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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 17
17.
Festvorkehrungen
Die nächsten Tage brachten in Haßburg nicht viel Neues. Jahrmarkt und Vogelschießen waren vorbei, und die gewöhnliche Erschlaffung nach allen solchen Wochen lang dauernden Aufregungen trat ein. Nur die Haßburger Jugend amüsirte sich noch eine Zeit lang auf dem Platz, wo die Buden gestanden hatten oder vielmehr noch standen oder eben abgerissen wurden, um einen Blick in die oft sehnsüchtig, jedenfalls neugierig umlagerten Heiligthümer zu gewinnen. Und wie oft wurde diese Ausdauer mit Erfolg gekrönt, denn jetzt lag den Besitzern ja doch nichts mehr daran, ihre Sehenswürdigkeiten jedem sterblichen Auge verborgen zu halten. Die Zeit war um, in der sie vom Magistrat concessionirt gewesen, Geld für das Anschauen derselben zu nehmen; von denen, die hier umherstanden, zahlte ihnen doch keiner mehr Entrée, und das »Aufladen« wurde ziemlich öffentlich betrieben.
Nicht geringe Schwierigkeiten bot es dabei der wißbegierigen Jugend, um heute im Sonnenlicht und in Alltagskleidern die verschiedenen Persönlichkeiten wieder herauszufinden, deren Leistungen sie vielleicht noch gestern Abend bei dem Licht einer Anzahl von Öllampen und im bunten, phantastischen Flitterputz bewundert und angestaunt hatten.
»Du, das ist der, der gestern Abend das Feuer gefressen hat und sich den Degen bis in den Magen stieß,« rief einer der Jungen seinem Nachbar zu, indem er ihm den Ellbogen in die Seite rannte.
»Ach, dummer Junge, der doch nicht in der grünen Jacke!«
»Der mit der langen Troddel an der Mütze, gewiß; ich sag' Dir, ich kenn' ihn. Gestern hatt' er 'nen rothen Kittel an. Siehst Du, jetzt macht er's gerade so wieder, wie gestern mit dem linken Bein – das ist er.«
»Und Du, das ist das kleine Mädchen, das auf dem Seil tanzte – na, sieht die aber heute aus!«
Die Jungen hatten in ihrer Unschuld Recht. Die beiden bezeichneten Individuen glichen heute Morgen auch nicht im Entferntesten ihrem gestrigen Ich und sahen ruppig genug aus. Der Mann ging in großcarrirten Hosen, trug eine gestickte Mütze mit einer wohl eine halbe Elle langen Troddel von unächter Quaste, und war in eine grüne, abgeschabte Pikesche gekleidet. Das Mädchen trug einen zerfetzten Kattunrock und darüber ein altseidenes, von Fettflecken starrendes Tuch – und wie unbeschreiblich prächtig waren sie ihnen gestern dagegen erschienen.
Der Jugend blieb aber nicht lange Zeit, sich mit dem Studium der verschiedenen Charaktere zu befassen, denn Einer rief es in diesem Augenblick dem Andern zu, daß die Thierbude ausgeräumt würde, und Alles drängte dorthin, um einen Blick auf die wilden Bestien gratis zu bekommen.
Boshafter Weise hatten die Wärter allerdings die verschiedenen Kästen mit Matten und alten Decken verhangen, so daß nichts frei blieb, als einige Affen und ostindische Arras, die aber von keinem Interesse waren, da sie den ganzen Markt über außen an der Bude der Schaulust des Publikums preisgegeben gewesen. Hier und da rutschte aber doch einmal ein oder der andere Vorhang bei Seite oder war nicht gut genug befestigt und glitt, das Innere des Käfigs enthüllend, nieder.
»Der Eisbär!« ging dann der Ruf durch die ein Hurrah ausstoßende Jugend. »Hast Du ihn gesehen? Und das war der eine Löwe!«
»Ach bewahre, das war ein Leopard.«
»Ja, Du weißt's – ich habe den Schwanz und das ganze Hinterbein gesehen.«
»Du, da ist der Seehund – hurrah!« schrieen die Jungen, als das fragliche Thier, durch die ungewohnte Bewegung vielleicht, aus seinem Faß oder Kübel hinausschnellte und von dem zuspringenden Eigenthümer wieder zurück in sein nasses Element geworfen wurde.
Es gab so viel zu sehen, das kleine Volk wußte gar nicht, wohin es sich zuerst wenden, was es zuerst anstaunen sollte, und doch starrte das nackte Elend fast aus all' diesen halbzerrissenen Schaubuden dem Sonnenlicht entgegen. Bleiche, überwachte Gesichter, schlecht und ärmlich gekleidete, aber trotzdem mit unächtem Schmuck bedeckte Gestalten, widerliche rohe Kerle, die brennende Cigarre im Munde; abgelebte, verdrossene Frauen oder freche Dirnen, die mit den Vorbeipassirenden ihre nichts weniger als zarten Scherze trieben. Und dabei hämmerten die Zimmerleute, warfen die Dächer der Buden hinab, wo die bisherigen Inhaber derselben sie noch nicht einmal vollständig geräumt hatten, und allerlei wunderliches Fuhrwerk hielt dabei mitten zwischen den verschiedenen Haufen von »Künstlern«, Kindern, Hunden, Ponies und Affen, um ihre bunte Fracht aufzunehmen und dann einen andern Platz, eine andere Stadt zu suchen, wo sie ihr trauriges Geschäft fortsetzen und ihr Leben fristen konnten.
Und wie froh waren die Insassen der benachbarten Häuser, daß dieses wüste Toben und Treiben, dem sie eine volle Woche hatten still halten müssen, nun doch endlich einmal seinen Abschluß gefunden! Wie weggefegt waren die Drehorgelspieler und Mordgeschichten-Ausschreier, die Fleckenreinigungs- und Glasdiamanten-Männer, die blinden Bergwerksbesitzer und Luftballon-Jungen. Kein Kameel drückte mehr der nordischen Promenade seine Fährten ein, kein Bärenpaar balgte sich unterwegs zum Entsetzen harmloser Kindermädchen. Es war vorbei, das Vogelschießen beendet, und die Stadt lag wieder still und ruhig wie immer, die Bewohner derselben gingen auf's Neue ihren gewohnten Beschäftigungen nach.
Und doch bereitete sich schon wieder eine neue Aufregung für die Stadt vor, die aber dieses Mal nur in bestimmten und bevorzugten Kreisen blieb: die Ankunft des Erbprinzen, die am ersten Abend eine Festvorstellung im Theater eröffnen und am zweiten ein Ball beschließen sollte, zu dem der größte Theil der haute volée und sogar auch sehr viele bürgerliche Familien geladen waren. Wie viele Hände setzt aber ein solcher Ball in Bewegung, denn was für eine Masse von Putz und Staat wird für einen solchen Abend aufgespart und zur Schau gestellt, und wie viel unsagbare Mühe kostet es, bis alle die nothwendigen Ingredienzen, vom weißen Atlasschuh bis hinauf zum dominirenden Haarschmuck, ausgewählt, geprüft, verworfen, verändert und endlich für brauchbar befunden, zusammengetragen und zur wirklichen Benutzung hergestellt sind!
Und wie wird da geschneidert und gestärkt, gewaschen, aufgeputzt und abgemessen, und was für große Berathungen finden – bei geschlossenen Thüren und im Corset – statt, und mit welcher Wichtigkeit wird das Alles betrieben, als ob das Wohl der einzelnen Familienglieder davon abhange – und wie wünschen sich die Töchter, daß der Abend schon da – und Vater und Mutter, daß er erst vorüber wäre!
Dieser Hast des Zusammenbauens stand aber das Theater nicht nach, denn es hatte sich herausgestellt, daß »Hamlet« als Festvorstellung nicht genügen würde. Der junge Prinz – oder der alte Hofmeister vielleicht – liebte nämlich auch Ballet, und da es sich doch nicht gut in den »Hamlet« einlegen ließ (obgleich einige Directoren doch vielleicht einen Geistertanz in der Kirchhofsscene möglich gemacht haben würden), so war beschlossen worden, in den Zwischenacten, und zwar nach dem ersten und dritten Act, eine besonders zu dem Zweck herbeigerufene Balletgröße springen zu lassen.
Das gab jetzt Proben. Der Theaterdiener kam gar nicht mehr von den Füßen, ausgenommen wenn er unterwegs einmal aus Versehen in ein Bierhaus hineinfiel, wo er dann wunderbarer Weise fast jedesmal den Souffleur Mauser traf. Dieser benutzte nämlich die verschiedenen Zwischenpausen auf das Geschickteste, um sowohl seinen Durst wie Ärger mit einem oder verschiedenen Gläsern Bier hinunter zu waschen. Jede Probe und Vorstellung erfüllte ihn aber auch mit neuem Gift, denn er konnte noch immer nicht die Zeit vergessen, wo er selber da oben auf den Brettern gestanden und seiner Lunge freien Lauf gelassen hatte. Aber es war nicht gegangen – Chicane natürlich arbeitete dagegen an: das Publikum zeigte sich in den ernstesten Scenen heiter, und der Director behauptete, daß er seine Rolle zu Schanden schriee. Da wurde er aus Rache Souffleur, und der Ingrimm kochte mit ihm im Kasten drin.
Und heute erst – heute war der Erbprinz angekommen, und Alles drängte auf den Straßen zusammen, um ihn vorüberfahren zu sehen; nur in den düsteren Theaterräumen hatte man keine Zeit dazu, denn dort wurde die Generalprobe für den heutigen Abend abgehalten, und Handor wußte kein Wort mehr von seiner Rolle.
Zehnmal wenigstens mußte er den »Hamlet« schon gespielt haben, aber so zerstreut wie heute war der unglückselige Mensch noch in seinem ganzen Leben nicht gewesen, und Mauser hätte ihn erwürgen können.
Der Director selber ging in Todesangst hinten auf der Bühne auf und ab, denn Handor ließ sich nie etwas sagen und war im Stande, wenn er irgendwie geärgert wurde, heut Abend statt seiner Garderobe ein ärztliches Zeugniß auf die Bühne zu schicken, daß er nicht spielen könne. Er wollte wie ein rohes Ei behandelt werden, und wenn er heute stecken blieb – und nach der Generalprobe mußte er stecken bleiben –: der Director trug eine Perrücke, aber er hätte sich mögen die Haare ausreißen.
Rebe hatte die Rolle des Güldenstern, und in der Scene mit ihm und Rosenkranz wußte Handor in der That kein einziges Wort mehr; er mußte vor dem Souffleurkasten stehen bleiben und dem Souffleur nur eben nachsprechen, was er ihm vorsagte. Es war eine peinliche Situation für die übrigen Schauspieler, und nach der Scene, als Handor in das Conversationszimmer ging, wo er eine Flasche Wein stehen hatte, folgte ihm der Director.
»Mein bester Herr Handor!«
»Herr Director?«
»Nicht wahr, Sie memoriren heute noch tüchtig? Es – es haperte ein wenig; denn wenn wir uns heut Abend blamiren sollten…«
»Glauben Sie, daß ich mich blamiren werde, Herr Director?« sagte Handor.
»Sie – oh Gott, nein, gewiß nicht, lieber Handor! Aber schon ein Zögern im Dialog – der Erbprinz kennt den »Hamlet« durch und durch, und Sie können sich doch denken, daß ich eine Art von Stolz darein setzen würde, wenn Sie ihn so recht packten und hinrissen!«
»Haben Sie keine Furcht,« sagte Handor gleichgültig – »ich – bin heute Morgen etwas zerstreut – ich erhielt gerade vor der Probe einen unangenehmen Brief – die Todesnachricht eines Verwandten; ich kann meine Rolle, Sie werden heut Abend sehen.«
»Das gebe Gott!« sagte der geplagte Director mit einem recht aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer; »Sie wissen ja auch, Herr Handor, daß ich Ihnen überall gern gefällig bin, wo ich nur irgend kann.«
»Ich weiß es, mein lieber Director; Sie werden heut Abend keine Ursache haben, sich über mich zu beklagen. Mauser soll mir kein einziges Wort souffliren.«
»Mein lieber Herr Handor!«
»Gewiß, mein bester Director; kommen, Sie, nehmen Sie ein Glas Wein mit mir. Mir ist die Kehle wie ausgebrannt.«
»Ja, mir auch,« stöhnte der Director, indem er der Einladung Folge leistete, »und hier wollen wir auf eine gute und zusammengreifende Vorstellung anstoßen – Hamlet lebe!«
»Hamlet der Däne lebe,« lachte Handor, »wenn Sie ihn auch heut Abend umbringen lassen!«
»Ach, Du lieber Gott, wenn nur der Abend erst vorüber wäre!« sagte der Director, wischte sich den Schweiß von der Stirn und griff dann seinen Strohhut auf, um nach Hause zu gehen. –
Draußen im Schlosse des Grafen Monford ging es fast noch unruhiger zu, als im Theater, denn einige dreißig Gäste waren auf heut Abend angesagt, und die Vorbereitungen dazu wurden im großartigsten Maßstabe getroffen.
Allerdings genirte den Grafen die Festvorstellung im Theater, und er würde die Verlobung seiner einzigen Tochter gern verlegt haben, wenn sich nicht gerade an diesen Tag eine besondere Erinnerung knüpfte. Aber eben heute vor achtundzwanzig Jahren hatte er sich mit seiner eigenen Frau verlobt, und es war schon seit langer Zeit sein Lieblingswunsch gewesen, Paula's und später George's Verlobung an dem nämlichen Tag zu feiern. Selbst die Ankunft des Erbprinzen konnte deshalb keine Änderung in seinem ursprünglichen Plan hervorrufen, hätte er sich selbst mit dem regierenden Hause besser gestanden, als er wirklich stand. Aber das war eine alte Geschichte, und der regierende Herr ihm einmal in einer Rangsache zu nahe getreten, was ihm Graf Monford nie vergab; weshalb also sollte er jetzt auch Rücksicht auf den Thronfolger nehmen! Es geschah ihm ganz recht, wenn er den ersten Rang nur spärlich besetzt fand, denn die Herrschaften hatten den Adel überhaupt vernachlässigt und mochten es sich selber zuschreiben, wenn der Adel ein Gleiches mit ihnen that.
Um so mehr fühlte sich aber der Graf Monford dafür verpflichtet, heute jeden Glanz zu entfalten, den sein Haus bot, und während das ganze Schloß von oben bis unten in einen blühenden Garten verwandelt worden war, brach die Tafel fast unter der Last des Silbers, die sie zu tragen hatte, und immer noch schleppten die Diener Kisten und Ballen herbei, deren Inhalt die hier schon ausgestreute Pracht vermehren sollte. Dadurch aber glich das Haus trotz der Blumen und der ausgestellten Herrlichkeit mehr einer Packkammer, als einer Festhalle.
Graf George war den ganzen Tag abwesend, denn er hatte in der Stadt alle Hände voll mit der Inscenesetzung seines Stückes zu thun, welche auf der Privatbühne einer andern befreundeten Familie in Haßburg stattfand. Wie erschrak er freilich, als er hörte, daß die junge Gräfin Rottack gleich nach der Leseprobe unwohl geworden sei und einen ganzen Tag das Bett hüten mußte. Er fürchtete schon einen neuen Schlag für sein Theater. Glücklicher Weise war es aber nur ein leichtes Unwohlsein gewesen, und sie fühlte sich schon am nächsten Morgen wieder wohl genug, die einmal übernommene Pflicht auch zu erfüllen.
Aber wie viel gab es für den armen jungen, daran gar nicht gewöhnten Grafen noch dabei zu thun, und wie geheimnißvoll mußte das Alles betrieben werden! Was für Mühe hatte es außerdem gekostet, das kleine, schon lange nicht mehr benutzte Privattheater im Schlosse selber wieder in Stand zu setzen, ohne daß Paula etwas davon merkte – und nur der geringste Verdacht würde ja die ganze Überraschung zerstört haben. Paula schien ihm aber dabei ordentlich selber in die Hände zu arbeiten, denn sie sah nichts von Allem, was um sie her vorging, und war nie zufriedener, als wenn sie ungestört und allein in ihrem Zimmer bleiben oder im Garten auf und ab gehen konnte.
Recht bleich und angegriffen sah sie aus, das konnte selbst dem jungen, leichtherzigen Grafen nicht entgehen, und er hatte sie oft gefragt, ob sie sich unwohl fühle, aber immer eine entschieden verneinende Antwort erhalten. Sollte sie sich wirklich in der Verbindung unglücklich fühlen? Aber Hubert war solch ein herzensguter und tüchtiger Mensch, sie mußte glücklich an seiner Seite werden, noch dazu, wenn sie sah, wie glücklich sie die Eltern dadurch machte. Das gab sich auch gewiß schon nach den ersten Tagen: nur das Neue der Situation, nur der Gedanke, in ein vollkommen fremdes Leben selbstständig einzutreten, machte sie jetzt so befangen und zerstreut und raubte ihren Wangen die sonst so blühende Farbe, ihren Augen den gewohnten freundlichen Glanz. Damit beruhigte sich George vollkommen, und hatte auch in der That jetzt so viel und so Verschiedenes zu denken, daß er gar nicht recht zu Besinnung kommen konnte. Die Schwester hätte ihm auch wirklich gar keinen größeren Gefallen thun können, als daß sie sich still und abgeschlossen hielt.
Paula war in der Zeit viel im Garten und ihr liebster Spaziergang der nach dem alten Thurm, wo sie Stunden lang allein und träumend saß und nach den fernen Bergen hinüberschaute. War sie doch auch jetzt von ihrer Gouvernante oder Gesellschafterin vollständig erlöst, die sich allerdings noch im Hause befand, aber alle Macht über sie verloren hatte.
Graf Monford wollte, daß seine Tochter sich frei und unabhängig fühlen lernen sollte, ehe sie das elterliche Haus verließ, und Paula dankte ihm das wenigstens aus vollem Herzen.
Auch heute Morgen war das junge Mädchen erst langsam auf der Terrasse eine Zeit lang auf und ab und dann ihrer Lieblingsstelle zugegangen, und George hatte mit Schmerzen auf den Augenblick gewartet, wo er sie in den Büschen verschwinden sah, denn eine neue Decoration, mit deren Anfertigung sich der Maler verspätet hatte, lag schon seit zwei Stunden im Hinterhalt und konnte nicht in das Schloß geschafft werden, so lange er jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt war, daß die Schwester plötzlich aus ihrem Zimmer treten und ihm die ganze Freude stören möchte.
Jetzt war sie fort, und eben wollte er den Befehl geben, die etwas unbehülflichen Versetzstücke rasch herbeizuschaffen, als Mademoiselle Beautemps auf dem Schauplatz erschien. Daß die nicht schweigen konnte, wo sie nur die Ahnung hatte, daß es ein Geheimniß galt, wußte er aus Erfahrung, und die mußte deshalb ebenfalls unter jeder Bedingung entfernt werden.
»Ah, Mademoiselle,« rief er ihr zu, »wo haben Sie denn gesteckt? Paula hat Sie schon seit einer Viertelstunde gesucht.«
»Die Comtesse mich?« rief die Französin, nicht ohne Grund erstaunt; »das wäre wunderbar.«
»Ja gewiß, sie ist in den Garten gegangen, um Sie dort zu suchen. Im Park oder am alten Thurm werden Sie sie finden.«
Mademoiselle schüttelte mit dem Kopf, folgte aber doch der Weisung und nahm ebenfalls die von Paula eingeschlagene Richtung.
»So, nun aber rasch,« lachte George fröhlich vor sich hin; »tummelt Euch, Ihr Leute, in zehn Minuten muß Alles im Hause und hinter verschlossenen Thüren sein, damit uns die Damen nicht wieder in den Weg kommen, denn das Fräulein wird bald wieder abgefertigt werden. Was Paula nur denken wird,« schmunzelte er dann leise vor sich hin, »daß ich ihr die alte Französin über den Hals schicke; aber heut Abend erzähl' ich ihr, weshalb.«
Die Leute sprangen mit gutem Willen zu, und die verschiedenen Coulissen und Versetzstücke wurden rasch in's Schloß und die Treppe hinauf gebracht. Nur der alte Jonas schüttelte den Kopf dazu, daß sie auch noch gemalte Bäume in das Haus schleppten, wo er selber schon Alles in einen blühenden Wald verwandelt hatte, und schimpfte auf die ungeschickten Träger, die ihm da und dort an den Ecken die aufgestellten Blumenstöcke umgeworfen und sogar ein paar Töpfe zerbrochen hatten. Nichts wie Ärger mit dem unnützen Volk, das nicht einmal eine Distel von einer Camellie unterscheiden konnte und so rücksichtslos mit der einen wie mit der andern umging.
Mademoiselle Beautemps wandelte indessen in majestätischer Haltung den Weg entlang, den vor ihr, leicht wie ein scheues Reh, Paula geschlüpft war, und wunderte sich im Stillen, was die Comtesse von ihr haben wolle, da sie sich in der letzten Woche kaum mit einem Blick um sie gekümmert hatte.
Ihre Stellung hier war überhaupt eine unhaltbare geworden, so strenge Gewalt sie auch bis noch vor ganz kurzer Zeit über die einzige Tochter des Hauses ausgeübt. Der alte Graf selber mochte sie dabei nicht leiden, wie sie recht gut fühlte, und sie war auch schon fest entschlossen, nicht, wie es vorher bestimmt, bis zur Vermählung der Comtesse hier auszuhalten, sondern gleich nach der Verlobung die Familie zu verlassen. Was sollte sie auch noch länger hier, wo sie doch nichts mehr befehlen durfte und von keiner Seite geliebt, nur von der Gräfin selber noch gehalten wurde? Die Comtesse haßte sie ja doch, das wußte sie genau, und das Gefühl war gegenseitig.
Albernes, eigenwilliges Ding, vom Glück verzogen, von ihren Eltern und ihrer ganzen Umgebung verwöhnt, nur nicht von ihr – beim Himmel, nicht von ihr! Hatte sie sich nicht aufgeopfert für das alberne Geschöpf und sogar eine Stelle bei der Fürstin Negitchow ausgeschlagen, und welchen Dank dafür gehabt, als stummen Gehorsam und ein verdrossenes Wesen? Und jetzt mußte sie auch noch erleben, daß sie die reichste und beste Partie im ganzen Lande machte und dann jedenfalls mit Stolz und Hochmuth auf sie herabgesehen hätte; dem wenigstens wollte sie entgehen, den Kelch sich ersparen und morgen – sie war fest dazu entschlossen – ihre Stellung aufgeben und dann auch ohne Weiteres Haßburg verlassen.
Mit diesen Gedanken, die langen, mageren Arme vor sich fest in einander geschlagen, die Brauen zusammengezogen und die dünnen Lippen eingekniffen, schritt sie vorwärts und erreichte jetzt, den Windungen des mit Büschen besetzten Weges folgend, das kleine Plateau, auf welchem der alte Thurm stand.
Von hier aus konnte sie freilich noch nicht die ganze Terrasse überblicken; wie sie aber um den Thurm herumschritt, sah sie Paula, die dort, den Ellbogen auf die niedere Mauer gestützt, unter einer der Aloevasen lehnte und einen kleinen, rosafarbenen Zettel in der Hand hielt, der ihre Aufmerksamkeit ausschließlich in Anspruch zu nehmen schien. So vertieft war sie in denselben, daß sie nicht einmal das Nahen der sonst so gefürchteten Gouvernante bemerkte, und erst als sie deren Schritt auf dem knisternden Kies hörte, hob sie rasch erschreckt den Kopf und knitterte zugleich das kleine Blatt wie unwillkürlich in ihrer Hand zusammen.
»Mademoiselle!«
»Gnädige Comtesse sind so angelegentlich beschäftigt, daß Sie mein Kommen nicht einmal gewahrten,« sagte die Französin mit einer fast spöttischen Höflichkeit, indem ihr Blick scharf und forschend bald auf den Zügen des jungen Mädchens haftete, bald zu der Hand hinflog, die noch immer das Blatt, aber jetzt verborgen, hielt.
»Und weshalb schleichen Sie hinter mir drein?« sagte Paula finster, denn zum ersten Mal erhob sich ihr Herz zum offenen Widerstand gegen die ihr lästige, widerliche Persönlichkeit.
»Schleichen, gnädige Comtesse?« lächelte die Mademoiselle. »Wie ein Grenadier bin ich aufgetreten, aber Sie hörten und sahen nicht. Es muß etwas sehr Interessantes sein, was Sie da studirten.«
»Und was wollen Sie?«
»Was ich will? Ich könnte Ihnen einfach sagen, daß ich spazieren ginge, wie Sie,« bemerkte die Gouvernante kalt; »aber Sie scheinen selbst vergessen zu haben, daß Sie mich gesucht und nach mir verlangt. Graf George schickt mich zu Ihnen.«
»Mein Bruder? Sie zu mir? Und weshalb, wenn ich fragen darf?«
»Ich sage Ihnen ja, daß er behauptet, Sie hätten mich gesucht.«
»Das ist denn ein Irrthum,« erwiderte die Comtesse kalt, drehte sich ab und lehnte sich wieder auf die Terrassenmauer, ohne ihre frühere Gouvernante weiter eines Blickes oder einer Antwort zu würdigen.
Die Französin faßte ihre Unterlippe mit den Zähnen, und einen Augenblick war es fast, als ob sie ihrer Gereiztheit über solche augenscheinliche Mißachtung Worte leihen wolle; aber sie hatte das Terrain verloren. Ein Zank mit der jetzt gefeierten jungen Herrin konnte ihr nur schaden, und sich auf dem Absatz herumdrehend, schritt sie schweigend, aber in wahrlich nicht besserer Laune den Weg zurück, den sie vorher gekommen, und erreichte das Schloß eben wieder, als Jonas, leise dabei vor sich hinmurmelnd, die umgeworfenen Blumentöpfe auf's Neue ordnete.
Oben im Park, der Stelle gerade gegenüber, wo der Maulwurfsfänger an jenem Morgen seinem heimlichen Angeln oblag, kniete jetzt der nämliche Mann mitten auf der Wiese und war eifrig bemüht, die dort gefangenen Maulwürfe an ihrer Drahtschlinge aufzuheben, die Fallen wieder zu stellen und die ertappten Übelthäter an einer schwanken Ruthe aufzuhängen. Neben ihm saß sein Spitz.
Unten vom Drahtzaun her kam der Förster, die Flinte auf dem Rücken, den gescheckten Jagdhund neben sich. Wie er die freie Wiese betrat, bemerkte er augenblicklich die dort kauernde dunkle Gestalt des Mannes, und schritt quer über den Rasen auf den Burschen zu.
Der Spitz knurrte, sowie der Förster seine Richtung änderte, und Fritz sah erst seinen Hund an und dann nach der Gegend hinüber, die dieser andeutete.
»Ruhig, Spitz,« sagte er aber, wie er nur die Gestalt erkannt hatte; »der thut uns hier nichts und muß höchstens mit langer Nase wieder abziehen. Kommt mir gerade recht und bin eben in der Stimmung, ihm Audienz zu ertheilen.«
Ohne den Nahenden auch nur so weit zu beachten, den Kopf noch einmal nach ihm umzudrehen, fuhr er in seiner Arbeit fort; aber der Spitz knurrte stärker, denn der Jagdhund genirte ihn, und er rückte auch etwas näher zu seinem Herrn, als er bis jetzt gesessen.
Er und der Jagdhund schienen auch in der That keine großen Freunde zu sein, als ob sie die Antipathie theilten, die ihre beiden Herren gegen einander empfanden. Caro, wie der Hund des Jägers hieß, kam mit gesträubten Haaren und hochgehobenem Schwanze, an dem auch nicht die geringste Spur von Wedeln sichtbar war, langsam näher; er knurrte freilich nicht, aber seine oberen Lefzen zogen sich zusammen, daß die blanken und scharfen Zähne sichtbar wurden, und er sah den kleinen Köter dabei von der Seite mit einem Blick an, als ob er nur einen leisen Wink seines Herrn erwartete, um mit einem Sprung über den Eindringling herzufallen.
Der Spitz schien sich übrigens gar nicht so sehr vor dem ihm an Stärke vielleicht viermal überlegenen Gegner zu fürchten. Den Rücken deckte er freilich dicht an seinem Herrn, dort aber hielt er auch Stand und wies dem großen Hunde die Zähne so lebhaft und kampfesmuthig, und hob sein kleines Schwänzchen so keck und herausfordernd empor, daß man ihm ansah, er würde einem Angriff von der andern Seite keinen Zollbreit ohne Gegenwehr weichen.
»Na, mein Bursch, was treibst Du hier wieder?« redete der jetzt dicht herangekommene Förster den Maulwurfsfänger mit eben nicht freundlicher Stimme an. »Eine Woche fast bist Du ausgeblieben, und ich hatte schon im Stillen gehofft, daß wir Dich los wären; Du scheinst aber zäher zu sein, als Deine Maulwürfe.«
»Ein freundliches Waidmannsheil wäre wohl ein besserer Gruß für einen Collegen gewesen, Herr Förster,« lächelte der Angeredete spöttisch vor sich hin, »aber manche Menschen verstehen es nicht besser. Und wo ich gewesen bin? Auf einem andern Revier, Herr College, um dem Raubzeug nachzustellen, denn wenn ich von der Monford'schen Besitzung allein leben sollte, möcht' ich in der Woche wohl kaum ein Stück Fleisch in den Topf bekommen, und am Sonntag erst gar nicht.«
»Und wie haben die Fasanen geschmeckt?« fragte der Forstmann tückisch.
»Na, wenn's auch gerade keine Fasanen sind,« erwiderte gleichgültig der alte schlaue Bursche, der nicht auf solche Weise zu fangen war, »so ist's doch wenigstens ein gesundes Stück Rindfleisch oder eine Bratwurst. Übrigens thun Sie mir die Liebe und halten Sie Ihren Hund zurück, denn wenn er mit meinem Spitz anbindet, stehe ich Ihnen für nichts. Der verwünschte Köter hat mir erst gestern einen Metzgerhund todtgebissen.«
»Das Ding da!« lachte der Förster verächtlich; »wenn ich meinem Caro Ein Wort sagte, frißt er ihn mit Haut und Haaren!«
»Möchte eine verwünscht theure Mahlzeit werden!« erwiderte trocken der Maulwurfsfänger, indem er seine letzte Beute an der Ruthe befestigte; »aber wo wollen Sie hin, Herr Förster?«
»Wenn Dich Jemand darum fragen sollte, mein Bursche,« erwiderte der Forstmann, »so sag' ihm nur einfach, Du wüßtest es nicht – verstanden?«
»Sehr wohl, Herr Förster,« lächelte der Mann, »werd' es ausrichten. Haben Sie vielleicht sonst noch etwas zu bestellen?«
»Komm, Caro,« sagte der Jäger, »das ist keine Gesellschaft für uns. Übrigens,« fuhr er fort, sich nochmals nach dem Manne umdrehend, »erwische ich Dich noch einmal Nachts zwischen meinen Fasanen, mein Bursche – und daß ich Dir jetzt aufpasse, darauf kannst Du Dich verlassen, – so will ich von Gott verdammt sein, wenn ich Dir nicht die Jacke voll Schrot schieße – und nun Gott befohlen!«
»Gott befohlen, Herr Förster, und viel Glück zur Jagd,« lächelte ihm der Alte stillvergnügt nach.
Der Förster murmelte einen gotteslästerlichen Fluch in den Bart, wußte aber, daß er mit Reden doch nichts bei dem da ausrichtete, und schritt so hochbeinig fort, wie sein Hund, der sich alle Mühe gab, dem verhaßten Spitz durch ärgerliche Stellung begreiflich zu machen, daß sein Rückzug kein freiwilliger wäre und er eben nur seinem Herrn folgen müsse.
Der Maulwurfsfänger nahm aber gar keine weitere Notiz von ihm, und wie er sich erst überzeugt hatte, daß der Waidmann wirklich eine andere Richtung eingeschlagen, lachte er still vor sich hin und brummte:
»Alter Esel, Du wärst der Rechte, mich zu fangen! Mein Spitz hat mehr Grütze im Kopfe, als Du, und wenn's mich nach Fasanen gelüstete, holte ich mir heut Abend noch meinen Theil. 's ist doch wunderbar in der Welt,« setzte er dann hinzu, indem er still mit dem Kopf schüttelte, »was unser Herrgott in all' seinen verschiedenen Fächern für Kerle herumlaufen hat. Wem er ein Amt giebt, giebt er auch Verstand, sagt man gewöhnlich; – ja Prosit! Wär' ich in Deiner Stelle, und Du in meiner, alter Schneesieber, verdammt will ich sein, wenn Du mir auch nur eine Feder vom Platz holen solltest, ohne daß ich Dich erwischte, und jetzt plündere ich dem albernen Strohkopf schon ein Vierteljahr lang in Wasser, Wald und Feld sein Revier aus, ohne daß er auch mehr wie einen Verdacht hat, wer der Thäter ist – Du wärst mir der Rechte, mich zu fangen!«
»Holla, Fritz, wie geht's?« rief den Alten eine Stimme vom Wege herüber an, und als der Maulwurfsfänger rasch den Kopf nach ihm drehte – denn der Spitz hatte den Nahenden in seinem Ärger über den Caro gar nicht beachtet, – erkannte er Einen von der Dienerschaft, der mit einem Korb am Arme durch den Park ging und, als er den Maulwurfsfänger nicht weit aus seinem Weg sah, ein Stück quer über die Wiese hinüberschritt, um ein paar Minuten mit ihm zu plaudern.
»Nun, Alter, wie geht's – immer so fleißig? Heute solltest Du aber den Maulwürfen doch auch Frieden geben,« redete er ihn an.
»Heute – so? Und wer giebt mir Frieden? Sollen's die Bestien etwa besser haben, als ich?«
»Wer Dir Frieden giebt?« lachte der Lakai; »komm nur heut Abend auf's Schloß, Du gehörst ja doch gewissermaßen mit zu den Gutsleuten und kannst da auf ein derb Stück Braten und eine Flasche Wein sicher rechnen.«
»Nun, weißt Du, Thomas,« sagte der Maulwurfsfänger, und sein kleines graues Auge blitzte ordentlich wie in Stolz auf den betreßten Diener, »wenn ich einmal eine Flasche Wein trinken will, so zahle ich sie mir auch und brauche mich nachher bei Niemandem dafür zu bedanken.«
»Jetzt blas mir aber den Staub weg!« lachte der Lakai. »Na, wenn Unsereiner sich nicht zu gut dafür dünkt und der Förster selber herüber kommt, dann wirst Du Dich doch auch wohl nicht wegwerfen, wenn Du mit von der Partie bist!«
