Kitabı oku: «Kettenwerk», sayfa 7
Ebling
Der Anfang
4. Juni 1919
Kapitel 9
Für Walter Ebling war es eigentlich ein besonderer Tag, doch an seinem 22. Geburtstag schien nicht einmal die Sonne. Es war ein kalter, unbehaglicher Regentag – ungewöhnlich für diese Jahreszeit, da noch Tage zuvor das Thermometer die Weichen für herrliche Sommertage gestellt hatte.
Er war mutterseelenallein in einer fremden Stadt und für ihn sollte sie fremd bleiben. Nur eine halbvolle Rotweinflasche leistete ihm Gesellschaft und nirgends gab es Aussicht auf eine bessere Bekanntschaft. Spöttisch und siegessicher hatte er vor Monaten Hamburg den Rücken gekehrt. In Berlin wollte er sein Glück finden. Vielmehr war es aber auch ein Befreiungsschlag, endlich vom Elternhaus gelöst sein. Somit fühlte er sich nicht als Obdachloser, wenngleich er die Nächte in zugigen Hausfluren und grauen Hinterhöfen verbrachte.
Längst war sein bisschen Geld durchgebracht.
Der bei weitem nicht ruhmreiche Rückzug von der Front spuckte ihn dicht am Brandenburger Tor aus, wo er sich inmitten chaotischer Zustände wiederfand. Die Stadt war gebeutelt von Demonstrationen und Straßenschlachten.
Alle hatten sich vom Waffenstillstand ein akzeptableres Ende erhofft. Doch die verheerenden Unruhen in den zentralen Großstädten und ganz besonders in Berlin, die schon während des Krieges wieder und wieder eskalierten, drohten am Ende die wenigen Hoffnungen auf einen ertrotzten Frieden zu zerschlagen. Noch Wochen vor dem Waffenstillstand – niemand konnte voraussagen, dass er schon so bald geschlossen wurde – sah sich Ebling an einem der vorderen Frontabschnitte wieder.
Es war die Antwerpen-Maas-Stellung.
Enttäuscht musste er jedoch feststellen, dass dort bereits die letzten Kampfhandlungen loderten. Er kam nicht mehr in den Genuss, sein blankpoliertes Gewehr zu benutzen. Geschlagen und todmüde kamen ihm die Fronttruppen entgegen. Das Heer war ausgedünnt und angefressen. Sehr einsilbig machte man ihm verständlich, dass die Lage trostlos wäre. Schließlich entschied man sich, gemeinsam dem Ende entgegen zu trotzen.
Das alles konnte Ebling nicht mit bloßem Verstand verarbeiten.
Viel zu gerne wäre er zu dem Zeitpunkt allein an die Front gestürmt und hätte seinem Vaterland alle Ehre erwiesen. Er wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass sich das eigene Heer so jämmerlich zurücktreiben ließ.
Stattdessen saß er da, hoffend auf einen ehrenvollen Frieden? Nein! So konnte das nicht zu Ende gehen!
Natürlich hatte er keine blasse Ahnung davon, was währenddessen im Heimatland vor sich ging. Selbst der erhoffte ehrenvolle Frieden war äußerst umstritten, da sich die revolutionären Unruhen nicht mehr niederschlagen ließen. Die Spannungen in den Großstädten und ganz besonders in Berlin stiegen auf ein derartig gefährliches Maß an, dass der geschwächten Regierung keine andere Wahl blieb, als die kettenschweren Bedingungen für einen Waffenstillstand zu akzeptieren.
Schließlich wurde am 11. November 1918 die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet.
Welche Verlogenheit, was für eine Untreue, dachte Ebling. Das konnte er nicht einfach so hinnehmen und deshalb verlor er da draußen im schlammigen Erdreich jeglichen Halt zum Vaterland. Mit jeder Sekunde starb das Vertrauen an die Regierung ein bisschen mehr. Selbst den Weg zurück nach Hamburg ins Elternhaus fand er nicht wieder.
Das war nicht mehr sein Weg.
Mit zwei Frontsoldaten war er in Berlin gestrandet, wo er sich zunächst viel erhoffte, ihn aber das Arbeiterviertel mit weit aufgerissenem Schlund nahe des Kreuzbergs verschlang und wider Erwarten musste er sogleich die zweite große Schlappe einstecken.
Er fand sich nicht mehr zurecht. Die verhängnisvollen, politischen Zusammenhänge und Hintergründe waren ihm eher suspekt. Er konnte nicht begreifen, dass von irgendwoher immer wieder neue Unruhen, Streiks und massive Demonstrationen angezettelt wurden. Und weil die Intelligenz nicht sein Wegbegleiter war, wollte er wenigstens das endlich ändern. Als Soldat kam er schon nicht zum Einsatz … Sein Leben brauchte endlich eine Wende.
Das war Ende November 1918.
Ausgehungert und ohne einen Pfennig in den Taschen kauerte er auf den oberen Stufen einer Hintertür in einem düsteren und obendrein zugigen Gewerbehof mitten im Zeitungsviertel. Und als er müde durch die Toreinfahrt zu diesem Hinterhof taumelte, hatte er allem den Rücken gekehrt. Längst hatte ihn der ungeheure Sog hinab zu den radikalen Gruppen aufgespürt und umschmeichelte ihn auf den Stufen wie der lauwarme Windzug einer späten Sommernacht. Er ließ es geschehen. Die feuchte Luft, die er einatmete, war vom beißenden Geruch der Druckerschwärze geschwängert.
Der STAHLHELM, eine Untergrundbewegung, hatte in dem Gewerbehof sein pulsierendes Herz verborgen. Er schloss sich ihm an und beteiligte sich lauthals an zahlreichen Demonstrationen, obwohl sich seine politischen Aktivitäten bis dato doch eher auf das Beschmieren von Toilettenwänden begrenzten. Jetzt verteilte er Hetzblätter und im Gegenzug erhielt er eine warme Mahlzeit. Einige Wochen darauf ging er zur Volksmarinedivision, weil er gehört hatte, dass man dort sogar einen trockenen Schlafplatz erhielt … düster zwar und kalt, dafür aber trocken.
Während einer Kundgebung geriet er in ein tragisches Handgemenge, das für ihn blutig endete. Und noch ehe sie richtig begonnen hatte, stoppte ein glatter Nasenbeinbruch seine politische Karriere radikal.
Er wachte im Hospital wieder auf. Zwei geprellte Rippen und mehrere tiefblaue Blutergüsse veranlassten ihn, seine Prinzipien, falls er jemals welche hatte, neu abzustecken. Er musste seine Zukunft neu planen.
Derzeit schlugen die Zeitungen mit der wohl aktuellsten Schlagzeile um sich: die Ermordung des Präsidenten des Freistaates Bayern und zwar durch einen Adligen, den Grafen Arco.
Also auch ein Graf ist zu solchen Taten fähig, dachte Ebling.
Das beeindruckte ihn zutiefst und es brauchte keine lange Bedenkzeit für einen spontanen Entschluss. In München würde er sich politisch neu orientieren. Ja, München sollte es sein, wo er einen Neuanfang machen wollte. Anfang 1919 machte er sich auf den Weg.
Sein Begehren war der Eintritt in eine junge politische Gruppe, die bereits seit mehreren Monaten Aufsehen erregte, wenngleich sie nur allzu träge wuchs. Seit Januar aber, so hörte er, erfreute sich die Gruppe eines ungeheuren Zulaufs. Unbedingt wollte auch er Mitglied werden. Unbedingt wollte er ein Genosse sein. Er wollte sich in diese junge Partei einschreiben, die DEUTSCHE ARBEITERPARTEI.
In Berlin kannte er ja sowieso niemanden.
Würde ihn irgendjemand vermissen?
Und noch während Ebling seine Wunden im Hospital leckte, endeten die Kämpfe draußen im Berliner Zeitungsviertel mit dem eindeutigen Sieg der Regierungstruppen. Mutige Vorkämpfer wie der Spartakisten-Führer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden festgenommen und auf grausame Weise getötet, um, wie es hieß, ein abschreckendes Exempel zu statuieren.
Ebling kannte die beiden flüchtig. Er hatte für sie gearbeitet.
Ihr Tod ging ihm nahe. Nur war er dadurch noch entschlossener, diesem erbarmungslosen Berlin den Rücken zu kehren.
Jedenfalls sobald es ihm möglich war.
Zu jener Zeit konnte er nicht ahnen, dass auch ein junger Mann den Entschluss gefasst hatte, nach München zu reisen, um auf einer der Mitgliederversammlungen dieser neuen Partei seine demagogischen Thesen vorzutragen. Ein zutiefst hassender Fanatiker. Klein und schmächtig, dunkelhaarig und blass. Ein Österreicher mit dem verhängnisvollen Hang zum Größenwahn und zu cholerischen Anfällen. Ein Träumer, aber auch ein Visionär und absolut gesegnet mit dem Geschick für öffentliche Dramatik.
Diesem schwarzhaarigen Jungmann sollte Ebling schon bald gegenüberstehen … dem jungen Adolf Hitler.
Doch zuvor ging er ein zweites Mal unfreiwillig ins Hospital.
Ein Schlüsselbeinbruch war verantwortlich dafür, da er sich einmal mehr zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielt. Wieder geriet er in einen Straßenkampf.
Wie ein Zahnstocher zerbrach sein Schlüsselbein auf der linken Seite.
Der Bruch wurde ambulant behandelt, was eine optimale Genesung nicht gerade gewährleistete. Einige Wochen später war ihm klar, dass ein ewig pochender Schmerz bleiben würde, ganz besonders an nasskalten Tagen … und dieses Pochen würde sein künftiges Leben beherrschen.
Jetzt, an seinem 22. Geburtstag, saß Ebling niedergeschlagen auf den nassen Steinstufen, dort, wo seine politische Karriere begann. In Berlin. Die Schulter schmerzte erbärmlich und er tat sich schwer, das Pochen als seinen ständigen Weggefährten zu akzeptieren. Sein verbittertes Gesicht glich einer klaffenden Wunde. Und es schien, als wollte die Wunde nicht mehr abheilen in dieser Stadt. Sein bisschen Hab und Gut trug er in einem grauen Leinenbeutel bei sich und im Grunde stand nichts mehr dagegen, den Aufbruch nach Bayern gleich jetzt in die Tat umzusetzen.
Auf dubiosen Umwegen durch das brodelnde Ruhrgebiet erreichte er im April die Tore Münchens.
Sofort wurde er von politischen Ereignissen überschüttet, was ihn die pochende Schulter im Nu vergessen ließ. Gerade war die Räterepublik ausgerufen worden. Wohl die Reaktion darauf, dass man den Kurt Eisner erschossen hatte, vermutete Ebling, und weitere, ungeheuerliche Erschießungen folgten und sorgten für Schlagzeilen.
Sie sollten abschrecken.
Bis die unfassbare Gräueltat im Luitpold Gymnasium geschah, mitten im Herzen Münchens und auf ausdrücklichem Befehl der Räteregierung. Ob das wieder ein Exempel sein sollte? Eine organisierte Massenhinrichtung von 20 Geiseln? Vor Empörung lief sein Fass über. Diese Schreckensherrschaft durfte nicht länger Bestand haben, auch nicht im Freistaat Bayern.
Nur hatte Ebling zunächst grundlegendere Sorgen. Er brauchte Geld.
Am Fuße der Isar, im Stadtteil Giesing, fand er wie durch einen Zufall Arbeit in der Buchhandlung-Weishaupt.
Er hatte Glück.
Mit dem Lohn, den er an jedem Wochenende bekam, konnte er sich genügend Alkohol und Zigaretten kaufen. Aber das Geld allein war nicht der Grund für sein Bleiben. Vielmehr war es die geistig zurückgebliebene Tochter des Hauses, die warme Schlafstätte und die geregelten Mahlzeiten.
Irene hatte den Geist einer Zehnjährigen, wenngleich sie 28 war. Sie war wirklich nicht schön … schweinsfarbene Haut und fett – und ihre dünnen, dunkelblonden Haare fielen ihr strähnig auf den ansatzlosen Nacken. Aber gerade die Dankbarkeit, die Irene ihm entgegenbrachte, sagte ihm zu. Er begehrte ihr mächtiges Hinterteil und ihre noch mächtigeren Fleischbrüste.
Hier wollte er sich von den langen Strapazen erholen.
Irene sprach nicht viel, und sie war willig … was wollte er mehr. Tagsüber half er unten in der Buchhandlung aus und abends trank er Bier und vergnügte sich ausgiebig mit Irene.
Doch dann spitzten sich die politischen Ereignisse zu, drängten ihn unbarmherzig in die Wirklichkeit zurück. Es war September und eine Mitgliederversammlung der Partei stand an. Zusammen mit dem Buchhändler Weishaupt, der bereits Mitglied war, nahm Ebling daran teil. Die Euphorie, die ihm im kleinen Saal des Hofbräuhauses entgegenschlug, war überwältigend und nicht eine Sekunde zögerte er, sich als Mitglied einzuschreiben.
Die Partei hatte sich zur Aufgabe gemacht, systematisch die keimende Brut von rechtsradikalen Strömungen im Land zu ebnen und sie mit allen erdenklichen Mitteln zu fördern. Es kam ihm vor wie ein Geheimbund, der aufklärerische Grundsätze verbreiten wollte, und er war von frühester Stunde an dabei, um wirkliche Pionierarbeit zu leisten.
Ein Rädelsführer der sich zuvor mit der Mitgliedsnummer 7 ins Parteibuch eingetragen hatte, kam an diesem Versammlungsabend ein weiteres Mal zu Wort. Mit seinen radikalen Thesen eroberte er alle 111 Personen, die an diesem Abend in dem von bläulichem Zigarettenqualm geschwängerten Festsaal saßen, in frenetischem Jubelsturm.
Ebling war endlich einer von ihnen.
Der junge Mann, ein Bildungsoffizier, der nun hinter das Rednerpult trat, verkaufte sich und seine Thesen mit einer unvergleichlich faszinierenden Art.
Er stellte sich als Adolf Hitler vor.
Dieser Schmächtling hatte etwas Fesselndes, etwas Mitreißendes.
In Ebling rief er sofort den gewünschten, großen Bruder wach.
Voller Ehrfurcht hingen seine Ohren an diesen allesdurchdringenden Stimmbändern. Er tankte tiefes, neues Bewusstsein und ihm war fast so, als würde er ein zweites Mal geboren.
An diesem Abend hielt Hitler einen Vortrag über Das Versailler Diktat. Es sollte später als eine der Ursachen für das Scheitern der Weimarer Republik in die Geschichtsbücher eingehen.
Anbetung vor dem Throne Gottes
Danach sah ich, und siehe, eine Tür aufgetan
im Himmel; und die erste Stimme, die ich
gehört hatte mit mir reden wie eine Posaune,
die sprach: Steig her, ich will dir zeigen,
was nach diesem geschehen soll.
Und alsobald war ich im Geist. Und siehe, ein
Stuhl war gesetzt im Himmel, und auf dem Stuhl
saß einer; und der besaß, war gleich anzusehen
wie der Stein Jaspis und Sarder; und ein
Regenbogen war um den Stuhl, gleich anzusehen
wie ein Smaragd.
Und von dem Stuhl gingen aus Blitze,
Donner und Stimmen; und sieben Fackeln mit
Feuer brannten vor dem Stuhl, welches sind
die sieben Geister Gottes
Die Offenbarung des Johannes
„Offenbarung der Majestät Gottes und
die feierliche Anbetung vor seinem Throne“
Kapitel 4. Vers 1/2 und 5.
Im Arbeitszimmer II.
22. Mai 1976
Kapitel 10
Nachdem sie einen ungefähren Plan umrissen hatten, jedoch feststellen mussten, dass sie ohne Matjes’ gute Einfälle nicht wirklich weiter kamen, erhob sich Georgie und erkundigte sich abermals nach ihm. Auch jetzt bekam er keine zufriedenstellende Antwort.
Wieder ging sein Blick zur Tür. Er lauschte, dann wiederholte er seine Frage: „Hey! Wo, verdammt noch eins, ist Matjes?“
„Hoh, hoh!“, erschrocken richtete sich Ulli auf und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, „Ich weiß nich’ genau, Mann. Er ist Ochsenzoll ausgestiegen.
Er wollte etwas nachsehen und dann nachkommen.“
„Na toll, und warum verdammt noch mal Ochsenzoll? Konntest du ihn denn nicht daran hindern?“
„Ja, Mann“, sprang Kessie ein, weil Ochsenzoll die U-Bahnstation war, wo er wohnte, „sonst hat er nichts gesagt?“
„Warum zum Teufel Ochsenzoll?“, überlegte Georgie laut.
„Was weiß ich denn?“, wehrte Ulli ab, „Ihm wird schon nichts passieren!“
„Über was habt Ihr denn vorher noch geredet?“
„Also, jetzt wo du mich so fragst“, antwortete Ulli, „wir haben eigentlich gar nicht geredet.
„Er war die ganze Zeit still“, aber dann grinste er verschmitzt und kniff dabei ein Auge zusammen, „ich hab’ ihm von unserer Nachbarin erzählt, die mir letztens etwas anvertraute …“, befriedigt registrierte er, dass alle Augen an seinen Lippen klebten, „na ja, sie erzählte mir, dass sie nun schon seit Jahren zu jeder Theaterpremiere in Hamburg gehe, um mitreden zu können“, er stockte für Sekunden, „… Ich hab’ sie dann nur gefragt, ob das denn die anderen Besucher nicht unnötig stören würde?“, für einen Augenblick blieb er noch todernst, bis er dann in schallendes Gelächter ausbrach und sich auf die Schenkel schlug.
Die anderen lachten nicht.
„Ooh, Scheiße noch mal!“, stieß Georgie aus, obwohl seine Mundwinkel sich ein schmales Lächeln erkämpfen konnten.
„Nein, im Ernst“, lenkte Ulli ein, „ihm wird schon nix passieren. Er wird nicht so blöd sein und allein dorthin gehen.“
„Und was ist, wenn doch“, kam Holmis berechtigter Einwand.
Mit einer beschwichtigenden Geste senkte Georgie den Kopf und sagte: „Er soll noch mal über unseren Plan ’rüberschreddern, deswegen brauch’ ich ihn hier!“
Holmi nahm einen Schluck aus seinem Glas und meinte zustimmend, dass ein guter Plan jetzt absolut notwendig wäre und dass Matjes bestimmt gleich kommen würde. Er sagte das, da er plötzlich das Gefühl hatte, etwas Derartiges sagen zu müssen, aber etwas Passenderes fiel ihm so schnell nicht ein.
Verunsichert stellte er das Glas zurück auf den Schreibtisch.
Die Situation beanspruchte sein Nervenkostüm aufs Ärgste.
„Leute, das geschah doch alles vor vier Jahren, okay!“ Georgie war Holmis Unsicherheit nicht entgangen. Daher wollte er ablenken: „Ich habe gehört, dass dort in den vergangenen Jahren verdammt viel gebaut wurde“, wobei er Holmi, der hektisch an seinen Fingernägeln kaute, aus dem Augenwinkel beobachtete.
Er fuhr fort: „Was ist, wenn die Bunker längst weg sind?“, ging sein Blick fragend zu Kessie, „Wir waren vor vier Jahren das letzte Mal dort … ich zumindest!“, dabei suchten seine Augen mehr, als sie sehen konnten.
„Das stimmt allerdings“, pflichtete ihm Kessie bei, „gebaut worden ist sehr viel, aber komischerweise haben sie die Bunker nicht angerührt.“
„Die haben nur viele neue Hallen gebaut“, fügte Kessie noch hinzu.
Tommi erhob sich vom Stuhl: „Aber vielleicht haben sie dadurch die Gänge freigelegt!“, spekulierte er skeptisch.
„Genau, was ist, wenn sie die ganzen Gänge entdeckt haben“, sagte Ulli mit einer flüchtigen Handbewegung in Georgies Richtung.
„Nein, nein!“, winkte Kessie mit beiden Händen ab, „die Gebäude haben keine Keller. Sie haben nur den Boden begradigt und die Gebäude draufgebaut“, und mit einem unklaren Blick zu Georgie sagte er, „und die Teiche gibt’s auch noch.
Man hat sie sogar gereinigt und neu umzäunt.“
Georgie hatte sich nicht wieder an den Schreibtisch gesetzt, stattdessen war er ein paar Schritte auf die Tür zugegangen. Ohne sich nochmal umzudrehen, sagte er: „Na gut, wir treffen uns morgen 22 Uhr vorm Haupteingang.“ Er hatte die Tür erreicht: „Und vergesst Eure Taschenlampen nicht!“
Fast unmerklich warf er einen flüchtigen Blick auf seine Uhr, die er noch immer so ungewöhnlich umgebunden trug – das Zifferblatt nach unten gerichtet. Er drehte das Handgelenk nach außen vom Körper weg. Viertel nach eins schon.
Mit einem Ruck öffnete er dann die Tür und sagte: „Nun komm’ schon rein, Betty“, dabei streckte er ihr die Hand entgegen, „du musst da nicht die ganze Zeit warten.“
Galant griff er nach ihrer Hand und zog sie herein.
Überrascht sah Kessie sich um und rief erschrocken: „Oh, Betty! Entschuldige. Ich … ich hab’ dich aber nicht vergessen!“ Gleichzeitig schoss er hoch und kam ihr entgegen.
„Ist schon okay“, versuchte sie das plötzliche Eindringen zu entschuldigen, doch vielmehr war sie vergeblich damit beschäftigt, die eigene Erschrockenheit zu überspielen.
Es gelang ihr nur schwer.
Ohne Georgie eines klaren Blickes zu bedenken, schlängelte sie sich auch an Kessie vorbei, um die anderen mit einem geklauten Lächeln zu begrüßen.
„Nein, nein, du bist bestimmt sauer, oder?“, zog Kessie sie zu sich heran, wobei er zu Georgie hinübersah, der noch bei der offenen Tür stand.
„Wirklich nicht. Ich hätte doch jederzeit reinkommen können.“ Sie löste sich von Kessie und wandte sich erneut den Jungs am Schreibtisch zu. „Na, und was habt Ihr denn nun so Wichtiges zu bereden?“
Nicht sofort bekam sie eine Antwort. Nur betretene Blicke.
Kessie zog sie wieder zu sich heran und flüsterte ihr ins Ohr, dass sie eigentlich nur geplaudert hätten, weil sie sich so lange nicht mehr gesehen hatten. Hilfesuchend sah er zu den anderen: „Na ja, da gibt’s dann eben viel zu quatschen.“
„Das klang eben aber ein bisschen anders“, überfuhr sie Kessie.
„Und wie klang es?“, fragte Georgie, der genau wusste, dass sie trotz der lauten Musik draußen an der Tür gelauscht hatte.
Fast gleichzeitig standen Tommi, Ulli und Holmi auf, um sie zu begrüßen.
„Na, Kessie …“, Ulli pfiff durch die Zähne, „dein Geschmack in allen Ehren, ich …!“
Weiter kam er nicht, weil ihm Holmi in die Seite stieß. Abrupt fuhr Ulli herum und drohte mit dem Zeigefinger: „Das machst du genau dreimal, Mann!“ Dabei ließ er jedoch ein weißes Grinsen von den Lippen abtropfen. „Das gibt blaue Flecke, du Arsch!“
Betty war die Erste, die lachte.
Schlagartig entspannte sich die Situation und alle fingen an zu lachen.
Damit war die „Sitzung“ beendet.
Gemeinsam verließen sie das Arbeitszimmer, mischten sich wieder unter die Gäste.
Ulli und Georgie verschwanden in Richtung Bowle und Tommi tänzelte ungelenk ins Wohnzimmer, wo getanzt wurde.
Holmi steuerte geradewegs die Toilette an.
Nur Betty und Kessie kehrten nach wenigen Schritten um und verriegelten die Tür des Arbeitszimmers von innen.
Längst waren die Gäste gegangen, auch Ulli, Tommi und Holmi, als Kessie völlig zufrieden dreinblickend den Flur entlanggeschlurft kam. Er warf einen glasigen Blick in die Küche, wo Georgie auf einem Stuhl saß und auf ihn wartete. Tief tauchte er den Blick in den Dampf seines Teebechers.
„Was denn … alle schon weg?“ Die Frage entwich Kessie mehr aus Verlegenheit, da Georgie ihn zwar kommen hörte, jedoch nicht aufsah. Mit zerwühlten Haaren stand Kessie im Türrahmen, das Hemd falsch zugeknöpft und barfuß.
„Ja, Mann, alles ausgestanden“, erwiderte Georgie knapp und zog an seiner Zigarette.
„Hey, danke, dass du uns die ganze Zeit in Ruhe gelassen hast.“
„Vergiss’ es“, entgegnete Georgie mit ruhiger Stimme, jedoch den Blick jetzt hebend. Doch die Art, wie seine Augen ihn ausradieren wollten, war erschreckend.
Kessie kam ein paar Schritte näher und fragte: „Was is’ los, Mann?“
„Setz’ dich.“ Er schob Kessie einen der Klappstühle hin. „Sag’ mal … Wie war das eigentlich damals im WILKONS-Haus? … Du weißt schon, als wir durch das Fenster eingestiegen sind?“
Verwirrt neigte Kessie den Kopf zur Seite. Den Gedankensprung hatte er nicht erwartet.
„Was meinst Du?“
„Kess’, erinner’ dich …“, Georgies Blick versprühte Kälte und Hitze zugleich. „Es war plötzlich so eine Art Abstellraum und das WILKONS-Haus sah auch anders aus, nicht so, wie wir es kannten … Wo warst du auf einmal?“
„Hmm, also ich weiß nich’ …“
„In dem Flur warst du nicht mehr hinter mir“, er beugte sich vor, „erst viel später als ich hinten bei der Treppe war, kamst du von oben runter.“
„Na ja, ich …“
„Du warst nicht hinter mir“, wiederholte sich Georgie.
„Meinst du, als wir … na ja …“
„Du weißt genau wann!“
„Ich hatte dich wohl kurz verloren“, sein Blick flackerte, „ich weiß nicht mehr so genau.“
„Was soll das“, empörte sich Georgie, „ich bitte dich … mich verloren. Wir standen doch beide vor der Tür mit dem Kalender. Der Kalender von 1944. Dann habe ich die Tür geöffnet. Bist du etwa in der Abstellkammer geblieben?“
„Ja, vielleicht … Ich weiß nicht mehr.“
„Und wie lange?“
„Was heißt wie lange!“, Kessie spielte weiter die Rolle des Verwirrten.
„Ja, wie lange hattest du mich verloren?“
Kessie sah zu Boden, fuhr sich mit der Hand durch die zerwühlten Haare, doch sein Gesicht trug einen merkwürdigen Ausdruck, der Georgie zweifeln ließ. Irgendwas verheimlicht er mir, dachte er, wartete dennoch Kessies Antwort ab.
„Ich kann das jetzt gar nicht mehr genau sagen. Ein paar Minuten vielleicht?“
„Ein paar Minuten? Hah … dann hättest du was hören müssen!“
„Ich hab’ nichts gehört … Was soll ich denn gehört haben, verdammt?“ Dabei ging sein Blick hinüber zur Tür.
„Mann, nun tu’ nicht so unwissend! Irgendwas musst du gehört haben, wenn du in der Nähe warst!“, abrupt stand Georgie auf, ging hinüber zur Abstellkammer. Er zauberte eine angebrochene Flasche Weinbrand hervor. „Und du musst was gesehen haben!“
Aufmerksam beobachtete Kessie seinen Freund. Erst Sekunden später antwortete er: „Hee! Was soll die Fragerei?“, stand jetzt ebenfalls auf. Instinktiv spähte er nach Gläsern.
Er fand welche in der Spüle. Eilig spülte er zwei Gläser ab, ließ sie sorgsam abtropfen, als wollte er Zeit gewinnen. „Was zum Teufel soll ich gesehen oder gehört haben?“
Nach diesem Satz erst drehte er sich um.
„Schreie, Gepolter, lautes Krachen … Stimmen … irgend so etwas.“
„Nein! Verdammt!“ Kessies Gesicht zuckte gespannt.
„Das ist unmöglich“, bis zum Rand schenkte Georgie die Gläser voll, „vielleicht ist es dir noch nicht wieder eingefallen?“
„Ich … ich kann …“
„Du musst versuchen, dich zu erinnern, Kess’.“
„Ich …“, Kessie marterte sein Hirn, „es geht nicht, Mann!“
Georgies Blick durchdrang ihn: „Dann erzähl’ ich dir, was da passiert ist … Dann kommt es dir vielleicht.“
Er nahm einen kräftigen Schluck und verzog unmerklich den Mundwinkel.
„Wenn dir das was gibt.“ Bei dieser Antwort vermied Kessie den direkten Blick.
Da ist irgendwas und ich weiß ganz sicher, dass da was ist, aber verdammt noch mal, ich krieg’s nich’ zusammen!
„Also, ich bin ’raus auf den Flur … langsam an der rechten Wand lang“, begann Georgie, während sie sich wieder auf die Klappstühle setzten, gerade als Betty aus dem Arbeitszimmer kam. Eilig begann sie, sich zu ordnen. Ihre Befriedigung war von felsenfester Genugtuung getragen. Gedankenversunken steckte sie die Haare hoch, zupfte den beigefarbenen Rollkragenpullover zurecht, der jetzt nicht mehr so eng an ihr saß.
Sie blickte zu Boden.
Auch sie war barfuß.
In der Küche hörte sie Stimmen. Von dort kam auch das einzige Licht, also steuerte sie diese Richtung an, wobei sie vorsichtig einen Schritt nach dem nächsten machte. Je mehr sie von dem Wortgeflimmer verstand, desto langsamer wurden ihre Schritte, bis sie ganz stehen blieb und lauschte.
Jetzt verstand sie jedes Wort.
„In dem einen Raum … Da hat ein schlimmer Kampf stattgefunden … Mein Kinderzimmer …Bloß da war es irgendwie nicht mein Zimmer, jedenfalls stand auf ’nem Schild an der Tür:
DIENSTZIMMER 4/Arbeitsaufsicht – W. EBLING.“
Als Georgie die letzten Worte ausgesprochen hatte, sah Kessie aufgeschreckt zur Seite, aber gerade, als er etwas sagen wollte, trat Betty auf die Türschwelle. Sie richtete ihre Frage direkt an Kessie: „Wer, bitte ist W. Ebling, eine Frau? Eine Freundin?“, ein scharfer, nicht allzu fester Blick streifte Georgie wie im Sturzflug.
„Wie lange stehst du da schon?“, fuhr Kessie herum.
„Lange genug“, entgegnete sie knapp. Ihre Stimme klang gelassen.
Intuitiv zog es Georgie vor, das Thema zu wechseln: „Nein, nein, das ist ein Mann, ein gemeinsamer Bekannter“, dabei sah er zu Kessie und erhob sich. „Kommt Leute, wir räumen hier noch ’n bisschen auf. Den anderen Kram mache ich morgen … oder vielmehr nachher … Wir haben ja schon morgen.“
Mit dem typischen Augenaufschlag einer Frau kam Betty der Aufforderung nach. Wortlos schnappte sie sich eines der Geschirrhandtücher, die neben der Tür hingen. Dann ging sie hinüber zum Waschbecken. Schweigend begann sie mit dem Abwasch, wobei sie den beiden den Rücken zukehren musste. Das war ihr ganz recht so, sonst hätten sie womöglich das verhaltene Lächeln um ihre Mundwinkel bemerkt. Sie hatte genug gehört.
Aus irgendeinem Grund vermied es Kessie, einfach zu ihr hinüber zu gehen, sie zu umarmen oder nur sie zu berühren – wie es Verliebte eben tun. Vielleicht tat er es nicht aus Respekt vor Georgie.
Oder aber auch deshalb, weil Betty ihm unmissverständlich signalisierte: Komm’ mir nie wieder zu nahe, du Clown!
Für mehrere Sekunden stand er nur da, sah sie ausdruckslos an, bis er sich dann Georgie zuwandte.
Nur zu gut wusste Betty, um was es in der Unterhaltung ging. Schließlich war Kessie im Arbeitszimmer überaus gesprächig unter ihr, bevor sie ihn erbarmungslos zu reiten begann.
Lasset euch niemand verführen in keinerlei Weise;
denn er kommt nicht, es sei denn, dass zuvor der
Abfall komme und offenbart werde der Mensch
der Sünde, das Kind des Verderbens.
Denn es regt sich bereits das Geheimnis der Bosheit,
nur dass, der es jetzt aufhält, muss
hinweggetan werden.
Das Neue Testament
Der zweite Brief des Paulus an die Thessalonicher.
Kapitel 2, Vers 3+7.
