Kitabı oku: «Die Regulatoren in Arkansas», sayfa 13
Mit schnellen Schritten eilte der Indianer jetzt den Weg, den er eben erst gekommen, zurück, und Brown mußte das Pony fast stets in einem kurzen Trab halten, um an seiner Seite bleiben zu können. Dabei machte jener ihn mit allen den Vorgängen, bei denen er Zeuge gewesen war, bekannt und erfuhr nun auch seinerseits alles, was Brown über das nächtliche Rendezvous der beiden Männer wußte. Der Indianer behauptete dabei, daß ihm heute morgen ein Mann auf großem, braunem Pferde begegnet sei. Er habe aber sein Gesicht nicht erkennen können, da er ganz in seine wollene Decke eingehüllt gewesen wäre und diese beim Anblick des Indianers eher noch fester um sich gezogen hätte.
»Vielleicht, daß dies einer der beiden war«, fuhr Assowaum fort, indem er auf die Hufspuren hindeutete, die vor ihnen herliefen, »vielleicht nicht; aber hier ist die Spur, und wir können ihr folgen.«
Davon wurden sie jedoch abgelenkt, denn als sie in das Fourche-la-fave-Tal kamen, war dies durch den Regen der vorigen Nacht und durch das Übertreten einiger kleiner Gebirgsbäche so sumpfig geworden, daß der Indianer vorschlug, den nicht mehr weit entfernten Fluß in gerader Linie zu erreichen und den Weg in einem Kanu, das er bei einem dort wohnenden Farmer zu erhalten hoffte, fortzusetzen. Bei hohem Wasser schoß der kleine Strom nämlich mit ungeheurer Schnelligkeit dem Arkansas zu, und dehnte sich auch der Weg durch die unzähligen Wendungen der Strömung um manche Meile weiter aus, so konnte er doch in einem leichten Fahrzeuge schneller zurückgelegt werden, als wenn die Wanderer ihren schlammigen Weg Meile um Meile langsam fortsetzen mußten.
Brown gehorchte gern dem Rate des Freundes, da er solcherart Roberts’ Wohnung umgehen konnte. Das sumpfige Tal also vermeidend, folgten sie einem sogenannten Ablauf der Berge, der sie trockenen Fußes bis unmittelbar an das Ufer des Flusses brachte, und die Sonne stand noch mehrere Stunden hoch, als sie dort die Wohnung eines der älteren Ansiedler des Fourche la fave, namens Smeiers, erreichten.
Wie der Indianer aber vermutet hatte, so schäumte der Fluß in zorniger Wut gegen die ihn beengenden Felswände an; der Farmer warnte auch die Männer, sich dem kleinen, schwankenden Kahne anzuvertrauen, da sie Stellen zu passieren hätten, in denen sich selbst ein geübter Schwimmer nicht würde retten können. Doch überließ er ihnen gern den Kahn und versprach auch, am nächsten Tage, einem Sonntag, das Pony mit seinem ältesten Knaben nach Harpers Wohnung hinunterzuschicken. Das Kanu aber kaufte ihm Brown gleich ab, da er es im Fluß, an seines Onkels Haus, zu behalten wünschte.
Ihr freundlicher Wirt tischte indessen auf, was in seinen Kräften stand, um die müden Wanderer zu erquicken und zu stärken; wilden Truthahn und Honig, süße Kartoffeln, Kürbismus und Maisbrot sowie einen Becher echten Monongahela-Whiskys, und beide ließen sich nicht lange nötigen, an dem freundlich gebotenen Mahl teilzunehmen.
»’s ist heute wieder einmal alles ausgeflogen«, sagte der alte Mann, als ein kleines Negermädchen die letzte Schüssel hereingetragen und die Gläser der Gäste mit frischer, köstlicher Milch gefüllt hatte.
»Wohin?« fragte Brown, das Glas von den Lippen nehmend.
»Betversammlung ist heute!« unterbrach ihn der Indianer, indem er das Messer neben sich in den Tisch stieß und den Truthahnflügel in die Finger nahm, »der bleiche Mann muß nicht viel von der Tugend der Weißen halten, denn er läßt sie alle Wochen ein paarmal zu ihrem Großen Geiste beten.«
»’s ist wahr!« meinte der Farmer, indem er einen herzhaften Schluck aus dem Whiskybecher getan und diesen dann Brown hinüberreichte, »es wird mir bald zu toll. Mein Nachbar hier, Smith, ist auf einmal mit seiner ganzen Familie religiös geworden, wie sie’s nennen, und da half denn weiter gar nichts, meine Alte mußte ebenfalls mit, und schleppt sich nun zur Gesellschaft die armen Mädchen mit hinüber, die doch wahrhaftig noch an was anderes zu denken hätten als nur an Beten.«
»Die Frauen fühlen eher das Bedürfnis, sich zu ihrem Gott zu wenden, als wir Männer«, erwiderte Brown, dachte er doch der Geliebten, wie er sie so oft in kindlich-frommer Andacht gesehen. »Unser ganzes Schaffen und Wirken läßt uns schon zuwenig Zeit übrig, das Herz Gefühlen zu öffnen, die genährt und gepflegt sein wollen. Den auf den engen Kreis ihrer Häuslichkeit angewiesenen Frauen ist die Religion dagegen fast ein Teil ihrer selbst, und ich möchte sie drum nicht tadeln, wenn sie mit einer Innigkeit und Verehrung an jenen kirchlichen Gebräuchen hängen, die der rauhere Mann in dem Grade wohl nicht für sie empfindet.«
»Bester Herr«, sagte der Alte in freundlichem Tone, »der liebe Gott soll mich behüten, daß ich den Frauen gram oder auch nur hinderlich werden sollte, wenn sie beten wollen; aber verdammt will ich sein, wenn ich nicht glaube, daß sie auch noch etwas anderes auf der Welt zu tun haben als nur zu beten. Der Teufel hole die Betschwestern – das sag’ ich, und das ist, glaub’ ich, das Schlimmste, was man mit gutem Gewissen selber dem Teufel wünschen kann.«
Assowaum nickte lächelnd mit dem Kopf und sagte:
»Ich werde Alapaha hier heraufschicken – solche Predigt täte ihr besser als die des blassen Mannes.«
»Mißverstehen Sie mich nicht«, erwiderte Brown, »Gott weiß es, wie zuwider mir das Frömmeln ist, und es scheint wirklich, als ob es in diesen Ansiedlungen ein wenig überhandnehmen wollte, doch liegt das vielleicht mehr an den Leuten selbst als an dem Prediger. Ich glaube wenigstens, daß Mr. Rowson mit Überzeugung spricht und das im innern Herzensgrunde fühlt, was er predigt.«
»Aufrichtig gesagt, glaub’ ich das nicht«, rief der Farmer, ungeduldig auf dem Stuhl umherrückend, »ich habe ihn zwar erst einmal gehört, da hat er mir aber nicht gefallen. Das Augenverdrehen ist ein böses Zeichen. Wenn ein Mensch erst anfängt, wie ein krankes Huhn auszusehn, dann kann ich mir nicht denken, daß er noch imstande ist, große Andacht zu haben. Doch – meinetwegen – ich werde ihm nicht wieder beschwerlich fallen, wünsche aber wirklich, er gebe meinen Frauen, wenigstens nur einer von ihnen, jedesmal Urlaub; daß es doch bei mir auch aussähe, als ob ich eine Heimat hätte. – Aber Sie sind fertig und scheinen Eile zu haben; nun, mein Geschwätz soll Sie nicht länger aufhalten. Nehmen Sie sich übrigens mit der Nußschale in acht, die Strömung ist sehr arg und ein Unglück leicht geschehen
»Keine Angst, Sir«, erwiderte Brown lächelnd. »Wir wissen beide mit solchen Fahrzeugen umzugehen, und ich habe ja einen Indianer, der das Steuer führen wird; in besseren Händen könnt’ es nicht sein. Also das Pony kommt sicherlich morgen hinunter?«
»Nach Mr. Harpers Haus – Sie können sich drauf verlassen«, sagte der Farmer. »Ihr Name ist Harper, nicht wahr?«
»Brown! Sir.«
»Brown?« fragte der Alte schnell und erschrocken, indem er das Auge fest auf den jungen Mann heftete, der seinem Blick indessen ruhig begegnete, »Brown? Doch nicht der…«
»… von dem man sagt, daß er den Regulator ermordet habe? Derselbe, Sir«, erwiderte der junge Mann; »aber«, fuhr er fort, indem er einen Schritt vortrat und leichtes Rot seine Wangen färbte, »es ist schändliche Verleumdung, und ich bin jetzt auf dem Wege, das Gerücht Lügen zu strafen. Ich habe den Mann nicht erschlagen.«
»Er hat Euer Leben bedroht«, fuhr der Farmer, noch halb zweifelnd, fort.
»Ja!« rief Brown, »und ich würde ihn getötet und dann frei und offen die Tat bekannt haben, hätte er sich mir im ehrlichen Kampfe entgegengestellt. Der Mann ist aber, wie mir hier der Indianer sagte, von zweien überfallen, gemordet und beraubt, und – sehe ich denn aus wie ein Meuchelmörder?«
»Nein, straf’ mich Gott, Ihr nicht«, rief der Landmann, des jungen Mannes Hand ergreifend. »Ich kenne Euch nicht weiter, aber Ihr habt was Ehrliches, Braves im Gesicht, und da Ihr selber sagt, daß Ihr’s nicht waret, so will ich verdammt sein, wenn ich’s nicht glaube. Meine Mädchen waren gestern unten bei Roberts gewesen, und die meinten auch, Mr. Rowsons Braut hätte Euch sehr in Schutz genommen.«
»Assowaum, wir müssen wirklich fort«, rief Brown, sich plötzlich zu dem Indianer wendend, der schon, seiner harrend, in der Tür stand.
»Ich bin bereit – es wird spät«, erwiderte dieser, und noch einmal drückte der junge Mann dem Farmer herzlich die Hand, dankte ihm nicht allein für seine Freundlichkeit und Güte, sondern noch mehr für das Vertrauen, das er in ihn setzte, und sprach die Hoffnung aus, seine Unschuld bald und völlig ans Tageslicht gebracht zu sehen.
Die Männer bestiegen nun das Boot. Vom Ufer losgebunden, glitt das leichte Fahrzeug, jetzt von den zwei kräftigen und geschickten Männern getrieben, mit großer Schnelligkeit über die kochende, schäumende Flut und verschwand schon in der nächsten Minute um den vorspringenden, eine spitze Landzunge bildenden Felsen, der sich mehrere hundert Schritt unterhalb der Wohnung des Farmers in den Fluß hineinstreckte.
Glücklicherweise aber passierten die beiden Freunde die gefährlichsten Stellen noch bei Tageslicht, besonders solche Plätze, wo in den Fluß hineingeschwemmte Birken und Weiden einem so kleinen Fahrzeug leicht hätten gefährlich werden können. So erreichten sie, als es eben anfing zu dämmern, den seichteren, aber auch breiteren Teil des Stromes.
Schweigend glitten sie jetzt, nicht mehr rudernd, sondern bloß steuernd, mit der Flut hinab, als Assowaum plötzlich mit der Hand nach vorn deutete und seinen Gefährten, der mit dem Rücken zum Bug des Kahnes saß, auf einen hellen, vor ihnen sichtbar werdenden Schein aufmerksam machte.
»Sonderbar – was kann das sein?« sagte Brown, »soweit es die dichten Büsche erkennen lassen, sieht es aus wie viele Lichter oder Fackeln. In welcher Gegend mögen wir uns nur befinden? Ist denn hier ein Haus am Ufer?«
»Ja!« sagte der Indianer leise, den Kahn dort hinübersteuernd, »ja – eine leere Hütte. Alapaha war hier gestern abend – wir wollen landen.« Im nächsten Augenblick schoß auch schon das kleine leichte Fahrzeug an die Uferbank, wo es von den beiden Männern schnell mit einer dünnen, festen Weinrebe am Stamm einer jungen Birke befestigt wurde.
15. Die Betversammlung – Die Schreckensbotschaft
Die Sonne hatte die Mittagslinie etwa zwei Stunden überschritten, als von mehreren Seiten zu gleicher Zeit verschiedene Gruppen an einem kleinen Blockhause erschienen, das einsam und allein im weiten, stillen Walde lag. Der Besitzer desselben, Mr. Mullins, ebenfalls ein neuer Ansiedler und ein fleißiger, ordentlicher Mann, hatte schon in kurzer Zeit ein recht hübsches Stück Land urbar gemacht. An dem Haus selbst konnte man aber nichts davon bemerken, denn dieses stand, ganz unähnlich der sonstigen amerikanischen Farmsitte, wohl eine halbe Meile vom Felde entfernt, am Abhang eines kleinen felsigen Hügels des den Fourche la fave und den Petite-Jeanne trennenden Gebirgsrückens. Um die Wohnung selbst lagen dabei in wilder Unordnung gefällte Bäume und gespaltene Fenzstangen umher, was dem Platz ein ungemütliches, ja trauriges Aussehen gab.
Wie öde und still jedoch auch alles den ganzen Morgen über ausgesehen hatte, so belebt wurde es jetzt: Kein Busch, an dem nicht ein Pferd angebunden stand, kein gefällter Stamm, auf dem nicht ein paar sonntäglich gekleidete Männer saßen und miteinander plauderten, während die Frauen in das Haus traten, um ihre Hüte und Tücher abzulegen. Dort bot sich für sie dann allerdings auch zugleich die Gelegenheit, sich, ehe der Prediger kam, nur ein klein wenig und ganz insgeheim über die Sünden ihrer Nebenmenschen aufzuhalten, natürlich mit dem sehr freundlichen Zweck, dieselben so sehr zu bemänteln, wie sich das nur möglicherweise mit einer genauen und vollständigen Aufzählung derselben vereinigen ließ.
»Sonderbar, daß Mr. Rowson noch nicht da ist«, sagte Mrs. Pelter zu Mrs. Mullins, »er hält doch sonst so auf Pünktlichkeit.«
»Wird wohl mit Roberts kommen«, war die Antwort, »in drei Wochen ist ja die Hochzeit, und da darf er die Braut doch nicht so lange mehr allein lassen.«
»Was? – Hochzeit?« fragten drei, vier andere, sich neugierig hinzudrängend, »ist’s wirklich wahr, daß Mr. Rowson Marion heiratet?«
»Ich hab’s von der Mutter selbst, und die sollt’ es doch wissen. Daß sie einander lieben, war ja außerdem schon lange eine altbekannte Sache. Übrigens muß ich Sie bitten, noch keinen Gebrauch davon zu machen, denn ich weiß nicht, ob es schon bekannt werden darf. Aber wahrhaftig, da kommen Roberts ohne Mr. Rowson, nun weiß ich doch in der Tat nicht…«
»Er war ja an den Arkansas gegangen«, meinte ein Verwandter von Bowitt, »am Ende hat er so viele Geschäfte dort zu besorgen, daß er gar nicht zur rechten Zeit zurück sein kann.«
»Das wäre recht schade«, seufzte die jüngste Miß Smeiers. »ich hatte mich so auf die Predigt heute gefreut.«
»Oh, er kommt gewiß«, rief die alte Mrs. Smeiers, eine wohlbeleibte freundliche Matrone, »es tut auch not, daß wir in der Ansiedlung hier Gottes Wort recht fleißig hören. Solche Sündhaftigkeit, wie jetzt überhandzunehmen droht – der Herr wolle uns nur gnädig bewahren!«
»Und dabei gibt’s noch Leute, die gar nicht ans Beten denken«, sagte Mrs. Bowitt, »Leute, die zu keiner Versammlung gehen, und wenn sie im Nachbarhause gehalten würde, Leute, die fluchen und schwören!«
»Ach, wenn ich nur meinen Mann ein einziges Mal dazu bewegen könnte, das Wort Gottes mit anzuhören«, klagte Mrs. Hostler, »jedesmal verspricht er’s mir, und nie hält er’s.«
»Sie müssen es mit ihm so machen wie ich neulich mit meinem Manne«, erwiderte Mrs. Hennigs, »der hatte sich nachmittags ruhig in die Ecke zum Schlafen hingelegt, und wie er erwachte, saß das ganze Zimmer voller Menschen, und der Prediger vom Petite-Jeanne drüben fing gerade sein Gebet an. Die Augen hätten Sie einmal sehen sollen, die Hennigs machte; er konnt’ es aber nicht mehr ändern und mußte geduldig aushalten. Noch zwei- oder dreimal so, und ich bin überzeugt, er kommt von selbst. Ach, wenn sie nur erst einmal das Süße und Wohltuende einer solchen Predigt empfunden haben, dann zieht sie’s immer wieder hin.«
»Mr. Hennigs hat aber zu meinem Mann gesagt«, behauptete Mrs. Smith, »daß er sich das nächstemal die Hunde mit zum Schlafen hineinnehmen wollte, damit die Spektakel machten, sobald jemand käme.«
»Das soll er sich nur unterstehen!« rief Mrs. Hennigs entrüstet; »die Hunde auf meine Betten, nicht wahr? Da wollt’ ich denn doch einmal sehen, wer… Guten Abend, Mrs. Roberts«, unterbrach sie sich, als in diesem Augenblick die Genannte mit ihrer Tochter in das Haus trat, »wie geht’s, Miß Marion?«
Begrüßungsformeln wurden nun von allen Seiten gewechselt, und die Frauen hatten, in übergroßem Eifer, den neuen Putz der immer wieder neu Hinzukommenden zu mustern, ganz übersehen, daß Mr. Rowson indessen wirklich angekommen war und jetzt plötzlich mit einem freundlichen Gruß mitten unter ihnen stand.
Aber, großer Gott, wie sah er aus! Das Gesicht bleich, die Wangen hohl, die Augen eingefallen und seine Stimme zitterte merklich, als er, den linken Arm tief in die Weste hineingeschoben, die niedere Treppe heraufstieg.
»Mr. Rowson!« riefen die Frauen fast wie aus einem Munde, »sind Sie krank? Was fehlt Ihnen denn? Sie sehen ja totenbleich aus!«
»Sie müssen krank sein!« sagte Mrs. Roberts, indem sie an ihn herantrat, »oder ist etwas vorgefallen?«
»Nein – gar nichts, ich danke Ihnen«, erwiderte freundlich lächelnd der Prediger. »Von ganzem Herzen danke ich Ihnen für Ihre Teilnahme, meine verehrten Freundinnen und Schwestern, es ist aber nur eine etwas übermäßige Anstrengung. Ich komme aus den nördlichen Niederlassungen herunter und bin die ganze Nacht geritten, um mein Wort zu halten und zur bestimmten Zeit hier zu sein. Das mag mich wohl etwas zu sehr angegriffen haben, da mein Körper an dergleichen nicht gewöhnt ist.«
Er trat dabei zu Marion und reichte ihr freundlich die Rechte, als diese die sonderbare Haltung seines linken Armes bemerkte. Sie fragte ihn besorgt, ob er sich auf irgendeine Art verletzt habe.
»Eine Kleinigkeit«, erwiderte der Priester, »die bald vorübergehen wird. Mein Pferd stürzte gestern abend über einen im Weg liegenden Ast und warf mich gegen einen Baum, wobei ich mir den Arm ein wenig aufriß. Da es ganz unbedeutend war, achtete ich anfangs gar nicht darauf; nach der sehr feuchten, unfreundlichen Nacht schwoll die verletzte Stelle gegen Morgen an, und der Arm ist mir jetzt etwas steif geworden. Es wird jedoch, wie gesagt, bald wieder in Ordnung sein.«
»Ach, Mr. Rowson, ich habe eine herrliche Einreibung«, sagte Mrs. Mullins, an ihn herantretend, »wenn Sie mir erlauben wollen —«
»Danke wirklich – danke innigst für all diese Freundlichkeit; es ist in der Tat nicht der Mühe wert, sich auch nur im mindesten darum zu sorgen. Nein, ich muß, auf mein Wort, danken, beste Schwester Mullins. Wäre es auch bedeutender, als es ist, eine kleine, bald vorübergehende Erkältung, so möchte ich dadurch nicht die Veranlassung sein, die so viele fromme und gläubige Seelen eine Stunde länger ihrem Herrn entzieht. Lassen Sie uns beginnen, verehrte Freundinnen. Sie sehen, wie zahlreich sich die Guten versammelt haben. Wollen wir im Hause bleiben, oder sollen wir ins Freie gehen? Des Raumes wegen möchte wohl der offene Platz vorzuziehen sein.«
»Wenn es Ihnen nur nicht zu kalt in der frischen Luft ist!« sagte Mrs. Roberts ängstlich. »Es weht immer noch ein recht kalter und feuchter Wind.«
»Haben Sie meinetwegen keine Sorge«, beruhigte sie lächelnd der Prediger, indem er ihr die Hand drückte, »ich stehe im Dienste des Herrn, und in solchem Dienste darf man nicht lässig sein. Die Bewegung wird mir übrigens guttun, und in wenigen Tagen hoffe ich wieder ganz hergestellt zu sein.«
Alles weitere Zureden blieb fruchtlos. Der kleine Tisch wurde unter die zwei Maulbeerbäume getragen, die der Farmer, als er den übrigen sein Haus umgebenden Baumwuchs fällte, ihrer süßen Frucht wegen stehengelassen hatte, und eine halbe Stunde später sandte die scharfe, weitschallende Stimme des Priesters ihre Gebete und Danksagungen zu dem reinen Himmelsblau empor. Und die Bäume brachen nicht schmetternd über ihm zusammen, die Erde verschlang nicht den Heuchler, der die blutbefleckten Hände zu Gott erhob und ihm dankte, daß er seine schwachen Bemühungen mit seiner Vaterhuld gesegnet und sie alle – alle die Seinigen fromm und gläubig hier zusammengeführt habe! Dort stand er und errötete nicht, als sich ein freundlicher Sonnenstrahl hindurchstahl durch das dichte Blätterdach des Unterholzes, und errötete nicht, als sich die Frauen in seiner Nähe zuflüsterten, ein Heiligenschein umgebe die Schläfe des Gottseligen. Dort stand er und schlug das freche Auge nicht zu Boden, als er dem Blick seiner Braut begegnete, die sich zum erstenmal mit inniger Zuneigung zu ihm hingezogen fühlte, da auch sie glaubte, der übergroße Eifer seines frommen Berufes habe ihn so angegriffen und verändert. Der Frauen Herz wird ja oft durch Mitleiden gewonnen, und der blasse Mann hatte dem leidenden Ausdruck seiner Züge das zu danken, was er durch monatelange Mühe und Anstrengung nicht zu erreichen vermochte: Marion glaubte an diesem Abend zum erstenmal, an seiner Seite, wenn auch nicht glücklich, doch ruhig und zufrieden leben zu können.
Rowson beendete indessen mit unerschütterter Ruhe die heilige Handlung, Seine Lippe bebte nicht; als er die Verzeihung des Höchsten für sich und seine Zuhörer erflehte, seine Stimme zitterte nicht, als er das Amen und den Segen sprach. Nur einmal, einmal nur, als alles um ihn her in Andacht auf den Knien lag, durchzuckte ihn ein jäher Schreck, und er stockte mehrere Sekunden lang; denn hoch über den Wipfeln der Eichen strichen nach Nordwest hinüber vier Aasgeier. Er konnte das schwere Schlagen ihrer Flügel nicht hören, aber er wußte, welchem Orte sie mit gierig vorgestreckten Hälsen entgegenstrebten; wußte, was ihr Mahl sein würde, ehe die Sonne dort drüben im Westen untersank. Da, sich mit Gewalt emporraffend, stimmte er ein lautes »Halleluja« wie im grimmen Spott seiner selbst an, und die Gemeinde fiel ein in die bekannte Melodie, während er unter den lautschwellenden Tönen sich wieder sammelte und für den Schluß des Gottesdienstes kräftigte.
Indessen schienen nicht alle dort eingetroffenen Ansiedler auch am Gebet teilzunehmen, denn eine kleine Gruppe hatte sich etwa hundertfünfzig Schritt von der Versammlung entfernt gelagert. Zu diesen gehörten besonders Bahrens, der Krämer Hartford, Roberts und Wilson, ein junger Ansiedler von der anderen Seite des Flusses. Ihr Gespräch, das der Krämer bis jetzt größtenteils mit Klagen über den schlechten Handel belebt, hatte jedoch in den letzten Minuten etwas gestockt. Die lautschallenden Ermahnungen Rowsons waren nämlich bis zu ihnen gedrungen, und Bahrens schob ein kleines Fläschchen mit Whisky, das er eben hervorziehen wollte, verschämt wieder in die Tasche zurück. Wilson aber bemerkte diese Bewegung und griff nach dem Arm, der ihm das Labsal entziehen wollte.
»Halt da!« sagte er lachend, »das ist gegen die Gesetze der Menschlichkeit; zeigt einem erst den ’echten Stoff‹ und wollt ihn dann wieder beseiteschaffen? Daraus wird nichts.«
»Aber, Wilson – wenn Rowson zufällig hierhersehen sollte, oder gar eine von den Frauen!«
»Ach – was da; die müßten scharfe Augen haben, wenn sie durch die Büsche erkennen wollten, was wir hier tun. Und wenn auch – zum Donnerwetter, was schert uns das Geplapper; wären wir deshalb hergekommen, so säßen wir mitten zwischen ihnen.«
»Laßt’s aber nicht mehr sehen, als nötig ist«, sagte Bahrens; »meine Alte singt auch mit, und das muß ich dann acht Tage hören.«
»Keine Not, Alterchen«, beruhigte ihn Wilson, indem er der frommen Gesellschaft geschickt den Rücken wandte und, die Flasche an die Lippen hebend, den hellklaren Himmel einige Augenblicke mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtete.
»Halt«, rief Roberts, während er die Flasche herunterdrückte, »erstickt nur nicht gar! Ihr wollt wohl drin wohnen bleiben? Hättet Ihr vorhin ein klein wenig besser aufgepaßt, so würde Euch Rowsons Moral: andern zu tun, wie Ihr erwartet, daß sie Euch tun, von großem Nutzen gewesen sein.«
»Ach, geht mir zum Henker mit Eurer Moral«, erwiderte Wilson ärgerlich, indem er sich unter der Fichte, unter der er bis jetzt gesessen hatte, ausstreckte und in die dichten Zweige hinaufschaute, »das ist ein ewiges Morallesen und Auf-den-rechten-Weg-Bringen in unserer Ansiedlung; es gefällt mir gar nicht mehr.««
»Ihr wißt wohl, was ich eigentlich sagen will. Mir behagt das ewige ’Wegweisen‹ nach dem Himmel nicht; wer, zum Henker soll sich da zurechtfinden?«
»Ich glaub’ auch nicht«, sagte Bahrens lachend, »daß der Bursche da drüben, der die Augen so fromm und andächtig in dem bleichen Gesicht herumdreht, den Weg richtig beschreiben kann. Sei dem aber, wie ihm wolle, mir gefällt er nicht.«
»Meine Frau hat einen Narren an ihm gefressen«, sagte Roberts. »Noch gestern abend behauptete sie, er wäre ein Heiliger, sie könnte ordentlich fühlen, wie fromm und gut ihr ums Herz würde, wenn er nur zur Tür hereinkäme.«
»Gott sei uns gnädig!« rief Bahrens erschrocken, »nächstens wird er ein Paar Flügel bekommen, auf einen Baumast fliegen und Manna fressen.«
»Seht nur einmal, wie die Aasgeier heute nachmittag da hinüberstreichen«, sagte Wilson, »das ist nun schon der dreiundzwanzigste, den ich zähle, seit ich hier liege.«
»Die Predigt scheint beendet zu sein«, meinte der Krämer, der seit einigen Minuten dem Gespräch schweigend gelauscht hatte, »das ist das Schlußlied – ich kenn’ es.«
»Ihr seid wohl auch musikalisch, Hartford?« spottete Bahrens.
»Und warum nicht?« erwiderte dieser etwas pikiert, »ich spiele die Violine und kann einige ausgezeichnete Stücke auf der Flöte. Wenn Sie es nicht glauben wollen, ich habe sie bei mir«, und mit diesen Worten langte er mit der Hand in die tiefe Rocktasche hinein und war eben im Begriff seine Drohung wahr zu machen, als ihm Roberts erschrocken in den Arm fiel und ausrief:
»Um Gottes willen, Mann, behaltet das schreckliche Instrument im Beutel. Was denkt Ihr wohl, was die fromme Versammlung da drüben sagen würde, wenn wir hier anfingen zu musizieren. Wir hatten einmal so einen Spaß im vorigen Jahre mit Wells unten, der jetzt freilich ganz zurückgezogen lebt und nirgends mehr hingeht, wenn er nicht besonders zu einem Klötzerrollfest oder etwas Derartigem gerufen wird. Neulich war er einmal bei mir, als er den Bienenbaum am Fluß gefunden hatte; er mußte eine Axt haben, weil er nicht erst deswegen nach Hause gehen wollte, und da bin ich mit ihm hinaus in den Wald gegangen, aber so was von einem Bienenbaum hab’ ich doch im Leben noch nicht gesehen. – Der und ein anderer…«
»Ja, aber«, unterbrach ihn der Krämer, der die Angewohnheit Roberts’ noch nicht kannte, »Ihr wolltet ja von Musik erzählen!«
»Oh, warum hieltet Ihr ihn auf!« rief Bahrens lachend. »Er war auf dem besten Wege, und es hätte gar nicht lange gedauert, so wäre er in New Orleans oder New York gelandet.«
»Wieso denn?« fragte Roberts, »das ist nun wieder barer Unsinn. Ich dachte weder an New Orleans noch an New York, ich wollte Euch von Wells erzählen, dessen Nachbar auch so ein langes spitzes Ding mit Löchern drin, gerad’ wie eine Flöte, mitgebracht hatte. Er nahm es aber an der Spitze in den Mund, nicht an der Seite. Gut, der war oben bei Smith über Nacht geblieben, und abends, wie gebetet werden soll, nimmt er das Ding vor. Er war gerade von Fort Gibson heruntergekommen und kannte unsere Bräuche noch nicht, hatte auch, glaub’ ich, eine unmenschlich lange Zeit an der indianischen Grenze gelebt und erzählte gern, was sie für ewigen Kampf und Streit mit den Choctaws gehabt hätten, die erst damals von Georgien nach dem Westen geschafft worden waren. Die armen Teufel haben mir übrigens leid getan, denn um ihr Land hat man sie damals doch schändlich betrogen; da kamen aber die großen Herren von Washington und New York…«
»Hurra!« schrie Bahrens, der nur auf das Stichwort, wenngleich mit der ernsthaftesten Miene von der Welt, gewartet hatte, »ob ich’s denn…«
»So schreit doch nur nicht so!« sagte Wilson, »sie sehen ja alle hierher. Aber Gott sei Dank, es ist vorbei; heute hat’s Rowson einmal recht kurz gemacht.«
»Er sieht auch elend genug aus«, warf Roberts ein, »ich erschrak ordentlich, wie er mir vorhin an der Feldecke dort unten begegnete.«
»An der Feldecke? Ich glaubte, er wäre von oben herunter, aus den nördlichen Ansiedlungen gekommen«, sagte Wilson.
»Nun, das kann er ja auch«, entgegnete Bahrens, »wenn er sich drei Meilen von hier rechts gehalten hat, um den sumpfigen Stellen aus dem Wege zu gehen, so mußte er bei der Feldecke ungefähr wieder herauskommen; ich bin den Weg auch schon einmal geritten. An den Hügeln ist’s aber doch trockener.«
Die Versammlung war indessen aufgebrochen, und alles bewegte sich jetzt bunt durcheinander.
»Kinder, es wird spät«, sagte endlich Smith, der die Betversammlungen eifrig besuchte und als sehr frommer Mann galt, »die Sonne ist in der Tat schon am Untergehen, und ich habe noch mehrere Meilen zu machen – Wilson, Ihr begleitet mich wohl?«
»Nein«, entgegnete dieser, »ich habe Bahrens versprochen, mit ihm nach Hause zu reiten, er will mir gern etwas erzählen, was er in der letzten Woche erlebt hat.«
»Nun, dann Glück zu«, meinte Mullins lachend, »laßt’s uns nur auch wissen, wenn’s beendet ist.«
»Damit Ihr Euer Maul drüber breit reißen könntet, nicht wahr?« sagte Bahrens. »Ich bin mit meinen Erzählungen vorsichtig geworden, denn… Gott sei uns gnädig – wie sieht der Mensch aus?«
Dieser Ausruf galt einem jungen Mann, der in diesem Augenblick aus dem Dickicht trat und sich ihnen näherte; er sah entsetzlich bleich aus und stierte mit glanzlosen, weit aufgerissenen Augen so ängstlich umher, daß mehrere der Frauen erschrocken vor ihm zurückwichen und Wilson aufsprang und ausrief:
»Halway – zum Teufel – habt Ihr den Verstand verloren, daß Ihr am hellen Tage wie eine Leiche umherrennt und die Leute erschreckt? Was ist vorgefallen?«
»Fürchterliches!« stöhnte der junge Mann, indem er matt auf einen Baumstamm niedersank. »Fürchterliches!« wiederholte er mit hohler Stimme, »drüben in dem alten Blockhaus…«
»Nun, was ist dort?« fragten mehrere zugleich.
»Laßt mich nur erst zu Atem kommen; drüben im alten Blockhaus liegt – mich schaudert’s, wenn ich daran denke – liegt die Leiche der Indianerin.«
»Alapahas?« rief die Menge entsetzt, »Assowaums Weib? Schrecklich! Woran ist sie gestorben? Wie sieht sie aus?« und tausend ähnliche Fragen kreuzten sich mit Gedankenschnelle.
»Laßt mir nur erst Zeit, mich zu sammeln«, wehrte Halway ab. »Ich bin die Strecke von dem Schreckensort bis hierher so schnell gelaufen. Die Angst gab mir Flügel…«
»Aber so erzählt doch nur – was ist denn geschehen?«
»Gleich – gleich – so hört denn. Ich war in der letzten Woche an der Mündung des Flusses gewesen und hatte dort gejagt, brach aber vorgestern von dort auf, um hier meine erlegten und getrockneten Häute abzuholen. Gestern schon gedachte ich bis Tanners Haus zu kommen, es wurde aber dunkel, und ich mußte am Flußufer, im dichten Schilf, übernachten. Wie viele Abende hab’ ich nun schon draußen im Walde allein zugebracht, wie manchen Sturm, wie manches Gewitter erlebt und nie Furcht gekannt, gestern aber lief mir’s ein paarmal mit eisigen Schauern über den Leib, und ich schürte mein Feuer noch einmal so groß an, als ich’s eigentlich gebraucht hätte. Es mußte die Ahnung von dem sein, was in meiner Nähe vorging. Sonst blieb übrigens alles ruhig, nur einmal schlug mein Hund an, und mir war’s schon, als ob ich hätte ein Pferd schnauben hören, doch mußte das ein Irrtum sein, da der Schilfbruch dort undurchdringlich ist und der Fluß an der Stelle gerade sehr tief vorbeifließt.
Hoswells hatte mir nun schon vor einiger Zeit sein Kanu zu borgen versprochen, gleich frühmorgens sah ich aber Bienen arbeiten und versuchte bis gegen Mittag den Baum zu finden, und da mir das nicht glückte, so sah ich mich nach dem Kanu um, aber vergebens. Um alle Biegungen kroch ich, konnte jedoch weiter nichts entdecken als ein Taschentuch mit Proviant, das ein Jäger muß im Busch aufgehängt und vergessen haben, und ging endlich bis an den Weg hinauf, dort durch den Fluß zu schwimmen.