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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 37

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Dabei brach sie in erneutes Schluchzen aus, und nachdem sie sich einigermaßen beruhigt, entschuldigte sie sich wegen ihrer Schwäche und verabschiedete sich von dem schönen Gaste.

Indessen befand sich Katharina im Bade.

Ein solches gehörte zu den vorzüglichsten Bestandteilen eines jeden reichen griechisch-ägyptischen Hauses, und ihr verstorbener Vater hatte das seine mit besonderer Liebe herstellen lassen.

Es bestand aus zwei Abteilungen, eine für Männer, eine für Frauen, die beide gleich prächtig ausgestattet waren.

Weißer Marmor, gelblicher Alabaster, brauner Porphyr überall, und am Fußboden schöne byzantinische Mosaik auf goldschimmerndem Grunde. Kein Bildwerk wie in heidnischen Bädern, doch dafür an den Wänden Bibelsprüche in goldener Schrift, und ein Kruzifix über den mit Giraffenfell überzogenen Polstern. Aus dem Mittelfelde der kassettirten Decke, welches wie herausfordernd mit dem Hauptsatze des jakobitischen Bekenntnisses: »Wir glauben an die eine, einzige göttliche Natur Jesu Christi,« in koptischer Schrift und Sprache umgeben war, hingen silberne Lampen.

Das große Bassin hatte sofort für Katharina gefüllt werden können, da die Badeöfen allabendlich für die Frauen des Hauses geheizt werden mußten.

Beim Auskleiden wies ihr die Zofe eine erkrankte Dattel. Der Obergärtner hatte sie ihr gezeigt, nachdem er heute Mittag wahrgenommen, daß die Pflanzenseuche auch seine Palmen ergriffen.

Doch die Dienerin bereute bald ihre Redseligkeit; denn nachdem sie hinzugefügt, daß der brave Schuster Anchhor, der ihr noch vorgestern die hübschen neuen Sandalen gebracht, nun auch der Seuche erlegen, ward sie übel angeherrscht und zum Schweigen verwiesen. Aber während sie vor Katharina kniete und ihr die Sandalen von den Füßen löste, ging diese dennoch auf ihre Erzählung ein und fragte, ob auch die hübsche junge Frau des Schusters von der Seuche ergriffen worden sei. Da versetzte das Mädchen, die sei noch am Leben, doch man habe die alte Schwiegermutter und die Kinder in das Haus eingeschlossen und auch die Fensterladen versperrt, nachdem man die Leiche des Mannes hinausgetragen. Die Buleuten hätten befohlen, es überall so zu halten, damit die Krankheit nicht auf die Straße dringe oder durch die Gesunden weiter verschleppt werde. Speise und Trank reiche man den Eingesperrten durch eine verschließbare Oeffnung in der Thür. Solche Maßregeln, fügte sie hinzu, seien doch besonders wohl bedacht und weise. Aber sie hätte dies Urteil für sich behalten sollen; denn bevor sie damit zu Ende gekommen, trat Katharina sie erbost mit dem Fuße. Dann ward ihr anbefohlen, das Smegma Unsere Seife, welche indessen nur in ungehärtetem Zustande gebraucht wurde. nicht zu schonen, und ihr das Haar so tüchtig auszuwaschen wie möglich.

Das geschah denn auch, und Katharina rieb sich selbst Hände und Arme mit leidenschaftlichem Eifer. Darauf ließ sie sich wieder und wieder Wasser über das Haupt gießen, und nachdem sie damit innezuhalten geboten, lehnte sie sich atemlos und wie erschöpft an den Marmor.

Trotz des Smegmas und Wassers empfand sie den Druck der heißen Hand noch immer auf dem Scheitel, und es war ihr, als werde auch ihr Herz von einem unsichtbaren Bleigewichte belastet.

Die Mutter, die Mutter!

Sie hatte sie dahin geküßt, wo die Seuche mit ihr in Berührung gekommen, und vor ihrem inneren Ohre hörte sie sie röcheln und um einen Schluck Wasser betteln wie die Sterbenden, zu denen sie das Schicksal geführt. Und dann — dann kamen die Diener des Senates und schlossen sie mit der Kranken in dem verpesteten Haus ein, und sie sah die Seuche vor sich wie eine grausame, hämische Hexengestalt, und hinter ihr reckte und streckte ihr unerbittlicher Begleiter, der Tod, die Knochenhand aus und griff nach der Mutter und allen, allen, die sie umgaben, und auch nach ihr.

Da sanken ihr die Arme, und wenn sie sich heute früh mächtig und furchtbar gefühlt, so ward sie jetzt von der Empfindung der erbärmlichsten, schwächlichsten Ohnmacht niedergedrückt.

Gegen ein Menschenkind, eine schwache, zarte Frau, war ihre Herausforderung gerichtet gewesen, und Gott und das Schicksal hatten sich an Heliodoras Stelle auf den Kampfplatz gestellt.

Dieser Gedanke machte sie frösteln, und wie sie eben dem Bade entstieg, trat ihre Mutter in die Halle und rief: »Noch immer hier, Kind? Wie Du mich erschreckt hast! Ist es denn wahr? Wäre Plotins Krankheit wirklich mit der Seuche verwandt?«

»Mehr als das, Mutter,« versetzte sie dumpf; »er hat die Seuche, und mir fiel da ein, daß man sich baden, muß, wenn man in einem verpesteten Hause gewesen und Du hast mich doch auch berührt und geküßt. Bitte, laß wieder feuern, so spät es auch ist, und bade doch auch.«

»Aber, Kind!« lachte die Witwe; doch Katharina ließ ihr keine Ruh’, bis sie ihr nachgab und versprach, sich des Bassins in der Männerabteilung zu bedienen, das seit dem Ausbruch der Seuche von niemand benützt worden war.

Wie Frau Susanna allein war, lächelte sie still und dankbar vor sich hin, und während des Bades erhob sie Herz und Hände und betete für das gute, so zärtlich für sie besorgte einzige Kind.

Katharina begab sich auf ihr Zimmer, nachdem sie sich erkundigt, ob auch die Kleider, welche sie vorhin getragen, dem Feuer in der Badeheizung zum Opfer gefallen.

Mitternacht war vorüber, doch sie befahl der Zofe, zu warten, und legte sich nicht zu Bette.

Sie hätte doch keine Ruhe gefunden.

Es zog sie hinaus auf den Altan, und sie ließ sich dort auf ihrem Schaukelstuhl nieder.

Die Nacht war heiß und schwül. Jedes Haus, jeder Baum, jede Mauer strahlte die Wärme aus, womit sie sich bei Tage gesättigt. Auf der Nilstraße zog erst eine lange Prozession mit Bittgängern dahin, dann kam ein Leichenzug, und ihm folgte bald darauf ein zweiter, beide so dicht von Staubwolken umhüllt, daß das Licht der Fackeln ihrer Begleiter nur wie Kohlen unter der Asche zu glimmen schien.

An der Seuche Verschiedene, die bei Tage nicht zur Ruhe gebracht werden durften, wurden da bestattet. Der eine Leichenzug, so schwebte es ihr vor, war der Heliodoras, der andere ihr eigener oder, und dabei durchschauerte es sie kalt, der ihrer Mutter. Und das Leichengefolge schwankte in seiner Staubwolke weiter und hielt still an der Nekropole, und der Schlitten mit dem Sarg kehrte leer und mit glühenden Kufen zurück; sie aber hatte nicht zu den Leidtragenden gehört; denn sie war eingeschlossen worden in dem verpesteten Hause. Und als es sich wieder öffnete — sie sah das alles vor sich wie wahr und wirklich — da hatte man im Hofe der Gerichtshalle zwei Häupter gefällt: Orions und Paulas, und sie, sie war nun allein, ganz allein und vereinsamt. Die Mutter lag neben dem Vater im Staube des Friedhofs, und wer fragte nach ihr, wer sorgte für sie, wer war ihr Beschützer? Wie ein Baum ohne Wurzel, wie ein ins Meer verwehtes Blatt, wie ein aus dem Nest gefallener, unflügger Vogel stand sie da in der Welt. Und nun kam ihr zum erstenmal seit jener Nacht, in der sie falsches Zeugnis geredet, alles in den Sinn, was ihr in der Schule und Kirche von den Strafen der Hölle berichtet, gepredigt, angedroht worden war, und sie sah vor sich die Sitze der Verdammten und das heiße, glühende Flammenmeer, worin Mörder, Ketzer und falsche Zeugen...

Aber was war das?

Hatte die Hölle sich wirklich geöffnet, und lohten ihre Flammen durch die geborstene Schale der Erde gen Himmel? Hatte auch das Firmament sich aufgethan und ergoß lohende Glut und schwarzen Qualm über den Norden der Stadt?

Entsetzt sprang sie auf und starrte hin auf die furchtbare Erscheinung.

Das ganze Firmament schien in Flammen zu stehen, und dichter Rauch, glühende Lohe und Milliarden von stiebenden Funken erfüllten den Raum zwischen Erde und Himmel. Eine alles vernichtende Feuersbrunst schien Stadt und Strom und das nächtliche Sternengewölbe zugleich ergriffen zu haben, und nun erhoben all die metallenen Herolde, welche sonst die Gläubigen in die Kirche riefen, die Stimme, und auf der stillen Straße vor ihr ward es lebendig, mit Tausenden füllte sich der vereinsamte Weg, Geschrei, Geheul und wildes Befehlen und Rufen scholl zu ihr empor, und in dem Stimmengewirr unter und vor ihr unterschied sie die Worte »Statthalterei«, »Araber«, »Mukaukas«, »Orion«, »Feuer«, »Löschen« und »Retten«.

Und nun rief der alte Obergärtner von dem Lotosteiche her zu ihr hinauf: »Die Statthalterei steht in Flammen. Bei dieser Dürre! Gott der Barmherzige behüte die Stadt!«

Da wankten dem Bachstelzchen die Kniee, und als es mit einem leisen Aufschrei nach einem Halt suchte, um sich zu stützen, da fingen zwei Arme sie auf, von denen sie sich in der letzten Zeit so gern frei gemacht hatte, die ihrer Mutter, der Mutter, die sich über das einzige Kind gebeugt hatte, um sich von seinem verpesteten Scheitel mit einem zärtlichen Kuß den Tod zu pflücken.

Vierzigstes Kapitel.

Die Statthalterei, der Stolz und die Zierde von Memphis, der große, reiche Sitz des ältesten, vornehmsten Geschlechtes des Landes, das letzte Haus, aus dem eine lange Reihe von ägyptischen Männern hervorgegangen war, welche auch die Griechen würdig befunden, den Kaiser zu vertreten und die höchsten weltlichen Würden zu bekleiden, die Hochburg einheimischen Lebens lag in Asche, und wie der Waldriese, den der Sturm zu Fall bringt, viel niedriges Gewächs bei seinem Sturze zerknickt und umbringt, so zerstörte der Brand der Statthalterei einige hundert kleinere Häuser.

Von dem morschen Schiff Memphis hatte diese Nacht Mast und Steuer und außer ihnen viele Planken gerissen. Wie ein Wunder mußte es erscheinen, daß nicht das ganze in Asche hinsank, und nächst dem Willen Gottes hatte man dies dem schwarzen Brandstifter selbst und seinen Arabern zu danken.

Mit kühler und kluger Berechnung war diese Frevelthat begonnen und zu Ende geführt worden. Während der Durchsuchung des weitläufigen Gebäudes hatte Obada für seinen Zweck günstige Stellen ausgesucht, und zwei Stunden nach Sonnenuntergang mit eigener Hand, heimlich und von niemand bemerkt, Feuer auf Feuer entzündet. In Fostat waren die Truppen, deren er sich später zu bedienen wünschte, unter den Waffen gehalten worden, und als dann erst im Rentamt und gleich darauf an drei anderen Stellen der Statthalterei das Feuer ausbrach, wurden sie herangezogen und aufs umsichtigste verwandt.

Was dieser alte Sitz eines reichen Geschlechts an besonders wertvollen Kostbarkeiten geborgen, selbst die große Zahl der edlen Rosse in den Ställen, war in Sicherheit gebracht worden, die Besitztitel über Ländereien, Sklaven und dergleichen lagen wohlgeborgen in Fostat, aber die Flammen verzehrten dennoch eine Fülle von unschätzbaren, nie wieder herzustellenden Dingen. Edle Kunstwerke, Schriften und Bücher, die nur noch hier aufbewahrt worden waren, alte, herrliche Pflanzen und Bäume aus allen Zonen, Geräte und Webereien, welche das Entzücken der Kenner gewesen, gingen in Massen zu Grunde. Aber das alles beklagte der Brandstifter nicht; denn damit sank die Möglichkeit in Asche, ihm nachzuweisen, was und wie viel ihm mit dem Untergang der Statthalterei in die Hände gefallen.

Mochte man ihn im schlimmsten Falle wegen seines kühnen Vorgehens des Amtes entsetzen! Von allen Städten, die er auf den Eroberungszügen des Islam berührt, hatte ihn keine so angesprochen wie Damaskus, und er besaß nun die Mittel, dort die zweite Hälfte des Lebens in üppigem Wohlsein zu genießen.

Es mußte ihm alles daran liegen, außer der Statthalterei so wenig wie möglich von den Flammen vernichten zu lassen; denn eine wie geschickte Handhabe gegen ihn hätte es seinen Feinden geboten, wenn das alte, berühmte Memphis durch seine Schuld völlig zu Grunde gegangen wäre? Und er war der Mann, mit dem furchtbaren Element den Kampf aufzunehmen.

Und in der That fiel kein anderes Haus der Nilstraße dem Feuer zum Opfer, wohl aber hatte die von leichtem Südwinde bewegte Luft brennende Stoffe nach Nordwesten getragen, und von ihnen waren einige Häuser im Armenviertel, am Saume der Wüste, entzündet worden. Dorthin mußte sich nun die Hauptmacht der Löschenden und Rettenden wenden, und hier wie der Statthalterei gegenüber handelte er nach dem Grundsatz, aufzugeben, was nicht sicher bewahrt werden konnte.

So fiel ein ganzes Stadtviertel den Flammen zum Opfer, hunderte von dürftigen Familien verloren Hab und Gut, und dennoch wurde er, dessen ruchlose Habsucht so viele ins Elend gestürzt, gefeiert und bewundert; denn er war bald am Strome, bald am Saume der Wüste, immer da, wo die Gefahr den Gipfel erstieg, wo man die Gegenwart des Führers am nötigsten brauchte. Hier sah man ihn mitten im Feuer, dort mit eigener Hand die Axt schwingen, bald zu Pferde die Linie abreiten, auf der dürres Gras umzugraben und mit Wasser zu tränken war, bald zu Fuß den Schlauch der erbärmlichen Spritzen richten oder einen Balken, der über die gezogene Grenze hinausgefallen, mit herkulischer Kraft in die Flammen zurückschleudern. Seine schrille Stimme überschrie, seine Riesengestalt überragte alles, an seinem schwarzen Gesicht mit den funkelnden Augen und Zähnen hing jeder Blick, und sein Beispiel riß die Araber mit fort. Sein Kommandoruf machte aus der Brandstätte ein Schlachtfeld, todesmutig und bereit, die Kräfte anzuspannen und zu gebrauchen bis aufs Aeußerste, leisteten die Muslimen, gut geführt, und mit dem Namen ihres Gottes und Propheten auf den Lippen, das Unerhörte.

Auch die Aegypter thaten ihr Bestes, aber den Leistungen dieser Männer gegenüber fühlten sie sich ohnmächtig, empfanden sie es kaum mehr als Schande, von ihnen überwältigt worden zu sein.

Weit, weithin ward der Feuerschein gesehen, und auch derjenige, dessen reiches Erbe die Flammen verzehrten, wurde zwischen Mitternacht und Morgen am fernen westlichen Horizont eines rötlichen Schimmers gewahr, dessen Ursprung er sich nicht erklären konnte.

Eine halbe Stunde war er ihm entgegengeritten, als sein Reisezug bei dem vorletzten der an der Kaiserstraße zwischen Kolzum Sues.

Und Babylon Die griechische Festung, an die das von Amr gegründete Fostat und das spätere Kairo sich schloß. gelegenen Stationshäuser Halt machte.

Eine stattliche Schaar von Bewaffneten stieg zugleich mit ihm von den Pferden, doch Orion hatte sie nicht zu seinem Schutze berufen, er war vielmehr von ihnen angehalten worden und wurde nun als ihr Gefangener nach Fostat geführt.

Den Wagen, dessen er sich früher bedient, hatte er verlassen und statt seiner ein Dromedar besteigen müssen; zwei bis an die Zähne bewaffnete Reiter waren ihm stets an der Seite geblieben.

Seine Gefährten ließ man unbehelligt in ihrem Fuhrwerk. Vor dem Stationshause stieg der Senator Justinus aus und forderte seinen Begleiter, einen bleichen, in sich zusammengesunkenen Mann auf, das Gleiche zu thun, doch dieser blieb mit einem müden Kopfschütteln sitzen, und als der Alte ihn liebreich fragte: »Hast Du Schmerzen, Narses?«, antwortete dieser herb und heiser: »Ueberall!« und drückte sich in die Rückenkissen des Fuhrwerks. Auch die Erfrischungen, welche des Senators Diener und Dolmetscher ihm brachten, schlug er aus. Er schien in völlige Gleichgiltigkeit verfallen und nichts zu begehren als Ruhe.

Es war der Neffe des Justinus.

Dieser hatte mit Orions Beistand und nachdem er von dem Feldherrn Amr mit Schutz- und Empfehlungsbriefen versehen worden war, sein Ziel erreicht und Narses losgekauft, nachdem der Aermste erst an der neuen, dem alten Pharaonenkanal folgenden Wasserstraße, die der Chalif Omar herstellen ließ, um Getreide auf dem schnellsten Wege aus Aegypten nach Arabien zu befördern, und dann im felsigen Hafen von Aila Zwangsarbeiten verrichtet.

Am glühenden Ufer des Roten Meeres hatte Narses im furchtbaren Sonnenbrand dieser Breiten Steine zu schleppen gehabt, und mehrere Tage waren vergangen, bevor es seinem Oheim gelungen war, seine Spur zu entdecken. Ach, und wie fand Justinus ihn endlich!

Schon eine Woche vor ihrer Ankunft hatte der frühere Reiteroffizier in dem elenden Krankenschuppen der Arbeiter gelegen, und sein Rücken trug noch die Spuren der Hiebe, womit der Vogt den Erschöpften und Leidenden zur Anspannung der versagenden Kräfte gezwungen. Aus dem schmucken Krieger war ein an Leib und Seele gebrochener, in Tiefsinn verfallener Siecher geworden.

Einen glückseligen Befreiten hatte Justinus Martina zuzuführen gehofft, und nun brachte er ihr diese dem Untergang erlesenen Menschentrümmer!

Und doch war der Senator froh, wenigstens diese gerettet zu haben. Der Anblick des Leidenden rührte ihn, und je weniger Narses ihm gewährte und von ihm annahm, desto dankbarer empfand es Justinus, wenn der Wiedergefundene auch nur das kleinste Zeichen regerer Teilnahme gab.

Orion war auf dieser Fahrt zu Land und zu Wasser und zuletzt als sorgsamer Mitpfleger des Leidenden dem alten Herrn sehr nahe getreten und hatte auf die Gefahr hin, seine Mißbilligung herauszufordern, dem Senator gestanden, weswegen er Memphis verlassen.

Unaufhörlich empfand er, daß alles, was gut und groß in ihm war, Paula gehörte, daß ihre Liebe ihn hob und stärkte, daß von ihr abfallen, sich selbst aufgeben heiße. Die Tändelei mit Heliodora konnte ihn nur von den hohen Lebenszielen ablenken, die er sich vorgesteckt hatte.

Diese Ziele behielt er unverwandt im Auge, und mit geistigem Heißhunger sehnte er sich nach ruhigen Tagen, in denen er das, was er sich in der Kirche vorgenommen, ausführen und die Aufgabe lösen konnte, welche ihm der Feldherr gestellt.

Das Bewußtsein, der Erbe eines ungeheuren Besitzes zu sein, freute ihn jetzt nicht, ja er mußte sich sagen, daß er ohne diese Ueberfülle des Reichtums ein ganz anderer geworden wäre, und mehr als einmal wandelte ihn die Lust an, was er besaß, hinter sich zu werfen, frei und frank in die Welt hinauszustürmen und sich mit eigener Kraft Seelenbefriedigung und die Achtung der Besten zu erringen.

Der Senator hatte seine Bekenntnisse hingenommen, wie er eben mußte. War die Tochter des Thomas so, wie Orion sie schilderte, dann gab es freilich für sein liebes Vögelchen wenig zu hoffen. Mit zwei Lieblingen durften er und seine Martina zwar heimziehen, aber an ihnen, den Alten, sollte es dabei sein, die Jungen aufzurichten, nicht umgekehrt, wie sich’s gehörte.

Trotz alledem hatte Orion sein Herz immer mehr gewonnen; denn jeden Tag, jede Stunde, war ihm etwas Erfreuliches, Neues an ihm aufgefallen, hatte er Größeres in ihm gefunden, als er erwartet.

In dem weiten Hof des Stationshauses brannten Fackeln, und unter einem von Pfählen getragenen, mit Palmenzweigen bedeckten Viereck in seiner Mitte standen Bänke für die rastenden Gäste.

Hier traf er wieder mit Orion zusammen und konnte mit ihm reden.

Die Häscher hatten in seiner Nähe Platz genommen, und verloren ihn nicht aus den Augen, während sie ihr getrocknetes Hammelfleisch, ihr Brot, ihre Zwiebeln und Datteln verzehrten.

Auch des Senators Diener brachte einen Imbiß aus dem Wagen, und als Justinus und sein junger Freund ihm eben zuzusprechen begannen, trat eine lange Männergestalt in den Hof und an die Bänke. Es war der Arzt Philippus, der hier auf dem Weg nach Dschidda rasten wollte.

Schon draußen hatte er erfahren, wen er als Gefangenen hier finden werde, und die Araber, denen der Arzt bekannt war, gestatteten ihm, sich zu den beiden zu gesellen, doch sie rückten ihnen näher, und ihr Führer verstand griechisch.

Philippus war Orion nichts weniger als freundlich gesinnt, doch er wußte, welchen Gefahren der Jüngling entgegen sah, einen wie schweren Verlust er erlitten, und sein Gewissen gebot ihm, ihm alles zu gewähren, was ihm im Verhör über das Unternehmen, dem Rufinus zum Opfer gefallen, dienlich sein konnte.

Er war der Ueberbringer trauriger Nachrichten, die auch die Araber mit anhören durften.

Ueber die Beschlagnahme der Statthalterei geriet Orion zwar in Empörung, doch meinte er, daß der Feldherr Amr sie wieder rückgängig machen werde; dagegen ward er von der Kunde, die Mutter sei dem Vater gefolgt, um so gewaltiger erschüttert, und wie die Araber den starken Mann schluchzen sahen und erfuhren, was ihn betroffen, zogen sie sich achtungsvoll zurück; denn der Schmerz des Sohnes über den Tod der eigenen Mutter war ihnen heilig. Sie betrachten denjenigen, dem sein Teuerstes gestorben, wie von der Hand des Höchsten getroffen und von seiner Berührung geheiligt, und mit frommer Scheu zollen sie ihm jegliche Rücksicht.

Orion hatte das Verschwinden der Muslimen nicht bemerkt, doch Philippus benützte es sogleich, um ihn mit fliegenden Worten von allem zu unterrichten, was sich auf der Flucht der Nonnen ereignet.

Von dem Brand der Statthalterei und Paulas Verhaftung besaß er selbst noch keine Kunde, dem Senator konnte er dagegen mitteilen, wo er die Seinen zu suchen habe.

Als der Führer ihn auf die Straße rief, besaß Orion Kenntnis von allem Geschehenen.

Gesenkten Hauptes, in tiefe, schmerzliche Gedanken versunken, ritt er mit den anderen weiter.

Die Statthalterei — ob die Araber sie ihm vorenthielten, ob nicht, was kam darauf an; doch die Mutter, die Mutter! Alles, alles, was sie ihm von Kind an gewesen, trat ihm nun in den Sinn, und über den Kummer um diesen Verlust vergaß er der drohenden Gefahr, des Kerkers, der ihn erwartete, und des schmählichen Eingriffes in seine Rechte; ja selbst das Bild der Geliebten wich vor dem der teuren Verstorbenen zurück. Vielleicht sollte es ihm nicht einmal vergönnt sein, die Mutter selbst zu bestatten.

Durch dürres, felsiges Wüstenland führte der Weg, und je weiter man kam, desto heller wurde der wunderbare Feuerschein vor ihnen, bis es hinter den Reisenden zu tagen begann, und das glühende Rot der Morgenröte das andere im Westen verlöschte.

Wieder begann ein brennend heißer Tag, und als die Felsen an Orions Seite noch lange Schatten auf die staubige Wüstenstraße warfen, kamen ihm einige arabische Reiter von Fostat her entgegen und riefen seine Begleiter an, um ihnen das Neueste zu berichten. Es mußte etwas Großes sein; doch der Jüngling verstand nicht, was sie sagten; schlimme Botschaften erreichen indessen nur zu schnell ihr Ziel, und während die Reiter noch mit den anderen sprachen, trabte der Dolmetscher zu ihm heran und rief ihm zu, die Statthalterei sei heruntergebrannt, und halb Memphis stehe in Flammen.

Dann kamen andere Wanderer zu Roß und auf Dromedaren, kamen Wagen, Kamelzüge mit Korn und ägyptischen Handelsgütern ihnen entgegen, und jeder rief Orions Reisezug an, und teilte mit, was sich in Memphis ereignet, und hoffte der erste zu sein, von dem es die Heranziehenden erfuhren.

Wie häufig bekam Orion das Gleiche zu hören, und so oft ein Wanderer mit seinem »Habt ihr vernommen?« anhob und nach Westen wies, begann die Wunde, welche ihm die erste Botschaft geschlagen, neu zu bluten.

Was lag für ihn alles unter der Asche da drüben? Wie viel Unersetzliches hatten die Flammen zerstört!

Was er sich auf dieser Fahrt in stillen Stunden gewünscht, zum Teil hatte es sich jetzt schon erfüllt! Die Last des großen Besitzes, die an seinen Fersen gehangen und ihn gehindert, sich frei zu bewegen, wo war sie? Aber er fühlte sich noch nicht wie befreit, sah den Weg noch nicht vor sich offen, sondern beklagte still das versunkene Haus seiner Väter, die verlorene Heimat, und ein quälendes Gefühl der Unsicherheit überfiel ihn. Keinen Vater, keine Mutter, kein Elternhaus mehr! Jahrelang hatte er schon ganz auf eigenen Füßen gestanden, und doch kam er sich vor wie ein Schiffer, dessen Boot das Steuer verloren.

Vor ihm lag der Kerker und der Abschluß der großen Tragödie, als deren Held er sich selbst ansehen durfte. Wie das Haus des Tantalus hatte das Schicksal das seine dem Verderben erlesen. Es war in Asche versunken, und da lagen schon die Opfer: Zwei Brüder, Vater, Mutter und in weiterer Ferne Rufinus.

Doch wo war die Schuld?

Seine Ahnen hatten sie nicht begangen, nur die seine konnte es sein, die das Verderben herabzog; aber gab es denn noch das alte Verhängnis, das unerbittliche, eiserne Schicksal der Alten? Hatte er nicht bereut, gelitten, sich mit seinem Erlöser versöhnt, sich bereit gemacht zum Kampf gegen das Schwerste? Vielleicht war er der Held des Trauerspieles, doch dann wollte er zeigen, daß nicht mehr die blinde Notwendigkeit, sondern das, was der Mensch aus sich selbst macht, das, was er im Bunde mit dem Höchsten erstrebt, das Geschick eines Lebens bestimmt. Mußte er unterliegen, so sollt’ es nur nach wackerer Gegenwehr geschehen. Ohne Furcht wollte er ankämpfen gegen alles, was ihm feindlich widerstrebte, wollte er vorwärts dringen auf dem Weg, den er sich vorgezeichnet, und nun hob sich ihm wieder das Herz, und es war ihm, als sähe er am Himmel als leitenden Stern das Beispiel des Vaters, in dessen Sinne es zu leben galt oder zu sterben. Und richtete er den Blick auf die Erde, so gab es auch dort noch etwas, was es ihm wert erscheinen ließ, die Not des Daseins zu tragen und den schwersten Kampf auszufechten: Paula und ihre Liebe!

Je mehr er sich Fostat näherte, desto höher und sehnsuchtsvoller schlug ihm das Herz.

Ja es mußte ihm vergönnt sein, die Geliebte wiederzusehen, sie in die Arme zu schließen vor seinem Ende!

Es war ihm, als hätte das, was er in diesen Stunden gelitten, alles fortgeräumt und beseitigt, was sie noch von einander trennte. Er fühlte, daß er nun die Kraft besitze, ihrer würdig zu bleiben; ja wäre Heliodora ihm wieder begegnet, er hätte ihr nun sicher und gewiß nicht mehr gewährt als einer freundlichen Schwester.

Seine Begleiter führten ihn in das Haus des Kadhi, doch dieser befand sich im Diwan, in der Ratsversammlung, welche sein Feind, der schwarze Schurke Obada, zusammenberufen.

Dieser hatte sich nach den Anstrengungen der letzten Nacht nur wenige Stunden Ruhe gegönnt und dann dem Rat beiwohnen müssen, und in seiner Mitte sollte er erfahren, daß er so vielen Feinden zu widerstehen hatte, wie dieser Mitglieder umfaßte.

Sein schärfster Gegner war der dem Gerichts- und Verwaltungsweg vorgesetzte Kadhi Othman, und der Vorsteher der Landesbesteuerung, Chalid. Beide hielten mit ihrer Meinung nicht zurück, und wer dieser Versammlung beigewohnt hätte, wäre wohl nie auf die Vermutung gekommen, daß die meisten Mitglieder derselben in ihrer Jugend während der Tage des Friedens als schlichte Hirten Schafe auf den Bergen gehütet, Karawanen durch die Wüste begleitet oder kleinen Handelsgeschäften vorgestanden hatten. Im Streit des einen Stammes gegen den andern war ihnen allen Gelegenheit geboten worden, sich im Waffenhandwerk zu üben und den Mut zu stählen, doch wer hatte sie gelehrt, das Wort so sorgfältig zu wählen, und es mit Gesten zu begleiten, deren natürliche Anmut jedem griechischen Rhetor Ehre gemacht haben würde? Nur wenn der gereizte Sprecher »donnerte und blitzte«, verlor er zwar, fortgerissen von heißblütiger Leidenschaft, das schöne Maß, doch wie gewaltig wirkten dann Stimme, Auge und Handbewegung! Und nie, auch nicht im höchsten Affekt, verging man sich hier gegen die Reinheit der Sprache. — Diesen Rednern, von denen die wenigsten lesen und schreiben konnten, standen auch die wirkungsvollsten Verse ihrer Dichter zu Gebote, von denen tausende ihr Gedächtnis schmückten.

Heute ward hier über die inneren Angelegenheiten eines alten Kulturlandes verhandelt, das den kriegerischen Wüstensöhnen noch vor wenigen Jahren fremd gewesen war, und wie hatten die vier Bauordner, der Vorsteher der Märkte, der der Bewässerung des Landes und der der Mühlen, ihre Aufgabe begriffen! Diese frischen, unabgenützten Geister waren fähig, das Schwerste zu erfassen und es kräftig, fein und glücklich weiter zu bilden.

Und in der That, schon die Söhne dieser durch keine Schule gegangenen Väter waren berufen und im stande, herabgekommenen Großstaaten reichen Glanz zu verleihen, die entschlafene Wissenschaft der von ihnen niedergeworfenen Nationen zu neuem Leben zu erwecken! In dieser Versammlung zeigte alles Geist, Leben, Feuer, und der frühere Sklave Obada hatte es wahrlich nicht leicht, unter so beschaffenen Sprößlingen angesehener freier Stämme seine Stellung zu behaupten.

Offen und ohne Scheu sprach sich der Kadhi Othman gegen seine Handlungsweise aus, und erklärte, auch im Namen der anderen Mitglieder des Diwan, jede Verantwortlichkeit für das Geschehene ablehnen und es dem Wekil zuweisen zu müssen; der aber verlangte nichts Besseres, sprach mit so flammender Beredsamkeit, sein Vorschlag, die durch das Feuer obdachlosen Memphiten nach Fostat zu ziehen, war so annehmbar, und endlich hatte die letzte Nacht seine großen Eigenschaften in so helles Licht gestellt, daß man das Einschreiten gegen ihn verschob und die Antwort auf die gegen ihn gerichtete Anklage aus Medina abzuwarten beschloß. Auch die mächtige Disziplin befahl, sich ihm zu fügen, und mancher, der in der Schlacht dem Tode wie einer geliebten Braut entgegengeeilt war, fürchtete den gewaltigen Emporkömmling, der vor dem Entsetzlichsten nicht zurückschrak.

Obada hatte einen Sieg erkämpft. Niemand war im stande, ihn des Raubes auch nur einer Drachme zu überführen, und dennoch hatte er schwer zu ertragende Worte anhören müssen, und von allen Seiten war ihm die Ehrfurcht vorenthalten worden, die ihm als Stellvertreter des Statthalters gebührte.

Unwillig aufs höchste, blieb er als letzter im Sitzungssaal zurück, und niemand, selbst nicht sein Unterbefehlshaber blieb bei ihm, um ihm über die Kraft und Schönheit seiner Rede ein schmeichelhaftes Wort zu sagen, während diese Verwünschten den Amr bei ähnlichen Anlassen wie die Bienen umschwärmten und ihm bis in sein Haus folgten wie wedelnde Hunde. Nicht seiner Schuld, sondern der Abneigung, welche seine Geburt in den hochmütigen Freigeborenen erweckte, schrieb er die Mißachtung und Gegnerschaft zu, die er erfuhr, und doch übersah er sie alle, fühlte er sich jedem einzelnen überlegen, und wenn der Streich in Medina glückte, dann wollte er sich seine Opfer auswählen unter ihnen, dann...

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
820 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain