Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 136

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Erste Fassung: Bedenken eines Langsamen

Betrachtet ein Geistesmann heute (Geistesmann soll auch das Berufs- und Gewohnheitsmäßige bezeichnen, so wie man Kirchenmann neben Geistlicher sagt) die revolutionäre Erneuerung des deutschen Geistes, deren Zeuge und Teilnehmer er ist, so wird er, unterstützt von einem recht natürlichen Selbsterhaltungsbedürfnis, zwei Richtungen dieser Bewegung und ihrer Führung unterscheiden. Die eine möchte nach der Eroberung der Macht den Geist zur Mithilfe am inneren Ausbau überreden und verspricht ihm nicht nur ein goldenes Zeitalter, wenn er sich ihr anschließe, sondern stellt ihm dabei auch ein gewisses Mitbestimmungsrecht in Aussicht; diese beruhigt und gewinnt ihn. Die andere dagegen schüchtert ihn ebensosehr ein und ängstigt ihn, denn sie erklärt, daß die revolutionäre Methode einstweilen noch aufs Unabsehbare weitergehe, daß fürs nächste sogar der Geistesmann selbst in die Arbeit genommen werde, ja daß mit der neuen Politik ein neuer Geist schon da sei und der alte nichts mehr zu tun habe, als sich freiwillig ins Feuer zu stürzen, auf daß er zu Asche verbrenne oder bis in die Elemente sich selbst entläutert werde. Wirklich scheinen diese beiden Bestrebungen im Vorgang der gesellschaftlichen Umformung vorhanden zu sein, ohne daß sie sich deutlich voneinander trennen ließen, und dem entspricht auch die Wirkung. Ein Teil von denen, die noch bis gestern die Würden und Lasten des Geistes getragen haben, befindet sich jenseits der Grenzen, der Mehrzahl, die im Lande ist, haben die Ereignisse offenbar den Atem verschlagen, aber da und dort erheben sich auch schon die Stimmen von Neubekehrten und legen mehr oder minder in Glückstönen Zeugnis davon ab, wie gut es ist, den Anschluß zu finden, sei es selbst im letzten Augenblick. Ich spreche da namentlich vom Schönen Geist, also dem der Künste, aber die gleiche Wirkung der Überraschung, die mit dieser Revolution merkwürdig verbunden ist, läßt sich auch in den anderen Geistesgebieten wahrnehmen, wenngleich sie sich je nach deren Art geändert äußert.

Die Geistesmänner haben aber keine Gelegenheit gehabt, oder sie haben sie nicht genutzt, sich rechtzeitig mit dem neuen Geist vertraut zu machen, und das ergibt nun Schwierigkeiten auf beiden Seiten, vor allem natürlich solche auf der ihren. Es wird ihnen vorgeworfen, daß sie geschlafen hätten, als die andren erwachten, und sie können das nicht verstehen, denn unter den vielen Fehlern, die der Zeit nach dem Kriege und den letzten zehn Jahren vor ihm anhafteten, kamen gerade Schläfrigkeit und Unaufmerksamkeit nicht vor. Im Gegenteil, man war eher zugänglich bis zum Übermaß, behende, wendig, stets besorgt, ja nichts zu versäumen, und gerade weil das öffentliche Leben an Charakter und Tiefe eingebüßt hatte, war es nicht leicht gegen irgendetwas ablehnend. Man kann also wohl nur annehmen, daß die Geistesmänner mit wachen Augen nichts gesehen haben, als sie das Pech hatten, gerade das zu übersehen, was sich in Zukunft als das Wichtigste herausstellen sollte, und das scheint zunächst so sonderbar zu sein, daß man sich über ungewöhnliche Erklärungen dafür eigentlich nicht wundern dürfte. Die gründlichste von ihnen ist die antisemitische. Sie sagt kurz und bündig, wir Geistesmänner wären so „verjudet“ gewesen, daß wir nichts mehr hörten und sahen, was nicht jüdisch gefiltert war. Ich unterstelle nun als wahr, daß es so gewesen sei – denn ich kann hier nicht das Problem des richtigen Ineinanderlebens auch noch hinzunehmen –, aber ich frage mich, wie eine solche Suggestion zustandegekommen sein sollte. Ich zähle uns Geistesmänner durch, die aussondernd, denen ich künstlerische und geistige Bedeutung unerachtet des Umstandes zusprechen muß, ob ich im besondern ihr Freund oder Gegner sei, und finde ungefähr dreimal so viel „Arier“ unter ihnen als „Nichtarier“. Ich suche die zweifellos überschätzten wie die unterschätzten heraus und finde darunter Angehörige aus beiden Lagern. Ich vergleiche zur Kontrolle das, was bloß literarische Industrie ist, und finde beim Theater ein Übergewicht jüdischer Autoren, beim Roman dagegen die einträgliche, ohne ihr Wissen scheinheilige, ungeheuer verderbliche Gemütsindustrie, die fast ausschließlich in den Händen von Ariern ist. Sonach sind wir Arier sowohl auf der Leistungs- wie auf der Unleistungsseite reich vertreten, wobei ich es offenlassen will, ob an der Stelle des Übergangs, wo sich ein anspruchsvolles literarisches Auftreten mit einem geschäftlich-geschäftigen Wesen verbindet, die einen oder die anderen überwiegen; es wäre denkbar, daß die Erscheinungen eines solchen Übergangsgebiets ungebührlich verallgemeinert worden seien. Eine ähnliche Verteilung wie zwischen den Autoren findet sich dann auch zwischen den Verlegern, wenn man die geistig regsamen und anregsamen zusammenzählt, die zwar auch für viel Schlechtes die Trommel gerührt haben, aber doch auch fast allein den Mut und Instinkt hatten, für alles Gute einzutreten. Wer filterte also? Waren die Quellen verdorben, aus denen uns unsere Bildung zufloß? Goethe, Nietzsche, Novalis, Hölderlin, Büchner, Keller, Stifter, Hebbel, d’Annunzio, Flaubert, Stendhal, Balzac, Dickens, Thackeray, Sterne, Swinburne, Verlaine, Baudelaire, Hamsun, Ibsen, Garborg, Jacobsen, Brandes, Dostojewskij, Tolstoj, Gogol …: diese Großväter des Heute halten noch viel strengeren Verhältniszahlen stand, als der, die augenblicklich gefordert wird! Und dann bleibt nur noch eine letzte mögliche Ursachengruppe geistiger Schädigung übrig: Kritik und Zeitung. Da freilich staubt es, wenn man klopft! Die Buchkritik zu einem großen Teil Literaten überlassen, die sich gegenseitig lobten, oder Anfängern, die mit dem kleinsten Honorar zufrieden waren; die Theaterkritik so, daß man in einer Großstadt wie Berlin acht Zehntel der Kritiker als Ignoranten ansprechen konnte; das Verantwortungsgefühl in Kunstfragen gering; die Aufmerksamkeit träge dem anhaftend, womit kein Risiko mehr verbunden war, oder dem Auffälligen zugeneigt und dem äußerlich Lohnenden; der Unterhaltungsteil von einer Art, die wirklich als Volksvergiftung zu bezeichnen ist: wer wäre nicht geneigt, die unerbittlichsten Änderungen auf diesem Gebiet freudig zu begrüßen?! Und von diesen Werkstätten der öffentlichen Meinung, von dieser Industrialisierung des Geistes (deren Zweigniederlassungen Film und Funk waren) her ließe sich wirklich eine Reform an Haupt und Gliedern anbahnen. Aber nicht nur wenn man der Wahrheit die Ehre geben, sondern auch wenn man erfolgreich zugreifen will, muß man die Wahrheit sagen, und das erfordert zwei Zusätze. Der erste: mochten solche Fehler an der großen freisinnigen Presse auch am deutlichsten in die Augen fallen, so waren sie doch weit schlimmer in den Konzernen der Provinzpresse und in der Parteipresse; man möchte sagen, sie waren dort ruhig und gesetzt schlimm, während sie in den Großstädten zappelig verübt wurden. Und der zweite Zusatz: In diesen Betrieben gab es auf dem Kunstgebiet da und dort Männer, die sich, so gut es ging, ihre Unabhängigkeit wahrten, die mehr mitzuteilen hatten, als es üblich ist, und die Hölle der Öffentlichkeit für uns einigermaßen wohnlich machten, und wenn ich mir die Erinnerung an solche Männer durch den Kopf gehen lasse, wie sie mir begegnet sind, so muß ich sagen, daß unter ihnen wahrscheinlich ziemlich viel Juden waren! Ich sage das einfach nicht aus einer Theorie, sondern aus der miterlebten Erfahrung eines Vierteljahrhunderts deutscher Literatur, und ich möchte hinzufügen, daß der Enthusiasmus und die Eignung einer Persönlichkeit für eine Sache immerhin nicht alltägliche Werte sind und nicht einfach nachwachsen wie die Äste, wenn man den Baum bis auf den Stamm kahl schert.

Ich halte es für eine Pflicht des Anstands, das auszusprechen, wenn man es so erlebt hat; dennoch könnte es sein, daß ich mich ihr vielleicht entzöge, zumal in einem Augenblick, wo noch alles, was man sagt, als parteiisch beargwöhnt wird, wäre ich nicht überzeugt, daß der Antisemitismus nicht zufällig im Programm der Bewegung steht, sondern kraft einer Konsequenz, die auch für anderes verbindlich ist, und fürchtete ich nicht für die Kraft der Erneuerungsbewegung, daß sie damit auf ein rotes Tuch zustürzt, statt auf den wirklichen Feind! Ich muß noch weitergehn und mich mit dem Geistesmann, der heute mit seinen humanen Bedenken bereits von gestern zu sein scheint, noch mehr identifizieren, indem ich erkläre, der wahre Grund, warum er das Entstehende nicht gesehen habe, sei der eigentümlich kryptische Charakter der geistigen Vorbereitung dieser Revolution gewesen. Der französischen sind berühmte Schriftsteller vorangegangen, sie sind nicht erst durch sie berühmt geworden, und eine helle Diskussion bereitete in Adel und Bürgertum die neuen Ideen vor. Das Jahr Achtundvierzig war Geist vom Geiste derer, die es wollten, wie derer, die es nicht wollten. Und auch der Marxismus hat lange vor den marxistischen Revolutionen eine Literatur hervorgebracht, die trotz ihrer Einseitigkeit vieles enthielt, was sich auch unfreiwillige Beachtung erzwang. Dagegen hieße es die dritte deutsche Revolution in den Ursprüngen ihrer Kraft mißzuverstehen, wenn man ihre Vorgeschichte in der deutschen Geistesgeschichte suchte. Dort liegt wohl zum Teil ihr Quellengebiet, aber es zeigt sich nicht als ein Strahl, der mächtig aus dem Stein springt, sondern zunächst als ein Zusammenfließen vieler unauffälliger Gerinne. Man kann bei bestem Willen nicht Chamberlains Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts oder Langbehns Rembrandtdeutschen in einen revolutionären Gegensatz oder in das Verhältnis der Unterdrückung zu der Zeit ihres Erscheinens setzen, die sie eher unverhältnismäßig hoch bewertet hat.

Skizze zur Fortführung

5. Überhaupt ist nichts so gefährlich wie die falsche Mythologisierung des Geschehenen. Umwertung aller Werte, eine neue Zeit ist angebrochen (oder gar, wie man sagt: aufgebrochen), ein neues Geschlecht ist da, die Geschichte hat gesprochen, der Geist ist geläutert, das Volk wird hervorbringen, und ähnliches, alle sind gefährliche Mythologisierungen. Es unterlegt dem Geschehen eine Art Katastrophentheorie, eine Art Übernachtkommen (es unterlegt der Entwicklung von zwanzig Jahren Erdzeitaltervorstellungen). Die Argumentation ist nicht besser als die: Wir wissen noch fast gar nichts davon, wie die Säugetierfauna und -flora auf die der Insekten gefolgt ist, darum sieht es aus, als ob es wie durch Umzauberung geschehen wäre, und vielleicht ist es auch wirklich abrupt geschehn, also geschieht alles wirklich Große auf Erden durch plötzliche Verzauberung. Demgegenüber kann man nur darauf hinweisen, daß es diesmal nicht so war, denn wir haben es doch mit angesehen.

6. Umwertungen der Weltanschauung entstehen entweder durch allmähliche Entwicklung oder verhältnismäßig rasch unter einem besonderen Druck; und gewöhnlich wirkt beides ineinander. Man braucht sich ja nur zu fragen, wie man seine eigenen Anschauungen ändert. Und die der Gesamtheit entstehen auch nur in Einzelköpfen und nicht in einem mythischen Gemeinschaftskopf, was scheinbar die wichtigste Tatsache für jede Art kollektivistischer Betrachtung ist, denn es ist bisher noch keiner gelungen, sie richtig zu bewerten. Die Analogie zwischen dem Einzelerleben und dem der Gesamtheit reicht sehr weit. Das Denken, Fühlen und Wollen eines Ganzen entsteht aus dem der Einzelnen, indem Vorgänge und Einrichtungen auf deren Seele wirken, die selbst wieder den Vorgängen und Einrichtungen in der Einzelseele beinahe nachgebildet sind. Namentlich die Rolle der Ideen ist da und dort die gleiche. Sie haben einerseits die Aufgabe, den Einzelnen wie die Gesamtheit in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu halten, was sich sowohl in der Logik ausdrückt wie in den Forschungseinrichtungen, die nichts als die kollektive Wahrnehmung und ihre sachliche Verarbeitung darstellen, und anderseits stehen die Ideen in Zusammenhang mit den Affekten, deren Spiegelbild sie sind, die sie aber auch zu leiten und schließlich zu einer kraftvollen Einheit zusammenzufassen haben, die außen und innen angeglichen und doch schöpferisch sein soll. Diese flüchtige und summarische Beschreibung genügt, einige Probleme doch wesentlich anders darzustellen, als sie heute gesehn werden. Die Wirkung des Affekts ist es: Nichtpassendes auszuschalten, Passendes anzuziehen. Die Ideenbildung fest und einheitlich zu gestalten. Übereinstimmung mit dem, was heute Gleichschaltung genannt wird. (Die großen sozialen Suggestionen.) Wille endlich: als überlegter Wille (sonst ist er = Affektwirkung). Aus den verschiedenen Affektverhalten durch Erfahrung und Bearbeitung.

7. Was die revolutionäre Erneuerung des deutschen Geistes genannt wird, ist nicht Faktum (Geschehenes, Tat, Begebenheit, Ereignis), sondern Wille. Faktum ist nur der Affekt und seine suggestive Wirkung. Faktum ist der dem Affekt unmittelbar entspringende Wille und eine Ideologie, „die er sich in der Eile geschaffen hat“ – wie man sagen könnte, wenn es sich um einen einzelnen Menschen handelte; aber in der Politik ist es nicht anders. Der Tatmensch kommt nicht vom Studierzimmer, er wird immer in einer unfertigen, oft sogar falschen Gedankenrüstung den Kampfplatz betreten. Das gilt namentlich heute, wo kein Einzelner mehr genug von den Kenntnissen und Fähigkeiten aller in sich vereinen kann. Vom Freimut der anderen, von seiner eigenen Lernfähigkeit hängt es ab, wie das Abenteuer ausgeht, das jede entschlossene Politik bedeutet. Wer Wille hat, gekämpft hat und unterlegen ist und gesiegt hat, weiß: daß es immer anders kommt, als man es sich vorher vorgestellt hat. Der Wille eines Geisteskranken vermag sich niemals anzupassen, der Wille eines starken Mannes paßt nicht nur seine Taktik den Widerständen (Umständen) an, sondern manchmal auch seinen Geist. (Operationsziel?). Er wird nicht blasser dadurch und bekommt Stubenfarbe, denn wieder wäre es ein Mißverstehen der Funktion, wenn aus dem Staatsmann ein Staatsphilosoph würde. Zumal der moderne Staatsmann, der meisterhaft mit dem gefährlichen Mittel der gröbsten Suggestionen arbeiten muß, muß umgekehrt auch die Fähigkeit besitzen, die feineren Einwirkungen suggestiv aufzunehmen, die sich nach dem Siege an ihn heranmachen.

8. Auf diese oder ähnliche Weise muß man in dem Willen, der die Herrschaft in Deutschland angetreten hat, die Gefühlskraft von ihrer gedanklichen Einkleidung trennen. Der treibende Affekt ist auf Kraft, Einigkeit, Größe gerichtet, er will in das deutsche Leben Sinn und Wille bringen, er ist ein Bündel von Affekten, das, was man im Persönlichen einen Charakterzug, eine Charakteranlage nennen könnte. Dieser Affekt ist als Reaktion auf einen ganz bestimmten Zustand aufgetreten, auf den der nationalen Ohnmacht seit dem Kriege, und diesen will er ablösen. Die Ideen, die mit jenem Zustand verbunden waren, müssen darum notwendigerweise auch das erste Angriffsziel seiner Verdrängungstendenz bilden: es sind die Ideen der Demokratie, der Internationalität, des Fortschritts, der Objektivität, usw., mit anderen Worten, die kulturelle europäische Überlieferung, so wie sie sich in der deutschen Republik (unzureichend) zu verwirklichen versucht hatte. Möglicherweise wäre es richtiger, den Haß gegen die unzureichende Verwirklichung zu richten, aber das psychologisch Nähere ist es, daß sein Gegenstand die Vorstellungen selbst sind. Welches sind aber die Ideen, die an Stelle der verdrängten gesetzt werden? Sie haben die bewundernswerte Einheitlichkeit, die ein starker Affekt dem gesamten Denken verleiht, aber ihren gedanklichen Wert wird jeder, der einen Begriff von den Maßstäben des Denkens besitzt, bestreiten; und zwar nicht etwa darum, weil sie noch zu neu und unbegreiflich wären, sondern im Gegenteil, weil sie eine Kompilation von durchaus bekannten Gedanken sind. Der Affekt ist eben ein Kompilator.

Das ist man auszusprechen verpflichtet, sobald man damit rechnet, daß die Zukunft der Bewegung und die Zukunft Deutschlands aufs Unabsehbare miteinander verknüpft sind. Die Rassentheorie, das Kernstück, ist nicht aus der empirischen Forschung genommen (Biologie), sondern aus Lebensbetrachtungen, aus moralischen Vorstellungen, die früh eine politische Prägung erhalten haben. Für die Forschung ist der Rassebegriff etwas äußerst Schwieriges, heute noch nicht genau zu Bestimmendes; für die Bewegung ist er Dogma und Axiom. Zu ihm kommt die Verehrung des „Bodens“ als Kulturbringer. Es kommt ein romantisches Verhältnis zur Vergangenheit hinzu. Es kommen Gedanken hinzu, mit denen einst der Katholizismus die Reaktion gegen den damals noch gefährlichen Freisinn versehen hat. Es kommen aber auch anti-katholische Überzeugungen hinzu. Von großer Wichtigkeit ist die nur allzu natürliche Abneigung gegen die allzuweite, für das unmittelbare Gefühlsbedürfnis allzu seichte Ausbreitung des Wissens, das heute unübersichtlich geworden ist und den Menschen auflöst oder schwächt; sie drängt überall auf Einfachheit. Es steckt viel Gesundes in dieser Einfachheit und manches Richtige in dem und jenem. Aber bis gestern ist jeder dieser Gedanken noch ein Stück des „Intellektualismus“ gewesen, das heißt, ein Wort, eine Behauptung in jener Hin- und Herrede, die über dem allzu trockenen Boden des Wissens eine allzufeuchte Atmosphäre bildet. Und die Methode, die diese Elemente reinigen und zusammenfassen sollte, ist ungefähr so, daß man ebensogut eine Weltanschauung auf die Minderwertigkeit der Frau oder auf die Schönheit der Sterne gründen könnte.

9. Es läßt sich schwer vorstellen, daß sich jemand im Augenblick des Erfolgs von einer Auffassung der Dinge trennen soll, der er seinen Erfolg verdankt und die schon vorher unzählige begeisterter Gesinnungsgenossen zu ihm geführt hat. Ein Politiker, dem halb Deutschland zujubelt und der die andere Hälfte noch zu seiner Weltanschauung bekehren will, soll zwischen seiner Führerbegabung und seiner Weltanschauung unterscheiden, er soll einsehen, daß die Ideen, die in der Propaganda gezündet haben, in der Herrschaftszeit Schaden stiften, und soll bereit sein, eine ungestalte Gesamtheit des deutschen Geistes als Macht anzuerkennen, er, der in diese Macht doch sogleich eine gewaltige Gasse geschlagen hat? Er wird eher dazu neigen, den Geist als eine hochmütige Fiktion von Tintenspritzern zu empfinden, und wahrhaftig gibt es viel, was danach aussieht!

Was ist das denn überhaupt, „der Geist“? Es hat darüber immer ein sehr lockeres Einverständnis bestanden. Das Höchste hat schon für dumm, das Mittelmäßige sehr oft für bedeutend gegolten. Er besitzt nicht einfach eine Ausweiskarte. Ja, Fragen, die scheinbar ganz einfach sein müßten, gehören zu den schwierigsten wie etwa die, daß ein bösartiges Buch gut sein kann und ein gutartiges schlecht.

(Analogie mit Einzelpsyche wieder verwenden.)

Behauptung, daß alles Politik ist, ebenso falsch wie die umgekehrte, daß der Geist in die Politik soll. Wahrheit macht leicht unmenschlich: Für Nationalsozialismus sehr wichtig.

Notizen zu einer Neufassung

Material zu Aphorismen.

Was statt Marxismus im vollkommenen Staat? Kunst politisch indifferent. Sie kann überall mitarbeiten (ähnlich wie die Kirche). Aber wie diese hat sie gewisse unerläßliche Bedingungen. Der Geist ist streng moralisch, Wahrheit, Mut usw. ist ihm Lebensbedürfnis, er leidet unter der Obszönität, der Libertinage usw. Der Geist als vermeintliche Abschwächung der politischen Wahrheiten.

Hitler-Bildnisse. Wille. Schönheit. Einfachheit. Selbstlos. Uneitel. Reich in der Einzelheit und dabei straff im Ganzen. Wenn sie zu fixiert ist, wenn sie zu gerecht ist, taugt sie nichts.

Intellektualisierung. Hemmungen lassen erst das Gefühl entstehn. Wille als rationalisiertes Antirationale. Fehlerhafte Einbildung der Dichter, daß sie die Wahrheit vermitteln. Dichtung ist nicht Schilderung, sondern Ausdeutung. Soll uns Kunst träumen machen? Der Begriff der Rasse als Ersatz der Ursache – letzter Ausläufer bürgerlicher Mentalität. Erst tun, dann Geist. Skepsis, Soziale Induktion; Gott und Partiallösungen. Abgrenzung gegen Willensschwäche. Skepsis gegen Wissen, naiv gegen Glauben. Nicht vor dem Namen des Geistes Respekt haben, sondern vor dem Geist. Glaube und Ahnen. Kultur und ihre Gefahren.

Aufsatzmappe: Das schwere Buch – Rucksack. Schlegel: Zur Popularität gelangen .. (Das sind also weder die Juden, in diesem Fall nicht einmal das Versailler Diktat). Der analytische und der synthetische Schriftsteller. Liberalität + Rigorismus. Absicht und Instinkt. Positiv bewerten: Das Primat des Moralischen. Die enge Verbundenheit. Publikum ein Postulat. Deutschheit liegt nicht hinter uns, sondern vor uns. Ein Kunsturteil, das nicht selbst ein Kunstwerk ist .. Gegen die Gegner der Zergliederung (Potztausend!) Krisis des Romans. Lehr- und Leerdichter.

I. Warum Schweigen? … stehn wir abseits? Immerhin merkwürdige Situation – Schriftsteller immer mit Nation gegangen. Heer?

II. Vor dem Kriege war Dichtung unmoralisch oder moralisch. Variation. Partiallösung. Nach dem Kriege wurde sie zum Teil politisch. Die Wahrheit als Abschwächung der Extreme.

III. Der Geist ist streng moralisch. Wurde darüber übersehn.

IV. Die positive Bedeutung und Möglichkeit der Vorgänge.

V. Ihre moralische Unmöglichkeit. Judenfrage.

VI. Schlegelblatt.

VII. Hitlerbildnisse. Affekt und Intellekt.

Es kommt mir vor, daß jede Revolution zwei grundverschiedene ideologische Aufgaben hat.

1) Die der Propagandazeit (Suggestion)

2) die der Herrschaftszeit (Konservative Angliederung).

(Wer das nicht unterscheiden kann, ist ein schlechter Revolutionär)

Es hängt von einem System ab. Antisemitismus ist reaktionär im System Treitschkes, in dem des Humanismus. Ohnmacht und Macht des Geistes. Politiker sollen ohne Metaphern denken. In der Führung der Bewegung lassen sich zwei Neigungen unterscheiden. Die eine ist konservativ, die andere revolutionär. Warum denn auch nicht?! Er ist ein Gemeinschaftswesen und außerdem von Institutionen abhängig (abgesehen davon, daß wir nicht allein auf der Welt sind – politische Belastung). Unter welchen Bedingungen also?

Revolutionen haben (leider) ihre Ideologien. Es sind die der durchführenden Klasse. Nachher müssen sie angeglichen werden. – Hängt ab von der geistigen Kraft der Klasse, von der Rückwendung der neuen Gebilde, von den ideologischen Zufällen.

Der Geist: 1) Es gibt Wahrheit 2) Es gibt Meinungen, Strebungen des Geistes. Auch sie müssen sich auf der Wahrheit aufbaun. Weil sie eben die Wahrheit ist. Die politisierte Betrachtung des Geistes. Fehler, daß der Geist für eine bestimmte Politik eintrat.

Revolution und Reaktion? (In einem gewissen Grad jede Revolution beides) (Sie mußte sich aus der Bindung an die reaktionären Kampfkräfte lösen und mit den bleibenden vereinen). Was ist reaktionär? Was nicht Fortschritt ist? Aber Fortschritt ist allzuleicht ein Politikum. Eher: was nicht konservativ ist. Das den gesicherten Besitz verletzt. Psychologisch: Rückfall vom Sublimierten in die Triebe. Vom Geistigen ins Simple. (Aber das Niedere kann als granum salis des Höheren Fortschritts wirken).

Wie es mir geht, geht es vielen. Wenn die Aufgabe gestellt worden wäre, das ganze Alte umzuwerfen, und von Grund auf durch einen neuen Bau zu ersetzen, ich wäre immer mit Freuden mitgegangen. (Nicht bloß so wie die Vielen, die in letzter Minute nicht den Anschluß verpassen wollen.) Die Welt war nie gut. Verbeult und verwickelt war sie an allen Ecken und Enden, und ein Umschmieder, ein Mann mit Hirn, Herz und Armen, hätte genug Arbeit bekommen. Warum kann ich mich heute nicht freun, wo mir der große Teil meines Volkes zuruft, ich sei vor die rechte Schmiede gekommen? Ich glaube, man hat es auszusprechen. Indem ich es in dieser Zeitschrift tue, die höchstens einige Tausend Menschen lesen, fern also von den großen Propagandamitteln, mit deren Hilfe die Masse beeinflußt wird, glaube ich schon genugsam zu zeigen, daß ich meine Meinung niemand aufdränge und sie nur denen anbiete /sie fällt nicht in die Arme, sie sucht das Ohr; sie sucht, bescheiden und zweifelvoll genug, den Geist.

Ich sehe eine ungeheure Begeisterung, und ich erinnere mich an den Juli 1914. Vor allem opferbeschwerter. Ich frage mich: Wie kann man 18 Jahre später sagen, seit 14 Jahren …?

Ich blättere in meinen Papieren und finde einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahre … Klang das nicht ähnlich wie heute? Das Auf- und Abschwellen der Begeisterung eine periodische Erscheinung? Es wäre schön, wenn ihr Atem heute stärker wäre, der Wille nachhaltiger bliebe. Was gehört dazu? Erkenntnis. Affekt und Erkenntnis. Einige Erkenntnisse, neben der Begeisterung: Intellekt und Blut. Jüdische Erscheinungen vor den Juden. Moral. Natur des Geistes. Charakterlosigkeit. Humanismus. Juden in der gegenwärtigen Literatur. Die Literatur enthält höchstens ein Dutzend bedeutender Leute gleichzeitig; für die ist sie da. Führerprinzip.

Ist der Geist (ich war) apolitisch. Kriegs-Presse-Quartier-Kunst (Geist). Damals schon: entweder Waffe nehmen oder schweigen. Der Geist darf nichts verschweigen. Aber er soll doch auch gerichtet werden?

1) Rollentausch.

2) Aufforderung und Pflicht zu sprechen. Kritik zu üben. Ich halte mich keineswegs für den Geeignetsten. Aber ich habe das Gefühl, es ist Pflicht. Schweigen, länger, die Quelle von Mißverständnissen. Oder, und: Ich maße mir kein Mandat an, aber es kann nur nützen, so einfach wie möglich einige Eindrücke auszusprechen. /Mandat: Ich war nie der Wortführer der andern, aber gewisse Eindrücke sind ganz offenkundig gleich./

3) Vielleicht darf man den ersten /umfassendsten/ als ein maßloses Erstaunen aussprechen. (Offen darlegen unsre bedauernswerte Lage.) (Ich halte mich nicht bei denen auf, die jetzt daraufkommen, daß sie immer schon etwas Ähnliches gewollt haben, ich kann mir das ehrlich vorstellen, aber sie bringen das ganze Chaos ihrer Divergenz in die Bewegung und wichtiger sind die anderen.)

Lebten wir zur Zeit der französischen Revolution, wir kennten Rousseau, ein Teil von uns liebte ihn, ein Teil fände ihn überschätzt. Wir hätten vorher schon durch Galiani und andere sehen gelernt, was kocht. Wir hätten die philosophische Emanzipation nacherlebt. Wir haben die marxistische Revolution miterlebt, ihr teilweises Gelingen, teilweises Versagen. Auch die unter uns, die, wie ich, die materialistische Geschichtsauffassung als einseitig und darum unrichtig leugneten, haben von ihr doch lernen können. Aber mit den kulturellen Ideen von 1933 haben wir, positiv wie negativ, wenig Berührung. Das ist der Kern der Sache.

4) Haben wir unsere Zeit verschlafen? Unter den vielen Fehlern der Zeit nach dem Kriege befand sich gerade der nicht. Im Gegenteil: novarum rerum cupidus. Journalistische Behendigkeit und Wendigkeit. Der Geist hatte vielleicht keinen Charakter, aber war doch sehr neugierig. Könnte ich es vielleicht für meine Person annehmen, so ist es doch im allgemeinen mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit auszuschließen, daß etwas verschlafen worden ist. Nein, mit wachen Augen haben wir nichts gesehen!

5) Bleibt eine zweite Annahme: wir wären so heillos verjudet, daß wir nichts sehen konnten. (Es hat in der Tat eine zentrale Bedeutung.) Man muß diesen Begriff heute mit der Ehrfurcht behandeln: gebt dem Staate, was des Staates ist. Ich unterstelle also als wahr, daß wir verjudet waren. Was kann das aber nur heißen? Wir waren von einer Vermittlerschicht (Zeitungen, Rezensenten, Verleger, Freunde) umgeben, die jüdisch filterten. Da wir doch selbst zum großen Teil keine Juden sind. Sehen wir das einmal etwas genauer an: Verleger: Wir waren bisher der Meinung, daß es einen engeren Kreis von geistig regsamen und anregsamen Verlegern gab, und wenn ich ihn überblicke, ohne Namen zu nennen (Fischer jüdisch, Insel arisch, DVA arisch, Rowohlt halb, 2 Cassirer jüdisch-jüdisch, Diederichs arisch, Kiepenheuer arisch, G. Müller arisch, Verlag der Marées-Gesellschaft arisch) so enthielt er mehr Arier als Juden. Zeitungen: Wir glaubten zu sehen: Auswüchse des Kapitalismus. Den Geist der Geschmacksindustrie (ähnlich wie beim Film). Durch das Kaufmännische mit dem Jüdischen verbunden. (Enthusiasmus) (Provinz und Großstadt) Eine Entartung seiner einstigen Verbindung mit dem Liberalen. Wir waren einer Reform vom Kopf zu den Gliedern nicht abgeneigt. Aber wir sahen das gleiche an großen, rein arischen Provinzkonzernen, nur noch vergröbert. Sie nährten sich von der Mittlerindustrie (Matern, Feuilleton, Korrespondenten). In diesen Betrieben nun gab es auf dem Kunstgebiet Männer, die sich so gut es ging, ihre Unabhängigkeit wahrten, die Hölle wohnlich machten, und wenn ich mir ihre Namen durch den Kopf gehn lasse, so finde ich auffallend viel Juden darunter. (Nennt es meinethalben den jüdischen Protest gegen das Judentum. Aber diese Unentbehrlichen haben vier jüdische Großeltern!)

6) /Auch noch unter der Fragestellung von 5)/ Ich schalte die Frage ein: von wem gewannen wir unsere geistige Bildung? (Das Verhältnis dieser Großväter des Heute) Goethe, Nietzsche, Novalis, Hölderlin, Büchner, Keller, d’Annunzio, Flaubert, Stendhal, Balzac, Dickens, Thackeray, Sterne, Hamsun, Ibsen, Garborg, Jacobsen? Brandes! Dostojewskij, Tolstoj, Gogol …: kaum ein einziger Jude darunter!

7) /sub 5/ Heutige sogenannte ältere Generation oder ab 1900 oder die Arrivierten. Thomas Mann, Heinrich Mann, Hofmannsthal, Schnitzler, Altenberg, Kraus, Hauptmann, Stehr, Wassermann, Hesse, Rilke, George, Roth, Döblin, Musil, Flake, Benn, Brecht, Kaiser, Borchardt, Werfel (im Guten und Bösen die Crème de la Crème, 12 Arier, 6 Juden, 2 Halbjuden. Es entspricht nicht ganz dem Heute zugestandenen Prozentsatz, aber von einem Überwiegen, einem Bevorzugen ist keine Rede!)

8) (sub 5) Philosophie: Unsere Bildung bezogen von: Kant und Leibniz – nicht Spinoza, Bergson – aber siehe deutsche Romantik, Husserl, Freud, Cassirer (aber wir sind weder Phänomenologen noch Psychoanalytiker.)

9) Es ist also nicht wahr, auf welche Weise wir verjudet sein könnten. Wie immer man den Begriff jüdisch fassen möge, womit ich mich hier nicht beschäftige. Warum haben wir dennoch nichts gesehn? Weil nichts da war .. für uns .. Weil diese Revolution in einer ganz eigenartigen Weise entstanden ist, vom Sektengeist aus, nicht vom allgemeinen, wie übrigens die marxistische auch. (Weil die Dinge anders lagen als die Revolution und zum Teil auch wir sie uns vorstellten.) Zu einem großen Teil darum auch die geistige Verlegenheit ihr gegenüber. Hier ist uns die Aufgabe gestellt.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
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