Kitabı oku: «Casmilda's Gewinn durch Verlust», sayfa 6
„Wie hättest du sie denn gerne?“, fragte Cornelia, und klopfte genervt mit ihrem Kamm gegen ihre rechte Hüfte, um ihrem Kunden ein wenig Entschlussfreudigkeit zu vermitteln, während sie die andere Hand starr in die andere Hüfte gestemmt hatte. Für gewöhnlich besprach sie die Anliegen eines Kunden bezüglich seines Schnittes im trockenen Zustand, damit sie den Haar fall im ursprünglichen Sinne deuten konnte, doch sie wollte Daniel so schnell als möglich wieder loswerden. Du wirst fantastisch aussehen, wie auch immer deine Wünsche lauten mögen, dachte sie gehässig.
„Am Oberkopf hätte ich sie gerne etwas kürzer, und an den Seiten kannst du ein wenig mehr abschneiden.“ Die junge Stylistin nickte enthusiastisch und nahm die ersten Strähnen zwischen ihre Finger, um sie entsprechend zu kürzen. Daniel hatte in den letzten zwei Tagen oft versucht, Conny telefonisch zu erreichen. Doch sie hatte alle seine Anrufe ignoriert. Er musste also persönlich mit ihr sprechen, um die Dinge zu regeln, die ihn bezüglich seiner Herzensdame beschäftigten. Als sie zu schneiden begann, wurde ihm das Ausmaß seiner Dummheit bewusst, während er seufzend einen Punkt am Rand des Spiegels fixierte. Schließlich kratzte er all seinen Mut zusammen, seine Lippen öffnete sich langsam.
„Conny, es tut mir leid. Ich habe mich wie ein Idiot verhalten, als ich dich in knappen Worten am Telefon von mir wies. Bitte lass' uns diesen Freitag gemeinsam zu Abend essen, bei einem Glas Rotwein will ich dir meine Beweggründe für mein Verhalten erklären, das heißt, insofern du zu dieser Zeit noch keine anderen Pläne geschmiedet hast“, stammelte er schüchtern. Während seiner wohl bedachten Worte hatte er zwischenzeitlich die Augen seiner Ex-Freundin im Spiegel vor ihm gesucht, doch es war vergebene Liebesmüh'. Cornelia musste sich ein Lachen verkneifen, als sie diese Sätze des ihres Erachtens nach aufgesetzten Selbstmitleides vernahm. So viel Anstand und Stolz wollte sie nun besitzen, sich nicht von diesem Möchtegern-Casanova einwickeln zu lassen. Sie schwang ihre Schere mit adretten Bewegungen, tänzelte dabei locker um Daniel herum, ohne jedoch auf seine Bitte zu reagieren. Diese kokettierte sie nur mit einem angespannten Lächeln der Herablassung. Sie empfand es als dreist und respektlos von ihm zu glauben, ein romantisches Abendessen könne sie eventuell umstimmen, um mit ihm einen Neuanfang zu wagen. Conny interessierte sich in ihrem momentanen Zorn nicht für die Beweggründe des Schlussstriches ihres Exfreundes, insofern man ihn als jenen bezeichnen konnte, binnen der kurzen Zeit ihres Beisammenseins. Daniel fuhr fort, deutete an, wie sehr er ihre kurze gemeinsame Bindung genossen habe, wie sehr er seine Entscheidung bereue, verschwendete jedoch in Wirklichkeit seine Zeit. Nach wenigen Minuten gab er auf, ließ die Schultern hängen, und fragte sich, was Cornelia für Unfug auf seinem Haupt verrichtete. Er zuckte kurz mit dem rechten Augenlid, zeigte jedoch ansonsten keinerlei Reaktion. Sie schnitt ihm am Oberkopf drei Zentimeter ab, missachtete die starke Rundung seines Kopfes und setzte ihm einen optischen Ballon auf. An den Seiten raspelte sie seine Haare kurz ab. Casmy wollte sich dieses Desaster nicht länger ansehen. Nachdem ihre Kundin an der Kassa bezahlt hatte, ging sie schnurstracks zu ihrer Kollegin, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte: „Was machst du da? Soll Daniel etwa Antiwerbung für unseren Salon verbreiten? “ Doch Cornelia tat, als hätte sie nichts gehört. Der junge Bäcker hatte mittlerweile die Augen geschlossen, weil er dieses Desaster nicht länger mit ansehen wollte, somit entging ihm auch Casmys Anwesenheit. Diese ärgerte sich über die typische Arroganz ihrer besten Freundin und machte eine Kaffeepause.Binnen zehn Minuten hatte Conny ihr „Meisterwerk“ zu Ende gebracht. Schnelligkeit war zwar in der Friseurbranche ein wichtiges Thema, aber man sollte auch auf die Wünsche des Kunden eingehen, und sich eine gewisse Zeit für ihn nehmen, erst recht in einem snobistischen Salon. Im „Normalfall“ tat Cornelia das ja auch.
Kapitel 4 Schmerz kommt bitte in den privaten Müll!
Dieser Haarschnitt ließ den jungen Bäcker missraten aussehen, zwar war er sauber erarbeitet worden, ließ aber sein rundes Gesicht trotz körperlich schlanker Statur viel zu stark zur Geltung kommen. Ein rundes Gesicht, eine runde Kopfform und ein Haarstyle, der die Rundung betonte – diese Kombination entstellte sein Äußeres definitiv. Gekünstelt stolz zeigte die Friseuse ihrem Kunden den hässlichen Schnitt im Handspiegel. Daniel blickte traurig in die glasklare Fläche.
„Geht es dir jetzt besser?“
Langsam aber sicher erstarb Connys hämisches Grinsen, und ihre straff gespannten Lippen sanken nach unten. Sie ließ den Spiegel sinken, lauter Motive, die ihre Besinnung andeuteten. Cornelia schwieg. Auf diese Frage fiel ihr momentan keine Antwort ein. In Daniels Augen lag eine interessante Mischung aus Verzweiflung, Unsicherheit, und Suche nach Halt, den Cornelia ihm nicht geben wollte.
„Ich wollte dir nicht weh tun!“ sprudelte es aus ihm heraus, lauter als er die Absicht danach hegte. Er schien den Tränen nahe zu sein. Conny behielt ihr Schweigen weiterhin bei, ihr arroganter Blick war jedoch einer klaren Unsicherheit gewichen, als sie mit verdattertem Blick seinen traurigen Augen zu entkommen versuchte. Endlich meinte sie, ihre letzte Energie der Künstlichkeit aufwendend: „Wie gefallen dir deine Haare?“, um abzulenken.
„Das ist mir einerlei, ich sehe aus wie eine Niete, aber du hattest wohl allen Grund, mich zu verunstalten. Ich verstehe das!“ Zwar wusste er, dass diese Aussage nicht ganz der Wahrheit entsprach, denn derartig grob und zynisch wurde er noch nie behandelt, weder in einem Friseursalon noch in anderen Institutionen der sozialen Dienstleistung, aber er erhoffte sich von diesen Worten, Conny doch noch weichklopfen zu können. Zumindest riss sie nun erstaunt die Augen auf. Mit diesem Satz hatte sie jetzt am wenigsten gerechnet. Warum auch? Sie konnte selbst kaum begreifen, warum sie Daniel so sehr hasste, doch er schien Verständnis für ihre haltlos gesteuerten Emotionen zu haben. Wenn sie nicht so stur gewesen wäre, hätte sie ihn um eine Erklärung gebeten. Sie hatte ihn als einen sensiblen Menschen eingeschätzt, aber dass er in derart hohem Maße gefühlvoll sein konnte, überraschte sie nun doch. Sie starrten sich eine Weile im großen Spiegel an. Schließlich schloss Cornelia kurz die Augen, schüttelte den Kopf, um sich von ihrem Bild seiner verständnisvollen und einfühlsamen Seite zu verabschieden, öffnete sie wieder und sagte mit zitternder Stimme: „Es ist aus zwischen uns, ein für alle Mal, außerdem bin ich nicht bindungsfähig! Casmilda kann das bestätigen, nicht wahr?“ Sie neigte ihr Haupt in Richtung Mitarbeiterraum, doch Casmy schüttelte nur den Kopf. Sie nahm sich vor, über dieses Thema mit Conny nicht mehr zu sprechen, sie würde ihres Erachtens nach schon eines Tages auf die Nase fallen und lernen.
„Es ist irrelevant, was deine Freundin darüber denkt“, kommentierte Daniel plötzlich in saloppem Ton, als er sich samt seines Friseurstuhls mit einer schnellen Körperbewegung in Richtung des Gesichtes seiner Friseurin drehte, um ihr tief in die Augen zu schauen, die sie ihm aufgrund eines überraschten Reflexes zuwandte, dabei kaum merklich erschrak und kurz zusammenzuckte.
„Wenn du es sagst, wird es schon so sein,“ fuhr er unbeirrt fort, „ doch eine Bindung geschieht von selbst, in dir. Wenn du meinst, du bist nicht bindungsfähig, bin ich wohl auch nicht derjenige, für den du diese Unfähigkeit aufgeben wirst. Ich kann und will dich zu nichts zwingen.“
Diese Worte kamen ihm kälter über die Lippen, als er es geplant hatte. Dann stand er raschen Mutes auf, legte das Geld auf den Bedienungsplatz und ging. Auf provokante Art schloss er bewusst langsam und leise die Türe hinter ihm, als er bemerkte, wie Cornelia ihm offenen Mundes mit großen Augen hinterherstarrte. Sie rang um Fassung, wischte sich eine Träne hinfort. Anschließend ging sie flotten Schrittes in den Mitarbeiterraum, setzte sich auf einen Stuhl, und gab sich, den Kopf in ihre flachen Hände gelegt, den darauffolgenden Tränen hin. Sie fühlte sich alleine und im Stich gelassen, und wusste, dass niemand sie trösten würde, da hierfür die Zeit fehlte. Casmilda hatte ihre kurze Verschnaufpause bereits beendet. Um 19 Uhr hatte Die fliegende Schere eigentlich schon geschlossen, aber langjährige Stammkunden, so wie sie an diesem Abend erschienen, wurden noch bedient.
Conny blickte auf ihre Armbanduhr, dessen Schutzhülle die Tränen abperlen ließ. Die Uhr zeigte fünf nach sieben. Sie wusch sich das Gesicht im Spülbecken des Aufenthaltsraumes und begann, das schmutzige Kaffeegeschirr abzuwaschen, während Marco und Casmilda den letzten Kunden dieses Tages ihre Haare verschönerten. Wenige Minuten später kam Larcy mit seinem Hund zurück. Natürlich hatte er Connys Tränen des Öfteren gesehen, wie sie in dicken Tropfen die Wangen herunterkullerten, er rechnete ihr jedoch hoch an, dass sie sich zumindest weitgehend dahin kontrollieren konnte, nicht vor den Kunden zu weinen, da ihr dementsprechende Traurigkeiten nicht zum ersten Mal zum Verhängnis wurden (von Connys Malheur bezüglich Daniel wusste er Gott sei Dank nichts).
Es war aber weder seine Aufgabe, noch stand es in seiner Macht, sie zu trösten. Hätte er das nur einmal getan, würde sie vielleicht ständig erwarten, seelischen Beistand zu erhalten. Er betrachtete seine Angestellte mit einem mitfühlenden Blick, von dem er wusste, dass er sie niemals erreichen konnte, weil er ihn hinter einer kühlen Fassade verbarg. Das tat ihm ab und zu auch sehr leid, weil er als Chef gegenüber seinen Stylistinnen, die er seit der Lehrzeit an begleitete und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand, ein gewisses väterliches Gefühl entwickelt hatte. Dennoch ermahnte er sich jedes Mal, speziell Cornelia nicht auf ihre Emotionen anzusprechen, wenn sie bahnbrechend ausarteten. Falls die beiden, wie es laut seiner Ahnung heute den gesamten Tag lang der Fall gewesen war, ihr Privatleben mit in den Salon nahmen und ihre Schwierigkeiten damit hatten, sich innerlich abzugrenzen, war es gerade für ihn als Vorbild wichtig, private Themen oder Gefühlsausbrüche nicht zu besprechen. Und dennoch wusste er um die Wichtigkeit einer eventuell bald folgenden Debatte Bescheid, wenn solche schier offensichtlichen Vermischungen von Berufsleben und jenem außerhalb des Salons auftraten. Schon zu Anbeginn ihrer Lehrzeit hatte er seinen Mädchen beigebracht, wie wichtig es sei, dass ein Friseur die Gabe des Schauspieltalents besaß. Natürlich waren sie keine ausgebildeten Schauspieler, sie mussten es nur schaffen, an Tagen, an denen sie schlecht gelaunt waren, ihre wahren Gefühle, seien es Traurigkeit oder Ähnliches, zurückzuhalten, sowie zu überspielen.
Conny nahm ein Kleenex aus der Box neben der Kaffeemaschine und beobachtete Larcy, als er den Laden verließ. Mit einem tiefen Seufzer atmete sie auf und setzte sich auf einen Stuhl. Pure Erleichterung strömte bei jedem Atemzug durch ihre Lungen, weil ihr die Peinlichkeit erspart blieb, ihrem dominanten Arbeitgeber ihre Schwäche zeigen zu müssen. Könnte ich doch nur ohne Männer glücklich werden, dachte sie still bei einem schwarzen Kaffee. Am liebsten hätte sie sich eine Zigarette genehmigt, aber so weit würde sie es nicht kommen lassen. Die Nacht im Dance for Chance war ihr eine Lehre, in der nächsten Zeit wenig bis gar nicht zu rauchen, da sie an diesem Abend beinahe zwei Packungen genossen hatte. Sie nippte an ihrem Kaffee, dann öffnete sie träge und mutlos den Kühlschrank, um aus dem Eisfach ein wenig Vanilleeis in ihr Heißgetränk zu geben. Gedankenverloren ertränkte sie die cremige Substanz im heißen Kaffee, so, wie sie ihr eigenes Dasein in Selbstmitleid suhlte. Sie starrte traurig in ihre Tasse, und ließ sich von dem beruhigenden Muster des weißen Vanilleschaums auf der braunen Unterlage ablenken. Ihre Fönfrisur sah nun noch zerzauster als in den Morgenstunden aus, sie konnte es förmlich spüren. Für den nächsten Tag nahm sie sich vor, sich mehr Mühe für ihr Styling zu geben, und eine gute Schauspielerin ohne professionelle Ausbildung zu verkörpern, wie Larcy so schön zu sagen pflegte.
Sie stellte die Tasse ins Spülbecken und fasste den Gedanken, den Laden zu kehren, als sie plötzlich innehielt und ihre Arme fest um den Körper schlang. Die Augen geschlossen fragte sie sich, inwiefern Daniel seine Worte der Reue und Versöhnung ernst gemeint hatte. In ihrem Herzen entstand dabei ein Gefühl der Wertlosigkeit. Vielleicht konnte sie ihm gar nichts vorwerfen, was seine heutigen Sätze anbelangte, sondern musste sich eingestehen, seinen Worten keinen Glauben geschenkt zu haben, weil sie nicht davon überzeugt gewesen war, sie verdient zu haben. Der Gedanke vermittelte ihr einen ehrlichen, aufrichtigen Stich in ihrem Herzen. In solchen Zeiten des traurigen Daseins dachte Conny oft einfach nur an ihr Bett. Sie wollte darin liegen und schlafen, am liebsten gleich den lieben, langen Tag. Doch was hätte das für einen Sinn? Selbstmitleid hatte die trügerische Eigenschaft, die Gefühle des Menschen in Sphären zu bringen, die er selbst nur noch schwer einschätzen konnte. Der Verstand wurde dabei ausgeschaltet, andererseits hörte sie nicht auf die innere Stimme des Herzens, die ihr riet, positiv zu denken und zu fühlen. Das einzige, was sie als selbst definiertes Opfer in diesem Moment wahrnahm, war die von ihr persönlich einsuggerierte Haltung, machtlos zu sein. Hatte Daniel, der zurückhaltende Junge mit dem kühlen Blick doch ein Herz? War sie nur zu hart zu ihm gewesen? Sie kannte die Antwort nicht.
In meinem Bett kann ich diesen fordernden Fragen entfliehen, deren Antworten ich nicht kenne, dachte sie still bei sich, als sie den Besen aus der hintersten Ecke des Salons holte, und durch den Laden schwang. Bei einem alkoholischen Rausch könnte ich ebenfalls vergessen, fügte sie noch gedanklich hinzu, aber sie nahm sich vor, dieses sinnlose Ritual doch lieber bleiben zu lassen. Plötzlich hielt sie inne und betrachtete Casmildas überzeugtes Lächeln, als sie ihrer zufrieden wirkenden Kundin den Rückspiegel zeigte. Conny drückte den Stiel des Besens, sodass die Knöchel weiß hervortraten und biss wütend die Zähne zusammen. „Manche Frauen haben doch einfach alles, nicht wahr?“, sprach der Neid zu ihr.
Casmilda und Marco verabschiedeten sich höflich von ihren letzten Kunden und halfen Ihnen beim Anziehen. Wenige Sekunden später waren sie verschwunden. Beinahe gleichzeitig stießen die beiden einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, da ihnen die Ruhe nach dem Sturm gut tat. Sie lachten einander kurz an, während Conny einen Haufen Haare in den Mülleimer neben dem Waschbecken warf und nun hilfesuchend neben ihm stand. Sie fühlte sich wie ein Kind, das nach Aufmerksamkeit rief, als Casmy ihren Blick auffing und ihr mitfühlend von der Kasse aus zublinzelte. Marco ging in den Mitarbeiterraum, um seine Tasche zu holen. Conny konnte ihr inneres Kleinod nur schwer unter Kontrolle bringen. Casmilda kam auf sie zu und nahm sie in die Arme. Sie weinte still vor sich hin. Conny hinterließ auf Casmildas Top eine Pfütze aus Tränen. Nach wenigen Minuten hob sie ihren Kopf von Casmildas Schulter, wobei jene sie fest an den Unterarmen hielt und ihr tief in die Augen blickte. Aus dem toten Winkel erhaschte Conny einen Blick auf Marco, der gerade seine Farbschüsseln auswusch. Neutral und konzentriert wirkend vermittelte er nicht den Eindruck, sich in die Angelegenheit zwischen Casmy und Conny einmischen zu wollen. Sie drehte ihren Kopf kurz in seine Richtung und fand Gefallen an seinen beschützend wirkenden Muskeln, wie sie sich im leichten Strudel des Wassers hin - und herwiegten. Ich hätte ihn jetzt gerne an meiner Seite, dachte sie bei sich und schüttelte dann den Kopf.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Casmilda besorgt.
Sie behielt ihr inneres Versprechen bei, Conny nicht zu tadeln, weil sie Daniel so abwertend behandelt hatte, wollte ihr aber dennoch den Trost und das Gehör geben, das sie brauchte. Conny wandte sich wieder ihrer Freundin zu.
„Ja, danke, es geht mir einigermaßen gut“.
Sie wusste nicht, ob diese Aussage der Wahrheit entsprach, wollte aber nicht weiter über ihren emotionalen Zustand sprechen. Die Stylistinnen vereinbarten mit Marco eine entsprechende Einteilung, was die Nacharbeiten angelangte, und er nickte mit einem kollegialen Lächeln auf den Lippen.
Conny ließ das Wasser in den Putzeimer laufen, den sie aus dem Mitarbeiterraum geholt hatte. Marco und Casmilda lehnten wenige Meter von ihr entfernt lässig am Tresen. „Dein Top gefällt mir gut, es betont deine schmalen Hüften!“, durchbrach Marcos motivierte Stimme die Abendruhe. Langsam wandte Cornelia den Kopf in Casmildas Richtung, und ließ anschließend den Blick zu deren Hüften hinabgleiten. Casmy streifte kurz mit ihren ellenlangen Fingern über besagte Körperpartie. „Marco, du bist und bleibst ein Charmeur“, erwiderte Casmilda und entblößte bei einem breiten Lächeln ihre wunderschönen Perlenreihen perfekt gepflegter Zähne.
„Haben die gnädigen Anwesenden die Muße, ihr Tête á Tête zu verschieben und sich zu erniedrigen, mir behilflich zu sein?“
Cornelias Stimme überraschte sie selbst. Doch auch Casmy und Marco gaben mit weit aufgerissenen Augen zu verstehen, wie aufrüttelnd die Lautstärke und wütende Emotion ihres Organs durch den Raum hallte. Sie nickten stumm, während Conny ein verlegenes „Bitte“ hinzufügte, als ihr Gesicht die Farbe einer Tomate annahm. Marco half Cornelia, während Casmilda die Kassenabrechnung durchführte. Wenige Minuten später war die Arbeit getan. Marco schnappte seine Tasche und nahm nach einem kurzen Abschied Reißaus.
Casmilda bedachte Cornelia mit einem strengen Blick, die Arme vor der Brust verschränkt, als sie bei der Eingangstür auf sie wartete.
„Ich weiß, meine Launen passen wieder einmal so gar nicht in dein optimistisches Weltbild“, rief Conny ihr aus dem Mitarbeiterraum zu, während sie ihre Handtasche einräumte, „doch um ehrlich zu sein, möchte ich heute nicht über unsere unterschiedlichen Ansichten sprechen. Du brauchst nicht auf mich zu warten.“ Casmilda verzog verständnislos das Gesicht. „Nun gut, dann sehen wir uns morgen, ich wünsch' dir einen schönen Abend.“
„Danke, gleichfalls“, erwiderte Conny geistesabwesend. Casmilda machte auf dem Absatz kehrt, verließ den Laden und ging zur U-Bahn. Conny blieb noch eine Weile im Aufenthaltsraum sitzen. Nein, ich werde mich nicht vor dir entblößen, Casmy, dachte sie bei sich, während sie sich nervös am Hinterkopf kratzte, der Stress mit Daniel wühlte meine Gefühle bereits zur Genüge auf, von meinem Neid dir gegenüber will ich schon gar nichts wissen.
Entschlossen stand sie mit hektischen Bewegungen auf, schwang ihre Handtasche über die rechte Schulter und ging ihres Weges.
Kapitel 5 Frau liebt Frau
An einem kalten Apriltag stand Valetta vor ihrem Fenster und beobachtete den Regen. Die dicken Tropfen fielen laut hörbar auf die Straßen, die Dächer, schienen sogar ihr Herz zu berühren. Das Radio gab Musik von sich, die einen klar unterstreichenden Hintergrund zum Wetter und ihrer emotionalen Lage darstellte.
Sie hatte an diesem Dienstag ihren freien Tag und war am gestrigen Abend in einer Lesben- Diskothek namens Women’s Secret gewesen, und erst um vier Uhr morgens mit dem Taxi nachhause gefahren .Sie dachte an Casmy, während sie ihre Aufmerksamkeit nicht vom Regen abwenden konnte . Und sie musste sich eingestehen, dass ihr gemeinsames sexuelles Ereignis die platonischen Gefühle zu ihr verändert hatte. Sie war verliebt. Valy blickte kurz gen Himmel, um in den dunklen Wolken eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sie ihr dies schonend beibringen könnte. Darüber hinaus hoffte sie verzweifelt auf eine Erwiderung ihrer Gefühle. Dieses innere Chaos hatte sie dazu veranlasst, sich seit dem letzten Treffen bei Casmy nicht mehr zu melden. Auch diese wahrte die Distanz zwischen ihnen. Jene Haltung konnte Valy ihrer Freundin jedoch nicht verübeln, nachdem sie sie das letzte Mal mit solch scharfen Worten der Aggression konfrontiert hatte. Sie möge sich bloß nicht einbilden, aus diesem Techtelmechtel würde sich eine Liebesbeziehung entwickeln, hatte sie ihr zugeraunt, doch sie spürte ironischerweise in diesem Moment bereits ihre eigenen herzenswarmen Gefühle für Casmilda aufkeimen.
Ihre Freundinnen Sharna und Mel‘, 2 gebürtige Engländerinnen, die seit geraumer Zeit ein Liebespaar waren, hatten ihr im Woman's Secret geholfen, ihren Frust bezüglich Casmy in Wodka Orange oder Bacardi Cola zu ertränken. Inwiefern dieser Zug hilfreich war, sei dahingestellt, dachte Valetta im Nachhinein bitter. Sie setzte sich auf ihr Bett und raufte sich die Haare, während sie den Kater ihres Alkoholkonsums wahrnahm und versuchte, die Erinnerungsstücke des Vorabends zusammenzuflicken.
Sie hatte sich mit Sharna und Mel um 23 Uhr in der Bar verabredet und ihnen nach dem Ritual der Begrüßungsküsschen bei einigen Drinks ihr Herz ausgeschüttet. Sie saßen an einem Ecktisch. Als sie von der Freundschaft zwischen ihr und Casmy sowie dem sexuellen Erlebnis berichtet hatte, machte sie eine Atempause, wobei sie bemerkte, dass ihr Herzschlag in die Höhe geschnellt war und der Alkohol seine Wirkung tat.
„Du solltest ihr wirklich sagen, was du für sie feelst!“, hatte Sharna angemerkt, die es witzig fand, die englische mit der deutschen Sprache zu mischen. Mehr fiel ihr dazu vorerst nicht ein.
Valy geduldete sich und blickte abwartend in das lächelnde Gesicht ihrer Freundin, weil sie glaubte, noch ein paar Ratschläge zu erhalten. Nachdem sich diese Erwartung als Zeitverschwendung herausstellte, ergriff sie selbst wieder das Wort. „Und wie wird sie darauf wohl reagieren?“, fragte sie verärgert und zog eine Augenbraue hoch. „Ich habe Angst, dass sie sich nach diesem Geständnis von mir abwenden wird. Warum habe ich mich eigentlich so plötzlich von einem Tag auf den anderen in sie verliebt, kann mir das bitte jemand sagen? Wie kann ein sexueller Akt die Gefühle eines Menschen nur derart verändern? Ich verstehe mich selbst nicht mehr,“ meinte Valy, und klopfte fest mit der Faust auf den Tisch. Sie zündete sich eine Zigarette an, leerte ihr Getränk in einem Zug und bestellte ein neues. Wieder verhielten sich Sharna und Mel äußerst wortkarg. Valys Wut über die Situation, in die sie sich selbst gebracht hatte, trug nicht unbedingt zu deren Kommunikationsbereitschaft bei. Sharna und Mel nippten an ihren Drinks und beobachteten die hübschen Exemplare der weiblichen Gattung an der Bar. Somit erhob Valetta die Stimme, um die Aufmerksamkeit der beiden erneut auf sich zu ziehen. Und es funktionierte.
„Hört mir bitte einen Moment lang aufmerksam zu. Seitdem ich mit Casmilda geschlafen habe, sind meine Gefühle für sie viel intensiver als vor dem sexuellen Akt. Bin ich vielleicht oberflächlich und nur in ihren Körper verliebt? Nein, das kann nicht sein, es scheint mir eher so, als würde ich sie nun viel besser kennen.“ Ihr Blick wanderte fragend zu ihren Freundinnen, die jedoch nur mit großen Augen ihre gänzliche Aufmerksamkeit ausdrückten. „Wir haben schon so vieles miteinander geteilt, was unseren emotionalen und geistigen Ausdruck anbelangt, und uns nun auch sexuell ausgetauscht“, fuhr sie fort. Selbstzufrieden mit dieser Analyse ihrer Gefühle stand sie auf und stemmte die Hände in die Hüften. Durch ihre Selbstsicherheit, die ihr der Alkohol und das Wissen über ihre Empfindungen vermittelten, wurde ihr erneut die Eindeutigkeit der Konzentration ihrer Freundinnen auf Valys Worte bewusst. Überrascht blickten sie sie an, erwartungsvoll, so als wollten sie wissen, was als nächstes käme. Valetta genoss sichtlich ihren Mittelpunkt, was sich in ihrer glatten Stirnpartie ausdrückte, die normalerweise des Öfteren in Falten gelegt war, und sagte: “Als wir uns leidenschaftlich unserer Ekstase hingaben, erlebten wir auch intensive Augenblicke der Zärtlichkeit, und ihr wisst ja, wie wichtig ich prinzipiell eine gewisse Grobheit und Dominanz bei meinen sexuellen Akten definiere. Umso überraschender empfand ich das plötzliche Interesse meinerseits, ihr meine sanfte Seite zu zeigen, die ich selbst noch nicht sonderlich genau kenne.“ Sie hielt inne und dämpfte ihre Zigarette aus. Dann sprach sie weiter: „Mir erscheint unser gemeinsamer Sex wie eine Vervollkommnung unserer platonischen Liebe, die sich dadurch in Richtung Partnerschaft bewegt. Aber wenn sie das anders, sich diesem eventuellen Geständnis nicht gewachsen sieht, wird sie mich möglicherweise ablehnen, vielleicht sogar den Kontakt zu mir generell meiden wollen, und das wäre sehr traurig.“
Sie setzte sich wieder, um Sharna und Mel nicht ein Gefühl der Minderwertigkeit zu vermitteln, die während ihres Gespräches die ganze Zeit sitzen geblieben waren. Schließlich meldete sich Mel zu Wort. „Wie steht es eigentlich um ihre Gefühle zu ihrem Arbeitskollegen, von dem du uns neulich erzählt hast? Sie scheint nicht genau zu wissen, was sie will“, bemerkte sie mit ernster, und leicht abfälliger Miene. „Einerseits schwärmt sie für Marco, andererseits genießt sie den Sex mit dir und sorgt damit für vergebliche Hoffnungen in deinem Herzen. Gut, sie konnte ja nicht wissen, was die Konsequenz dieser Liebelei sein würde. Vielleicht hat sie es einfach nur aus Neugierde getan“, beendete sie ihren Kommentar, und lehnte sich gemütlich in ihrem Sessel zurück, so als hätten diese Worte ihren Sprachwerkzeugen eine enorme Anstrengung abverlangt. Valetta verdrehte genervt die Augen, weil sie den Aspekt, ein Objekt der Neugierde für Casmilda zu sein, nicht so gerne in Anbetracht ziehen wollte. Bei der Vorstellung, Marco und Casmilda könnten sich zu einem glücklichen Liebespaar vereinen, nahm sie einen weiteren großen Schluck ihres hochprozentigen Gesöffs, wobei sie darauf achten musste, mit ihren wutentbrannten Fingern das dünnwandige Glas nicht zu zerdrücken. Sie schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Dann kam ihr ein Geistesblitz.
„Wisst ihr, ich glaube, das Beste ist, wenn ich ihr einfach klar und deutlich sage, was ich für sie empfinde, deinem Ratschlag folgend, Sharna“, erwiderte sie. „ Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin. Habt ihr schon einmal daran gedacht, dass sie vielleicht auch in mich verliebt sein könnte? Vielleicht hat sie sich nicht mehr bei mir gemeldet, weil ihr gerade klar wird, was sie für mich empfindet, und diese Neuartigkeit ihrer Gefühle erschreckt sie ein wenig. Sie ist außerdem nicht der Typ Mensch, der sich einfach nur aus Neugierde einem sexuellen Akt hingibt. So gut glaube ich sie zu kennen“, sagte sie mit Nachdruck.
„Ich empfinde ihr gegenüber eine tiefe Zuneigung“, fügte sie hinzu. Dabei lächelte sie verträumt und nahm einen großen Schluck Bacardi Cola, um ihre Glückshormone um ein weiteres anzuregen, da sie die Vorstellung der Verliebtheit und auch deren Erwiderung in euphorische Sphären verleitete.
Sharna und Mel blickten einander verdattert an. Was hatte Valetta gerade gesagt? Hatte sie über Gefühle gesprochen? Die drei Frauen kannten einander bereits zwei Jahre, jedoch hatte Valy das Wort Gefühle oder Empfindungen noch nie zuvor im Zusammenhang mit einem verträumten Augenaufschlag oder sanften Lächeln erwähnt, wenn sie über ihre Beziehungen sprach. Sie meinte es scheinbar wirklich ernst. Sharna und Mel warfen einander ein wissendes Augenzwinkern zu. Falls Casmy und Valy tatsächlich ein Paar würden, müssten sie sich warm anziehen, da Valetta bis jetzt gegenüber ihren Partnerinnen meist heftige Aggressionen empfand, weil sie mit wahren, aufrichtigen Gefühlen nicht gut umgehen konnte. Die aufrichtigen Empfindungen für Casmy würden dementsprechend wahre Vulkane der Wut in ihr auslösen. Ihre beiden englischen Freundinnen waren in solchen Fällen immer diejenigen gewesen, die Valettas heftige Gefühlsausbrüche beruhigen sollten. Doch solange das Beziehungsglück ihrer Freundin bestärkt würde, sollten sie sich nicht allzu viele Sorgen machen. Sie meinten, Valetta würde als Partnerin in gewisser Weise sehr gute Beziehungsqualitäten aufweisen, wenn man ihre raue Art außer Acht ließ. Sie war hübsch mit ihren blauen großen Augen und den naturblonden Haaren, dem schlanken Körper, sowie den vollen Brüsten. Außerdem sorgte ihre direkte Art in der Kommunikation für Klarheit. Sharna und Mel pflegten des Öfteren oberflächliche Konversation mit lesbischen Frauen, daher wussten sie auch um deren typische, sich selbst bestätigende Klischees Bescheid, die sich anhand eines Kurzhaarschnitts, typisch männlichen Gesten sowie einer verstellten, tiefen Stimme darstellten. Valetta dagegen wirkte wie eine klassifizierte, natürliche Frau, da ihre betont feminine Gangart, bei der ihre sexy Hüften geschmeidig hin - und herwippten, sowie ihre langen Wimpern und der sinnliche Mund sich als klares Zeichen reiner Weiblichkeit ausdrückten, die sie in keinster Weise zu kaschieren versuchte. Einzig und allein ihr zwischenzeitlich aggressives Verhalten könnte manch böse Zunge dazu verleiten, ihr Verhalten als das einer dominanten, typischen Lesbierin einzustufen. Sharna und Mel wussten jedoch genau, wie wichtig es war, äußeres Auftreten nicht unbedingt mit einer sexuellen Ausrichtung in einen Topf zu werfen.
Nach ihrem vierten Glas Wodka Orange blickte Valetta mit einer Mischung aus Verzweiflung und Verwirrtheit zu ihren beiden Freundinnen hinüber. Scheinbar fehlt ihr der Mut für das Geständnis, das sie Casmy überbringen möchte, dachte Mel und streckte den Arm aus, um ihn Valy auf die Schulter zu legen. Da zupfte sie Sharna am Ärmel ihres knielangen Kleides, um ihr zu verstehen zu geben, Valetta nun bestenfalls in Ruhe zu lassen. Schließlich erinnerte sich Mel an eine Situation, in der sie Valetta tatsächlich ihren Arm um die Schulter gelegt hatte, um sie zu trösten. Die Reaktion ihres Gegenübers darauf zeigte sich in einem eisigen Blick, danach schob Valy Mel grob zur Seite und sagte kein Wort. Diese Erinnerung und die Wirkung des Alkohols motivierten Mel dazu, sich folgende Bemerkung zu erlauben: „Ich und Sharna wissen genau, dass du jetzt nicht angefasst und getröstet werden willst, obwohl es dir offensichtlich nicht gut geht. Wir wollen dich dazu auch nicht zwingen. Aber soweit ich von deinem Gespräch mitbekommen habe, ist diese Casmy ein sehr sensibler Mensch. Wenn eure Beziehung tatsächlich emotionale Tiefen erreichen sollte, möchte sie bestimmt körperliche, zärtliche Nähe mit dir erleben, hast du schon einmal darüber nachgedacht?“ Mit besserwisserischem Gesichtsausdruck lächelte sie Valetta an. Dieser fehlten die Worte.
