Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 36

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Aus dem Nachlass

Monsieur le vivisecteur

Blätter aus dem Nachtbuche des monsieur le vivisecteur.

Ich wohne in der Polargegend, denn wenn ich an mein Fenster trete, so sehe ich nichts als weiße ruhige Flächen, die der Nacht als Piedestal dienen. Es ist um mich eine organische Isolation, ich ruhe unter einer hundert Meter tiefen Decke von Eis. Eine solche Decke, gibt dem Auge eines solchen Wohlig-Begrabenen jene gewisse Perspektive, die nur der kennt, der hundert Meter Eis über sein Auge gelegt hat.

So sieht sich’s von innen nach außen. – Und von außen nach innen? Mir fällt eine Mücke ein, die ich einmal in einem Bergkristall interniert gesehen habe. Mücken sind mir aus irgendeiner ästhetischen Veranlagung, die ich noch nicht der Kontrolle des Verstandes unterzogen habe etwas das mein – sagen wir Schönheitsgefühl – beleidigt. Anders jene die ich damals unter dem Kristall sah.

Sie verlor durch ihre Einschließung in einem fremden Medium jenes Detaillierte, gewissermaßen Mücken-Persönliche und erschien mir nur als dunkle Fläche mit zarten angehängten Gebilden. Ich erinnere mich auch diese Empfindung Menschen gegenüber besessen zu haben, die ich an irgendeinem lichtmüden Abend, sich als schwarze Punkte auf grasgrünen Hügeln durch einen orangegelben Himmel habe schieben sehen. Jene Empfindung nämlich, daß mir diese Gestalten, die mich in der Nähe als Summe gewisser Detaileigenschaften gewiß durch irgend etwas beleidigt haben würden, nun ein ästhetisches Wohlbehagen wachriefen, ein Gefühl der Sympathie in mir anklingen ließen.

So sehe ich auch jetzt von außen nach innen und Summa Summarum gibt mir dieses Von-außen-nach-Innen und Von-innen-nach-Außen die beschauliche Ruhe des Philosophen.

Es ist heute zum erstenmale, daß ich mein Zimmer, dieses scheußliche Durcheinander von Stilblasphemien „empfinde“ – als etwas Einheitliches, als eine Summe von farbigen Flächen, organisch verbunden mit der Eisnacht draußen, die mir meine Internat-Perspektiven aufzwingt und verbunden mit mir, indem es mich an das Fenster tretend jene mitteleuropäische Jännernacht über beschneiten Dächern als polare, das innere Auge wohlig brechende Eisgrabüberwölbung empfinden läßt. Eine Art Pantheismus aus physiologischer Erkenntnis! Ich will nun mein Tagebuch schreiben und es aus Dankbarkeit mein „Nachtbuch“ nennen und ich werde diese Aufgabe dann als gelöst betrachten, wenn kein Wort des Ganzen mich in der schönen Einheitlichkeit meiner jetzigen Empfindung stört.

Nachtbuch! Ich liebe die Nacht, weil sie schleierlos ist, bei Tage werden die Nerven dahin und dorthin gezerrt bis zum Erblinden, aber die Nacht ist es, in der gewisse Raubtiere mit gewissen würgenden Griffen sich einem um den Hals legen, wo sich das Leben der Nerven aus der Betäubung des Tages erholt und nach Innen entfaltet, wo man eine neue Empfindung von sich selbst bekommt, wie wenn man plötzlich mit einer Kerze in der Hand in einem dunklen Zimmer vor einen Spiegel tritt, der tagelang keinen Lichtstrahl empfangen hat, gierig aufsaugend einem nun das eigene Gesicht entgegenhält.

Gewisse Raubtiere mit gewissen würgenden Griffen! Es gab Könige, die Panther vor ihren Wagen gespannt hatten und ihre höchste Lust kann es gewesen sein, in der Möglichkeit zu schweben, zerrissen zu werden.

Neulich habe ich für mich einen sehr schönen Namen gefunden: Monsieur le vivisecteur.

Natürlicherweise ist es immer Pose, wenn man für sich einen so schön klingenden Namen erfindet, allein man bedarf dessen zuweilen, in Augenblicken der tiefen Erschlaffung, der Unlust aus Übermüdung, um sich daran aufzurichten, in einem Worte sich die hauptsächlichsten Stimulantien vor Augen zu führen, die einem sonst Kraft, Lust, Streben gaben. So etwas ist keine Schande.

Monsieur le vivisecteur: – ich! Mein Leben: – Die Abenteuer und Irrfahrten eines seelischen Vivisecteurs zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts !

Was ist Monsieur le vivisecteur? Vielleicht der Typus des kommenden Gehirnmenschen – vielleicht? – Allein alle Worte haben soviel Nebensinn, Doppelsinn, Nebenempfindung, Doppelempfindung, daß man gut tut sich von ihnen fern zu halten.

Ich trete ans Fenster um meinen Nerven die schaurige Lust der Isolation wieder einzuflößen. Hundert Meter Eis. Da dringt nichts durch von gewissen Verantwortlichkeiten des Tages, die mit der Sonne aufstehen, und mit der Sonne untergehen – weil man uns dann nicht mehr sieht. Oh, die Nacht dient nicht bloß zum Schlafen, die Nacht bekleidet eine wichtige Funktion in der psychologischen Ökonomie des Lebens.

Bei Tage sind wir Herr X und Herr Y – Mitglied der oder jener Gesellschaft, mit diesen oder jenen Verpflichtungen, wir sind genötigt durch Gesetze die unser Verstand anerkennt altruistisch zu leben. In der Nacht: – In dem Augenblicke wo wir die schwer verhangene Türe hinter uns schließen, lassen wir alle Altruismen draußen – sie erfüllen jetzt keinen Zweck mehr – die andre Seite unserer Persönlichkeit fordert ihr Recht – der Egoismus. Zu dieser Stunde stehe ich sehr gerne am Fenster. Weit drüben ein schwarzer mächtiger Schatten, von dem ich weiß, daß er eine Häuserreihe jenseits der Gärten ist. Hie und da ein vereinzeltes gelbes Quadrat – das Fenster einer Wohnung! Es ist die Zeit zu der die Leute aus den Theatern oder Restaurants zurückkehren. Ich sehe ihre Silhouetten als schwarze Flächen in den gelben Quadraten, ich sehe ihnen zu wie sie die unbequemen Theaterkleider ablegen, wie sie sich gleichsam verinnerlichen. Das Leben verdoppelt sich ihnen durch all die intimen Beziehungen die jetzt zu Recht gelangen.

In den Räumen, die oft stumme Zeugen ihrer Einsamkeit gewesen, ruht eine Verlockung sich gehen zu lassen – auf das Sollen des Tages zu vergessen.

Was dann alles aus seinem Schlaf erwacht, ist verschieden – bei den Leuten da drüben mögen es ja recht triviale Instinkte und Seelenregungen sein bloß eine Freude am behaglichen Heim oder eine durch eine schlechte Weinsorte genährte Sinnlichkeit.

Bei mir ist es die Wonne, mit mir selbst allein zu sein, ganz allein. Die Gelegenheit in der nicht uninteressanten Geschichte „Monsieur le vivisecteur“ blättern zu können, ohne obligo mich hier zu entrüsten, dort zu freuen, mein eigener Historiker sein zu können, oder der Gelehrte zu sein, der seinen eigenen Organismus unter das Mikroskop setzt und sich freut, sobald er etwas neues findet. Was ausnahmsweise einmal keine Pose bedeutet! Man leistet sich selbst Gesellschaft.

Monsieur le vivisecteur als Erzieher.

Es war ein dichtes Pfeifenstrauchgebüsch, mit hohen schäligen Stengeln. Der Boden duftete schwer und ungewohnt und die Sonne erschien aus dieser Blätterhöhle gesehen so weit. Daneben zog sich die hohe, feuchte Gartenmauer an der die geheimnisvollen Asseln und Weberknechte wohnten. Die achtjährige Irene und der siebenjährige Siegfried hatten diesen Winkel ausfindig gemacht. Dort saßen sie jetzt täglich und spielten Papa und Mama.

Erste Nacht.

Die blonde Grete. Oder der Duft der blonden Grete. Das Destillat der blonden Grete! Ich kann nichts dafür, daß sie das Erste ist, denn man hat unwillkürlich, wenn man aus einem heißen von der Sonne beschienenen Garten kommt, den Duft der stärksten Blumen an sich. Und Frauen sind ein Parfum, das sich in unseren Nerven festnistet.

Variété.

Es ist zu drollig, wenn einem alles unter den Händen zum Schema wird, zur abgezirkelten Silhouette oder zur Erinnerung, so daß man immer glaubt sagen zu müssen: Es war einmal. Zum Beispiel. Es war einmal ein großes ernstes Haus in einer breiten stillen Gasse. In diesem Haus ein Saal mit gelbgrünen charakterlosen Tapeten. In diesem Saale eine kleine Variétébühne. Auf dieser Bühne eine kleine Sängerin, in dieser Sängerin ein ganz-ganz kleines verwickeltes Gemütsleben, in diesem Gemütsleben ein Punkt, der den Namen führt, wenn mir einer doch heute das Abendessen zahlen würde – und das alles empfindet man in blassen, silhouettenartigen Farben, gewissermaßen als: es war einmal.

… So sagte der Mann mit den komischen Augen zu der kleinen neunzehnjährigen Chansonette an seinem Tische, die auf dem Programm Rosa hieß. Diese sah darauf etwas verständnislos von der Speisekarte auf, in der sie gerade studierte, denn sie wußte nicht recht, ob sie das als eine Beleidigung nehmen solle oder als eine feine Schmeichelei. Sie half sich jedoch über den Zweifel hinweg indem sie fragte: Ist es Ihnen recht wenn wir uns Rehbraten geben lassen? Bitte lassen Sie sich geben was Sie wollen – ich für meine Person hab bereits vorhin gegessen. Dann kniff der Mann am Tische wieder seine seltsamen Augen zusammen, wie wenn er in der Gemäldegalerie vor einem Bilde stünde und sprach behaglich weiter.

„Ja, schauen Sie, es ist doch wirklich drollig. Das denke ich mir noch früher, wie ich es Ihnen erzählt habe – und dann kamen sie zu vieren auf die Bühne und sangen – was sangen Sie doch nur? – ach ja – ‚hab’ ich nur deine Liebe, die Treue brauch’ ich nicht‘ – mit den gelungenen Variationen am Schluß – und dann das andere – na, mir fällt es jetzt nicht ein – tut ja auch nichts zur Sache. Aber ich habe mir dabei gedacht: Es war in einem großen ernsten Haus in einer stillen breiten Gasse, so um das Ende des 19. Jahrhunderts. Schicksale, Personen, Stimmungen – alles mögliche hat das Leben in einen kleinen gelben Saal hineingespült und dann traten vier Frauen in den Saal, die singen konnten und mit ihren Röcken flattern, dass man die schönen, wohlgeformten Beine sehen konnte. Und alle Leute erhitzten sich an aufregenden Getränken, an dem Rhythmus der tanzenden Beine und dem Durcheinander der Stimmen. – Das war so gegen das Ende des 19. Jahrhunderts. – Klingt das nicht wie ein Märchen?“

„Aber“, sagte die Kleine; darin lag aber ein ganzer Satz, der beiläufig geheißen hätte, „Sie Tschapperl, sind sie verrückt oder stellen Sie sich nur so“. Als der Mann mit den komischen Augen fort noch auf eine Antwort zu warten schien, mußte sie jedoch fortsetzen. „Ja aber – nein – nein, Sie sind wirklich zu komisch“ – Rosa mußte lachen – „was Sie nicht da alles herausfinden, das ist doch ein Variété – wenn Sie es näher kennen würden, möchten Sie nicht so reden.“ „Sie finden also nicht, daß das Ganze wie ein Mährchen aus dem 19. Jahrhundert klingt, so mit dem gewissen Zauber des Entfernten drüber, den alle Märchen haben? Vier Frauen auf einer Bühne die mit den Röcken flattern und mit den Stimmen aufregen …?“ „Aber so reden’s doch nicht so: Das war einfach die Gisa, die Mizzi, die Karolin und ich. – Soll ich sie vielleicht herholen?“ Sie glaubte ihn endlich verstanden zu haben, war jedoch im Irrtum, denn ihr Tischnachbar sagte ohne eine Spur von Erfreutheit. – „Ja, wenn es Ihnen Vergnügen macht, dann bitte ich darum – mir erweisen Sie jedoch keinen Gefallen damit; – ich bleibe lieber allein mit Ihnen.“ Er schien im Gegenteil eher etwas verstimmt über das Mißverständnis. Ziemlich schweigend aßen sie Giardinetto und rauchten die feinen türkischen Zigaretten, die der Unbekannte aus einer flachen Schachtel anbot. Dann aber löste der Wein die leichte gegenseitige Spannung in eine wohlige Schlaffheit. „Kennen Sie diese Zigaretten?“ „Nein, ich habe solche komischen flachen Dinger noch nie gesehen.“ „Sie stammen aus Algier und sind hier nicht erhältlich; ich habe sie von einem Freunde als Geschenk erhalten. Man darf sie hier nicht verkaufen, denn sie enthalten eine kleine Menge eines sehr feinen Giftes beigemengt, das die algerischen Zigeunerinnen bereiten. Wer drei Zigaretten hintereinander raucht, verfällt in eine Art dyonisischen Taumels, die Dinge um ihn her verändern sich, es kommt ihm vor als hätte er sie alle schon einmal irgendwo so gesehen – aber er weiß nicht wo und wann es war, zum Schluß verfällt er in eine Art starren schweißtreibenden Schlafes, von dem aber noch keiner verraten hat was er mit sich brachte und endlich …“ Der Fremde schwieg und seine Augen glänzten seltsam, als er sah, daß Rosa heftig ihre Zigarette in dem Aschenbecher zerdrückte. – „Wie? Sie rauchen nicht mehr weiter – Sie haben ja noch gar nicht – oder doch? Das war wirklich schon ihre dritte Zigarette?“ Aber Rosa wollte aufstehen und nach Hause gehen. „Sie machen so dumme Witze!“ – Sie hätte beinahe vor Ärger geweint, als sie an seinem spöttischen Lächeln merkte, daß sie ihm aufgesessen war. Aber nun schlug er plötzlich um. Er bat sie beinahe flehentlich zu bleiben, er habe es ja nicht so schlimm gemeint, und die Zigaretten seien wirklich von einer hier seltenen Sorte, jedoch könne sie davon rauchen so viel sie wolle, er allein habe heute mindestens schon sechs Stück geraucht – und was das vom Gift anlangt, so wollte er sich vorhin nicht über sie lustig machen – sondern es habe ihn einfach so angesteckt das und gerade das zu erzählen. Schließlich, er sei heute in so einer Laune und er habe einfach gedichtet, als Fortsetzung zu dem Mährchen aus dem 19. Jahrhundert. Sie solle also um Gottes willen wieder gutsein. – Dann versöhnte er sie durch ein Kompliment über ihr herziges zorniges Gesichtel. Da sie jedoch nicht mehr bleiben wollten, schlug er vor, einen Spaziergang zu machen; den schwarzen Kaffee tranken sie schnell noch während des Anziehens.

Draußen war eine warme weiche Nacht, die stillen Straßen hatten etwas Anheimelndes an sich, so daß Rosa nach und nach ihr Mißtrauen wieder verlor. Er bat sie, ihm etwas zu erzählen und sie plauderte kunterbunt darauf los – von ihrer Familie, in der sie immer ein Mund zu viel war, von ihrer Angst beim ersten Auftreten, von den Gageabzügen, die der Direktor machte, von einer lustigen Gesellschaft mit der sie vorige Woche eine Nacht durchzecht hatte. Der Mann an ihrer Seite ermunterte sie jedesmal, wenn sie eine Pause machte, durch ein Wort des Interesses und er wußte wunderbar den Ton zu treffen, der ihr das Erzählen leicht machte. Was sie aber am meisten wunderte war, daß er dabei so ruhig neben ihr herging, nicht einmal um die Erlaubnis sich einhängen zu dürfen hatte er gebeten. „Warum hängen Sie sich nicht ein?“ –

„Nun, wenn es Ihnen Vergnügen macht, kann ich mich ja einhängen, ich finde offen gestanden nicht viel daran, ich habe nämlich so viel mehr von Ihnen, als wenn ich mir den Genuß des Arm in Arm gestatten würde, den schließlich jeder teilen kann, der ihnen nicht zuwider ist und der einen Arm hat.“ – Pause. – „Nun erzählen Sie mir doch noch etwas von dem noblen hübschen jungen Mann in jener lustigen Gesellschaft.“

– „Nein ich erzähle Ihnen nichts mehr – Sie sind wirklich der komischste Mensch, der mir je vorgekommen ist – was interessiert Sie das?“ „Nun so – Sie wissen doch, ich interessiere mich für alles. Und dann, ich finde es nämlich wieder drollig, ich kann da nichts dafür, früher wollten Sie mir nicht glauben als ich das von dem großen ernsten Haus in der breiten stillen Gasse erzählte – und jetzt fällt mir gerade wieder etwas ein. Sehen Sie dieses Haus da: – Nummer 10? – und jenes dort, wo die Seitengasse abbiegt – und jenes große mit den vielen Balkonen. Da wohnen lauter Bekannte von mir. In dem da habe ich heute Besuch gemacht und in jenem werde ich morgen zu Mittag speisen – es sind dort zwei erwachsene Töchter und eine Mama – wir werden über Theater plaudern, vielleicht auch über Kunstgenuß und in jenem dritten Haus dort glaubt man gar, daß ich nicht übel zum Heiraten passen würde – sehen Sie, die schlafen jetzt alle und ich gehe mit einer kleinen Sängerin am Arm an ihren Fenstern vorüber und kein Mensch weiß etwas davon. – Aber vielleicht schlafen die auch nicht – man kann ja nichts wissen. Wollen Sie mir noch etwas erzählen – Sie können es ganz ruhig tun – wir sind ja so ganz allein – eine Welle Leben hat uns zusammengeführt und wird uns morgen schon vielleicht für immer trennen. Das liest sich wie eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, nicht?“ –

Sie waren allmählig in eine Vorstadt gelangt. – Rosa ging auf ein Haus zu und läutete …

Als Sie ihm dankte, sagte sie – „aber ein närrischer Kerl sind Sie doch wie mir noch keiner vorgekommen ist – wer sind Sie eigentlich?“ Der Mann mit den komischen Augen stand einen Moment still. Dann sagte er rasch. „Soll ich Ihnen sagen ein Narr? – ein Dichter – nein, ich will bei der Wahrheit bleiben – aber Sie müssen mir auch glauben: Ich bin der Mädchenmörder, den man gestern gehängt hat.“ – Im nächsten Augenblick war der Mann mit den komischen Augen um das Haus verschwunden und Rosa, die bestürzt dastand, hörte nur mehr sein Lachen, das selbe wie vorhin als er die verrückte Geschichte mit den türkischen Zigaretten erzählt hatte.

Die Geheimnisse des Lebens.

Die Frau Direktor ward für einige Monate Strohwitwe, nachdem ihr Mann von seiner Gesellschaft nach Ägypten entsandt wurde. Die Geschichte begann dann folgendermaßen.

Es war in dem großen Etablissement bei Wien, dem der Herr Direktor sonst vorstand. In seiner Villa, in dem Salon seiner Frau. Sonst war gar nichts Besonderes vorhanden, das vielleicht wie der Anfang einer Geschichte ausgesehen hätte. Der Salon strömte eine gewisse Beruhigung aus, dass man in ihm splendid aufgehoben sei, schön war an ihm nur ein schwerer schwarzer Blüthner, der in einer Ecke stand und eine Dyonisische Maske aus Gips, die über ihm an der Wand hing. Monsieur le vivisecteur und die Frau Direktor saßen vor einem Tisch mit five o’clock-Teezubehör. Sie war Anfang der Zwanzig, dunkel, blaß und in ein peignoir von schwarzen Spitzen gekleidet. Sie klatschte wie ein Kind vor Freude mit den Händen, daß Monsieur le vivisecteur sie in ihrer Einsamkeit besuchte.

Aus dem Nachtbuche des Monsieur le vivisecteur.

Mitunter empfindet man seinen augenblicklichen Zustand als ein Glied in einer langen Kette. Gewisse Erinnerungen treten plötzlich in das Gedächtnis und man ahnt einen eisernen Zusammenhang, in dem manches bisher Unbeachtete plötzlich eine ursächliche Bedeutung zu erlangen scheint.

So empfinde ich jetzt meine ganze Kindheit. Meine ganze Familie hielt große Stücke auf meine Talente, und als ich zehn Jahre alt war, glaubte ich selbst, daß ich mit zwanzig eine große Berühmtheit erlangt haben werde. Als ich dann aber fünfzehn, sechzehn, achtzehn Jahre alt wurde ohne sonderliche Fortschritte gemacht zu haben, befiel mich eine eigentümliche Traurigkeit.

Aus dem stilisierten Jahrhundert. (Die Straße)

Wissen Sie, wie eine Straße aussieht? Ja?! Wer sagt Ihnen, daß eine Straße nur das ist, wofür Sie es halten. Sie können sich nicht vorstellen, daß es noch etwas anderes sein könnte? –

Das kommt von der zweimal-zwei-ist-vier-Logik. Ja aber zwei mal zwei ist doch vier! Gewiß, wir sagen es und weiter geht die Sache niemanden an.

Aber es gibt doch auch Dinge die ihre Existenz nicht bloß einem Übereinkommen unter uns Menschen verdanken und da können wir unserer Logik nicht so unbedingt trauen. Wozu übrigens sich weiter beschweren. Was ich Ihnen sagen will, bedarf gar keiner solchen Einleitungen, es beruht bloß auf einem Empfindungsgegensatze. Treten Sie auf die Straße hinaus, so sind Sie plötzlich unter lauter Zweimal-zwei-ist-vier-Menschen. Fragen Sie einen von diesen: Bitte, was ist eine Straße, so erhalten Sie die Antwort: „Straße = Straße, Schluß, bitte stören Sie mich nicht weiter.“ Sie schütteln den Kopf: Straße = Straße? Sie denken nach und beobachten Ihre Umgebung. Nach einiger Zeit finden Sie: „Aha, Straße, die Leute sagen, etwas Gerades, Taghelles, dient um sich darauf fortzubewegen.“ Und Sie empfinden plötzlich ein kolossales Überlegenheitsgefühl, wie ein Hellsehender unter Blinden. Sie sagen sich: „Ich weiß ganz bestimmt, daß eine Straße nichts Gerades, Taghelles ist, sondern daß sie vergleichsweise ebensogut etwas Vielverzweigtes, Geheimnis- und Rätselvolles sein kann, mit Fallgruben und unterirdischen Gängen, versteckten Kerkern und vergrabenen Kirchen.“ Sie wundern sich, wieso Ihnen gerade das einfällt und lassen es doch im Geiste bei diesen Ausdrücken bewenden … Ihre angeborene Zweimal-zwei-ist-vier-Logik beruhigen Sie mit dem Gedanken, daß ja auch sie überall das „vergleichsweise“ vorsetzen muß, wenn sie aufrichtig ist. Dann denken Sie darüber nach, wie es denn kommt, daß die andern Menschen das gar nicht merken. Vielleicht kommen Sie dann darauf, daß es bei Ihnen ja auch erst des heutigen Tages bedurft hatte, um es Ihnen klar werden zu lassen. Und Sie denken nun nach, wieso dies wohl zusammenhängen möge. Sie finden keinen Grund, an was immer Sie auch denken mögen, bis es Ihnen vielleicht einfällt, genau in sich selbst zu gehen. Sie legen sich eine Frage formaler Logik vor und Ihr Geist arbeitet mit gewohnter Sicherheit. Er ist also normal und Ihr Mißtrauen wendet sich gewohnheitsmäßig jenem rätselvoll sprunghaften Teil Ihres Inneren zu, den Sie mitunter Gemütsleben, mitunter Nerven oder auch anders nennen. –

Sie erschrecken. Sie tun dies immer, wenn jenes Unberechenbare in Ihnen sich zu rühren beginnt, Sie fürchten sich wie vor einem ungezähmten Tier. Und doch spüren Sie zugleich wieder und heftiger jenes Überlegenheitsgefühl. Ihr Schlaf heute Nacht ist voll seltsamer Unruhe gewesen. Schemenhafte Geschöpfe kamen und gingen. Sagen wir, Frauen, denen Sie tagsüber begegneten, hinterließen Ihnen gewisse ganze, in sich geschlossene Eindrücke. Im Schlaf nun lösten sich diese Empfindungen in ihre Teile auf und jedes von jenen schemenhaften Geschöpfen hatte eine jener Teilempfindungen als Wesenseinheit. Als Sie im Morgendämmern aufwachten, griffen Sie sich an den Kopf, wie wenn Sie eine lange bange Fahrt gemacht hätten durch Gegenden, aus denen noch kein Mensch heil(degenerierende Gefahr) zurückkehrte?! Ihre ganze Lebensansicht und -Anempfindung wurde vor die Stirn gestoßen.

Beim Morgenkaffee, mit dem Rücken in der warmen Sonne vergaßen Sie wieder darauf.

Jetzt fällt es Ihnen wieder ein. Und in einem ganz anderen Sinne. Es ist Ihnen, als ob Sie jetzt genau wüßten warum Ihnen die Straße anders vorkommt, wie den Leuten denen Sie begegneten. Waren Sie früher ein Hellsehender, so sind Sie jetzt ein Hellseher. Sie sehen durch die Dinge durch, Sie sehen sie „auseinander“. Zieht das Auge der Andern die Erscheinungen zu geläufigen Begriffen zusammen, seinem Bedürfnis nach Meßbarem folgend, so zerstreut das Ihrige, löst, kraft der gewonnenen Erfahrungen, in Unwägbares, – Ungreifbares auf (Ausrutschen der Gedanken). Bei allen Dingen sehen Sie über die Form hinweg, in die gekleidet sie erscheinen und wittern die geheimnisvollen Vorgänge einer Hinterexistenz. Sie dichten ihnen dabei keine Märchen an, Straße bleibt Straße, Haus bleibt Haus und Mensch bleibt Mensch; aber Sie glauben, am Menschen all das zu verstehen und lieben zu können, was die Andern als Gespenst erschreckt, und Sie freuen sich über Haus und Straße, weil Sie zu ihnen sagen: Du birgst vor den Andern, den Blinden all das, dessen Erkennen mich jetzt über diese erhebt. Hab Dank, stilles Haus! mit deinen rauschenden Bäumen im Garten, aus deren ewigeintöniger Melodie vielleicht einmal ein schreckhafter Gedanke in das Herz eines Menschen flog, stilles Haus, dessen nächtliche Einsamkeit vielleicht einmal einen Gedanken reifte, der aus Angst von seiner Mutter schon im Leibe erstickt wurde, daß beide daran starben, stilles Haus, indem in Neumondnächten die sonderbaren Wesen meines Schlafes umgehen mögen.

Sie sehen alle Menschen spöttisch und doch verträumt an, wie wenn Sie sagen wollten: Ihr seid ja recht unschädliche Präparate aber in eurem Ganz-Innersten sind die Nerven aus Schießbaumwolle. Wehe wenn die Schale bricht. Das kann aber nur im Wahnsinn geschehen. Inmitten der Menge werden Sie zum Apostel zum Verkünder. Eine innerliche Verzücktheit überkommt Sie, doch ohne das Schäumen und Umsichschlagen des Geistes der Verzückten. Ein Hellseher sind Sie! Was ganz am Ende des Geistes liegt, der Teil von Ihnen durch den die Seele nur in rasendem Fluge eilt, wenn sie schon der Wahnsinn lockt, der im nächsten Augenblicke wieder alles löscht – das sehen Sie bei klarem Auge, wissen dabei noch immer daß zwei mal zwei vier ist und genießen straflos das kolossale Überlegenheitsgefühl über alle andern Menschen und über den, der Sie bislang waren.

Sie spüren die Religion der Religionslosen, die Trauer derer die schon lange alle Trauer abgestreift haben, die Kunst derer, die heute lächeln wenn sie den Namen Kunst nennen hören – dasjenige, dessen die Feinsten bedürfen, die schon alles verdrossen hat! –

Dann gehen sie wieder einmal über die Straße, gebückt und verdrossen. Sie wissen, man darf nicht sagen: Straße ist ein Ding, das … Aber Sie haben vergessen, was es denn eigentlich ist. Sie erinnern sich, damals gesagt zu haben: „Etwas Vielverzweigtes, Geheimnisvolles und Rätselvolles mit Fallgruben und unterirdischen Gängen, versteckten Kerkern und vergrabenen Kirchen –“ Aber Sie wissen nicht mehr was Sie damit anfangen sollen.

Und eine grenzenlose Aussichtslosigkeit überkommt Sie!

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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