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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 15

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»Reden wir nicht mehr davon,« sagte Jeremias gutmüthig; »wenn Sie nicht auf's Theater passen, hilft Ihnen auch ein Engagement nichts, und die Zeit, die Sie dort auf's Neue verbringen, ist eben einfach auf den Kopf geschlagen. Wir fangen 'was Anderes an – mir gehen eine Menge Pläne durch den Kopf, und Sie sollen einmal sehen, in Zeit von vier Wochen habe ich Sie da so hineingearbeitet, daß Sie selber Ihre Lust und Freude daran finden werden.«

»Herr Stelzhammer,« sagte Rebe freundlich, aber auch fest und bestimmt, »die Zeit nur, die Sie hier mit mir vergeuden, ist verloren, denn mich ziehen Sie nicht aus der vorgezeichneten Bahn.«

»Aber, mein bester Herr!«

»Bitte, lassen Sie nun auch mich reden. Ich kenne Herrn Pfeffer genau; ich weiß, daß er von Herzen ein guter und sonst braver und ehrlicher Mensch ist, aber er hat eine verbissene Natur und sucht besonders etwas darin, auf das Theater zu schimpfen. Wenn man ihn reden hört, so sollte man glauben, er wäre bei jeder neuen Rolle der unglückseligste Mensch, so raisonnirt er und mit solcher Unlust geht er jedesmal daran, sie zu lernen; aber nehmen Sie ihm einmal eine oder fordern Sie ihn einmal auf, vom Theater zu gehen, so hören Sie, was er Ihnen sagt.«

»Pfeffer? – Lieber heute, als morgen.«

»Ich kenne ihn besser. Er redet grundsätzlich Jedem ab, zur Bühne zu gehen, und was sein Urtheil über mich betrifft – ein so guter Schauspieler er in seinem Fache sein mag –, so kann das für mich keinen entscheidenden Werth haben; denn hat er mich auch nur erst ein einziges Mal in einer wirklich guten, ja, selbst nur in einer mittelmäßigen Rolle gesehen? Habe ich denn hier am Theater – ich weiß selber nicht, weshalb – auch nur ein einziges Mal Gelegenheit bekommen, zu versuchen und zu zeigen, was ich vermag? Nie – nur zu Statisten- oder, kaum mehr als dazu, zu kleinen, erbärmlichen Rollen bin ich verwandt worden, in denen ich kaum ein paar Worte zu sprechen hatte und mich selbst schämte, wenn ich, meiner unwürdig, so da draußen vor dem Publikum stand. Und jetzt sollte ich die Bühne verlassen – jetzt, mit dem nagenden Gefühl im Herzen, daß ich das Zeug zu etwas Besserem in mir trage? – Glauben Sie da selber, bester Herr, daß ich bei irgend einer andern Beschäftigung, die Ihre Güte für mich ausgedacht, Ruhe und Befriedigung fühlen, daß ich ausharren könnte, wo es noch immer in mir gährt und treibt und die Sehnsucht nach der wahren Kunst mich verzehren, aber auch zugleich zu allem Andern untauglich machen würde?«

»Ja, mein lieber, junger Freund,« sagte Jeremias bestürzt, »das wäre ja aber eine ganz verzweifelte Geschichte, und während Sie in der Welt draußen nach der »wahren Kunst« suchen, die ich noch nirgends gefunden habe, so alt ich bin, grämt sich das arme Jettchen daheim die Augen roth und wird zuletzt eine alte Jungfer. Überlegen Sie sich die Sache nur erst ordentlich. Sie glauben gar nicht, was der Mensch Alles kann, wenn er nur ernstlich will.«

»Ich habe mir Alles überlegt, bester Herr, wieder und wieder,« sagte Rebe herzlich – »meine ursprüngliche Carrière, durch welche ich im Laufe der Jahre in der regelmäßigen Staats-Tretmühle meinen bestimmten Platz und die Hoffnung auf Avancement hätte bekommen können, habe ich mir durch meinen Austritt verscherzt; die Herren nehmen Niemanden zum Staatsdienst wieder auf, der einmal Schauspieler gewesen ist, obgleich sie ihre Schauspieler weit besser bezahlen, als ihre Staatsdiener, und dahin ist mir der Weg also gründlich abgeschnitten, – zu etwas Anderem passe ich nicht. Es giebt kaum einen unglückseligeren Menschen für irgend eine Speculation auf der weiten Welt, als mich; zum Kaufmann habe ich nicht das geringste Talent, aber meine ganze Seele hängt am Theater, und wem Gott einen solchen Trieb dazu in's Herz gelegt hat, der darf und kann ihm nicht entsagen, wenn er seinen Lebenszweck nicht verfehlen will.«

»Aber, mein lieber Herr Rebe, ich – ich war auch schon einmal beim Theater – und wobei bin ich eigentlich nicht gewesen?« sagte Jeremias etwas kleinmüthig.

»Und haben Sie je den Drang gefühlt,« rief Rebe begeistert, »der Kunst Alles, Alles opfern zu müssen – selbst Ihr Leben?«

»Könnt' ich gerade nicht sagen,« meinte der kleine Mann kopfschüttelnd – »ich sang und tanzte meinen Stiefel weg und freute mich nur immer auf den Ersten, weil da Gagetag war.«

»Dann hat Ihnen das Verlassen der Bühne auch keine Thräne gekostet.«

»Ne, wahrhaftig nicht,« bestätigte Jeremias – »eh'r im Gegentheil. Ich war seelenfroh, aus der Bude herauszukommen – Kunst – ja Kunst! Ich habe keine Kunst darin entdeckt.«

»Und tadeln Sie mich deshalb, weil ich dabei aushalte, daß ich mein ganzes Leben, mein Glück, mein Alles daran setze, um mein Ziel zu erreichen? Ich kann aber nicht anders, lieber Herr – ich fühle, daß ich in jedem andern Fache, so freundlich Sie mir auch zur Seite stehen würden, eine unselbstständige, gedrückte Stellung einnehmen müßte, während ich hier ein weites, offenes Feld vor mir sehe, meiner Kraft, meinem Ehrgeiz zu genügen. Bring' ich es dann zu 'was, so verdanke ich bei Gott Alles nur mir selbst, was ich erstrebt, und kann dem Besten stolz in's Auge sehen! War es ein Mißgriff, dann wird der arme Rebe Niemandem mehr lästig fallen – Niemand wird mehr von ihm hören und – Niemand auch wohl mehr nach ihm fragen,« setzte er leise hinzu.

»Und ist das Ihr fester und letzter Entschluß?« sagte Jeremias kopfschüttelnd.

»Ich kann nicht anders, lieber Herr,« sagte Rebe herzlich; »ich müßte mich selbst verachten, wenn ich anders handeln wollte.«

»Das ist freilich recht traurig,« nickte der kleine Mann mit dem Kopf, indem er von seinem Stuhl aufstand, »und mir thut dabei Niemand wie das arme Jettchen leid, denn Sie selber wollen es ja nicht besser haben.«

»Mein armes Jettchen!« sagte Rebe leise – »aber sie ist frei!« fuhr er leidenschaftlich fort – »glauben Sie nicht, daß ich sie mit Wort oder Bitte an das Leben eines Unglücklichen fesseln werde! Es war freilich mein schönstes, seligstes Gefühl, der Gedanke, sie mir einst verdienen zu können – aber die Zeit liegt zu fern, zu ungewiß, um sie zu binden! Es war mein heißester Wunsch, sie glücklich zu wissen – ich will nicht die Ursache sein, das Gegentheil herbeizuführen!«

»Sie sind ein braver Mann, mein lieber Herr Rebe,« sagte Jeremias herzlich, indem er ihm nochmals die Hand reichte und die seine herzhaft drückte; »ich glaube, Jettchen würde glücklich mit Ihnen werden, ob Sie nun Schauspieler oder 'was Anderes wären…«

»Sie sind mir böse,« sagte Rebe leise, der wohl bemerkte, daß der Mann noch einen Rückhalt hatte – »Sie halten mich für einen eigensinnigen Trotzkopf, der das Glück des ihm liebsten Wesens gleichgültig von sich stößt, nur um seinem Eigensinn zu fröhnen.«

»Doch nicht,« sagte Jeremias, mit dem Kopf schüttelnd; »ich begreife freilich nicht, wie Jemand mit einer solchen Leidenschaft am Theater hangen und Freude darin finden kann, sich in die Geschichte so – ich weiß eigentlich nicht wie ich sagen soll – so hinein zu bohren. Aber ich begreife, daß Jemand, der fest von irgend etwas überzeugt ist, auch Hals und Kragen dransetzen kann, um es durchzuführen. Aber da stehen Sie allein, da giebt es keinen Menschen, der Ihnen helfen und beispringen kann.«

»Ich weiß es,« sagte Rebe ruhig, »weiß auch, welche schwere Prüfungszeit mich wahrscheinlich noch erwartet, und nur um das bitte ich Sie, denken Sie nicht schlechter von mir, weil ich Ihr freundliches Anerbieten zurückgewiesen habe – glauben Sie nicht, daß ich darum Henriette auch nur um einen Gedanken weniger liebe, weniger bereit wäre, ihr Alles aufzuopfern, aber – ich muß mich später selber achten können. – Kein Vorwurf darf auf meiner Seele lasten, mir meines Strebens einst nicht klar gewesen zu sein, mit Einem Wort: ich muß erst versuchen, ob ich wirklich zu dem, was mein ganzes Sein erfüllt, nicht passe und in der That nicht im Stande bin, mir aus mir selbst heraus eine Carrière zu schaffen. Dann, wenn ich das gethan, wenn ich gesehen habe, daß ich mich geirrt, will ich es aufgeben – nicht mit blutendem Herzen, nein, mit dem ruhigen Bewußtsein, meine Pflicht gethan zu haben, und was dann aus mir wird, das weiß nur Gott!«

Jeremias begriff nur halb, was Rebe sagte; er verstand etwa den Sinn der Worte, aber nicht die mächtige Triebfeder seiner Handlungsweise, die er in seiner Sprache mit dem kurzen, aber bezeichnenden Worte »Dickkopf« wiedergegeben haben würde. Aber unter solchen Umständen ließ sich hier auch nichts weiter machen. Er selber hatte sein Möglichstes gethan, Jettchen beizustehen; wenn der bühnentolle Schauspieler nicht wollte, zwingen konnte er ihn nicht.

»Na, mein lieber Herr Rebe,« sagte er aufstehend, »unter diesen Umständen läßt sich vor der Hand gar nicht weiter über die Sache reden. Versuchen Sie's denn in Gottes Namen, und ich selber will Ihnen alles Glück und allen Segen wünschen.«

»Ich danke Ihnen herzlich, mein lieber Herr, aber – erlauben Sie mir denn wohl, daß ich,« setzte er leiser hinzu, »ehe ich von hier fortgehe, Ihrer Tochter noch einmal Lebewohl sage?«

»Das kann man keinem Menschen verwehren,« sagte Jeremias, mit dem Kopf schüttelnd; »Abschied nehmen ist 'was Heiliges, aber – setzen Sie mir dem Mädel keine Schrullen weiter in den Kopf. Es wird dem armen Ding wehe genug thun.« – Und Rebe's Hand noch einmal herzhaft drückend, drehte er sich um und schritt zur Thür hinaus.

15.
Die Leseprobe

George Monford hatte wirklich sein Äußerstes geleistet und mit einer ganz fabelhaften Ausdauer alle Schwierigkeiten, die sich ihm durch die Kürze der gegebenen Zeit entgegenstellten, um seine Lieblingsidee zur Ausführung zu bringen, überwunden.

Wer aber jemals selber die Vorstellung eines Liebhabertheaters oder selbst nur das Stellen von lebenden Bildern zu leiten übernommen gehabt, weiß allein, was für ganz verzweifelte Dinge da geschehen können, welch' enorme Rücksichten da genommen und welche Schleichwege eingeschlagen werden müssen, um endlich all' die verschiedenen Köpfe – und je schöner, desto schwerer – unter Einen Hut zu bringen.

George hatte Alles durchzukosten. Hier nahm Einer die ihm überbrachte Rolle an, um sie drei Stunden später wieder unter irgend einem Vorwand zurückzuschicken; dort war eine Person, auf die er fest gerechnet, so plötzlich und ernsthaft erkrankt, daß selbst ein Möglichkeitsversprechen außer aller Frage blieb. Comtesse B. konnte mit Baronesse X. unmöglich zusammen wirken, da sich Letztere über eine neue Robe der Ersteren ungünstig ausgesprochen, was Comtesse Y. zu Ohren von Comtesse B. gebracht hatte. Hauptmann von Z. sah sich nicht im Stande, eine Civilperson zu spielen, während Lieutenant von P. einen Hauptmann vorstellen sollte. Es war rein zum Verzweifeln, all' diesen Bedenken und kleinen Misèren rechtzeitig zu begegnen, und George wechselte an den beiden ersten Tagen an jedem dreimal seine Pferde und kränkte seinen Reitknecht auf das Tiefste, der in der Zeit, in welcher er vor den Häusern hielt, gar nicht wußte, was er mit den unruhigen, ungeduldigen Thieren anfangen sollte.

Endlich, endlich, und ein tiefer Dankesseufzer hob seine Brust, hatte er Alles im Stande, und nach ganz unsagbaren, aber jetzt überwundenen Schwierigkeiten war die erste Leseprobe auf heut Abend festgesetzt.

Um das aber bewerkstelligen zu können, hatte ordentlich eine kleine Verschwörung angezettelt werden müssen, denn Paula durfte natürlich nichts davon merken, und war zu dem Zweck von einer andern, in das Geheimniß gezogenen Familie, die kein Contingent zu der Vorstellung stellte, eingeladen worden.

Rottacks selber hatten sich erboten, diese erste Probe in ihren Räumen abzuhalten, da man damit wechseln wollte, und Graf und Gräfin Monford ihnen schon deshalb an dem nämlichen Morgen eine sehr kurze und sehr steife Gegenvisite für den ersten Besuch gemacht. Es war das einmal Ton, und diese langweilige und für beide Theile gleich lästige Form durfte Niemandem erspart werden.

Paula machte übrigens ganz unbewußt dieser ersten Vorübung die meisten Schwierigkeiten, denn sie erklärte, nicht die geringste Lust zu haben, die Gesellschaft zu besuchen. Sie fühle sich nicht wohl, sagte sie, und scheue sich, unter Menschen zu gehen.

Paula sah in der That seit ein paar Tagen leidend aus; ihre Wangen waren bleich, ihre Augen eingefallen, und das Schlimmste, ihr ganzes Wesen, das sonst von Frohsinn strahlte, schien gedrückt.

Dem Bruder war das vor Allen aufgefallen, denn die Eltern schrieben es, als eine Art von Widersetzlichkeit, dem ausgesprochenen Willen, die Verlobung betreffend, zu und hüteten sich wohl es zu bemerken. Man mußte Paula ein paar Tage sich selber überlassen, dann gab sich das auch Alles von selbst, und sie war wieder die gehorsame, fröhliche Tochter, wie früher.

Nicht so George, der seine Schwester besser kannte. Er sah, sie war wirklich nicht wohl, und zu ihr gehend, schlang er seinen Arm um sie und sagte herzlich:

»Was hast Du, Paula? Was fehlt Dir, Herz? Du siehst wahrhaftig bleich und angegriffen aus!«

»Mir ist nicht wohl, George,« sagte das junge Mädchen, ihr Haupt an des Bruders Brust lehnend und vergebens bemüht, ein paar vorquellende Thränen zurückzupressen; »so viele Dinge gehen mir im Kopf herum – ich muß nur immer denken und denken, und das thut mir so weh!«

»Du darfst nicht grübeln, Schatz,« tröstete sie George und versuchte ihr Antlitz sich zuzuwenden; aber sie litt es nicht. »Daß Du jetzt genug zu denken hast, glaub' ich Dir ja von Herzen gern; aber es sind doch auch nicht solch' traurige Dinge, die Dir dabei im Kopf herumgehen können, um Dich so niedergeschlagen zu stimmen, wie Du jetzt dreinschaust. Hab' guten Muth, mein kleiner, braver Paul,« fuhr er schmeichelnd fort, als sie ihm nichts erwiderte, sondern sich nur fester an ihn lehnte; »Hubert Bolten ist wirklich ein seelensguter Mensch, manchmal ein bischen aufbrausend und leichtsinnig, aber, lieber Gott, das giebt sich Alles von selber, wenn er erst einmal solch' eine kleine Hausfrau hat. Und denke Dir nur, wie glücklich Du Vater und Mutter dadurch machst, die ja ihr ganzes Herz daran gehangen haben – und Hubert, hundertmal hat er mich in der Stadt, wo er mich nur traf, gefragt, wie es Dir ginge und was Du triebest, und zehnmal wär' er schon herausgekommen, wenn ihn die Eltern nicht gebeten hätten, vor der Verlobung jeden auffälligen Schritt zu vermeiden.«

»Ach, George, ich kann Dir gar nicht sagen…«

»Bst, Schatz, da kommt die Mama,« unterbrach sie George rasch, »laß sie Dich nicht so traurig finden. Du weißt, sie kann es nicht leiden, obgleich sie die letzten Tage selber ganz entsetzlich finstere Gesichter geschnitten hat.«

Die Gräfin kam durch den Garten auf die offene Salonthür zu, und Paula hatte sich rasch aufgerichtet und die verrätherischen Thränen abgewischt. George hatte Recht, die Mutter mußte mit ihrem Leid verschont werden, und wo hätte das Kind eigentlich seinen Schmerz am ersten ausschütten, am leichtesten ausweinen sollen, als an dem Herzen der Mutter!

»Nun, Paula, Du bist noch nicht angezogen? Der Wagen wird gleich vorfahren.«

»Im Augenblick, liebe Mutter, ich bin in wenig Minuten fertig; am liebsten blieb ich freilich zu Hause.«

»Geh Du nur, mein Kind, die Zerstreuung wird Dir wohlthun; überdies haben wir auch fest zugesagt.«

»Ich gehe ja, liebe Mutter,« sagte Paula leise, wandte sich ab und schritt ihrem Zimmer zu, in dem sie bald verschwand.

»Mama,« sagte George, der ihr schweigend nachgesehen hatte, während die Mutter an den Tisch gegangen war, auf dem ein paar illustrirte Journale lagen, »wenn ich nur eine Ahnung davon hätte, daß sich Paula mit Hubert wirklich unglücklich fühlen könnte, ich wüßte nicht, was ich thäte!«

»Unglücklich« – sagte die Gräfin, ruhig den Kopf herüber und hinüber wiegend, ohne sich aber nach George umzudrehen – »denkst Du, daß wir selber die Verbindung zugeben würden, wenn wir das fürchteten?«

»Sicher nicht, Mama, sicher nicht; aber – Paula hat sich in den letzten zwei Tagen recht verändert, und – wenn ich sie nicht so genau kennte und nicht wüßte, daß es unmöglich wäre, so würde ich wahrhaftig glauben, sie hätte irgend eine andere heimliche Zuneigung.«

»Meinst Du?« rief die Gräfin, sich jetzt scharf ihm zuwendend. »Hast Du irgend einen Verdacht? Auf wen?«

George schüttelte mit dem Kopf. »Ich schöpfte Verdacht,« sagte er, »nur ihres bleichen Aussehens und Trübsinns wegen – aber auf wen? Ich wüßte Niemanden zu nennen oder zu errathen, und so scharf ich sie auch in diesen Tagen beobachtet habe, ich konnte nicht das Geringste entdecken, was ihn bestätigt hätte. Ich weiß mich auch in der That auf Niemanden zu erinnern, den sie nur im Mindesten ausgezeichnet, ja, mit irgend einem Antheil erwähnt hätte, und mit mir spricht sie doch über Alles und plaudert frisch von der Leber weg, was ihr gerade auf die Lippen kommt. Verstellungsgabe hat sie gar nicht – ihre Seele ist so rein wie ein Spiegel.«

Die Gräfin sah ihren Sohn fest, aber wie in Gedanken an; ihre Seele war in dem Moment nicht bei dem Blicke und schweifte vielleicht zu anderen Zeiten, anderen Scenen hinüber; aber wie ein Schatten zog das über ihre Stirn, und sie sagte, nur langsam dabei mit dem Kopf nickend:

»Du hast Recht, George, so würde sich Paula nie verstellen können, und wäre dem wirklich so, dann hätte sie doch ein Wort davon gegen mich oder Deinen Vater geäußert, wenigstens eine Andeutung dahin fallen lassen. Es ist Laune bei ihr, weiter nichts, und Du wirst sehen, wie vollständig sich das schon in den nächsten Tagen giebt.«

»Das will ich recht von Herzen hoffen, Mama,« sagte George mit einem Seufzer, »denn so könnte ich das nicht mit ansehen. Wenn mir nicht der arme Hubert leid thäte, wahrhaftig, ich würde Euch selber bitten, die Verlobung wenigstens noch eine Zeit lang hinaus zu schieben, daß auch Paula erst klar mit sich würde.«

»Das geht nun nicht mehr, mein Kind,« sagte die Gräfin ruhig, »es ist Alles bestimmt angeordnet und zu viel Leute wissen auch schon darum; es würde nachher nur ein ganz unnützes, unangenehmes Gerede geben. Aber da ist der Wagen, begleitest Du Paula?«

»Ja, Mama, aber wie kommst Du selber hinein?«

»Ich lasse mir die Droschke anspannen; sei nur pünktlich bei Rottacks, denn ich – möchte dort nicht gern lange warten.«

»Pünktlich, gewiß,« rief George; »Rottacks sind übrigens prächtige Leute und gefallen mir außerordentlich – auch nicht die Spur von Zwang oder Zurückhaltung, und die Gräfin ist so natürlich und herzlich, wie er selber. Was ist sie nur für eine Geborene – hast Du nicht gehört? Ich bin an verschiedenen Orten danach gefragt worden.«

»Ich weiß es nicht,« erwiderte seine Mutter, indem sie sich von ihm abwandte und zum Fenster schritt – »auf der Karte steht ihr Name nicht.«

»Die böse Welt behauptet natürlich schon wieder,« fuhr George fort, »daß es eine Mesalliance sei; aber das glaub' ich auf keinen Fall, denn die Gräfin hat etwas so vornehm Edles in ihrem ganzen Wesen, was sie sich im Leben nie angeeignet haben kann; das muß ihr angeboren sein. Doch das bleibt sich gleich; ich meinestheils bin herzlich froh, daß wir die Leutchen nach Haßburg bekommen haben, denn für den Winter besonders sind sie eine ganz kostbare Acquisition, und Du solltest sie einmal musiciren hören!«

»Da kommt Paula; wirst Du sie wieder abholen?«

»Versteht sich; ich habe schon Alles mit ihr besprochen. Adieu, liebe Mutter, auf Wiedersehen bei Rottacks!« –

In Graf Rottack's kleiner, aber reizender Villa war der Salon für die erwartete Gesellschaft auf das Freundlichste hergerichtet und Alles für die erste abzuhaltende Leseprobe vorbereitet worden. Felix selber hatte es arrangirt und kehrte jetzt in Helenens Zimmer zurück, in dem die Kinder auf der Erde spielten.

Helene saß in einem Fauteuil vor ihrem Nähtisch, aber sie arbeitete nicht; den Kopf in die Hand gestützt, sah sie träumend vor sich nieder und hörte nicht einmal, daß der kleine Günther sie schon dreimal gefragt hatte, wo der Papa wäre.

Erst bei Felix' Eintritt hob sie das Antlitz, und zwar wie erschreckt, als ob sie gefürchtet hätte, jemand Anders dort zu sehen.

»Muth, Muth, mein Herz,« rief ihr Felix fröhlich zu; »wir rücken jetzt dem Augenblick, den Du so lange herbeigesehnt, rasch entgegen, und das Glück selber hat uns darin begünstigt – willst Du jetzt den Muth verlieren?«

»Nein, Felix,« sagte Helene freundlich; »zürne mir nur nicht, daß mich eben das so schnelle Nahen des Augenblicks bestürmt, und – Du weißt, ich bin ja manchmal wie ein thörichtes Kind – mit Angst erfüllt. Es ist aber doch vielleicht nur die Unruhe der Erwartung.«

»Gewiß, nichts weiter, liebes Herz.«

»Aber wie wollen wir es möglich machen, die Mutter hier unter den vielen fremden Menschen allein zu sprechen? Es wird nicht angehen, und wir werden den Moment wieder versäumen und auf's Neue lange, lange hinausschieben müssen.«

»Das ist mir auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Felix sinnend. »Zuerst hatte ich gedacht, daß Du vielleicht einen Vorwand fändest, sie in Dein eigenes Zimmer zu führen, aber ich hatte dabei gehofft Dich ruhiger zu treffen, als Du wirklich bist; ich darf Dich nicht mit ihr allein lassen, und es wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als sie direct zu bitten, nach der Leseprobe noch einen Augenblick zu verweilen.«

»Sie wird es nicht thun.«

»Doch, mein Herz,« nickte Felix, »sie wird es thun, denn sie kennt jetzt unser Geheimniß – sie muß es kennen nach dem Namen, den ich ihr genannt, und wer weiß, ob sie sich nicht selber danach gesehnt hat, Dich aufzusuchen, und nur noch nicht wußte, auf welche Weise das am besten und am wenigsten auffallend geschehen könne. Wir kommen ihr damit auf halbem Wege entgegen, und sie wird die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, sich mit Dir auszusprechen, darauf kannst Du Dich verlassen, wie auch immer sie gesinnt sein möge.«

»Meine Mutter!« flüsterte Helene, indem sie beide Hände gegen ihr Herz preßte.

»Ich bin fest davon überzeugt, Schatz,« sagte Felix, dem jetzt Alles daran lag, seine Frau zu beruhigen; »denke doch nur, wie peinlich für sie ein solcher Zustand auf die Länge der Zeit werden würde, uns in ihrer Nähe zu haben und dann immer nur zu scheinen, als ob sie uns fremd wäre. Sie wird die Gelegenheit mit Freuden ergreifen, Dich allein zu sprechen, und wenn sich die Gattin auch jetzt noch vielleicht dagegen sträubt, die ihr fremd gewordene Tochter anzuerkennen, die Mutter wird der Umarmung ihres Kindes nicht widerstehen können.«

»Das gebe Gott, Felix,« sagte Helene leise, »denn wenn sie es thäte, würde es mich recht, recht sehr unglücklich machen!«

»Sie thut es nicht, Herz – aber wahrhaftig, da kommen schon die ersten unserer Gäste!«

»Papa,« rief der kleine Günther, der das Herumtanzen auf dem Teppich satt bekommen hatte, »spiel' ein bischen mit mir.«

»Ja, jetzt hätt' ich Zeit, Du Schlingel,« lachte sein Vater – »spiele mit Dir, nicht wahr? Hinüber zu Eurer Bonne! Bitte, Helene, laß die Kinder hinüber bringen – und daß Ihr mir artig seid, das rathe ich Euch, sonst dürft Ihr heute Abend nicht mit uns essen!« – Und sich von dem kleinen Burschen, der sich an ihn anhängen wollte, losmachend, eilte er in das Empfangszimmer, um die eben eingetroffenen Herrschaften zu begrüßen.

Gleich danach fuhr George mit der Gräfin Monford vor, und Helene war jetzt selber so in Anspruch genommen, daß sie sich schon gewaltsam fassen mußte, um keine Störung zu verursachen.

Und die Gräfin selber erleichterte ihr das sehr, denn viel freundlicher war sie heute, als noch je; sie reichte Helenen die Hand, was sie bis jetzt noch nicht gethan, und sagte, wie sie bedaure, sie auf solche Art in ihrer Häuslichkeit zu stören und ihre Hülfe gleich, kaum nach der ersten Bekanntschaft, in Anspruch zu nehmen; ihr George habe aber einmal an die Sache sein Herz gesetzt, und der sei von einer Zähigkeit, die einmal Erfaßtes nie im Leben wieder loslasse, und wenn er deshalb alle seine Mitmenschen bis zum Tode quälen sollte.

George war aber ihr Liebling, und sie sagte das mit einem so zufriedenen Blick auf den eben Angeklagten, daß man recht gut sehen konnte, wie wohl es ihr selber thue, das einmal Begonnene mit Erfolg gekrönt zu sehen.

Helene war bei der freundlichen Anrede feuerroth geworden, während die Gräfin ihr ganz unbefangen gegenüber stand; Felix aber, der, während er mit George sprach, seine Frau nicht aus den Augen gelassen hatte, kam ihr rasch zu Hülfe und übernahm selber die Erwiderung, indem er der Gräfin nochmals versicherte, wie sehr es sie freue, etwas mit zu dem glücklichen Tag, der Verlobung der liebenswürdigen Comtesse, beitragen zu können, und ihre einzige Furcht jetzt sei nur die, daß sie, zum ersten Mal etwas Derartiges unternehmend, am Ende ihrer Verpflichtung nicht ordentlich würden genügen können. Gräfin Monford möge deshalb auch seiner Frau die Befangenheit zu Gute halten, die sich aber jedenfalls nach der ersten Scenenprobe geben werde.

Das Gespräch wurde jetzt allgemein, und während die Diener Kaffee, Limonade, Wein und Backwerk herumtrugen, sammelten sich die verschiedenen Gäste, da noch nicht alle beisammen waren, in kleinen Gruppen, bis endlich der Wagen mit den letzten Säumigen vorfuhr und George jetzt darauf drang, »an die Arbeit« zu gehen.

Die Leseprobe verlief, wie alle derartigen Dinge, ziemlich glatt und ohne besondere Störung. Durch George's Eifer, die Sache zu fördern, waren mehr als hinreichende Exemplare gedruckt, um jedem Mitwirkenden ein Heft zu sichern, so daß die verschiedenen Herrschaften schon Zeit genug gehabt hatten, das ganze Stück für sich durchzulesen und sich die Stellen, an denen sie selber einfallen mußten, mit Rothstift anzustreichen.

Wenn es trotzdem ein paar junge Damen möglich machten, noch unbefangen in ihrem Hefte nachzulesen, während ihr Stichwort schon gefallen war, und dann, als sie namentlich aufgerufen wurden, ganz erschreckt an einer natürlich verkehrten Stelle einzusetzen, so amüsirte das nur die kleine Gesellschaft, setzte die betreffenden jungen Damen in Verlegenheit und hatte weiter keine Folgen, als daß die Stelle, mit einem kleinen Stück voraus, noch einmal durchgenommen werden mußte.

Endlich war Alles glücklich zum Schluß geführt und die Gesellschaft hatte sich dabei mit dem aufgegebenen Stoff befreundet. Es war eins jener reizenden kleinen französischen Lustspiele, die, eigentlich ohne innern Gehalt, aber mit einem liebenswürdigen, piquanten Dialog und glücklich erdachten, überraschenden Situationen, nicht allein den Zuschauer fesseln, sondern auch gewöhnlich mit ganz besonderer Vorliebe von den Mitspielenden, die sich selber für ihre Rollen interessiren, ausgeführt werden.

Einzelne Equipagen fuhren schon wieder vor, als Graf Rottack, der einen Moment benutzte, wo er sich der Gräfin Monford, von Anderen ungehört, nahen konnte, zu ihr trat und mit halblauter Stimme sagte, während er dabei ein dort liegendes Album aufschlug, als ob er ihr die Kupferstiche zeigen wollte:

»Dürfte ich Sie ersuchen, Frau Gräfin, Ihren Wagen bis zuletzt warten zu lassen; es ist eine Sache von höchster Wichtigkeit, die ich Ihnen, aber nur Ihnen allein, mittheilen möchte.«

»Ein Geheimniß?« lächelte die Dame, aber mit einer Ruhe und Unbefangenheit, die den jungen Grafen wirklich erschreckte, denn zum ersten Mal zuckte ihm der Gedanke durch's Hirn: »Hast Du Dich vielleicht geirrt? Ist das am Ende gar nicht jene Gräfin Monford?« Diese Ruhe und Geistesgegenwart wäre ja, wenn seine Andeutung neulich auch nur mit dem leisesten Hauch verstanden worden, rein unmöglich, unbegreiflich gewesen! – »Und bezieht es sich auf unsere Vorstellung?« fuhr die Gräfin fort, als Rottack, ordentlich bestürzt, schwieg, indem sie sich zu dem Album niederbeugte und mit ihrer Lorgnette das Bild betrachtete.

»Nein, gnädige Gräfin,« sagte Felix, der in dem Augenblick selber seine Fassung kaum bewahren konnte, »und trotzdem ist es vielleicht wichtig genug, Ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zu fesseln; ich bitte Sie dringend darum!«

»Eh bien!« lächelte die Gräfin, indem sie sich wieder aufrichtete; »ich weiß überhaupt nicht, ob mein Wagen so pünktlich vorfahren wird, da ich nicht glaubte, daß wir unsere Probe so rasch beenden würden – wahrlich, wir haben erst halb sieben Uhr.«

Ein paar Damen kamen jetzt auf sie zu, um sich bei ihr zu verabschieden; eine von diesen hatte ein paar Mal kleine Irrungen beim Vorlesen verursacht.

»Nun, mein liebe Constance, lernen Sie brav,« sagte die Gräfin, »daß Sie uns am nächsten Freitag nicht stecken bleiben – George würde unglücklich sein.«

»Gewiß, Frau Gräfin, ich werde recht fleißig lernen,« sagte das junge Mädchen tief erröthend, – »ich habe mich heute so geschämt.«

»Weshalb geschämt? Wir sind keine Schauspieler, liebes Kind, und die Sache ist nicht halb so wichtig, wie sie George macht,« lächelte die Gräfin. »Sorgen Sie sich nur deshalb nicht, es wird schon Alles gut gehen.«

Wagen nach Wagen fuhr vor; nur der der Gräfin Monford war noch nicht darunter, und George hatte sich schon vorher verabschiedet, um noch Einiges zu besorgen und dann Paula abzuholen. Jetzt nahmen die Letzten Abschied.

»Die Gräfin Rottack wird mich noch kurze Zeit beherbergen müssen,« lächelte Gräfin Monford, als sie den sich ihr Empfehlenden die Hand reichte; »mein Kutscher versäumt wieder einmal die Zeit, es ist kein Verlaß mehr auf die Leute.«

Helene war mit ihrer Mutter allein im Zimmer, aber sie wagte nicht, sie anzureden; es war ihr, als ob ihr die Luft zum Athmen fehlte, und ihr Herz schlug stürmisch in der Brust. Auch die Gräfin sprach nicht – hatte ein ähnliches Gefühl sie erfaßt? Ihre Züge verriethen nichts davon, und waren kalt und unerforschlich, wie immer.

Felix, der die Damen an den Wagen geleitet hatte, konnte sich denken, in welcher Stimmung seine arme Gattin sich befinden würde, und flog rasch zurück.

»Ich bin für Niemanden jetzt zu sprechen,« rief er dem Bedienten im Vorzimmer noch zu, »für Niemanden, verstehen Sie?«

»Sehr wohl, Herr Graf.«

»Und nun Ihre Mittheilung, Herr Graf,« sagte Gräfin Monford, als er das Zimmer wieder betrat; »Sie haben den Zeitpunkt jedenfalls glücklich gewählt. – Ich – ich weiß nicht, ob Ihre Frau Gemahlin davon unterrichtet ist.«

»Helene wird uns einen Augenblick verlassen,« sagte Felix, der, so keck er jeder ihn selbst betreffenden Katastrophe entgegen gegangen wäre, doch hier fühlte, wie ihn sein gewöhnlicher froher Muth, seine Zuversicht verließ, wo es sich um das Wohl und Wehe des ihm liebsten Wesens handelte und das Benehmen der Gräfin selber ihn mit immer mehr Angst und der Ahnung eines unglücklichen Ausgangs erfüllte.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
28 eylül 2017
Hacim:
620 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain