses nicht, wenn sie mich hätschelte und küßte. So muß es auch sein! Und sie, dacht’ ich, hat sie auch schon einmal einen andern lieb gehabt, es bleibt darum doch für mich noch ein gutes Teilchen übrig an Liebe!«

»Ja, ja, Rustem, gewiß!« rief sie und schaute ihm mit dankbarem, thränenfeuchtem Blick in die Augen. »Was in mir ist von Liebe und Zärtlichkeit, Du allein, nur Du sollst es haben!«

Da rief er freudig:

»Na, das war ein Wort! Daran kann man sich halten! Das nenn’ ich mir einen Morgen! Als ein losgebundener Landfahrer hab’ ich mich unter die Sykomore gesetzt, und als künftiger Grundherr, den das schönste Weibchen auf Erden festhält am Hause, steh’ ich nun auf.«

Noch lange blieben sie unter dem schattenspendenden Laubdache sitzen, und er verlangte nichts als sie anzusehen und auf die alte Frage der Liebenden mit Lippen, Augen oder einem stummen Nicken Antwort zu erhalten. Ihre Hände rührten die Nadel nicht mehr; doch beide hätten diejenigen mitleidig belächelt, welche diesen Vormittag mit seiner sengenden, dörrenden Hitze unerträglich gescholten. Ein Turteltaubenpaar zu ihren Häupten war weniger unempfindlich gegen die Sonnenglut als sie; denn es hatte die Augen geschlossen, und des Weibchens Kopf ruhte schlaff auf dem dunklen Ringe am Halse des Männchens.

Achtunddreißigstes Kapitel.

So wenig wie das persische Liebespärchen, ließ sich der schwarze Wekil Obada von der Hitze des Tages beeinträchtigen. Er betrachtete die Statthalterei als sein Eigentum, und was er darin fand, erweckte in ihm großes Interesse, und nicht nur das der Habsucht; denn zunächst kam es ihm darauf an, hier Dokumente zu finden, welche sein Einschreiten gegen Orion und die Beschlagnahme seines Besitzes in Medina rechtfertigen konnten.

Dort waren große Dinge im Werke, und wenn die Verschwörung gegen den Chalifen Omar glückte, so hatte er nur noch wenig zu fürchten und durfte um so sicherer auf Billigung der neuen Machthaber hoffen, je höher die Summen, welche er bald nach Medina senden konnte, auch die größten überboten, welche sein Vorgesetzter jemals in den heimischen Schatz geschickt hatte.

Mit der Neugier und Begehrlichkeit eines Kindes schritt er von Raum zu Raum, betastete er alles, prüfte er die Weichheit der Polster, blickte er in Schriftrollen, die er nicht verstand, warf er sie bald wieder von sich, roch er im Zimmer der Verstorbenen an den Essenzen und Arzneien, deren sie sich bedient hatte, fletschte er vor Vergnügen die Zähne, wie er in ihrer Truhe wertvollen Schmuck und gemünztes Gold fand, steckte er sich den schönsten Diamantring an die ohnehin überladenen Finger und durchsuchte er zuletzt mit dem größten Eifer die Räume, welche Orion bewohnt hatte.

Sein Dolmetsch, der griechisch zu lesen verstand, mußte ihm dabei jedes vorhandene Schriftstück übersetzen, wenn es nicht Verse enthielt. Während des Zuhörens klimperte und riß er mit völlig unkundiger Hand in den Saiten der Leier des Jünglings umher, goß er von dem wohlriechenden Salböl des feinen jungen Herrn auf seine Hand und betupfte damit den Bart. Vor dem blanken Silberspiegel Orions hörte er nicht auf, Gesichter zu schneiden.

Zu seinem Verdruß wollte sich unter den hundert Sachen und Sächelchen, die hier umherstanden, nichts Verdächtiges finden, bis er, da er sich zum Aufbruch anschickte, in einem Korbe neben dem Schreibtisch einige fortgeworfene Schreibtäfelchen bemerkte. Sogleich wies er den Dolmetsch darauf hin, und so wenig Lesbares auf dem Diptychon Doppeltes, zusammenzuklappendes Schreibtäfelchen.

Stand, so wichtig erschien es dem Schwarzen; denn es lautete also:

»Orion, Sohn des Georg — an Paula, die Tochter des Thomas!

»Du hast schon vernommen, daß es mir unmöglich geworden ist, an der Rettung der Nonnen teilzunehmen. Verkenne mich darum nicht! Dein schöner und nur zu gerechtfertigter Wunsch, Deinen Glaubensgenossen Hilfe zu bringen, hätte genügt...«

Von hier an waren die in Wachs gegrabenen Zeichen geflissentlich verwischt und kaum ein einziges mehr zu entziffern, ja, es folgten den erhaltenen nur noch so wenige Linien, daß man glauben mußte, dieser Brief sei nie zu Ende geführt worden, und so verhielt es sich in der That.

Wenn er dem Wekil auch nichts Belastendes gegen Orion in die Hand gab, so ließ sich solches doch an ihn knüpfen; denn die Tochter des Thomas hatte sicher teil gehabt an dem Unternehmen, welches so vielen wackeren Muslimen das Leben gekostet, und durch den Wechsler in Fostat wußte der Schwarze, daß sie in nächster Verbindung mit dem Sohne des Mukaukas stand und ihm die Verwaltung ihres Vermögens anvertraut hatte. Beide mußten als Verbündete hingestellt werden, und als »Mitwisser« ward Orion jedenfalls durch das Schreiben bezeichnet.

Der Bischof Plotinus von Memphis, auf dessen Veranlassung die Verfolger ausgesandt worden waren, sollte ergänzen, was die Jungfrau verschwieg. Er war gleich nach der Anzeige des geplanten Streiches dem Patriarchen nachgereist und erst gestern früh von Oberägypten zurückgekehrt. Hier in Memphis hatte er dem Wekil zwei Klagen des Kirchenfürsten gegen Orion übersandt. Die eine betraf die Flucht der Nonnen, die andere die Unterschlagung eines kostbaren Smaragds, welcher der Kirche zukam, und beide hatten dem Schwarzen den Mut gegeben, den Besitz des Jünglings mit Beschlag zu belegen, zumal die bittere Form der Anklage des Patriarchen ihn lehrte, daß er in Benjamin einen Bundesgenossen besitze.

Paula mußte in Gewahrsam gebracht werden, und er zweifelte nicht, daß ihre Aussagen Orion in irgend einer Weise belasten würden. Am liebsten hätte er sie gleich verhört, doch gab es heute anderes für ihn zu thun.

Die längste Zeit nahm die Untersuchung des Rentamts in Anspruch. Diese wurde unter Führung seines Vorstehers Nilus unternommen. Alles, was der Beamte als Verschreibungen, Besitzinstrumente, Kauf- und Pachtkontrakte, Grundbücher und dergleichen bezeichnete, sowie die großen vorhandenen Summen in Gold und Silber wurden sogleich auf Ochsenwagen und Kamele geladen und unter sicherem Geleit über den Strom geführt. Die Akten und Dokumente aus früherer Zeit, das Familienarchiv und was damit zusammenhing, ließ der Schwarze dagegen unberührt. Ein unermüdlicher Mann war er gewiß; denn obgleich diese Arbeiten den ganzen Tag in Anspruch nahmen, gönnte er sich keine Erholung, ja er ließ sich nicht einmal einen Imbiß oder einen erfrischenden Trunk reichen. Je weiter der Tag vorschritt, desto häufiger fragte er nach dem Bischof, und zwar in immer ungeduldigerer, gereizterer Weise. Zu dem Patriarchen hätte er sich begeben müssen, aber wer war Plotin? Empfindlich wie alle Emporkömmlinge, sah er sein Ausbleiben für einen Akt persönlicher Nichtachtung an.

Doch der Hirt der Gemeinde von Memphis war kein hochmütiger Prälat, sondern ein bescheidener, frommer Mann. Sein Vorgesetzter, der Patriarch, hatte ihn in Oberägypten mit wichtigen Botschaften an den Feldherrn Amr oder dessen Vertreter betraut, und doch ließ er den Wekil vergeblich auf sich warten und sandte ihm auch keine Botschaft; wohl aber schickte seine alte Haushälterin am Nachmittag den Akoluthen, Gehilfe und Diener des Priesters. der ihm persönliche Dienste leistete, zu Philippus. Ihr sonst so rüstiger und wacher Herr hatte sich gestern wenige Stunden nach seiner Heimkehr bei hellem Tage niedergelegt und war nicht wieder aufgestanden. Glühend und dürstend schien er weder recht zu wissen, wo er sich befand, noch was ihn umgab.

