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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 23

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Hier übernahm der Forstgehülfe die Leitung. Zuerst mußten sie noch eine kurze Zeit nach der wirklichen Stelle suchen, aber die war bald gefunden, denn in den erst am Nachmittag frisch geharkten Wegen waren die vielen Fußtritte deutlich erkennbar. Und dort lag auch die Blutlache. Hier über den Weg war der alte Mann herübergekommen, Blutzeichen fanden sich überall, die an den Kleidern niedergetropft; dort war er aus den Büschen herausgekommen, ein paar Zweige, an die er sich gehalten, fanden sie eingeknickt, niederhangend und voller Blut – überall hingen in der That die Spuren und führten deutlich zu dem Fichtenstreifen hinüber, wo der von dem gefangenen Wildkalb geschlagene Fleck ihnen schon von Weitem die Stelle zeigte.

»Himmelhund!« fluchte der Forstgehülfe, als er das verendete Thier, noch in der Schlinge festsitzend, fand und sich jetzt niederbog, um es frei zu machen und mit zum Schloß zu nehmen – »wenn ihm der Alte doch nur den… vollgeschossen hätte!«

»Da knurrt ein Hund!« rief Einer der Leute. Alle horchten, und deutlich hörten sie jetzt aus den Büschen heraus einen menschlichen Ruf nach Hülfe.

»Da liegt er!« rief der Forstgehülfe, und sich rasch emporrichtend, griff er nach einer der Fackeln und preßte durch die Fichtendickung der Stelle zu, von der er den Ruf zu hören geglaubt. Er brauchte nicht weit zu gehen. Kaum zehn Schritt in den Fichten drin schlug ein kleiner Hund an, und dort fanden sie, bleich und mit Blut bedeckt, aber bei voller Besinnung, den Maulwurfsfänger, der hier den Schuß erhalten hatte und zusammengebrochen war.

»Hallo! wen haben wir da?« rief der Forstgehülfe, während er scheu vor dem Anblick zurückprallte und der Hund ein wüthendes Geheul ausstieß. Die dichten Büsche ließen auch kaum die Gestalt erkennen, denn die Fichtenzweige bogen sich von allen Seiten über ihn hin.

»Tragt mich zu Jonas hinüber,« bat der Unglückliche – »mir ist das Bein zerschossen, ich kann nicht mehr!«

Der Vorschlag war in der That vernünftig. Des alten Gärtners Haus lag kaum dreihundert Schritt von dort im Dickicht drin, während die Entfernung nach dem Schloß die dreifache gewesen wäre. In's Schloß hätten sie ihn aber überhaupt gar nicht schaffen dürfen; dort herrschte überdies schon Verwirrung genug, und wenn jetzt der angeschossene Mensch noch dazu gekommen wäre – das ging gar nicht. Der alte Jonas hatte aber oben in seinem Hause noch ein kleines Zimmerchen, das gar nicht benutzt wurde. Dort konnten sie ihn bequem unterbringen, und die einzige Schwierigkeit war jetzt nur, ihn aus dem Dickicht heraus auf den Weg zu schaffen. Der Forstgehülfe schüttelte mit dem Kopf. –

»Seid Ihr bös getroffen?«

»Das Bein ist ab – unter der Hüfte – die Geschichte ist aus.«

Der Jäger wollte etwas darauf erwidern, aber er fühlte selber, daß die Zeit dazu nicht passend wäre. Der arme Teufel schien hart genug gestraft, und jetzt blieb ihnen nichts weiter übrig, als ihm so rasch als möglich Hülfe zu bringen.

Einer der Leute – denn es waren deren mehr herausgekommen, als sie zum Fortschaffen brauchten – mußte gleich in's Schloß zurück, um den Ober-Medicinalrath zur Gärtnerwohnung zu begleiten, den anderen befahl der Forstgehülfe, der sich ziemlich gut zu helfen wußte, ihre Jacken auszuziehen und den Verwundeten, so gut es eben ging, hinein zu legen, während drei auf jeder Seite trugen. Er selber ging ihnen dabei mit seinem Beispiel voran und zog seinen Rock aus, und sie stellten dadurch eine erträgliche Bahre her, um den Verwundeten so schmerzlos als irgend möglich fortzuschaffen.

Zwei von den Leuten mußten vorangehen und die Büsche zurückbiegen; wie sie aber den Verwundeten aufgreifen wollten, fiel der Hund wie toll über sie her und biß nach ihnen.

»Ruhig, Spitz,« sagte der arme Teufel mit schwacher Stimme, »'s ist aus mit uns Beiden; zurück, Spitz, zurück, komm, mein Hund!«

Das kleine kluge Thier winselte kläglich und zeigte noch immer die Zähne; aber es war ordentlich, als ob es verstand, was sein Herr zu ihm gesagt, denn es widersetzte sich nicht mehr den fremden Männern, die den Hülflosen jetzt so sorgsam wie nur irgend möglich auffaßten und aus dem Busch hinaustrugen.

Sobald sie erst einmal den offenen Weg erreichten, ging es etwas besser, und der Maulwurfsfänger klagte auch nicht. Nur als sie ihn etwas weiter am Teich vorbeitrugen, stöhnte er: »Wasser – will mir Keiner einen Tropfen Wasser geben?«

Einer der Männer sprang hinunter und holte Wasser in seinem Hut, von dem der Verwundete gierig trank; dann lag er wieder still, bis sie das kleine, ziemlich einsam gelegene Haus erreichten und ihm dort, mit Laubstreu und einer wollenen Decke drüber, ein Lager zurecht machen konnten. Einer blieb oben, um die Nacht bei ihm zu wachen, denn man durfte ihn nicht hülflos dort zurücklassen.

Bald darauf kam auch der Ober-Medicinalrath, der, nachdem er die Wunde untersucht hatte, den Kopf bedenklich schüttelte.

»Heut Abend scheint ja hier auf dem Schloß der Teufel los gewesen zu sein,« sagte er, »und Ihr habt genug Unglücksfälle für ein ganzes Jahr. Haltet Euch still, Freund, das ist das Beste, was ich Euch rathen kann.«

»Ich werde bald still genug sein,« flüsterte der Alte.

»Nun, so arg ist's nicht,« beruhigte der Arzt; »ein Schuß in's Bein ist noch kein Schuß in den Leib, und ich denke, ich bringe Euch wieder auf die Füße. Wo seid Ihr zu Hause?«

»Fragt die Maulwürfe, die könnten's Euch eben so gut sagen; für jetzt wohne ich in Haßburg in der Färbergasse.«

»Ich will dafür sorgen, daß Ihr heut Abend noch bessere Pflege bekommt,« sagte der Ober-Medicinalrath, »denn nach der Stadt kann ich Euch mit dem Bein nicht transportiren lassen; wir müssen eine Entzündung vermeiden. Habt Ihr eine gute Natur?«

»Wie ein Pferd,« sagte der Alte.

»Gut, dann hoffe ich Euch durchzubringen; aber Ruhe und keine spirituösen Getränke, überhaupt keine Aufregung. Diese Nacht macht ihm kalte Umschläge; ich will sehen, vielleicht bekomme ich noch Eis in der Stadt und schicke Euch davon heraus. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Herr Doctor!« sagte der Maulwurfsfänger, schloß die Augen und legte sich auf seinem Lager zurück. –

Unten im Schloß war die Gräfin in dem Zimmer, in welchem der Graf lag, in fieberhafter Ungeduld auf und ab gegangen; aber der weiche Teppich ertödtete jeden Schall, so daß der Kranke, der wie schlafend lag, nichts davon hören konnte. Sie erwartete Nachricht von George, von Hubert, denn das Furchtbare war geschehen, ihre Tochter hatte sie vor den Augen der Welt compromittirt, aber das Furchtbarste konnte ihr doch nicht aufbehalten bleiben. Beide junge Leute waren den Flüchtigen nach, die kaum eine Viertelstunde, ja vielleicht nicht einmal zehn Minuten Vorsprung hatten, und Einer von ihnen mußte sie ja doch überholt haben.

Aber sie kamen nicht zurück; Minute nach Minute, Stunde nach Stunde verging, und vergebens horchte sie den klappernden Hufen eines der Pferde.

Der Ober-Medicinalrath kehrte zurück und erkundigte sich nach seinem Patienten. Er schlief, oder lag wenigstens regungslos auf seinem Sopha, wie er ihn vorher verlassen hatte, schien auch nicht zu hören, was um ihn her vorging, beantwortete wenigstens keine der an ihn gerichteten Fragen.

Der Ober-Medicinalrath wollte sich auf sein Zimmer zurückziehen und rieth der Gräfin, ebenfalls schlafen zu gehen. Bei dem Kranken konnte ja eine Wache zurückbleiben und sie augenblicklich rufen, sobald er etwas verlange; ihr selber würde diese unnöthige und gewaltsame Aufregung nur schädlich sein. Die Gräfin verweigerte es; sie wollte wachen, sie war nicht müde.

Der Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln und verließ das Zimmer; er war müde.

Wieder verging eine halbe Stunde – da hörte sie Hufschläge auf dem Pflaster des Hofes, die anhielten. Sie öffnete rasch das Fenster und horchte hinaus. Stimmen konnte sie hören, aber keine Worte unterscheiden. Sie klingelte, und es dauerte eine Weile, bis ein Diener kam.

»Wer ist da gekommen?«

»Graf Hubert.«

»Ich lasse ihn bitten, in das Empfangszimmer zu gehen.«

»Er ist schon wieder fort, Frau Gräfin,« sagte der Lakai.

»Schon wieder fort?«

»Ja, er fragte nur, ob Niemand zurückgekommen wäre, und dann, ob Graf George im Hause sei. Als wir das verneinten, sprang er aus dem Sattel, warf Einem der Stallleute den Zügel zu und schlug rasch den Weg nach der Stadt zu Fuß ein.«

»Und Graf George, mein Sohn, ist noch nicht zurückgekehrt?«

»Nein, Frau Gräfin.«

»Was waren das für Leute mit Fackeln, heut Abend?«

»Der Förster hat einen Wilderer erwischt und auf ihn geschossen, den alten Maulwurfsfänger, der immer in den Park kam, und dem Förster hat er das ganze Gesicht mit dem Messer zerschnitten.«

»Der Maulwurfsfänger?«

»Ja, Frau Gräfin. Der Förster hat ihn in's Bein geschossen; er liegt oben beim tauben Jonas im Hause.«

Die Gräfin hörte schon gar nicht mehr, was er sprach. »Sobald mein Sohn zurückkehrt, werde ich gerufen,« sagte sie, »ich muß ihn sprechen, ehe er zu Bett geht. Der Haushofmeister soll dann einen Augenblick zu meinem Mann kommen; ich muß mich umziehen. Wo ist mein Kammermädchen?«

»Draußen, glaub' ich, Frau Gräfin; sie war vorhin in der Küche.«

»Sie soll in mein Zimmer kommen.«

Die Befehle waren rasch erfüllt, und die Gräfin zog sich hastig in ihr Zimmer zurück, um ihren Ballstaat mit einem einfachen Hauskleid zu vertauschen. Der Schmuck drückte sie, den sie trug, und das schwere Seidenkleid, dessen Rauschen ihr wie Hohn und Spott in den Ohren klang.

Kaum war sie umgekleidet, als Graf George auf müde gerittenem Pferd zurückkehrte. Es war indessen nahe an zwölf Uhr geworden.

Der Diener kam und meldete der Gräfin die Rückkehr ihres Sohnes, und die Dame sagte rasch: »Er soll in den Speisesaal kommen, ich will ihn sprechen.«

Noch zögerte sie einen Augenblick; aber der Graf schlief, wie es schien, fest. Er hielt die Augen geschlossen und athmete leicht. Sie bog sich über ihn und horchte seinen Athemzügen; er regte sich nicht, und leise verließ sie das Gemach, um George zu sprechen.

Dieser hatte indessen sein Pferd abgegeben und der Mutter Botschaft erhalten. Er betrat gleich nach ihr den Saal, dessen Tafel noch mit allem Geschirr, wie es die Gäste verlassen, gedeckt stand – wo hätten die Diener Zeit gehabt, es fortzuräumen? Nur das Silber war beseitigt und verschlossen, mit Ausnahme der schweren silbernen Armleuchter, von denen noch zwei auf dem Tisch brannten. Weder die Gräfin noch der junge Graf hatten ja zu Nacht gespeist, und das Essen mußte doch für sie bereit gehalten werden, wenn sie danach fragen sollten.

»Wo warst Du, George?« rief ihm die Mutter entgegen, wie er nur die Schwelle betrat. »Hast Du sie gefunden?«

George schüttelte finster mit dem Kopf. »In die Nacht bin ich hinein geritten,« sagte er, »was mein Pferd laufen konnte; hätte ich zufällig den rechten Weg getroffen, so mußte ich sie erreichen, ehe sie den ersten Meilenstein hinter sich wußten. Aber im Dorfe gehen vier Wege ab – ich habe keine Spur von ihnen entdeckt.«

»Und jetzt?«

»Ich bin nur zurückgekommen, um zu hören, ob Hubert sie vielleicht gefunden. Weit kann sie ja doch nicht sein, allein mit ihrem Kammermädchen.«

»Hubert ist zurück – umsonst! Und glaubst Du, daß sie allein gereist ist?«

»Nun, mit Bertha; Beide sind sie ja gesehen worden, wie sie durch den Park eilten.«

»Und weißt Du, wer im Wagen auf sie gewartet hat?«

»Im Wagen?« wiederholte George erschreckt.

»Jener Schauspieler Handor,« sagte die Mutter mit furchtbarer Ruhe.

»Handor?« schrie George emporfahrend.

»Still,« sagte die Mutter, »wir brauchen unsere Schande nicht selber in die Welt zu schreien, es wird das ohnedies zeitig genug von anderen Leuten geschehen!«

»Aber es ist nicht möglich,« rief George aus, der sich indessen auf die Einzelheiten besann – »Handor spielte heut Abend in der nämlichen Zeit, in der Paula entfloh, in der Stadt den »Hamlet«, und das Theater ist keinesfalls vor zehn Uhr aus gewesen, ja, kaum dann, da ich mich erinnere, daß auch noch in den Zwischenacten etwas angezeigt war.«

»Ich habe den Brief, den mir Paula zurückgelassen, verbrannt,« sagte die Mutter kalt; »sie nennt darin mit einfachen Worten ihren Verführer. Möglich aber, daß sie allein von hier fortgefahren, wenn er wirklich gespielt hat, um sich dann nach der Vorstellung irgend ein Rendezvous zu geben und gemeinschaftlich ihre Reise fortzusetzen; aber in dem Wagen hat ein Herr gewartet.«

»Im Wagen?«

»Der Gärtnerbursche hat ihn selber gesprochen.«

George ging mit gekreuzten Armen im Saale auf und ab. Auf dem Tisch, neben den beiden zurückgelassenen Gedecken standen noch mehrere Flaschen Wein. Er nahm die eine und goß in ein Wasserglas ein; aber er sah nicht, was er ausgoß, so flimmerte es ihm vor den Augen, und die rothe Fluth schoß über das Tischtuch. Dann stürzte er den Inhalt des Glases hastig hinunter.

»Gute Nacht, Mutter!«

»Wo willst Du hin?«

»Noch einmal fort; ich habe mir nur den Schimmel satteln lassen und muß vor Tag wenigstens die Spur haben. Das darf nicht sein, das darf nicht sein, es ist zu furchtbar!«

»Und welchen Zweck hast Du dabei?«

»Welchen Zweck?« rief George erstaunt. »Dir Deine Tochter wieder zuzuführen – die Ehre unseres Hauses zu retten!«

»Ich habe keine Tochter mehr!« sagte die Gräfin mit eisiger Kälte. »Und die Ehre unseres Hauses? Glaubst Du, daß es morgen in der Stadt noch eine Dienstmagd giebt, die nicht am Brunnen die Ehre unseres Hauses bespräche?«

Ehe George etwas darauf erwidern konnte, öffnete sich plötzlich die Thür, und der alte Graf, mit einem Antlitz, das auch jeder Blutstropfen verlassen hatte, und gläsernen, stieren Augen, betrat den Saal.

»Mein Vater!«

»Bitte, meine verehrten Herrschaften, behalten Sie Platz!« sagte der alte Herr mit markerschütternder Freundlichkeit; »meine Paula wird gleich erscheinen – nur ein leichtes Unwohlsein.«

»Großer, allmächtiger Gott,« stöhnte George und barg das Antlitz in den Händen, »das ist schrecklich!«

Der alte Graf ging zum Tisch, setzte sich dort auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hand; während er aber so da saß, liefen ihm die großen, hellen Thränen an den Wangen nieder.

»Mein lieber, lieber Vater!« rief George, sprang zu ihm und umschlang ihn mit den Armen.«

»George,« rief der alte Mann und sah ihn an, »bist Du mir noch geblieben?«

»Mein guter Vater, darf ich Dich jetzt zu Bett geleiten?«

»Ja, geh zu Bett, George,« drängte auch die Frau, »die Ruhe wird Dir gut thun; es ist spät geworden.« Und sie half ihm dabei von der andern Seite, um ihn vom Stuhl aufzuheben. Der alte Graf richtete sich aber von selber empor.

»Ja, Kinder,« sagte er, »ich will zu Bett gehen, ich bin recht müde geworden. Deinen Arm, George; so, das geht schon. Gute Nacht, Ottilie, gute Nacht!« Und mit festen Schritten verließ er, von dem Sohn gestützt, den Saal.

23.
Nach dem Theater

Gleich nach der Vorstellung des »Hamlet« ging Fürchtegott Pfeffer nicht unmittelbar nach Hause, denn er fühlte sich so merkwürdig aufgeregt, daß er die Entschuldigung für sich hinreichend hielt, erst noch in der »Hölle« einen Schoppen Wein zu trinken und etwas Warmes dazu zu essen. Daheim fand er doch nichts weiter, als eine Tasse Thee und ein Butterbrod, oder wenn er wollte, ein Glas Bier. An jedem andern Abend hätte er sich aber auch vollständig damit begnügt, und war es in der That gar nicht besser gewohnt; heute drängte es ihn aber außerdem, wenn er es sich auch nicht selber gestehen wollte, Menschen zu sehen und ein Urtheil über die Vorstellung zu hören. Er fühlte mit Einem Wort das Bedürfniß, sich etwas mittheilen zu lassen.

Gedrängt voll saß aber die Stube schon, als er sie betrat, und ein Durcheinanderwogen, Sprechen und Debattiren war dort, daß man sein eigenes Wort kaum hören konnte. Aber auch kein Wunder, denn die Vorstellung heut Abend hatte nicht allein schon genug Stoff geboten, sondern man wollte auch den Fackelzug erwarten, der vor dem »Paradies« vorbei mußte und den zu betrachten der Wirth der »Höllengesellschaft« eins von seinen Zimmern vornheraus eingeräumt hatte. Sobald der Zug ankam, sollten sie gerufen werden.

Jetzt dachte aber fast Niemand an etwas Anderes oder sprach von etwas Anderem, als dem Erfolg Rebe's, und es war eigentlich nur Eine Stimme: daß er die Bewohner von Haßburg auf das Äußerste überrascht und Niemand ihm ein solches Talent zugetraut habe. Allerdings gab es auch Andersgesinnte, und unter diesen Doctor Strohwisch, der in der unbestimmten Hoffnung herübergekommen war, Rebe hier zu finden und eine Flasche Champagner mit ihm zu trinken, und jetzt, da er ihn nicht fand, Manches an der »Auffassung« zu tadeln hatte. Er sollte den »tiefen Sinn« einzelner Stellen nicht erfaßt und gewürdigt, Anderes wieder zu »trivial« gesprochen haben, und wie die verschiedenen Recensentenphrasen alle heißen – aber er wurde überstimmt.

»Spielen Sie einmal den Hamlet,« rief der Maler Arnold dem Doctor entgegen, »so rein vom Blatt weg, ohne Vorbereitung, ohne eine Probe, ohne nur vorher in die Rolle hineinzusehen, und mit kaum Zeit genug, in die Lumpen hineinzufahren! Die Nase rümpfen kann ein Jeder, aber meinen Hals zum Pfande, daß unter hundert Schauspielern nicht zehn, ja, nicht drei sind, die ihm das nachmachen!«

»Nun ja, ich habe ja nichts dagegen,« sagte Strohwisch einlenkend, denn er war verschiedener Ursachen wegen noch nicht mit sich im Reinen, ob er entschieden für oder gegen Rebe auftreten solle; er mußte erst mit ihm »sprechen«. »Er hat in der That das Außerordentliche geleistet, und ohne ihn hätte die Vorstellung gar nicht stattfinden können.«

»Wo, zum Henker, kann aber Handor gesteckt haben?« rief einer der Officiere; »hat ihn denn Niemand gesehen?«

»Meine Herren,« sagte Trauvest, »meine Meinung ist die, daß ihn auch Niemand wieder sehen wird.«

»Nicht wiedersehen?« rief Alles durcheinander. »Woher wissen Sie das?«

»Das will ich Ihnen sagen,« meinte Trauvest ruhig, indem er einen Pfropfen aus einer Flasche Rüdesheimer zog und sie auf den Tisch stellte. »Heute gegen Abend war er hier, ziemlich aufgeregt, und ließ sich eine Flasche Champagner geben. Morgen ist der Erste, und er hatte versprochen, da zu zahlen; ich konnte sie ihm nicht gut verweigern. Da hinten an der Tischecke saß er, ganz allein, den Kopf in die Hand gestützt, und schüttete das edle Getränk nur so hinunter; dann stand er plötzlich auf, warf den Mantel um, sagte »Gute Nacht, Trauvest!« und weg war er. Ich hatte freilich noch immer kein Arges daraus, denn ich dachte, die Rolle ginge ihm im Kopf herum, weil mir Höfken erzählt hatte, daß er den Morgen auf der Probe kein Wort davon gewußt, bis ich heut Abend hörte, daß er gar nicht gekommen wäre und Herr Rebe den Hamlet spielen wolle. Da wurde mir nicht wohl bei der Sache, und ich machte mich in sein Logis hinüber – aber wo war Herr Handor? Sein Wirth schien selber schon Angst gekriegt zu haben, weil so viel Nachfrage nach ihm gewesen, und tüchtig auf der Kreide steht er da drüben ebenfalls, das können Sie sich wohl denken. Wir gingen deshalb zu ihm in die Stube hinauf, und da blieb denn wohl kein Zweifel, daß Herr Handor eine kleine Reise angetreten, wobei überdies noch das Mädchen bestätigte, daß er gegen Abend einen Koffer weggeschickt habe. Einige alte Kleidungsstücke, ein paar Stiefel und zwei oder drei Bücher lagen allerdings noch im Zimmer, das war Alles, die Commodenkasten standen leer und der Vogel war ausgeflogen.«

»Merkwürdig,« rief Barthel, »und morgen ist Gagetag!«

»Ja, als ob er die nicht schon weg hätte!« lachte Höfken. »Wenn aber nun der Rebe nicht eingetreten wäre, das hätte eine Heidenwirthschaft gegeben; und der Erbprinz hat dem Rebe seine eigene Tuchnadel geschenkt.«

»Alle Wetter,« rief Strohwisch, »ist das begründet?«

»Ich habe selber dabei gestanden, wie sie Krüger herunter brachte; aber hol' mich Dieser und Jener, er hat sie auch verdient!«

»Habt Ihr's schon gehört?« rief in diesem Augenblick einer der gewöhnlichen Gäste, der Doctor Kleemann, welcher besonders viel populär-medicinische Aufsätze für Zeitungen schrieb und Stammgast in der »Hölle« war.

»Nun, was ist jetzt wieder?« rief Arnold. »Haben sie ihn erwischt?«

»Erwischt – wen?«

»Den Handor.«

»Was hat denn der ausgefressen?«

»Durchgegangen ist er.«

»Alle Wetter!«

»Aber was wollten Sie denn erzählen?«

»Oben bei Monfords sollte doch heute Verlobungsabend sein und große Gesellschaft war geladen.«

»Ja, welche Alle im ersten Range fehlten.«

»Sie hätten eben so gut in's Theater gehen können,« sagte Kleemann, »aus der Verlobung ist nichts geworden; das wird einen Skandal geben in der haute volée

»Aber was ist denn vorgefallen?« rief Strohwisch ganz Ohr, denn solchen Stoff konnte er brauchen. »Alle Wetter, heut Abend jagen sich ja ordentlich die Neuigkeiten; ich kenne mein Haßburg gar nicht wieder!«

»Was vorgefallen ist?« rief Kleemann; »ein Hauptspaß. Ich war heut Abend beim Ober-Medicinalrath, als etwa vor einer halben Stunde ein Bote vom Monford'schen Schlosse ganz außer Athem heruntergestürzt kam, um den Ober-Medicinalrath, der dort Hausarzt ist, hinaufzurufen. Den alten Grafen hat der Schlag gerührt, denn wie sie sich eben zur Tafel setzen wollten, wo die Verlobung proclamirt werden sollte, geht die junge Comtesse heimlich durch.«

»Die Comtesse Monford,« rief Arnold ordentlich erschreckt, »das wunderhübsche, liebliche Mädchen – aber mit wem?«

»Gott weiß es; hinten im Park soll ein Wagen gehalten haben, und der angeführte Bräutigam war zu Pferde nach. Wahrscheinlich erwischt er sie auch wieder, denn Vorsprung hatten sie nicht viel – aber der Skandal, und in der Gesellschaft!«

»Donnerwetter,« sagte Höfken, seine Faust auf den Tisch legend und ganz verdutzt im Kreise herumsehend, »das wäre eigentlich ein merkwürdiges Zusammentreffen: die Comtesse fort und Handor ebenfalls ausgekniffen – dem traue ich Alles zu!«

»Glauben Sie wirklich?« rief Strohwisch rasch; »die Vermuthung liegt allerdings nahe.«

»Unmöglich ist's nicht,« sagte ein Anderer, »der Handor hatte in der letzten Zeit so viel und heimlich mit dem jungen Grafen zu verkehren.«

»Na, der soll wohl dabei geholfen haben?« rief Arnold verächtlich. »Daß der Welt doch eigentlich nie etwas erwünschter ist, als ein Skandal, wenn er nur nicht sie selber betrifft!«

»Sollten wir etwa bemänteln helfen, was in der haute volée vorgeht?« rief Strohwisch.

»Bemänteln? Davon ist keine Rede; aber nur nicht schmutziger machen, als es wirklich ist!« rief Arnold. »Und überhaupt, was geht uns irgend eine Familienangelegenheit an? Kehre Jeder vor seiner eigenen Thür, da hat er gerad' genug zu thun!«

»Sie paßten schön zu einem Zeitungs-Redacteur,« rief Strohwisch lachend.

»Allerdings für kein Blatt, das nur den Stadtklatsch ausbeutet!« sagte Arnold trocken, der den Menschen überhaupt nicht leiden konnte.

»Meine Herren, der Fackelzug!« rief in diesem Augenblicke Trauvest, dem ein Kellner die Meldung gemacht hatte, daß der Zug gerade die Straße heraufkam; »das Zimmer vorn ist offen.«

Alles sprang in die Höhe, um den Zug mit anzusehen, und das Gespräch war unterbrochen. Die Gäste strömten auch alle nach vorn, um den für Haßburg sehr seltenen Anblick eines solchen Schauspiels zu genießen, und Pfeffer, der heut Abend, seiner sonstigen Gewohnheit ganz entgegen, kein Wort in die Unterhaltung eingeworfen, nahm seinen Hut, zahlte seinen Schoppen Wein und schritt langsam in die vom Volk gefüllte Straße hinaus, nicht etwa, um den Fackelzug mit anzusehen, sondern gleich querüber in eine Seitenstraße einzubiegen und seine eigene Wohnung ungestört zu erreichen.

Er hatte auch ruhig die über Handor's Flucht ausgesprochene Vermuthung mit angehört, aber es interessirte ihn nicht, denn mit jenen Kreisen kam er nie in Berührung und kannte sie gar nicht. Andere Dinge gingen ihm aber im Kopf herum, und vorzüglich, ja, ausschließlich die Wendung, welche Rebe's Geschick unstreitig mit dem heutigen Abend genommen hatte, und das Einzige, was ihn dabei ärgerte, war, daß er ihm selber früher jedes Talent abgesprochen.

»Wer konnte das aber auch denken, wer konnte das auch denken?« murmelte er dabei immer vor sich hin; »so ein Duckmäuser, so ein verwünschter Duckmäuser! Und wie geheim er das Alles gehalten hat – und was wird die Jette dazu sagen? Nun ist's ganz vorbei, nun ist dem Faß der Boden ausgestoßen! Und Jeremias, der hat die ganze Geschichte mit angesehen, seine Glatze leuchtete ja ordentlich unten im Parket – merkwürdig, rein merkwürdig!«

Er hatte sein Haus erreicht, – denn diese abgelegenen Straßen schienen heut Abend von Menschen ganz gesäubert zu sein, so war Alles dem Fackelzuge zugeströmt – schloß auf und tastete sich die dunkle Treppe hinauf. Wie er über den Gang schritt, sah er durch das über der Thür angebrachte Fenster, das der Küche über Tag dürftiges Licht geben mußte, bei seiner Schwester drinnen noch die Lampe hell brennen.

Pfeffer schüttelte mit dem Kopf. Das Mädel saß jedenfalls noch da drinnen und arbeitete bis in die späte Nacht hinein, und der Jeremias hatte es ihr streng verboten. Wettermädel das, und ihre Augen sahen so schon roth genug vom vielen heimlichen Weinen aus! Aber er mochte die Schwester nicht mehr stören, die wahrscheinlich schon schlief, sonst wäre er gern noch einmal hinüber gegangen und hätte die Jette auch in's Bett geschickt, oder ihr noch vielleicht gesagt, was heut Abend vorgegangen; es brannte ihm ordentlich auf der Seele.

Das war aber heut Abend zu spät, morgen früh erfuhr sie's ja auch noch früh genug. Er ging leise an sein Zimmer hinüber, um nicht zu viel Geräusch zu machen, und er wollte aufschließen, denn der Schlüssel stak immer von außen. Es war aber schon aufgeschlossen, wer konnte da drinnen gewesen sein?

Kopfschüttelnd trat Pfeffer zu der Commode, auf der das Feuerzeug stand, und entzündete ein Schwefelhölzchen, ließ es aber vor Schreck wieder fallen, daß es verlöschte, als eine ruhige Stimme im Zimmer sagte: »Guten Abend, Pfeffer; bist Du aber lange geblieben!«

»Herr Du meine Güte,« rief Pfeffer, aber immer noch mit unterdrückter Stimme, indem er rasch ein neues Hölzchen entzündete, »wer, zum Henker, hat sich denn da – Jeremias,« setzte er jedoch in unbegrenztem Erstaunen hinzu, als er beim Schein des aufflammenden Phosphors das dicke, gutmüthige Gesicht seines Schwagers erkannte, »wo kommst Du denn noch her?«

»Ich konnt's nicht mehr aushalten,« flüsterte Jeremias, »ich mußte Dich heut Abend noch sprechen und sitze jetzt hier schon eine volle Glockenstunde auf einer Lichtscheere, wie ich eben entdeckt habe, die' auf dem verwünschten Stuhl gelegen hat. Junge, mir ist zu Muthe, als ob ich tanzen müßte!«

»Auch eine sehr passende Zeit und Gelegenheit dafür,« brummte Pfeffer, dem aber trotzdem nichts Lieberes hätte geschehen können, als daß er seinen Schwager noch getroffen. Dabei zündete er das Licht an und setzte es auf den Tisch. »Na, wie war's? Aber sprich leise, ich glaube, die Guste schläft schon.«

»Licht haben sie noch; wie's dunkel war, schien es durch das Schlüsselloch da drüben herein.«

»Das Blitzmädel arbeitet wieder bis nach Mitternacht; ich habe große Lust, hinüber zu gehen und ihr die Lampe vor der Nase auszublasen. Du warst im Theater?«

»Ja, Pfeffer.«

»Nun, wie – bst – ich glaube, die sprechen da drüben noch zusammen.«

»Jettchen,« hatte die Mutter, welche schon ein paar Stunden geschlafen, die Tochter angerufen, »bist Du denn noch auf, Kind? Es muß ja schon so spät sein.«

»Gar nicht, Mütterchen; aber morgen Abend ist ja der Ball, und ich muß doch denen die Arbeit fertig machen, denen ich sie versprochen habe; und der Brautkranz kam auch noch dazu.«

»Ist denn nicht noch Jemand drüben beim Fürchtegott?«

»Ich habe auch sprechen gehört. Vor einer Stunde etwa kam der Onkel nach Hause, ich hörte wenigstens Schritte, und es ging Jemand in das Zimmer nebenan, und dann hat sich nichts weiter gerührt. Jetzt kam wieder Jemand, und nun sprechen sie mit einander.«

An die Verbindungsthür pochte es.

»Seid Ihr noch munter?« fragte Pfeffer's Stimme.

»Ja, Onkel.«

»Können wir einmal hinüberkommen?«

»Wir – wer denn noch?«

»Der Jeremias.«

»Der Vater? War der es, der noch so spät kam? Es ist doch nichts vorgefallen, Onkel?«

»Können wir noch einmal hinüberkommen?«

»Es ist zu spät, Fürchtegott,« sagte Jeremias abwehrend.

»Nie zu spät, eine gute Nachricht zu hören,« brummte Pfeffer; »wie?«

»Ja gewiß, Onkel; ich habe noch Licht.«

»Das weiß ich, Du kleine Hexe, und auch noch die Finger voll Blätter und Staubfäden; na, warte!« Und sein Licht vom Tisch nehmend, winkte er Jeremias und sah, als er sein Zimmer verließ, nur eben noch, wie Jettchen in die Küche hineinhuschte.

Sie gingen hinüber. Das Bett der Kranken war jetzt im Wohnzimmer aufgeschlagen worden, und die Frau, welche recht leidend aussah, hatte sich aufgerichtet, um die beiden Männer begrüßen zu können.

»Nun, wie geht's heut Abend, Auguste? Wieder viel gehustet? Was machst Du?«

»Es geht etwas besser, seit ich die häßliche Medicin nicht mehr trinken muß.«

»War der neue Doctor da?« fragte Pfeffer rasch.

»Jeremias wollte es ja absolut; er behauptete immer, daß unser alter Arzt mich falsch behandle.«

»Und was sagt der neue? Natürlich Alles verkehrt bisher, wie gewöhnlich, und nun versucht er es einmal mit einer andern Quacksalberei; kommt mir damit, das bleibt immer dasselbe.«

»Er hat mir fast gar keine gegeben,« sagte die Frau leise; »er behauptet, ich wäre gar nicht krank, wenigstens könne er nichts entdecken, was eine ernstliche Cur verlange. Nur vor Gemüthsbewegungen solle ich mich hüten und nur besonders keine traurigen Gedanken machen, denn es sehe ihm beinahe so aus, als ob mich nur die Furcht vor einer Krankheit wirklich krank gemacht hätte.«

»Also mache Dir keine traurigen Gedanken!« lachte Pfeffer.

»Und kann ich denn anders?« sagte die Frau leise. »Sehe ich denn nicht das arme Kind, das Jettchen, den ganzen Tag vor mir, wie es immer ruhig, immer freundlich, mit keiner Klage auf dem Herzen auch mit jedem Tage elender wird und sich verzehrt, und nur Abends, wenn sie glaubt, daß ich schlafe, ihre Schmerzensthränen still und heimlich fließen läßt? Das arme Jettchen! Aber was führt Dich noch so spät hierher, Jeremias? Es ist doch nichts vorgefallen? Lieber Gott, ich habe jetzt immer eine solche Angst, als ob irgend etwas recht Schlimmes eintreten müsse!«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
28 eylül 2017
Hacim:
620 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain