Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 37
Sommer im Gebirge.
Während unten im Tale die Luft weich ist und kühl, als ob sie von verborgenen Schneefeldern käme, wandelt oben der Mond in der Gletscherlandschaft weißer Wolken am Rande der schwarzen Himmelsseen.
Und während du neben mir sitzest, ganz katzenhaft weich, als ob deine Sinnlichkeit sich über ungeheuren und verborgenen Schneeflächen dehnen würde, wird meine Seele nachdenklich, traurig, begehrlich, eintäglich und zittert wie ein zu lange, zu nervös festgehaltener Ton – und trotzdem ich in meinem Begehren neben dir so klein, gepeitscht und elend bin
– kann es mir scheinen, als ob ich neben dem Monde am Abfall der weißen Wolkengletscher stünde und neben ihm in das schwarze Wasser der Himmelsseen schaute, – lange und gedankenlos. – Und plötzlich das Haupt höbe und querfeldein schritte. –
– kann es mir zeitweilig scheinen, als stünde ich neben dem Monde am Abfall der weißen Wolkengletscher und schaute gleich ihm in großer, gedankenloser Trauer in das schwarze Wasser der Himmelsseen.
Abend in der vornehmen Strasse.
Julinacht. Ein Klavier und ein Harmonium klagen zusammen „Tristan“. Das gibt eine dermaßen qualvolle Färbung des Leidens, wie sie in Wirklichkeit gar nicht existiert. So unendlich und so süß schmerzlich können diese Menschen gar nicht leiden, als ihre Töne sie glauben machen möchten …
Dann schweigt das Klavier, und das Harmonium wandelt allein wie in altmodischen Schnörkeln zwischen braungoldenen Kornfeldern, mit Mädchen in taillenlosen Kleidern und Schäferhüten …
Verführung.
So – zieh den Vorhang beiseite: Was siehst du? – Oh über deine Angst! – Sterne? Wohlan Sterne! –
Und wagst noch von Opfern zu sprechen?! – Vom Opfer deines Seelenfriedens? – Vom Opfer deiner Reinheit? Und lächelst noch nicht über die „Größe“ dieses Verlustes, der dir bevorsteht?
Was sind uns alle Leidenschaften, was ist uns alle Trauer gegen diese eine leidenschaftliche Trauer, mit der wir in den Sternen das Geheimnis ihrer Größe, Unfaßbarkeit, Entrücktheit lesen möchten!
Diese hartnäckige Leidenschaft, die uns einredet, daß mit dem Geheimnisse dieser Sterne wir erst das Geheimnis unserer Seelen entdecken werden.
Und bis dahin …
Paraphrasen
Paraphrase Nr. I.
„Und fänden wir das größte Glück
Wir dächten stets an Dich zurück“.
Der Mond scheint, bleich und voll, wie er in den Geschichtenbüchern durch blauen Himmel und weiße Wolken wandelt …
Der Eilzug dröhnt durch die Nacht, tak, tak, ratatak. In einem Coupé ist ein junger Mann allein. Er geht von einem Fenster zum andern, die Nachtluft bläst zu ihm herein.
Wie schwerflüssiges Silber wälzen sich die Wellen des Baches, über den Wiesen ruht eine Nebeldecke. Alles andere ist Dunkel in Dunkel und das Auge verfeinert sich, indem es doch noch darin Nuancen sehen lernt. Auf einem schwarzen Felde steht ein Komödiantenkarren, nur ein Eckchen seines Daches beginnt zu glänzen. Große Hunde schlagen schwerfällig an.
Romantik – Wanderburschentum – ich hab mein Sach’ auf nichts gestellt!
Wie ein Kreidestrich die Straße. Hier wandern, auf dem Hut einen Erikazweig, der vor den Augen tanzt. Das ist Romantik der Tausend.
Küssen! – und die Augen des Andern in Tränen schwimmen sehen, – ah – !
Valerie
In einigen Tagen reise ich. – Ich habe gründlichen Abschied von unserem lieben, kleinen Dorf genommen – schweren Abschied. In der Ruhe des Herbstes wurde es hier ganz anders. – Ein paar verschlafene Hunde, die sich auf einem Stückchen fadenscheinig besonnter Erde wärmen, – abblätternde Bäume am Platz, – unser stillrauschender Brunnen – hie und da der schwere Schritt eines Bauers. Es ist wirklich schön!
Da ging ich all die lieben Wege noch einmal. Da und dort fielen mir Worte ein, die wir zueinander sagten, und solche, die wir einander verschwiegen und von denen wir doch wußten. Erinnerst Du Dich noch an den abendfinstern Wald, der uns vom Rohr-Moos herunterführte? Du gingst ganz vorne, ganz in der Dämmerung, die Dich mit grauem Leuchten umgab. Und ich als letzter in unserer langen Reihe; – ich sah von Dir nur einen dunklen Schatten und den Heiligenschein, den die grauen Flammenzungen der Dämmerung um Dich flochten. Und ich betete Dich damals an. Irrend, fiebernd. Und als ich dann Dein Lachen hörte, – hell – flatternd – wie ein weißes Spitzentuch zwischen den schlanken Baumstämmen – da fühlte ich mich gepeitscht und gedemütigt und wäre am liebsten in den Wald hineingelaufen, wie ein Kind, das den Lindwurm erschlagen will, weil es zu Hause gescholten wurde. Wie ein Kind haßte ich Dich.
Vaganten des Gemüts
„Der Mond scheint bleich und voll, wie er in den Geschichtenbüchern durch dunklen Himmel und weiße Wolken wandelt … Der Eilzug dröhnt durch die Nacht. Tak, tak, ratatak. Ich bin allein in meinem Coupè und lasse die Nachtluft durch beide offene Fenster blasen. Wie schwerflüssiges Silber wälzen sich die Wellen des Baches, über den Wiesen ruht eine Nebeldecke. Auf einem schwarzen Felde steht ein Komödiantenkarren; ein Stück seines Daches beginnt im Mondlicht zu glänzen. Große Hunde schlagen schwerfällig an. Romantik! Wanderburschenthum! Wie ein Kreidestrich die Straße.“ – Beinahe hätte der Herr mit dem langen dunkelbraunen Vollbart das Wort für Wort auch ausgesprochen, wie wenn er das Bild beschreiben wollte, das an ihm vorbeiflog. Er dachte sogar, es in sein Notizbuch zu schreiben, gewissermaßen in pointillistischer Manier. Und doch zitterte in seinen Augen noch das Spiegelbild ihrer Tränen. Wer ist dieser Herr mit dem dunkelbraunen Vollbart? Soll ich von ihm sagen, daß er die Augen eines Mystikers habe? Augen, denen man glauben möchte, daß sie manchesmal an unirdischen Dingen gehangen haben? Nein. Er ist von mittelgroßem Wuchse, etwas untersetzt und sieht eher wie ein Ingenieur aus […]
Nietzsche und Kant
Wieso kommt Nietzsche dazu so bruchstückweise zu schreiben.
Aphorismus und systematische Philosophie: Das unerträgliche philosophische System beruht auf dem Irrtum Endgültiges durch Spekulation finden zu wollen. Das gelingt nur Professoren. Ansonsten ist solches ein Beruhigungsprozeß aus dem Bereich der Kunst. Man will gar nicht die Wahrheit.
Wenn Kant wirklich die Wahrheit erkannt hätte, so hätte er keine philosophischen Systeme darauf gebaut. Wenn sich die Wahrheit durch ein solches ausdrücken ließe, wie müßte da die Welt aussehen. Wir Unersättlichen stünden entweder längs auf dem Standpunkte Kants, oder hätten unser Leben nie bis heute ertragen. Aber Kant hätte eben kein philosophisches System errichtet, wenn er die Wahrheit erkannt hätte. Er war ein Grübler und Analytiker, aber das Weltbild schloß sich ihm nicht zusammen. Die Wahrheit erkannten nur die Religionsstifter und die Künstler, die da handelten: Die Wahrheit kennen wir nicht, wenn wir es auch glauben aber etwas in uns schließt sich zu einem Ganzen zusammen.
Wenn Nietzsche aus seinen Aphorismen ein System gebaut hätte, wie haltlos wäre es. Man sieht es an seinen Fortsetzern. Man darf die Einfälle nicht gegeneinander abwägen. Jeder ist ein Leben für sich. Selten daß sich ihrer mehrere zu einem Leben für uns zusammenschließen.
