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Kitabı oku: «Eine Mutter», sayfa 24

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»Und wenn's nun etwas recht Gutes wäre, Auguste,« sagte Jeremias, der sich die ganze Zeit verlegen die Hände gerieben hatte – »etwas recht Gutes?«

»Recht Gutes?« rief die Frau aufmerksam werdend. »Ihr seht mir Beide so sonderbar aus, und diese späte Stunde!«

»Wo steckt denn das Jettchen?«

»Hier ist sie schon, Onkel,« rief das junge Mädchen, die Thür öffnend. »Guten Abend Vater! Ich hatte kurz vorher kochend Wasser gemacht, weil die Mutter so hustete; das war den Augenblick wieder zum Kochen gebracht, und da hab' ich Euch Beiden eine Tasse Thee aufgegossen. Onkel trinkt ihn ja doch gern, wenn er Abends nach Hause kommt, nicht wahr?«

»Aber doch nicht um Mitternacht, Schatz; doch nun setze Dich einmal dahin. Wie, Jeremias, nicht wahr? wir wollen den Beiden jetzt einmal eine Geschichte erzählen?«

»Was hast Du nur, Onkel?«

»Dahin setzen und ruhig zuhören; erst gieb mir aber einmal den Zucker her.«

Henriette gehorchte kopfschüttelnd, denn sie begriff gar nicht, was sie aus dem Allen machen sollte. Der Onkel war aber innerlich vergnügt, das hatte sie ihm auf den ersten Blick angesehen; was konnte nur vorgefallen sein?

»So,« sagte jetzt Pfeffer, als er sich hinter den Tisch gesetzt und behaglich seinen etwas späten Thee schlürfte, während ihn die beiden Frauen erwartungsvoll ansahen – »nun erzähl' einmal, Jeremias.«

»Nein, erzähl' Du's lieber,« meinte sein Schwager, »Du kannst's besser.«

»Hm, gut,« nickte Pfeffer, »dann will ich's erzählen; nun paßt einmal auf. Heut Abend war also Hamlet im Theater.«

»Ist das Alles?« lächelte das junge Mädchen, als der Onkel schwieg.

»Doch nicht ganz,« sagte Pfeffer, der in Gedanken nach seiner Cigarrentasche griff, sie aber wieder zurückschob und eine Prise nahm. »Wie wir anfangen wollten, stellte sich nämlich die kleine Schwierigkeit heraus, daß wir – keinen Hamlet hatten.«

»Keinen Hamlet?«

»Handor kam nicht; die Ouvertüre spielte, die Tänzerin mußte ihre Künste machen, und noch immer kein Hamlet.«

»Ja, aber was wurde denn da?«

»Es mußte ihn ein Anderer spielen,« sagte Pfeffer trocken.

»Ein Anderer?« fragte jetzt auch die Frau erstaunt. »Und wer konnte denn in der kurzen Zeit den Hamlet übernehmen?«

»Rebe!« platzte Jeremias heraus.

»Rebe?« riefen die beiden Frauen fast erschreckt wie aus Einem Munde.

»Jetzt verdirbt mir der meine ganze Geschichte!« rief Pfeffer. »Konntest Du denn nicht das Maul halten? Ich hätte sie noch eine ganze Stunde rathen lassen.«

»Aber wie, um Gottes willen, war das möglich?« stöhnte Henriette, während die Mutter ausrief:

»Und ging es gut?«

Jeremias wollte wieder etwas sagen; Pfeffer hatte ihn aber im Auge und fuhr dazwischen:

»Halt, erst komm' ich! Ob es ging? Keine Hand rührte sich im Anfang, Alles war todtenstill, und sie lachten nur, wie Meier mit einem dicken Backen als Güldenstern auftrat. Krüger ging auf dem Theater herum, daß es einen Stein hätte erbarmen sollen, gerade etwa wie Einer, der zum ersten Mal auf einer Versenkung steht und nicht genau weiß, wann sie mit ihm abgeht. Wir hatten übrigens Alle Heidenangst, und ich erwartete jeden Moment, daß sie unten an zu pfeifen fingen. Aber ne – auch der zweite Akt ging vorüber, und im Parterre und Parket saßen sie wie die Mauern.«

»Und dann?«

»Dann haben sie gejubelt und applaudirt und herausgerufen, wie ich's in meinem Leben nicht für möglich gehalten!« rief jetzt Jeremias, der nicht mehr länger an sich halten konnte. »Nein getobt haben sie, wie die Indianer, und der Erbprinz hat dem Rebe seine eigene Tuchnadel als Anerkennung geschickt!«

»Und woher weißt Du denn das schon?« rief Pfeffer.

»Auf der Straße erzählten sich's die Leute. Wie ein Lauffeuer ging's von Mund zu Mund.«

Die Frau hatte vor Freude die Hände gefaltet. Jettchen aber saß still und bleich auf ihrem Stuhl und rührte und regte sich nicht, aber um ihre Lippen zuckte es; sie wollte aufstehen, sie konnte nicht, und plötzlich dem neben ihr sitzenden Vater um den Hals fallend, lehnte sie ihren Kopf auf seine Schulter und schluchzte leise.

»Mein liebes, liebes Jettchen,« sagte Jeremias gerührt, »aber so weine doch nicht, Schatz! Das ist doch keine Ursache zum Weinen, nicht wahr, Fürchtegott? Das ist doch eher Ursache zum Fidelsein. Er hat seine Sache brav gemacht, recht brav, er ist ein ganz tüchtiger Schauspieler, sie Alle sagten da unten, der Handor hätte die Rolle in seinem ganzen Leben nicht so gespielt, und ich habe selber mit applaudirt, daß mir noch jetzt die Hände weh thun.«

»Und was war mit Handor?« fragte die Mutter, die sich immer noch nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte.

»Durchgebrannt ist er und wird wahrscheinlich nicht wiederkommen,« rief Pfeffer. »Jetzt aber geht schlafen, und Du auch, Jettchen; es ist spät und Ihr sollt mir nicht länger wach bleiben.«

»Ja, ich will auch nach Hause gehen,« sagte Jeremias.

»Fällt Dir gar nicht ein,« brummte Pfeffer. »Glaubst Du, daß ich nach all' der Aufregung jetzt schlafen kann?«

»Aber es ist zwölf Uhr vorbei.«

»Gerade deswegen, die Nacht ist doch einmal angebrochen, und Jettchen hat gewiß noch heißes Wasser.«

»Ja, Onkel.«

»Sehr schön; auf den dünnen Thee schläft sich's überhaupt erbärmlich; da setzen wir uns noch drüben in meine Stube, rauchen eine vernünftige Pfeife oder Cigarre – hast Du welche mit, Jeremias?«

»Gute, aber ich habe mich im Theater darauf gesetzt.«

»Auf was Du nicht Alles gesessen hast! Na, es wird schon gehen, trinken ein anständiges Glas Grog dazu und besprechen noch so Manches, was wir auf dem Herzen haben.«

»Ich mache Dir gleich wieder heißes Wasser, Onkel.«

»Setz' uns lieber das Wasser und den Spiritus hinüber, Schatz, und vergiß den Zucker nicht. Du, Dein Rum ist famos, Jeremias; ich bin mit der einen Flasche schon halb fertig – und morgen wollen wir dann das Weitere sehen.«

»Und nun machst Du Dir auch keine traurigen Gedanken mehr, nicht wahr Auguste; es wird ja jetzt Alles gut gehen,« sagte Jeremias herzlich.

»Jetzt nicht mehr, Kinder, jetzt nicht mehr,« sagte die Frau gerührt, »und jetzt wird Jettchen auch die rothen Ränder um die Augen verlieren und nicht mehr heimlich weinen.«

»Aber, beste Mutter!«

»Ruhe im Quartier!« rief Pfeffer; »ich habe eine ordentliche Sehnsucht nach einem Glase Grog. Und nun gute Nacht! Du bist doch nicht böse, daß wir Dich heut Abend noch einmal gestört haben?«

»Ich bin recht glücklich, Fürchtegott!«

»Na, also denn Abgang mit allseitiger Zufriedenheit!« rief Pfeffer, griff Jeremias unter den Arm und schleppte ihn mit in sein Zimmer hinüber, wo die beiden Männer noch wenigstens zwei Stunden zusammen saßen, mit einander rauchten und tranken und zuletzt so vergnügt wurden, daß Pfeffer wieder vor verhaltenem Lachen seinen bösen Husten bekam und hinten in den Alcoven ging und den Kopf in's Bett steckte, damit die Frauen nebenan nicht davon gestört würden.

24.
Am andern Morgen

Lange hatten keine zwei, solcher Art zusammentreffende Ereignisse die Gemüther einer Stadt so gleichzeitig und in allen Schichten der Gesellschaft in Aufregung gesetzt, als die in den vorigen Capiteln beschriebenen.

Da war fast kein Haus in Haßburg, bis zu der niedrigsten Hütte hinab, das sich nicht für den einen oder den andern Theil der Tragödie interessirte, denn Graf Monford war nicht besser und genauer in den höheren, als Handor in den mittleren Kreisen bekannt; und selbst die Handarbeiter und Tagelöhner nahmen Partei in der Sache, denn sie alle kannten den sogenannten »alten Fritz«, den Maulwurfsfänger, der jetzt nicht auf einem einfachen Wildfrevel erwischt sein durfte, sondern jedenfalls bei der Flucht der jungen Gräfin mit geholfen haben mußte.

Es läßt sich denken, daß die abenteuerlichsten Entstellungen dabei zum Vorschein kamen, denn nichts ist so toll und unwahrscheinlich, das nicht doch bei solchen Gelegenheiten eine Menge von Gläubigen und Weiterträgern fände. Leider liegt es dabei nun einmal im Menschen – oder, wenn das zu allgemein ist, doch in dem größten Theil der civilisirten Welt –, daß sie am liebsten Böses oder Nachtheiliges von ihren Mitmenschen hören und es mit viel größerer Vorliebe nacherzählen, als das Gegentheil. Selbst gute Menschen, die nie mit Absicht einem Andern ein Unrecht oder einen Schaden zufügen würden, verweilen mit weit gespannterem Interesse bei irgend einer Schreckenskunde, einem verübten Verbrechen oder einem Unfall, wie bei irgend einem freudigen Ereigniß, und betrifft die Sache nun gar bekannte, oder, noch mehr, befreundete Familien, so können es die verschiedenen Persönlichkeiten kaum erwarten, bis sie im Stande waren, der Sache die weiteste Verbreitung zu geben.

So verworren und unbestimmt alle solche »ersten Gerüchte« aber überhaupt sind, etwas Wahres ist doch gewöhnlich daran, und die Gesellschaft hat besonders eine kaum zu überschätzende Gabe im Combiniren, was ihr in diesem Fall aber noch außerdem sehr erleichtert wurde.

Wie der Gedanke schon an jenem Abend in der »Hölle« aufgetaucht und ausgesprochen worden, daß die Flucht des ersten Liebhabers am Theater mit dem Verschwinden der jungen Gräfin auf das Genaueste in Verbindung stehen könne, so verbreitete sich diese Erzählung des Geschehenen als unwiderlegbare Thatsache am nächsten Morgen durch die ganze Stadt, und die Gräfin Monford hätte jenes Abschiedsbillet ihrer Tochter nicht so sorgfältig zu verbrennen gebraucht; der Inhalt desselben konnte nicht genauer überall bekannt sein, und wenn es Feodor Strohwisch selber gelesen hätte.

Es gab des Neuen aber in der That auf einmal zu viel, um es gleich ordentlich zu sichten und zu verwerthen, und wahrlich, der Stoff, wenn nur ordentlich eingetheilt, würde für den ganzen Sommer und bis spät in den Herbst hinein gelangt haben, um die Gemüther in einer angenehmen Aufregung zu erhalten. So puffte Alles mit Einem Mal in die Höhe; es war ordentlich schade.

Und dabei sollten die Damen auch noch ihren Putz für den heut Abend stattfindenden Ball herrichten, wo jede darauf brannte, Besuche zu machen oder zu empfangen. Es war das schwierigste Stück Arbeit, das sie in ihrem ganzen Leben geleistet, und nur die Aussicht, auch dafür heut Abend wenigstens ihre Meinungen auszutauschen und noch eine Masse interessanter Einzelheiten zu erfahren, konnte sie einigermaßen dafür entschädigen.

Unberührt von dem Allen saß indessen der Held des vorigen Theaterabends, Horatius Rebe, in seinem kleinen, ärmlichen Dachstübchen und träumte den verlebten seligsten Tag seines Lebens noch einmal durch.

Er wußte von Allem nichts, weder von Handor's wirklichem Durchgehen, noch von den Ereignissen, die sich in dem ihm überdies vollkommen fremden gräflich Monford'schen Hause zugetragen, und das doch eigentlich die directe Ursache seines gestrigen Triumphes gewesen.

Das Herz zum Zerspringen voll von Glück und Seligkeit, gab er sich ganz dem einen erhebenden Gefühl hin, endlich seinen Beruf gefunden zu haben, daß seine Zuversicht, sein Vertrauen zu sich selbst ihn nicht getäuscht und daß er im Stande gewesen, nicht allein dem Publikum, nein, auch sich selber zu beweisen, er verdiene den Namen eines Künstlers und sei besser als das, wozu man ihn bis jetzt gemacht und gebraucht: ein Ausfüllsel für werthvollere Stoffe.

Wie hatte ihn bis jetzt Alles unterdrückt und unter die Füße getreten, vom Director nieder bis zum Souffleur, der ihm ja hier in seinem eigenen Zimmer gesagt, daß er lieber Schuster oder Schneider werden, aber jedenfalls die Bühne verlassen solle, weil er kein Talent dafür habe! War ihm denn auch nur von Einer Seite Aufmunterung und Trost geworden – nur von Einer Seite? Aber ja, Henriette; sie allein hatte ihn immer getröstet, wenn er schon verzweifeln wollte, sie allein war lieb und freundlich mit ihm gewesen und hatte den armen Ausgestoßenen nie fühlen lassen, wie verloren und verlassen er in der Welt stehe. Und würde er sie wiedersehen? Gott allein wußte es; denn er ging heute Morgen einen ernsten Gang, und jeden Augenblick erwartete er den Freund, einen alten Commilitonen, der hier bei einem Arzt als Famulus eingetreten war, zurück, um zu erfahren, welche Zeit er mit Herrn Handor für ihr bestimmtes Rencontre ausgemacht und besprochen habe.

Und wenn er fiel? – dann mit Gott, er fiel doch ehrenvoll! Er hatte bewiesen und beweisen können, daß er den Kampf nicht muthwillig und in Überschätzung seiner eigenen Kräfte gesucht, sondern daß er dazu durch ungerechtfertigte Mißhandlung und Heruntersetzung gezwungen worden.

In diesem Augenblick klopfte es an die Thür, und ehe er noch »Herein« rufen konnte, öffnete sich diese und der Erwartete trat ein.

»Nun, Frank, wie steht's?« rief ihm Rebe entgegen. »Wann ist die Zeit? Je eher, desto besser!«

»Höre, Rebe,« sagte der junge Mann, »wenn Du absolut schlagen willst, so mußt Du Dir schon einen Andern suchen, denn Handor ist fort!«

»Fort?«

»Ich hörte schon gestern Abend darüber munkeln, mochte Dir aber nichts davon sagen, bis ich mich selber überzeugt hätte; aber es hat seine Richtigkeit. Ausgekniffen nach allen Regeln der Kunst; aber wohl kaum des Duells wegen, sondern mit einer jungen Dame aus einer der ersten Familien der Stadt, der Comtesse Monford, und mit Hinterlassung eines negativen Vermögens von circa zwanzigtausend Gulden.«

»Und gestern Abend schon?«

»Vor Dunkelwerden ist er noch gesehen worden; jetzt sucht ihn alle Welt, und wird er wirklich eingebracht, möchte er wohl kaum im Stande sein, Dir Genugthuung zu geben. Sei übrigens froh, denn Du bist auf diese Art die unangenehme Geschichte am besten los geworden.«

»Ich begreife noch immer nicht…«

»Du wirst das Nähere schon über Tag hören, denn die ganze Stadt ist voll davon; ich selber habe aber keine Zeit, denn ich muß zu Monfords hinaus, wo gestern ein Mensch, der sich seit einigen Jahren hier im Lande herumtreibt, beim Wildern vom Förster erwischt worden ist und einen bösen Schuß in den Schenkel bekommen haben soll. Also auf Wiedersehen! Sobald ich kann, komme ich zu Dir; die Sache ist aber abgemacht und Du brauchst Dir deshalb nicht weitere Sorgen zu machen.« – Und seinen Hut aufsetzend, den er noch nicht einmal abgelegt, schoß er aus dem Zimmer.

Rebe ging eine Weile mit gekreuzten Armen in seinem kleinen Kämmerchen auf und ab. Was war nicht Alles vorgefallen in den kurzen Tagen, wie drängte sich Ereigniß auf Ereigniß, und wie würde sich selber jetzt sein Schicksal gestalten? – Handor fort auf Nimmerwiederkehren, denn nach dem Geschehenen wäre ja doch seine Stellung am hiesigen Theater unhaltbar gewesen. Sein eigener Contract war dabei mit dem heutigen Tage abgelaufen, und er sollte jetzt die Stadt verlassen, in der er Alles zurücklassen mußte, an dem sein Herz, seine Seele hing. Und war es doch vielleicht möglich, daß er noch blieb? Waren die freundlichen Worte, die ihm der Director gestern Abend nach der Vorstellung gesagt, nicht blos eine leere Höflichkeitsform gewesen, die er heute vergessen hatte oder vielleicht gar bereute?

Wieder klopfte es laut und herzhaft an, und auf Rebe's »Herein« öffnete sich die Thür und Feodor Strohwisch stand in Lebensgröße auf der Schwelle.

Rebe war in der That erstaunt, denn der gefürchtete Recensent Haßburgs hatte ihn bis jetzt, wie er für ihn in der Kritik nie anders als höchstens in einer höhnischen Bemerkung existirte, kaum eines Blickes gewürdigt, wenn er ihm auf der Straße begegnete, ja, selbst die Form des gewöhnlichen Anstandes so weit außer Acht gelassen, ihm nicht einmal auf einen Gruß zu danken, so daß ihn Rebe von da an ebenfalls ignorirte. Und der besuchte ihn jetzt?

Rede war so erstaunt, daß er nicht einmal gleich wußte, wie er ihn empfangen solle. Feodor Strohwisch überhob ihn aber aller derartigen Bedenklichkeiten, denn mit der liebenswürdigsten Cordialität streckte er ihm, während er den Spazierstock unter dem Arm und den Hut auf dem Kopf behielt, beide Hände entgegen und rief herzlich und entzückt:

»Lieber, bester Rebe, gestatten Sie mir, daß ich der Erste sei, der Ihnen zu Ihrem gestrigen ungeheuern Erfolge Glück wünscht; Sie können gar nicht glauben, wie ich mich darüber gefreut habe!«

»Herr Doctor,« sagte Rebe, der sich noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte, »das ist in der That eine Überraschung, Sie bei mir zu sehen.«

»Und das wundert Sie?« sagte Strohwisch vollkommen unbefangen; »ich muß Ihnen nur gestehen, daß ich Ihr keimendes Talent schon lange im Stillen beobachtet und erkannt habe, wenn ich auch natürlich nicht ahnen konnte, daß es einmal plötzlich in einer solchen Flamme emporlohen würde. Vortreffliches Bild, nicht wahr? Mit Krüger ist aber nichts anzufangen, der reitet so lange auf seinen Steckenpferden herum, bis er sie alle zu Schande geritten hat; denn wäre der meinem Rathe gefolgt, so würde er Sie schon lange anständig beschäftigt haben – aber Gott bewahre!«

»In der That, Herr Doctor?«

»Das können Sie mir glauben,« sagte Strohwisch, seinen Hut auf den Tisch stellend und sich selber auf einen Stuhl werfend. Dabei sah er sich augenscheinlich im Zimmer nach etwas um.

»Ich bin Ihnen dann in der That sehr zu Dank verpflichtet,« sagte Rebe trocken, »und muß nur bewundern, wie geheimnißvoll Sie das Alles betrieben haben.«

»Bescheidenheit, lieber Freund, vielleicht thörichte Bescheidenheit. Aber à propos, haben Sie nirgendwo eine Cigarre? Meine Cigarrentasche muß in einem andern Rock stecken.«

»Ich bedaure sehr, ich rauche gar nicht.«

»Sie rauchen nicht? Das ist merkwürdig, das müssen Sie sich noch angewöhnen – ein Künstler und nicht rauchen! Sie sind ein ganz außerordentlicher Mensch, Rebe, ein ganz außerordentlicher Mensch!«

Dabei griff er in die Tasche, nahm die in dem andern Rock vermuthete Cigarrentasche, und aus dieser eine Cigarre, biß sie ab und entzündete sie dann mit dem auf dem Tisch neben dem Licht stehenden Streichfeuerzeug.

»Und haben Sie auch schon davon gehört,« fragte Rebe endlich, da sein Besuch keine Anstalt machte, das Gespräch wieder aufzunehmen, sondern nur an seiner etwas schwergehenden Cigarre zog, »daß Herr Handor wirklich durchgegangen sein soll?«

»Futsch,« erwiderte Strohwisch, indem er den Rauch in einer Wolke von sich blies, »vollkommen futsch! Ich habe es schon lange erwartet; er konnte sich auch hier nicht länger halten, oder wurde vielmehr nur noch künstlich von mir über Wasser getragen. Es war vorbei, er hatte sich ausgespielt; immer wieder dieselbe Geschichte, eine Rolle wie die andere, ob er den Marquis Posa oder den Wetter vom Strahl, den Mar Piccolomini oder den Faust spielte. Das Publikum ermüdete zuletzt und sehnte sich nach einer frischen, natürlichen Kraft, und daher auch der rasende Erfolg, den Sie gestern Abend errangen.«

»Aber Herr Handor war hier sehr beliebt.«

»Bah, gemacht; jeden Abend zwanzig Freibillets im Theater, und die, richtig vertheilt, können 'was ausrichten. Sie glauben gar nicht, Rebe, was ein einziges Paar Hände im rechten Moment bedeutet, und ich denke, ich habe Ihnen gestern eine Probe davon gegeben, als ich im dritten Act, wie ich das Publikum genugsam vorbereitet glaubte, mit einem Avec einsetzte.«

»Sie, Herr Doctor?«

»Nun, versteht sich; daß das ein alter Prakticus war, konnten Sie doch gleich am Zuschlagen hören. Das erste Rennen haben Sie dadurch gewonnen, und jetzt kommt Alles darauf an, wie die Sache gehandhabt wird, um Ihnen ohne allen Zweifel einen bleibenden Erfolg hier zu sichern.«

»Das würde wohl nutzlos sein,« meinte Rebe, »sich darüber den Kopf weiter zu zerbrechen, denn mein Contract ist mit dem gestrigen Tage abgelaufen. Es war der letzte Abend, der mir Gelegenheit bot, dem Publikum doch wenigstens zu zeigen, daß ich nicht ganz so mittelmäßig sei, als ich bis daher hingestellt worden.«

»Schwatzen Sie kein Zeug,« sagte Strohwisch mit einer Protectormiene, »Sie jetzt Haßburg verlassen? Denken gar nicht daran – der Director wird doch kein Esel sein und darein willigen!«

»Es wird doch wohl so werden.«

»Und wo will er denn einen Andern herkriegen? Glauben Sie, die ersten Liebhaber laufen auf der Landstraße herum, daß man nur einen Gensdarmen hinzuschicken braucht, um sich einen einzufangen? Hahahaha, denken Sie sich das Bild! Nein, wenn das Publikum mit Ihnen hier zufrieden ist, so hat Krüger gar keine Wahl, und wer das Publikum eigentlich hier in Haßburg ist, Rebe, ich dächte, das wüßten Sie doch – das bin ich.«

»Sie, Herr Doctor?«

»Fragen Sie nicht so kindlich. Wer schreibt denn die Recensionen über das hiesige Theater, und in wessen Händen liegt es denn, zu bestimmen, ob ein Künstler hier reüssiren soll oder nicht? Sobald ich meine Hand von ihm abziehe, ist er verloren, so lange ich ihn halte, jubelt ihm das Publikum entgegen – Publikum, wenn ich nur den Namen gar nicht mehr hören müßte! Es ist eine zusammengelaufene, urtheilslose Masse, die nur in höchst seltenen Fällen, selbst im Theater drin, eine eigene Meinung kundzugeben wagt, bis sie erst einmal gehört und gelesen hat, wie die Sache besprochen ist.«

»Aber gestern Abend war doch das Gegentheil der Fall.«

»Weil ich zu applaudiren an fing!« rief Strohwisch leidenschaftlich. »Tausendmal haben Sie ja den Beweis mit einem neuen Stück; sitzen sie nicht drin wie die Stöcke und rühren keine Hand, bis sie erst am nächsten Morgen gelesen haben, wie das Stück gefallen hat. Und applaudiren sie wirklich einmal und rufen heraus, und ich beweise ihnen am nächsten Morgen, daß sie sich blamirt haben, sehen Sie einmal zu, ob nachher bei der zweiten Ausführung noch zehn Menschen im Theater sind!«

»Sie mögen in mancher Hinsicht nicht Unrecht haben.«

»In mancher Hinsicht? Lieber Freund, ich habe in jeder Hinsicht Recht. Wer applaudirt denn im Theater? Beantworten Sie mir einmal die Eine Frage. Der erste Rang? Fällt ihm gar nicht ein, das schickt sich nicht für das vornehme Pack und strapazirt die Glacéhandschuhe auch zu sehr, denn man kann sich nicht alle acht Tage ein Paar neue kaufen. Das Parterre ist's, das den Ton angiebt, und der dritte Rang bildet das Echo und macht den Spectakel, und fängt jedesmal deshalb an heraus zu schreien, weil sie den Vorhang noch einmal wollen aufgehen sehen und dadurch etwas mehr für ihr Geld bekommen. Wer sitzt aber im Parterre? Der ehrliche Bürger, Gevatter Schneider und Handschuhmacher, Bierbrauer, Metzger, Posamentirer, lauter Leute, die sich blos für eine Kleinigkeit amüsieren wollen und von denen Sie nicht verlangen können, daß sie auch gleich ein fertiges Urtheil mit hineinbringen. Diese Leute repräsentiren das Publikum, und der erste Rang, so sehr er auch die Nase darüber rümpfen würde, wenn man ihm vorhalten wollte, daß er sich gerade von diesen in seinem eigenen Urtheil bestimmen lasse, besteht doch aus nichts als aufgeputzten Gliederpuppen, die Entrée bezahlen, das Theater füllen und höchstens untereinander raisonniren.«

»Dann muß ich schon meine Chance nehmen, wie sie eben fällt,« sagte Rebe achselzuckend, denn Doctor Strohwisch fing an ihm unangenehm zu werden. »Wir wollen's abwarten. Sie haben mich gestern so freundlich aufgenommen, daß ich wohl hoffen darf, sie werden mir auch ein freundliches Andenken bewahren.«

»Andenken? Phantasie!« sagte Strohwisch. »Bilden Sie sich nur nicht ein, daß Krüger Sie fortläßt, er darf es gar nicht, oder er hätte mich auf dem Halse, und das riskirt er nicht. Nein, betrachten Sie Ihr Wieder-Engagement als vollkommen gesichert; und dann, lieber Rebe, haben Sie keine Sorge, ich mache die Geschichte, ich weiß Bescheid, und Sie sollen einmal sehen, in acht Tagen kräht kein Hahn mehr nach Handor und Sie spielen eine von seinen Rollen nach der andern ruhig weg.«

»Sie malen mir die Zukunft sehr verführerisch, Herr Doctor,« lächelte Rebe, »aber die Hauptsache würde ich doch wohl machen müssen, wenn es wirklich dazu käme. Wenn die Kritik dabei ein wenig nachsichtig mit mir verfahren wollte, so würde ich das dankbar anerkennen, denn ich kann wohl sagen, ich bin durch mein langes Zurückhalten in kaum mehr als Statistenrollen auch kaum mehr als ein Anfänger jetzt und muß wieder von Neuem beginnen.«

»Und was zahlen Sie für die Spalte Honorar?« sagte der Doctor, der mit einer liebenswürdigen Unbefangenheit, die nichts zu wünschen übrig ließ, auf den Hauptpunkt übersprang.

»Zahlen für die Spalte?« sagte Rede wirklich überrascht, denn nach seinen Ansichten von Ehrgefühl war es doch nicht denkbar, daß der »Doctor« damit sagen wollte, er wünsche seine Recensionen von ihm bezahlt zu haben. »Ich verstehe Sie nicht.«

»Sie sind wirklich kindlich,« lächelte Doctor Strohwisch; »Sie wissen doch, daß ich meine Recensionen stets honorirt bekomme.«

»Aber doch nicht von dem Schauspieler!« rief Rebe ordentlich erschreckt.

»Nein, nicht von allen,« sagte der Doctor, »aber die haben sich die Folgen dann auch selber zuzuschreiben.«

Rebe war ein seelensguter Mensch und hätte sich lieber das Äußerste versagt, ehe er im Stande gewesen wäre, irgend Jemanden wissentlich zu beleidigen. Bei dieser Unverschämtheit, von der er bis jetzt wirklich noch keinen Begriff gehabt, kochte ihm aber doch das Blut, und er mußte sich Mühe geben, an sich zu halten.

Strohwisch dabei, mit keiner Ahnung, was in dem jungen Künstler vorging, und in der Meinung, er überlege jetzt mit sich im Stillen, was er ihm etwa bieten könne, sah ihn freundlich lächelnd an und blies ihm dazu den Rauch seiner Cigarre in's Gesicht.

»Nun?« fragte er endlich.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Doctor,« erwiderte ihm Rebe mit mühsam errungener Fassung. »Erstlich ist die Sache mit einem Wieder-Engagement hier noch im weiten Felde, ich glaube noch nicht einmal daran; wenn das aber auch wirklich eintreten sollte, so bin ich fest entschlossen, was ich erreiche, auch nur mir selber zu verdanken und nie im Leben eine gute Kritik zu bezahlen, wenn ich sie mir nicht ehrlich verdient habe. Ich werde mir die größte Mühe geben, ich werde fleißig lernen, und daß ich der Sache Lust und Liebe entgegenbringe, deß ist Gott mein Zeuge. Mehr kann aber auch kein Mensch von mir verlangen, und genüge ich damit dem Publikum nicht, gut, dann setze ich meinen Stab weiter und will versuchen, mich zu vervollkomnmen, bis ich den Rang erreicht habe, nach dem ich strebe. Genüge ich ihm aber und finden Sie selber, daß ich meinen Platz ausfülle, dann muß ich es Ihnen auch selber überlassen, was Sie darüber schreiben wollen.«

»Mein lieber Herr Rebe,« sagte Strohwisch trocken, »mit diesen Grundsätzen brauche ich kein Prophet zu sein, um Ihnen zu sagen, daß Sie schon in den nächsten acht Tagen ausgepfiffen werden.«

»Herr Doctor!«

»Auf mein Wort, gar keine Frage,« lächelte Strohwisch; »ein Recensent ist nun einmal nicht im Stande neutral zu bleiben. Entweder interessire ich mich für oder gegen Sie, und jetzt haben Sie noch die Wahl. Seien Sie vernünftig,« setzte er dann mit gutmüthigem Kopfschütteln hinzu; »sehen Sie, ein Mensch kann ja doch nun einmal nicht mit seinem Schädel durch eine Mauer rennen, und wie die Welt ist, ändern Sie sie ja doch nicht. Wir wollen die Sache aber einfacher machen, Sie kennen doch das Institut der Lebensversicherungen, nicht wahr? Nun gut; sehen Sie, wie Sie dort Ihr Leben oder in einer andern Anstalt Ihre Möbel, Wäsche und Kleider gegen eine Feuersbrunst versichern können, so versichern Sie bei mir Ihre Carriere als Künstler, und ich will nicht hart mit Ihnen sein: fünf Procent von Ihrer Gage – beim Himmel, Sie dürfen sich nicht über mich beklagen, und die ganze Geschichte kostet Sie im höchsten Fall lumpige hundert Thaler das ganze Jahr.«

»Und wenn ich es für hundert Groschen, ja, für hundert Pfennige haben könnte,« rief Rebe jetzt, von seinem Stuhl emporspringend und wirklich ganz außer sich, »so würde ich mich vor mir selber schämen, einen solchen – Patron zu bestechen, wie Sie sich mir eben gezeigt haben!«

»Bitte,« sagte Strohwisch, sich mit spöttischer Höflichkeit von seinem Stuhl erhebend, aber doch nicht gewillt weiter zu gehen, denn Rebe war von sehniger Statur und muskulös gebaut. »Ich sehe, Sie sind kein Geschäftsmann, Herr Rebe, und bedauere wirklich herzlich, Ihre werthvolle Zeit heute Morgen so lange in Anspruch genommen zu haben. Ob Sie recht daran gethan, mein freundliches Entgegenkommen in solcher Art zurückzuweisen, mag die Zeit lehren. Für jetzt habe ich die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen!« Und seinen Hut aufgreifend, verließ er mit einer sehr förmlichen Verbeugung das Zimmer.

Rebe fühlte sich eine Last von der Seele genommen, als der Mensch ging; denn so lange er sich in seiner Nähe befand, war es ihm ordentlich, als ob irgend ein böser Geist Macht über ihn gewinnen und ihn von seinem ehrlichen Pfade ablenken wollte. Aber kehrte er noch einmal zurück? Draußen knarrte wieder die Treppe. Aber nein, das waren zwei Personen; er hörte Stimmen. Es wurde wieder geklopft.

»Herein!«

»Bitte, nach Ihnen, ich bin hier zu Hause!« hörte er Jemanden sagen. Das war Peters. Die Thür öffnete sich weit und der Theaterdiener nöthigte auch wirklich – Rebe's Herz schlug hoch – Henriettens Vater zuerst hinein.

Jeremias hielt sich aber nicht lange bei der Vorrede auf. Er ging auf Rebe zu, reichte ihm herzlich die Hand und rief: »Mein lieber Rebe, ich komme hierher, um Ihnen Abbitte zu thun.«

»Mir, Herr Stelzhammer?«

»Ich habe Sie im Verdacht gehabt, daß Sie kein Schauspieler wären und die Geschichte nur so aus Plaisir mitmachten; ich bin jetzt aber anderer Meinung darüber. Bleiben Sie dabei, Sie gehören nirgends anders hin, und – ich hoffe, es soll noch Alles gut werden.«

»Mein bester Herr…«

»Nicht wahr, er hat seine Sache gut gemacht!« rief Peters, der selber mit stolz auf den gestrigen Erfolg war, den der Director allerdings auch seinen Beinen zu verdanken hatte. – »Ja, ganz brav hat er's gemacht, und hier, Herr Rebe, auch ein Brief vom Director. Sollen um zwölf Uhr einmal zu ihm in's Bureau kommen, verstehen schon – gratulire im Voraus.«

»Und haben Sie bis dahin noch etwas vor?«

»Nicht das Geringste, Herr Stelzhammer.«

»Schön; hätten Sie etwas dagegen, mich einmal zu begleiten?«

»Wohin, Herr Stelzhammer?«

»Nu, natürlich in den Italienischen Keller,« sagte Peters mit einem verschmitzten Lächeln; »wohin kann man einen Menschen um diese Tageszeit wohl führen? Aber, Donnerwetter, was wollte denn der Doctor Strohwisch schon bei Ihnen – pumpen? Natürlich! Halten Sie sich den zum guten Freunde, wenn ich Ihnen rathen soll; er hat ein bitterböses Maul.«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
28 eylül 2017
Hacim:
620 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain