Kitabı oku: «Kettenwerk», sayfa 8

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Zwei Tage zuvor

20. Mai 1976

Kapitel 11

Gegen halb vier Uhr nachmittags stieg Georgie „Langenhorn-Nord“ aus. Er ging den langen Bahnsteig entlang, während die U-Bahn an ihm vorbeirauschte und den Bahnhof verließ. In Gedanken gehüllt, sprang er die vielen Steinstufen des Bahnhofgebäudes hinab, wobei er gleich fünf Stufen auf einmal nahm. Draußen brannte die Sonne. Warme Luft empfing ihn, als er die schwere Tür zur Straße aufstieß. Er trat auf den Gehweg. Endlich wollte der Sommer auch Hamburg mit aller Macht erobern und dabei verkünden, dass er verdammt viel Hitze mitbringen werde. Auch in der U-Bahn hatte Georgie die Sonnenbrille nicht abgenommen. Er schob sie jetzt nur höher auf die Nase. Er ging den Krohnstieg hinauf zur Tangstedter-Landstraße.

Der Weg war ihm bestens vertraut, immerhin ging er vier Jahre lang – zwischen seinem 12. und seinem 16. Lebensjahr – fast täglich zur Fritz-Schumacher-Allee. Damals wusste er nicht genau einzuschätzen, warum Tante Irmtrauts Nähe für ihn so emotional war. Mit acht fing das alles an, als ihm das kleine blonde Mädchen auf dem Flur im Kinderhort erschien. Er kannte sie nicht, hatte sie niemals zuvor gesehen. Sie war in seinem Alter und genauso schnell, wie sie auftauchte, verschwand sie auf mysteriöse Weise direkt vor seinen Augen. Sie tauchte ab in einem gleißend roten Licht.

Das war das erste Zeichen … So fing es an!

… Und dann … drei Jahre später …

… An dem Tag, als Tante Irmtraut ihn bestrafen wollte, entwickelte sich das emotionale Verhältnis zwischen ihnen, das ihn erbarmungslos in seinen Bann zog. Damals war er von ihrer gewaltigen Körperfülle viel mehr abgestoßen. Warum er sich aber dennoch zu ihr hingezogen fühlte, konnte er nicht erklären. Er kämpfte mit unerklärlichen Gefühlsschüben, sobald er nur an sie dachte oder sie ansah.

Nach außen war sie die kantige und steife Oberin vom Kinderhort.

Sie wirkte unnahbar und zeigte Strenge. Doch auf den zweiten Blick und mit einer großen Portion Fantasie erkannte man feine Züge. Dann stellte man fest, dass sie früher sogar hübsch gewesen sein musste. Sie war zwar niemals wirklich schlank, aber dafür ging von ihr eine ergreifende Sinnlichkeit aus, die sogar einen Elfjährigen zu packen schien. Sie war unnatürlich massig und die weißgesteifte Schwesternhaube, die sie ständig trug, machte sie zudem nur noch größer und gewaltiger. Sie schminkte sich nicht, nicht einmal um die Augen, weil das Rosa ihres Teints genug gesunde Farbe auf ihrem Gesicht verteilte. Georgie spürte die verborgene Weichheit überall, die sie aber mit Hilfsmitteln wie der Brille mit den breiten, schwarzen Bügeln zu übertünchen verstand. Jeden Tag trug sie den hellblauen Kittel und darüber die blaue Strickjacke. Immer waren die beiden obersten Knöpfe geöffnet, während die restlichen bei jeder Bewegung bedrohlich spannten. Der Kittel reichte bis über die Knie und gestattete nur einen vagen Blick auf die pfahlähnlichen Beine. Das ausladende Becken glich dem einer Elefantenkuh und eine Taille war nur zu erahnen. Alles an ihr ging fließend ineinander über bis hoch zu den gewaltigen Brüsten und dennoch bildete alles an ihr auf beängstigende Weise eine Einheit.

Selbst die geschmacklosen Gesundheitsschuhe brachen nicht das Bild.

Die Kinder brachten ihr den erzwungenen Respekt entgegen, was sie täglich spürte, obwohl immer öfter eine innere Stimme ihr sagte, dass sie sich nicht ewig der menschlichen Zuwendung entziehen konnte. Der Auslöser dafür war zweifellos dieser elfjährige Junge.

Es fing damit an, dass Georgie plötzlich spürte, dass er anders auf sie wirkte. Ganz deutlich merkte er, dass sie ihn bevorzugt behandelte. Aber auch er suchte unbewusst ihre Nähe, legte sich tausend Fragen zurecht, die er ausführlich von ihr beantwortet haben wollte.

Dann sah er sie einfach nur an.

Tief atmete er sie ein, wenn er neben ihr saß. Ständig hatte er einen gummiartigen Geruch in der Nase, wenn er dicht in ihrer Nähe war.

Ihre Brüste schienen so groß wie Medizinbälle und wenn sie saß und sich nur ein wenig vorbeugte, berührten sie ihre Oberschenkel. Am liebsten wollte er sie auch über diese riesigen Berge ausfragen, doch dazu reichte sein Mut dann doch nicht.

Sie hingegen spürte seine Blicke und etwas, das ihr tief unter die Haut kroch. Seine reine Aufrichtigkeit. Zunächst, als er noch acht Jahre alt war, fand sie dafür keine Erklärung, nur erregte es sie auf eigenartige Weise. Ihr war, als kannte sie ihn … aber aus einer früheren Zeit. Seine Nähe war ihr vertraut. Es war ein Gefühl des Wohlbehagens, das ihr nur einmal widerfahren war. Dann dauerte es nur noch drei Jahre, bis sie die unfassbaren Zusammenhänge erkannte.

Unbedingt musste sie ihn an sich binden, was ihr schließlich auch gelang. Und als Georgie mit seinen Eltern nach Garstedt zog, ging er weiterhin zu ihr in den Kinderhort, bis sie ihm auftrug, sie künftig in Langenhorn zu besuchen - nach der Schule bei ihr Zuhause. Fünfmal die Woche. Um 16 Uhr.

Seine Eltern hatten nichts dagegen.

Warum sollte er die Schularbeiten denn nicht bei Tante Irmtraut machen, die ihn doch von klein auf kannte? Bei ihr war er gut aufgehoben.

Wie aber die Nachmittage bei ihr wirklich abliefen, hatte mit Schularbeiten wenig zu tun. Tante Irmtraut holte sich etwas zurück, was sie vor so vielen Jahren verloren hatte.

Wenn sie ihm die Tür öffnete, empfing sie ihn mit einem stillen Nicken, nahm seine Hand und zog ihn hinein. Dann schloss sie die Tür. Mit der anderen Hand strich sie ihm durch die Haare bis zum Nackenansatz. Dabei sahen sie sich still an und nur ihr dünnes, mildes Lächeln umhüllte ihn. Schließlich drückte sie sein Gesicht sanft an ihren mächtigen Busen, während sie den Kopf hob, tief einatmete und zufrieden die Augen schloss.

Genau das erschien jetzt vor seinem geistigen Auge und es sagte ihm: Sie wacht über mich. Sie steuert meinen Geist, so wie sie mich auch physisch lenkt. Sie hat mich in ihren Bann gezogen. Sie bindet mich an sich.

Bereits damals konnte er seine ausgeprägte Kombinationsgabe nutzen, doch als Kessie und er in kurzer Folge in das Kettenwerk eindrangen, versanken sein Verstand und auch seine Erinnerung im dichten Nebel.

Unmittelbar zuvor sah er Tante Irmtraut zuletzt und an jenem Nachmittag verlief ihr stilles Ritual anders.

Ihre Umarmung war flüchtig.

Sie trug sogar die dunkelblaue Strickjacke, die sie bis zum Hals zugeknöpft hatte.

Der Nebel verdichtete sich immer mehr.

Wenn er heute darüber nachdachte, kam es ihm sehr gelegen.

An dem besagten Nachmittag ging er zu ihr, um notwendige Informationen zu bekommen. Seit Tagen sprach sie nur über sich, über ihre Jugend, damals, als sie 16 war, als sie im Kinderhort in der Küche arbeitete. Und sie sprach über das HAK-Werk, das früher Kettenwerk hieß. Natürlich hörte er interessiert zu, da dieses Werk einmal sein Reich war. Nur sprach sie von einer Zeit lange vor seiner Zeit.

Sie erzählte von den Zwangsarbeitern, von dem Straflager … Sie erwähnte auch den schrecklichen Aufseher. Sie erwähnte sogar seinen Namen.

Walter Ebling!

Und dann geschah es.

Beim vierten Mal im Kettenwerk war alles anders.

Sie entdeckten den Kalender aus dem Jahr 1944 an der Tür in dem Abstellraum.

Alles passte zusammen.

Ihm war nicht klar, warum er Zeuge der … der Vergewaltigung werden musste.

Sie erzählte ihm, dass sie mit 16 schwanger und von einer jüdischen Ärztin, einer Gefangenen im Frauenlager, entbunden wurde. Sie brachte ein Mädchen zur Welt.

Fast die ganze Schwangerschaft konnte sie verheimlichen, bis sie sich, kurz vor den Wehen, einer SS-Frau anvertraute, von einem polnischen Lagerinsassen vergewaltigt worden zu sein. Nach der Entbindung nahm ihr die SS-Frau, eine Blitzfrau aus dem Frauenlager, das Baby weg. Man gab es zur Adoption frei.

Sie sah es niemals wieder.

Über ihren Kopf hinweg wurde entschieden, dass in ihrer Lage ein Kind keinen Platz hatte. Eine Küchenhilfe im Kinderhort durfte nicht schwanger werden.

Seit jener Zeit hasste sie alle Männer, die sich ihr nähern wollten.

Sie wurde Hebamme und stillte fremde Säuglinge.

Seit Kessies Anruf stürzten gewaltige Erinnerungsbrocken über Georgie ein. Er erinnerte sich schemenhaft an die jahrelangen Besuche bei Tante Irmtraut.

Er wollte endgültig vollständige Klarheit über diese Zeit haben.

Er erinnerte sich nur vage, einem Mädchen geholfen zu haben. Er tröstete sie und sie schafften den uniformierten Mann dann gemeinsam weg. Er war ihr nahe gekommen.

Und dann als sie … das … das Käfterchen … der dunkle Holzverschlag unter der Treppe!

Wir haben … Verdammt noch mal … Was genau ist damals passiert?

Und wie hieß das Mädchen? … Irgendein kurzer Name … mit einem … I… Irmi! Bei dem Namen erschauderte er. Nein! Das kann nicht sein!

Ohne nach rechts oder links zu schauen, beschleunigte er seine Schritte. Er überquerte die Tangstedter-Landstraße und bog in die Fritz-Schumacher-Allee ein. In dem unglaublichen Puzzle fehlten nur noch wenige Mosaiksteinchen. Entschlossen schob er die Sonnenbrille hoch, die auf seinem schweißnassen Nasenrücken herabgerutscht war. Er spürte, wie der Rücken seines Hemds nass wurde und ihn die Ungewissheit mit einen hässlichen Schweißfleck besudelte.

Damals beherrschten ihn Gefühle ganz anderer Art. Er verliebte sich.

Diese unklaren Gefühle holten ihn nun wieder ein. Wohlige Schauer liefen an ihm herab, je näher er dem kleinen Reihenhäuschen kam. Er kannte noch nicht alle Gründe für diese unklaren Gefühlsschübe. Wieso ging er tatsächlich so oft zu ihr?

Sein gestresstes Hirn arbeitete wie ein Uhrwerk. Er versuchte, alle nur erdenklichen Möglichkeiten zusammenzuraffen und Verbindungen zu knüpfen, doch er war nicht imstande, zum eigentlichen Kern vorzudringen.

Für wenige Sekunden verweilte er an der zierlichen, geschwungenen Gartentür, versank abermals in dichtem Gedankengeflecht.

Ausdruckslos strich sein Blick durch den überwucherten Vorgarten. In den Jahren waren die vielen Bäume und Büsche ins Uferlose hochgeschossen und verdeckten die freie Sicht zum Haus. Georgie hatte keine Zweifel, dass Tante Irmtraut ihn bereits erwartete. Automatisch sah er auf seine Uhr … noch drei Minuten, dann war es Punkt Vier.

Er schwitzte zwischen den Schulterblättern, doch entschlossen drückte er die kleine, grüne Pforte auf. Er folgte dem schmalen Steinplattenweg, der ihn zur Terrasse brachte.

Aus dem Augenwinkel registrierte er, dass sich die Gardine am Fenster links neben der Tür bewegte.

Nun stand er wieder vor der Tür und er sah an sich herab, als zeitgleich große Erinnerungsbrocken auf ihn niederfielen … das viel zu eng geschnittene Leinenhemd, die verwaschene Flickenjeans mit dem breiten Schlag, die protzigen Schlangenleder-Plateauschuhe, das alles musste einen optischen Schock für jeden jenseits der Vierzig auslösen. Aber das Bild der Entrüstung war erst mit der Länge seiner Haare, der blonden Strähne im Mittelscheitel und der Sonnenbrille, die er über die Stirn in die Haare geschoben hatte, komplett. Zweifellos hatte er sich verändert.

Doch wie sieht sie wohl jetzt aus?

Gerade wollte er die Klingel drücken, als sich die Tür öffnete.

Wie immer erschien Tante Irmtraut in der Tür, als ob keine vier Jahre zwischen ihnen lagen, und seine Gesichtsmuskeln entglitten sekundenschnell. Fasziniert weiteten sich seine Augen und sein Mund klappte auf. Kampflos besiegt stand er vor ihr, ließ sich an die Hand nehmen und ins Haus ziehen.

Hinter ihm verriegelte sie die Tür.

Der Kinderhort

23. Mai 1976

21:30 Uhr

Kapitel 12

Kessie erreichte den Treffpunkt eine halbe Stunde zu früh. Er hatte es nicht weit bis zum Werksgelände.

Natürlich kam er zu Fuß.

Punkt 22 Uhr waren sie am Haupteingang verabredet und je näher er dem Treffpunkt kam, desto eindringlicher fixierte er die Einfahrt zum Werk. Nichts erschien ihm ungewöhnlich. Kein Hundegebell. Kein orangefarbenes Licht drang über die Mauer herüber. Georgie und die anderen waren noch nicht da.

Sicherheitshalber ging Kessie auf der anderen Straßenseite.

Schon immer war dieser Abschnitt der Essener-Straße schlecht beleuchtet. Aus nur zwei Laternen rieselte fades Licht herab, verreckte schnell an der hohen Werksmauer. Angestrengt kniff er die Augen zusammen, um sich durch die Dunkelheit zu zwängen, doch die Sicht wurde dadurch nicht besser. Nachts glich die Essener-Straße dem Rollfeld eines stillgelegten Flughafens. Autos fuhren hier selten und noch seltener begegnete man Spaziergängern, obwohl die Straße von der stark befahrenen Langenhorner-Chaussee abging.

Immer wieder schwirrten ihm Georgies Worte durch den Kopf – in der Küche, kurz bevor Betty dazukam. Einen Satz wiederholte Kessie immer wieder: Vielleicht ist es dir noch nicht eingefallen. Versuch’ es wenigstens. Er atmete tief durch und sah zum wolkenverhangenem Himmel auf. Oder soll ich dir erzählen, was passiert ist?

Und dazu Georgies zersetzender Blick. Als wollte …!

Gerade erreichte er den Jägerzaun des Kinderhorts, als ihm Betty durch den Sinn fegte.

Oh Mann, war das ’ne Nacht gestern! Ein heftiger Schauer ergoss sich zwischen seinen Schulterblättern … Doch das gehört jetzt nicht hierher.

Georgie hatte herausgefunden, dass der Kinderhort lange vor dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurde. Irgendwann 1934 für die Kinder der Werksarbeiter und der SS-Frauen und auch für Kinder von Lagerfrauen.

Natürlich, wusste er längst, ist der Kinderhort ein wichtiges Puzzle-Teil, während er durch den mannshohen Jägerzaun hinüber zu dem flachen Gebäude spähte.

Betty, Georgie und er gingen in diesen Hort. Viele Jahre lang.

Unheilvolles verbarg sich in dem düsteren Barackenbau. Das hatte er immer schon gefühlt und der heraufziehende Abend unterstrich sein Unbehagen. Gedankenversunken lehnte er am Zaun, der das gesamte Gelände wie eine besorgte Mutter umarmte.

Dichte Tannen schützten das Gebäude, hüllten es in ein bedrohliches Schwarz und in diesem Augenblick kam ihm die Gewissheit, dass dieser Ort zwei Seelen hatte.

Mit seinen Vorahnungen lag Georgie also gar nicht verkehrt.

Tatsächlich mussten sie weit in die Vergangenheit zurückgehen, um alle Verknüpfungen zu entwirren. Plötzlich erhoben sich klarere Bilder vor seinem geistigen Auge und zerrten an ihm, während er noch immer durch das dichte Tannengeäst spähte.

Eher unbewusst suchte er rechterhand eine bestimmte Tür und fand sie. Sein Blick heftete sich an diese Tür, wobei ihm Tante Irmtraut in den Sinn schoss.

Diese schweinsfette Jungfer … groß, kantig und übermächtig. Ob die wohl noch lebte? Raue Abscheu kroch in ihm hoch.

Damals hatte er große Angst vor ihr und noch heute schüttelte ihn allein der Gedanke an sie und ließ schlagartig seine Gesichtsfarbe ins Aschfahle sinken. Noch ekliger war ihr penetranter Schweißgeruch, der sich erbarmungslos mit ihrem billigen Parfüm vermischte. Plötzlich hatte er sogar das Gefühl, diesen Parfümgeruch einzuatmen.

Die Waisenkammer, murmelte er und erschrak vor der eigenen Stimme. Ja, verdammt, die Waisenkammer! Mehrmals am Tag benutzte Tante Irmtraut diesen Begriff in Verbindung mit einem ganz normalen Schlafsaal für die Ein- bis Dreijährigen. Dieser Schlafsaal befand sich ziemlich am Ende des langen Flures.

Warum nannte sie ihn Waisenkammer? Und noch während er darüber nachdachte, fand er eine plausible Erklärung, nämlich, dass der Saal zu Kriegszeiten wirklich für Waisen genutzt wurde. Für Kinder, deren Eltern plötzlich nicht mehr da waren – umgekommen im Krieg? Oder kamen sie im Werk um? Und was passierte dann mit den Kindern?

Georgie erwähnte die merkwürdige Begegnung mit dem Mädchen auf dem dunklen Flur, vier Tage bevor sie die Erscheinung des uniformierten Mannes auf dem Fahrrad und der scheußlichen Hunde hatten.

Jener Schlafsaal befand sich ungefähr auf gleicher Höhe mit der Küche, aber niemand bis auf Tante Irmtraut konnte etwas über diesen Raum sagen.

Wurde der Schlafsaal überhaupt noch genutzt? Ständig war die Tür verschlossen. Niemand ging dort hinein oder kam dort heraus.

Niemals stand die Tür offen.

Unvermittelt fuhr Kessie herum. Sein Blick schoss zum Haupteingang.

Die Jungs waren noch nicht da.

Irgendwie wirkten die Einfahrt und der Platz davor wie hingemalt. Zwei trichterförmige Lampen hingen an einem Kabel über dem schweren Gittertor und warfen ein unechtes Licht auf das Gelände. Das schwere Tor war geschlossen. Deutlich konnte man die gusseisernen Buchstaben erkennen: HAK-WERK. Von weitem schien es, als würden sie leuchten.

Ungeduldig sah er auf seine Armbanduhr … 27 Minuten vor 10 … na ja, bald … Plötzlich knackte es hinter ihm, gefolgt von einem aufdringlichen Rascheln. Es kam aus dem finsteren Dickicht.

Kessie flog herum. Instinktiv wich er einen Schritt zurück, als wäre der Zaun elektrisch geladen. Unter einer Tanne registrierte er eine Bewegung. Sofort ging er in Deckung, hörte sich aber schreien: „Scheiße, verdammt! Wer ist da?“

Wieder kniff er die Augen zusammen, um sich zu den Umrissen der Gestalt hindurchzuzwängen: „Verdammt nochmal, Matjes … Hab’ ich mich verjagt! Was machst du denn da drinnen, Mann? Was soll das?“

„Psst!“, kam flüsternd die Antwort, „Nicht so laut … und duck’ dich. Bleib’ da in Deckung.“

Matjes selbst kroch wieder unter die Tanne.

Sofort bückte sich Kessie, so tief er konnte. Für Sekunden kniete er gesenkten Hauptes vor dem Jägerzaun, als wollte er beten. Mit Scharfsinn konnte er die Situation nicht einschätzen. „Matjes“, krächzte er gepresst, aber aus der Dunkelheit kam keine Antwort. Er hob den Kopf und versuchte vergeblich, Matjes unter der Tanne auszumachen.

Er sah ihn nicht. Plötzlich musste er lachen … Das ist doch irre … Ich knie’ hier an diesem Zaun und hab’ keinen Schimmer, warum!

Sekunden vergingen.

Nichts passierte. Es wurde nur zunehmend dunkler.

Dann tauchte Matjes wieder auf. Er sah zu dem Barackenbau hinüber. Mit einer gewissen Erleichterung beobachtete ihn Kessie, in der Hoffnung, doch noch irgendwas zu begreifen.

„Matjes, was ist denn los, verdammt noch mal?“

„Still, Mann … Versuch’ lieber, vorne zum Eingang zu kommen … Aber bleib geduckt“, Matjes sprach leise, aber deutlich, „und komm’ zu mir rüber … Warte“, er wandte sich wieder dem Gebäude zu. „Jetzt geht’s. Mach’ zu“, und mit der Hand deutete er hinter sich zu der schmalen Pforte, die sich etwa dreißig Meter längsseits des Zauns befand.

Unschlüssig setzte sich Kessie in Bewegung. Noch immer hatte er keine Erklärung für Matjes’ eigenartiges Verhalten. Dennoch schlich er in gebückter Haltung am Zaun entlang, schlüpfte durch die offenstehende Pforte, vorbei an dem Fahrradstand, um sich dann ins dichte Gehölz zu schlagen. Nach ungefähr zwei Metern ging er abermals in die Knie.

Er durfte nicht auch noch die Orientierung verlieren. Mehr zufällig streifte sein Blick den Barackenbau und verfing sich an einem der gähnenden Fenster. Im selben Moment sah er es. Da bewegt sich etwas, durchfuhr es ihn wie ein greller Blitz.

Doch das konnte nicht sein … nicht um diese Zeit.

Quatsch! Das ist doch Einbildung … völliger Blödsinn, versuchte er, sich zu beruhigen, doch das gelang ihm nicht. Ungläubig schüttelte er den Kopf und ein automatischer Reflex ließ ihn erneut grinsen.

Ich kriech’ hier im Gelände ’rum, muss dabei in Deckung bleiben … und weiß beim besten Willen nich’, was das alles soll!

Trotzdem behielt er das Fenster im Auge.

In skurrilen Bildern tanzte schwarzes Geäst im Spiegelbild der Glasscheibe.

Na klar … nur’ ne optische Täuschung, kroch er entschlossen weiter.

Matjes würde eine Menge zu erklären haben, hatte er ihn erst einmal in dieser Scheißdunkelheit aufgespürt. Er entdeckte ihn hinter einer Tanne. Leicht nach vorn gebeugt hockte er da, hielt sich den Kopf, spähte aber in seine Richtung.

„Okay“, murmelte Kessie, „ich höre mir an, was du Spinner zu alldem sagst, aber dann ramme ich dich ungespitzt in diesen feuchten Scheißboden.“

Matjes winkte ihn heran. Noch gut sieben Schritte trennten die beiden, als der Spuk plötzlich losbrach. Gleißend rotes Licht flutete aus dem Fenster, das er im Auge behalten hatte. Unvermittelt erschrak er. Er konnte deutlich eine Gestalt in dem leuchtenden Fenster erkennen und mit einiger Mühe kombinierte er, das ist … Warte mal, das ist …, zögerlich begann er zu zählen. Ja, genau … Eins, zwei, die Tür … Dann kommt die Küche … Drei, vier, fünf …, „das ist die Waisenkammer!“ Und als er das ausgesprochen hatte, war die Erstarrung verflogen, sofort duckte er sich, sah zu Matjes hinüber, der wie hypnotisiert in das grelle Licht starrte.

Das geisterhafte Schauspiel dauerte keine Minute und während Kessie noch zu Matjes hinüber sah, erlosch das Licht.

Mit einer hektischen Handbewegung deutete ihm Matjes, dessen Blick weiterhin starr auf das Fenster gerichtet war, in Deckung zu bleiben.

Kessie blieb, wo er war. Aber an seinen Nerven zerrte maßlose Ungeduld. Nach wenigen Sekunden der Dunkelheit flackerte das Licht erneut auf. Es überflutete das Gelände jetzt noch intensiver als zuvor, färbte die Tannen und Sträucher purpurfarben, leuchtete sogar weit über den Zaun hinweg.

Irritiert sah sich Kessie um, als wollte er sich einen Gesamteindruck verschaffen, während im Fenster wieder die Gestalt erschien. Sie steht nur da … bewegt sich nicht. Regungslos steht sie da, verdammt! Sie starrt in eine Richtung … nach rechts. Es ist ein Mädchen.

Ganz deutlich konnte er die langen, glatten Haare erkennen.

Sie ist jung …, sah ein bisschen aus wie auf einem alten Foto seiner Mutter in Jung. Auch dieses Schauspiel war nur von kurzer Dauer.

Tiefe Finsternis blieb zurück, doch diesen Augenblick nutzte Kessie und stolperte in Matjes’ Richtung.

„Hast du das gesehen, Mann!“, rief Kessie ihm zu.

„Was, denkst du, mach’ ich hier seit Stunden?“, entgegnete Matjes stöhnend und hielt sich den Kopf, als hätte er etwas am Hinterkopf abbekommen.

„Du meinst doch wohl nicht …“, Kessie stutzte. „Seit gestern Abend etwa?“

„Nee, vorher war ich drüben. Weiß’ aber nich’, wie lange“, schwerfällig hob er den Kopf, „Plötzlich war ich dann hier.“

„Wie jetzt?“, hektisch sah sich Kessie um, als ob ihnen noch jemand zuhören würde, dann flüsterte er: „Ich versteh’ das nicht, Mann …“ Dabei fielen ihm jetzt Matjes’ blaues Veilchen und die Schürfwunden an der linken Wange und am Kinn auf. „Hee, was ist mit dir?“, Kessie wollte ihn gerade an den Armen packen und kräftig wachrütteln, „Hast du dich geprügelt? Das sieht schlimm aus, Mann!“

„Ja, verdammt“, antwortete Matjes schroff, wobei er wieder stöhnte.

Kessie überlegte angestrengt, während er sich scharf mit der Hand durch die Haare fuhr.

Doch dann schnellte er herum und schaute hinüber zum Haupteingang, wo er Georgie und die anderen längst erwartete. „Wer hat dich denn nur so zugerichtet?“, die Antwort gar nicht erst abwartend, schüttelte er den Kopf und sagte: „Warte, warte, warte! Ulli meinte gestern, dass du plötzlich Ochsenzoll ausgestiegen bist.“ Dabei fixierte er Matjes: „Du willst mir doch jetzt nicht weismachen, dass du die ganze Zeit …?“ Er brach den Satz ab, sortierte neu und nickte nur fragend.

„Ja, doch“, entgegnete Matjes mit leiser, aber nicht standfester Stimme, die Augen längst wieder dem Fenster zugewandt. „Das Tor war offen und ich bin ’rein. Ich wollte sehn, ob der Bunker noch verschüttet ist.“

Für den Bruchteil von Sekunden verharrte Kessie, bis es aus ihm her ausbrach: „Das ist alles?“

„Ja, Mann.“

„Klar, das hätte ich dir auch sagen können“, stieß er Matjes auffordernd in die Seite. „Was soll das? … Hee!“ Er kam ihm vor wie der überforderte Kandidat in einer billigen Varieté-Nummer während der spannenden Hypnosephase.

„Er ist aber nicht mehr verschüttet … und …und ich bin ’rein und war plötzlich drüben im Kinderheim … auf der anderen Seite des Bahngeländes, weißt du?“

„Wo?“, stieß Kessie ungläubig aus, „Wo warst du?“

„Na, der eine Gang führt da hin, verdammt!“, entgegnete Matjes mit einem flüchtigen Blick zu Kessie.

Wie messerscharfe Piranhazähne nagten Kessies Augen skeptisch an Matjes’ Profil, erstarrten nur kurz, als sich ihre Blicke trafen, bis Matjes stockend weiterredete: „Die Unfälle im Werk nehmen wieder zu. Die Zeitung schreibt von mysteriösen Unfällen …“, starrte er das Fenster an, „und die Bullen kommen nich’ drauf“, brachte er stöhnend den Satz zu Ende.

„Aber wer hat dich geschlagen, Mann?“, packte ihn Kessie an den Armen, als in diesem Augenblick das Fenster erneut gleißend rot flutete. In Sekundenschnelle verwandelte sich das Gelände in eine riesige Dunkelkammer, in der soeben das Arbeitslicht eingeschaltet wurde. Abrupt fuhr Kessie herum und duckte sich.

Ich bin ein realistischer Mensch. Ich suche immer nach einer vernünftigen Erklärung und wenn ich keinen guten Grund finde, dann erkläre ich so etwas lieber schnell zu einem Geheimnis – damit das wenigstens noch einen Sinn bekommt. Aber mittlerweile habe ich von solchen Geheimnissen einen ganzen Haufen … Nur …Matjes’ blaues Auge ist ’ne verdammte Tatsache!

„Und das Mädchen da unten …“, redete Matjes stockend weiter, „sie … sie hat mir da unten geholfen …“

„Was sagst du da?“, spuckte Kessie förmlich aus, während er auf das Fenster und die Gestalt starrte. „Fantasierst du jetzt?“ Diesmal flutete das gleißende Licht länger und wesentlich intensiver als die Male zuvor. Kessie konnte die Gestalt jetzt noch deutlicher sehen.

Ein Kind … Es ist ja noch ein Kind … ’n Mädchen … Steht nur da und starrt rechts an die Wand … So ’n Scheiß!

„Was für ein Mädchen, Mann!“, hörte er sich fragen.

„Weiß ich doch nich’ … Hier bin ich jedenfalls wieder aufgewacht.“

In diesem Augenblick kam Kessie Georgies Begegnung mit dem kleinen Mädchen vor so vielen Jahren auf dem Flur da drinnen in den Sinn. Es hatte blonde und lange, glatte Haare, wirkte verstört und über ihre rosigen Pausbäckchen rollten dicke Tränen. Wie ein verängstigtes Rehkitz, das verzweifelt nach der Mutter sucht, warf sie den Kopf hin und her, dann erst erblickte sie Georgie wie durch eine sich aufklarende Nebelwand.

Vollkommen geschockt stand Georgie damals da und betrachtete das Mädchen. Er kannte sie nicht. Sie war dicklich und hatte panische Angst, das jedenfalls verrieten ihre weit aufgerissenen Augen. Ihre Angst übertrug sich auf Georgie, da auch er begann, hektisch den Kopf hin und her zu drehen, in der Hoffnung, eine befriedigende Erklärung für diese Begegnung zu finden, irgendwo in diesem halbdunklen Flur. Unmerklich glitt Georgie hinüber in ihre Welt und im nächsten Moment loderte der sonst so düstere Flur in einem gleißend roten Licht. Um ihn herum verwandelte sich alles in auffallende Reinlichkeit. Die Wände und Türen waren frisch gestrichen, die Dielen frisch gewachst und spiegelglatt.

Nicht sie war in ein Zeitloch gesprungen, sondern er war es, der seine Welt verließ, um die ersten Mosaiksteinchen in das furchtbare Puzzle zu setzen. Damals jedoch vergrub Georgie diese Steinchen und auch die anderen ganz tief in der finstersten Ecke seiner Seele, da er überhaupt nichts mit all dem anzufangen wusste.

Unversehens sprang ihm das blonde Mädchen entgegen und schluchzte: „Wo ist meine Mama? Weißt du, wo meine Mama ist?“

„Nein“, schoss Georgie irritiert zurück und er schluckte trocken, „nein, ich weiß nicht … Aber sie kommt bestimmt gleich … Es ist doch schon spät.“

Kurzzeitig schien die Panik der Kleinen zu verebben. Sie legte den Kopf schräg, musterte Georgie von oben bis unten und stieß einen großen Seufzer aus. Schnell überlegte er, suchte nach Worten, fand jedoch nur Fragen, die trocken auf seinen Lippen brannten: „Bist du denn neu hier? Ich kenn’ dich gar nicht.“

Sie schaute wieder zu ihm auf und sagte: „Ich bin schon ganz lange hier, aber … du … du bist neu hier! Wie heißt du?“

„Georgie … und du?“

„Ann-Marie“, verzweifelt schaute sie um sich, weil nackte Panik sie erneut einholte.

Irgendwie hatte Georgie den Eindruck, sie würde durch ihn hindurchsehen.

„Meine Mama holt mich immer ab … aber seit vier Tagen kommt sie nicht mehr und ich muss immer hier bleiben. Auch mein Papa kommt nicht.“ Sie begann bitterlich zu weinen, drehte dabei den Kopf wie wild hin und her, dass die langen Haare hinterher flogen.

Georgie wollte sie in den Arm nehmen, doch er traute sich nicht: „Was suchst du denn?“, fragte er mitfühlend.

„Tante Irmtraut“, erwiderte sie und dieser Name explodierte in seinen Ohren wie ein großer Chinaböller.

„Sie ist böse! Ich muss immer hier bleiben und … sie sperrt uns ein … Da!“, sie zeigte auf die Tür, die zum Schlafsaal führte. Die Tür, die immer verschlossen ist.

Die Waisenkammer!

„Ich will nach Hause! Wann kommt meine Mama!“

„Tante Irmtraut?“, wiederholte er den Namen. In seiner Stimme schwang massiver Unglaube mit.

„Ja, sie wohnt auch hier. Sie sperrt mich immer zu den anderen … Ich will da nicht mehr hin.“

„Die anderen?“, fragte Georgie und blinzelte, da das gleißende Licht noch intensiver zu leuchten schien. Mittlerweile war er sich nicht mehr sicher, ob er in Wirklichkeit nicht doch im Bett lag, im großen Schlafsaal mit den anderen Kindern und Mittagsschlaf hielt.

„Nun wein’ doch nicht!“, versuchte er, sie zu trösten, „Wie alt bist du denn?“

„Sieben. Bald bin ich acht.“

Verlegen grub Georgie seine Hände in die Hosentaschen und ließ einige Sekunden an sich vorbeiziehen, bis er sich die nächsten Worte zurechtgelegt hatte: „Wohnst du denn weit von hier?“

„Ja! Ich weiß, dass wir 15 Minuten gehen müssen“, antwortete sie etwas gefasster, da Georgies Fragen sie irgendwie ablenkten.

„Das ist doch gar nicht weit weg“, stellte Georgie ortskundig fest.

Ihr bislang gehetzter Blick ruhte jetzt auf seinen Augen und wieder legte sie den Kopf schräg. Zögerlich sagte sie: „Meine Mama und mein Papa arbeiten da drüben in der großen Fabrik.“

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