Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 80
Geschwindigkeit ist eine Hexerei
[Vossische Zeitung, 28.5.1927, S. 10]
Es ist immer gut, wenn man die Worte so gebraucht, wie man soll, nämlich, ohne sich etwas dabei zu denken. Man geht dann bequem über zehn Sätze hinweg, ehe wieder ein Wort auftaucht, auf das es ankommt. Das ist zweifellos ein großzügiger Stil, der etwas von Eilverkehr auf große Entfernungen an sich hat, und es scheint, daß die geistigen Aufgaben des Tages nur noch mit seiner Hilfe bewältigt werden können. Paßt man aber kleinlich auf, so stolpert man flugs in ein Sprachloch. Die Sprache fußwandelt nicht mehr dahin wie zur Zeit der Altvorderen.
Da wäre zum Beispiel das Wort »Hals über Kopf«; welch ein wichtiges und oft gebrauchtes Wort in einer Zeit, wo es so auf das Tempo ankommt! Wie viele Menschen bedienen sich in ihrer Eile dieses Wortes, ohne zu ahnen, welche Schwierigkeiten es der Eile bereitet. Denn Hals über Kopf irgendwohin stürzen, heißt eine so wilde Beschleunigung entwickeln, daß sich der Körper über den Hals, der Hals über den Kopf zu schieben scheint; die Eile faßt beim Hosenboden an, das Gesetz der Trägheit drückt beim Kopf zurück, und der Mensch wird aus dem Menschen gerissen, wie der Hase aus dem Balg. Aber wann hat man denn je solche rasende Eile gehabt? Gott ja, als Kind, wenn man mit wackligen Beinen lief. Als Knabe, wenn man auf dem Rade eine abschüssige Straße hinabfuhr. Vielleicht als Reiter, wenn man nicht recht wußte, wie es enden werde. Bei schäbigen fünfzehn bis dreißig Stundenkilometern Geschwindigkeit! Wenn ein Auto oder ein Eisenbahnzug so Hals über Kopf fahren wollten, würden sie kriechen!
Hals über Kopf drückt also gar keine Geschwindigkeit aus, sondern ein Verhältnis zwischen Schnelligkeit und Gefahr des Beförderungsmittels oder zwischen Schnelligkeit und der Aufregung höchster Anstrengung. Die Fetzen müssen fliegen, der Schaum aus den Augen treten und die Flanken den Krampf haben. Aber dann kann auch eine Schnecke Hals über Kopf dahinstürzen, in einem ganz und gar forcierten Schneckentempo, unbesonnen, gefährdet. Nebeneindrücke sind wieder einmal das Bestimmende. Bekanntlich rast ein kleines Auto schneller als ein großer Wagen, und ein Eisenbahnzug rast desto mehr, je ausgefahrener die Schienen sind. Auch das Dahintoben ist Gewohnheitssache. Es gibt Nachbarn, welche dabei meinen, daß sie rücksichtsvoll wie auf geseiften Bohlen durchs Leben gleiten.
Man sieht sich unwillkürlich in der Sprache um nach gediegeneren Ausdrücken. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man sagte: »Hals über Kopf stieß er ihr den Dolch ins Herz«? Das bringt selbst der wildeste Romanschreiber nicht über die Lippen seiner Feder. Er weiß nicht, warum. Aber er läßt den Dolch schnell wie den Blitz zustoßen. Rasch wie ein Gedanke wäre schon nicht die richtige Geschwindigkeit dafür. Dagegen ist ein Liebender schnell wie ein Gedanke bei der Geliebten und niemals rasch wie der Blitz. Das sind Geheimnisse. Ein General eilt immer in Eilmärschen hinzu. Ein endlich Wiedergefundener stürzt in die Arme, aber ans Herz fliegt er. Ein Generaldirektor, der zu spät kommt, rast wie der Sturm daher, sein Büroangestellter dagegen kommt atemlos an; die Bewegungsgeschwindigkeit wirkt bei ihnen genau entgegengesetzt auf die Atmung. Vielleicht wäre auch zu erwähnen, daß man immer flugs ankommt, aber im Nu weg ist.
Man sieht, das sind Schwierigkeiten. Das Böseste ist aber, daß das moderne Leben voll von neuen Geschwindigkeiten ist, für die wir keine Ausdrücke haben. Geschwindigkeiten sind merkwürdigerweise das Konservativste, was es gibt. Trotz Eisenbahn, Flugzeug, Automobil, Tourenzahl, Zeitlupe sind ihre äußersten Grenzen heute noch die gleichen wie in der Steinzeit; schneller als der Gedanke oder der Blitz und langsamer als eine Schnecke ist in der Sprache nichts geworden. Das ist eine verteufelte Lage für ein Zeitalter, das keine Zeit hat und sich bestimmt glaubt, der Welt eine neue Geschwindigkeit zu geben; die Schnelligkeitsäpfel hängen ihm in den Mund, und es gelingt ihm nicht, den Mund zu öffnen.
Aber vielleicht wird die Zukunft ganz anders sein. Klassisch erlebte Geschwindigkeiten gibt es ja schon heute nur noch dort, wo man sie am wenigsten erwarten würde, bei den Bauern auf dem Land. Dort fährt noch der Blitz durch die Luft, das vorbeifahrende Auto rast durch die Hühner, und es gibt Wege, wo man vor Eile auf die Nase fallen kann. In der Stadt ist die einzige Geschwindigkeit, die man eigentlich noch spürt, die des zu erreichenden Anschlusses, die Hast des Umsteigens und die Unsicherheit des rechtzeitigen Weiterkommens. Ohne den Segen der Neurasthenie würde man auch die schon verloren haben, denn schlimmstenfalls opfert der Eilige, statt daß er keucht und Dampf schwitzt, Mark Eins, fünfzig für ein Auto, das alles dies sofort für ihn besorgt. Und je höher man im Reich der Kräfte hinaufsteigt, desto ruhiger geht es zu. Eine Turbinenanlage von fünfzigtausend Pferdestärken surrt fast lautlos, und die ungeheuerlichsten Geschwindigkeiten der Technik sind nur noch ein stilles Schaukeln. Das Leben wird desto unpathetischer und sachlicher, je gigantischer es wird. Ein Boxkampf zwischen zwei Meistern enthält weit weniger Alarm als eine Straßenprügelei zwischen zwei Laien, und ein Gaskampf ist lange nicht so dramatisch wie eine Messerstecherei. Die großen neuen Intensitäten haben vollends für das Gefühl etwas Unfaßbares, wie Strahlen, für die noch kein Auge da ist. Es wird aber noch sehr lange dauern, ehe die Menschen statt Eilzug wirklich Ruhezug sagen und das Wort Hals über Kopf nur noch gebrauchen, wenn sie etwa den Abendfrieden beschreiben und ausdrücken wollen, daß sich weit und breit nichts rührt und die ungewohnte Ruhe von allen Seiten über sie hinstürzt wie ein Meer.
Der Mensch ohne Charakter
[Vossische Zeitung, 10.7.1927, S. 27]
Ich habe mehrere Freunde, welche keinen Charakter besitzen; wer hätte sie nicht? Aber darunter ist einer, der seinen Charakter fast sein ganzes Leben lang vermißt hat, der ihn schmerzlich entbehrt und gesucht hat; und das ist schon etwas nicht ganz Alltägliches.
Wir waren Nachbarskinder. Wenn er irgendeine der Kleinigkeiten angestellt hatte, die so schön sind, daß man sie nicht gern erzählt, pflegte seine Mutter zu seufzen, denn die Prügel, die sie ihm gab, strengten sie an, und dem sollte sie sich eigentlich nicht aussetzen. »Junge,« jammerte sie, »du hast nicht die Spur von Charakter; was mag aus dir noch werden!?« In den schwereren Fällen wurde der Herr Vater zu Rate gezogen. Dann hatten die Prügel eine gewisse Feierlichkeit und eine ernste Würde, ungefähr wie ein Schulfest. Vor Beginn mußte mein Freund dem Herrn Oberrechnungsrat eigenhändig den Rohrstab holen, der im Hauptberuf dem Ausklopfen der Kleider diente und von der Köchin verwahrt wurde, während er nach Schluß die Vaterhand zu küssen und mit Dank für die Zurechtweisung um Verzeihung für die Sorgen zu bitten hatte, die er seinen lieben Eltern verursachte. Mein Freund machte es umgekehrt. Er bettelte und heulte vor Beginn um Verzeihung und setzte das von einem Schlag zum andern fort; wenn es aber einmal vorbei war, brachte er kein Wort mehr hervor, war blaurot im Gesicht, schluckte Tränen und Speichel und suchte durch emsiges Reiben die Spuren seiner Empfindungen zu beseitigen. »Ich weiß nicht,« – pflegte dann sein Vater zu sagen – »was aus dem Jungen noch werden soll; der Bengel hat absolut keinen Charakter!«
So war in unserer Jugend Charakter das, wofür man Prügel bekommt, obgleich man es nicht hat. Man wird nicht übersehen, daß darin eine gewisse Ungerechtigkeit steckt. Ein logisch gereifter Mensch wird freilich sagen, wenn man von uns Charakter verlangte, so sei dies der übergeordnete und zusammengefaßte Begriff gewesen des Gegenteils von schlechten Zeugnissen, geschwänzten Schulstunden, an Hundeschwänze gebundenen Blechtöpfen, Geschwätz und heimlichen Spielen während des Unterrichts, verstockten Ausreden, zerstreutem Gedächtnis und unschuldigen Vögeln, die ein versteckter Schütze mit der Schleuder geschossen hat. Aber das natürliche Gegenteil von alledem waren doch schon die Schrecknisse der Strafe, die Angst vor Entdeckung und die Qualen des Gewissens, welche die Seele mit jener Reue peinigen, die man empfinden könnte, wenn die Sache schief ginge. Das war komplett; für einen Charakter ließ es keinen Platz und keine Tätigkeit übrig, er war vollkommen überflüssig. Dennoch verlangte man ihn von uns.
Es hätte uns vielleicht einen Anhaltspunkt bieten sollen, daß zu den Strafen auch im einzelnen erläuternde Worte gesprochen wurden wie: Hast du denn gar keinen Stolz, Bube?! – oder: Wie kann man bloß so niederträchtig lügen?! – Aber ich muß sagen, daß es mir selbst heute noch schwer fiele, stolz zu sein, wenn ich eine Ohrfeige bekäme. Oder Stolz zu zeigen, während ich auf den Rücken falle. Wut könnte ich mir vorstellen; aber die sollten wir ja gerade nicht haben! Und ebenso ist es mit dem Lügen; wie soll man denn lügen, wenn nicht niederträchtig? Etwa ungeschickt? Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir selbst heute noch vor, als ob man damals am liebsten von uns Buben gefordert hätte, wir sollten aufrichtig lügen. Das war aber eine Art doppelter Anrechnung: erstens, du sollst nicht lügen, zweitens, wenn du jedoch lügst, dann lüge wenigstens nicht verlogen. Es ist ja zuzugeben, daß erwachsene Verbrecher das können müssen, denn sonst würde man es ihnen in den Gerichtssälen nicht immer als besondere Bosheit anrechnen, wenn sie ihre Verbrechen kaltblütig, vorsichtig und mit Überlegung begehen, aber von Buben war das entschieden zuviel verlangt. Ich fürchte, ich habe bloß deshalb keine so auffallenden Charaktermängel gezeigt wie mein Freund, weil ich nicht so sorgfältig erzogen wurde.
Am einleuchtendsten von allen elterlichen Ansprüchen, welche sich mit unserem Charakter befaßten, waren noch die, welche sein bedauerliches Fehlen mit der Warnung in Zusammenhang brachten, daß wir ihn einst als Männer vonnöten haben würden. »Und ein solcher Junge will ein Mann werden!?« hieß es ungefähr. Sah man davon ab, daß die Sache mit dem Wollen nicht ganz klar war, so bewies dies doch wenigstens, daß Charakter etwas sei, das wir erst später brauchen würden; wozu dann jetzt schon die überhasteten Vorbereitungen? Dies war ganz das, was wir meinten.
Wenn mein Freund also damals keinen Charakter besaß, so vermißte er ihn doch nicht. Das kam erst später und begann zwischen unserem sechzehnten und siebzehnten Jahr. Da fingen wir an, ins Theater zu gehen und Romane zu lesen. Von dem Gehirn meines Freundes, das lebhafter als das meine die irreführenden Verlockungen der Kunst aufnahm, ergriffen der Intrigant der städtischen Theater, der zärtliche Vater, der heldenhafte Liebhaber, die teuflische Salonschlange und die bezaubernde Naive Besitz. Er redete nur noch in falschen Tönen, hatte aber plötzlich alles von Charakter in sich, was es auf der deutschen Bühne gibt. Wenn er etwas versprach, wußte man nie, ob man sein Ehrenwort als Held oder als Intrigant besaß; es geschah, daß er einen heimtückischen Vorschlag machte, aber später heldenhaft aufrichtig durchführte, oder daß er etwas naiv zusagte und bei der Ausführung ein Bösewicht wurde; er konnte polternd uns Freunde empfangen, um uns plötzlich mit dem eleganten Lächeln des Bonvivants Platz und Schokoladenbonbons anzubieten, oder umarmte uns väterlich und stahl dabei die Zigaretten aus unserer Tasche.
Das war harmlos und offen, verglichen mit den Wirkungen des Romanelesens. In solchen Romanen finden sich die wundervollsten Verhaltungsweisen für unzählige Lebenslagen beschrieben. Der einzige Nachteil ist bloß der, daß die Lebenslagen, in welche man gerät, sich niemals ganz mit den Lebenslagen decken, in denen jene Worte: Rache, Verzicht, Verzeihung, vorkommen, welche in den Romanen beschrieben sind. Die Weltliteratur ist ein ungeheures Magazin, wo jährlich Millionen Seelen mit Edelmut, Zorn, Stolz, Liebe, Hohn, Eifersucht, Adel und Gemeinheit bekleidet werden. Wenn eine angebetete Frau unsere Gefühle mit Füßen tritt, so wissen wir, daß wir ihr einen strafend seelenvollen Blick zuzuwerfen haben; wenn ein Schurke eine Waise mißhandelt, so wissen wir, daß wir ihn mit einem Schlag zu Boden schmettern müssen. Aber was sollen wir tun, wenn die angebetete Frau unmittelbar, nachdem sie unsere Gefühle mit Füßen getreten hat, die Tür ihres Zimmers zuschlägt, so daß sie unseren seelenvollen Blick nicht sieht? Oder wenn zwischen dem Schurken, der die Waisen mißhandelt, und uns ein Tisch mit Gläsern steht? Sollen wir die Tür einschlagen, um durch das Loch einen sanften Blick zu werfen, oder sorgfältig die teuren Gläser abräumen, ehe wir zum empörten Schlag ausholen? In solchen wirklich wichtigen Fällen läßt einen die Literatur immer im Stich; vielleicht wird das in einigen hundert Jahren, wenn noch mehr beschrieben ist, besser sein.
Einstweilen aber gibt es deswegen jedesmal eine geradezu besonders unangenehme Lage für einen belesenen Charakter, wenn er sich in einer sogenannten Lebenslage befindet. Ein gutes Dutzend angefangener Sätze, halb erhobener Augenbrauen oder geballter Fäuste, gekehrter Rücken und pochender Brüste, die alle nicht ganz zu dem Anlaß passen und doch auch nicht unpassend wären, bleiben in ihm stecken und zerren an ihm; die Mundwinkel werden gleichzeitig hinauf- und hinabgezogen, die Stirn finster gerunzelt und hell beglänzt, der Blick will sich zur gleichen Zeit strafend hervorstürzen und beschämt zurückziehen, und das ist sehr unangenehm, denn man tut sich sozusagen selbst gegenseitig weh. Das Ergebnis ist dann jenes bekannte Zucken und Schlucken, das sich über Lippen, Augen, Hände und Kehle ausdehnt, ja mitunter den ganzen Körper so heftig erfaßt, daß er sich wie eine Schraube windet, die ihre Mutter verloren hat.
Damals entdeckte mein Freund, wie viel bequemer es wäre, als einzigen Charakter seinen eigenen zu besitzen, und begann diesen zu suchen.
Aber er geriet bloß in neue Abenteuer. Ich traf ihn nach Jahren wieder, als er im Bureau eines Rechtsanwalts arbeitete. Er trug Brillen, rasierte sich den Bart und sprach mit leiser Stimme. – Du siehst mich an? – bemerkte er. Ich konnte es nicht leugnen, irgend etwas hieß mich, in seiner Erscheinung eine Antwort zu suchen. – Rechtsanwälte – erklärte er mir – haben eine ganz bestimmte Art, durch ihre Kneifergläser zu blicken, die anders ist als zum Beispiel die der Ärzte. Vielleicht kann man auch sagen, daß alle ihre Bewegungen und Worte spitzer oder zackiger sind als die rundlichen und knorrigen der Theologen. Sie unterscheiden sich von ihnen wie ein Feuilleton von einer Predigt, mit einem Wort, so wenig ein Fisch von Baum zu Baum fliegt, so sehr sind Rechtsanwälte in ein Medium eingetaucht, das sie niemals verlassen.
»Berufscharakter!« sagte ich. Mein Freund triumphierte.
»Sag’ einmal, bemerkst du etwas davon an mir?« fragte er. Als ich verneinte, war er es zufrieden. »Siehst du,« fuhr er in seiner Auseinandersetzung fort, »das war eine große Schwierigkeit. Bis vor kurzem habe ich noch einen christusähnlichen Bart getragen. Denn das stimmt gar nicht zu dem Charakter der Rechtsanwälte. Aber Bart ist, wie du wissen wirst, zusammen mit starken Augenbrauen, behaarter Brust und einer Stimme, welche die Tonlagen zwischen Keller und erstem Stock bewohnt, ein sogenanntes sekundäres Merkmal des Geschlechtscharakters. Darum spreche ich jetzt leise und trinke kein Bier.«
»Das sehe ich nicht ein,« sagte ich dagegen, »du könntest dich doch zum Beispiel wie ein Maler tragen oder wie ein Seefahrer?«
»Nein! Das ist eben das Sonderbare! Es gibt natürlich Rechtsanwälte, die sehen wie Dichter aus, und dann wieder Dichter, die in ihrem Äußern gern mit einem Diplomaten verwechselt werden möchten, auch Gemüseverkäufer mit Denkerköpfen gibt es. Sie alle haben aber etwas von einem Glasauge oder einem angeklebten Bart. Es ist eben das Schlimme, daß an dieser Sache mit dem Berufscharakter wirklich etwas daran ist. Denn nun gibt es, wie du weißt, doch noch ebenso wie den Berufs– und den Geschlechtscharakter des Mannes verschiedene andere Charaktere, die er hat, seinen National-, seinen Staats-, seinen Klassen-, seinen geographisch bedingten Charakter, den Charakter, der zu seiner Handschrift gehört, den, welchen man an seinen Handlinien, an seiner Schädelform, an der Konstellation der Gestirne im Augenblick seiner Geburt und an was weiß ich noch erkennt. Lauter solche Charaktere habe offenbar auch ich, ohne es zu wissen. Ich merkte es nicht. Es ist mir unheimlich. Ich wünsche, dem zu entrinnen. Aber wahrscheinlich gerate ich, wenn ich den einen abstreife, in den anderen hinein. Zum Glück habe ich eine Braut, welche behauptet, daß ich überhaupt keinen Charakter besitze und sie nie heiraten werde. Ich werde sie gerade deshalb heiraten; denn sie ist mir wahrhaftig eine Stütze.«
»Wer ist deine Braut?«
»Dem Nationalcharakter nach Deutsche, im Berufscharakter die Tochter eines kleinen Kaufmanns, dem Klassencharakter nach Bourgeoise, geographisch an der Abendland und Morgenland verbindenden West-Ost-Linie der Donau geboren,« zählte er geläufig auf. »Aber weißt du,« unterbrach er sich, »sie weiß trotzdem immer, was sie will! Sie war ursprünglich ein reizend hilfloses kleines Mädchen – ich kenne sie schon lange; aber sie hat sehr viel von mir gelernt. Wenn ich lüge, findet sie es entsetzlich; wenn ich morgens nicht rechtzeitig ins Bureau gehe, so behauptet sie, daß ich niemals eine Familie erhalten könnte, wenn ich mich nicht entschließen kann, eine Zusage zu halten, die ich gegeben habe, so weiß sie, daß das nur ein Schuft tut.«
Mein Freund lächelte. Er war damals ein liebenswürdiger Mensch, und jeder Mensch sah freundlich lächelnd auf ihn herab. Niemand nahm ernstlich an, daß er es zu etwas bringen werde. Schon an seiner äußeren Erscheinung fiel auf, daß, sobald er zu sprechen anfing, jedes Glied seines Körpers eine andere Lage einnahm; die Augen gingen irgendwohin zur Seite, Achsel, Arm und Hand bewegten sich nach entgegengesetzten Richtungen, und mindestens ein Bein federte im Kniewinkel wie eine Briefwage. Wie gesagt, er war damals ein liebenswürdiger Mensch, bescheiden, schüchtern, ehrfürchtig, und manchmal war er auch das Gegenteil davon.
Als ich ihn wiedersah, besaß er ein Auto, eine Frau, die sein Schatten war, und eine angesehene, einflußreiche Stellung. Wie er das angefangen hatte, weiß ich nicht; aber was ich vermute, ist, daß das ganze Geheimnis darin lag, daß er dick wurde. Sein eingeschüchtertes, bewegliches Gesicht war weg. Genauer besehen, es war noch da, aber es lag unter einer dicken Hülle von Fleisch. Seine Augen, die einst, wenn er etwas angestellt hatte, so rührend sein konnten wie die eines traurigen Äffchens, hatten eigentlich ihren aus dem Innern kommenden Glanz nicht verloren, aber zwischen den hoch gepolsterten Wangen hatten sie jedesmal Mühe, wenn sie sich nach der Seite drehen wollten, und stierten darum mit einem hochmütig gequälten Ausdruck. Seine Bewegungen fuhren innerlich immer noch umher, aber außen, an den Beugen und Gelenken der Glieder wurden sie von stoßdämpfenden Fettpolstern aufgefangen, und was herauskam, sah wie Kurzangebundenheit und entschlossene Sprache aus. So war nun auch der Mensch geworden. Sein irrlichternder Geist hatte feste Wände und kompakte Überzeugungen bekommen. Manchmal blitzte noch etwas in ihm auf, aber es verbreitete keine Helligkeit mehr in dem Menschen, sondern war ein Schuß, den er abgab, um damit zu imponieren oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Es war nun eigentlich viel weniger an ihm als früher; von allem, was er äußerte, ging zwölf auf ein Dutzend, wenn es auch ein Dutzend guter, verläßlicher Ware war. Seine Vergangenheit behandelte er selbst nun so, wie man sich an eine Jugendtorheit erinnert.
Aber das Sonderbare war, – weshalb ich mir diese Erinnerungen niederzuschreiben erlaube –, daß ich immerdar, wenn ich ihn ansah, das Empfinden hatte, der alte Mensch sei noch in ihm. Er stand in ihm, von der fleischigen größeren Wiederholung der ursprünglichen Gestalt eingeschlossen. Sein Blick stach im Blick des andern, sein Wort im Wort. Es war unheimlich. Ich habe ihn inzwischen noch oft wiedergesehen, und dieser Eindruck hat sich jedes Mal wiederholt; er wohnt eingekerkert in seinem Körper. Ich glaube heimlich, er gäbe etwas darum, wenn er einmal einen Tag lang wieder keinen Charakter haben könnte. Ich habe ihm natürlich eine Abmagerungskur angeraten, aber er hat nicht den Mut dazu; er erklärt, daß solche Kuren nervöse Angstzustände hervorrufen und überhaupt nicht ungefährlich seien.