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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 18

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Es war fast, als ob der Alte eine trotzige Antwort geben wolle; aber er verbiß die Worte und benutzte die Pause, um sich eine frische Pfeife zu stopfen. Endlich sagte er, während er die Pfeife mit den Zähnen hielt und sich mit Stahl und Schwamm Feuer schlug:

»Und was ist heute da oben los, daß der Alte so freigebig mit dem Stoff herausrückt? Habe doch kein Wort davon gehört!«

»Nun, Verlobung ist heute, die junge Comtesse heirathet den Sohn vom Grafen Bolten – die erste Familie im Lande nach unserer, und da kannst Du Dir doch wohl etwa denken, daß es da hoch hergeht.«

»Sieh, sieh, sieh,« sagte der Maulwurfsfänger, leise vor sich hin mit dem Kopf nickend, »was man doch nicht Alles erlebt, wenn man alt wird; die Comtesse Paula heirathet den Windbeutel, den jungen Grafen Bolten!«

»Windbeutel? Ich wollte Dir nicht rathen, daß der Graf das Wort gehört hätte,« rief der Lakai, »bei Gott, es ginge Dir schlecht!«

»Und hat sie ihn gern?« sagte der Maulwurfsfänger, der einem ganz andern Ideengang folgte.

»Wer – die Comtesse? Soll sie ihn nicht gern haben, einen jungen, hübschen, vornehmen und steinreichen Menschen?«

»Wie ich ihr aber heute nicht weit vom Schloß begegnete, kam's mir beinahe so vor, als ob sie recht bleich und elend aussähe, und so in Gedanken war sie, daß sie nicht einmal bemerkte, wie ich sie grüßte, und sonst dankt sie immer so freundlich.«

»Na ja, ein bischen elend sieht sie wirklich aus,« meinte der Lakai; »aber das haben die vornehmen Fräuleins alle, das gehört mit zum guten Ton.«

»So?« sagte der Maulwurfsfänger zerstreut, der augenscheinlich gar nicht die Worte verstanden hatte. »Merkwürdig, daß so ein Fluch von der Mutter auf die Tochter vererben kann!«

»Was für ein Fluch?«

»Oh, nichts,« sagte der Mann kopfschüttelnd; »und um welche Zeit geht die Festlichkeit an?«

»Um acht Uhr natürlich, früher paßt es sich nicht. Aber ich muß fort, heute weiß man wahrhaftig nicht, wohin man zuerst springen soll.«

»Wohin willst Du denn?«

»In's Dorf und noch Eier holen; eine zwanzig Schock hat der Koch schon heute verbraucht, und immer langt's noch nicht. Nu, komm heut Abend nur, ich werde schon Sorge dafür tragen, daß Du nicht leer ausgehst!« – Und mit den Worten nickte er ihm protegirend zu und schlenderte dann, als ob er dem Maulwurfsfänger beweisen wolle, daß er über seine Zeit verfügen könne, wie es ihm beliebe, langsam den Weg hinab, der zum nächsten und hinter den Bäumen versteckten Dorfe führte.

»Bedientenpack,« murmelte der Maulwurfsfänger in den Bart, als er dem davonschwenkenden Lakai nachsah, »serviles, lumpiges Gesindel, das hinter dem Rücken der Herrschaft die Nase unter dem Hutrand trägt und sie dann wieder vor lauter Unterthänigkeit bis in den Boden hineindrücken möchte – Bedientenpack, ob sie in einer gestickten Uniform oder in einer Livrée stecken! Da doch, bei Gott, lieber Holzhacker oder Tagelöhner, wenn ich mein freies Gewerbe einmal mit einer andern Branche vertauschen müßte! Unter Deiner Protection Wein saufen, Du Lump? Lieber faules Wasser aus einer Regenmulde! Aber nützlich sind die Kerle doch,« lachte er plötzlich still vor sich hin, »denn wie hätte ich ohne den Tagedieb jetzt erfahren, daß heut Abend großer Volksschmaus im Schlosse und der Förster ebenfalls geladen ist. Wart', Grünrock, für morgen früh will ich Dir wenigstens eine Überraschung bereiten, die Dich freuen soll! Aber da wird es Zeit, daß ich mich jetzt nach Hause mache. Komm, Spitz, heut Abend wollen wir auch hochleben und Braten essen und Wein trinken, wenn auch auf andere Weise, wie der Lump da denkt. Die Maulwürfe mögen heute Feierabend haben – Hurrah, die Verlobung soll leben!« – Und seine alte Waidtasche umwerfend und den Stock aufgreifend, schritt er rüstig den Weg entlang, der nach der Stadt hinunter führte.

18.
Leiden eines Theater-Directors

Der Abend rückte heran und das Theater prangte im Festesschmuck. Director Krüger hatte sich nämlich nicht damit begnügt, eine außergewöhnliche Anzahl von Gasflammen zu öffnen und überhaupt Alles anzuzünden, was leuchten wollte, sondern auch schon seit zwei Tagen den benachbarten Eichenwald plündern und dicke Guirlanden binden lassen, die den ganzen ersten Rang schmücken sollten. In der herrschaftlichen Loge waren sogar zwei Lehnsessel neu gepolstert, kurz, das Außerordentlichste geleistet, und wer Krüger kannte, behauptete, er lebe nicht mehr lange, denn es sei kurz vor seinem Ende.

Natürlich war heute Abonnement suspendu – nicht des Hamlet wegen, oh nein, denn in die classischen Stücke brachte er sonst, selbst im Abonnement, kaum das Nothwendigste von Zuschauern hinein! Aber daß keiner der Haßburger morgen sagen wollte, er habe den Erbprinzen noch nicht gesehen, wußte er, und die Neugierde mußte ihm heute das Haus füllen. Das Stück selber hätte deshalb auch recht gut »Der Erbprinz« heißen können und würde dann nach beiden Seiten hin gepaßt haben.

Es war noch früh und die Kasse eben erst geöffnet worden, aber trotzdem fingen die Räume schon langsam an sich zu füllen. Einzelne Damen mit stattlichen Crinolinen arbeiteten sich über die Bänke weg, Herren kamen herein, den Hut noch auf dem Kopf, und begannen sich langsam ihre weißen Glacéhandschuhe anzuziehen, und nur oben in die Gallerie drängten sich die Massen ein, um heute einen guten Platz – das heißt, eine Aussicht nach der herrschaftlichen Loge – zu gewinnen, wo sie recht genau zuschauen konnten, was der Erbprinz für ein Gesicht machen und ob er recht applaudiren würde.

Auf dem Theater selber sah es noch leer und dunkel aus. Die Arbeitsleute waren allerdings schon beschäftigt, Lampenwerk u. s. w. in Ordnung zu bringen und die verschiedenen Requisiten nach den Richtungen hin zu tragen, wohin sie der Requisiteur beorderte, aber von Schauspielern selber ließ sich noch Niemand sehen, denn die staken noch alle in der Garderobe, und nur dann und wann kam noch ein verspätetes Dienstmädchen, das einen großen, breiten Korb mit irgend einem Anzug trug, und verschämt damit vor der Herrengarderobe stehen blieb, bis Jemand herauskam, um ihn ihr abzunehmen. Hinein wäre sie um die Welt nicht gegangen – das hatte sie Einmal gethan, das erste Mal, als sie auf's Theater geschickt wurde, und den Schreck würde sie im Leben nicht vergessen.

Der Director stand vorn auf der Bühne und betrachtete sich durch eins der kleinen im Vorhang angebrachten Löcher das anwachsende Publikum.

Der Theaterdiener Peters schoß ein paar Mal über die Bühne herüber und war außerordentlich beschäftigt, aber der Director achtete gar nicht auf ihn. Es schien ein volles Haus zu werden, und er amüsirte sich vortrefflich am Vorhangloch.

Jetzt kam Peters wieder zurück; er war eine Zeit lang verschwunden gewesen und ging gerade auf seinen Chef zu.

»Herr Director!«

»Ja, Peters,« sagte dieser, ohne seine Stellung zu verändern, denn er erkannte ihn an der Stimme – »was giebt's?«

»Herr Handor ist noch nicht da.«

»Was?« rief der Director und fuhr wie der Blitz herum – »und kommt schon in der zweiten Scene – Herr Du mein Gott, wo steckt der unglückselige Mensch nur wieder? Laufen Sie doch einmal schnell zu ihm hinüber, Peters, und sagen Sie ihm, es wäre…«

»Ich komme eben von drüben, Herr Director, es ist aber Niemand zu Hause und der Schlüssel liegt unter dem Schrank draußen, wo er ihn immer hinlegt, wenn er ausgegangen ist.«

»Dann sitzt er vielleicht in der »Hölle« – na, weiter fehlte mir heut Abend gar nichts – laufen Sie einmal schnell in die »Hölle«, Peters – springen Sie ein bischen; es wäre doch schauderhaft, wenn der Mensch nicht so viel Interesse an der Sache nehmen sollte, daß er nicht einmal seine bestimmte Zeit einhielte!«

»Herr Gott, meine Beine!« seufzte Peters, als er sich wieder umwandte und in einem kleinen Hundetrab seiner neuen Bestimmung zueilte; »das ist ein Leben, Theaterdiener – wenn ich mich einmal zur Ruhe setze, werde ich Briefträger.«

Der Director hatte indessen das Publikum ganz vergessen, und wenn er einmal einen raschen Blick durch den Vorhang warf, so kamen ihm jetzt die Zuschauer, die ihm früher zu langsam eintrafen, viel zu rasch. Wieder und wieder lief er nach der Garderobe, um sich selber zu überzeugen, ob denn sein unglückseliger Prinz von Dänemark noch nicht eingetroffen sei.

Und wie rasch die Zeit vorrückte, seit er auf ihn wartete! Es war ordentlich, als ob der große Zeiger an der Uhr im Conversationszimmer durchgegangen sei und auf den Moment loshetzte, wo sich Director Krüger mit seinem Hamlet unsterblich blamiren sollte. – Wahrhaftig, da traf das Orchester schon ein, und in der Hofloge – Krüger hätte durch eine Versenkung abgehen mögen – erschien ein mit Orden vorn ganz bedeckter Kammerherr, sah nach, ob die Stühle vorschriftsmäßig standen, und entzückte dann, indem er sich mit seinem weißen Glacéhandschuhen vorn auf den rothen Plüsch der Balustrade stützte und sich das Publikum betrachtete, die Gallerie, wo der Ruf schon von Lippe zu Lippe ging: »Da is er!«

Peters kam im Sturmschritt zurück. Handor war nicht in der »Hölle«, aber vor etwa einer Stunde dort gewesen und hatte ganz allein eine Flasche Champagner getrunken; wo er jetzt sei, konnte ihm Niemand sagen – im »Paradies« wußten sie's auch nicht.

»Ist er denn noch nicht hier?« fragte Peters. Der Director gab ihm gar keine Antwort, und nur mit einem verzweifelten Griff fuhr er sich in die Haare und hob sich die Perrücke halb vom Kopfe.

Jetzt kam der Oberregisseur Sulzer im Costüm aus der Garderobe – er gab heute den König. Er hatte ein schwarzes Sammetbarett auf, mit einem Kronenreif darum, trug natürlich einen Hermelinmantel und gelbe, hohe Stiefel, und sah für einen König sehr bestürzt aus.

»Ist er denn noch nicht da, Herr Director?«

»Haben Sie ihn gesehen?«

»Ich? Nein – aber wo steckt der entsetzliche Mensch? Wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist!«

»Uns wird eins zustoßen, Sulzer!« rief der Director – »uns wird eins zustoßen – passen Sie auf – wenn er nicht bald kommt, rührt mich der Schlag, denn die Schande überlebe ich nicht!«

»Aber er muß ja kommen, er kann ja nicht ausbleiben! Ist denn der Prinz schon da?«

»Das fehlte auch noch – aber er muß jeden Augenblick eintreffen, und wahrhaftig, da steht der Kapellmeister schon unten mit seiner verfluchten weißen Halsbinde, und die Eichenkränze hängen um den ersten Rang herum, und alle Gasflammen brennen – es ist rein zum Rasendwerden!«

»Wenn wir nun erst die Mamsell Bollo – Badelli – oder Bodellichini – ich kann den verdammten Namen nicht behalten! – tanzen ließen?«

»Das ist eine Galgenfrist, Sulzer; aber es wird uns nichts Anderes übrig bleiben – mir ahnt Schreckliches!«

»Die wird aber auch noch nicht fertig sein, da sie eigentlich erst nach dem zweiten Act kommen sollte.«

»Bitte, springen Sie einmal hin, Sulzer – ich lasse sie um Gottes willen bitten, sich ein wenig zu beeilen! – Peters, ist er noch nicht da?«

»Nein, Herr Director, und jetzt kommt er auch nicht mehr.«

»Du giebst mir einen Dolchstich!« citirte Sulzer im Abgehen, um die Tänzerin in Gang zu bringen.

Die junge Dame war auch in der That ausnahmsweise früh gekommen, aber natürlich mit ihrer Toilette noch nicht fertig. Die Conversation wurde durch das Schlüsselloch geführt – sie erklärte, vor dem Beginn des Stückes nicht fertig werden zu können, und kein Mensch werde von ihr verlangen, daß sie wie eine »Schlumpe« (der Name war für eine Italienerin außerordentlich deutsch) an einem solchen Abend auf den Brettern erscheine.

»Na ja, das fehlte auch noch, daß sich die auf die Hinterbeine setzt!« rief Krüger wüthend und sprang selber nach der Garderobe.

»Aber dafür ist sie doch engagirt,« lachte Pfeffer, der als Todtengräber hinten mit Hilgen als Horatio auf und ab ging und sich über die Verzweiflung seines Directors und das Ausbleiben des einen Prinzen, während der andere jeden Augenblick eintreffen konnte, auf das Köstlichste zu amüsiren schien.

»Das wird ein Hauptskandal werden, wenn Handor nicht kommt,« meinte Hilgen; »so 'was ist noch gar nicht da gewesen – ich begreife den Menschen nicht; er weiß doch, was davon abhängt.«

»Nur immer zu,« lachte Pfeffer, sich vergnügt die Hände reibend; »ich freue mich wie ein Kind auf die Geschichte. Da ist doch endlich einmal eine Abwechselung in dem verdammten Theaterleben!«

»Lassen Sie das den Alten hören…«

»Bah, ich spiele meine Rolle und damit Basta – meine Ansichten sind mein eigen – und dem eingebildeten Laffen, dem Handor, gönne ich ebenso den Rüffel, den er kriegen wird, und den Strafabzug – vielleicht werden wir ihn ganz los damit, denn er ist doch weiter nichts, als ein erbärmlicher Coulissenreißer.«

»Strafabzug?« sagte Hilgen – »er hat schon seine ganze Monatsgage voraus – vom Peters weiß ich's.«

»Alle Teufel,« rief Pfeffer, sich rasch gegen Horatio umdrehend, »ist das gewiß?«

»Ganz gewiß!«

»Soll ich Ihnen etwas sagen, Hilgen?«

»Nun?«

»Dann ist der Musjö auch durchgebrannt und wir sehen ihn nicht wieder.«

»Unsinn – heute, am Abend der Vorstellung – vor einer Stunde bin ich ihm noch begegnet.«

»Na, wir wollen's abwarten – in Schulden sitzt er bis über die Ohren, das weiß jedes Kind – bezahlen kann er sie nicht, so viel ist auch sicher – übermorgen ist der Erste, wo ihm nachher wieder Alles über den Hals kommt…«

»Das wäre ein verfluchter Streich.«

»Abwarten und Thee trinken,« bemerkte Pfeffer, der in diesem Augenblick an Rebe und seine erneuten Aussichten dachte – »sind schon wunderlichere Dinge in der Welt passirt.«

Indessen klopfte der Director an Fräulein Bellachini's Thür und bat mit den höflichsten Worten, »wenn irgend möglich«, um Einlaß.

Drinnen fand noch eine kurze Debatte statt, dann wurde der Riegel zurückgeschoben, und Director Krüger sah sich der fast schon vollständig costümirten gefeierten Tänzerin gegenüber, während ihre Begleiterin oder Ehrendame oder Kammerjungfer eine Anzahl abgeworfener Stücke Damengarderobe rasch zusammen- und in die Ecke schob.

Der Director zeigte sich aber hier nicht wüthend, sondern war die Liebenswürdigkeit selber, und mit dem Hut in der Hand bat er die junge, wunderhübsche und deshalb auch natürlich gerade wundercapriciöse Tänzerin, ihn aus seiner grimmigsten Noth zu erretten und – ihre Toilette ein wenig zu beeilen. Sie sei jetzt schon so zauberschön – wie er in seiner Todesangst hinzusetzte, – daß sie eigentlich gar nichts mehr verbessern, sondern wieder zerstören könne, und sie möge doch ein klein wenig Erbarmen mit dem jungen Prinzen haben, der sicher nicht geahnt hätte, daß er nach Haßburg gekommen wäre, um hier rettungslos sein Herz zu verlieren.

Fräulein Bellachini sträubte sich erst und berief sich auf ihr Engagement und den Zettel. Krüger gab Alles zu; er war um den Finger zu wickeln. Dann wollte sie Bedingungen machen; er ergab sich auf Gnade und Ungnade. Endlich schien sie gerührt zu werden, und dem Director zuckte es wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder, denn draußen begann in diesem Augenblick als Ouverture zum Hamlet, Beethoven's Trauermarsch.

Der Prinz war angekommen und der Hamlet fehlte noch immer.

»Wenn Sie ein Fünkchen von Erbarmen haben, so helfen Sie mir wenigstens aus der größten Noth!« rief er in Todesangst – »denken Sie, daß der Hamlet beginnen soll und daß ich keinen Hamlet habe – die ganze Vorstellung ist ruinirt!«

»Aber was geht das mich an? Ich tanze nur in den Zwischenacten…«

»Aber, zuckersüße Terpsichore,« rief Krüger mit einem Gesicht, als ob er sie hätte vergiften können, »sehen Sie denn nicht ein, daß wir ohne Hamlet auch keine Zwischenacte haben können? Das Stück ist ja aus, ehe es angefangen hat, und ich muß hinaus und das Publikum bitten, mir die Ehre an einem andern Abend zu schenken!«

»Keine Zwischenacte?«

»Natürlich nicht.«

»Und dann könnte ich gar nicht tanzen?«

»Der Erbprinz verläßt augenblicklich seine Loge, sowie er hört, daß das Stück gar nicht gegeben werden kann. Benutzen Sie also doch wenigstens diesen einen möglichen Moment, sich ihm zu zeigen, daß er Ihre Kunst bewundern kann.«

Das half. – »Also Sie glauben, daß der Hamlet wirklich heut Abend gar nicht sein kann?« fragte sie rasch.

»Ohne Prinzen von Dänemark? Ich kann ihn nicht spielen.«

»Gut, dann werde ich tanzen – rasch, Toni, meine Schuh', und hier die Blume noch ein wenig fester, sie schwankt zu sehr – ich werde Angst haben, Herr Director!«

»Angst? Ich habe Angst,« sagte der unglückliche Mann – »Sie werden mit Jubel empfangen werden und den alleinigen Triumph des ganzen Abends ernten – tausend, tausend Dank, mein bestes Fräulein!« und sich den Schweiß von der Stirn trocknend, stürzte er wieder hinaus auf das Theater.

»Ist er noch nicht da?«

»Herr Director,« sagte der Requisiteur, der aber auch Mitglied war und heute den Rosenkranz spielte, »ich glaube, Herr Handor kommt heute gar nicht. Ich habe in seinem Hause nachfragen lassen und dort erfahren, daß er heute Nachmittag einen kleinen Koffer weggeschickt habe – aber Niemand wußte, wohin.«

»Dann kann's nichts helfen, dann müssen wir zum Äußersten schreiten!« rief der Director, in dem plötzlich ein großer Entschluß gereift war – »Peters, springen Sie zu Meier hinüber – er soll augenblicklich kommen!«

»Er hat sich aber heute krank melden lassen…«

»Und wenn er auf dem Todtenbett läge, er muß spielen – und, halt – noch Eins – bringen Sie nebenan aus der Blumenhandlung einen Arm voll Kränze mit!«

»Kränze?«

»Kränze und Bouquets – was vorräthig ist – für die Direction, rasch; in zehn Minuten müssen Sie wieder da sein!«

Peters fuhr ab wie aus einer Pistole geschossen, denn heute war mit dem Director nicht zu spaßen.

»Herr Hilgen!«

»Sie befehlen, Herr Director…«

»Sie müssen heut Abend den Hamlet spielen.«

»Ich bitte Sie um Gottes willen!« rief der Mann erschreckt – »den Hamlet? – Dann verlangen Sie vielleicht auch, daß ich im Theater herumfliegen oder die Violine spielen soll?«

»Sie haben mir selber gesagt, Sie hätten ihn schon gespielt…«

»Ja, vor sieben oder acht Jahren – aber seit ich hier engagirt bin, hab' ich ihn nicht mehr angesehen. Ich weiß kein Wort mehr von der Rolle.«

»Sie können noch rasch in den Zwischenacten memoriren.«

»Ich bitte Sie um Alles in der Welt: Sie wissen, daß ich Ihnen gefällig bin, wo ich nur irgend kann, aber verlangen Sie nicht das Unmögliche – ich würde mich und Sie blamiren!«

»Aber Einer muß ihn spielen!« schrie der Director mit trotzdem vorsichtig gedämpfter Stimme, daß man ihn nicht unten hören konnte, denn das Orchester setzte gerade zu einem Adagio ein.

»Ich hätte nicht einmal Garderobe,« sagte Hilgen; »denn mit meiner kleinen, dicken Figur werden Sie doch einsehen, daß mir Herrn Handor's Anzug nicht paßte. Wollen Sie die ganze Geschichte lächerlich machen?«

Der Director lief in halber Verzweiflung mit nach unten gerungenen Händen auf der Bühne auf und ab.

Rebe als Güldenstern stand mit auf der Bühne – er hatte die Unterhaltung mit angehört. Jetzt trat er zu dem Director vor und sagte: »Herr Director!«

»Ja – Herr Rebe – nun, sind Sie vielleicht auch krank geworden?«

»Im Gegentheil,« lächelte Rebe, der aber in einer ungewöhnlichen Aufregung schien und unter der Schminke fast unheimlich aussah – »vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

»Sie? – Mit was, wenn ich fragen darf.«

»Ich will den Hamlet übernehmen…«

»Sie?« rief der Director fast sprachlos vor Staunen.

»Ich kenne jedes Wort der Rolle und könnte ihn ohne Souffleur spielen.«

»Aber um des Himmels willen, Menschenkind!« rief der Director – »Sie haben bis jetzt nichts als kleine, erbärmliche Rollen gehabt, und das Publikum…«

»Das war nicht meine Schuld, Herr Director, und zum Theil auch nicht Ihre, sondern eher Herrn Handor's, der mich nicht leiden kann und mit Gewalt unterdrücken will. Hätten Sie mir schon früher dazu Gelegenheit gegeben,so würden Sie vielleicht gefunden haben, daß ich doch zu etwas Besserem zu gebrauchen bin – also wagen Sie es…«

»Aber gleich mit dem Hamlet…«

»Wenn ich mich blamire, geschieht das auf meine eigene Gefahr,« sagte Rebe ruhig – »Sie sind, durch die Noth gezwungen, vollkommen entschuldigt, und dem Publikum können Sie vor Aufgang des Vorhanges mittheilen, daß wegen Ausbleibens des Herrn Handor ein anderes der Mitglieder die Rolle hätte rasch übernehmen müssen. Am besten nennen Sie meinen Namen gar nicht.«

Der Director konnte sich von seinem Staunen noch immer nicht erholen. Hier bot sich allerdings eine Aussicht auf Rettung aus der größten Noth, in der er sich in seinem ganzen Leben befunden; aber war es wirklich eine Rettung und steigerte sich nicht am Ende noch die Blamage dadurch, wenn sein Hamlet ausgepfiffen wurde? Lieber ehrenvoll sterben, als sich lächerlich machen! – Aber Rebe stand so entschlossen vor ihm, er schien seiner Sache so gewiß – Rebe – Rebe, dem er eigentlich kaum gewagt hatte die kleine, erbärmliche Rolle des Güldenstern anzuvertrauen, den Hamlet – seinen Hamlet! Aber was blieb ihm übrig? – er hatte keine Wahl mehr, und wenn Peters gekommen wäre und sich erboten hätte, den Hamlet oder die Ophelia zu spielen, es wäre ihm am Ende nicht wunderbarer oder außerordentlicher vorgekommen, und er hätte zugegriffen.

»Mensch, und wissen Sie, was Sie unternehmen? Vor dem Erbprinzen?« rief er aus.

»Ich fürchte mich weniger vor dem Erbprinzen, als vor mir selber,« lächelte Rebe, »aber ich weiß, daß ich den Hamlet spielen kann.«

»Na, dann in Gottes Namen!« rief Krüger – »Unglück, hab' deinen Lauf! – Courage scheinen Sie zu besitzen, aber wenn das gut geht, will ich's loben!«

»Und darf ich Herrn Handor's Garderobe nehmen?«

»Alles, was Sie finden – Alles – ich übernehme jede Verantwortung! Machen Sie nur um des Himmels willen rasch!«

Rebe antwortete gar nicht – er flog der Garderobe zu.

»Und ist das Vorspiel zu meinem Auftreten, Herr Director?« sagte die reizende Bellachini, die jetzt neben ihm, in vollem Costüm, die Dehnbarkeit ihrer Tricots prüfte – »das klingt genau so, als ob eine Leiche zu Grabe getragen würde.«

»Herr Gott, an den verdammten Trauermarsch hab' ich gar nicht gedacht!« rief Krüger – »Sulzer, springen Sie doch einmal hinunter…«

»Als König?«

»Ja so – schicken Sie Jemanden, daß sie einen Rutscher oder Galopp oder Polka – zum Teufel, es ist mir Alles einerlei! – hintennach schicken – der Rebe spielt den Hamlet.«

»Rebe?« rief Sulzer und blieb vor Schrecken stehen.

»Daß mir nur Jemand zum Kapellmeister springt – rasch – Herr Du meine Güte, sie sind ja schon fertig unten!«

Die Musik hatte aufgehört; oben auf der Gallerie wurden sie schon unruhig, denn die erste Neugierde war befriedigt, der junge Erbprinz begafft worden, und nun wollten sie etwas für ihr Geld haben; den Vorhang selber kannten sie schon auswendig.

An dem einen Loche im Vorhang stand Pfeffer und betrachtete sich das Publikum. »Donnerwetter,« sagte er zu dem neben ihm stehenden Barthel, der den Geist spielte und sich völlig aschgrau gemalt hatte, »heute wird's voll! Was so ein Prinz ziehen kann – den werde ich mir zu meinem Benefiz engagiren. Aber auf dem ersten Rang sieht's noch bös aus; da geht noch verdammt viel Luft durch.«

»Heute ist ja ein großes Fest bei Monfords draußen,« sagte der Geist, »von ich weiß nicht wie viel Personen, und alle aus der haute volée. So viel Derartige haben wir nicht, daß wir sie im Theater nicht spüren sollten. Was hat denn der Rebe mit dem Director?«

»Was weiß ich,« meinte Pfeffer, »wird wahrscheinlich den Hamlet spielen wollen.«

»Na, so gut wie der Handor, glaub' ich, spielt er ihn auch…«

»Wißt Ihr's schon? Rebe spielt den Hamlet,« zischelte in diesem Augenblick Höfken, der den Polonius gab, indem er Pfeffer an der Schulter faßte.

»Der Teufel wird ihn doch nicht plagen!« rief dieser, ordentlich erschreckt.

»Bei Gott, da stürzt er schon nach der Garderobe!«

In dem Augenblick kam, während unten im Orchester, sehr zum Erstaunen des Publikums, ein lustiger Tanz gespielt wurde, Peters hinter den Coulissen mit einem ganzen Arm voll Blumen und Kränzen vorgestürzt.

»Meine Herren, Bühne frei!« rief der Regisseur – »der Vorhang geht auf!« – Alles stob rasch auf die Seite und hinter die Coulissen.

Mauser saß unten im Souffleurkasten und wußte von alledem, was oben auf dem Theater vorging, gar nichts, war aber sehr erstaunt, als auf einmal Fräulein Bellachini herausschwebte und mit unbeschreiblicher Grazie ihre zarten Glieder nach seinem Kasten hinüberwarf. Aber Krüger, der Director, ohne dieser ersten Größe auch nur einen Blick zu schenken, hatte den Theaterdiener an einem Knopf gefaßt, und ihn mit sich nach dem Conversationszimmer ziehend, fragte er hastig:

»Nun, wie ist's, kommt der Meier?«

»Er wollte erst nicht und meinte, er hätte ein Attest eingeschickt, Herr Director, und die Nachtluft thäte ihm weh, und im Beine zwickte es ihn auch; aber ich ließ nicht locker, und wie ich fortstürzte, zog er sich gerade die Stiebeln an.«

»Gut – vortrefflich!«

»Und wo soll ich jetzt mit der Bescheerung hin?«

»Die Kränze und Bouquets tragen Sie in den zweiten Rang zum Logenschließer hinauf – irgend Jemand soll sie werfen, wenn die Dings da fertig ist; wenn er Niemanden findet, soll er sie selber werfen, aber nicht wieder in's Orchester und auf den Baß, wie neulich…«

»Schön, Herr Director…«

»Halt, noch Eins, Peters, sowie Sie das Blumenzeug untergebracht haben, springen Sie hinunter in's Parterre, und sobald der Vorhang fällt, schreien Sie da capo

»Ich?«

»Sie und wen Sie dazu bringen können. Links hinten steht ein ganzer Haufen Freibillets, die Kerle sollen alle da capo schreien, was sie schreien können, oder kein einziger bekommt wieder frei Entrée! Nehmen Sie mit hinein, wen Sie draußen finden! Sagen Sie dem Logenschließer nur, ich hätte Sie beauftragt! Aber da capo brüllen, was Sie können. Sie muß noch einmal springen, daß mir der Rebe fertig wird.«

»Der Rebe?«

»Er spielt den Hamlet.«

»Daß Dich die Milz sticht!« rief Peters – »der Rebe?..«

»Fort mit Ihnen, fort! Wenn die da fertig mit Hopsen ist, ehe Sie unten im Parterre sind, ziehe ich Ihnen eine halbe Monatsgage ab.«

»Dös a noch!« sagte Peters, indem er seinen Blumenflor aufpackte und wie ein Pfeil damit dem Ausgang zuschoß. Dabei murmelte er: »Ob er mir nur je im Leben damit gedroht hätte, er wollte mir eine halbe Monatsgage zulegen – Gott bewahre! Nicht einmal ein Paar neue Stiebeln setzt's, und die hab' ich mir schon heute durchgelaufen! 's doch 'was Schönes um's Theater, besonders wenn man nur die Laufereien zu besorgen hat und Allerwelts-Packträger ist – Blumenwerfen, da capo-Schreien – es ist erstaunlich, was nicht Alles von einem Theaterdiener verlangt wird! Und der Rebe den Hamlet!« setzte er hinzu, indem er die jetzt vollkommen leeren Treppen bis zum zweiten Rang emporflog – »da werd' ich nachher wohl auch noch zu der Hökerin hinüber und einen Korb voll fauler Äpfel zum Einkaufspreis besorgen müssen.«

Peters war übrigens ein durchaus brauchbarer Mensch in jeder Branche und entledigte sich seines Auftrages vollkommen. Während er da oben noch Ordre gegeben hatte, auch von dort aus einen energischen da capo-Ruf erschallen zu lassen, wofür sogar der Logenschließer gewonnen worden, stürzte er hinunter in's Parterre, um die nöthigen Hülfstruppen zusammen zu bringen.

Das Publikum indessen, das zum Anfang eine ernste Tragödie erwartet hatte, war im Beginn des Tanzes überrascht und verhielt sich ziemlich passiv, trotzdem daß die junge Dame einige ganz verzweifelte Sprünge ausführte und eine Fertigkeit im Drehen und Beinwerfen entwickelte, die in Haßburg in dieser Gewandtheit noch nicht gesehen worden. Noch immer hatte sich aber keine Hand gerührt, bis endlich der Erbprinz selber, wenn auch kaum durch das Zusammenklopfen seiner Fingerspitzen, ein wenigstens sichtbares Zeichen der Zufriedenheit gab. Jetzt legte sich das Parterre in's Geschirr, das auf diesen Anfang nur gewartet zu haben schien, und Fräulein Bellachini warf einen halb schmachtenden, halb dankenden Blick nach der Hofloge hinauf.

Krüger sah von alledem nichts, denn eben hatte er den eintreffenden Meier erspäht, den er mit ungeduldigen Geberden in's Conversationszimmer winkte.

Meier sah wirklich kläglich aus; er trug, trotz der warmen Witterung, einen alten, sehr abgenutzten und an den Ärmeln sogar beschädigten Flausrock. Dabei hatte er sich den Backen mit einem dicken weißen Tuch verbunden, in dem sogar möglicher Weise noch ein Umschlag lag, und um vielleicht seinen Zustand noch etwas bedenklicher darzustellen, hielt er sich sogar den Backen, als er zu seinem Vorgesetzten in das Conversationszimmer trat.

Dieser aber schien auf seine Verfassung nicht die mindeste Rücksicht zu nehmen, und kaum hatte er ihn im Zimmer, so rief er ihn an:

»Meier, das ist ein Glück, daß Sie zu Hause waren – Sie müssen heut Abend den Güldenstern spielen!«

»Nicht um eine Million!« rief Meier tragisch.

»Ich gebe Ihnen zehn Thaler Spielhonorar!«

»Baar oder Abzug vom Vorschuß?«

»Baar – in die Hand – heut Abend noch!«

»Es geht nicht, Herr Director – ich kenne die Rolle gar nicht…«

»Die paar Worte lernen Sie im ersten Acte – Sie kommen erst im zweiten vor, und werden nachher gleich in England umgebracht.«

»Da bringen Sie mich lieber gleich um – mit den Zahnschmerzen kann ich nicht Komödie spielen.«

»Ich lasse Ihnen den Zahn ausreißen…«

»Danke Ihnen, das kann ich selber, und in der Rolle steht doch wahrhaftig nicht, daß der Güldenstern einen dicken Backen hatt.«

»Es ist ein Hofmann – warum soll ein Hofmann nicht eben so gut einen dicken Backen haben, wie ein anderer Mensch?« rief der Director.

»Aber der Rebe spielt ja den Güldenstern – was ist denn mit dem los?«

»Der Rebe spielt den Hamlet – Handor ist fort, Gott weiß wohin, hat sich wenigstens heut Abend nicht sehen lassen…«

»Der Rebe spielt den Hamlet?«

»Schreien Sie nicht so, man hört ja jedes Wort draußen – und wenn der die Rolle übernommen hat, werden Sie doch wahrhaftig die paar Worte sprechen können!«

»Jetzt bitt' ich aber zu grüßen, Rebe den Hamlet, da wird Mauser wohl als Geist debutiren.«

»Also Sie spielen?«

»Aber, bester Herr Director, der Rheumatismus ist mir in das Kreuz geschlagen und ich kann das linke Hinterbein nicht mit fortbringen; ich hinke wie ein Invalide.«

»Es steht nirgends in der Rolle, daß Güldenstern nicht hinkt; hinken Sie in Gottes Namen, aber machen Sie, daß Sie in die Garderobe kommen und sich anziehen.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
28 eylül 2017
Hacim:
620 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain