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Kitabı oku: «Die Nilbraut», sayfa 36
Zu trösten und mit zu klagen war er gekommen, und nun ward ihm hier eine so fröhliche Stunde zu teil, wie er sie lang nicht genossen.
Er war mit den anderen im Viridarium empfangen worden, das jetzt durch mehrere Lampen hell erleuchtet wurde, und gelegentlich schaute er auf die Thüren, die sich nach diesem Mittelraum des Hauses öffneten, und legte sich dabei zurecht, welche Bestimmung die verschiedenen Räume später erhalten sollten.
Da ließen sich hinter ihm leichte Schritte hören, die Matrone erhob sich, das Bachstelzchen eilte einer Eintretenden entgegen, und gleich darauf erschien, auch für ihn sichtbar, die hohe Gestalt einer in Trauergewänder gekleideten Jungfrau. Mit vornehmer Würde begrüßte sie die Matrone, warf Pulcheria und Frau Johanna einen Blick des herzlichen, mitleidigen Einverständnisses zu, und wie diese ihr des Greises Namen nannte, trat sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand, eine marmorweiße, kühle, schlanke, echte Patriciushand.
Ja, schön, wunderbar schön war dies Weib! Ein gleiches erinnerte er sich kaum gesehen zu haben. Wahrlich ein tadelloses Meisterwerk des Schöpfers, ganz angethan, um wie eine unnahbare Göttin die Anbetung gehorsamer Verehrer herauszufordern; doch auf die seine mußte sie schon verzichten; denn in diesen Marmorzügen, deren Blässe das schwarze Gewand noch hervorhob, lag nichts, was ihn anzog. Aus diesen stolzen Augen drang kein erwärmendes Licht, in diesem herrlich gewölbten Busen konnte kein freundliches, liebreiches Herz schlagen. Bei ihrem Händedruck hatte ihn gefröstelt, und ihr Erscheinen schien ihm wie lähmend und erkältend auf die Anwesenden zu wirken.
Und so verhielt es sich in der That.
Paula war gerufen worden, um die Senatorsfrau und Katharina zu begrüßen. Jene, dachte sie, führe doch nur die Neugier zu ihr, und was mit Heliodora zusammenhing, stieß sie von vornherein ab. Zu dem Bachstelzchen hatte sie das Vertrauen verloren; denn vorgestern war der Akoluth, welcher im persönlichen Dienst des Bischofs von Memphis stand und dessen Kind Rufinus von einem Fußleiden geheilt hatte, bei Frau Johanna gewesen, um sie vor Katharina zu warnen, die seinem Herrn vor einigen Wochen ein wichtiges Geheimnis verraten, das sich auf ihren Gatten bezogen und Plotinus veranlaßt habe, sich sogleich nach Fostat zu begeben. Es war ja schwer, einer »Freundin« dergleichen zuzutrauen, aber diejenige, welche, wie sie selbst gestand, so gern in den Nachbargarten hinüberlauschte, und keine andere konnte dem Bischof mitgeteilt haben, was für die Nonnen ins Werk gesetzt worden war. Die bestimmten Mitteilungen des Akoluthen verboten, daran zu zweifeln.
Paulas Seele war nicht geneigt, Schlimmes von den Nächsten zu denken, doch unter solchen Umständen gewann es ihre offene, keiner Unwahrheit fähige Natur nicht über sich, der Kleinen anders als kühl zu begegnen, und mit je dringlicherer Zärtlichkeit Katharina sich an sie drängte, desto frostiger wies Paula sie zurück.
Dies alles sah der Greis, und die Art und Weise, in der die Damascenerin sich hier zeigte, hielt er für ihr ureigenes Wesen; den Patriciushochmut, die selbstsüchtige Herzenskühle und den kränkenden, zügellosen Stolz der verhaßten, nur durch Geburt edlen Sippen sah er in ihr verkörpert, in Fleisch und Blut stand es da vor ihm. Wie ihre gesamte Gattung, so haßte er dies Musterbild derselben, und sein Groll verzehnfachte sich, wenn er bedachte, was diese kalte Sirene seinem Herzenssohne zugefügt hatte, was sie ihm selbst noch anthun konnte, wenn sein Lieblingsplan durch sie unausführbar wurde; denn lieber wäre er in seinen letzten Tagen vereinsamt und selbst von Philipp getrennt geblieben, als daß er mit dieser da Tisch, Haus und Leben geteilt hätte, die dort wiederum die herzlich gemeinten Liebkosungen der niedlichen, kindlich harmlosen, kleinen Katharina mit empörender, eisiger Selbstüberhebung zurückwies. Der Bissen wäre ihm bei ihrem Anblick während der Mahlzeit im Munde gequollen; ihre hochfahrende Sprache auch nur im Nebenzimmer zu hören, hätte ihm die Lust an der Arbeit, der Druck ihrer kalten Hand beim Gutenachtgruß den Schlaf verdorben.
Auch jetzt ward ihm ihre Gegenwart bald unerträglich; sie kam ihm wie eine Herausforderung, eine Beleidigung vor, und wenn er je den Wunsch gehegt hatte, sie aus seinem und seines Lieblings Weg zu entfernen oder, mußte es sein, gewaltsam zu stoßen, so beherrschte er ihn jetzt.
Aufgebracht und verdrossen verabschiedete er sich von den anderen und würdigte Paula geflissentlich keines Blickes, wie sie, nachdem er sich erhoben, auf ihn zutrat, um freundlich mit ihm zu plaudern und ihm zu zeigen, wie hoch sie seinen Pflegesohn halte.
Pulcheria begleitete ihn in den Garten, und er versprach ihr, morgen oder übermorgen wiederzukommen, doch dann müsse sie Sorge tragen, daß er sie und ihre Mutter allein finde; denn er habe keine Lust, sich von dem Hochmut und Dünkel der Damascenerin zum zweitenmal »unter die Nase stoßen« zu lassen.
Pulcherias Versuch, die Freundin zu verteidigen wies er verdrossen zurück und trabte mit Verwünschungen auf den alten Lippen nach Hause.
Indessen hatte sich Frau Martina in ihrer vertraulichen, gemütvollen Weise Paula genähert. Sie war früher einmal ihren Eltern in Konstantinopel begegnet und erzählte von ihnen mit herzlicher Wärme. Das brach denn auch bei der Jungfrau das Eis, und als Frau Martina Orions, ihres »großen Sesostris«, und der allgemeinen Achtung und Beliebtheit, die er in Konstantinopel genossen, und seines Unglücks anerkennend und teilnehmend gedachte, sagte ihr die ältere Frau so sehr zu, daß sie jeden Rückhalt schwinden ließ und das Gespräch zwischen den neuen Bekannten eine immer lebhaftere, eingehendere und erfreulichere Gestalt annahm.
Beim Aufbruch empfanden beide, daß sie durch weiteren Verkehr miteinander nur gewinnen könnten, und als Paula während des Abschieds herausgerufen wurde und den Empfangsraum mit dem warmen, nur an Frau Martina gerichteten Abschied: »Auf Wiedersehen; doch an mir, der jüngeren, ist es natürlich, Dich aufzusuchen!« verlassen hatte, rief die Matrone:
»Welch ein Geschöpf! Wahrhaftig, die würdige Tochter eines herrlichen Vaters! Und die Mutter! O Frau Johanna! Ein lieblicheres Wesen hat diese garstige Erde selten geschmückt! Sie mußte so früh hingehen; sie war eben nur zu blühen bestimmt!« Dann wandte sie sich an Katharina und fuhr, indem sie ihr freundlich drohte, fort: »Wie falsch habt ihr bösen Zungen mir doch dies Mädchen beschrieben! Man spricht sonst von silbernen Kernen in goldener Schale, aber bei der sind beide von Gold. Ich kenne meine Menschen! Und ihr, ihr beide... himmlischer Vater... ich weiß schon, was euch armen Kätzchen die hellen Augen getrübt hat! Wie jedes zu sehen wünscht, sieht es am Ende. Ich wette, Du, Frau Johanna, teilst meine Ansicht: diese schöne Paula ist ein durch und durch edles Geschöpf! Ja, ein ›edles‹! Das ist ein pathetisches Wort, und, lieber Gott, wie oft kann man’s brauchen? Es ist mir sonst nicht geläufig, doch für die da weiß ich kein anderes, und für sie ist’s nicht schade!«
»Gewiß nicht!« versetzte die Gefragte aus voller Ueberzeugung; Frau Martina aber seufzte vor sich hin und dachte: »Arme Heliodora! Offen gestanden: Mein ›großer Sesostris‹ und Paula, die wären das richtige Paar. Doch, um Gottes willen, was macht man dann mit dem armen, verliebten, unglückseligen Weibchen?!«
Das zog durch ihren schnellen Geist, während Katharina sich zu rechtfertigen versuchte und beteuerte, daß sie ja Paulas große Eigenschaften anerkannt habe, aber stolz könne sie sein, so fürchterlich stolz! Sie habe vorhin der Frau Martina selbst ein Pröbchen davon zu kosten gegeben.
Da unterbrach sie Pulcheria, um mit allem Eifer für die Freundin einzutreten; doch auch sie kam nicht weit; denn im Vorsaal erhoben sich laute Männerstimmen, und plötzlich stürzte die Amme Perpetua mit verstörtem Gesicht herein und rief, ohne der Fremden zu achten:
»O, o Frau Johanna! Dies neue, entsetzliche Unglück! Da sind die arabischen Teufel wiedergekommen, und mit ihnen der Dolmetscher und Schreiber. Und man hat sie geschickt — barmherziger Heiland, ist es denn möglich? — und sie bringen einen Haftbefehl, und mein armes Kind soll mit ihnen fort, fort ins Gefängnis, durch die ganze Stadt, zu Fuß ins Gefängnis!«
Schluchzend schlug die treue Alte die Hände vors Antlitz, und ein furchtbarer Schreck bemächtigte sich aller.
Frau Johanna verließ stumm und bleich das Viridarium, und die Matrone rief:
»Ein ganz gräßliches, nichtswürdiges Land! Mein Gott, jetzt vergreifen sie sich sogar an uns Frauen... Kinder, Kinder — einen Stuhl her! Mir wird ganz übel! — Ins Gefängnis! Dies herrliche, einzige Geschöpf über die Straße geschleppt, ins Gefängnis! Wenn der Haftbefehl da ist, dann — dann muß sie hinein in den Kerker, davor kann kein Engel sie retten. Aber sie durch die Stadt zerren lassen, diese edle, wundervolle Jungfrau, als wär’ sie eine erbärmliche Diebin, das, nein, das ist unerträglich! Was ein Weib für das andere thun kann, das wenigstens soll nicht unterbleiben, so lang ich noch da bin und auf zwei festen Beinen stehe! Katharina, Kind, begreifst Du denn nicht? Was stehst Du noch da und glotzest mich an, als wär’ ich ein gefiederter Affe? Wozu fressen eure dicken Pferde den Hafer? Nun, noch nicht verstanden? Gleich, gleich springst Du hinüber und läßt den großen, geschlossenen Wagen, in dem man mich abgeholt hat, anspannen und in den Garten einfahren! Jetzt geht ihr endlich ein Licht auf! Und nun die Füßchen unter die Arme!«
Damit klatschte sie in die Hände, als wollte sie Hühner vom Gartenbeet treiben, und das Bachstelzchen mußte folgen.
Dann suchte sie nach ihrem Beutel, und als sie ihn fand, rief sie zuversichtlich:
»Gottlob. Jetzt kann ich mit den ungläubigen Schurken reden! Die Sprache« — und dabei ließ sie das Gold klingen — »verstehen alle! Komm, Frauchen, wo stecken die Strolche?«
Und der Matrone Allerweltssprache übte die gewünschte Wirkung; denn der Führer der Sicherheitswächter ließ sich unter Mitwirkung des Dolmetschers bestimmen, Paula zu Wagen ins Gefängnis zu führen, das Versprechen zu leisten, ihr dort gute Unterkunft zu verschaffen, und der alten Betta, welche unter heißen Thränen darauf bestand, zu gestatten, der Gefangenen in den Kerker zu folgen.
Paula behauptete bei dieser entsetzlichen Ueberraschung Würde und Fassung.
Erst als es galt, von Pulcheria und Maria, die sich außer sich an sie klammerte, und ihr mit Betta in den Kerker zu folgen begehrte, Abschied zu nehmen, konnte sie den Thränen nicht wehren.
Der Schreiber hatte ihr mitgeteilt, daß sie von dem Bischof Plotinus angeklagt worden sei, die Rettung und Flucht der Nonnen ins Werk gesetzt zu haben, und Frau Johanna fühlte, wie die Kniee ihr wankten, als Paula ihr leise ins Ohr raunte:
»Hütet euch vor Katharina! Nur sie kann uns verraten haben, doch wenn sie auch angegeben, was Rufinus für die Schwestern gethan, wir müssen es leugnen, fest und bestimmt. Fürchte nichts! Durch mich werden sie nicht das Geringste erfahren.« Dann fuhr sie mit erhobener Stimme fort: »Ich brauche euch nicht zu bitten, mich lieb zu behalten. Dank euch beiden, heißen, unsäglichen Dank für alles... Du, Pul« — und dabei zog sie, während Maria, fest an sie geschmiegt, das Köpfchen in ihr Gewand vergrub und bitterlich weinte, die Tochter zugleich mit der Mutter an sich — »Du, Pul, und Du, Frau Johanna, ihr habt eine elende Verlassene zu der Euren und glücklich gemacht, bis das Schicksal uns alle zusammen... Ihr wißt, ach, ihr wißt ja! — Und was ihr mir geschenkt, das schenkt jetzt meiner Maria! Und nun noch eins! Ach, da drängt der Dolmetsch schon wieder! Nur ein paar kurze Augenblicke Geduld! Wenn der Bote zurückkommt, und er bringt Nachricht von meinem Vater oder — Gott, Gott! — ihn selbst, dann laßt es mich wissen oder — gütiger Himmel! — führet ihn zu mir! Und bin ich nicht mehr, wenn er kommt, dann sagt ihm, ihn wiederzufinden, wiederzusehen, sei der heißeste Wunsch meines Lebens gewesen. Und dann« — diese Worte flüsterte sie Frau Johanna leise ins Ohr — »dann bitte den Vater, er solle Orion lieben wie seinen leiblichen Sohn. Und beiden sage Du, ich hätte sie geliebt bis ans Ende, so heiß, so unaussprechlich und innig.« Darauf rief sie laut und küßte dabei jeder einzelnen Augen und Lippen: »Ich lieb’ euch und behalte euch lieb, Dich, Frau Johanna, Dich, meine Pul, und Dich, Maria, mein süßes, einziges Herz!«
Da eilte ihr auch das Bachstelzchen mit ausgebreiteten Armen entgegen, doch Frau Johanna wies sie mit einer bedeutungsvollen Handbewegung zurück, und die innig Vereinigten schlossen sich zum letztenmal so eng zusammen, als seien sie eins, und als dürfe nichts Störendes, Fremdes ihnen nahen.
Dennoch versuchte Katharina noch einmal, sich Paula zu nähern, doch Frau Martina, deren feuchte Augen an den vier Abschiednehmenden hingen, hielt sie an der Schulter zurück und raunte ihr zu:
»Störe sie nicht, Mädchen! Solche Herzen ziehen schon von selbst an sich, wonach sie’s verlangt. Ich Alte möchte wohl wert sein, daß sie mich riefen!«
Da mahnte der Dolmetscher mit aller Strenge zum Scheiden; die drei Frauen ließen einander los, doch das Kind hielt sich fest an Paula geschmiegt, auch als sie auf die Matrone zutrat und sie aus freiem Antrieb umarmte.
Und Frau Martina nahm ihr Haupt zwischen die Hände, küßte sie innig und rief, ihrer Stimme kaum mächtig:
»Gott schütze und behüte Dich, Kind! Ich danke ihm, daß er mich mit Dir zusammenführte! So lauter und herzensrein wie ihr bleibt man nicht in der Residenz, doch als Freunde unserer Freunde, da halten wir Stich, wenigstens ich und mein Senator! Wenn Gott mir Gelegenheit dazu gibt, dann sollst Du’s erfahren. Alleinstehen brauchst Du nie, nie in der Welt, so lange der Justinus und sein Weib noch da sind. Das behalte, Kind; denn es ist ernst und ehrlich gemeint.«
Damit küßte sie Paula noch einmal, und wie diese ins Freie trat, um den Wagen zu besteigen, und auch die Griechin Eudoxia und Mandane, die sich bescheiden und still weinend zurückgehalten, einen Abschiedskuß gegeben und endlich dem buckeligen Gärtner und dem Masdakiten, denen dabei die Thränen an den Wangen herunterliefen, die Hand gereicht hatte, vertrat ihr Katharina den Weg, klammerte sich, tief verletzt und erregt, an ihren Arm und rief dringend:
»Und für mich, für mich hast Du gar nichts?«
Da befreite sich Paula von ihren Händen und flüsterte ihr zu:
»Dank für den Wagen. Du weißt, er bringt mich in den Kerker, und ich fürchte, Dein Verrat ist es, der mich dorthin führt. Irr’ ich mich, so verzeih mir, wo nicht, so wird Deine Strafe kaum leichter sein als mein Schicksal. Du bist noch jung, Katharina, versuch es, besser zu werden.«
Damit bestieg sie mit der alten Betta das Fuhrwerk und sah nur noch, wie Maria schluchzend in Frau Johannas Arme stürzte.
Neununddreißigstes Kapitel.
Die Witwe Susanna war der Damascenerin nie zugethan gewesen, doch ihr Schicksal erschreckte sie und erweckte ihr Mitleid. Man mußte nachfragen, ob es nicht angehe, ihr statt der Gefangenenkost bessere Nahrung in den Kerker zu schicken. Das war Christenpflicht, und ihrer Tochter schien das Unglück der Freundin auch sehr nahe zu gehen; denn wie sie mit Frau Martina zurückkam, sah sie so niedergeschlagen und verwirrt aus, daß es Fremden gewiß nicht eingefallen wäre, sie mit einem munteren Vögelchen zu vergleichen.
Wiederum hatte ein giftiger Pfeil sie getroffen.
Bisher war sie schlecht gewesen für sich allein, jetzt war sie es auch im Bewußtsein eines andern Menschen.
Paula wußte, daß sie sie verraten! Die Verräterin hatte einen Verräter gefunden. Die Verhaßte war berechtigt, sie für bös und hämisch zu halten, und das machte sie ihr noch tiefer verhaßt.
Wo wäre sie bisher nicht freundlich begrüßt und liebreich empfangen worden, und welche Abweisung hatte sie heute erfahren, nicht nur von Paula, sondern auch von Frau Martina, die etwas bemerkt haben mußte und deren herbe Zurückhaltung ihr vorhin unerträglich erschienen war.
Der alte Bischof trug schuld an dem allem; denn er war seinem Versprechen untreu geworden, ihren Verrat so geheim wie die Beichte zu halten. Ja, er mußte wortbrüchig geworden sein; denn sie besaß keinen Mitwisser. Vielleicht hatte er gar auch den Arabern ihren Namen genannt, und dann mußte sie Zeugnis vor Gericht ablegen, und in welchem Licht stand sie dann da vor Orion, ihrer Mutter, Frau Johanna und Martina?
Der alte Rufinus, sie hatte es wohl bemerkt, war bei dem Unternehmen zu Grunde gegangen, und das that ihr leid. Die Nachbarinnen hatten ihr ja immer nur Freundliches erwiesen, und sie wollte sie nicht gern unglücklich machen. Mußte sie vor Gericht alles bekennen, so konnte es auch ihnen übel ergehen, und sie wünschte niemand Böses außer denen, die sie um Orions Liebe betrogen.
Ja, das Zeugnis vor Gericht, das war das Schlimmste und mußte vermieden werden um jeden Preis.
Wo steckte nur der Bischof Plotinus?
Er war schon gestern heimgekehrt und noch nicht bei der Mutter gewesen, die er sonst tagtäglich besuchte. Auch hinter diesem Ausbleiben witterte sie Unheil. Es kam alles darauf an, den alten Herrn möglichst bald an sein Versprechen zu erinnern; denn wenn er morgen früh bei dem Verhör, dem er gewiß beiwohnen mußte, ihren Namen nannte, dann drangen die Häscher, die Dolmetscher und Schreiber auch in ihr Haus, und dann — brrr — sie hatte schon einmal Zeugnis ablegen müssen, und das, was darauf gefolgt war, das wollte sie nicht zum zweitenmal erleben.
Aber wie konnte sie heute oder wenigstens morgen in der frühesten Frühe zu dem Bischof gelangen?
Der Wagen war noch unterwegs, und wenn sie... Es fehlten noch zwei Stunden an Mitternacht... Ja, so mußte es gehen!
Ungesäumt begann sie mit der Mutter über das Ausbleiben des Prälaten zu reden. Auch Frau Susanna zeigte sich darüber besorgt, zumal sie gehört hatte, daß der alte Herr unwohl von der Reise zurückgekehrt und sein Diener umhergelaufen sei, um einen Arzt zu suchen.
Da erbot sich Katharina, sogleich bei ihm vorzufahren. Der Wagen sei angeschirrt, die Amme könne sie begleiten. Sie müsse hin zu dem würdigen Freunde und hören, wie es ihm gehe.
Frau Susanna fand das alles sehr schön, doch meinte sie, es sei sicher zu spät für dergleichen; aber ihr Liebling hatte einmal »ich muß« gesagt, und damit war die Frage von vornherein entschieden.
Frau Susanna streckte die Waffen, die Amme wurde gerufen, und sobald der Wagen vorfuhr, flog Katharina der Mutter um den Hals, versprach ihr, sich nicht lange aufzuhalten, und kurz darauf hielt das Fuhrwerk vor dem bischöflichen Palaste. Dort gebot sie der Amme, auf sie zu warten, und betrat allein das große, lang hingestreckte Gebäude.
In dem weiten Vorsaal, den nur ein bescheidenes Lämpchen erhellte, war alles still und leer, selbst der Thorhüter mußte ausgegangen sein; doch sie kannte hier Weg und Steg und trat durch das Impluvium in die Bücherei, wo der Bischof sonst zu dieser Stunde sich aufzuhalten pflegte. Aber es war dort dunkel, und niemand beantwortete ihr leises Rufen.
Im folgenden Zimmer, wohin sie sich mit einiger Befangenheit tastete, lag ein Sklave vor einem großen Weinkruge und einer Handleuchte und schnarchte. Sein Anblick beruhigte sie etwas. Das folgende Gemach war das Schlafzimmer Plotins, das sie noch nie betreten. Durch die geöffnete Thür schimmerte matter Lichtschein und klang ein wehes Wimmern und Röcheln.
Nun rief sie den Namen der Wirtschafterin einmal und wieder, doch sie erhielt keine Antwort. Auch der Sklave hinter dem Weinkrug regte sich nicht, wohl aber hörte sie eine ihr wohlbekannte Stimme, die aus dem Schlafgemach, mehr stöhnend als sprechend, fragte:
»Wer ist da? Kommt er? Hast Du ihn endlich?«
Die ganze Dienerschaft des Bischofs war aus Furcht vor der Krankheit entflohen, und so auch der Akoluth, welcher Weib und Kinder besaß. Die Wirtschafterin hatte ihren Herrn verlassen müssen, um des Arztes, der schon einmal dagewesen, von neuem habhaft zu werden. Der letzte zurückgebliebene Sklave, ein treuer, gutmütiger, leichtsinniger Säufer, sollte indessen die Pflege übernehmen, doch er hatte sich einen Weinkrug aus dem unbewachten Speicher geholt, ihn schnell geleert, und war dann, von Trunkenheit und der drückenden Schwüle dieser Nacht überwältigt, entschlummert.
Katharina gab sich sogleich zu erkennen und hörte sich mit einem freundlichen, aber mühsam herausgestoßenen: »Ah, Du, Du, meine Kleine!« begrüßen.
Nun ergriff sie die Handleuchte und trat damit auf den Kranken zu.
Dieser hatte ihr die mageren Arme zum Willkommen entgegengestreckt, doch als sich zugleich mit ihr auch die Leuchte näherte, schlug er die Hände vor die lichtscheuen Augen und rief ängstlich und schmerzlich:
»Nicht, nicht, das thut weh; fort mit der Lampe!«
Da stellte Katharina sie auf die niedere Truhe hinter dem Kopfende des Bettes, trat dem Leidenden mit freien Händen näher, bestellte ihm die Grüße der Mutter und fragte ihn, wie er sich befinde, und warum er so allein sei; er aber gab ihr nur undeutliche, mühsam hervorgeröchelte Antworten und bat sie, näher zu treten, weil er sie nicht deutlich verstehe. Es gehe ihm schlecht, er werde wohl sterben. Es sei schön von ihr, daß sie komme, sie sei immer sein Liebling gewesen, seine kleine, fromme Katharina. »Und es zieht Dich wohl her, Kind,« schloß er, »um Dir den Segen des Alten zu holen. Von ganzem Herzen sollst Du ihn haben.«
Dabei streckte er ihr freundlich die Hand hin, sie aber folgte einem inneren Drange und kniete gerührt vor dem Lager nieder.
Da legte er ihr die heiße Rechte auf den Scheitel und murmelte segnende Worte; sie aber hörte sie kaum; denn seine Hand schien ihr schwer wie Blei, und ihre Glut that ihr weh und beängstigte sie furchtbar. Ihn, den alten, treuen Freund ihrer Kindheit, so leiden, vielleicht sterben zu sehen, verursachte ihr aufrichtigen Schmerz, indessen vergaß sie doch nicht, was sie hieher geführt; aber wie durfte sie ihn bei seinem Liebeswerk stören?
Er segnete sie, das war so freundlich, doch das Gemurmel nahm und nahm kein Ende, und die Last der glühenden Hand auf ihrem Haupt ward schwerer und schwerer und zuletzt unerträglich. Ihrer selbst kaum mehr mächtig, raffte sie sich zusammen; und nun nahm sie wahr, daß der Greis statt der üblichen Segensformeln nur unverständliche, zusammenhanglose Worte murmelte.
Da befreite sie sich von der heißen, schrecklichen Hand, legte sie auf das Bett zurück und wollte ihn fragen, ob er sie verraten und dem Patriarchen ihren Namen genannt habe, doch, großer Gott, da waren ja an seinen Wangen dieselben dunklen Flecken wie auf denen des Verseuchten im Hause der Lockenmedea, und mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf und riß das Lämpchen von der Truhe, und während sie dem Leidenden, ohne seines schmerzlichen Aufschreis zu achten, ins Antlitz leuchtete, zog sie ihm die matten Hände, mit denen er die Augen vor dem Lichtschein zu schützen suchte, gewaltsam beiseite und stürzte, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß sie richtig gesehen, von Raum zu Raum in den Vorsaal.
Hier trat ihr die heimkehrende Wirtschafterin entgegen, nahm ihr die Leuchte aus der Hand und wollte sie mit Fragen aufhalten, sie aber rief ihr nur zu:
»Ihr habt die Seuche im Haus! Laß das Thor verschließen!« und eilte an dem Arzte vorbei ins Freie. Mit einem raschen Sprung war sie im Wagen, und wie die Pferde anzogen, wimmerte sie der Amme zu. »Die Seuche, die Seuche ist dort — Plotin hat die Seuche!«
Die erschreckte Frau versuchte Katharina zu beruhigen und versicherte, daß sie sich irren müsse; denn solche höllischen Dinge wagten sich nicht an einen so heiligen Mann; doch das Mädchen würdigte sie keiner Antwort und befahl ihr nur, gleich nach der Heimkehr ein Bad für sie zu bestellen.
Sie fühlte sich wie niedergeschmettert, und an der Stelle, wo die heiße Hand des verseuchten Greises so lang gelegen, empfand sie unaufhörlich einen starken, widrigen Druck; ja als der Wagen endlich in den Garten einfuhr, war ihr immer noch, als belaste etwas Warmes, Schweres, nie zu Beseitigendes, Gräßliches ihren Scheitel.
Die Fenster des Hauses waren schon dunkel; nur aus dem Zimmer zu ebener Erde, das Heliodora bewohnte, glänzte ihr noch Licht entgegen.
Da schoß ihr ein teuflischer Gedanke durch das überreizte, unruhige Gehirn, und ohne nach rechts und links zu schauen, gab sie ihm nach und trat, wie sie ging und stand, in das Wohngemach und dann durch einen Vorhang in das Schlafzimmer ihres schönen Gastes.
Da lag Heliodora, immer noch von dem Kopfschmerz geplagt, der sie gehindert hatte, an dem Besuch im Nachbarhause teilzunehmen, im Bette und bemerkte den späten Besuch erst, als er dicht vor ihr stand und sie begrüßte.
Eine einzige Lampe erhellte den großen Raum mit bescheidenem Licht, und so anmutig wie in ihrem dämmernden Schein war die junge Frau der Kleinen noch nie erschienen. Ein Nachtgewand von dem feinsten, durchsichtigen Gewebe verbarg nur halb ihre schönen Formen. Von dem vollen blonden Haar ging wohl der wundervoll feine, kaum merkliche Wohlgeruch aus, der diese Glückliche stets umgab. Wie zwei schimmernde Schlangen lag es in schweren Flechten über ihrem herrlich gewölbten Busen und dem weißen Betttuch. Das aufwärts gerichtete Gesicht war unendlich lieblich und still, ja sie glich, wie sie so dalag und Katharina zulächelte, einem von freundlichem Wohlthun ermüdeten Engel.
Dem Reiz dieser Frau konnte kein Mann widerstehen, und auch Orion war ihm verfallen.
Vor ihr lag eine Laute, der sie ganz leise, einschmeichelnde Töne entlockte, und diese steigerten noch den bestrickenden Reiz, den ihr Anblick ohnehin übte.
Katharinas ganzes Wesen befand sich in Aufruhr, und sie wußte nicht, wie es ihr gelang, Heliodoras Gruß zu erwidern und sie zu fragen, ob es denn möglich sei, mit schmerzendem Haupt die Leier zu schlagen.
»So leise mit den Fingern über die Saiten streichen, das beruhigt, das sänftigt das Blut,« antwortete sie freundlich. »Aber Du, Kind, Du siehst aus, als littest Du schwerer als ich. Kamst Du mit dem Wagen, der eben vorfuhr?«
»Ja,« versetzte Katharina. »Ich war bei unserem lieben alten Bischof; er ist sterbenskrank, und auch er wird uns bald entrissen. Ach, dieser Tag! Erst Orions Mutter, dann Paula, und nun auch das noch! O Heliodora, Heliodora!«
Dabei warf sie sich vor dem Lager auf die Kniee und schmiegte das Antlitz an die von Mitleid bewegte Brust der ruhenden Frau.
Diese sah die feuchten Augen des Mädchens, welche sich von selbst und ohne Zwang mit Thränen gefüllt hatten, und ihr weiches Herz ward mit ergriffen von dem Weh des frohen Geschöpfchens, dem schon früh so viel Schweres auferlegt ward, und sie beugte sich über die Kleine, küßte ihr freundlich die Stirn und sagte ihr tröstende Worte.
Und Katharina schmiegte sich fester an sie und wies auf die Stelle an ihrem Scheitel, auf der die heiße Hand des Seuchekranken gelegen, und sagte:
»Hieher, küsse mich hieher; hier, hier schmerzt es am meisten! Ja, so ist es gut, das thut wohl!«
Und während der frische Mund der weichherzigen, jungen Frau sich mit ihrem verpesteten Haar vermählte, schloß sie die Augen, und es ward ihr zu Mut wie dem Fechter, der die Waffen bisher nur auf dem Uebungsplatz gebrauchte und sie nun zum erstenmal in der Arena benützt, um dem Gegner das Herz zu durchbohren. Wie eine Fremde, größer als sie selbst kam sie sich vor; ja, sie war wie der alles bändigende Tod und hauchte sich selbst in die Brust ihres Opfers.
Diese Empfindungen beherrschten sie ganz, während sie auf dem weichen Teppich kniete, und sie bemerkte nicht, daß sich auf demselben eine Frauengestalt dem Lager ihrer Trösterin näherte, und ward auch nicht gewahr, wie diese der andern verständnisvoll zuwinkte.
Doch während sie von neuem ausrief: »Noch einen Kuß hieher; da brennt es so schrecklich!« fühlte sie zwei Hände an ihren Schläfen, und zwei andere Lippen als die Heliodoras preßten sich fest auf ihren Scheitel.
Da schlug sie überrascht und erschrocken die Augen auf und sah in das lächelnde Antlitz der eigenen Mutter, die ihr nachgeeilt war, um zu hören, wie sie den Bischof gefunden, und die es dann verlangt hatte, auch einen Anteil an der Linderung der Pein ihres Lieblings zu haben.
Wie hübsch war der kleine, unerwartete Ueberfall gelungen!
Aber was überkam denn da ihre Kleine?
Wie vom Blitz getroffen, wie von einer Natter gestochen, sprang sie in die Höhe, schaute sie ihr entsetzt in die Augen, und als Frau Susanna ihr Köpfchen noch einmal fest zu halten versuchte, um ihr wiederum die verruchte, schmerzende Stelle zu küssen, stieß Katharina sie von sich und lief, ihrer selbst nicht mächtig, durch das Wohnzimmer in den Vorsaal und von dort aus die wenigen Stufen hinunter, die in den Baderaum führten.
Die Mutter schaute ihr verdutzt und kopfschüttelnd nach. Dann wandte sie sich an Heliodora, zuckte die Achseln und sagte mit feuchten Augen: »Arme, arme Kleine. Es kommt gerade jetzt auch gar zu viel Trauriges für sie zusammen. Wie ein heller Sonnentag war noch vor kurzem ihr Leben, und nun schlägt der Hagel von allen Seiten auf sie ein. Gewiß bringt sie traurige Nachrichten vom Bischof.«
»Er soll sterbenskrank sein,« entgegnete die junge Frau mitleidig.
»Unser bester, treuster Freund,« schluchzte die Witwe. »Ja, es ist, ist wahrlich zu viel! Oft mein’ ich, ich müßte selbst unterliegen, und nun erst sie, das kaum erwachsene Kind! Und mit welcher Ergebung trägt sie das Schwerste! O Frau Heliodora, Du weißt ja lange nicht alles, was sie betroffen, doch vielleicht hast Du bemerkt, wie sie immer nur bedacht ist, fröhlich zu scheinen, um mir das Herz zu erleichtern. Kein Seufzer, keine Klage ist bis jetzt über ihre Lippen gekommen. Wie eine Heilige fügt sie sich in alles, ohne zu murren. Aber nun, da es auch den alten, lieben Freund trifft, nun hat sie zum erstenmal die Fassung verloren. Sie weiß ja, was Plotinus mir war...«
