Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 137

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(Korrektur) .. ebensowenig .. verjudet, wie daß geschlafen .. Ich möchte überdies ein Zufallsbeispiel hier einfügen. Schlegel. Man erkennt leicht die aktuellen Beziehungen. Das Vorhandengewesensein vor Judeneinfluß /und übrigens auch System/ Wie immer … Abschied. Die Dinge liegen anders.

10) Warum also nichts gesehn .. Verlegenheit. Aufgabe gestellt.

11) Ich bin ebensowenig darauf vorbereitet zu schreiben wie ein anderer. Es ist nur pflichtschuldiges Bemühn. Chamberlain. Geistvoll und unhaltbar. Der Rembrandtdeutsche. Beide vom „System“ begünstigt. Jünger, Blüher ebenfalls (Was sich bis heute gezeigt hat, wenig wert.) Alles Bestandteile der heutigen unbestimmten Mischung. Bis gestern Bestandteile des Intellektualismus.

12) Daneben eine wachsende apokryphe Literatur. (Am besten zu vergleichen mit der Minderwertigkeit der Frau. Astrologie. Gemeinsam mit der Los-von-Rom-Bewegung, also auch antikirchlicher Antisemitismus.) Ich bedaure, sie nicht so zu kennen, daß ich sie historisch darstellen könnte, aber was ich schreibe, soll ja auch nur das erklärende und vermittelnde Bekenntnis von Eindrücken sein, und überdies kann man auch aus Einzelfällen auf das Allgemeine schließen, wenn man die methodischen Kriterien nicht außer Acht läßt. Mehrere Mischungsbestandteile: a) Es ist die typische Sektenliteratur. – Fleißig, wissend und paranoïd. Sich übersehn fühlend. b) Dem andere Gründe als die wirklichen unterschiebend. Religiöse Reaktion auf den Freisinn, die Freimaurer. Fassung des populären Antisemitismus, der eine Reaktion auf die Emanzipation ist. Völkischer Gedanke, in Zusammenhang mit der Politik. Betonung der Rassengemeinschaft, der großen gemeinsamen Vergangenheit, Romantik (Wagner) bei einem abgetrennten Volksteil.: Romantisch-historisch. c) Ethnologisch, Rassentheorie. – Nicht von der empirischen Forschung, sondern von moralischen Vorstellungen (Gobineau?) ausgehend. Man kommt ja nicht nur von der Politik zur Rasse, sondern auch von der Biologie. In dieser Zeit bildet sich heraus: Der Rassenbegriff als etwas wissenschaftlich höchst Unsicheres, politisch-sektiererisch als sicher Behandeltes. Wenn von jahrzehntelanger Unterdrückung der Bewegung gesprochen wird, hier eine Ursache. Aber hätte es anders sein können? d) Literarisch: Man darf nicht vergessen, daß die Periode des siegreichen Liberalismus in Deutschland wenig hervorgebracht hat. Nietzsche war ihr Antipode. Hebbel? Familienblattliteratur. Die Wende kam von außen, weckte aber kräftige Eigenbewegung. Damals hatte der Sozialismus eine gewisse Jugendkraft. Wurde völkisch aufgefaßt, repräsentativ dafür Hauptmann. Familienblattliteratur blieb immer erhalten. Blieb numerisch mindestens so einflußreich wie die andere. In der folgenden Ermüdungszeit Raum gewonnen. Die auch aus pädagogischen, auch aus politischen Quellen kommende Heimatsbewegung.

Die hohe Litatur hat sich nicht durchgesetzt, sie ist nicht vorbildlich geworden. (Infantilität des Kitsches.) Mit Recht nicht. Die Verhältnisse waren nicht so, wie sie sein sollten. Neben einzelnen, teils mit Recht, teils mit Unrecht, allgemein hochgehaltenen Dichtern entstand der sogenannte Asphalt und auf der andern Seite die Scholle. Man könnte beschreiben: Asphalt, eine gute litarische Tradition, entartet, Scholle, eine falsche literarische Tradition, mit ehrbarem Willen. Man sieht, daß man nicht einfach das eine gegen das andere ausspielen darf.

13) Zwei Ergebnisse sind hier festzuhalten: a) Das Primat des Moralischen. Unbedingt erfreulich. In die Erscheinungen des Lebens soll ein Sinn, ein Wille gebracht werden. Anstelle des Freien Marktes, der immer die Ermanglung eines besseren war, soll ein Besseres gesetzt werden. Der Einzelne soll nationale Verantwortung lernen, hoffentlich auch die Nation Verantwortung gegen den Einzelnen. b) Die enge Verbundenheit dieses schönen Antriebs mit sektiererischen Einzelheiten. Wir haben den Antisemitismus genügend zu sehen bekommen, wir sehen augenblicklich die kulturelle Reinigung einsetzen. Sie ist verbunden mit der Mißachtung wirklicher geistiger Leistungen und mit der Überschätzung verbands-verbundener geringer Leistung.

14) Man hört die beschwichtigenden Stimmen, (Augenzwinkern) dies seien Ausschreitungen, Überschäumen, Mostgährung. Wenn ich die Vorgeschichte richtig kenne, ist das falsch. Die Bewegung hat nur zwei Möglichkeiten: Ihrem Glauben untreu werden. Kompromisse eingehn. Kompromisse sind Veränderungen unter dem Diktat des andern. Ihren Glauben zu ändern. (Oder den deutschen Geist zu zerstören.) Das ist eine Veränderung aus eigenem Willen und Erkenntnis. Ein Feldherr paßt nicht nur seine Taktik den Umständen an, sondern auch das Operationsziel. Ich möchte einige Fragen, die damit zusammenhängen, zu bedenken geben:

15) Ich sprach bisher von „uns Geistigen“, von Geist und dergleichen und das soll natürlich mit meiner Selbsteinschätzung nichts zu tun haben. Aber die Frage ist nicht zu umgehen: Gibt es so etwas wie Geist, das verhältnismäßig unabhängig von der Politik und auch von seinen eigenen (kulturpolitischen) Gruppenbildungen ist? Die Einwände dagegen sind ja schon da: Geist war auch Bonzentum. Und Geist riecht nach Internationalität, während er in Wahrheit nur aus dem Blut und der Volksverbundenheit zu erreichen sei. Nun, ich bin kein Bonze, ich gehörte zur Opposition. Dennoch möchte ich den Versuch machen, einige der Gesetze, die diesem Begriff zugrundeliegen, hervorzuheben.

16) In einer Nation (im Fall der Literatur: Sprachgemeinschaft) ist ein bestimmtes Denken, Fühlen, Wollen und Handeln vorhanden und macht gemeinsam mit den fest gewordenen Einrichtungen ihren Zustand aus. (Als längst einigermaßen bekannt bezeichnen.) Der Vergleich mit der Einzelpsyche ist nicht bloß eine Metapher. Die intellektuelle Kontroverse vollzieht sich im Allgemeinen ähnlich wie im Einzelkopf + Einfluß von Institutionen, der befördernd, unter Umständen aber auch verfälschend ist. Das erfolgreiche Handeln wirkt Dispositionen stiftend. Das Fühlen und Wollen, die Affektivität, determiniert im Einzelnen das Denken direkt, in der Allgemeinheit hauptsächlich durch Suggestion. Möglichste Ausschaltung der Affektivität ist Wissenschaft. Möglichste Einbeziehung der Affektivität ist Dichtung.

17) Ein besonderes Wort verdient die Wahrheit. Sie soll ja nicht relativ sein, das will heute niemand oder höchstens der Liberalismus. Sie soll also den Stimmungen und Strebungen des Geistes entrückt (nicht subjektiv) sein. Das erreicht sie nur durch Übereinstimmung mit der Außenwelt, mit dem größtmöglichen Bereich der Tatsachen. Also auch nicht durch Übereinstimmung im Volk, sondern mit der Wirklichkeit. Hier liegt ein Fehler. Eine Romantik und dergleichen. Es gibt ebensowenig eine nationale Geometrie wie es eine proletarische gibt.

17’) Aber Dichtung soll national sein? Indem sich die Dichtung auf der menschlichen Wahrheit aufbaut, ist sie mehr als national. Davon später. Vorerst:

18) Wenn die Gefühle und Willen feste sind, hat eine Dichtung Charakter. (Aber nicht einmal den: denn Gefühle werden unwahr.) Geist hat sie, wenn sie sich unter Wahrung dieses Charakters den immerwährend neuen Erkenntnissen, den neuen Lebensformen anpaßt. Geist ist ein immerwährender Prozeß, Charakter dessen Masse, Hemmung usw. Der Geist hat aber noch eine andere Bremse: die Überlieferung. Aber der Geist verändert nicht um des Veränderns willen. Und Kunst ist nicht durchaus nur da, Geist zu haben. Sie ist auch eine individuelle Reaktion. Sie ist von sozialen Konventionen abhängig. Das sollte keine Definition werden. Man denkt ein Leben lang vergeblich nach. Aber ungefähr worauf es ankommt, läßt sich doch herausstellen. Und es soll sich zeigen, wie fragil das ist. (Seit langem abwärts. Herbstregen. Kunst läßt sich nicht kommandieren. Aus dem geistigen Habitus – Induktion. Aber anderseits doch nicht auch nur Partiallösungen. Läßt sich verändern. Geist ist moralisch. Geist ist unpolitisch. Merkwürdig konsequentes Paradoxon: Die Juden ausschalten, die etwas leisten.)

Was hat noch zu kommen? Paradoxon: die Tüchtigen ausschalten. Im Widerspruch mit der Wissenschaft, die Wissenschaft ausschalten. (Typische Affekthandlung.) Plus der Bewegung: Man kann sich nicht vorstellen, was nach ihr kommen soll. Plus der Bewegung: Die allgemeine Feigheit und Charakterlosigkeit. Auch der Instanzen. Der Sportsmann wie der Kirchenmann. Die gleichen Leute, die tapfer sein können. Nichts anderes spricht so dafür, daß der Mensch „gefaßt“ werden muß. Die moralische Unbestechlichkeit des Geistes. Er kann zugrundegehn, aber er kann sich nicht ändern. Beispiele des Bolschewismus und des Faschismus.

Die Weltanschauung des Geistes als falsche Abschwächung zwischen den Weltanschauungen. Der Begriff des Humanismus, der Freiheit, der Internationalität und anderer in dieser Beleuchtung. Der induktive geistige Habitus. (Braucht deduktive Elemente.) Was in der Literatur getan werden könnte. (Akademische Rezensionen, Förderung)

Nicht so sehr die Frage beantworten wollen, was Geist ist, als die, in welchem Verhältnis er sich zu den Vorgängen im Ganzen befindet. Ähnlich dem Individuellen. Er hat augenblickliche Aufgaben, zum Beispiel im Verhältnis zum Handeln, und dauernde der Entwicklung.

Eventuell: Wie schwer es wäre als Kulturdiktator. Charakterschulung nötig, aber nur in Übereinstimmung mit dem Geist möglich. Das Führerprinzip und die Kunst aus dem Volk. (So wie sie Vernunft haben, werden sie fühllos; so wie sie heftig fühlen, verlieren sie die Vernunft.)

Adolf-Hitler-Lied

Nacht über Deutschland lag

Nun blitzt der Tag.

Der deutsche Arm hat wieder Kraft.

Das deutsche Mark hat wieder Saft.

Ein großes Volk, durch Gift erschlafft,

Nicht länger schlafen mag.

Wer unser Deutschland rief,

Als es noch schlief?

These: Das Nationale soll die Kunst enthalten, nicht die Kunst das Nationale (Das allgemeine Mißverständnis heute. Gehört zu den Dingen, die man vom Nationalismus lernen kann.) Das Soziale soll das Kunst enthalten, nicht die Kunst das Soziale. Das Religiöse soll die Kunst enthalten, nicht die Kunst das Religiöse. Oder: Kunst ist immer national, sozial usw. Direkt oder indirekt. Auch L’art pour l’art ist sozial: es fehlt nur die kritische ästhetische Vermittlung.

Etwas anderes ist die Begünstigung durch Zusammenfallen mit Zeitstimmung oder Gruppenstimmung. Die Abneigung gegen den Sozialismus. Es gibt keine „objektive“ Wissenschaft. Die objektive Wissenschaft nützt der Zukunft nichts. Das Proletariat braucht die bürgerliche Kultur nicht. Das sind alles schwere Fragen, die nicht mit journalistischer Universalität erledigt werden können.

Döblin, Hofmannsthal, Einstein, Borchardt, Schnitzler, Ehrlich, Kraus, Wassermann, Altenberg, Husserl.

Tat – Analyse und Synthese – Konstruktion und Destruktion. Sprachunterricht. (Nestroy)

Scholle und Asphalt. Enternstung und Ernstung (durch Simplifizierung). Die politische Funktion. (Die Menschen erkennen sich in der Politik = sie sind nicht genau). Mode. Körper. (Entdeckung Nietzsches – Körper als Maske – formt der Körper den Geist? – Erzieht Sport moralisch?) ? Vom Erzählen. Schönheit. Dichtung = Ausdeutung ≠ Schilderung.

Vorrede zu einer zeitgenössischen Ästhetik

Der Schüler Princip, der mit seinen Pistolenschüssen die ehrwürdigen Großmächte im Jahr 1914 so aufgeregt hat, daß sie sich aufeinander stürzten, wovon sich die Großmächte heute noch nicht erholt haben, ist ein heimlicher serbischer Dichter gewesen; und der Mann, der es durch seine geistvollen, aber eigensinnigen und etwas einseitigen Anlagen dahin gebracht hat, daß dieser Krieg kein Ende fand, nämlich Georges Clémenceau, hat offenkundig einen Dichter in sich beherbergt, der zu wenig Luft geatmet hatte, etwas giftig geworden war und die Politik seines Herrn im Sinne seiner Vorurteile beeinflußte. Auch kenne ich aus der Zeit vor seiner Macht einen recht guten Unterhaltungsroman von Mussolini, der in jeder Familie gelesen werden könnte, und dieser erfolgreiche Staatsmann läßt sogar jetzt, unerachtet seines wirklichen Ruhms, ein Theaterstück aufführen, das er gedichtet hat. Wundert es da noch, daß … in jedem Zoll ein Künstler ist, wie manche seiner Bewunderer es behaupten! Die deutsche Revolution hat überdies die merkwürdige Erscheinung gezeitigt, daß bald nach ihrem Sieg viele ihrer Führer und Unterführer mit Dramen und Romanen, die man bis dahin nicht gekannt hatte, an die Öffentlichkeit gekommen sind, was einen Einblick ermöglicht, wie ihn bisher noch keine Revolution dargeboten hat. Mit einem Wort, jene heillos blinden Menschen, welche die Poesie verachten, muß man daran erinnern, daß schon Nero Rom angezündet hat, und das nicht bloß getan hat, weil er geisteskrank gewesen ist, wie man es behauptet, sondern vor allem, weil er ein Dichter war. Ihre Achtung vor der Dichtung wird dann steigen, wenn sie bemerken, daß mehr als einmal Amateure der Dichtung, dichtende Dilettanten, aber auch Dichter, die es aus irgendeinem Grund nicht ganz sein konnten, die Welt angezündethaben.

Im Vergleich mit ihnen sind die wirklichen oder voll entwickelten Dichter von großer Ungefährlichkeit und haben außer geistigem Diebstahl, bürgerlichem Konkurs und Verstößen gegen die öffentliche Sittlichkeit nie etwas Ernsthaftes angestellt. Was die Unruhe in weltstörenden Menschen ist, wird bei ihnen zur ruhig brennenden, zur nährenden Herdflamme und mit den Abenteuern ihrer Phantasie bestreiten sie ein geregeltes Ausfuhrgeschäft. Man müßte also die Dichtkunst fördern, wenn man Revolutionen verhindern will, und die einstige revolutionäre Partei Deutschlands, die Sozialdemokratische Partei, hatte das auch in die Praxis eingeführt, indem sie in alle ihre Büchereien zwar gute Romane aufnahm, durch ihre Bibliothekare aber die Arbeiter davor warnen ließ, sie zu lesen, weil sie nichts als Opiate seien, um das revolutionäre Proletariat einzuschläfern. Der Erfolg ist freilich ein unerwarteter gewesen, denn die Partei der streng behüteten Revolutionäre ist dann in Deutschland in der leidenschaftlichsten Weise von einer Partei weggejagt worden, deren Mitglieder ungemein gern Romane lesen, wenn auch nicht gerade die besten, ja sogar selbst welche schreiben.

Wahrscheinlich ist es für Revolutionäre nur gefährlich, daß sie gute Bücher lesen oder schöne Bilder bewundern. Auch die Wissenschaft ist ihnen gefährlich; sie ziehen die Populärwissenschaft vor, wie sie in Bildungsvereinen zum Vortrag kommt und ihnen einen Ausblick auf die Lösung der Welträtsel gestattet. Die bekannte Behauptung, daß in ruhigen Zeiten die Künste und Wissenschaften blühn, kann offenbar auch umgekehrt werden, und drückt auch dann ein Verhältnis von Ursache und Wirkung aus, denn es ist das Gedeihen der Künste und Wissenschaften, was die Zeiten ruhig macht, indem es ihnen ein Etwas entzieht, dessen Verlust die treibenden Kräfte der Geschichte einschläfert. Schon Nietzsche hat dieses reziproke Verhältnis in der Bemerkung ausgedrückt: „Niemand kann mehr ausgeben, als er hat. Gibt man sich für Macht, Politik, Wirtschaft, Militärinteressen aus – gibt man das Quantum Verstand, Ernst, Wille, Selbstüberwindung, das man ist, nach dieser Seite aus, so fehlt es auf der andern Seite. Die Kultur und der Staat – man betrüge sich hierüber nicht – sind Antagonisten. Kultur = Staat ist bloß eine moderne Idee. Alle großen Zeiten der Kultur sind politische Niedergangszeiten: was groß ist im Sinne der Kultur, war unpolitisch, selbst antipolitisch.“ Merkwürdigerweise hat Nietzsche bei der Erwähnung der gemeinsamen Vorräte, aus denen Politik wie Kultur schöpfen, die Phantasie zu nennen vergessen, obwohl gerade sie es ist, was ein Abenteurer, ein Dichter, ein Politiker, ein Historiker, ein Philosoph und ein Soldat gemeinsam haben müssen und auf gegenseitige Unkosten in eine einseitige Form bringen; man könnte sagen, daß ihnen nur noch ein gewisses Maß von Intelligenz ebenso gemeinsam sein muß. Wie ist es aber um ihre Phantasie bestellt, wenn sie dieses Maß nicht erreichen? Haben sie dann auch keine Phantasie? Haben sie eine dumme? Oder haben sie eine verbrecherische Phantasie? Haben sie die Phantasie schlechter Menschen oder die schlechter Romane?

Nietzsche hat bei seiner Behauptung der Verfall aus Überfeinerung vorgeschwebt, und sie drückt einen Grundsatz der Verteilung geistiger Energien aus, der, nebenbei bemerkt, am anziehendsten in seinen Grenzfällen wäre, da doch im vollkommenen Staat dann für die ringende Musik Beethovens kein Platz mehr wäre, und anderseits aus einem vollendeten Kulturzustande die Politik verschwinden müßte. Kehrt man aber zum Erfahrbaren zurück, so besagt die angeführte Beobachtung nicht mehr, als daß ein Volk nicht zugleich politisch und geistig schöpferisch sein könne, und läßt glücklicherweise dem Unschöpferischen vollsten Spielraum, indem sie nicht das geringste enthält, was dagegen spräche, daß ein Volk gleichzeitig geistig und politisch unschöpferisch sein könnte. Wir wollen also untersuchen, wie sich Kultur und Politik gegenseitig hindern: So könnte heute die Vorrede zu einer Ästhetik beginnen.

(Warum sollten Helden der Politik nicht auch noch solche Helden der Feder sein?! So ungefähr war ihr Gefühl auf einem Gebiet, mit dem sie früher in Berührung waren, etwas geleistet zu haben?)

Dieses Problem kann man sich ohne weiteres durch die naive Frage verdeutlichen, warum unter den erfolgreichen Politikern so viele Soziologen und Dichter, Geistliche und Advokaten sind, und so wenige Zahnärzte Ingenieure, Musiker und Bildhauer. Es sind die Berufe die unzufrieden machen oder Unzufriedenheit voraussetzen.

Berufe die: Zeit lassen, den ganzen Menschen erfassen, mit seinem Handeln zu tun haben, die zum Teil Beschäftigung mit der Gesamtheit voraussetzen, Redner, überlieferungsmäßig (Generalsadel), zum Teil ist das ja offenbar historisch bedingt, zum Teil durch die Beschäftigung mit Geschäften. Ihr zweites Gesicht, ihr zweiter Charakter.

Demnach liegt in Problem darin, daß Männer der Tat zugleich Männer der Feder sind. Man kann es umkehren, welche Berufe haben Politiker gestellt?

Stil, Gesamthaltung. Wie jene für Ulrich vorgesehen: Ich weiß nicht, mir scheint, man könnte … Haltung der Unwissenheit, des Nichtgenugwissens, der Aufgabe für das Generalsekretariat. Die überlegene und aggressive Unwissenheit. Irgendwo die Unterscheidung gegen Skepsis auszuführen. (Ferner: Im Paradies ist nicht Kunst gemacht worden.)

Ich möchte wissen, ob ein Vogel, der singt, das Weibchen anlocken will, das er liebt, ob er also einer ihm befreundeten Dame seine Gedichte vorliest, oder ob er aus dem Ozean der Luft alle Weibchen zu sich ruft, sogar alle Männchen der Erde und des Himmels herausfordert, ihn zu beschauen, denn beim Menschen ist anscheinend sowohl das eine als auch das andere der Fall, obwohl ein sehr großer Unterschied dazwischen liegt.

Da gibt es den bei wachen Sinnen noch öfter als im Schlaf wiederkehrende Traum unzähliger Menschen, die keine Sänger sind, daß sich eines Tages ihr Mund öffnen und ein wunderherrlicher Gesang ihm entströmen werde, der ihnen Freunde und Unbekannte zu Füßen legt: das bedeutet, wie man sagt, das Bedürfnis nach persönlicher Größe, Macht und Schönheit; aber die Schönheit nimmt dabei eine besondere Stellung ein, denn sie ist zärtliche Macht, Macht ohne Zwang, Macht durch Liebe, Macht, ohne einen Finger zu rühren. Es ist sehr merkwürdig, daß Menschen voll von Geschäftssorgen, und gemeinen Plänen diesen Traum in sich tragen, Und er geht weit über ihre persönliche Eitelkeit hinaus bis zu jener vollen Verleugnung der Welt, die in der Utopie des Paradieses beschlossen liegt, wenn man bedenkt, daß es heutzutage nicht mehr von zwei Menschen bewohnt würde, sondern von vielen Millionen, die also einer besonders gearteten Natur bedürften, um ohne Furcht, Militär und Betrug miteinander auszukommen.

Daraus folgt, daß die Menschen im Paradies unausdenkbar schön sein werden und daß die Schönheit dort überhaupt eine besondere Rolle spielt. Überraschenderweise hat das die religiöse Überlieferung doch auch immer behauptet!

Dennoch dürfte man sich das Paradies nicht im mindesten nach der Art einer Oper vorstellen. Abgesehen davon, daß beim Theater immer Zank herrscht, werden wohl die einzigen Menschen, die nie jenen angenehmen Traum vom Singen erleben, die ausgebildeten Sänger sein. Wenn sie vom Erfolg träumen, träumen sie von Applaus, Blumen, Einladungen und Auszeichnungen; in ihrer Eitelkeit ist nicht mehr jenes reine Schönseinwollen, jene Hingabe an alle enthalten, sondern sie hat sich zerlegt, erstens in eine neurasthenische Eitelkeit, die befriedigt werden muß, deren Befriedigung aber keinen Genuß bereitet, zweitens in die sachlichen Überlegungen eines Managers und drittens in die ernsten Anstrengungen, die den Weg zwischen Talent und Leistung bilden. Sollte es richtig sein, daß die Sänger die eitelsten Künstler sind, wofür vieles spricht, so muß man daraus schließen, daß die Kunst die Eitelkeit nicht befriedigt. (Das nehmen dann verständige Menschen auch gewöhnlich an.) Lebensführungen, die die Eitelkeit sichtbar sein lassen, sind gewiß nicht die, die sie am tiefsten befriedigen, so wie eine Frau, die sich die Lippen schminkt, wahrscheinlich skrupelloser, aber bestimmt nicht eitler ist als ein Kaufmann, der seine Bücher trotz der schweren Zeiten in Ordnung hält. Vollends ist in der Kunst die Eitelkeit unbefriedigter je weiter man sich vom Dilettantismus entfernt.

Weil die Maßstäbe für den Wert des Werkes nicht zureichend sind.

(Nun hat man ja auch den Dichter einen Sänger genannt, und eine Strophe eines sehr bekannten deutschen Gedichtes beginnt: Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnt.)

Auch beim Dichter ist nicht wenig Selbstdarstellung und Genuß im Spiel, aber das häufigere Vorkommen ist doch, daß er „eine wunderbare Idee“ zu haben glaubt. Hier liegt der Fall schwieriger als er scheinbar im vorhinein einer außerpersönlichen Sache zu dienen scheint. Aber im Mechanismus des Wunderbarwerdens eines Einfalls liegt nun die Sache.

Außerdem aber: Ist es nicht nett, etwas schön zu sagen. Ist dies nicht der Sinn der sonst schwer begreiflichen Vorliebe Goethes für den Dilettantismus? Warum soll man nicht ein Gedicht machen, wie man einen Schreibtisch schön aufstellt?

Nebenbei: Gibt es heute noch Dilettanten? Oder sind es unterdrückte Professionals? Absichtliche Dilettanten hat es wohl nur gegeben im Sinn des Mannes, der „nicht genug Zeit“, weil einen anderen Beruf (Ritter) hat.

Spielt auch der Unsterblichkeitswunsch mit? Jedenfalls hängt mit solchen Dingen jene Erscheinung zusammen, daß jeder sein Werk schafft und nicht vor Scham vergeht, ja nicht einmal Paranoiker und Querulant wird.

? So daß der Mensch erst ruft und schaustellt dann aber ruhig vorliest?

Zur Zeit gehört: der Gedanke, irgendwie, daß es nicht mehr auf den Einzelnen ankommt. Auch als Charakterschwäche äußert er sich. Natürlich ist das auch der Ausdruck der (vornehmlich wirtschaftlichen und beruflichen) Verflechtung der Einzelnen in das Ganze.

Es ist sowohl angenehm, daß sich der singende Vogel an sich selbst berauscht als auch, daß er dabei im Dienste seiner Gattung steht und seinen Gesang zwar persönlich variiert, aber innerhalb der Grenzen hält, die seiner Gattung gegeben sind.

Ganz das selbe läßt sich von Menschen (menschlichen Dichter) sagen.

Ich möchte es die Eitelkeit der Kunst nennen. Daneben hat dieses Beispiel des Sängers aber auch noch eine andere … Linie.

Man hat natürlich auch den entgegengesetzten Schluß daraus gezogen: daß politische Menschen, die nicht die Form des Künstlers gefunden haben, die Welt vorwärts gebracht haben. Sie haben dann die Form des großen Politikers, des großen Soldaten usw. gefunden.

Es kommt heute ebensosehr darauf an, zu Schreiben von der Höhe des Wissens wie aufzuhören, wo man nichts weiss. Wissen ohne Entscheidung und Entscheidung ohne Wissen!

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
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