Die Versuchung der stillen Veronika – Vorstufen
Die Versuchung der stillen Veronika I
Cäcilie, die Tochter des Apothekers, heiratete, und ihre Freundin Veronika, die Tochter des Notars, half ihr am Vorabend beim Anprobieren des Brautkleides. Das mit altem Holz getäfelte Zimmer lag fast schon im Dunkeln, und in der Ecke, von wo aus der Apotheker behaglich dem Tun der drei Frauen zusah, schwamm es überhaupt nur mehr von Schwarz, als die Apothekerin aber immer noch zu Füßen Cäciliens kniete, die steif und hoch aufgerichtet vor dem einzigen, breiten Fenster stand, und spente ab und zu noch etwas mit den kleinen Nadeln fest, die sie aus einer neben ihr am Boden stehenden Schale nahm. Veronika aber stand nebenbei, hielt hier eine Falte, rückte dort etwas zurecht und ging und kam alle Augenblicke, um etwas zu bringen, das man gerade notwendig brauchte. Seine Hochwürden, Cäciliens Bruder, war ausgegangen.
Wenn Veronika ging, so hielt sie den Kopf gesenkt, wie unter der Last der im Kranz um ihn gelegten Zöpfe, und den Leib drückte sie ein wenig heraus, aber sie hatte trotzdem irgendetwas wundervoll Stilles in ihrer Weise zu gehen, denn das Dunkel teilte sich ganz weich und leise vor ihr und schloß sich hinter ihr ganz ohne Bewegung zusammen, wie wenn sie lautlos hindurchglitte.
Als sie jetzt wiederkam, war die Apothekerin gerade aufgestanden und hatte den Brautkranz auf Cäciliens Haar gesetzt. Sie wandte sich langsam herum, denn sie war von dem langen Knien etwas steif geworden, und fragte mit einer Stimme, die auf gar keine Antwort wartete, „steht er ihr nicht wunderbar, Vronerl?“ – und Veronika lächelte. In der Tat sah Cäcilie, in diesem Augenblick mit den weißen Myrten im dunkelbraunen Haar sich groß gegen die bleiche Fläche des Fensters abhebend, sehr hübsch aus.
Der Apothekerin begannen bei diesem Anblick langsam die Tränen zu kommen. „Morgen um diese Zeit, Cilli – Cilli! – wo bist du da schon?“ – und sie konnte vor Weinen nicht weitersprechen, auch Cäcilie rannen dabei die Tränen über die Wangen. „Ja, so ein Tag“, meinte der Apotheker, „reißt alles auseinander, was man in Liebe jahrelang behütet hatte, aber das muß schon so sein.“ Aber man konnte es seiner Stimme anmerken, daß er absichtlich zu philosophieren begann, um die Rührung zu verbergen, die auch ihn übermannt hatte. Und schließlich, um der Stimmung ein Ende zu machen, zwang er sich gar zu scherzen. „Na, Vronerl“, meinte er mit ein wenig unsicherer Lustigkeit, „und wann werden denn wir so dastehn?“ Veronika drehte sich bedächtig und wie erstaunt nach ihm um. Sie spürte dabei etwas Heißes auf der Wange und merkte erst jetzt, daß auch sie, von der allgemeinen Rührung ergriffen, feuchte Augen bekommen hatte. Bevor sie aber noch antworten konnte, hatte sich schon die Apothekerin wieder gefaßt und begann zu sprechen, und Cäcilie war plötzlich wieder erwacht und half ihr, als ob es etwas zu verreden gälte.
Nicht als ob Veronika häßlich gewesen wäre und keine Aussicht auf einen Mann gehabt hätte. Sie war hoch und schlank, und mit ihrem großen, etwas wollüstigen Mund, mit den starken Augenbrauen auf der niederen breiten Stirn und den feinen, schwarzen über die ganze Länge des Arms verteilten Haaren hätte sie zwar vielleicht unter den Bewohnern dieser kleinen Provinzstadt keinen Mann gefunden, wohl aber hätte sie gerade dadurch einen verwöhnteren Menschen und Liebhaber nicht gewöhnlicher Reize beunruhigen können, besonders aber noch durch einen Gegensatz, in dem ihr langes, schmales, fast ekstatisches Kinn zu ihrer anderen Erscheinung stand.
Aber es war etwas in ihrem Wesen, etwas Unpersönliches, ein Beiseitestehen, daß man sich gar nicht denken konnte, sie möchte auch einmal Ansprüche an das Leben erheben oder gar so im Mittelpunkte eines Ereignisses stehen, wie Cäcilie gerade jetzt. Es war etwas in ihr, das sie zu einer ausgezeichneten Freundin machte, diese anderen Gedanken aber gerade deswegen fast wie eine Taktlosigkeit empfinden ließ. Und der Apotheker bekam es von seinen zwei Frauen zu hören, als er mit ihnen ausging, um noch schnell einen Abendbesuch zu machen.
Veronika war in der Apotheke zurückgeblieben und hatte sich angeboten, die Sachen zu ordnen und in die Schränke zu räumen, die nach dem eiligen Abbruch der Anprobe noch überall umherlagen. Mit großen, eiligen Schritten ging sie durch die Zimmer, und ihre Hände fanden mit einer unbedachten Sicherheit für alles rasch den richtigen Platz. Sie tat Selbstverständliches, und nur zuweilen stand sie einen Augenblick still, um auf den Schall ihrer Schritte zu horchen, der fremd von den Wänden zurückkam, hastig verstummend, wie wenn jemand heimlich ihre Bewegungen äffte, stets ein wenig zu spät käme und rasch es zu verwischen sich mühte.
Veronika war fertig, aber sie ging nicht nach Hause, sondern setzte sich auf die Wandbank im Dunkeln neben dem Stuhl des Apothekers und ließ die Hände zwischen den Knien auf dem gespannten Kleide ruhn. Sie schien nachzudenken. Sie war jetzt 28 Jahre alt und Cäcilie die letzte ihrer Jugendfreundinnen, die noch nicht geheiratet hatte. Veronika dachte darüber nach, wie es nun auch ohne dieser letzten sein werde. Sie dachte auch darüber nach, wie es nun Cäcilie ergehen werde. Aber sie dachte nur an diese Dinge daran, an die man bei einem Bekannten denkt, den man auf einer Reise weiß. Sie fühlte dabei nichts Entschiedenes. Weder einen Schmerz über den Verlust noch auch, daß Cäcilie fortab mit einem Manne leben werde, der Gedanke an diese Umwälzung, die sich im Geheimen vollzieht und von dort aus das ganze Wesen ergreift, schien sie nicht zu beunruhigen, er schien gar nicht da zu sein für sie. – Vielleicht spürte sie sogar ein leises Behagen darüber, daß sie von morgen ab ganz allein sein werde. – Sie wunderte sich selbst über diese Teilnahmslosigkeit, besonders wenn sie der Tränen gedachte und der tiefen Bewegtheit, von der alle diese andern Menschen bei diesem Ereignis ergriffen wurden. An ihr schien es wie etwas Lebloses vorüberzugleiten.
Es war irgendeinmal, daß sie dem Leben näher stand, es deutlicher spürte, wie mit den Händen oder wie am eigenen Leibe, aber sie wußte nicht mehr, wie und wann das war. Vielleicht als Kind, denn sie erinnerte sich, damals zuweilen ein eigentümlich erschrecktes und sie am ganzen Leibe erregendes Staunen der Dinge gefühlt zu haben. Wenn der Kuckuck sein Weibchen im Walde rief, lief sie ihm nach, von Baum zu Baum, in einem atemlosen Verlangen, ihn zu sehen, und stand verdutzt, wenn sie ihn hatte und nichts sah als einen großen bunten Vogel. Ein Hahn mit seinen Hennen konnte sie stundenlang auf einem Platze festhalten, denn sie wartete immer wieder auf den Augenblick, wo er, an allen Federn zitternd, eine Henne zu Boden drückte, während diese ihn dumm und gleichgültig gewähren ließ und gleich wieder weiterzufressen begann, während er noch wie verstört einen Augenblick neben ihr still stand. Wenn die Nachbarskinder geschlagen wurden und sie sie schreien hörte, suchte sie nach einem Fenster, von dem aus sie zusehen konnte, oder stellte sich wenigstens alles mit eindringlichster Lebhaftigkeit vor und wünschte, daß sie noch immer heftiger geschlagen würden. Denn obwohl ihr Kinderstolz durch die Züchtigung ihrer Spielgenossen sich entehrt fühlte, war gerade in solchem Geschehnis irgendetwas. Man muß sagen: sie hatte ein Gefühl, wie wenn man sich preßt, das in seiner Ungerechtigkeit so stark und eindringlich war, daß die Lust seine ungerecht harte kantige Form noch schärfer in sich einzugraben, alles andere verdrängte.
Seither hatte sich aber das schwache Alltagsleben eines Mädchens in bürgerlichem Hause einer Kleinstadt über diese Eindrücke gelegt und hatte sie bis zur Unkenntlichkeit verwischt wie ein matter, dauernder Wind Spuren im Sand. Dieses gleichmäßig ebene Leben hatte Veronika geformt und seine Eintönigkeit klang ihrer Seele wie ein leise auf- und abschwellendes Summen. Sie kannte keine starken Freuden und kein starkes Leid, nichts, was sich merklich oder bleibend aus dem Übrigen herausgehoben hätte. Sie tat ihre häuslichen Pflichten, weil ihr nie der Gedanke gekommen war, daß es möglich sei, sie nicht zu tun, und keine Vorstellung eines anderen Lebens sie beunruhigte. Sie tat sie ohne Liebe und ohne Abscheu, als etwas Selbstverständliches.
Aber so klar und geregelt dieses ihr Leben dahinfloß, wie ein helles, stilles Wasser, es erschien ihr dennoch wie etwas Undeutliches. Die Tage gingen einer wie der andere dahin, und eines gleich dem anderen kamen die Jahre, und wie jedes ein wenig hinwegnahm und ein wenig hinzutat, fühlte sie wohl, aber nur so in unklaren, verhüllten Formen, wie man durch ein Tuch unter ihm etwas sich bewegen spürt, ohne es zu erkennen.
Selbst von den Veränderungen ihres Körpers hatte sie nur dieses geheimnisvoll murmelnde Gefühl. Ihre kleinen Brüste einst waren spitz und hart und neugierig rotgeschnäbelt gewesen, und sie waren es nicht mehr; sie hatten sich schon ein ganz klein wenig gesenkt und waren ein bißchen so traurig wie zwei liegengelassene Papiermützchen auf einer weiten Fläche, denn der Brustkorb hatte sich flach in die Breite gestreckt, und das sah aus, wie wenn der Raum um sie davongewachsen wäre. Aber sie wußte das nicht, wie man es sonst weiß, denn sie sah nie in den Spiegel, wenn sie nackt war, – im Bade oder beim Umkleiden – weil sie dabei nur das tat, was eben zur Sache gehörte. Und trotzdem wußte sie es. Es kam ihr manchmal vor, wie wenn sie sich früher in ihre Kleider hätte einschließen können, ganz fest und nach allen Seiten – während sie sich jetzt nur mit ihnen bedeckte, und zuweilen schien ihr, als könnte sie sich, wenn sie ganz allein war, vorsichtig von innen her befühlen, und ihr war dabei, als ob das früher wie ein runder, gespannter Wassertropfen gewesen sein mußte, während es jetzt wie eine kleine, weichgeränderte Lacke war. So ganz breit und schlaff und spannungslos war dieses Empfinden, das sie von sich hatte. Und es wäre wohl überhaupt nichts wie Trägheit und müde Lässigkeit gewesen, wäre hier nicht wieder etwas Merkwürdiges dabeigewesen, hätte sie sich nicht dabei so ganz sonderbar bei sich selbst gefühlt, wie wenn sich etwas unvergleichlich Weiches in tausend zärtlich vorsichtigen Falten ganz, ganz langsam von innen her an sie schmiegen würde.
Früher, wenn ihre Freundinnen heirateten, dachte sie wohl auch daran, wie junge Mädchen denken, und an Küssen und Beisammensein, aber schon damals nie so wie an etwas, das auch für sie in jedem Augenblicke wirklich werden könnte, weder mit Ungeduld noch mit Verzichten, oder auch nur wie an ein Geschehen, zu dem man irgendetwas tun könnte. Jetzt aber dachte sie nicht mehr so daran; wenn ein Mann in dieser Weise in den Kreis ihres Lebens trat, so empfand sie ihn zwar ein bißchen stärker als sonst, aber das hob ihn doch nur so ganz wenig aus den anderen hervor, mit einer Sehnsucht, die nur so leise und verworren sinnlich war wie das unbestimmte, wehe Ziehen im Schoß vor den wiederkehrenden Tagen. Wenn es sie aber losließ und außen alles wieder nur glatte, gleichgültige Fläche war und innen alles vorbei, dann war es, wie wenn in die leergewordenen Stellen nun sie selbst hineinströmte, und dies war der Augenblick, den sie eigentlich liebte. Sie fühlte sich dann in ihrem trägen Gehenlassen und Nachschauen ganz warm und nah und eingehüllt in sich selbst wie in einen großen, schweren Mantel, der sie begrub, und bei jedem Versuch, ihn abzuschütteln, ihre Bewegungen erstickte; sie duckte sich schließlich ganz heimlich unter ihm zusammen und empfand eine merkwürdige Zärtlichkeit für sich wie für ein verstecktes, ungewisses Geschöpf. Wenn jemand sie schalt und wegen ihrer Teilnahmslosigkeit träge nannte, konnte sie aus sich heraus wie aus weichen Betten auf ihn schauen und ihm fast dankbar sein, weil er sie nur noch tiefer und schwerer hineindrückte.
Und während Veronika noch über all dies nachdachte, hörte sie plötzlich das Haustor gehen, hörte das Ächzen der hölzernen Treppe und fühlte ihr Herz. Sie hatte gewartet.
Wie das Reglose selbst kauerte Veronika auf ihrem Stuhl und drückte sich in das Dunkel, während ihr geistlicher Freund wie ein großer leidenschaftlicher Schatten das Zimmer auf- und abschritt; er versank, und dann sah sie ihn noch etwas entfernt triefend vor Finsternis wieder auftauchen, und nahe vor ihr, unter dem Fenster, war er in einem zitternden, grauen Nebel von Augenblick ganz sichtbar; … Seine Stimme klang weit und kam nahe, klang nahe und sank wieder ins Weite .. – ..
„Sie sitzen da, Veronika und schließen sich aus, warum tun Sie das?“ „Ich fühle mich so am wohlsten.“ „Aber das ist es ja eben, was nicht wahr ist! Sie belügen sich, ich kannte Sie doch früher; sie sind freudlos geworden. Aber Sie sprechen immer so unbestimmt, drückt Sie etwas – ich meine, mir als Jugendfreund und Menschen anderer Gesetze – ich meine irgendein Erlebnis, gestehen Sie es mir doch, es wird Sie erleichtern – warum fliehen Sie die Freuden der Geselligkeit, die doch Gott selbst den Menschen der Welt gegeben hat?“ „Es ist mir, – wie soll ich es sagen – mir ist wie zerschnitten, wie wenn ich in Stücke zerfiele, wenn ich unter den Leuten bin,“ und wie eigensinnig wiederholte sie leise, „allein fühle ich mich am wohlsten, ganz, ich fühle mich als etwas.“ – „Sie sind hoffärtig, Veronika.“ sagte der junge Priester unwillig,
„Sie treiben in Stücken dahin und haben den Eigensinn eines Kranken, dahinein Ihren Stolz zu setzen.“
Veronika drückte sich wohlig unter diesen Scheltworten zusammen, ihr war, als könnte sie aus sich heraus wie aus weichen Betten auf diesen starken, bewegten Menschen schauen, und empfand Dankbarkeit für seinen Unwillen, durch den sie noch tiefer und schwerer hineingedrückt wurde. Und ganz versteckt und listig fragte sie: „Und was haben Sie getan? Erzählen Sie lieber.“ – mit einem heimlichen Schauer stellte sie sich dabei vor, wie sie ihn jetzt sprechen hören würde. –
Cäciliens Bruder blieb stehen, unwillig und kopfschüttelnd über den Widerstand – dann setzte er seinen Weg langsam wieder fort und begann zu erzählen, weil er hoffte, dadurch dieser Seele zum Frieden zu verhelfen. „Ich war vor der Stadt, auf dem Fuchsengut bei der Wöchnerin, wo der Vater gestern die Medizin hinausgeschickt hat, aber es ist nichts mehr zu machen.“ Pause. „Ist der Mann traurig?“ „Gott, wie Bauern schon sind. Hart. Man weiß nicht, was in Ihnen vorgeht. Aber wie ich ihm sag, daß seine Frau bald bei Gott es besser haben werde, ist er dagestanden, wie ich vorher noch nie einen Menschen stehen sah, so baumgerad, als ob sein ganzes Leben fortab in diesem Augenblick festgewurzelt wär’.“ „Ja, die Bauern …“ meinte Veronika, um das Gespräch durch ihre Teilnahme in Fluß zu halten. „Nein, nicht die Bauern; als ich dann ging und das Gatter schloß, war’s mir geradeso, als hätte ich noch nie ein Tor so knarren gehört, so zögernd und eindringlich, und die Vögel hatten noch nie so laut und menschenähnlich gesungen, und zwischen den Wiesen stand jeder Baum groß und unverrückbar und von seinem Platz getragen.“ – Veronika neigte sich vor, man merkte es nicht in der Finsternis, und ihre Augen fingen dabei einen Schein vom Fenster und begannen zu leuchten wie Faulholz im Dunkeln. „So fest??“ fragte sie. „So fest und scharf in die Welt gegraben wie mit der Stichel, Vroni, jeder Laut, jede Linie, jedes Leuchten im Auge eines vorüberlaufenden Tiers. Nur noch ein wenig anders als sonst, trotzdem ein jedes so ganz bei sich war, schien jedes doch ein wenig verändert, wie abgestimmt aufeinander, eine Ähnlichkeit, nein, keine Ähnlichkeit, aber etwas wie eine Ähnlichkeit zwischen allem, ja, wenn Sie mich noch verstehen, möchte ich sagen eine Ähnlichkeit wie mit nach aufwärts gewandtem Antlitz; als ob jedes nur so klar dastünde, damit man erfaßt, daß es nicht bloß so da ist, wie man geglaubt hat, sondern daß es ein Glied ist, mit dem ein ganz andrer Sinn gemeint ist als der, zu dem man sonst flüchtig und halbverstanden die Dinge zusammensetzte, – ein übermenschlicher Sinn – Sein Sinn. Ich fühlte plötzlich, wie er sachte alles bewegt. Er nimmt das Prahlerische, das in allem Großen ist, und das Liebliche, das hinter jedem Widrigen ist, wie ein bittendes Lächeln in einem häßlichen Antlitz, und er macht das eine stiller und das andere trauriger, er fängt die Stimmen der Vögel im Wald, damit das Knarren eines Tors, durch das einer zum letztenmal davonschritt, sich tiefer in die Welt gräbt, er glättet die Falten im Gesicht einer Toten wegen der Lichter in den Augen eines Tiers, er quält einen Mann, weil ein Baum fest über der Erde ragt, langsam verrückt er erst die Schatten der Dinge, auf daß sie sich zueinander ordnen, und gewaltig greift er am Ende nach jedem und packt es wie ein Sinn die Worte oder Linien, wie eine Melodie die Töne – Vroni! wenn Sie mich verstehen: allein taugt der Mensch nichts! das ist unfruchtbare Hoffart. Er gehört in die Welt, wie ein Glied in eine Harmonie. Man darf sie nicht durch seinen besonderen Willen entstellen, man muß sich Seinem Sinn hingeben, muß sich in ihn geben. – Dann erst – ja, glauben Sie es, dann fühlt man alles so fest und sicher, als hielte Er einen an den Haaren auf dem richtigen Platze fest, und ich ging zwischen den Dingen wie ein Bruder und wußte, daß ich nicht das Kleinste unnütz tat, denn ich fühlte seinen Sinn in mir, in jeder Gebärde, die ich tat, wie den Wind in den Segeln …“
Veronika schauerte. Sie hatte diese Worte vorausgefühlt, sie kannte sie, es war eine List von ihr, den Priester zum Reden zu bringen. Es war ihr eigentümliches Spiel; durch das Dunkel und unverfängliche Gegenreden gedeckt, seine Worte wie zahnige Pflugscharen in ihrer Seele zu fühlen. Denn er selbst blieb ihr dabei ganz unpersönlich, sie hatte nie neben ihm das Gefühl wie ein Weib zum Manne, aber von seiner Sachlichkeit, von dem Inhalt seiner Seele ging eine Kraft aus, die sie unterwühlte. Diese Gespräche gingen in ihren dunklen Kleidern dahin mit der Sicherheit von Fremden aus einem mächtigen, wohlgeordneten Staate. Und diese Sicherheit begriff sie. Sie begriff, daß da ein Leben vor ihr stand, das ganz rund und in sich geschlossen ruhte und von sich selbst gesättigt war, ein Leben, das nicht voll Abwehr in sich zusammengekauert war, sondern dem sich von allen Dingen geschwisterliche Hände entgegenstreckten. Sie suchte sich das vorzustellen. Es mußte aus einem herausströmen und die Dinge ergreifen wie eine Welle Blutes – und wie eine Welle eigenen Blutes mußte es manchmal langsam, langsam von den Dingen wieder zurückströmen. Und manchmal mußte es sein, wie wenn einer die ganze Welt einatmen und in seinem Leibe tragen und von innen spüren könnte und dann ausatmen und so zärtlich sacht und vorsichtig gespannt vor sich hinstellen könnte, wie ein Künstler, der mit tausend fliegenden Reifen arbeitete. Und es kam eine quälende Unruhe in ihr Dasein ..
Sie konnte sich das aber so nur vorstellen, wenn sie an ihn dachte. Wenn sie auf sich selbst blickte, verließ sie die Stimmung. Und trotzdem begriff sie zum erstenmale, daß auch diese dunklen Kräfte in ihr danach verlangten, sie in die Weite ruhig und schlank wie eine Brücke zu wölben und spannen. Es kam in ihr Dasein eine geheimnisvolle Unruhe, die sich bis zu quälender Ungeduld steigerte. Ihr war, es würde sich etwas in ihr heben und heben und dumpf bewegen wie ein Kind im Leibe der Mutter und konnte doch nicht ans Licht, denn wenn es weg war, konnte sie nichts in sich finden. Sie durchsuchte sich eindringlicher als sonst. Es blieb ihr aber nichts als eine dunkle Erinnerung wie an eine wichtige, vergessene Sache. Statt der trägen Sicherheit, die sie besessen, befiel sie jetzt die Unsicherheit des Suchens. Sie fühlte, daß sie suchte und noch nicht hatte. Schließlich bildete sich in ihr die Vorstellung, daß es diese unaufgefundene, vergessene Sache sei, die wie ein Schleier darüberliege. – Sie hatte einmal von einem Mädchenzimmer gehört, das ganz weiß war, und es verknüpfte sich ihr damit die unklare Ahnung eines Lebens von ganz besonders zart und vorsichtig gegliederter Schönheit. Nun dachte sie, wenn sich eines Tages der Schleier von ihrem Leben heben werde, wird es sein, wie wenn junge Mädchen in weißen Kleidern über eine Landschaft gehen, die voll glitzerndem, weißem Schnee und blühender Kirschen ist.
Und Veronika wartete, sie wartete.
Die Welt und die Männer erschienen ihr dann wie etwas sehr Weites, und es war ihr, als sei sie aufgespart, um etwas in sich zu suchen, das einmal da war und noch irgendwo sein und wiederkommen mußte. Und sie ging durch die Jahre in ihrer dunklen, unbestimmten Zärtlichkeit dahin, wie eine Glocke, die ruft und ruft, und keiner weiß wozu, und sie wußte es auch nicht und fühlte nur, daß etwas in ihr tiefer und tiefer klang.
Eines Tages geschah dann das, was in ihr Leben die Wendung brachte. Der Priester mußte abreisen. Cäcilie war längst schon fort, die Frau des Bauern war in den Wochen gestorben, und sie gingen den Weg zum Fuchsengut. –
Veronika staunte. Sie versuchte alle möglichen Gedanken, um den zu finden, der ein Hinausschieben der Abreise ermöglichen könnte. Sie hatte die gewagtesten Vorschläge bis zu den albernsten Einfällen, die sie nicht losließen und beinahe zur Aussprache gedrängt hätten. Sie müdete sich an ihnen ab, und schließlich blieb nur die Verwunderung. Denn sie fühlte in sich ein Strömen und Ziehen, durch die ganze lange Reihe der vergangenen Tage her bis in die unsicheren Gefühle ihrer Kindheit hinein, und hier erstarrte es, hier brach eine Vollendung, die sie in diesem Augenblick von weither kommen fühlte, mit einem jähen Stillstehen und sich nicht mehr rühren Können ab, sie spürte diesen Augenblick wie ein plötzliches Blinken aus allen anderen herausspringen und dann wie einen Schnitt, und sie sah ganz deutlich etwas, das man gar nicht sehen kann, wie die Beziehung ihrer Seele zu dieser andern Seele in ihrer augenblicklichen Lage, ein Durchgangsding, ein Ausholen und Übergang plötzlich zu etwas Letztem, Unverrückbarem, zu etwas wurde, das wie ein Aststumpf in die leere Ewigkeit ragte.
Und sie erfaßt diese Gestaltqualität als ein Sonderbares. – Sie fühlt Dinge, die das Leben mit einem vorhat – Und als ob sie durch all dies nur hätte aufgelockert werden sollen, steigt die Erinnerung in ihr herauf – Und dieses déja connu verstärkt erst recht das zu etwas Dasein – Und diese abstrakten, kaum glaubwürdigen Dinge gewinnen das Relief der Wirklichkeit – Und wie davon beleuchtet sieht sie auch ihre Beziehung zu dem Priester mit diesem Relief – Sie spürt ihn plötzlich als einen Widerstand vor dem, was er ihr hätte werden sollen, sie fühlt Feindseligkeit und die Bedrängnis des Weibchens – und halb schon wieder unter dem Schleier, wie ein Zurücksinken kommt die Schneckensehnsucht, die mystische Vereinigung und ein wehrlos weiches Entsetzen, weil doch nicht mehr wird, was werden soll, und es trotzdem schön und betörend ist. –
Es war irgend etwas da – ein Erlebnis –, das ihr Widerwillen gegen das Gattungsmäßige eingeflößt hatte – mit dem Priester war nun etwas, das anderer Art war, deswegen hier die Intensitätssteigerung – und gleich die Fortsetzung in den drei Träumen wie im Durchbrechen dieser zweiten Wirkung des Gattungsmäßigen.