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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 14
»Na, Sie werden's sehen. Der Rebe hat mit dem Mädel schon lange ein Verhältniß gehabt, aber natürlich Pauvreté in allen Ecken. Jetzt macht sich die Sache. Am Ende werden wir ihn hier noch nicht einmal los.«
»Vom Theater gewiß, und das Andere kümmert mich wenig,« sagte Handor gleichgültig, indem er aufstand und seinen Hut aufnahm.
»Sie wollen wieder fort?«
»Ich habe zu thun. Apropos, Doctor, können Sie mir nicht wenigstens einen Theil von den hundert Thalern zurückzahlen, die ich Ihnen neulich borgte? Trauvest quält mich mit den paar Thalern, die ich ihm schuldig bin.«
»Lieber, bester Freund,« rief Feodor – »kahl wie eine Feldmaus im Augenblick; die Gelder kommen erbärmlich ein, und in der letzten Zeit habe ich gar nichts verdienen können, weil ich fortwährend mit Ihnen beschäftigt war.«
»Mit mir?«
»Meine Correspondenzen für die verschiedenen Blätter. Ich sage Ihnen, die eine Recension über Ihren »Fiesco« hat mich vier volle Stunden gekostet, so ausführlich habe ich Alles besprochen, und ich taxire meine Arbeitsstunden stets auf einen Louisd'or.«
»Das ist viel.«
»Geistige Arbeiten, lieber Freund, sind keine Holzhackerarbeit; die Fäuste können immer schaffen, aber der Kopf braucht seinen Genius, und wenn der ausbleibt, steckt er fest.«
»Und wann können wir Abrechnung halten?«
»Ich erwarte eine bedeutende Honorarzahlung in den nächsten Tagen.«
»Schön, also auf Wiedersehen, Doctor!«
»Auf Wiedersehen, lieber Handor, auf Wiedersehen!«
Handor hatte die Thür hinter sich zugedrückt, und Feodor sah ihm, freundlich mit der Hand winkend, nach; dann aber murmelte er leise vor sich hin:
»Einfaltspinsel, eingebildeter – will in allen Blättern gelobt und herausgestrichen sein und dann auch noch geborgtes Geld wieder haben – es ist wirklich großartig! Wer hält ihn denn hier am Theater? Niemand weiter als ich, und wenn ich ihn fallen lasse, ist er in vierzehn Tagen fertig; keine Hand rührt sich mehr – ich müßte meine Haßburger nicht kennen. – Komm Du mir!« Und die unangenehmen Gedanken abschüttelnd, drehte er sich wieder auf seinem Stuhl herum, griff die Feder auf und begann von Neuem sein commerzienräthliches Ehrengedicht, das aber trotz alledem nicht recht fließen wollte – der Genius war noch nicht da.
14.
Horatius Rebe
Oben in der Schloßgasse, dem »Paradies« schräg gegenüber, in einem sehr großen, massiv gebauten Hause, aber oben in der vierten Etage und in einem sehr bescheidenen, wie sehr beschränkten Dachstübchen, wohnte Horatius Rebe, »der zweite oder eigentlich vierte oder fünfte Liebhaber« am Haßburger Theater – und eine bescheidenere Wohnung ließ sich in der That kaum denken.
Das Ameublement bestand aus einem Holztisch, der Morgens als Waschtisch, über Tag als Arbeitstisch diente, aus einem mit sehr verblichenem und auch schon oft ausgebessertem Kattun überzogenen Sopha, das mit Eisenfeilspänen gestopft sein mußte, so hart war es, und zwei ordinären Rohrstühlen. Dazu gehörte noch ein kleiner, sehr dürftiger Spiegel und eine lackirte Commode, wie ein glatt gehobeltes Bücherbrett, und dennoch war der kleine Raum so nett und sauber als möglich hergerichtet.
Man konnte gerade nicht sagen, daß eine musterhafte Ordnung darin herrschte, denn hier war ein Buch, in dem der Eigenthümer vorher gelesen, auf dem Tisch umgeschlagen, dort im Fenster lagen einige Noten, und darunter stand ein kleiner Zithertisch mit der Zither darauf und den Stuhl schräg davor gerückt. Ein Zimmer sieht aber überhaupt nicht wohnlich aus, wenn es zu sorgfältig aufgeräumt und geordnet ist – man muß erkennen können, daß es von Jemandem benutzt wird, sonst macht es einen öden und unheimlichen Eindruck, mag es so einfach oder so prachtvoll möblirt sein, wie es will.
Und benutzt wurde es in der That, denn außer einem winzig kleinen Alcoven, der kaum ein Bett und einen gelb angestrichenen schmalen Kleiderschrank hielt und durch eine etwas zu kurze Kattungardine von der Stube getrennt wurde, war es die einzige Räumlichkeit, welche Horatius Rebe besaß, und diese hatte er sich denn auch so freundlich hergestellt, wie es eben seine Mittel erlaubten.
Über dem Sopha hing eine ziemlich gute Lithographie von Schiller im weißen, offenen Hemdkragen; über dem Arbeitstisch eine andere von Bogumil Dawison mit dem kecken, herausfordernden, aber geistreichen Gesicht. Es waren die beiden einzigen Bilder, die er besaß, eine kleine Photographie seiner verstorbenen Mutter ausgenommen, die über seinem Bett ihren Platz gefunden.
Aber trotzdem hatte der Raum doch noch eine andere Ausschmückung erhalten, denn unter Schiller's Bild kreuzten sich ein Paar Schläger, durch ein altes, vielgetragenes Band der Burschenschaft, der er früher angehört, mit einander verbunden, während unter denselben die alte, dreifarbige Studentenmütze jetzt zugleich als Zeichen der Erinnerung und – als Uhrhalter diente.
Aber in dem Fenster standen Blumen, eine prachtvolle Monatsrose, zwei Resedastöckchen und zwei Heliotropen, und unter Dawison's Bild war ein kleines Sträußchen von künstlich gemachten, aber täuschend nachgeahmten Vergißmeinnicht, Veilchen und Maiblümchen befestigt.
Das war der ganze Zierrath, wenn wir die dürftige Bibliothek ausnehmen, die aber nur aus kaum zwanzig Bänden bestand. Da war ein Band mit Byron's Werken in der Original-Ausgabe, die Dramen von Schiller, Lessing und Göthe, und Heine's, Freiligrath's und Rückert's Gedichte, und ein dicker Band, der Shakespeare's gesammelte Werke ebenfalls im Urtext enthielt, lag, den »Hamlet« aufgeschlagen, auf dem Tisch.
Rebe hatte augenscheinlich darin gelesen, aber selbst diese Lectüre konnte ihn nicht fesseln; andere Gedanken gingen ihm im Kopf herum, und überhaupt sah er heute bleich und angegriffen aus, als ob er eine schlaflose Nacht gehabt oder vielleicht gar durchgeschwärmt hätte.
Aber, lieber Gott, schwärmen – wovon? Seine kleine Gage hielt ihn eben am Leben in der theuern Stadt – selbst den Genuß einer Cigarre mußte er sich versagen, wenn er sich nicht in Schulden stecken wollte; ein Glas Bier Mittags gehörte zu seinen Extravaganzen – nein, eine schwere Lebenssorge lag auf seinem Herzen.
Der Souffleur, welcher es von seiner Zimmernachbarin, dem Fräulein Bassini, erfahren, hatte ihm allerdings unter dem Siegel der Verschwiegenheit – mitgetheilt, daß Fräulein Bassini's Schwager, Henriettens Vater, als reicher Onkel von Amerika zurückgekommen wäre, aber an dem nämlichen Tag war ihm selbst seine kleine, untergeordnete Stellung an der hiesigen Bühne gekündigt worden, und er besaß nicht einmal Geld genug, um auf Reisen zu gehen und sich ein neues Engagement zu suchen, viel weniger eine Zeit lang zu zehren, wenn er nicht gleich an einer andern Bühne placirt werden konnte. Und wo durfte er das jetzt im Sommer hoffen, wo die meisten Theater sogar geschlossen waren?
Und Henriette – durfte er jetzt wagen, ihr wieder zu nahen, wo er selber sogar brodlos geworden und ihr nichts, nichts auf der weiten Gotteswelt bieten konnte, als seine Liebe? Sie hätte ihn nicht verschmäht, das wußte er; aber durfte er ein solches Opfer annehmen? Nie. Er hätte seine Selbstachtung verloren für immer und keinem Menschen mehr offen in's Auge sehen können.
Nein, er selber mußte sich erst wieder eine Stellung im Leben erringen, mußte selbstständig dastehen, und dann – wenn das Loos auch noch so bescheiden war, das er der Geliebten bieten konnte –, dann erst durfte er ihr wieder frei und offen nahen und seine Werbung erneuern. Jetzt war sie für ihn verloren, unerreichbar verloren.
Und wem verdankte er dies Alles? Wem anders, als diesem ungebildeten, aufgeblasenen Gecken, diesem Handor, der sich nur hier an der Bühne hielt, weil sich das Publikum einmal an ihn gewöhnt hatte und das Frauenvolk in seine hübsche Larve vernarrt war. Hatte er es denn nicht in den letzten zwei Jahren schon an mehreren anderen Bühnen versucht, um ein besseres Engagement zu erlangen, und war er nicht immer mit Schimpf und Schande hierher, als letztem und einzigem Zufluchtsort, zurückgekehrt? Aber Rache wollte er wenigstens an ihm nehmen. Die Vorstellung des »Hamlet« mußten sie noch vorüber lassen, das sah er selber ein, die durfte nicht gestört werden, aber dann konnte er ihm auch nicht die verlangte Genugthuung weigern, er durfte es nicht – und nachher? Bah, was lag daran – sein Leben war ja doch verfehlt, sein Lebensglück vernichtet und zerstört, was lag daran, was aus ihm wurde – ob er jetzt ganz verdarb und unterging!
Sein Leben verfehlt? Oh, er hätte bittere Thränen weinen mögen, wenn er daran dachte, mit welcher Liebe und Leidenschaft er Alles hinter sich geworfen, was andere Menschen für ihn aufgebaut, nur um sich ganz und ausschließlich der Kunst in die Arme zu werfen!
Hatte denn die blinde, urtheilslose Menge Recht, wenn sie auch das nur einen »Broderwerb« nannte? Gab es denn wirklich kein höheres, ideales Ziel dabei, und war auch das Gefühl, das er in seinem eigenen Herzen für einen Funken himmlischen Feuers gehalten, der ihn entzückte und begeisterte, nichts als Lüge, nichts als eine Täuschung seiner selbst, ein mattes, wärmeloses Irrlicht gewesen, das nur allein dazu gedient, um ihn vom rechten Wege abzulenken?
Das war der bitterste Gedanke, der ihn quälte – alles Andere hätte er leicht und gern ertragen, Mangel, Sorgen, Zurücksetzung – lieber Gott, sie gehörten dazu und jedes Talent hatte sich durch sie hin die Bahn zu Licht und Freiheit öffnen, und oft erzwingen müssen – aber besaß er wirklich das Talent? Hatte Handor Recht, der ihm erst gestern wieder mit kalten, höhnischen Worten gesagt, daß er es nie weiter als bis zum Stühletragen auf den Brettern bringen würde? Oder war es nur Bosheit, nichtswürdige, tückische Bosheit von ihm gewesen? Er selber fühlte die Begeisterung, fühlte die Kraft in sich, das Schwerste zu unternehmen und zu überwinden – aber besaß er sie auch, und würde ihn der Director, der, wie er recht gut wußte, sich die größte Mühe gab, junge und tüchtige Kräfte heranzuziehen, so leicht entlassen haben, wenn er selber auch nur eine Spur davon in ihm entdeckt?
Oh, diese Zweifel an sich selbst, wie sie ihn peinigten und seinen sonst so frischen Muth niederdrückten! Und Keiner, Keiner war da, der ihn aufgerichtet hätte nur mit einem einzigen Wort des Trostes; keinen Freund hatte er, in dessen Brust er sein warmes Herz nur ein einziges Mal hätte ausschütten dürfen! Wo sollte er ihn auch finden? – Ihre Gelage feierte er nicht mit, Wirthshäuser zu besuchen, Bier- oder Weinstuben, verstatteten ihm seine dürftigen Mittel nicht; sein Mittagessen verzehrte er in einem ganz abgelegenen, obscuren Local, wo eine verhältnismäßig gute Kost zu einem mäßigen Preis verabreicht wurde. Er selber besuchte Niemanden, aus Furcht, Jemandem zur Last zu fallen – und wer sollte ihn besuchen in seiner dürftigen Bodenkammer? Er stand allein, ganz allein in der Welt, und das einzige Wesen, das ihn nicht verachtete und auf ihn herabsah, das einzige Wesen, was ihm in Liebe und Treue ergeben war und ihn so glücklich, so selig hätte machen können, das mußte er meiden, durfte ihm nicht wieder nahen, und fühlte selber, wie sich unübersteigliche Schranken zwischen ihnen aufgethürmt.
Mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen ging er raschen Schrittes in seinem kleinen Gemache auf und ab, als es heftig an die Thür klopfte. Ehe er aber nur Herein! rufen konnte, öffnete sich diese schon, und das spitze, rothe Gesicht des Souffleur Mauser erschien mit einem laut herausgeschrieenen »Guten Morgen, Herr Rebe!« auf der Schwelle.
»Guten Morgen, Herr Mauser,« sagte Rebe, »und was bringen Sie mir?«
»Bringen?« lachte der Eintretende, indem er die Thür hinter sich zuzog und es auch nicht der Mühe werth hielt, seine Cigarre ausgehen zu lassen – »habe ich schon Jemandem etwas gebracht, ausgenommen zu Neujahr einen kleinen Repertoirschwindel? Fällt gar nicht vor, aber – ein paar Worte im Vertrauen wollte ich mit Ihnen reden, Herr Rebe, und deshalb bin ich hergekommen.«
»In der That?« sagte Rebe kopfschüttelnd – »aber dann bitte, setzen Sie sich – und was ist es, was Sie mir vertrauen wollen?«
»Ja, seh'n Sie, Herr Rebe,« rief Mauser und unterbrach seine Rede wieder, denn die Cigarre war am Ausgehen gewesen und er mußte eine Zeit lang heftig ziehen, um sie wieder in Gluth zu bringen, »zu vertrauen habe ich Ihnen eigentlich nichts, sondern wollte Ihnen nur… – die verdammte Cigarre hat gar keine Luft – haben Sie nicht eine andere?«
»Ich rauche gar nicht, Herr Mauser.«
»Ja so – ich wollte, ich thät's auch nicht; es kostet jährlich ein schmähliches Geld. Ich wollte Ihnen nur einen guten Rath geben, wenn Sie ihn nämlich annehmen, denn die Herren Künstler haben gewöhnlich ihre Sparren für sich, und glauben, sie könnten es allein – was aber wären sie ohne den Souffleur, he? Wenn ich einmal mein Buch da unten zumache, so hört die Geschichte da oben auf, wie eine abgelaufene Spieldose, und sie können nur den Vorhang fallen lassen.«
»Sie dürften wohl Recht haben,« lächelte Rebe wehmüthig – »bei Vielen ist das in der That der Fall.«
»Ob ich Recht habe! Glauben Sie mir, lieber Rebe, ein Souffleur guckt nicht umsonst das ganze Jahr hinter die Coulissen und peitscht alle Proben mit durch. Der Director und der Regisseur – bah, wenn die da oben an ihrem Tisch sitzen und das große Wort führen, glauben oft, daß sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben! Ich könnt's ihnen sagen, alle Nasen lang, wo es fehlt und wo's hapert, denn ich habe die ganze Geschichte am Fädchen! Aber Mauser ist klug, Mauser hält's Maul und denkt: wo's Dich nicht juckt, da kratz' Dich nicht – so denk' ich!«
»Was aber hat das mit dem guten Rath zu thun, den Sie mir geben wollten, Herr Mauser?« sagte Rebe, der sich heute gerade nicht in der Stimmung fühlte, das Geschwätz des Mannes mit anzuhören. »Ich begreife nicht recht…«
»Das will ich Ihnen sagen,« unterbrach ihn Mauser, indem er die jetzt wirklich ausgegangene und halb zerkaute Cigarre ärgerlich und ziemlich rücksichtslos in die nächste Ecke schleuderte, wie er das in der Bierstube zu thun gewohnt war – »ich bin Ihr Freund, Rebe, ich meine es gut mit Ihnen, ich kenne auch den ganzen Schwindel und die Geschichten, die Sie hier gehabt haben, aber wenn Sie meinem Rath folgen wollen, so machen Sie einfach die Bude zu.«
»Die Bude zu?«
»Ja wohl, das heißt: werfen die bunten Lappen fort und treten nicht wieder auf!«
»Nicht wieder auf?«
»Nein, gehen vom Theater! Sie passen nicht dazu! Sie haben nicht den rechten, genialen Wurf, es fehlt Ihnen – mit Einem Worte, Sie sind kein Schauspieler!«
»Wenn Sie nur so freundlich sein wollten, das Alles ein klein wenig leiser zu sagen, mein lieber Herr Mauser,« bemerkte Rebe, dem es aber doch wie ein eisiges Gefühl durch's Herz schoß – »hier nebenan wohnt ein junger Mann, den Sie doch nicht in das Geheimniß gezogen haben wollen?«
»Geheimniß? Verdammt wenig Geheimniß ist dabei, Rebe!« schrie Mauser – »die ganze Stadt weiß es! Aber Sie wissen auch, daß ich nicht leiser sprechen kann – ich muß schreien, wenn ich nicht in dem verfluchten Kasten sitze, und dort sitz' ich lange genug, das weiß der Himmel, Morgens vier, fünf Stunden, und Abends beinah' eben so viel!«
»Dann wollen wir lieber einen kleinen Spaziergang machen.«
»Dank' Ihnen – jetzt will ich erst essen gehen und nachher schlaf' ich – bin auch nur heraufgeklettert, um Ihnen das zu sagen. Glauben Sie mir, Rebe, ich meine es gut mit Ihnen, Sie passen nicht in die Lumperei – Sie sind ein anständiger Kerl, aber ein anständiger Kerl ist noch immer kein erster Liebhaber, und der werden Sie im ganzen Leben nicht.«
»Ich danke Ihnen, Herr Mauser,« sagte Rebe kalt, denn er fing an sich über den Menschen zu ärgern, »ich werde mir die Sache überlegen.«
»Ja, das kennen wir schon,« brummte der Souffleur – »überlegen, das heißt, es noch eine Weile so hingehen lassen und dann doch thun, was Sie freut – Alte Geschichte! Aber meinetwegen – wer nicht hören will, muß fühlen, und das seh' ich jetzt schon; Sie geben keine Ruh', bis Sie einmal eine größere Rolle irgendwo kriegen und dann richtig von der Bühne heruntergepfiffen werden – nachher ist Friede.«
»Sie urtheilen sehr hart.«
»Ich bin weiter nichts als Souffleur, aber ich kenne den Schwindel, Herr Rebe – ich kenne den Schwindel, mir brauchen Sie kein X für ein U zu machen, und ich habe schon Manchem auf den richtigen Weg geholfen – das ist mein Geschäft.«
»Aber Sie werden mir doch zugestehen, daß eine wahre und aufopfernde Liebe zur Sache…«
»Papperlapapp, reden Sie mir nicht von Aufopferung und Liebe!« rief der Souffleur – »Sand in die Augen, das ist der Schwindel – mit einem Ohr unten im Kasten drin, und doch immer dabei thun, als ob man keine Ahnung hätte, daß überhaupt ein Souffleur auf der Welt wäre – Liebe zur Sache! Fragen Sie einmal Pfeffer! – Apropos, Sie wissen doch, daß der Mann von Pfeffer's Schwester, der dicke Stelzhammer, steinreich von Brasilien zurückgekehrt ist und die Jette jetzt einen Grafen heirathet?«
»Einen Grafen?«
»Gewiß – der Alte hat ihn sich besonders zu dem Zweck mitgebracht. Waren auch bei mir und haben mir einen Besuch gemacht und den ganzen Schwindel erzählt – das ist ein Glück, was das Mädel macht!«
»Aber das ist ja gar nicht möglich!«
»Möglich? Sagen Sie mir einmal, was auf dieser verrückten Welt nicht möglich ist – ich weiß nichts. Aber ich habe schon zu lange mit Ihnen geschwatzt – Donnerwetter, fünf Minuten nach Zwölf – meine Suppe wird kalt! Also folgen Sie meinem Rath, Rebe – überlassen Sie das Mimen anderen Leuten, die es besser verstehen und die den Pfiff weghaben – am besten, Sie gehen gleich unter die Millionäre; sollte aber da keine Stelle offen sein, na dann irgend ein ehrliches Handwerk, lieber ein Tapezierer oder ein Riemer, wie ein schlechter Schauspieler. Sie sind noch jung, Sie können noch Alles lernen, und daß ich Ihr Freund bin, können Sie daraus sehen, daß ich Ihnen die Wahrheit sage. 'Morgen, Herr Rebe!« und seinen Hut aufgreifend und sich dabei an die Taschen fühlend, ob er auch nichts vergessen hätte, verließ er das Zimmer und stolperte die etwas dunkle und steile Treppe wieder hinab.
Rebe war empört über das rücksichtslose Benehmen des Menschen, und wer weiß, ob er zu jeder andern Zeit die hochnasige Unverschämtheit desselben so ruhig hingenommen hätte. Jetzt war er gebrochen, und wie der Mann kaum die Thür hinter sich zugeworfen, sank er auf einen Stuhl, deckte sein Antlitz mit der Hand und saß dort still und regungslos eine lange, lange Zeit – er wußte gar nicht, wie lange; er vergaß die Zeit und sein eigenes Mittagessen, und nur das Eine Gefühl lebte und arbeitete in ihm: das Gefühl seines Elends, seines Unglücks.
Und wieder wurden draußen Schritte laut – es mußte jemand Fremdes sein, denn sie gingen herüber und hinüber. Rebe horchte auf – links von ihm, an einer verschlossenen Bodenkammerthür, wurde angeklopft. Er stand auf und ging zur Thür, die er öffnete, denn der kleine Vorsaal war sehr dunkel.
»Ist Jemand da?«
»Sie entschuldigen, wohnt hier Herr Rebe?«
»Das bin ich selber – bitte, treten Sie näher.«
»Ich störe doch nicht?«
»Nein – mit wem hab' ich die Ehre?«
»Ich muß mich selber vorstellen, bester Herr,« lächelte der kleine Fremde etwas verlegen, »und – und komme auch nur im – im Interesse einer uns Beiden befreundeten Familie. Mein Name ist Jeremias Stelzhammer.«
»Herr Stelzhammer?« rief Rebe und fühlte, wie ihm in dem Augenblick das Blut in einem wahren Strom in's Antlitz schoß – »von – von Brasilien – aber wollen Sie nicht Platz nehmen?«
»Bitte – ja,« sagte Jeremias, der überhaupt nicht recht wußte, wie er beginnen sollte. »Sie – Sie kennen mich also und haben von mir gehört?«
»Ja, mein Herr, ich – erfuhr, daß Hen –, daß Fräulein Henriettens Vater nach langer Abwesenheit zurückgekehrt sei, und – habe mich herzlich darüber gefreut.«
»Danke Ihnen,« sagte Jeremias und saß wieder fest. Er hatte etwas auf dem Herzen, aber er konnte das rechte Ende nicht gleich finden, um es abzuwickeln, und sah sich verlegen im Zimmer um – und, lieber Gott, wie ärmlich sah es in dem Zimmer aus – und doch wie nett und sauber!
»Und was verschafft mir die Ehre?« sagte Rebe endlich nach einer Pause.
»Ja, sehen Sie,« sagte Jeremias, also gewaltsam auf das gebracht, was ihn heute Morgen hiehergeführt, »das ist eigentlich eine ganz curiose Geschichte, und ich müßte vielleicht ein Stück Weges dazu ausholen – vielleicht geht's aber auch so, wenn wir gleich mitten hineinspringen. Eigentlich wollte ich um die Sache nur so hinten herumkommen – wissen Sie, so im Gespräch – aber Ihr Gesicht gefällt mir, Herr Rebe, und ich glaube, ich kann mit Ihnen gleich von der Leber wegreden…«
»Sie würden mich dadurch sehr verbinden,« sagte Rebe, dem es bei der langen Vorrede ganz unheimlich wurde. Was hatte der Mann nun wieder? Bis jetzt bekümmerte sich Niemand um ihn, und heute gab Einer dem Andern die Thür in die Hand – war das ein neuer Freund, wie der Souffleur?
Jeremias mochte aber wohl fühlen, daß er den jungen Mann in Verlegenheit brachte, wenn er noch länger zurückhielt, und fuhr deshalb, jetzt wirklich mitten in den fraglichen Punkt hineinspringend, nur im Anfang noch ein wenig stotternd, fort:
»Sehen Sie, Herr Rebe, ich bin Henriettens Vater und – möchte das Kind gern glücklich wissen, was Sie begreifen werden – und nun hat mir Pfeffer, mein Schwager, die ganze Geschichte gestern Abend erzählt, und nun möchte ich Sie bitten…«
»Daß ich Herrn Pfeffer's Haus nicht wieder betreten möge, nicht wahr, Herr Stelzhammer?« sagte Rebe bitter – »aber seien Sie unbesorgt, es hätte deshalb Ihres Besuches nicht bedurft, denn ich fühle selber, daß ich jetzt, hier aus meiner Stellung selbst geschoben und kaum im Stande, mich allein am Leben zu erhalten, nicht das Recht habe, das Geschick eines andern, mir theuren Wesens an das meine zu fesseln. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen wieder lästig fallen werde, wie es mein Schicksal zu sein scheint, wohin ich komme. Sowie mein Contract mit diesem Monat abgelaufen ist, verlasse ich Haßburg, und ich glaube kaum, daß Sie dann je wieder von mir hören werden.«
»Sehen Sie,« sagte Jeremias, der ihm indessen schweigend und kopfschüttelnd zugehört, »jetzt gehen Sie durch, gerade wie ein scheu gewordenes Pferd, und immer nach der verkehrten Richtung. Seh' ich denn aus wie ein so schrecklicher Tyranski Absolutski, der nur eben die Nase nach Deutschland hineinsteckt und dann auch gleich sein Kind, um das er sich die langen Jahre nicht gekümmert, unglücklich machen will? Lassen Sie uns vernünftig mit einander reden, Herr Rebe, und ich glaube, ich habe einen Ausweg für Sie gefunden, oder – wir können doch wenigstens erst einmal sehen, ob wir keinen finden.«
»Ich weiß nicht, was Sie meinen…«
»Ja, wenn ich aufrichtig sein will, weiß ich es eigentlich selber noch nicht recht,« sagte Jeremias, sich hinter dem rechten Ohr kratzend, »denn ich – ich möchte Ihnen doch nicht gern wehe thun, und – und sehe auch keinen andern Weg, als…«
»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Rebe bitter – »weshalb sollen Sie gerade der einzige Mensch in der Welt sein, der Rücksichten auf mich nimmt?«
»Jetzt gehen Sie wieder durch,« nickte Jeremias, »aber es kann nichts helfen – so kommen wir nicht zu Ende. So will ich Ihnen denn sagen, was ich mit meinem Schwager Pfeffer besprochen habe – Jettchen weiß natürlich kein Wort davon –, und nachher wollen wir hören, was Ihre Meinung von der Sache ist.«
»Ich bin in der That begierig!«
»Pfeffer meint,« fuhr Jeremias fort, »daß Sie beim Theater außerordentlich wenig Aussichten hätten, es je zu etwas Vernünftigem zu bringen, und daß es schade um Sie wäre, wenn Sie Ihre Kräfte dabei vergeudeten.«
»Das ist sehr liebenswürdig von Herrn Pfeffer…«
»Glauben Sie nicht, daß er etwas auf Sie hat!« rief Jeremias rasch – »er meint es wahrhaftig gut mit Ihnen und sprach nur Gutes von Ihnen, und daß Sie sonst ein braver und anständiger Mensch wären!«
»Sonst?«
»Ja, – nur zum Theater taugten Sie nicht – Sie – Sie wären zu… – Hurrjeh,« unterbrach sich Jeremias, »es ist eine ganz verfluchte Geschichte, wenn man es mit Jemandem gut meint und soll ihm dann Grobheiten sagen, aber es geht ja nicht anders, und wenn Jemand einem Andern einen kranken Zahn ausziehen soll, so muß er ihm auch wehe thun, und man weiß doch dabei, daß es eben nicht anders angeht! Wenn Sie das nur wenigstens auch wüßten!«
»Bis jetzt,« sagte Rebe kalt, »habe ich nur aus Ihren Reden ersehen, daß Sie, auf Herrn Pfeffer's Urtheil hin, mir den guten Rath geben wollen, einer Laufbahn zu entsagen, die bis zu diesem Augenblick mein ganzes und einziges Lebensglück ausgemacht hat. Wovon ich nachher leben soll, darüber wird Herr Pfeffer wohl selber im Unklaren sein, ganz abgesehen davon, ob ich überhaupt nachher noch leben könnte.«
»Aber das ist es gerade, weshalb ich hergekommen bin!« rief Jeremias rasch. »Glauben Sie denn, ich wollte mich blos unangenehm bei Ihnen machen, um Ihnen etwas zu sagen, was Sie doch wahrhaftig nicht erfreuen kann?«
»Es ist mir wenigstens lieb, daß Sie das selber einsehen,« sagte Rebe ruhig, »und ich bin Ihnen dankbar für Ihren guten Willen – mit was kann ich Ihnen sonst noch dienen?«
»Na ja, nun werfen Sie mich lieber gleich 'naus!« sagte Jeremias in komischer Verzweiflung. »Aber so hören Sie mich doch nur an. Das Theater kann Ihnen wahrhaftig nicht so an's Herz gewachsen sein, daß Sie gar kein anderes Leben für möglich halten! Du lieber Gott, was treibt man nicht Alles, um ordentlich und ehrlich durchzukommen, und wenn ich Ihnen Alles erzählen könnte, was ich schon gewesen bin, Sie würden sich wundern, so viel kann ich Ihnen sagen! – Aber jetzt geht es mir gut,« fuhr er entschlossen fort, ehe Rebe ein Wort zu erwidern vermochte; »ich habe mir etwas erspart und nur den einzigen Wunsch, die Menschen glücklich und zufrieden zu sehen, die ich – die ich – um die ich mich eigentlich hätte ein bischen früher bekümmern sollen. Jettchen aber ist ein liebes, herzensgutes Kind, dem ich Alles zu Gefallen thun könnte, und – wenn sie auch noch nicht recht mit der Sprache herausgerückt ist, so habe ich doch so viel gemerkt, daß sie Ihnen gut ist und nicht das Geringste dagegen würde einzuwenden haben, wenn Sie im Stande wären, um sie anzuhalten.«
»Aber?« sagte Rebe, während er sich Mühe geben mußte, seine Fassung zu bewahren, »ich muß Sie um den noch fehlenden Nachsatz bitten!«
»Aber,« fuhr Jeremias entschlossen fort, »das sind Sie jetzt noch nicht und hätten, allem Anschein nach, auch noch für die nächste, vielleicht für eine sehr lange Zeit keine Aussicht dazu, und da – möchte ich Ihnen helfen.«
»Sie, Herr Stelzhammer?« rief Rebe erstaunt – »und wie können Sie mir helfen? Glauben Sie, daß ich je im Stande wäre, mich von meiner Frau ernähren zu lassen?«
»Wenn ich das glaubte,« sagte Jeremias trocken, »so wäre ich gar nicht zu Ihnen gekommen. Nein, ich wollte einmal mit Ihnen sprechen, ob Sie vielleicht doch nicht auf einen andern Weg zu bringen wären, und muß Sie deshalb vorher – mir, als Jettchen's Vater, dürfen Sie das nicht übel nehmen – auf das Gewissen fragen: Lieben Sie das Mädel wirklich recht von Herzen, und würden Sie dieselbe, eben wenn Sie Ihr Brod hätten, zur Frau nehmen?«
»Herr Stelzhammer,« sagte Rebe bewegt, indem er ihm die Hand entgegenstreckte, »vorher, und ehe ich Ihre Frage beantworte, muß ich Ihnen ein Unrecht abbitten, das ich gegen Sie verübt!«
»Gegen mich?«
»Ja – denn ich hielt Sie, als Sie dies Zimmer betraten, – und auch noch eine Zeit lang nachher – für einen jener wohlmeinenden Freunde, die ihre Freundschaft nur darin suchen, sich ein Recht heraus zu nehmen, grob zu sein, Sie sehen, ich bin aufrichtig…«
»Bitte, geniren Sie sich nicht,« sagte Jeremias.
»Ich bitte Sie deshalb um Verzeihung,« fuhr Rebe herzlich fort, indem er die Hand des kleinen Mannes, die er noch immer in der seinen hielt, derb schüttelte – »ich habe Ihnen unrecht gethan, denn ich fühle, daß Sie es wirklich gut mit mir und Henrietten meinen!«
»Sollte so denken,« nickte der kleine Mann; »ich wußte, daß Sie dahinter kommen würden, wenn wir nur erst eine Weile beisammen wären.«
»Dann aber nehmen Sie die Versicherung,« fuhr Rebe fort, »daß ich Ihre Tochter viel zu aufrichtig und wahr liebe, um mein Unglück eine Ursache sein zu lassen, auch das ihrige herbeizuführen. Ich trete jetzt hinaus in die Welt – mit geringen Hoffnungen, es ist wahr – aber auch mit dem festen, männlichen Willen, mir mein Leben zu erkämpfen, wie es Tausende vor mir gethan haben. Geh' ich dabei unter, nun, dann ist nur ein doch werthloses Dasein weniger. – Gelingt es mir aber – und trotz allem Mißgeschick flüstert eine Stimme in mir noch immer: »Es wird!« – dann, mein lieber Herr, hoffe ich Ihnen zu beweisen, mit wie heißer Liebe ich an Henrietten hange und – daß ich ihrer Werth bin!«
»Mein lieber Herr,« sagte Jeremias, auf seinem Stuhl herumrückend, »das ist Alles recht schön und gut, daß Ihr abgebrannt seid, wie jener Pfarrer meinte, aber es bringt uns keinen Schritt weiter in der Sache, denn wenn Jettchen Sie wirklich lieb hat, so glauben Sie doch sicherlich nicht, daß Sie ihr einen Gefallen thun, wenn Sie, wie Sie es nennen, untergehen, so ehrenvoll das auch an sich sein mag.«
»Aber was kann ich thun?«
»Sie haben studirt, nicht wahr?«
»Ja…«
»Das ist eben der Teufel,« meinte Jeremias, sich wieder hinter dem Ohr kratzend, »daß mit den studirten Leuten am allerwenigsten anzufangen ist! Sie verstehen Griechisch und Lateinisch und Alles, was sie im Leben nicht gebrauchen können, aus dem Grunde; will man aber 'was Praktisches mit ihnen anfangen, so hapert's an allen Ecken. Was in dem Amerika nur allein für eine Menge studirter Menschen herumhungern und ihrem Gott dankten, wenn sie in ihrer Jugend ein Handwerk gelernt hätten, ist ganz unglaublich! Aber lassen Sie nur gut sein,« unterbrach er sich rasch, als er merkte, daß Rebe etwas erwidern wollte; »vielleicht finden wir doch noch etwas, und dann sollen Sie sehen, daß ich es wirklich gut mit Ihnen meine, junger Mann, und Ihnen beistehen werde wie ein wahrer Freund – wir müssen nur erst auf den rechten Punkt kommen.«
»Aber was soll sich finden, bester Herr – ein Engagement…«
