Kitabı oku: «Das Akkordeonspiel», sayfa 6

Yazı tipi:

11. Kapitel

Susanne wischt sich das Gesicht ab. Blickt prüfend in die Scheibe vor ihr. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden und so kann sie sich deutlich wie in einem Spiegel betrachten. Gealtert ist sie in diesen paar Wochen, hat tiefe Augenringe und eingefallene Wangen bekommen, stellt sie am Ebenbild fest. Sie gibt sich einen Ruck und holt die Gegenwart zurück. Sie will heute keine traurigen Gedanken mehr haben. „Ich will Karl etwas Schönes erzählen, worüber er sich freuen kann.“ Ihre Hände fahren an der Kleidung nach unten, als würde sie den richtigen Sitz prüfen. Sie tritt ans Bett. Karl liegt regungslos und unverändert, umschlungen von der Decke, die sie bis zum Hals hinauf gezogen hat. „Was sollte sich denn verändert haben? Karl ist noch immer im Koma“, erklärt sie sich selbst die Situation.

„Damals die Hausfeten oder die Badeausflügen mit deinem Sohn und meiner Tochter, das waren schon lustige Erlebnisse. Du hattest panische Angst, wenn ich mit dem 500er Trabi die Landstraße zum Baggersee langbretterte. Festgeklammert hast du dich im Sitz, mich ermahnt, langsamer zu fahren. Ich bin meist barfuß gefahren, weil es bequemer war als mit den hohen Absätzen. Warst immer froh, wenn wir heil am See angekommen sind. Ich wäre ja lieber auf die FKK-Seite gegangen, aber das wollte ich dir und deinem Kleinen, dem Detlef, nicht zumuten. Und natürlich deiner Frau, die das sicher erfahren und Tobsuchtsanfälle bekommen hätte. Ihr wart ja immer so prüde. Hab damals gedacht: ‚Da geht der Kerl ständig fremd und hat sich so albern, sich nackt zu zeigen.‘ Später hast du es ja eingesehen, dass am Nacktbaden nichts auszusetzen ist. Einmal hatte ich das lange rote Leinenkleid an mit den großen weißen Punkten. Mann, hast du gestarrt, als ich das Kleid am Strand auszog, weil ich keinen BH drunter trug. Ich habe selten einen BH getragen, so kleine Körbchen gab es kaum. Außerdem fand ich es so viel schöner. Hat dir ja auch gefallen, hast du mir später gesagt. Da warst du eigentlich schon mein heimlicher Favorit, obwohl ich mich noch lange gesträubt habe. Erst als du mit dem Rotwein ‚Rosentaler Kadarka‘ kamst, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Da hat es dann begonnen, da schmolz das Eis zwischen uns. Den Rest hat es mir gegeben, als ich aus eurer Wohnung ‚Milva‘ hörte. Da war ich hin und weg. Hast es ja auch ausgenutzt, als ich mir die Platte ausborgen wollte. Ich musste dich zum Wein einladen, heimlich versteht sich. Tagelang hab ich mich damals darüber geärgert, dass ich dich reinließ. Das war wie ein Freifahrtschein für dich gewesen, hattest gedacht: ‚So bekomm ich die Kleine ins Bett.‘ Zwei Knöpfe hast du mir vom Kleid gerissen, wolltest mich unbedingt ins Bett tragen. Hab dich aber nicht gelassen. Paar Wochen später sind wir dann doch im Bett gelandet miteinander. Im Kinderzimmer, Liesa war bei den Großeltern, hast du mir deine ganze Pracht präsentiert. Ich meine deine rote Turnhose, die Kniestrümpfe mit Sockenhaltern und das gelbe Armeeunterhemd. Toll sahst du aus. Ich hätte mich biegen können vor lachen. Und gestaunt habe ich, denn so prickelnd warst du gar nicht im Bett, zumindest anfangs. Habe dir erst einmal beibringen müssen, dass die Frau auch oben sitzen kann, wenn sie Genuss wünscht. Du kanntest nur das Hausbackene, Frau unten, Mann obendrauf. Aber mit mir nicht. Das hast du schnell gemerkt und dich auch angestrengt. Konntest mich dann richtig wahnsinnig machen, du kleiner Mistkerl“, amüsiert sich Susanne über ihr eigenes Geschwafel. „Es ist schon seltsam. Da liegt der Mann im Koma vor mir und ich erzähle über Sex und diese ganzen Dinge“, denkt sie bei sich und streicht Karl über die Hand, drückt sie und spürt die feuchte, warme Haut. Sie wünscht sich so sehr, dass Karl sie in die Arme nimmt, sie an sich drückt, liebkost. Nur ein wenig Zärtlichkeit, mehr will sie doch gar nicht.

Sie lässt den Gedanken, ihren Gefühlen wieder freien Lauf, macht einen Zeitsprung fast in die Gegenwart. „Die Prostataoperation war der Wendepunkt in unserer Ehe“, gesteht sie sich ein. „Bis dahin war ich mir deiner Treue nie sicher gewesen, habe mehrfach mit dem Gedanken gespielt, mich von dir zu trennen. Aus der Beziehung war die Luft raus. Immer nur Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Für alle warst du erreichbar, versuchtest es jedem recht zu machen und hast mich dabei total vergessen. Die Stunden konnte ich zählen, in denen du bei mir, bei uns warst. – Der Sex war mir nicht mehr wichtig, war froh, dass es nicht mehr sein musste. Irgendwann will die Frau nicht mehr, hat keinen Bock mehr auf diese Sachen“, beschwichtigt sie sich selbst. Fast klingt es wie eine Entschuldigung, dass ihr das Verlangen abhandengekommen ist. „Mit fast 60 Jahren brauch ich keinen Sex mehr, will nur noch zärtlich in den Arm genommen werden, mich abends im Bett vor dem Einschlafen ankuscheln. Mehr nicht“, zieht sie Resümee.

„Für dich war es bis zur OP sehr wichtig gewesen, dich sexuell zu beweisen. Als du die furchtbare Diagnose erhieltest, merkte ich, dass für dich eine Welt zusammenbrach. Trotzdem war es deine größte Hoffnung, vom Krebs befreit zu werden, dein Leben zu verlängern, das nicht auf zwei Drittel des Weges ein Ende haben sollte. Billigend nahmst du in Kauf, impotent zu werden, keine Erektion mehr zu haben, nicht mehr zeugen zu können als Folge des Eingriffs, auch wenn du das aus den Gedanken verdrängt hast. Die Operation verlief erfolgreich, die Reha schlug an und Weihnachten 2010 saßest du, mein Karl, unter dem Weihnachtsbaum, gemeinsam mit den Enkelkindern. Doch kaum hatte das neue Jahr begonnen, ließest du dich gesundschreiben und gingst wieder arbeiten, getreu der Devise: ‚Ohne mich geht nichts.‘ Nur Tage später begann die Bestrahlung. Fast vierzig Mal, immer die gleiche Prozedur: Mal eben kurz vom Büro zum Bestrahlungstermin und genauso fix wieder an den geliebten Schreibtisch zurück und weitergemacht unter Volldampf. Unermüdlich. Lange schon warst du über den Zenit, hattest deine Kraftreserven verbraucht. Du wolltest es nicht wahrhaben. Wie ein Flugzeug, dem der Treibstoff ausgegangen ist, rastest du auf die Katastrophe zu. Anfang April 2011 ging es nicht mehr, du heultest nur noch, zittertest am ganzen Körper. Schluss. Aus. Burnout.“

Susanne blickt versonnen aus dem Fenster. Dr. Meissner betritt das Zimmer, begrüßt sie freudig und kommt sofort auf den Punkt.

„Frau Nebel, es gibt gute Nachricht. Wir haben heute eine Reihe ergänzender Untersuchungen durchgeführt, es spricht nichts dagegen, mit der Frührehabilitation zu beginnen. Ich drücke die Daumen, dass die Maßnahmen Erfolg zeigen und wünsche Ihnen und Ihrem Mann alles Gute für die Zukunft“, spricht er Susanne Mut zu.

„Das ist doch mal was, Karl. Jetzt aber hopp, wach werden. Hast dich lange genug ausgeruht“, säuselt sie ihm mahnend ins Ohr.

12. Kapitel

Es ist angenehm warm. Mein ganzer Körper ist erfüllt von einem Kribbeln unter der Haut. Wie eine Katze, die sich in der Sonne rekelt, sich auf den Rücken legt, mit ihren Tatzen Mäuse aus Luft fängt, so möchte auch ich mich rekeln. Ich habe das Bedürfnis, mich ganz lang zu strecken, die Arme hoch über mir, die Beine zum Spagat gespreizt. Aber eine feste riesige Hand hält mich umschlungen, lässt mir gerade noch so viel Beweglichkeit, dass ich atmen kann. Ich will endlich raus aus dieser Umklammerung, mit nackten Füßen über eine mit Morgentau benetzte Wiese laufen, Schmetterlingen hinterherspringen, mich an ihrem ausgelassenen Treiben erfreuen. Sie umschwirren meinen Kopf, vollführen im Flug ein stetes Auf und Ab, eine Berg- und Talfahrt, als wollten sie mir zurufen: „Komm, spiel mit uns“, so klingt ihr leiser, zarter Flügelschlag. Es ist so angenehm warm …

Ich liege im Bett, das eigentlich ein Sofa ist, habe seit geraumer Zeit die Augen offen und bin mir nicht schlüssig, ob ich Oma rufen soll. Ich weiß, dass Opa ihr früh, bevor er zur Arbeit fährt, die Zeitung in den Korb steckt, den sie vom Küchenfenster aus hinabgelassen hat und an einer langen Schnur wieder heraufzieht. Jeden Morgen ist das so, am Donnerstag legt er ihr zusätzlich die „Wochenpost“ hinein. Also störe ich sie lieber nicht, beschließe ich und suche nach einer Beschäftigung. Die Holzwand hinter mir, von dem Schrank mit den Glastüren, hat Opa mit farblosem Lack gestrichen, den er für zwei Gurken und eine Handvoll Tomaten von einem Bekannten bekommen hatte. Dieser Lack hat es mir angetan. Schon am ersten Tag, als ich von meinem neuen Reich, dem kleinen Zimmer, Besitz ergriffen hatte, waren mir die Lackbläschen, die sich auf der Oberfläche gebildet hatten, aufgefallen. Ich fummelte an ihnen herum und stellte fest, dass sie sich wie Kaugummi abziehen ließen, wenn sie erst einmal eingerissen waren.

Es macht eine Menge Arbeit, jedes dieser Bläschen sorgsam aufzukratzen, ein Eckchen zu fassen und es langsam abzuziehen. Für die letzten muss ich sogar auf die Sofalehne steigen, damit ich sie erreiche. In diesem Moment wird mein Popo plötzlich von einem Schlag getroffen und gleich darauf von einem zweiten.

„Das gibt es doch nicht“, ruft Oma bestürzt, „was ist dir denn in den Kopf gekommen? Schau, wie das aussieht. Opa hatte sich so viel Mühe gegeben, nur weil der Lack alt war, hat er Blasen geschlagen. Trotzdem muss man die doch nicht abpopeln. Da wird Opa aber traurig sein, mein Lieber. Kannst ihm das heute Abend, wenn er von Arbeit kommt, selber beichten. Genau, das wirst du machen“, bestätigt sie den genialen Gedanken.

Ich beginne zu schwitzen am Rücken, die Hände werden feucht, ebenso wie meine Augen. Ich habe Angst. Opa wird sicher mit mir schimpfen, mir vielleicht auch eine gehörige Kopfnuss geben. Egal, was passieren wird, ich schäme mich schon jetzt.

„Ich mache es nie wieder. Ich verspreche es dir, Oma“, versuche ich mich zumindest bei ihr einzukratzen.

„Du machst mir Spaß. Das kannst du auch nie mehr tun. Hast ja alle Bläschen abgepopelt“, erinnert sie mich an meine Schandtat und sofort schäme ich mich noch mehr.

„Da nützt kein Versprechen, das musst du nun ausbaden. Und nun raus aus dem Bett und ab in die Küche, du kleiner Tunichtgut“, ruft Oma schon etwas verträglicher. Ich glaube, dass sie mir nicht mehr böse ist, denn sie hat mir Kräutertee gekocht und Brot mit Quark und einer dicken Schicht Zucker zubereitet. Die Welt ist zumindest bis heute Abend wieder in Ordnung, beruhige ich mich.

„Ich habe gestern mit Papa telefoniert“, beginnt Oma geheimnisvoll. „Er will dich jetzt immer am Samstag nach Feierabend abholen und dich übers Wochenende mit nach Hause nehmen. Am Sonntagabend bringt er dich für die Wochentage zu uns zurück. Ist das nicht toll?“, fragt sie mich prüfend.

Ich antwortete nicht darauf. Ich bin ein wenig traurig. Gerade am Wochenende ist es immer so schön im Garten.

Die Beichte bei Opa überstehe ich glimpflich, obwohl mir vor Angst fast das Herz in die Hose gerutscht ist. Gutmütig nimmt er meine Entschuldigung an und wir sind wieder Freunde. Nun warten wir auf Papa, doch nichts passiert.

„Wird bestimmt etwas dazwischen gekommen sein, vielleicht musste er länger arbeiten. Ich rufe ihn Montag an, versprochen“, versucht Oma zu trösten.

Tief im Inneren hatte ich mich doch gefreut, mit Mama und Papa zusammen zu sein, denn ich habe sie schon einige Wochen nicht gesehen. Nach meinem Bruder verlangt mich nicht so sehr. Er ärgert mich sowieso immer und prügelt mich bei jeder Gelegenheit. Darauf kann ich getrost verzichten.

Am Montag gehen Oma und ich gleich nach dem Frühstück hinunter in den Konsumladen und Oma telefoniert von dort mit meinem Papa. Ganz aufgelöst kommt sie von hinten wieder vor und zieht mich hinaus ins Freie.

„Zu Hause ist etwas Schlimmes passiert. Der Ofen im Wohnzimmer ist durchgebrannt. Die Feuerwehr musste ihn löschen und abtragen, er wäre fast nach unten durchgefallen. Nun ist alles verrußt und ihr bekommt eine andere Wohnung. Die müssen Mama und Papa jetzt herrichten“, erklärt mir Oma.

Schade, finde ich, das war bestimmt spannend, die Feuerwehr und der Brand und so. Aber eine neue Wohnung ist auch nicht übel. Vielleicht bekomme ich ein eigenes Kinderzimmer, weg von meinem Bruder, dem Ekel. „Dann baue ich die Tür zu mit dem Bett und er erwischt mich nicht mehr“, schmiede ich Pläne, meine Festung gegen den Feind zu verteidigen.

Zum Trost werde ich am Abend von Tante Hedel mit besonders leckeren Eierkuchen belohnt. Zu den Eiern, immer zwei mehr als bei Oma, gießt sie zum Schluss, wenn sie alles verrührt hat, noch einen Schluck Selterswasser dazu. „Das macht sie ganz luftig“, hat sie mir ins Ohr geflüstert, damit es Oma und Opa nicht hören sollen. Ich bleibe verschwiegen wie ein Grab und verrate keinem das Geheimnis, auch nicht, als Opa mich auskitzelt.

Wochen vergehen ohne Lebenszeichen von Mama und Papa. Aber dann ist es so weit. Papa holt mich ab, mit Handwagen. Opa hat von Herrn Schuster, von der Wohnung gegenüber, ein fast neues Bett für mich bekommen, geschenkt, und einen Metallbaukasten. Mit dem spiele er sowieso nicht mehr, er sei aus dem Alter raus, hatte Herr Schuster gesagt.

Stolz trage ich den Schatz mit den unzähligen Metallstreben, Schrauben und Muttern nach unten. Oma hat um den Pappkarton einen großen Gummi gemacht, damit ich unterwegs nichts verliere. Das Bett auf dem Handwagen festgezurrt, meinen Karton sicher verstaut, ich als Kutscher obenauf und Papa als Zugpferd an der Deichsel, so geht es durch die ganze Stadt. Endlich kommen wir an dem Haus mit der neuen Wohnung an.

„Hurra“, freue ich mich, als Mama von dem extra Kinderzimmer berichtet.

Als ich drin bin, in dem vermeintlich eigenen Raum, ist die Freude vorbei. Am Fenster steht schon das Bett vom Ekel, das mich, auf dem Kopfkissen sitzend, angrinst und mir die geballte Faust zeigt. Ich begrabe alle meine Pläne und beschließe, mich für seine Gemeinheiten zu revanchieren. Stolz trage ich den Metallbaukasten in die neue Wohnung, stelle ihn auf das gerade errichtete Bett, welches meines ist, und zeige überschwänglich auf die Errungenschaft.

„Das blöde Bett kannst du behalten. Aber für den Baukasten bist du noch viel zu klein und zu doof. Kannst noch nicht mal mit Schraubenzieher und Mutterschlüssel umgehen“, erklärt er großkotzig und greift nach dem Schatz.

Für nichts in der Welt gebe ich den her. Ich trete dem Ekel kräftig gegen das Schienbein, so wie er es schon öfters bei mir gemacht hat. Schmerzverzerrt zieht sich sein Gesicht in Falten. Mit dem Karton im Arm nehme ich Reißaus, komme aber nur bis zur Kinderzimmertür. Wolfgang, dieses Ekel, ergreift meine Haare und zieht mich daran zu Boden. Ich beginne zu schreien, mit Händen und Füßen zu schlagen und zu treten. Der Baukasten hat bereits den Besitzer gewechselt. So schnell gebe ich aber nicht auf. Ich springe ihn von hinten an, klammere mich mit aller Kraft um seinen Hals und beiße ihm wutentbrannt in die Schulter und danach ins Ohr. Jetzt schreit auch er. Ich will gerade zum zweiten Angriff übergehen und ihm das Ohr einfach abbeißen, da reißt mich Mama von ihm weg, gibt mir links und rechts eine Ohrfeige und stößt mich auf das Bett. Mein Bruder wird von ihr begutachtet, beruhigt und über den Kopf gestreichelt, nur ich liege weggestoßen und verachtet auf dem Bett, keiner tröstete mich, im Gegenteil.

„Der Baukasten gehört ab jetzt Wolfgang. Für so etwas bist du noch zu klein. Außerdem seid ihr Brüder und sollt teilen. Also: Du bekommst das neue Bett und er den Metallbaukasten. Kein Wort will ich mehr hören. Aus!“, schreit sie mich an und zerstört das letzte kleine Stück heile Welt.

Ich vergrabe das Gesicht im Kopfkissen, Tränen durchtränken den Bezug. „Ich will tot sein und begraben in der Erde. Mama ist nie mehr meine Mama. Sie ist nun die Mutter, die mich nicht verdient hat. Sie wird am Grab sitzen und weinen, wie ich jetzt, und niemand wird sie trösten. Ihr Karl liegt da unten und kommt nie wieder, nie mehr“, denke ich voller ohnmächtiger Wut. – Nur, wie ist man tot? Darauf finde ich keine Antwort.

13. Kapitel

Susanne hat das Krankenhaus verlassen. Sie hasst den Geruch von Desinfektionsmittel, der im Inneren dominiert. Dieses Sterile, die furchteinflößende Stille, das unheimliche düstere Licht, die unendlichen Gänge, all das legt sich auf Susannes Gemüt. Sie muss auf andere Gedanken kommen, jetzt endlich, da es doch einen Schimmer von Hoffnung gibt. Sie geht nicht direkt Richtung Bahnhof, sondern läuft einen Umweg durch die Stadt mit den Einkaufspassagen, den bunten Läden und schillernden Schaufenstern. Endlich, nach vielen Tagen und Wochen nimmt sie sich Zeit, ihr Umfeld wieder bewusst wahrzunehmen. Bisher war sie wie von Geisterhand gesteuert zwischen Bahnhof und Krankenhaus gependelt, keinen Zentimeter vom Weg abweichend. Sie erschrickt über das schrille Lachen von drei Mädchen, die ausgelassen an ihr vorbeilaufen. Sich nach ihnen umblickend stößt sie unvermittelt gegen eine alte kleine Frau mit Gehstock.

„Kannst nicht aufpassen, rennst mich ja um?“, ruft sie Susanne zu, die erschrickt und wortlos, jetzt den Schritt beschleunigend, weiter eilt. „Nur schnell weg von hier, raus aus dem Trubel, zurück in meine traurige Welt“, denkt sie. Susanne wird plötzlich bewusst, dass sie noch nicht reif ist für diese mit Leben und Freude erfüllte Welt. Es ist noch eine andere ihre Welt, so einsam sie ist, ohne Karl, in der Ungewissheit lebend, ob alles wieder so wird, wie es war.

Abends sitzt sie im großen Sessel, den sie gemeinsam kauften, der aber nur von ihr genutzt werden darf. Sie hat seit Jahren von ihm Besitz ergriffen. Er ist ihr Rückzugspunkt. Jetzt liegt auf dem Schoß ein Ordner mit der Beschriftung „Karl privat“. Ihr ist er hinter der Tür nie so ins Auge gestochen. Aber nun, wo Karl nicht da ist, will sie ein Stück von ihm in den Händen halten. Nie war sie neugierig auf den Inhalt dieses Ordners „Karl privat“, hat ihn wie selbstverständlich über die Jahre wahrgenommen, wie er so dastand in Reih und Glied mit den anderen, die im Inneren akkurat abgeheftet Antworten geben zu Auto, Versicherungen, Energie und Telefon. Sie schlägt den prallen Ordner auf, der, mit Einlegern gekennzeichnet, einen Überblick bietet über die monatlichen Lohn- und Gehaltsabrechnungen der verschiedenen Arbeitsstellen von Karl. Ein Lächeln huscht ihr über das Gesicht und für einen kurzen Moment spürt sie die Wärme im Inneren. Sie denkt an den Seniorchef, den Patriarchen, den liebenswerten aber auch unduldsamen und herrschsüchtigen Mann. Sie hatte ihn gemocht, so wie er war, mit all seinen Ecken und Kanten.

Hinter dem nächsten Einleger kommt das Zeugnis der IHK München und Oberbayern zum Vorschein. Auf dem Prüfungszeugnis steht, dass er mit „Befriedigend“ die Ausbildung zum Industriekaufmann bestanden hat. „Ja, da hat er sich wahrlich nicht angestrengt, hat die drei Jahre auf einer Arschbacke abgesessen“, denkt Susanne und grinst, „aber er hat bestanden.“ Wie doch ein solches Papier eine ganze Lebensgeschichte erzählen kann.

Sie will weiteren Gedanken keine Chance lassen, hat bereits den nächsten Einleger umgeblättert. Ah ja, die Bayerische Staatsgemäldesammlung, auch eine kurze Station im Berufsleben, eigentlich eine Zwischenstation für ein Jahr. Die Stelle hatte er sich aus den Stellenanzeigen der Süddeutschen Zeitung herausgeschnitten, damals, als sie von Sachsen nach Bayern gezogen waren und er den zweiten Monat arbeitslos war. „Von Bildern habe ich keine Ahnung, dort kann ich bestimmt etwas dazulernen“, hatte er seine Bewerbung begründet und war als Aufsichts- und Sicherheitskraft eingestellt worden.

Jetzt kommt die wilde Zeit in Sachsen, an die sie sich lieber nicht erinnern will. Flüchtig überblättert sie die einzelnen Abschnitte bis hin zur Armeezeit, die auch so ein Kapitel für sich war. „Während dieser Zeit haben wir uns kennengelernt, haben schöne aber auch schmerzhafte Momente erlebt“, ihr Blick verschwimmt, bevor ihr die Tränen in den Augen schießen, hat sie schnell bis zum letzten Einleger umgeschlagen. Vorn auf sieht sie das Urteil im Namen des Volkes in der Scheidungssache Karl und Ilse Nebel. „Kenne ich“, denkt sie und blättert weiter in den verbleibenden Seiten.

„Das gibt es doch nicht“, ruft Susanne plötzlich aus und ist erschrocken, ihre eigene Stimme zu hören, „die Rede der Standesbeamtin zu unserer Eheschließung“, ergänzt sie etwas leiser. Das Manuskript hatte sie nach der Zeremonie auf Bitten von Karl ihm überlassen. Noch immer überrascht von dem Fund überfliegt sie die vier Seiten und beschließt, sie morgen mitzunehmen zu Karl ins Krankenhaus. „Das wird ihn bestimmt freuen und vielleicht erwacht er vor lauter Freude.“ Susanne lächelt vor sich hin und die Vorfreude auf den morgigen Tag lässt ihre Bauchmuskeln vibrieren. Mit zitternden Händen heftet sie die Seiten aus. Als sie den Spanner des Ordners wieder schließt, entdeckt sie die vergilbten Blätter kleinkarierten Papiers, die sich hinter der Rede verborgen hatten. Die Überschrift auf der ersten Seite in der Handschrift, die eindeutig Karls ist, lässt ihren Atem stocken. „Versuch der Analyse einer gescheiterten Ehe“ datiert vom 2. 4. 1989. Sofort kommen ihr wieder Tränen. Sie wollte nicht mehr an diese verfluchte Zeit erinnert werden, hat sich mit allen Kräften dagegen gewehrt. Und nun hält sie genau das, zu Papier gewordene, Stück schmerzlicher Vergangenheit in den Händen. Ihr Atem wird schwer, ihre Brust presst sich zusammen als lägen tonnenschwere Gewichte auf ihr, das Blut scheint ihr in den Adern zu erstarren. Lange kann sie sich aus dieser Starre nicht befreien. Langsam tief ein- und ausatmend bleibt sie im Sessel sitzen, bis sie sicher ist, dass der Schmerz in ihrem Körper nicht zurückkehrt.

Sie war überzeugt gewesen, dass er das Geschriebene, das seinen alkoholbenebelten Gedanken entsprungen war und von Selbstmitleid zerfressen, beseitigt hatte. Wütend heftet sie die Zettel aus, deren Inhalt sie damals schon mit Entsetzen zur Kenntnis genommen und später lange, sehr lange mit Karl diskutiert hatte. Nein, sie wird sich das nicht noch einmal antun. Sie wird nicht nochmals zweifeln, dass so viel Schuld bei ihr gelegen haben soll. So war es einfach nicht und die Zeit danach hatte es ja bestätigt. Aus beider Blickwinkel, dem von Karl und von ihr, hatten sie die schlimme Zeit analysiert, geklärt, was richtig und was falsch gewesen war. Nur aus der Erkenntnis heraus, dass es ein gemeinsames Vorwärts geben muss und dass Geschehenes eben geschehen war und nicht ungeschehen gemacht werden konnte, war ihnen der Neuanfang gelungen. Sie legt sowohl den Ordner als auch die kleinkarierten Blätter zur Seite, steht auf und geht ins Bad, um Dutzende Hände eiskalten Wassers über ihr Gesicht zu schütten. Ihre Sinne kehren zurück. Behutsam tupft sie die nasse Haut ab, um die wohltuende Kälte weiter zu spüren.

Entschlossen nimmt sie die vergilbten kleinkarierten Blätter, geht ins Arbeitszimmer und lässt sie nacheinander in den Aktenvernichter gleiten. „Es ist, wie es ist“, sagt ihre innere Stimme und ihre Körperhaltung strafft sich. Sie geht zurück zum Sessel, der ihr, so glaubt sie, nun wieder Geborgenheit gibt.

Am nächsten Tag steht Susanne zeitiger auf als sonst. Sie will sich heute besonders schön machen, nicht nur weil die Sonne scheint und der Himmel wolkenlos im tiefen Blau erstrahlt, sondern weil sie ihren Karl mitnehmen will auf eine Zeitreise zurück zu dem Tag der Eheschließung. Doch nichts wird sie sagen zu dem Anderen, den vergilbten kleinkarierten Blättern.

Sie erkundigt sich wie jeden Tag bei Dr. Meissner, ob es Neuigkeiten gibt, ob der Zustand von Karl sich verbessert hat, ob er vielleicht schon zu Bewusstsein gekommen ist, genau wissend, dass sie nicht die so sehnlichst gewünschte Antwort erhalten wird. Karl sieht zufrieden aus, im frischen Nachthemd, rasiert und leicht duftend nach einer milden Gesichtscreme. Susanne streicht ihm über das Haar, senkt sich herab und küsst, diesmal zärtlicher und inniger als sonst, das Gesicht, die Lippen, die Stirn. Doch will sie sich nicht lange aufhalten, sie hat heute eine wichtige Mission, Karl mitzunehmen auf eine Zeitreise zum Beginn ihrer Ehe.

Susanne zieht den Stuhl ans Bett, setzt sich so weit wie möglich in die Nähe von Karls Ohr, damit er es auch richtig hören kann. Sie hat die Situation heute Morgen förmlich einstudiert, genau festgelegt, wie sie ihn auf der Reise begleiten will. Ganz wichtig erscheint ihr, dass sie seine Hand hält, genauso wie damals, als sie vor Aufregung und Freude zitterte, ihre kalte Handfläche auf Karls Handrücken wärmte. Ja, nicht er hatte ihre Hand gehalten, sondern sie die seine, das weiß sie noch ganz genau.

„Lieber Karl“, begann sie, „ich habe gestern zufällig in dem privaten Ordner von dir unsere Hochzeitsrede gefunden. Die hattest du der Standesbeamtin abgeschwatzt. Erst wollte sie nicht, aber dein Charme war stärker, wie immer bei Frauen. Ich habe die Rede mitgebracht und möchte uns zurückversetzen zu dem Tag, an dem das gemeinsame, amtliche Leben begann, frei von Heimlichkeiten, frei vom Versteckspiel und Notlügen. Ich werde deine Hand halten, wie damals, und den Text vortragen, wie es die Standesbeamtin tat.“

Susanne rutscht nochmals auf dem Stuhl, um die beste Sitzhaltung zu finden, ergreift die Hand von Karl, umschließt seinen Handrücken kräftig, damit er spüren soll, wie schön es ist. Langsam beginnt sie ihren Vortrag.

Sie liest über Beruf, Freizeit, Weiterbildung, Haushaltführung und Erziehungder Kinder. Es ist die Rede von Vertrauen, Liebe, Kameradschaft. Susanne liest über die Vorzüge der Gesellschaft, in der das Brautpaar eingebettet ist, aus der es Kraft schöpfen kann. Susanne bringt es zu Ende, merkt, dass vieles davon Floskeln sind, Bausteine, aus denen die Rede einer damaligen Eheschließung bestand.

Dann blickt sie Karl lange ins Gesicht, hoffend, dort eine winzige Reaktion auf das von ihr Vorgetragene zu entdecken. Aber er liegt ruhig auf dem Kissen, die Geräte pulsieren gleichmäßig. Trotzdem, so redet sie sich ein, hat er bestimmt diesen glücklichen Moment, der vor vielen Jahren stattgefunden hat, in sich wahrgenommen.

„Sehr schön und so persönlich hat sie das gemacht. Findest du nicht auch?“

Als sie keine Antwort erhält, wandert ihr Blick wehmütig zum Fenster, wo am Himmel schwarze Wolken aufziehen.

Ihre Verabschiedung von Karl gestaltet sich heute sehr kurz und bündig. Vielleicht liegt es an dem heranziehenden Gewitter, eventuell aber auch an der Enttäuschung, dass das bis ins Detail eingeübte Szenario keine Wirkung bei Karl gezeigt hat.

₺263,25

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
520 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783960083252
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi: