Kitabı oku: «Kettenwerk», sayfa 9
„Oh, meine Eltern auch“, entgegnete Georgie überrascht.
„Dann hast du das laute Heulen auch gehört?“
„Was für ’n Heulen?“
„Immer hoch und tief … Es heult“, sie machte einen unsicheren Schritt auf ihn zu, „und dann kam der Donner vorhin und das große Gewitter ohne Regen … Seitdem bin ich immer hier!“
Mit diesen Worten rollten auch die dicken Tränen wieder.
Sie vergrub das Gesicht in ihre kleinen Händchen, sodass ihr alle Haare nach vorne fielen.
Bevor Georgie nach einer rettenden Lösung greifen konnte, die beide aus dieser Situation holten, schreckte sie zurück und rannte rückwärts, einige Meter von ihm weg, dorthin, wo sie ihm erschienen war. Sie sah in seine Richtung, aber an ihm vorbei, den Flur entlang.
Und wieder geschah etwas Erschreckendes, das Georgie erschaudern ließ. Wie in Zeitlupe setzte sie sich in Bewegung, doch irgendwie ohne, dass sich ihre Beine bewegten.
Sie schwebte, schwebte nach hinten weg und schon im nächsten Moment verschwand sie. Auch das gleißend rote Lichtergemisch verebbte. Zurück blieb tiefe Dunkelheit, die den Flur wie stehendes Wasser füllte, noch bevor er irgendwie reagieren konnte.
Georgie war wieder allein auf dem Flur. Aufdringlich drückte sich das Tellergeklapper durch die Küchentür gegenüber und der Flur sah wieder aus, wie er ihn kannte.
Plötzlich hörte er am anderen Ende ein klirrendes Geräusch. Wie Schlüssel an einem Schlüsselbund. Sein Kopf flog herum. Er sah, dass Tante Irmtraut auf den Flur trat.
Gerade verriegelte sie die Tür zu ihrem Dienstzimmer.
Schlagartig riss es ihn in die Gegenwart zurück. Ihm blieb keine Zeit, die verwirrten Gedanken zu verknoten. Schnell musste er handeln. Jetzt hatte er ganz bestimmt nichts auf dem Flur zu suchen.
Geistesgegenwärtig sprang er hinter die Reihe von Spinden und lugte in ihre Richtung.
Nur kurzzeitig würden ihm die Blechschränke Unsichtbarkeit bieten, nur solange sie nicht näher herangekommen war.
Doch es sah so aus, als ob sie genau seine Richtung ansteuerte.
Trotz seiner acht Jahre war im bewusst, dass Tante Irmtraut aus ihrer Entfernung und bei dem trüben Licht nicht erkennen konnte, was sich im hinteren Teil des Flures abspielte.
Er hatte also Zeit, sich ganz und gar in Luft aufzulösen.
Die Spinde waren schmal, dafür aber mannshoch. Die nichtbenutzten Spinde waren verschlossen, während die übrigen meist offen standen. Eilig probierte er den Spind, hinter dem er sich verschanzt hatte. Er ließ sich öffnen. Das schleifende Quietschen ging im breiten Küchengeklirr unter. Nur ein Kind konnte sich in einen Spind zwängen … Lautlos kroch er hinein und zog vorsichtig die Tür heran, sodass sie fast, aber nicht ganz ins Schloss fiel.
Deutlich waren die festen Schritte von Tante Irmtraut auf den Dielen zu spüren.
Das Beben wurde stärker, je näher sie kam, doch das jagte ihm keine Angst ein.
Er konnte nicht sagen, dass er sie nicht mochte. Seine Eindrücke von ihr waren normaler Herkunft. Die Gefühle ihr gegenüber ebenfalls … wie die Gefühle eines Achtjährigen gelagert sind … seiner Kindergärtnerin gegenüber.
Wieso sollte sie böse sein?
Nebenbei registrierte er, dass er zeitweise gar nicht atmete, da er sich angestrengt auf die Geräusche außerhalb des Spinds konzentrierte. Ihre Schritte waren jetzt schon bedrohlich nahe. Übergangslos verdoppelte sich sein Herzschlag. Er atmete flach und dennoch fühlte er sich sicher. Er wusste, dass sie ihn nicht entdecken würde – es war so ein Gefühl. Und richtig, die bebenden Schritte zogen am Spind vorüber und auf dem Flur wurde es wieder still.
Er wartete einige Minuten, bis er die Blechtür öffnete.
Bestimmt war sie in einem der hinteren Räume verschwunden.
Bei den Babys … die Tür gegenüber! Jedenfalls klang es so, weil er ganz nah eine Tür ins Schloss fallen hörte.
Während er die Spindtür mehr und mehr öffnete, waren seine Sinne bis zum Zerreißen gespannt. Nur das verräterische Knarren übertönte das Küchengeklapper.
Die Luft schien rein.
Zuerst steckte er den Kopf heraus, dann kletterte er aus seinem Versteck. Wo war das blonde Mädchen abgeblieben? … Und die Art und Weise, wie sie verschwand. Und dieses Licht überall? Ganz hinten im Flur verschwand sie … da wo … genau, dort, wo die Abstellkammer ist!
Jeder machte einen großen Bogen um diese Tür. Auch Georgie war sich nicht sicher, ob er jemals den Mut aufbringen würde, die Tür zu öffnen, und noch während er sich alle nur erdenklichen Gefahrenmomente ausmalte, siegte die Neugier.
Im nächsten Augenblick stand er vor der Tür. Er spürte, dass seine Hände feucht wurden.
Konnte er den Türgriff einfach so hinunterdrücken?
Konnte er sich dazu durchringen, den Griff anzufassen?
Wenn ihm das gelänge, würde ihn ganz sicher eine schreckliche Fratze schnappen und hineinzerren.
Den Blick starr auf den Türgriff geheftet, hob sich wie mechanisch seine Hand. In kleinen Perlen trat Schweiß auf seine Stirn. Kleine Rinnsale begannen sich zu formen, sodass seine Augen schnell zu brennen anfingen. Gleich wird die Tür brutal aufgerissen und messerscharfe, dolchähnliche Klauen werden hervorschnellen, mich packen und mich mit nur einem einzigen Schlag töten!
Wie von selbst umfasste seine kleine Hand den blanken Türgriff. Nichts passierte. Die grauenhafte Bestie muss da irgendwo stecken … Ganz sicher!
Geballte Neugier trieb ihn an.
Oder Tante Irmtraut wird gleich erscheinen, mich ergreifen und mit sich zerren! Als ob der Griff plötzlich unter Strom stand, ließ er ihn blitzschnell los. Er war zwar mutig, aber deshalb noch nicht tollkühn. Doch einfach so wegrennen? Das konnte er auch nicht. Trotz aufkommender Panik. Er versuchte, sich zu konzentrieren … Er musste unbedingt nachdenken. Er brauchte eine Idee.
Wieder huschte ihm das blonde Mädchen durch den Sinn.
Wie konnte sie so schnell verschwinden … und … wohin? Ob sie vielleicht hinter dieser Tür war? Möglich war auch das.
Endgültig befiel ihn Panik.
Seine flaumigen Nackenhaare richteten sich auf.
Jetzt war sein Denk- und Handlungsvermögen blockiert, obendrein wollte ihn auch noch feige der Mut verlassen. Seine Neugier hatte ihn bis zu dieser Tür gebracht – bis hierhin, aber nicht weiter.
Wie von allen räudigen Hunden gehetzt, stürmte er davon, zurück in den großen Schlafsaal. Mit einem kühnen Hechtsprung landete er in seinem Bett, wo das ungeheure Abenteuer endete. Mit einem Ruck war die Bettdecke über den Kopf gezogen.
Ganz schnell wollte er das alles vergessen.
„Was hast du eben gesagt? Ein Mädchen? Was für ein Mädchen?“, wiederholte Kessie die Frage leise durch den Mundwinkel. Ruckartig fuhr Matjes herum und antwortete mit schmerzverzerrtem Gesicht, er wisse es nicht. Er wisse nur noch, dass sie ihn in eine Art Käfig gesperrt hatte, dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Hier wäre er wieder aufgewacht.
„Aber das ist doch total irre, Mann!“
„Sag’ ich doch“, sein Blick hing wieder an dem Fenster, „zuerst war ich drüben im Werk.
Und da war auch dieses rote Licht … und die … die Querflöte.“
Mit weit aufgerissenen Augen sah sich Kessie wieder um. Eigentlich konnte es nicht sein, dass niemand sonst dieses gleißend rote Licht und das Mädchen am Fenster sah. Tatsächlich ging gerade ein älterer Mann mit einer Frau direkt an dem Zaun entlang.
„Eine Querflöte?“, fragte er hektisch, konnte der Äußerung jedoch kein größeres Interesse schenken, denn das, was er sah, war ebenso interessant. Das ältere Ehepaar wurde sogar von dem Licht angestrahlt, doch es zeigte keine Reaktion. Sie blieben nicht etwa stehen, weil sie geblendet wurden, sie schauten nicht einmal hinüber. Sie gingen einfach weiter, gingen vorbei an dem Jägerzaun und verschwanden schließlich aus seinem Blickfeld. Irgendwie passt das alles zusammen, murmelte Kessie. Abrupt wendete er sich zum Fenster hin, das sich jetzt wieder in tiefe Dunkelheit hüllte.
„Was sagst du?“, fragte Matjes entrückt, wobei er sich wieder in den Nacken fasste, als würde er eine mittlerweile verkrustete Wunde befühlen, die noch immer stechende Schmerzensschübe aussendete und zwar immer, wenn er den Kopf drehte. In der Tat, sein Nacken schmerzte bestialisch, ebenso das blaue Auge, obwohl die Schwellung bereits nachließ.
„Das passt alles zusammen … der Kinderhort, das Werk, die Unfälle und die Kleine da im Fenster“, Kessie sagte das ganz ruhig und tonlos, als ob ihn diese Erkenntnis überhaupt nicht berührte, „aber … aber das Kinderheim?“
„Alles passt zusammen! Nur kann keiner sonst was sehen! Nur wir … nur wir können das alles sehen“, stockte Matjes und hustete ein-, zweimal, „Das ist doch abgefahren, oder?“, dann lachte er fast irre hell auf, „Aber was mir wirklich zu schaffen macht … Mir fehlen ganz viele Stunden … Die muss ich da unten in dem Käfig zugebracht haben.“
Für einen Bruchteil von Sekunden löste er seinen Blick von dem dunklen Fenster.
Ungläubig und ratlos zugleich betrachtete er Kessie, während in seinem Kopf der Wundschmerz tobte: „Aber das kann doch gar nicht sein … eher ist es doch so, dass hier draußen die Zeit stehen bleibt, oder? Du weißt schon … der Zeitsprung“, wobei seine Augen bereits wieder zum Fenster zurückwanderten. „Aber umgekehrt? Ich hab’n Schlag in den Nacken bekommen!“
„Ich weiß auch nich’!“, dann erst registrierte er Matjes’ letzten Satz, „Was ist? Was sagst du da?“
„Einen Schlag in den Nacken. Seitdem weiß ich nix mehr.“ Er beendete den Satz mit einem tiefen Seufzer, „Aufgewacht bin ich hier unter der Tanne und sah in das grelle, rote Licht, verdammt!“
Irritiert ließ sich Kessie nach hinten fallen.
In den vergangenen Jahren hatten sie so manche schrecklichen Dinge erlebt und viele waren schrecklicher als das hier … Aber jetzt war alles irgendwie anders.
Jetzt traten die Vorzeichen viel unberechenbarer an sie heran.
Noch immer konnte er sich nur lückenhaft an alles erinnern, doch er fühlte, dass diesmal etwas Unheilvolles und Endgültiges im Aufwachen begriffen war und dieses Gefühl wollte ihm etwas Wertvolles aus dem Leib reißen. Plötzlich fielen ihm Georgie und die anderen ein.
Er sah auf die Uhr. Zwölf Minuten vor zehn.
„Matjes, lass uns von hier verschwinden. Georgie und die anderen kommen gleich. Wir haben uns am Haupteingang verabredet … In zehn Minuten!“
„Wieso? Was habt Ihr vor?“, mit dieser Frage richtete sich Matjes auf, stöhnte und fasste sich erneut in den Nacken, „Wie spät ist es denn schon?“
„Kurz vor zehn.“
„Was? So spät schon? Ja, gibt’s denn das?“
„Was meinst du?“
„Na Mann, dass mir so verdammt viele Stunden fehlen!“
„Hee, erzähl’ das später“, wehrte Kessie ab, „du kannst dir gleich richtig Gedanken darüber machen … wenn alle da sind.“
„Ja, ja, alles klar … Aber Vorsicht, das kann jeden Moment wieder losgehen … und mit jedem Mal wird es stärker!“ Matjes wies mit der Hand hinter sich.
Kessie überlegte kurz. Ihm kam eine noch bessere Idee: „Alles Quatsch! Bleib’ du hier, ich mach’ mich zum Zaun ’rüber und gebe ihnen Lichtzeichen, wenn sie nicht schon vorher von diesem Licht angelockt werden und nach uns suchen.“
„Das ist ’ne Idee“, stöhnte Matjes erleichtert.
Auf allen Vieren kroch Kessie zum Zaun, als das gleißend rote Licht hinter ihm wieder entbrannte.
Doch plötzlich durchfuhr ihn ein Gedankenblitz, der ihn buchstäblich zu Fall brachte. Aus tiefer Kehle stöhnte er sogar auf, bevor er nach Matjes rief: „Mein Gott, Matjes“, dann erst sah er über die Schulter zurück. Matjes jedoch nahm ihn nicht mehr wahr. „Was ist, wenn wir schon längst wieder in einem verdammten Zeitsprung sind … dass das also auch hier passieren kann?“ Er kam auf die Knie und wollte gerade zu Matjes zurückkriechen, als ihm Georgie wieder einfiel. Auf jeden Fall musste er ihn irgendwie warnen, falls das überhaupt möglich war. Obwohl … er überlegte, wenn auch sie diese Gabe haben, würden sie ebenfalls unmerklich in den Zeitsprung oder vielmehr in den Zeitsog geraten.
Einige Sekunden verweilte sein Blick an dem Fenster mit dem kleinen, blonden Mädchen, das wieder regungslos rechts die Wand anstarrte, und er dachte fast belächelnd: Was sie da wohl so Interessantes sieht? … Und sie sieht echt ’n bisschen aus wie meine Mutter.
Die Ankunft
– 21:56 Uhr –
Kapitel 13
Fast gleichzeitig trafen sie am Haupteingang ein. Georgie parkte seinen hellblauen VW1200 auf der gegenüberliegenden Parkfläche, blieb aber im Wagen sitzen.
Er war die Langenhorner-Chaussee hinaufgerast und schließlich in die Essener-Straße eingebogen. Er hatte den längsten Anfahrtsweg. Die anderen wohnten in Garstedt. Ulli fuhr eine Vespa Piaggio-GS 3, an der er hing. Er hatte sie eigenhändig frisiert und sogar selbst lackiert. Aus seiner Sicht ein Einzelstück … ein Schmuckstück.
Er kam aus der anderen Richtung.
Er stellte die Vespa dicht neben den Käfer und grinste ins Wageninnere. Ironisch sagte er: „Hee! Gut, dass wir uns hier treffen, haben wir nich ’n Auswärtsspiel heute?“, dabei klatschte er sich auf die Schenkel und lachte. Dann stieg er herunter von seiner Piaggio. Auf dem Rücken trug er einen länglichen, schwarzen Rucksack. Als sein Blick Richtung Haupteingang wanderte, tauchten seine Gesichtszüge in Eiswasser ab. Für mehrere Sekunden verweilte sein Blick an dem stählernen Torbogen, wobei seine Augen fast metallisch glänzten. Georgie stieg aus, klappte den Sitz vor, um ebenfalls einen schwarzen Rucksack herauszuholen. Er schlug die Wagentür zu und ging um die Haube herum. Er hatte noch nichts gesagt, nicht einmal ein Hallo. Ulli erwartete keine begrüßenden Worte. Nicht jetzt! Statuenhaft stand er da, mit eisgrauer Miene, als wollte sein Blick den Haupteingang ausradieren.
„Es ist gleich zehn.“
„Ja“, antwortete Ulli tonlos.
Sichtlich erleichtert verfolgte Kessie das Eintreffen der anderen. Er konnte sie also doch sehen. Demnach bedeutete es, dass auch sie in den Zeitsog geraten waren. Irgendwo musste sich so eine Art Tunnel oder Kanal befinden.
Um sie besser sehen zu können, zog er sich am Zaun hinauf. Der Parkplatz war linkerhand, keine 15 Meter entfernt. Mit einiger Mühe schob er die Taschenlampe durch den Zaun und hielt sie in ihre Richtung, dann blinkte er ihnen das gemeinsame Lichtzeichen entgegen. Zweimal lang und dreimal kurz.
Der gebündelte Lichtstrahl war stark genug, um den VW zu erreichen, bloß reagierten sie nicht. Noch immer sahen sie zum Haupteingang hinüber.
Kessie zog die Taschenlampe zurück und richtete sich ganz auf, sodass er das Zaunende in Kopfhöhe hatte. Er kletterte einige Querverstrebungen hinauf, um mit der Taschenlampe über den Zaun zu reichen. Jetzt wiederholte er das Lichtsignal.
Diesmal hielt er die Taschenlampe ganz dicht an seinen Kopf, um genauer zielen zu können. Der Strahl sollte Georgie genau ins Gesicht treffen. Zweimal lang und dann … dreimal … Er kam nur bis zweimal lang. Plötzlich drehte Georgie seinen Kopf langsam in den Strahl. Kessie erschrak über den eiskalten Gesichtsausdruck.
Die Warnung war übermittelt.
Georgie tippte Ulli an: „Komm.“ Mit einer knappen Bewegung schwang er den Rucksack auf den Rücken und lief in gebückter Haltung hinüber zur Ecke des Jägerzauns. Kommentarlos folgte Ulli.
Vorsichtig spähten sie um die Ecke, orteten die Lichtquelle kaum fünfzehn Meter weiter.
Er muss auf der anderen Seite sein, kombinierte Georgie, da er keine Umrisse am Zaun ausmachte.
„Einer von uns ist da drinnen“, flüsterte er, während er den Kopf halb zu Ulli drehte, ohne ihn jedoch anzusehen.
In diesem Augenblick entwich gleißend rotes Licht dem Bauch des Kinderhortgeländes. Wie aus einer langsam geöffneten Gruft, in der ein wildes Feuer loderte, breitete es sich aus.
Das Licht erfasste jedes Atom rings umher und gewann deutlich an Helligkeit, je länger es zu sehen war. Erschrocken wichen die beiden zurück. Fast gleichzeitig hielt ein zweiter Wagen neben Georgies Käfer. Reifen quietschten und blockierten.
Der alte Opel Kadett rutschte auf dem grobkörnigen Boden, bis er zum Stehen kam. Tommi fuhr einen alten Opel Kadett.
Neben ihm saß Holmi.
In nur wenigen Sekunden war alles von dem gleißenden Licht eingefärbt, selbst die erschrockenen Gesichter von Holmi und Tommi. Instinktiv tauchten sie ab und drückten sich tief in ihre Sitze.
Zuerst riskierte Holmi einen Blick. Er sah über Tommi hinweg zu Ulli und Georgie.
Bei der Beleuchtung hätte die Szene ebenso in einer riesigen Dunkelkammer abgedreht werden können.
„Hee, Tommi!“, tippte er ihm in die Seite, „Ist das nich’ abgefahren?“
Ohne den Kopf zu heben, fragte Tommi mit nicht standhafter Stimme: „Was ist … was geht da ab, Mann?“ Beißender Schweiß dampfte unter seinen Achseln und ließ ihn trocken schlucken. Sofort drängte sich ein ähnlich grelles Licht in seinen Sinn, dass er jahrelang vergessen hatte: das Orangelicht.
Wie abgesprochen hatten sie Taschenlampen zur Hand. Auch trugen sie Rucksäcke bei sich. In Holmis Jeans, hinten im Hosenbund, steckte eine Schraubenzieher ähnliche Eisenstange, die an dem einen Ende zu einem breiten Griff gebogen und verschweißt war. Das andere Ende hatte die Spitze eines großen Schraubenziehers, jedoch war das Ende wie ein Messer scharf geschliffen. Eine tödliche Waffe, die er aber noch niemals ernsthaft gebrauchen musste, er jedoch keineswegs mehr zögern würde, müsste er sie irgendwann zur Verteidigung benutzen. Doch nicht nur mit dieser Schraubenzieher-Waffe war er ausgerüstet: In der Jackentasche steckten die messerscharfen Messingscheiben.
Seit gestern auf der Party und Tage zuvor, als Georgie ihn telefonisch zu der Party einlud, hatte er nicht mehr an die schlimmen Stunden im Werk gedacht. Doch jetzt schlichen die Erinnerungen heran, fügten Bruchstücke in das Puzzle und verwandelten es allmählich zu einem grauenvollen Bildnis. Hatten sie das alles denn wirklich vier Jahre lang vergessen? Ganz und gar alles? Das konnte nicht sein! Irgendetwas Schlimmes musste der Grund für das alles sein.
Okay, gelegentlich besuchte er seinen besten Freund in Eppendorf, doch nie sprachen sie von Kahli, nie wurde das Werk erwähnt. Von Georgie wusste er nur, dass er und Ulli irgendeinen Kampfsport machten, aber sonst …? Kessie, Matjes und selbst Ulli hatte er seit Jahren nicht mehr gesehen. Nur Tommi traf er noch ein paar Mal, bevor der sich so unsterblich verliebte und sich dann auch bald darauf vollends zurückzog … und nun waren sie wieder beisammen.
Die Clique der FÜNF … Nur Matjes fehlte noch, aber der würde bestimmt noch kommen … Ganz sicher hatte ihm Ulli Bescheid gesagt.
Jetzt aber saß er neben Tommi in dem Opel Kadett und kämpfte um einen klaren Verstand.
Plötzlich hatte er das Gefühl, alles heute Nacht aufs Spiel zu setzen. Bis vor zwei Stunden noch war er sich sicher, das Richtige zu tun, … den Tod von Kahli zu rächen! … Alle zusammen und vereint … die Clique der FÜNF gegen das Dreckschwein Ebling!
Doch jetzt auf einmal waren die Zeichen viel zu deutlich, viel zu plastisch. Hier in Tommis Wagen drohte ihn der Mut zu verlassen, obgleich er nach wie vor fest entschlossen war, die Sache zusammen mit seinen Freunden zu Ende zu bringen. Nur fehlte ihm jetzt der nötige Schub, einfach auszusteigen und hinüber zu Georgie und Ulli zu rennen. Er starrte in diese rote Lichterflut und sah, wie sie sich gleißend in alle Richtungen ausbreitete.
Noch immer saß Tommi eingesunken hinter dem Lenkrad und blickte zu Boden, als hätte er den Zündschlüssel fallengelassen.
„Ja, Mann … Was zum Teufel ist das?“, wiederholte Holmi Tommis Frage und er wiederholte diese Worte in Gedanken noch mal und noch mal. Es hat bereits begonnen!
Gerade, als Holmi sich im Beifahrersitz zurücklehnen wollte, um tief einzuatmen, stieß ihn Tommi in die Seite. „Los! Wir müssen hier ’raus und zu den anderen“, seine Stimme klang belegt und brach fast, dabei sah er Holmi an, als wollte ihm jemand mit aller Kraft die Krone des Irrsinns aufsetzen.
„Eine Warnung!“ Tommi richtete sich auf. „Das Licht ist bestimmt eine Warnung!“
Entsetzt schoss Holmis Blick zu Tommi, der jetzt ebenfalls aufrecht saß, sich aber gehetzt umsah. Die Panik hatte Holmi erfolgreich runtergekämpft, nur die Angst wich zögerlich.
Tommi atmete tief durch. Die Überzeugung ihres Vorhabens hatte sich soeben wieder in den Vordergrund gekämpft.
Mit einem entschlossenen Griff an die Schirmmütze entriss er sich endgültig der bleiernen Lähmung, mit Daumen und Zeigefinger rechts herum, sodass der Schirm in seinen Nacken reichte. Wie in Zeitlupe zog er den Schlüssel vom Zündschloss, verstaute ihn in der Brusttasche seiner Collegejacke und drückte sich tief in den Sitz.
Er sah nach rechts zu Georgie und Ulli und dann wieder zu Holmi.
Das gleißend rote Licht zerrte an seinen Nerven.
Irgendwie war die Situation grotesk. So muss es einem Einbrecher vorkommen, der nachts in eine abgelegene Villa einsteigt, am großen Esstisch vorbeischleicht, immer dem gebündelten Strahl der Taschenlampe folgend, und urplötzlich geht die grelle Deckenbeleuchtung an.
Sein adrenalingeschwängerter Instinkt lässt ihn abrupt wegtauchen. Tausend Gedanken schießen durch sein Hirn. Kalter Schweiß tritt aus und sein Puls hämmert links und rechts an den Schläfen.
Der Panik nah, dreht er sich in alle Richtungen … aber nichts passiert. Niemand kommt herein … Niemand ruft: Halt stehen bleiben! Polizei! Hände hoch!
In der ersten Schrecksekunde ist der Einbrecher wie gelähmt.
Doch wie muss er sich erst fühlen, wenn im nächsten Augenblick das Licht wieder ausgeht, ohne dass etwas passiert … Man könnte glatt den Verstand verlieren, Mann!
Fast gleichzeitig öffneten sie die Wagentüren.
Die Fahrertür knarrte blechern und die Beifahrertür fiel schwer ins Schloss. Mit Wucht musste Holmi sie zustoßen, was natürlich Lärm verursachte. In der Stille hörte es sich mutwillig und provozierend an.
Gleichzeitig verließen sie den Kadett.
Als ob er in einen Kugelhagel geraten wäre, duckte sich Holmi, als er den Boden berührte.
Auf allen Vieren kroch er um das Heck des Kadetts herum, entdeckte Tommi, der ebenfalls in die Knie gegangen war. Erneut drängten sich Zweifel zwischen seine Schläfen. War die Entscheidung, an diesen Ort zurückzukehren, wirklich gut? Sollten sie nicht lieber alles auf sich beruhen lassen? Warum denn Tote wecken?
Verwirrt sah er zu Georgie hinüber, doch sein Flüstern galt Tommi: „Hee, Mann … Das ist doch irre!“
In diesem Moment stürmte Tommi in gebückter Haltung hinüber zu Georgie und Ulli.
Ansatzlos hastete Holmi hinterher.
„Ihr hättet noch in Deckung bleiben sollen“, zischte Georgie nervös. Natürlich war er nervös, da er noch keinen plausiblen Grund für dieses eigenartige Licht hatte. Doch eine unbestimmte Vorahnung massierte bereits mehrere Minuten sein Hirn: So durfte es nicht beginnen! Nein, nicht hier … nicht in dem Kinderhort! Nein, nicht so!
Sie hockten nebeneinander am Zaun und Georgie riskierte wieder einen Blick um die Ecke. Neue Lichtsignale kamen nicht. Nur einer von ihnen konnte dort hinten in den Büschen hocken, folgerte er … Kessie, Matjes oder … Betty. Betty? Wie kam er jetzt auf Betty? Nein, warum sollte sie … Höchstens wenn Kessie sie mitgenommen hätte, aber das war unwahrscheinlich.
Von ihrer Position aus war die Sicht auf den flachen Barackenbau eher schlecht, da ihnen dichte Tannen und Büsche die Sicht versperrten, außerdem verfälschte das rote Licht alles ringsherum und gerade, als Georgie die Lichtquelle orten wollte, versiegte sie zeitlupengleich. Er zögerte keine Sekunde, gab den anderen ein Zeichen und war schon um die Ecke des Zauns verschwunden.
Ohne sich länger dem Phänomen zu widmen, folgten ihm die anderen.
Dicht hintereinander drückten sie sich am Zaun entlang, kamen an der Stelle vorbei, von wo das gemeinsame Warnsignal geblinkt wurde, nur war dort jetzt niemand mehr.
Sekunden später schlüpfte einer nach dem anderen durch die offenstehende Pforte und kurz darauf versammelten sie sich unter dem alten Fahrradstand. Tommi und Holmi atmeten heftig und tief.
Sie standen dicht beisammen und warfen sich fragende Blicke zu. Soeben hatten sie die Schwelle in ein Zeitfenster überschritten.
Das wussten sie alle.
„Bleibt hier“, entschied Georgie, „und egal, was hier wieder abgeht, Ihr bleibt hier unter dem Fahrradstand.“ Eine knappe Kopfbewegung deutete hinüber zum Dickicht. „Ich will sehen, wer da drüben steckt … Vielleicht Kessie oder Matjes, auf jeden Fall einer von uns.“ Dann sah er zu Ulli: „Hast du Matjes heute schon gesehen?“
„Nein“, erkannte dieser plötzlich, da ihm soeben erst bewusst wurde, dass er seinen Bruder noch gar nicht gesprochen hatte, seitdem Matjes den Abend vorher am Ochsenzoll-Bahnhof ausgestiegen war.
Georgie nickte zweimal und sah wieder hinüber zum Dickicht, machte ein paar Schritte rückwärts, bis er sich im Lauf umdrehte und im Dunkel verschwand.
Er rannte zu dem Barackenbau.
Dort duckte er sich, lehnte sekundenlang an der Holzwand, bis er dicht an der Wand entlang weiter rannte.
In diesem Moment flutete es gleißend rot aus dem Fenster, unter dem er vorbeikam. Es bahnte sich den Weg ins Dickicht. Für den Bruchteil einer Sekunde erschrak er, stoppte, sah ebenfalls ins Dickicht.
Ihm war, als blickte er geradewegs auf eine Bühne, auf der eine urwaldgleiche Dekoration hochgezogen war, doch außer dem Geäst sah er nichts, was ihn interessierte.
Plötzlich jagte ein gewaltiger Schauer über seinen Rücken, der ihn unvermittelt umdrehen ließ. Er blickte direkt in das hell erleuchtete Fenster und sah das kleine Mädchen. Regungslos stand es da, starrte nach rechts an die Wand.
Sofort erkannte er die Kleine. Der eiskalte Schauer tanzte auf seiner Schädeldecke, doch schon der nächste Augenblick wurde von seiner Willenskraft besiegt. In diesen Bann würde er sich nicht hineinziehen lassen.
Er sprang auf das Fenster zu und mit der flachen Hand schlug er gegen die Scheibe, dass es dumpf schallte … Einmal, zweimal und ein drittes Mal. Das Mädchen zeigte keine Reaktion. Georgie brüllte den Namen heraus, ohne nachzudenken: „Ann-Marie!“
Auch jetzt reagierte die Kleine nicht.
Noch einmal schlug Georgie gegen die Fensterscheibe, dass es laut schepperte, ließ dann aber sofort ab.
Blitzschnell drehte er sich um und stürmte ins Dickicht. Es waren nur etwa fünf Meter, bis er hinter einer riesigen Tanne Kessie und Matjes entdeckte, die wie unter Hypnose dem Schauspiel zusahen, jedoch riss er sie aus ihrer Erstarrung. Lautstark erschraken sie, als wären sie aus einem scheußlichen Alptraum erwacht. Gleichzeitig stießen sie ein: „Hah!“ aus.
Georgie verlor keine Zeit. Er schrie sie an: „Los jetzt! Kommt da raus und kommt mit! Na los!“
Entgeistert starrten sie in Georgies Gesicht, gehorchten aber sofort.
Er zeigte zum Fenster und schrie: „Das da kann Euch nichts! Kess’, das solltest du doch am besten wissen, Mann! Na los, kommt da raus, die anderen warten!“
Daraufhin rannten sie gemeinsam durchs Dickicht zurück zum alten Fahrradstand, das gleißend rote Licht im Nacken.
Als hätten sie die Zeit zurück gedreht, standen sie wie damals im Halbkreis um Georgie herum. Nur Georgie war in der Lage, sie zu führen.
„Nun sagt schon, was geht da ab?“, wollte Ulli wissen und erst jetzt fiel ihm das blaue Auge seines Bruders auf. Staunend weitete sich sein Blick, doch die dazugehörige Frage stellte Georgie: „Hee, Mann! Was ist dir denn passiert? Wer hat dir das denn verpasst?“, wobei er einen Schritt auf ihn zumachte.
„Ja Scheiße, wer war das?“, brodelte Holmi bereits. Derartige Ungerechtigkeiten konnte er zu keiner Zeit billigen. Sofort wollte er absolute Vergeltung.
Matjes begann, von dem Erlebnis im Werk zu berichten und davon, dass er von dem hübschen Mädchen einen Schlag in den Nacken bekommen hatte und erst hier im Kinderhortgelände wieder aufwachte. Den Rest erzählte Kessie.
Es gibt also keinen Zweifel mehr, dass eine direkte Verbindung zwischen dem Werk, dem Kinderhort, Ebling und wahrscheinlich auch Tante Irmtraut besteht.
Georgie war beunruhigt über den Tunnel, der zu dem Kinderheim führte. Außerdem hatte er das unbestimmte Gefühl, dass es sich bei dem hübschen Mädchen nur um Betty handeln konnte.
Also war sie ebenfalls hier.
