Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 81

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Wer hat dich, du schöner Wald …?

[Berliner Tageblatt, 27.7.1927, Abendausgabe S. 2-4]

Wenn es sehr heiß ist und man einen Wald sieht, so singt man: »Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?« Das geschieht mit automatischer Sicherheit und gehört zu den Reflexbewegungen des deutschen Volkskörpers. Je ohnmächtiger die von Hitze aufgequollene Zunge schon überall im Munde anstößt und je ähnlicher einer Haifischhaut die Kehle bereits geworden ist, desto empfindungsvoller reißen sie dann alle Kraft zu einem musikalischen Finish zusammen und beteuern, daß sie den Meister loben wollen, solang noch die Stimm’ erschallt. – Dieses Lied wird mit der ganzen Unbeugsamkeit jenes Idealismus gesungen, den am Ende aller Leiden ein Getränk erwartet.

Man braucht, um das ganz klar zu erfassen, nur beinahe gestorben zu sein. Dann liegt man – etwa nach einem schweren Unglücksfall, mehrfach operiert und doch wieder ganz geworden – zur Erholung in dem schönen Sanatorium eines Kurorts, in weiße Tücher und Decken gehüllt, auf einem luftüberströmten Balkon, die Welt ist ein fernes Summen, und jede Wette, wenn das Sanatorium diese Möglichkeit besitzt, wird man so gebettet, daß man wochenlang nichts vor Augen sieht als das steile, grüne Waldzelt eines Berges. Man wird so geduldig wie ein Kiesel in einem Bach, um den das Wasser spült. Das Gedächtnis ist noch voll Fieber und der überstandenen süßen Trockenheit nach der Narkose. Und man erinnert sich bescheiden, daß man in den Tagen und Nächten, wo Tod und Leben miteinander stritten und die tiefsten oder doch letzten Gedanken an ihrem Platz gewesen wären, rein nichts gedacht hat, als immer das gleiche: wie man auf einer Hochsommerwanderung sich dem Saum eines Waldes nähert. Immer von neuem taucht die Phantasie aus der galligen Glut der Sonne in das feuchte Dunkel, um sogleich wieder zwischen prallen Feldern die Wanderung von ferne aufzunehmen. Was sind Gemälde, Romane, Philosophien dagegen! In einem Zustand solcher Schwäche schließt sich das, was einem an Körper geblieben ist, wie eine fiebernde Hand, und die geistigen Einbildungen schmelzen weg wie Körnchen Eis. Man nimmt sich vor, ein Leben zu führen, das so alltäglich wie nur möglich sein soll, mit ernstem Bemühen um Wohlhabenheit und ihre Genüsse, die so einfach und unveränderlich sind wie der Geschmack der Kühle, die Wohltaten jeden Behagens und der Friede, den eine gesicherte Tätigkeit gewährt. Oh, man verabscheut alles Geniale, Revolutionäre, Ungewöhnliche, Anstrengende und Fordernde, solange man krank ist, und sehnt sich nach den ewigen, von Mensch zu Mensch gleichen, gesunden Mittelwerten. Steckt darin ein Problem? Mag es warten! Einstweilen ist es die Frage, ob in einer Stunde Hühnerbouillon oder schon etwas Erquicklicheres kommt, und man summt vor sich hin: »Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben …« Das Leben erscheint so sonderbar gerade gebogen, denn, nebenbei bemerkt, auch musikalisch ist man vordem nie gewesen.

Aber allmählich schreitet die Genesung fort, und mit ihr kehrt der böse Geist wieder. Man stellt Beobachtungen an. Gegenüber dem Balkon steht noch immer das grüne Waldzelt eines Berges, man brummt ihm noch immer das dankbare Lied zu, das nun einmal nicht abzuschütteln ist; aber eines Tages stellt man fest, daß der Wald nicht bloß aus einer Note, sondern aus Bäumen besteht, die man vor Wald nicht bemerkt hat. Wenn man scharf hinsieht, kann man erkennen, daß diese freundlichen Riesen sich Licht und Boden mit dem Futterneid von Pferden streitig machen. Still stehen sie beisammen, hier vielleicht eine Gruppe Fichten, dort eine Gruppe Buchen; es sieht so natürlich dunkel und hell aus wie gemalt und moralisch so erbaulich wie der schöne Zusammenhalt von Familien, aber in Wahrheit ist es der Abend einer tausendjährigen Schlacht. Gibt es denn nicht gelehrte Kenner der Natur, welche wissen, daß die Eiche – heute ein Sinnbild reckenhafter Einsamkeit – einst in unabsehbaren Heeren ganz Deutschland überzogen hat? Daß die Fichte, welche jetzt alles andere verdrängt, ein später Eindringling ist? Daß irgendwann eine Zeit des Buchenreiches aufgerichtet worden ist, und ein Imperialismus der Erlen? Es gibt eine Baumwanderung, wie es eine Völkerwanderung gibt, und wo du einen einheitlichen, urwüchsigen Wald siehst, ist es ein Heerhaufen, der sich auf dem erkämpften Schlachthügel befestigt hat, und wo dir gemischter Baumschlag das Bild friedlicher Familien vorzaubert, sind es versprengte Streiter, zusammengedrängte Reste feindlicher Scharen, die einander vor Erschöpfung nicht mehr vernichten können!

Immerhin ist das noch Poesie, wenn es auch nicht gerade die des Friedens ist, den wir im Walde suchen; die wahre Natur ist auch darüber schon hinaus. Genese an ihrem Herzen und du wirst – sofern man dir alle Vorzüge moderner Natur bietet – mit zunehmender Kräftigung eines Tages noch die zweite Beobachtung machen, daß ein Wald meistens aus Bretterreihen besteht, die oben mit Grün verputzt sind. Das ist keine Entdeckung, sondern nur ein Eingeständnis; ich vermute, man könnte den Blick gar nicht in Grün tauchen, wenn es nicht schon mit schnurgeraden Spalten dafür angelegt wäre. Die schlauen Förster sorgen bloß für ein wenig Unregelmäßigkeit, irgendeinen Baum, der hinten etwas aus der Reihe tritt, um den Blick abzufangen, einen querlaufenden Schlag oder einen gestürzten Stamm, den man sommersüber liegen läßt. Denn sie haben ein feines Gefühl für die Natur und wissen, daß man ihnen mehr nicht glauben würde. Urwälder haben etwas höchst Unnatürliches und Entartetes. Die Unnatur, welche der Natur zur zweiten Natur geworden ist, fällt in ihnen wieder in Natur zurück. Ein deutscher Wald macht so etwas nicht.

Ein deutscher Wald ist seiner Pflicht bewußt, daß man von ihm singen könne: Wer hat dich, du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben? Wohl den Meister will ich loben, solang’ noch meine Stimm’ erschallt! Der Meister ist ein Forstmeister, Oberforstmeister oder Forstrat, und hat den Wald so aufgebaut, daß er mit Recht sehr böse wäre, wenn man seine sachkundige Hand darin nicht sofort bemerken wollte. Er hat für Licht, Luft, Auswahl der Bäume, Zufahrtswege, Lage der Schlagplätze, Entfernung des Unterholzes gesorgt und den Bäumen jene schöne, reihenförmige, gekämmte Anordnung gegeben, die uns so entzückt, wenn wir aus der wilden Unregelmäßigkeit der Großstädte kommen. Hinter diesem Forstmissionar, der einfältigen Herzens den Bäumen das Evangelium des Holzhandels predigt, steht eine Güterdirektion, Domänenverwaltung oder fürstliche Kammer und schreibt es vor. Nach ihren Anordnungen entstehen soundsoviel tausend Holzmeter freier Aussicht oder jungen Grüns alljährlich, sie verteilt die herrlichen Blicke und den kühlen Schatten. Aber nicht in ihrer Hand ruht das letzte Geschick. Noch höher als sie thronen in der Reihe der Waldgötter der Holzhändler und seine Abnehmer, die Sägewerke, Holzstoffabriken, Bauunternehmer, Schiffswerften, Kartonnagewarenerzeuger, Papierfabrikanten … Hier verliert sich der Zusammenhang in jenes anonyme Geschling, jenen gespenstischen Güter- und Geldkreislauf, welcher selbst einem Menschen, der vor Armut aus dem Fenster springt, die Gewißheit gibt, daß er einen wirtschaftlichen Einfluß ausübt, und dich, der du im verzweifelten Sommer der Großstadt deine Hose auf einer Holzbank und eine Holzbank an deiner Hose abwetzt, zum Geburtenregler von Wollschafen und Wäldern macht, die alle der Teufel holen möge.

Soll man nun singen: Wer hat dich, du schönes Magazin der Technik und des Handels, aufgebaut so hoch da droben? Wohl die Ameisensäuregewinnung (aus Holzfaser; je nach den Umständen auch andere Verwertungsarten) will ich loben, solang’ noch meine Stimm’ erschallt! –? Die Frage wird allgemein verneint werden. Noch ist der Ozon des Waldes da, noch seine sanfte grüne Masse, seine Kühle, seine Stille, seine Tiefe und Einsamkeit. Es sind unausgenützte Nebenprodukte der Forsttechnik und so herrlich überflüssig, wie es der Mensch auf Urlaub ist, wenn er nichts ist als er selbst. Darin besteht noch immer eine tiefe Verwandtschaft. Der Busen der Natur ist zwar ein künstlicher Busen, aber auch der Mensch auf Urlaub ist ein künstlicher Mensch. Er hat sich vorgenommen, nicht an Geschäfte zu denken; das ist sozusagen ein inneres Schweigegebot, und nach kurzer Zeit wird alles unsäglich still und öd vor Glück in ihm. Wie dankbar ist er dann für die kleinen Zeichen und leisen Worte, welche die Natur für ihn bereit hat! Wie schön sind Wegmarkierungen, Inschriften, welche verraten, daß es noch eine Viertelstunde bis zum Wirtshaus Waldruhe dauert, Bänke und verwitterte Tafeln, welche die zehn Verbote der Forstverwaltung enthalten; die Natur wird beredt! Wie glücklich ist er, wenn er Teilnehmer findet, um auf einer Landpartie gemeinsam der Natur entgegenzutreten, Genossen für ein Kartenspiel im Grünen oder eine Bowle bei Sonnenuntergang! Durch solche kleinen Hilfen gewinnt die Natur die Vorzüge eines Oeldruckes. Es gibt dann sogleich nicht mehr so viel des Verwirrenden; ein Berg ist dann ein Berg, ein Bach ein Bach, Grün und Blau stehen mit großer Deutlichkeit nebeneinander, keinerlei Schwierigkeiten des Verstehens hindern den Betrachter, auf dem kürzesten Wege zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß es etwas Schönes ist, was er besitzt, und sobald man so weit gelangt ist, stellen sich die sogenannten ewigen Empfindungen mit Leichtigkeit ein. Frage einen Menschen von heute, der durch keinerlei Gerede noch verdorben ist, was ihm besser gefalle, eine Landschaftsmalerei oder ein Oeldruck, so wird er mit Recht sagen, daß er einen guten Oeldruck vorziehe. Nebenbei bemerkt, ist es nicht das kleinste Verdienst der gegenwärtig in der Malerei sich anbahnenden neuen Gegenständlichkeit, dies endlich erkannt zu haben.

Um aber zu unserem Kranken zurückzukehren: er gesundete natürlich. Der Arzt sagte zu ihm: »Kritisieren Sie, so viel Sie wollen; üble Laune ist ein Zeichen der Genesung.« – »Das kann man eigentlich gut verstehen« – dachte der Patient melancholisch. Er hatte längst aufgehört, sich nach Wald, großen Gläsern mit kühlen Getränken, nach säuselndem Wind, Gesang, Haselnüssen, Sauerampfer, behaglichem Reichtum und natürlichen Menschen zu sehnen. Aber die Sehnsucht nach dieser Sehnsucht lag noch winzig klein in ihm wie am Ende von unendlich vielen Jahren.

Tagebuchblatt

[Berliner Tageblatt, 8.8.1927;

Text nach: Prager Presse, 8.1.1928, S. 1-2]

Man braucht nicht sehr lange gelebt zu haben, so erinnert man sich schon an Erlebnisse, die es nicht mehr gibt.

In meiner Kindheit wiederholte sich oft ein fremdartiger Vorgang: Eine Frau hält einen Fisch fest, der sich in ihrer Hand windet, während sie ihm mit der anderen Hand den Bauch aufschlitzt. In meiner Erinnerung sind das immer große Frauen, in deren Gesicht und ruhigem Busen sich Gutmütigkeit und Duldsamkeit ausdrücken, und sie tragen eine weiße Schürze. Das gibt es heute nicht mehr. Sollte heute überhaupt noch das gleiche in der Küche vorgehen, so würden die Frauen mager sein, mit kurzem Haar, kurzen Röcken und knabenhaften Bewegungen; mit einem Wort, es würde gar nicht mehr das gleiche geschehen. Ihr Gesicht könnte höchstens den Ausdruck eines Knaben haben, der ein Tier quält. Ich glaube nicht, daß ein solches Bild so töricht und unverständlich das Herz zusammenzupressen vermöchte, wie es noch vor zwanzig Jahren geschah.

Ich weiß, daß diese alte Erinnerung heute als ein bezeichnender Ausdruck der kindlichen Sexualität erklärt werden würde, in dem sich das Begehren nach der mütterlichen Frau mit einer Ahnung schlüpfrigen Abscheus und den vernichtenden Gefühlen des Tabus, der Autorität und der eigenen Kleinheit vereint. Aber wenn Schopenhauer die Psychoanalyse schon gekannt hätte, so würde er ihr entgegengehalten haben, daß dieses grausame, aus Insuffizienz und Begehren gemischte knabenhafte Lustgefühl nicht einen frühen, bis auf Spuren wieder verschwindenden Masochismus bedeutet, sondern eine Ahnung von der wahren Gestalt der Liebe. »Ueberwinde das Geheimnis« – würde er gesagt haben – »und schließe das Buch der Liebe, so wirst du bemerken, daß nichts darin stand als immer wieder dieses eine Bild. Das Bild, wo du, freiwillig Unfreiwilliger, dich in der Hand eines ahnungslosen Frauenzimmers windest, das dich festhält und dir ein Stück jener großen, schrecklichen, glücklichen Einbildung ausweidet, von der schon alle ihre Vorgängerinnen gezehrt haben.« – Er war ein Liebeshasser, dieser große Schriftsteller, und drückte sich bloß deshalb als Frauenhasser aus, weil er ein Mann war.

Aber wie – wenn das die Natur der Liebe ist – kündigt sie sich der Frau an? Ich habe M. gefragt. Gegen Schopenhauer fand sie nichts einzuwenden. Nichts als die Rollen sind da vertauscht; denn eine Frau, wenn sie in die Jahre der Wehmut und Weisheit kommt, kennt auch das Gefühl, daß sie sich vergeblich in den Armen von Menschen gewunden hat. Aber gegen die Psychoanalyse erwies sich M. sehr voreingenommen. Sie behauptete, die Psychoanalyse sei eine von Männern ausgeschmückte Erfindung. Wenig Frauen haben an ihr tätig mitgearbeitet; die meisten nur in der willenlosen Rolle der Kranken. Sie kann dieses Arsenal von Scheren und geträumten Männern mit zornigen roten Köpfen nicht leiden. Es wäre übrigens nicht unnatürlich, wenn sich diese weiblichen Phantasien als Phantasien der Männer über die weibliche Phantasie herausstellen würden, zumindest sind sie durch das Ueberwiegen männlicher Vorstellungsarbeit gesiebt, gefiltert und gefärbt.

Wir sind auf dieses Gespräch gekommen, indem wir den Donaukanal entlang gingen, es war in Wien; in der Weihnachtswoche. Schön der festlich ungewisse helle Nebel über dem Wasserspiegel. Schwarzbraune, hochbordige Schiffe, deren Deck bis an den Kai reichte. Große Butten am Ufer, Frauengewimmel, Männer, in Wollwesten, mit fröhlich roten Händen aus den Bottichen fischend. Arme große Fische, nach Luft schnappend; in Händen gewogen; in Küchennetze gesteckt. Man konnte fühlen, wie innig ihre grausilbrigen Leiber, der bogenförmige Widerstand ihrer Muskeln in den prüfenden Händen, ihre Qual zur heiligen Freude des Tages gehörten. M. fand nichts Bemerkenswertes daran, daß Frauen Fische töten; irgendeiner muß nun einmal diese armen Tiere für die Bratpfanne herrichten; vorausgesetzt natürlich, daß man es erlaubt findet, sie zu essen. Sie hatte freundlich gespannte Augen, und alle Frauen, ob mit kurzen oder langen Haaren, mütterlichen oder knabenhaften Körpern, sahen in diesem Augenblick ebenso aus wie sie.

Ich erinnere mich, daß ich das zu ihr bemerkt habe. Eine viel einfachere und gewöhnlichere Schicht menschlicher Interessen lag hier bloß, als es die war, von der wir gesprochen hatten; gewissermaßen soziales Urgestein aus Backen, Essen und sich freuen bestehend, zu dem auch das unverkünstelte sich umarmen gehört. Darüber erst und darüber hin wandern wechselnd, sich zusammenziehend und zerstreuend, die Komplikationen, die Bedeutungen, die Hemmungen und Beschleunigungen, Pressungen, Schwierigkeiten, Seligkeiten, Einbildungen und tödlichen Konflikte. Aus einer ungemein einfachen Landschaft steigt Dunst auf, bildet Wolkenburgen von wechselnder Form, die sich langsam verändern, aber eine Weile lang der ganzen Landschaft den Charakter des Bildes geben, das sie bekrönen. Ich weiß nicht, ob das sehr deutlich ist, aber mir fielen gerade diese Worte ein, und ich glaubte, während ich sie aussprach, die Wolkenburgen der Jahrhunderte zu sehen, die sich aus der im Grunde immer gleich bleibenden menschlichen Flachheit erheben.

M. antwortete nicht darauf. Aber nach einer Weile sagte sie außer dem Zusammenhang: »Ich wüßte nur ein einziges Erlebnis, das sich mit deinen Fischköchinnen vergleichen ließe, und das ist ganz anders. Ich war ein kleines Mädchen, als der Vater meines Vaters starb und Papa verreiste. Ich hatte wohl gar nicht begriffen, weshalb er mit einemmal fort war, denn als er zurückkehrte, erzählte er mir erst ausführlich, was vorgefallen war. Ich wußte nicht viel von meinem Großvater, und das Gespräch im Familienzimmer in Mutters Gegenwart machte mir wenig Eindruck. Aber als mein Vater beschreiben wollte, wie Großvater aussah, als er ihn auf dem Totenbett wiederfand, in diesem Augenblick warf Vater die Hände auf den Speisezimmertisch und das Gesicht in die Arme und brach in tiefes Schluchzen aus. Ich hatte noch nie einen Mann weinen gesehn und dachte, daß ich versinke. Dieses zuckende Gesicht meines lieben weinenden Vaters, mit dem plötzlich komisch gewordenen großen Bart, schnitt mir das Herz in zwei Teile!«

»Auch das läßt sich übrigens nicht mehr wieder erleben« – sagten wir mit einemmal beide – »denn die Väter tragen keine Bärte mehr!« – Wir lachten oder lächelten darüber, ich weiß es nicht mehr. Aber ich erinnere mich genau, wie es sich anfühlte. Vom Gebirge kam nämlich ein Schneewind herüber und wurde über dem Wasser aufgetaut, und aus den Gesichtern kam die Wärme und gefror in dem silberkühlen Nebel; die Welt wurde dadurch so unentschieden; man fühlte, wie im Sprechen das Gesicht in der Luft schmolz oder erstarrte, ohne daß man das recht auseinanderhalten konnte, und dabei gewannen die Worte mehr Bedeutung, als ihnen dem Inhalt nach wahrscheinlich zukommt.

Denkmale

[Prager Presse, 10.12.1927, S. 3-4]

Denkmale haben außer der Eigenschaft, daß man nicht weiß, ob man Denkmale oder Denkmäler sagen soll, noch allerhand Eigenheiten. Die wichtigste davon ist ein wenig widerspruchsvoll; das Auffallendste an Denkmälern ist nämlich, daß man sie nicht bemerkt. Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler. Sie werden doch zweifellos aufgestellt, um gesehen zu werden, ja geradezu, um die Aufmerksamkeit zu erregen; aber gleichzeitig sind sie durch irgendetwas gegen Aufmerksamkeit imprägniert, und diese rinnt wassertropfen-auf-Oelbezug-artig an ihnen ab, ohne auch nur einen Augenblick stehen zu bleiben. Man kann monatlang eine Straße gehen, man wird jede Hausnummer, jede Auslagenscheibe, jeden Schutzmann am Weg kennen, und es wird einem nicht entgehen, wenn ein Zehnpfennigstück auf dem Gehsteig liegt; aber man ist bestimmt jedesmal sehr überrascht, wenn man eines Tages einem hübschen Stubenmädchen ins erste Stockwerk schielt und dabei eine metallene, gar nicht kleine Tafel entdeckt, auf der in unauslöschlichen Lettern eingegraben steht, daß an dieser Stelle von achtzehnhundertsoundsoviel bis achtzehnhundertundeinigemehr der unvergeßliche Soodernichtso gelebt und geschaffen habe. Es geht vielen Menschen selbst mit überlebensgroßen Standbildern so. Man muß ihnen täglich ausweichen oder kann ihren Sockel als Schutzinsel benützen, man bedient sich ihrer als Kompaß oder Distanzmesser, wenn man ihrem wohlbekannten Platz zustrebt, man empfindet sie wie einen Baum als Teil der Straßenkulisse und würde augenblicklich verwirrt stehen bleiben, wenn sie eines Morgens fehlen sollten, aber man sieht sie nie an und besitzt gewöhnlich nicht die leiseste Ahnung davon, wen sie darstellen, außer daß man vielleicht weiß, ob es ein Mann oder eine Frau ist.

Man darf sich durch einige Ausnahmen nicht täuschen lassen. Etwa durch jene paar Standbilder, die der Mensch mit dem Bädeker in der Hand suchen geht, wie den Gattamelata oder den Colleone, was eben ein ganz besonderes Verhalten ist; oder durch Gedenktürme, die eine ganze Landschaft versperren; oder durch Denkmäler, die einen Verein bilden, wie die über ganz Deutschland verbreiteten Bismarck-Denkmale oder endlich durch die Siegesallee in Berlin, welche so unvergeßlich bleibt, weil eine Postenkette aus Marmor sonst nirgends in der Kriegsgeschichte vorkommt. Solche energische Denkmäler gibt es; und dann gibt es auch noch die, welche der Ausdruck eines lebendigen Gedankens und Gefühls sind; aber der Beruf der meisten gewöhnlichen Denkmale ist es wohl, ein Gedenken erst zu erzeugen, oder die Aufmerksamkeit zu fesseln und den Gefühlen eine fromme Richtung zu geben, weil man annimmt, daß es dessen einigermaßen bedarf, und diesen ihren Hauptberuf verfehlen Denkmäler immer. Sie verscheuchen geradezu das, was sie anziehen sollten. Man kann nicht sagen, wir bemerken sie nicht; man müßte sagen, sie entmerken uns, sie entziehen sich unseren Sinnen: es ist eine durchaus positive, zur Tätlichkeit neigende Eigenschaft von ihnen!

Nun, man kann das ohne Zweifel erklären. Alles Beständige büßt seine Eindruckskraft ein. Alles, was die Wände unseres Lebens bildet, sozusagen die Kulisse unseres Bewußtseins, verliert die Fähigkeit, in diesem Bewußtsein eine Rolle zu spielen. Ein lästig dauerndes Geräusch hören wir nach einigen Stunden nicht mehr. Bilder, die wir an die Wand hängen, werden binnen wenigen Tagen von der Wand aufgesogen; es kommt äußerst selten vor, daß man sich vor sie hinstellt und sie betrachtet. Bücher, die man halb gelesen in die prächtigen Bändereihen der Bibliothek einstellt, liest man nie mehr zu Ende. Ja, es genügt bei sensiblen Personen, daß sie ein Buch, dessen Anfang ihnen gefallen hat, kaufen, und sie werden es nie wieder in die Hand nehmen. In diesem Fall wird der Vorgang schon aggressiv; man kann seinen unerbittlichen Ablauf, aber auch an höheren Gefühlen verfolgen, und dann ist er es immer, zum Beispiel im Familienleben. Wenn man den Klagen der Gattinnen glauben darf, wollen die Männer das nicht bemerken, was sie besitzen; sie achten nicht auf die Toiletten und Frisuren, die ihnen ehelich zu eigen sind, während sie auf die kleinsten Veränderungen im Aussehen der Frauen anderer sogleich reagieren. Und wer hätte noch nicht die ganz ähnliche Klage aller Eltern gehört, daß ihre undankbaren Kinder die Liebe nicht fühlen, von der sie täglich umgeben sind? – Du behandelst mich »wie Luft«! – klagen die Treuen. – Luft ist leider etwas nicht sehr Sichtbares, aber sie ist etwas sehr Wichtiges und Unentbehrliches – könnten die Ungetreuen erwidern. – Wenn ich tot bin, wirst du schon merken, was dir fehlt! – sagen die Unwandelbaren. – Könnten wir nicht einmal jeder allein reisen, um einen kleinen Vorschuß auf die ewige Trennung zu nehmen? – entgegnen die Wandelbaren. – Das Beständige verliert eben seinen Wert! – seufzen die Beständigen. – Es verliert ihn nicht! Es verändert ihn bloß und gewinnt einen neuen! – versichern die Unbeständigen. – Du liebst mich nicht mehr! – sagen die Gekränkten. – Die ökonomische Ausnützung meiner nervösen Kräfte fordert von mir – erwidern die anderen –, daß ich das, was sich ein für allemal erledigen läßt, nicht jeden Tag neu erledige! – So scheidet sich mit dem Satze; Muß ich dir denn in jeder Viertelstunde erneut sagen, daß ich dich liebe?! – unzähligemal die unlösliche eheliche Zusammengehörigkeit von der flatterhaften Lust. Und in welch erhöhtem Maße müssen sich diese psychologischen Nachteile, denen das Beständnis ausgesetzt ist, bei Erscheinungen aus Erz und Marmor geltend machen!

Wenn man es gut mit Monumenten meint, muß man daraus unerbittlich den Schluß ziehen, daß sie einen wider unsere Natur gerichteten Anspruch an uns stellen und zu seiner Erfüllung ganz besonderer Anstalten bedürfen. Wollte man die Warnungstafeln für Kraftwagen so diskret einfarbig ausgestalten wie Denkmale, so wäre das ein Verbrechen. Auch die Lokomotiven pfeifen schrille und keine versonnenen Klänge, und selbst den Briefkästen gibt man eine auffallende Farbe. Mit einem Wort, auch Denkmäler sollten sich heute, wir wir alle, etwas mehr anstrengen! Ruhig am Wege stehen und sich Blicke schenken lassen; könnte jeder; wir dürfen heute von einem Monument mehr verlangen. – Wenn man erst diesen Gedanken erfaßt hat – der sich dank gewisser Strömungen in Kunst und Journalistik langsam durchzusetzen beginnt – erkennt man, wie rückständig unsere Denkmalskunst ist, verglichen mit der zeitgenössischen Entwicklung des Anzeigenwesens. Warum greift der in Erz gegossene Held nicht wenigstens zu dem anderwärts längst überholten Mittel, mit dem Finger an eine Glasscheibe zu klopfen? Weshalb drehen sich die Figuren einer Marmorgruppe nicht umeinander, wie es bessere Figuren in den Geschäftsauslagen tun, oder klappen wenigstens die Augen auf und zu? Das Mindeste, was man verlangen dürfte, um die Aufmerksamkeit zu erregen, wären bewährte Aufschriften wie »Goethes Faust ist der beste!« oder »Die dramatischen Ideen des bekannten Lyrikers X. sind die billigsten!«

Leider wollen das die Bildhauer nicht. Sie verstehen, wie es scheint, nicht unser Zeitalter des Lärms und der Bewegung. Wenn sie einen Herrn in Zivil darstellen, so sitzt er reglos auf einem Stuhl oder steht da, die Hand zwischen dem zweiten und dritten Knopf seines Rockes, auch hält er zuweilen eine Rolle in der Hand, und es zuckt keine Miene in seinem Gesicht. Er sieht gewöhnlich aus wie die schweren Melancholiker in den Nervenheilanstalten. Wenn die Menschen nicht für Denkmale seelenblind wären und bemerken würden, was oben vorgeht, so müßten sie, wenn sie vorbeikommen, das Gruseln haben wie an den Mauern eines Irrenhauses. Noch gruseliger ist es, wenn die Bildhauer einen General oder einen Prinzen darstellen. Die Fahne flattert in der Hand, und es geht kein Wind. Das Schwert ist gezückt, und niemand fürchtet sich davor. Der Arm weist gebieterisch vorwärts, aber kein Mensch denkt daran, ihm zu folgen. Selbst das Pferd, das sich mit sprühenden Nüstern zum Sprung erhoben hat, bleibt auf den Hinterhufen stehen, starr vor Staunen darüber, daß die Menschen unten, statt zur Seite zu weichen, ruhig ein Wurstbrot in den Mund stecken oder eine Zeitung kaufen. Bei Gott, Denkmalsfiguren stellen sich mit der leidenschaftlichsten oder innerlichsten Gebärde ihres Lebens hin, voll von Feierlichkeit oder Aufregung, und sind wie arme Komödianten, die vor einem unruhigen und unaufmerksamen Haus spielen müssen; ein Liebhaber, der am Ende seiner Erklärung bemerkt, daß die Umworbene die Tapetenmuster an der Wand hinter seinem Rücken gezählt hat, kann sich nicht tiefer bloßgestellt fühlen, als sie. Sie machen keinen Schritt und machen doch immerwährend einen faux pas. Es ist eine verzweifelte Lage.

Ich glaube, daß ich mit diesen Ausführungen einiges zum Verständnis von Denkmalsfiguren, Gedenktafeln und dergleichen beigetragen habe. Vielleicht sieht einer oder der andere daraufhin jene an, die an seinem Weg stehen. Was aber immer unverständlicher wird, je weiter man nachdenkt, ist, weshalb man, wenn die Dinge so liegen, gerade großen Männern Denkmale setzt? Es scheint eine ganz ausgesuchte Bosheit zu sein. Da man ihnen im Leben nicht mehr schaden kann, stürzt man sie gleichsam mit einem Gedenkstein um den Hals, ins Meer des Vergessens.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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