Plotinus hatte immer behauptet, Gebet sei die beste Medizin für den Christen; als jedoch sein armer Körper erschreckend heiß geworden war, hatte die Haushälterin zum Arzt geschickt, doch war der Bote mit der Nachricht zurückgekommen, Philippus befinde sich auf Reisen.

Und so verhielt es sich in der That. Ein Brief des alten Haschim hatte ihn veranlaßt, Memphis zu verlassen. Der verunglückte Sohn des Kaufherrn wollte nicht genesen. Innere Organe schienen verletzt zu sein und sein Leben zu gefährden. Mit inniger Bitte beschwor nun der geängstigte Vater den Arzt, zu dem er das größte Vertrauen gefaßt hatte, nach Dschidda zu kommen, den Kranken zu untersuchen und seine Rettung in die Hand zu nehmen. Außerdem ließ er den Karawanenführer Rustem auffordern, sobald es seine Gesundheit erlaube, wieder zu ihm zu stoßen.

Dies Schreiben, das mit Grüßen an Paula schloß, deren Vater er mit allem Eifer aufsuchen lasse, hatte Philippus tief erregt.

Wie konnte er Memphis in dieser Zeit der Seuche und Not verlassen?

Und Frau Johanna und ihre Tochter!

Von der andern Seite zog es ihn um Paulas willen fort, nur fort in die Ferne, und wie gern hätte er das Seine gethan, um dem wackeren Greise den Sohn zu erhalten!

Trotz alledem wär’ er geblieben, wenn sich nicht sein alter Freund ganz unerwartet auf Haschims Seite gestellt und ihn beschworen hätte, die Reise zu unternehmen. Ueber die Frauen im Hause des Rufinus zu wachen sei seine Pflicht und sein Wille. Philipps Gehilfe könne ihn bei vielen Kranken vertreten, und die anderen würden auch ohne ihn sterben; habe er doch selbst versichert, daß sich kein Mittel recht gegen die Seuche bewähre. Ferner sei er, Philipp, ja noch vorhin der Meinung gewesen, die verlorene Ruhe in Paulas Nähe nicht wiederfinden zu können. Nun biete sich die günstigste Gelegenheit, in unauffälliger Weise die Flucht zu ergreifen, und zu gleicher Zeit, ein echtes Werk der Barmherzigkeit zu verrichten.

Und Philipp hatte nachgegeben und wenige Stunden später mit sehr gemischten Empfindungen die Reise angetreten.

Der alte Horus Apollon that gar wenig für das Behagen seiner eigenen Person, doch in einer Hinsicht sorgte er gut für sich selbst. Das Gehen ward ihm schwer, und da er in der Dämmerstunde freie Luft zu atmen und später die Sternwarte bisweilen zu besuchen liebte, hielt er sich stets einen Esel von der besten und edelsten Art. Für solch ein Tier hohe Preise zu zahlen, scheute er sich nicht, wenn es nur ganz seinen Wünschen entsprach, das heißt stark, zuverlässig, fromm und hellfarbig war.

Sein Vater und Großvater, die Isispriester, hatten stets weiße Esel geritten, und darum that er es gleichfalls.

In den letzten glühenden Wochen war er selten ins Freie gekommen, und auch heute wartete er die dem Sonnenuntergang vorangehende Stunde ab, um sein Versprechen zu halten.

In schneeweißes Linnen gekleidet, mit neuen Sandalen an den Füßen, frisch rasirt, in der Väter Weise durch eine schön geordnete, lange Perrücke, sowie durch einen Schirm vor dem Brand der scheidenden Sonne geschützt, bestieg er, überzeugt, für seinen äußeren Menschen das Mögliche geleistet zu haben, den schönen weißen Esel, und sein Aethiopier trabte zu Fuß hinter ihm her.

Es war noch hell, als er vor dem Hause des Rufinus anhielt.

So schnell hatte ihm das alte Herz lange nicht geschlagen. »Als ging es auf die Brautschau,« sagte er sich selbst mit leisem Spott. Nun, es galt ja auch, ein Bündnis für den Rest des Lebens zu schließen! »Wenigstens die Neugier,« warf er sich weiter vor, »sollte man mit den Haaren und Zähnen verlieren!« Aber sie war doch noch vorhanden, und er konnte sich nicht verhehlen, daß er auf das Aussehen des Weibes gespannt war, das er, ohne es je gesehen zu haben, haßte, weil es eines Präfekten und Patricius Tochter war und seinen Philipp unglücklich machte.

Während er abstieg, führte ein junges, zierliches Mädchen eine ältere Frau in kostbarer, doch einfacher Kleidung in den Garten. Das mußte das Bachstelzchen und Orions byzantinische Gastfreundin sein.

Wie schlecht sich das traf!

So viele Weiber auf einmal!

Ihre Gegenwart konnte ihn, den dem Verkehr mit Frauen entwöhnten, einsamen Forscher, nur hindern und stören. Doch, was half’s? So übel schienen die Ankömmlinge dabei gar nicht zu sein!

Das Bachstelzchen war ein wundernettes, kleines Mäuschen, auch ohne seine Millionen viel zu schade für den verruchten Statthaltersohn. Die Matrone, die hatte ein angenehmes, gutes Gesicht, ganz wie es Philippus beschrieben. Aber, und das verdarb alles, in dieser Gesellschaft durfte er des Todes des armen Rufinus, und darum auch seines Vorhabens nicht erwähnen, und so hatte er also um nichts und wieder nichts so viel Staub geschluckt und solche Hitze erduldet. Morgen mußte das alles schmählicherweise zum zweitenmal genossen werden!

Die ersten, denen er begegnete, waren ein hübsches, junges Paar. der Masdakit und Mandane. Keine Frage, sie mußten es sein, und so trat er denn auf sie zu, teilte Rustem den Wunsch seines Herrn mit und bot ihm in Philipps Namen an, ihm das Reisegeld vorzustrecken; doch der Karawanenführer schlug auf den Aermel, der ein hübsches Sümmchen in Goldstücken barg, und rief heiter:

»Alles vorhanden, auch für zwei Wanderer nach Osten! Meine Braut, wenn Du gestattest; die Zeit ist da, Täubchen! Fort geht’s, fort in die Heimat!«

Das alles rief die tiefe Stimme des großen Gesellen so glückselig, so übersprudelnd heiter, und das schöne Mädchen schaute dabei so froh, so verliebt und herzensdankbar zu ihm auf, daß dem Greise ganz vergnügt zu Mute wurde, und er, der in jeder Erscheinung eine Vorbedeutung erblickte, diese Begegnung für ein gutes Omen bei seinem Eintritt in das Haus ansah, welches vielleicht seine Heimat werden sollte.

Und schön wie sein Besuch begonnen, ging er zunächst weiter; denn die Witwe des Rufinus und ihre Tochter empfingen ihn überaus freundlich. Pulcheria rückte ihm gleich den Lehnsessel des Vaters hin und schob ihm ein Kissen hinter den Rücken, und das ging so still, so natürlich und liebreich vor sich, daß es seine alte Seele erwärmte, und er sich sagte, es heiße beinahe zu viel des Guten genießen, wenn einem täglich und stündlich dergleichen geboten werde.

Das Mädchen bekam auch etwas Freundliches, Spaßhaftes über seine Sorgfalt von ihm zu hören, und die Matrone aus Konstantinopel ging gleich auf den Scherz ein. Sie hatte ihn auf seinem schönen Esel bemerkt, lobte das Tier und wollte nicht glauben, daß er selbst die Achtzig schon überschritten. Seine Mitteilung, Philippus sei verreist, erregte Bedauern bei allen; ihn aber freute es, wahrzunehmen, daß Pulcheria bei dieser Nachricht zusammenschrak und sich darauf befangen zurückzog.

Was hatte dies Mädchen für ein liebes, reines, gutes und dabei hübsches Gesicht! Es sollte und mußte sein Töchterchen werden, und mitten im Gespräch mit den anderen, den kleinen Spässen Katharinas, den freundlichen Fragen der Matrone und Frau Johannas sah er vor dem geistigen Auge seinen Philipp — liebe Geschöpf da hinten als Mann und Frau, und bei und mit ihnen niedliche kleine Kinder, die um ihn herumspielten.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
820 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain