Kitabı oku: «Casmilda's Gewinn durch Verlust», sayfa 7

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„Abgesehen davon“, fuhr nun Sharna fort „hat sie dich während eures Sexualaktes ebenfalls gestreichelt. Was ist also so schlimm daran, wenn du dich generell ein wenig mehr deiner Sanftheit hingibst, in platonischen wie auch in sexuellen Angelegenheiten? Ich glaube, tief in deinem Inneren wünschst du dir doch einen zärtlichen Umgang mit deinen Mitmenschen, nicht wahr? Oder hat Casmy noch niemals deine Tränen gesehen, um dich daraufhin zu trösten?“ Valetta verspürte Zorn in sich aufsteigen, als sie diese Worte vernahm. Sie erinnerte sich an die Situation, als sie Casmilda von ihrer Vergewaltigung erzählt hatte, und danach in ihrem Arm gelegen und sich ausgeweint hatte. Doch davon wussten Sharna und Mel nichts. Sie wussten auch nichts von der Vergewaltigung an sich. Dabei wollte sie es auch bleiben lassen.

Valettas Augen vergrößerten sich, ihre Mundwinkel zuckten. „Was soll das?“, schrie sie hemmungslos in Mels Richtung. „Verschone mich gefälligst mit deinem Helfersyndrom. Wie du schon gesagt hast, Mel, man kann mich nicht zum Körperkontakt zwingen. Es geht euch übrigens beide nichts an, ob Casmy mich in den Armen hielt oder halten möchte, aus welchen Beweggründen auch immer. Falls ihr jedoch die Vermutung habt, es sei so, und deshalb eifersüchtig seid, weil ihr noch nie das Privileg hattet, mich körperlich zu trösten, so ist das euer Problem.“ Die drei erhaschten einige erschrockene Blicke der Kellner sowie der umliegenden Gäste. „Schon gut, schon gut“, erwiderte Sharna lässig und gefasst, weil sie mit solch einem Ausbruch gerechnet hatte, „sei es drum.“ Mit diesen Worten stießen sie an. Valy leerte ihr Glas erneut in einem Zug. Trotz ihrer Trunkenheit hatten die beiden Engländerinnen bemerkt, dass Valetta sich verraten hatte, als sie sagte, es ginge Sharna und Mel nichts an, ob Valys Kopf bereits auf Casmys Schulter geruht hatte. Wenigstens hatten sie jetzt eine ungefähre Gewissheit - Valetta hatte sich Casmilda gegenüber scheinbar bereits in großem Vertrauen geöffnet. Valys aggressive Abwehr bei diesem Thema sprach Bände. Somit vergaßen sie ihre Sorgen über die Harmonie der vermeintlichen Liebesbeziehung ihrer Freundin zu Casmy, die scheinbar an körperlichem und geistigem Vertrauen keine Mängel aufwies. Der restliche Abend verlief friedlich. Die drei Freundinnen tanzten vergnügt im Diskobereich und beschränkten sich auf Smalltalk und Witze.

Nun saß Valetta in ihrer kleinen Wohnung, die ihr Selbst widerspiegelte : sie fühlte sich klein. Sie strich sich durch das blonde Haar. Es fühlte sich angenehm weich an, doch diesen Gedanken schob sie sofort wieder beiseite, sie wollte jetzt nichts Weiches oder Kuscheliges auf ihrer Haut spüren. Dieses kurze Ritual der Nervosität erinnerte sie nur an ihr schönes Abenteuer mit Casmilda, was ihr in der Seele wehtat.

Was war zwischen ihr und Casmy geschehen?, fragte sie sich zum zigsten Mal. Weise Menschen sagten, man solle mit seinen Freunden keine sexuellen Gelüste austauschen, da diese Praktik die Freundschaft im Keim ersticke. Valetta konnte sich ungefähr denken, was dieser Ratschlag bezweckte. Der Sex stellte den Status zwischen den beiden platonisch Liebenden infrage. Sexuelle Erregung war keine Entschuldigung dafür, ihn dennoch auszuüben. Doch dieser Ratschlag half ihr nun auch nicht weiter. Ich hätte mich lieber selbst befriedigen sollen, anstatt mit meiner Freundin zu schlafen, dachte sie frustriert . Sie wusste allerdings zu Beginn nicht, wie intensiv dieser Akt von Vertraulichkeit und Intimität geprägt sein und ihre gierigen Gelüste in den Hintergrund drängen würde.

Der Abend im Woman's Secret hatte ein Nachspiel. Valetta fühlte sich fiebrig. Sie konnte jedoch getrost der Arbeit fernbleiben, da sie in diesem und auch im vorigen Jahr keinen einzigen Tag gefehlt hatte, außer, sie war im Urlaub gewesen. An ihre Türe hatte Valy ein selbst gemachtes Schild gehängt, auf dem in großen Lettern „Bitte nicht stören!“ stand. Sie vermisste Casmilda zwar, an die das Schild indirekt gerichtet war, wollte aber erst wieder Kontakt mit ihr aufnehmen, wenn sie sich sicher war, welche Worte sie wählen würde, um ihr ihre Gefühle zu verdeutlichen. Sie stand auf und ging ins Bad. Ihr Spiegelbild zeigte ihr eine blasse, verzweifelte Frau. Sie fragte sich in diesem Moment, ob ihre blonden Haare sich wirklich mit ihrem inneren Befinden vereinbaren ließen. Sie hielt ihre Naturhaarfarbe für aufgesetzt und künstlich, auch, wenn sich dieser Gedanke teilweise wie ein Widerspruch anfühlte, da ihre Haarfarbe von Natur aus blond war. Doch ihre Einstellung ließ sich in ihrem Äußeren nicht mit blondem Haar vereinbaren, nicht mit heller euphorischer Stimmung oder reinem Gewissen, das sie mit dieser Nuance in Verbindung brachte. Ihr kam ein Geistesblitz, den sie schnell wieder verwarf. Sie schüttelte den Kopf, wollte das Badezimmer verlassen, als er sich erneut in ihr Bewusstsein bohrte. Sie hielt inne, den Rücken bereits zum Spiegel gewandt. Langsam drehte sie sich um und starrte in das klare Glas, ging ein paar Schritte vorwärts, bis ihre Nasenspitze die Platte berührte. Sie stellte sich die Frau im Spiegel mit pechschwarzen Haaren vor, die ihren Typ niemals optisch beleben, sondern eher verdecken würden. Damit hätte sie den Vorteil, ihre inneren Gefühle im Außen ausdrücken zu können. Sie würde sich selbst daran erinnern, dass ihre helle Natur von einem Schleier der Traurigkeit und des Zorns verdeckt wurde, und sich erst wieder erlauben, die Haare blond zu tragen, wenn diese Phase vorüber war. Valy zog ihren Kopf zurück und wiegte ihn zweifelnd hin und her, von links nach rechts, von rechts nach links. Ihr war bewusst, wie sehr dieser Plan mit einer Selbstbestrafung einherging, die ihr erst wieder Harmonie gestattete, wenn sie ihre Verzweiflung bezüglich der Vergewaltigung sowie die Aufruhr bezüglich der Beziehung zu Casmilda verarbeitet hatte. In ihrer emotionalen Verwirrung gefangen dachte sie nicht daran, wie schwierig es war, schwarz gefärbte Haare aufzuhellen, falls sie ihre Entscheidung bereuen sollte. Doch was würde ihr Chef zu ihrer Typveränderung sagen? Er liebte Valetta als die attraktive Blondine, die sie war, und mit deren Charme sie die Gäste in ihren Bann zog, wobei dieser Charme nicht nur mit inneren Werten zu tun hatte. Ohne sich diese Frage zu beantworten, zog sie ihre Schuhe an, schnappte ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zur Drogerie Feistenberg, um sich eine schwarze Haarfarbe zu besorgen. Bei der Vorstellung, ihre Haare tatsächlich derart dunkel zu colorieren, überkam sie ein gewisser Selbsthass. Als sie sich jedoch an die Zeiten erinnerte, in denen sie sich körperliche Verletzungen zuführte, wenn sie sich selbst ablehnte, erschien ihr diese Variante als harmlos. Casmilda würde zwar schimpfen, weil diese Farben viele haarschädigende Metallsalze enthielten, Friseurfarben seien viel pflegender, sagte sie immer. Doch das war Valetta egal, als sie wenige Minuten später an der Kasse stand. Als sie das Geld aus ihrer kleinen Börse fischte, wurde ihr zum ersten Mal vollkommen bewusst, was sie vorhatte: sie wollte sich selbst verunstalten, weil sie keine blonde Unschuld mehr ausstrahlte. Sie hatte ihre platonische Beziehung zu Casmilda gefährdet. Das war der Hauptgrund für ihr Vorhaben. Diese selbstauferlegte Strafe sollte ihr eine Lehre sein: wer blond sein wollte, musste auch die innere Unschuld dafür aufweisen.

Zuhause angekommen las sie sich die Gebrauchsanweisung durch. Davor hatte sie das hübsche Mädchen auf der Packung bemerkt: eine schlanke Gestalt, etwa 26 Jahre alt mit kantigen Wangen, schmalen Lippen und einem frechen Kurzhaarschnitt. Dieses Mädchen wirkte so freudig, so natürlich. Es ist egal, welche Haarfarbe ich trage, dachte sie, inspiriert durch das Bild auf der Verpackung, ich brauche innere Freude. Doch dieser Gedanke brachte sie nicht davon ab, sich der Typveränderung zu unterziehen.

Ein Hautverträglichkeitstest? Nein, dafür hatte sie jetzt keine Zeit. Die Durchführung des Tests dauerte laut Anweisung immerhin 48 Stunden. Schnurstracks ging sie ins Badezimmer, um ein altes Handtuch aus dem Kasten zu kramen, um wenige Minuten später fündig zu werden.

Sie legte es sich um die Schultern, drückte dann den Inhalt der Cremetube in die Flasche mit der weißen, dicklichen Flüssigkeit und schüttelte kräftig, als ihr erneut ein Gedanke kam: ich laufe mit dieser bequemen Aktion der Tatsache davon, Casmilda die Wahrheit über meine Gefühle sagen zu wollen, ohne zu wissen, ob ich unsere Freundschaft tatsächlich gefährdet habe, dachte sie, während sie wütend die Plastikflasche mit der Farbe darin fest drückte. Doch diese erneute Wut gegen sich selbst, weil sie ihre Angst vor dem Geständnis nicht leiden konnte, bestärkte sie noch einmal mehr, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, da sie mit der Farbe schwarz sehr viele „dunkle“ Emotionen verband: Wut, Hass, Trauer, Schmerz, und so weiter. Diese heftigen Ausdrücke ihres inneren Befindens kannte sie nur allzu gut. Also, warum soll ich mein Inneres nicht im Außen tragen?, fragte sie sich erneut, und beschloss nun definitiv, ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Sie hatte mit dem Haarefärben keinerlei Erfahrung, somit würde sie sich damit abfinden müssen, dieses Erlebnis als einen Versuch zu definieren, bei dem das Ergebnis eventuell unliebsame Überraschungen bereithielt. Doch sie ging das Risiko ein. Wie in der Gebrauchsanweisung beschrieben drückte sie ein wenig auf die Plastikflasche, um sich langsam mit der Konsistenz der Haarfarbe vertraut zu machen.

Die Masse war dünnflüssig, somit tropfte Valetta ein wenig davon auf ihre weiße Hose . Sie wusste jedoch, wie sie diesen Fleck mit Danclorix wieder entfernen konnte.

Als sie dann aber aus unvorsichtigen Gründen der Handhabung einen Spritzer im Auge abbekam, wurde sie wütend, und ließ einen lauten Schrei vernehmen. Sie dachte darüber nach, die Behandlung abzubrechen, weil sie mit der Ungeduld kämpfte, besann sich dann aber und wusch sich die Augen mit klarem Wasser aus .Dann verteilte sie weiterhin die Farbe in ihrer noch blonden Wuschelmähne.

Als sie sich mehr und mehr auf ihr Werk konzentrierte, fielen ihr Casmildas Worte über „Gewinn durch Verlust“ ein. Obwohl Valy diese Aussage als philosophisch abtat, und sie Philosophie hasste, weil sie ihrer Meinung nach so realitätsfern war, wollte sie sie jetzt definieren.

Gewinn durch Verlust, dachte sie, ich gewinne durch den Abschied meiner blonden Haare eine Typveränderung, die kaum zu übersehen sein wird. Sie brach in schallendes, ironisches Gelächter aus. Was für ein Gewinn, binnen einer halben Stunde würde sie eine rabenschwarze Haarpracht ihr eigen nennen!

Von einer Sekunde auf die andere wurde sie ruhig. Sie arbeitete weiter an ihrer Behandlung, verspürte dabei jedoch eher einen gewissen Ernst anstelle des ironischen Humors. Was sich vor wenigen Momenten noch wie ein Witz anfühlte, schien eine tiefgründige Wahrheit zu offenbaren. Welchen Gewinn erreiche ich gerade durch welchen Verlust?, fragte sie sich, und kratzte mit einem behandschuhten Finger ihren Hinterkopf, da die Farbe zu jucken begann. Erschrocken trat sie einen Schritt zurück, als ihr die Antwort dazu einfiel, an der sie nicht unbedingt Gefallen fand. Durch den Verlust ihrer hellen Haarfarbe konnte sie nur die Erkenntnis gewinnen, einen fatalen Fehler zu begehen, den sie vor wenigen Momenten noch als Lappalie abgetan hatte. Was würde sich ändern, wenn sie ihre Haare schwarz trug? All ihre inneren Einstellungen würden bleiben, wie sie waren. Zwar konnte sie sich künftig anhand ihrer dunklen Mähne daran erinnern, wie wichtig es für sie war, ihr Gefühlsleben in Einklang zu bringen, eine symbolische Helligkeit im Innen wie im Außen anzustreben, andererseits bestand auch die Möglichkeit, sich die Haare nur deshalb zu färben, um von der Lehre, die sie zu bewältigen hatte, abzulenken. „Es liegt nun an mir“, sagte sie laut zu ihrem Spiegelbild, „entweder, ich halte mich an meinen Vorsatz, mein Leben zu behelligen, oder ich habe mir diese unnatürliche Farbe umsonst zugelegt.“ Wenn sie die Colorationscreme in diesem Moment abgespült hätte, wären Flecken in ihrem Haar die Folge gewesen, außerdem wollte sie grundsätzlich eine Sache beenden, sobald sie mit ihrer Durchführung begonnen hatte. Verunsichert blickte Valetta in den Spiegel, als sie merkte, wie dunkel das Ergebnis bereits nach zehn Minuten aussah. Dann fasste sie wieder Mut . Sie drückte eine große Portion der Farbcreme in ihre linke Hand, und massierte sie einfach in ihr Haar ein. Diesen Vorgang wiederholte sie, bis alle Haare bedeckt waren. Mit einem grobzinkigen Kamm verteilte sie das Produkt gleichmäßig und reinigte ihre Haut mir einem Watte-Pad, den sie zuvor mit Essig getränkt, sowie mit Zigarettenasche bestäubt hatte, um Farbränder auf der Haut zu entfernen. Diese Tricks hatte ihr Casmy beigebracht. Während der 30 Minuten Einwirkzeit löste sie eine Kopfschmerztablette in Wasser auf und trank in gierigen Schlucken, um ihre Migräne zu beruhigen. Ich werde aussehen wie der lebendige Tod, dachte sie, als sie sich eine Zigarette anzündete. Fühle ich mich denn nicht auch manchmal so?, sinnierte sie weiter. Die klare Antwort auf diese Frage schockierte Valetta nicht mehr, sie war ihr nicht unbekannt. So oft es ihre psychische Stabilität erlaubte, ging sie in Gedanken zu der schrecklichen Erinnerung ihrer Vergewaltigung zurück. Diesen Tipp hatte ihr eine Therapeutin gegeben. „Ich verstehe, was Sie meinen, wenn Sie sagen, sie fühlen sich nicht mehr richtig lebendig, seitdem Ihnen dieser Gewaltakt widerfahren ist“, hatte Frau Mag. Bogschlew zu ihr gesagt. „Aber Sie müssen diesen Schmerz in Ihrer Erinnerung an das Geschehene zulassen. Ansonsten verdrängen Sie ihn, und er wird Herr über die Sichtweise ihrer Außenwelt. Dieses Stück Leben, in dem sich der Missbrauch abspielte, war für Sie erschütternd. Tasten Sie sich dennoch Schritt für Schritt an den Schmerz heran. Er ist ein Teil von Ihnen, leben Sie ihn aus, ohne ihre Außenwelt für ihn verantwortlich zu machen.“

Sie blickte auf die Uhr: noch fünfzehn Minuten, dann würde sie die Farbe abwaschen können. Sie wollte die letzten Minuten nutzen, um ihre Meditation durchzuführen. Mit langsamen, ängstlichen Schritten bewegte sie sich auf ihr Bett zu. „Ruhig, ruhig, es wird nur eine Erinnerung sein“, flüsterte sie sich leise zu, wobei sie mit ihren Worten die Tränen nicht aufhalten konnte, die ihr die Wangen hinunterliefen. Sie nahm ein Taschentuch und schnäuzte sich. Es hatte keinen Sinn, in der Vergangenheit zu schwelgen. Dennoch erschien es ihr in diesem heftigen Moment des Schocks, der ihr den Schweiß auf die Stirn trieb, angenehm und beruhigend, sich an die junge Frau zu erinnern, die sie vor dem sexuellen Missbrauch war. Valy begab sich mit schweren Gliedern auf ihr Bett, den Kopf mit der dunklen Farbe auf ein altes Handtuch stützend, und schloss die Augen. Sie entsann sich ihrer Hilfsbereitschaft, ihrem selbstlosen Wesen anderen gegenüber, ihrem blonden, langen Haar, das ihr bis über die Schultern reichte. Sie sah ein Bild der Vollkommenheit, dachte an die vielen Abende mit ihren tiefgründig gesinnten Freundinnen, mit denen sie Pech und Schwefel überstand und jederzeit ein offenes Ohr für sie hatte; harmonisches Geben und Nehmen unter jungen Damen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, das von innen kam. Doch dann zerplatzte ihre Imagination wie eine Seifenblase. Sie sah sich selbst in der Toilette, den Mann mit dem grässlichen Mundgeruch über ihr. „Es ist vorbei, du bist nur eine Illusion!“, rief sie ihm zu, und bemerkte in ihrem Tagtraum, wie ihr Herz zu schlagen begann und die Bildung der Schweißperlen erneut einsetzte. „Ich bin nicht echt?“, raunte die grässliche Stimme des Mannes in ihrer Erinnerung. „Deine Angst ist jedenfalls real, darauf kannst du Gift nehmen, Süße. Und jetzt zieh' dich aus!“ Valetta riss die Augen auf. Sie war sich nicht sicher, ob sie für einen Moment eingedöst war und geträumt hatte, oder ob sie in der Meditation unbewusst ihrer eigenen Angst die Gestalt und Stimme des Mannes gegeben hatte. Sie wollte es auch gar nicht mehr wissen. Sie atmete tief durch und ließ die Tränen zu. Es hätte jetzt keinen Sinn, sie zu trocknen. Doch wann würde sie aufhören zu weinen? Wann würde sie den Schmerz verarbeitet haben? Frau Mag. Bogschlew sagte, das sei abhängig davon, wie oft sie ihre meditativen Übungen machte. Es gab in ihrem psychologischen Repertoire jedoch nicht nur die Übung der Erinnerung an schreckliche Erlebnisse, sondern auch die Meditation von Kraftbildern. Vor drei Jahren hatte sich das schreckliche Ereignis zugetragen. Valetta war bei der Arbeit mit sich selbst ein kleines Stück weitergekommen, aber es sollte wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis sie verkraftet hatte, was geschehen war. „Nur Geduld“, sprach sie sich selbst Mut zu und ging ins Badezimmer. Die Einwirkzeit war vorüber.

Sie brauchte jetzt im wahrsten Sinne des Wortes einen kühlen Kopf, somit ließ sie eiskaltes Wasser über ihr Haupt laufen. Sie empfand den Strahl angenehm und beruhigend. Gab es auch für ihren inneren Rebell Ruhe und Frieden? Seit der Vergewaltigung ließ sie kaum jemanden an sich heran, rebellierte gegen ziemlich jeden Menschen, der ihre Meinung nicht teilte. Ich brauche Sicherheit, dachte sie bei sich. Sicherheit würde bedeuten, zu akzeptieren, dass es Kritik für sie gäbe, die es anzunehmen statt abzuwehren galt, oder ruhig und geduldig zu bleiben, wenn ihr jemand widersprach. Traurig und demütig empfand sie die Tatsache, froh und dankbar sein zu müssen, Freunde wie Sharna, Mel und vor allen Dingen Casmy an ihrer Seite zu haben. Wie kommen diese nur mit meinem aggressivem Umgangston zurecht?, wollte sie wissen. Sie hatte einen guten Kern in sich, den ihre Freundinnen aufgrund deren Neutralität klar sehen konnten, Valetta jedoch blieb diese Sichtweise verborgen.

Sie verteilte ein wenig Shampoo auf ihrem Haar, auch wenn diese Information nicht in der Gebrauchsanweisung enthalten war, aber sie wollte den intensiven Geruchs des Ammoniaks loswerden. Danach trug sie die die beiliegende Kurpackung auf das handtuchtrockene Haar auf, ließ sie kurz einwirken und spülte sie wieder aus. Sie betrachtete sich im Spiegel. Valetta empfand keine Reue oder Angst vor den Reaktionen ihrer Mitmenschen auf die radikale Veränderung, sondern eher eine innere, selbst auferlegte Disziplin. Für einen Moment lang blickte sie konzentriert auf ihre Handgelenke. Die Narben ihrer Schnitte würden sie immer an die seelischen Wunden erinnern, die ihr angetan worden waren. Doch sie schob den Gedanken beiseite, die schwarzen Haare mit den Narben zu vergleichen, da die Haarfarbe keine Selbstverstümmelung für sie darstellen sollte. „Mit diesem Look erinnere ich mich von nun an tagtäglich, dass ich eine tiefe Verzweiflung in mir trage, die es mehr und mehr aufzuarbeiten gilt“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild und lächelte. „Dass mir die Farbe nicht steht, war mit ohnehin von Anfang an klar.“ Mit dieser Einstellung empfand sie ihren neuen Look als ziemlich tragbar, wenn man die optische Vertuschung ihrer schönen blauen Augen aufgrund der Schwärze außer Acht ließ. Die Hände in die Hüften gestemmt betrachtete sie sich neugierig. Nun hatte sie also doch die Möglichkeit, einen Gewinn durch Verlust geschehen zu lassen, indem sie sich mithilfe der schwarzhaarigen Symbolik von ihrer dunklen Vergangenheit mehr und mehr verabschiedete, und daraus neues Leben in ihrem Inneren entstehen ließ.

Ihr Magen knurrte, als sie beim Verlassen des Badezimmers die Kochnische mit ihren Augen streifte. Frische Zutaten hatte sie nicht im Haus. Ein Fertiggericht sollte es auch tun, also stellte sie einen Topf mit Wasser zu, und streute den Inhalt einer Instant-Packung „Nudeln in Brokkoli - Knoblauchsauce“ hinein, sobald dieses zu kochen begonnen hatte. Das sind Casmys Lieblingsnudeln, dachte sie verträumt. Normalerweise teilte sie die Portion immer mit ihr. Aber nun war sie nicht hier. Auch, wenn sie nicht zur Arbeit gegangen wäre, was die pflichtbewusste Friseuse natürlich aus Gewohnheit unterließ, wäre es keine gute Idee gewesen, an ihre Tür zu klopfen, solange Valetta nicht wusste, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Vielleicht bildete sich Valy ihre Verliebtheit nur ein. Es konnte sich genauso um eine Schwärmerei handeln, weil sie die Erinnerung an den Sexualakt sehr genoss. Als sie langsam mit einem Holzlöffel im Topf zu rühren begann, stellte sie sich Casmy erneut vor.

Sie dachte an ihre wunderschönen Schenkel. Dann diese glattrasierte Vagina, die Art, wie sie mit gekonnten Bewegungen ihren Körper zur Geltung brachte. Der Geschmack ihrer Zunge, dieser endlos langen, erregenden Zunge. Sie dachte an ihr aubergine getöntes Haar, wie es sich um ihre prallen Brüste geschmiegt hatte. Valy hatte eigentlich ein Faible für kurzhaarige Frauen, aber bei Casmy machte sie eine Ausnahme. Sie war der weibliche Typ, für den Valetta all ihre Aggressionen fallen ließ, zumindest wirkte es so, als sie sich mehr und mehr den Gedanken an ihr sexuelles Abenteuer hingab. Sie brauchte jetzt keine dominante Lesbierin mehr, die ihr die Herausforderung ihres Lebens bot, geschweige denn Dominanz oder Kampfgeist. Was sie für eine erfülltes Leben benötigte, war Ruhe. Das Gleich – und Gleich gesellt sich gern – Prinzip hatte sie in homosexuellen Beziehungen bereits erlebt. Momentan jedoch fühlte sie sich offen für das natürliche Gesetz von Gegensätze ziehen sich an . Sie würde dabei viel von Casmy lernen können, ihre gesamte Sturheit ablegen und sich dessen ruhiger, und doch temperamentvollen Art widmen. Im Gegenzug würde sie sie lehren, belastende Dinge, die schon lange mit sich herumgetragen wurden, herauszuschreien, falls sie diese Lehre benötigte. Ein wahres Geben und Nehmen. Valetta schüttelte den Kopf. „Genug geträumt“, sagte sie in tadelndem Ton zu sich selbst, als sie die Nudeln auf einem Teller drapierte. Sie konnte heißes Essen nicht ausstehen, und wartete ungeduldig mit auf dem Platz tretenden Fuß auf die Abkühlung. Schließlich platzierte sie ein Handtuch auf ihrem Kopf und begann zu essen. Doch die Erinnerung an Casmy und deren sexuelle Hingabe hielten sie davon ab. Dabei wehrte sie sich mit aller Kraft gegen diese Bilder in ihrem Kopf, um zu verhindern, sehnsüchtige Gefühle aufkommen zu lassen. Es erschien ihr außerdem so, als würde eine Mahnung aus ihrer Kindheit seine Fühler nach ihr ausstrecken: der Reiz des Verbotenen war das Endergebnis dieser Mahnung. Alle Dinge, die sie nicht tun durfte, hatten einen gewissen Reiz, sie doch zu tun. Und nun verbot sie als Erwachsene ihrem eigenen inneren Kind, von Casmilda zu träumen, mit wenig Erfolg.

Mit einem Mal verließ sie der Appetit, weil sie sich nicht auf das Hier und Jetzt konzentrieren konnte. Casmys Körper begleitete sie in ihren Gedanken auch, als sie die Nudeln mit ein wenig Ketchup krönte, um den Geschmack zu verbessern, in der Hoffnung, einen Grund zu haben, mit vollkommenem Gusto zu essen. Sie schmeckte kaum einen Unterschied, versah ihre Nudeln noch mit ein wenig Sauce Hollandaise aus der Packung, aber die gewünschte Veränderung für den Gaumen blieb aus. Den Gedanken, ein wenig Staubzucker zu verwenden, verwarf sie wieder. „Nein, ich bin nicht schwanger“, sagte sie mit einem Lächeln zu sich selbst und bemühte sich, Bissen für Bissen hinunterzuwürgen.

Nach diesem seltsam gewürzten Essen verspürte sie Magenschmerzen, was sie nicht überraschte.

Im fiebrigen Zustand sollte sie allerdings auch auf ihren Körper hören, anstatt ihre Aufmerksamkeit auf Tagträumereien zu lenken, die sie seltsame Speisen zu sich nehmen ließen, und sich lieber auf die Genesung ihrer restalkoholischen Disharmonie konzentrieren. Um sich von den Magenschmerzen zu erholen, die starken Brechreiz in ihr auslösten, begab sie sich mit eiligen Schritten zur Toilette und steckte sich den Finger in den Hals. Sie würgte und würgte, bis die gesamte bunte Kreation ihres Mittagessens in der Toilette schwamm, die sie schnell hinfort spülte. Sie putzte sich die Zähne und verwendete Mundwasser. Einem Gefühl der Schläfrigkeit nachgebend gähnte sie laut, wenige Minuten später legte sie sich in ihr Bett, fühlte ihre schweren Beine. Erschöpft von ihrem Brechreiz atmete sie langsam ein und aus. Nun gab sie sich den Tagträumen von Casmilda vollkommen hin. Vielleicht würde sie ja im Schlaf ebenfalls von ihr träumen, wenn sie nun langsam einnickte. Sie drehte sich auf die Seite, den Kopf in Richtung der Wand gerichtet, winkelte die Beine an, um die Embryostellung einzunehmen, die sie zum Schlafen immer bevorzugte, als sie fühlte, wie ihre Augenlider schwerer und schwerer wurden. Gerade, als sie sich in ihrem Körper fallen lassen wollte, erschreckte sie ein Gedanke, der sich als beängstigendes Gefühl in ihrer Herzgegend ausbreitete :sie verurteilte sich selbst als oberflächlich. Warum empfinde ich diese starken Gefühle für Casmilda erst seit unserem gemeinsamen sexuellen Akt? Natürlich konnte die Theorie stimmen, dieser Akt sei die Vervollkommnung ihres platonischen Verständnisses gewesen. Vielleicht aber täuschte sie sich auch. Dies würde sie wissen, wenn ihr Bestreben in nächster Zeit darin lag, mehr und mehr sexuellen Austausch mit ihrer Freundin erleben zu wollen. Andererseits fand sie diesen Wunsch nicht sonderlich verwerflich, weil sie wusste, nicht von einer sexuellen Sucht ergriffen worden zu sein. Dennoch überwog das schlechte Gewissen gegenüber dem vermeintlichen Vorhaben, Casmilda – wenn auch unabsichtlich - auf ein Objekt der Begierde zu degradieren. Das Gespräch über diese eventuelle Oberflächlichkeit mit Sharna und Mel hatte sie am Vortag auch nicht sonderlich weitergebracht. Vielleicht hätte sie aber mehr Kritik erfahren, wenn sie konkret danach gefragt hätte. Valetta massierte ihre Schläfen und drehte ihren Körper Richtung Zimmerdecke. All ihre Spekulationen erschienen ihr bei dieser kurzen Entspannung wiederum als überflüssig. Sie musste mit Casmy über ihre Gefühle sprechen. Andernfalls würde sie niemals herausfinden, was diese über den gemeinsamen sexuellen Akt dachte, ob sie sich eine Beziehung mit ihr vorstellen könnte, oder ob sie diesen Sexualakt jemals wieder praktizieren wollen würde, und wenn ja, war das Warum eine entscheidende Frage. Sie konnte jedoch eine Sache für sich selbst beschließen: sie wollte Casmilda als platonische Freundin nicht verlieren, und würde sie ihre intensiven Gefühle nicht erwidern, würde sie die Tiefe ihrer platonischen Freundschaft weiterhin als das akzeptieren, was sie war: ein wertvolles Geschenk überwältigenden Vertrauens, ohne Sex. „Du kannst niemanden verlieren, den du niemals besessen hast“, meldete sich eine innere Stimme in ihrem Kopf. Valetta nickte, um diese Erkenntnis zu bestätigen. Also hing es von der beiderseitigen Freiwilligkeit der jungen Frauen ab, inwiefern sich die Beziehung zueinander aufgrund ihres Sexualaktes veränderte.

Ihr wurde langsam bewusst, dass ihre aufgeregten Gedanken keine Ruhe finden würden, als sie sich nervös in ihrem Bett hin und her wälzte, also kapitulierte sie und verzichtete auf den Schlaf, der ihr sicherlich gut getan hätte. Von Neugierde ergriffen stellte sie sich noch einmal ins Badezimmer und betrachtete sich einen Moment lang, das Handtuch fest um ihre Haare geschlungen. „Spieglein, Spieglein an der Wand, ist mein Haar zurecht galant?“, witzelte sie mit breitem Lächeln, als sie das Handtuch abnahm. „Galant ist euer Busen hier, schwarz wie die Nacht das Hauptquartier!“ Bei der „Antwort“ des Spiegels hatte Valy die Stimme verstellt und einen tiefen Ton gewählt. Jetzt inspizierte sie die Farbe genau. Trotz allem Humor, inspiriert von Schneewittchen oder sonstigen Fantasievorstellungen, musste sie zugeben, ihren natürlichen Typ in den Schatten gestellt zu haben. Und dieser Schatten drückte sich wortwörtlich auf ihrem Kopf aus. Valetta schlug die Hände vors Gesicht und bereute ihr Werk, als sie die Augen aufriss und immer noch nicht glauben konnte, wie kontrastreich die dunkle Mähne zu ihrer Haut und den Augen wirkte. Dennoch hatte sie sich schnell wieder gefangen, weil sie keine Reue zulassen wollte. Es wäre gelogen gewesen, zu behaupten, die Färbung könnte nicht rückgängig gemacht werden, aber sie wusste von Casmilda , wie schwierig sich diese Prozedur darstellte. Also versuchte sie sich, damit abzufinden und erinnerte sich gleichzeitig an ihr Vorhaben, den Gewinn durch Verlust auszuleben.

Einige Stunden später kamen Casmilda und Conny von der Arbeit nachhause. Casmy sah das Schild und grübelte darüber nach, was es wohl zu bedeuten hatte. Auch für sie war es nicht einfach, ihre liebe Freundin Valetta seit zwei Wochen nicht mehr gesehen zu haben. Cornelia wohnte einen Häuserblock weiter und hatte ein richtiges Problem mit Lesbismus. Im Allgemeinen konnte sie der Homosexualität nichts abgewinnen, sondern verabscheute sie. Ihre Mutter und ihr Vater hatten ihr eingebläut, Menschen, die die Form der gleichgeschlechtlichen Liebe auslebten seien des Teufels Sünder. Conny hatte diesen Glauben übernommen, ohne ihn großartig zu hinterfragen. Eines Tages hatte Cornelia Casmilda von dieser Überzeugung erzählt. Aber diese konnte solch lächerlichen Einstellungen nichts abgewinnen, und lachte nur.

Sie klopfte um halb 8 Uhr abends fest an Valettas Tür, weil sie das „Bitte nicht stören“-Schild irritierte, außerdem musste einer von den beiden das Schweigen brechen. Hätte sie der Sex mit Valetta nicht so durcheinandergebracht, wäre sie schon viel früher auf sie zugegangen. „Lass' mich in Ruhe, ich bin krank, tut mir leid!“, ertönte Valys heißere Stimme von drinnen. Das war natürlich nur die halbe Wahrheit, es ging ihr körperlich wieder ein wenig besser, doch Casmys Klopfen erinnerte sie daran, ein sich selbst auferlegtes Liebesgeständnis ablegen zu wollen, was Valetta nervös und verlegen machte. Aber Casmilda ließ sich nicht abwimmeln. Valy verhielt sich in ihren Augen ziemlich seltsam.

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