Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 84

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Türen und Tore

[Sport im Bild, 28.9.1928, S. 1448-50]

Türen gehören der Vergangenheit an, wenngleich die Hintertüren bei Bauwettbewerben gegenwärtig noch recht beliebt sein sollen.

Läßt man, um berechtigte Empfindlichkeiten zu schonen, den zweiten Teil dieser Behauptung beiseite, so kann sich von der Richtigkeit des ersten jeder bei sich selbst überzeugen. Er braucht nur seine Tür zu öffnen, so sieht er einen rechteckigen, in die Mauer eingelassenen Holzrahmen, an dem ein drehbares Brett befestigt ist. Dieses Brett läßt sich gerade noch zur Not verstehen; denn es soll leicht sein, damit man es gut bewegen kann, und es paßt zu dem Eichen- oder Nußgehölz, das man bis vor kurzem in jedem ordentlichen Familienzimmer angepflanzt hat. Wenn man sie gut entölt, können Türen sogar im Winde stöhnen. Dennoch hat auch schon dieses Brett das meiste von seiner Bedeutung eingebüßt. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts konnte man noch an einer Tür horchen, und welche Geheimnisse erfuhr man da bisweilen! Der Graf hatte seine Stieftochter heimlich enterbt, und der Held, der sie heiraten sollte, erfuhr gerade noch rechtzeitig, daß er sie entführen müsse, damit man ihn nicht vergifte. Das sollte einer in einem zeitgenössischen Haus versuchen! Ehe er dazu käme, an der Tür zu horchen, würde er alles schon längst durch die Wände erfahren haben; ja nicht nur das: von dem ersten und leisesten Gedanken angefangen, der sich bildete, wäre er mit dabeigewesen. Warum hat sich noch kein Rundfunkdichter des Stoffes der Türen und Wände bemächtigt?! Geschärftestes Miterleben aller Sinne gestatten sie, in einer vorbildlichen Weise, mit dem Ausschluß einzig und allein des Gesichtssinns, zu verbinden.

Noch viel sonderbarer als die Tür selbst ist ihr Rahmen. Blickt man bei geöffneten Türen durch eine Zimmerflucht, so glaubt man den Angsttraum eines Fußballstürmers zu erleben, der ein Tor hinter dem anderen schießen muß. Es gibt auch eine Sorte von Galgen, an die es erinnert. Warum macht man so etwas? Technisch könnte man heute ein gutes Schließen der Tür weit besser ohne diese Pfähle erreichen; sie sind in der Tat nur da, um das Auge zu erfreuen. Dem Auge würde es zu kahl erscheinen, wenn die Tür an die Mauer oder ein unsichtbares Metallband schlösse. Das wäre für das zivilisierte Auge nicht anders, als wenn zwischen Hand und Ärmel keine Stulpe hervorgucken würde, und wirklich haben diese Türrahmen eine ähnliche Geschichte wie die Röllchen. Als man noch die Zimmer wölbte, kannte man sie nicht; die Tür drehte sich um zwei schöne schmiedeeiserne Mauerhaken. Später lernte man flache Decken bauen, und sie wurden von schweren Holzbalken getragen; mit Stolz auf das Neue zeigte man die Balken, verkleidete die Felder zwischen ihnen auch mit Holz, und es entstanden die schönen getäfelten Decken. Noch später versteckte man die Balken hinter einer Stuckdecke, aber an den Türen ließ man ein Rändchen von Holz auch noch weiterhin hervorschauen. Schließlich baut man heute in Eisen und Beton, statt in Ziegel und Holz, aber das hölzerne Rändchen, von nirgendwo kommend, angeklebt, einsam, sinnlos, nur mit den Fensterrahmen verschwistert, muß die Sitte wahren. Ist das nicht fast aufs Haar genau die Geschichte des Hemdes, das zuerst in einem breit dem Auge geöffneten Ausschnitt der Kleidung, mit Hals- und Handkrause begann? Dann verschwand es unter dem Rock, aber Kragen und Stulpe ragten noch aus dem Anzug. Dann trennten sich Kragen und Stulpe vom Hemde ab, und zum Schluß, ehe wieder ein Wandel zum Besseren eintrat, wurden Kragen und Röllchen einsame Symbole der Kultur, die man, um zu zeigen, was sich gehört, an irgendeine geheime Unterlage knöpfte.

Ich widme diese Entdeckung, daß unsere Holztüren Röllchen sind, dem namhaften Architekten, der herausgefunden hat, daß der Mensch auf der Klinik geboren wird und im Spitale stirbt, weshalb auch seine Wohnräume von antiseptischer Nüchternheit erfüllt sein müßten, um die unserem Leben eigene Schönheit zu zeigen. Es gibt da noch vieles zu tun. Aber die Baukunst ist heute in einer schweren Lage. Der Mensch früherer Zeiten, Schloßherr wie Städter, lebte in seinem Haus; seine Stellung im Leben zeigte sich dort, speicherte sich dort auf. Man empfing noch in der Biedermeierzeit bei sich; heute macht man das bloß nach. Das Haus hat dem gedient, was man scheinen wollte, und dafür hat man immer Geld übrig; heute aber sind andere Dinge da, die diesen Zweck erfüllen, Reisen, Automobile, Sport, Theater, Winteraufenthalte, Appartements in Luxushotels. Die Phantasie des Zeigens, was man ist, geht in dieser Richtung, und wenn ein reicher Mann sich trotzdem noch ein Haus baut, so bleibt etwas Künstliches daran, etwas Privates, das keine Erfüllung einer allgemeinen Sehnsucht ist. Und wie soll es Türen geben, wenn es kein »Haus« gibt?! Die einzige originelle Tür, die unsere Zeit hervorgebracht hat, ist die gläserne Drehtür des Hotels und des Warenhauses.

Die Tür hat früher als Teil für das Ganze das Haus vertreten, so wie das Haus, das man besaß, und das Haus, das man machte, die Stellung des Besitzers zeigen sollte. Die Tür war ein geeignetes Symbol für eine Gesellschaft von Bevorzugten, die sich dem Ankömmling, je nachdem, wer er war, öffnete oder verschloß, was gewöhnlich sein Schicksal entschied. Ebensogut eignete sie sich aber auch für den kleinen Mann, der außen nicht viel zu bestellen hatte, jedoch hinter seiner Tür sofort den Gottvaterbart umhängte. Sie war darum allgemein beliebt. Die vornehmen Leute öffneten oder verschlossen bloß ihre Türen, aber der Bürger konnte mit ihnen außerdem ins Haus fallen. Er konnte sie offen einrennen. Er konnte zwischen Tür und Angel seine Geschäfte erledigen. Konnte vor seiner oder einer fremden Tür kehren. Er konnte jemand die Tür vor der Nase zuschlagen, konnte ihm die Tür weisen, ja er konnte ihn sogar bei der Tür hinauswerfen: das war eine Fülle von Beziehungen zum Leben, und sie zeigen jene treffliche Mischung von Realistik und Symbolik, welche die Sprache nur aufbringt, wenn uns etwas sehr wichtig ist.

Aber man lasse sich dadurch nicht täuschen: die großen Zeiten der Türen sind vorbei! Es ist sehr romantisch, jemand zuzurufen, daß man ihn zur Tür hinauswerfen werde, aber wer hat je wirklich jemand hinausfliegen sehen? Dem Schreiber dieser Zeilen ist das nur ein einziges Mal im Leben zu beobachten geglückt, und das geschah bei einer Bauernrauferei. Da flogen aber bezeichnenderweise gleich der Hinausgeworfene und der Hinauswerfer zum Wirtshaus hinaus, und wenn auch draußen der Befugte den Minderbefugten auf der Erde verdrosch, so hatte der Vorgang doch gar nichts von jener großartigen Einseitigkeit, die seinen Reiz ausmacht, sondern die Kompetenzen ließen sich nicht recht unterscheiden. Man schlägt auch niemand mehr die Tür vor der Nase zu, sondern nimmt schon die telephonische Anmeldung seines Besuchs nicht entgegen, und vor seiner eigenen Tür zu kehren, ist eine unverständliche Zumutung geworden. Das sind längst unvollziehbare Redensarten; freundliche Einbildungen, die uns vielleicht mit Wehmut beschleichen, wenn wir alte Tore betrachten. Historisches Dunkel um das Loch, das der Zimmermann vorläufig noch in der Gegenwart gelassen hat.

Glauben Sie, daß Denkmäler sich richtig verhalten?

[Neue Zürcher Zeitung, 26.9.1930, S. ?]

Denkmale haben außer der Eigenschaft, daß man nicht weiß, ob man Denkmale oder Denkmäler sagen soll, noch allerhand Eigenheiten. Die wichtigste davon ist ein wenig widerspruchsvoll. Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler. Sie werden aufgestellt, um gesehen zu werden; aber gleichzeitig sind sie durch irgendetwas gegen Aufmerksamkeit imprägniert, und diese rinnt an ihnen ab, ohne auch nur einen Augenblick stehen zu bleiben. Man kann monatelang eine Straße gehn, man wird jede Hausnummer, jede Auslagenscheibe am Weg kennen, und es wird einem nicht entgehen, wenn ein Geldstück auf dem Gehsteig liegt; aber man ist überrascht, wenn man eines Tages nach einem hübschen Stubenmädchen ins erste Stockwerk schielt und dabei eine metallene, gar nicht kleine Tafel entdeckt, auf der in unauslöschlichen Lettern eingegraben steht, daß an dieser Stelle von achtzehnhundertsoundsoviel bis achtzehnhundertundeinigemehr der unvergeßliche Soodernichtso gelebt und geschaffen habe. Es geht vielen Menschen selbst mit überlebensgroßen Standbildern so. Man muß ihnen täglich ausweichen oder kann ihren Sockel als Schutzinsel benützen, man bedient sich ihrer als Kompaß oder als Distanzmesser, wenn man ihrem wohlbekannten Platz zustrebt, man empfindet sie wie einen Baum als Teil der Straßenkulisse und würde augenblicklich verwirrt stehen bleiben, wenn sie eines morgens fehlen sollten, aber man sieht sie nie an und besitzt gewöhnlich nicht die leiseste Ahnung davon, wen sie darstellen, außer daß man vielleicht weiß, ob es ein Mann oder eine Frau ist.

Man darf sich durch einige Ausnahmen nicht täuschen lassen. Etwa durch jene paar Standbilder, die der Mensch mit dem Baedeker in der Hand suchen geht, wie den Gattamelata oder den Colleone, was eben ein ganz besonderes Verhalten ist – oder durch Gedenktürme, die eine ganze Landschaft versperren oder durch die Siegesallee in Berlin, welche so unvergleichlich bleibt, weil eine Postenkette aus Marmor sonst nirgends in der Kriegsgeschichte vorkommt. Solche energischen Denkmäler gibt es; und dann gibt es auch noch die, welche der Ausdruck eines lebendigen Gedankens und Gefühls sind; aber der Beruf der meisten gewöhnlichen Denkmale ist es wohl, ein Gedenken erst zu erzeugen, oder die Aufmerksamkeit zu fesseln und den Gefühlen eine fromme Richtung zu geben, weil man annimmt, daß es dessen einigermaßen bedarf, und diesen, ihren Hauptberuf verfehlen Denkmäler immer. Sie verscheuchen geradezu das, was sie anziehen sollten. Man kann nicht sagen, wir bemerken sie nicht; man müßte sagen: sie entmerken uns, sie entziehen sich unseren Sinnen: es ist eine durchaus positive, zur Tätlichkeit neigende Eigenschaft von ihnen!

Nun, man kann das ohne Zweifel erklären. Alles Beständige büßt seine Eindruckskraft ein. Ein lästiges dauerndes Geräusch hören wir nach einigen Stunden nicht mehr. Bilder, die wir an die Wand hängen, werden binnen weniger Tagen von der Wand aufgesogen; es kommt äußerst selten vor, daß man sich vor sie hinstellt und sie betrachtet. Bücher, die man halb gelesen in die prächtigen Bändereihen der Bibliothek einstellt, liest man nie mehr zu Ende. Ja, es genügt bei sensiblen Personen, daß sie ein Buch, dessen Anfang ihnen gefallen hat, kaufen, und sie werden es nie wieder in die Hand nehmen. Wenn man den Klagen der Gattinnen glauben darf, wollen die Männer das nicht bemerken, was sie besitzen; sie achten nicht auf die Toiletten und Frisuren, die ihnen ehelich zu eigen sind, während sie auf die kleinsten Veränderungen im Aussehen der Frauen anderer sogleich reagieren. Und wer hätte noch nicht die ähnliche Klage aller Eltern gehört, daß ihre undankbaren Kinder die Liebe nicht fühlen, von der sie täglich umgeben sind? Du behandelst mich »wie Luft«, klagen die Treuen. Luft ist leider etwas nicht sehr Sichtbares, aber sie ist etwas sehr Wichtiges und Unentbehrliches, könnten die Ungetreuen erwidern. In welch erhöhtem Maße müssen sich diese Nachteile, denen das Beständnis ausgesetzt ist, bei Erscheinungen aus Erz und Marmor geltend machen!

Wenn man es gut mit Monumenten meint, muß man daraus unerbittlich den Schluß ziehen, daß sie einen wider unsere Natur gerichteten Anspruch an uns stellen und zu seiner Erfüllung ganz besonderer Anstalten bedürfen. Wollte man die Warnungstafeln für Autos so diskret einfarbig gestalten wie Denkmale, so wäre das ein Verbrechen. Auch die Lokomotiven pfeifen schrille und keine versonnenen Klänge, und selbst dem Briefkasten gibt man eine auffallende Farbe. Mit einem Wort, auch Denkmäler sollten sich heute, wir wir alle, etwas mehr anstrengen. Ruhig am Wege stehn und sich Blicke schenken lassen, könnte jeder; wir dürfen heute von einem Monument mehr verlangen. Warum greift der in Erz gegossene Held nicht wenigstens zu dem anderwärts längst überholten Mittel, mit dem Finger an eine Glasscheibe zu klopfen? Weshalb drehen sich die Figuren einer Marmorgruppe nicht umeinander, oder klappen wenigstens die Augen auf und zu? Das Mindeste, was man verlangen dürfte, um die Aufmerksamkeit zu erregen, wären bewährte Aufschriften wie »Goethes Faust ist der beste!« oder »Die dramatischen Ideen des bekannten Lyrikers X. sind die billigsten!«.

Leider wollen das die Bildhauer nicht. Sie verstehen, wie es scheint, nicht unser Zeitalter des Lärms und der Bewegung. Wenn sie einen Herrn in Zivil darstellen, so sitzt er reglos auf einem Stuhl oder steht da, die Hand zwischen dem zweiten und dritten Knopf seines Rockes, auch hält er zuweilen eine Rolle in der Hand, und es zuckt keine Miene in seinem Gesicht. Die Fahne flattert in der Hand, aber es geht kein Wind. Das Schwert ist gezückt, und niemand fürchtet sich davor. Der Arm weist gebieterisch vorwärts, aber kein Mensch denkt daran, ihm zu folgen. Selbst das Pferd, das sich mit sprühenden Nüstern zum Sprung erhoben hat, bleibt auf den Hinterhufen stehen, starr vor Staunen darüber, daß die Menschen unten, statt zur Seite zu weichen, ruhig ein Wurstbrot in den Mund stecken oder eine Zeitung kaufen. Denkmalsfiguren stellen sich mit der leidenschaftlichsten oder innerlichsten Gebärde ihres Lebens hin, voll von Feierlichkeit oder Aufregung, und sind wie arme Komödianten, die vor einem unruhigen und unaufmerksamen Haus spielen müssen; ein Liebhaber, der am Ende seiner Erklärung bemerkt, daß die Umworbene die Tapetenmuster an der Wand hinter seinem Rücken gezählt hat, kann sich nicht tiefer bloßgestellt fühlen, als sie. Sie machen keinen Schritt und machen doch immerwährend einen faux pas. Es ist eine verzweifelte Lage.

Ich glaube, daß ich mit diesen Ausführungen einiges zum Verständnis von Denkmalsfiguren, Gedenktafeln und dergleichen beigetragen habe. Vielleicht sieht einer oder der andere daraufhin jene an, die an seinem Weg stehen. Was aber immer unverständlicher wird, je weiter man nachdenkt ist, weshalb man, wenn die Dinge so liegen, gerade großen Männern Denkmale setzt? Es scheint eine ganz ausgesuchte Bosheit zu sein. Da man ihnen im Leben nicht mehr schaden kann, stürzt man sie gleichsam mit einem Gedenkstein um den Hals ins Meer des Vergessens.

Robert Musil an ein unbekanntes Fräulein

[Berliner Tageblatt, 25.12.1930, S. 17]

Unbekanntes kleines Fräulein!

Weil ich Sie nicht kenne, schreibe ich Ihnen durch die Zeitung. Ja, indem ich mir die Umstände unserer Begegnung überlege, wird mir klar, dass ich an jemand schreibe, den es gar nicht mehr gibt oder doch nur in höchst schattenhafter Weise. Jene Begegnung vollzog sich aber unter sehr alltäglichen Umständen. Sie stiegen in einen Wagen der Strassenbahn ein, worin ich sass. Ich vermute, dass Sie mich unter den wenigen Fahrgästen bemerkt haben werden, denn Sie trugen ein ungemein gehaltenes Wesen zur Schau, ganz kleine Dame, die es fühlt, dass man sie betrachtet. In Ihrer Gesellschaft befand sich ein Herr meines eigenen Alters, der mir auch gefiel; er konnte ein viel älterer Bruder sein, aber wenn er Ihr Vater gewesen sein sollte, so erwies er sich Ihnen in einer jugendlichen Weise gleichgestellt und gar nicht herrisch, und ich möchte vermuten, dass Sie seinen Gedanken in einer ähnlichen Weise schmeichelten wie den meinen. Ich schätze, dass Sie damals höchstens vierzehn Jahre alt waren. Sie trugen ein strassenfarbenes Samtkleid, das in der Mitte eng anlag, so dass der etwas schwere und doch bildsame Stoff darüber und darunter die Reife der weiblichen Erscheinung vortäuschte, ohne dass doch der Figur das Kindhafte genommen worden wäre. Mir war sogleich der Name »Kind-Frau« eingefallen, als ich Sie ansah. Ihr Samtkleid hatte an den engen Aermeln Stulpen aus Pelz und war auch unten mit Pelz verbrämt, wo es einen weiten Radsaum bildete; und es gemahnte ein wenig an ein Nationalkostüm oder an ein Eislaufkostüm, aber es war wahrscheinlich überhaupt kein Kleid, sondern ein Mantel: Sie selbst werden das gewiss heute noch wissen und sich gern daran erinnern, ich aber kann zu meiner Entschuldigung nur anführen, dass Bewunderung eben immer viel genauer beobachtet als Selbstbewunderung, die sachlich vor dem Spiegel auf die Einzelheiten eingeht und sie prüft.

Vielleicht ist diese Ausrede falsch, aber jedenfalls gibt sie zu, dass meine Bewunderung unsachlich und in einem nicht ganz einwandfreien Sinne romantisch war, was auch ganz natürlich ist, denn die Möglichkeit, mich in Sie zu verlieben, lag ja gerade darin, dass ich nicht im vollen Bewusstsein der Wirklichkeit handelte, die mir das nicht erlaubt hätte. Lassen Sie uns das gute, alte Wort Traum dafür gebrauchen: dort begegnet man einem Menschen, erkennt, wer er ist, und weiss, dass er ein anderer ist; in ähnlicher Weise, tief im Bergwerk, über dem wir uns sonst bewegen, blieben Sie für mich ein Kind und waren doch eine in den Massen verkleinerte Frau – zehn Minuten lang, ehe Sie ausstiegen und mir verlorengingen, ohne dass ich mich dagegen wehrte. Die Art, wie Sie eintraten, sich setzten und dem Schaffner ein wenig nachlässig das Geld reichten (denn Sie taten das, und nicht Ihr Begleiter), war ohne jede Spur jener Affektation, mit der ein Kind so etwas tut; und die Züge Ihres Gesichts, das ich mit seinem dunklen Rot, den starken Brauen, den vollen Lippen und der ein wenig aufgebogenen Nase noch vor mir sehe, waren zwar Ihren Jahren voraus, aber trotzdem bildeten sie nicht etwa nur das verkleinerte Gesicht einer erwachsenen Frau. Es fällt mir dabei ein, dass man Ihre Erscheinung auch ganz und gar nicht mit einer »Knospe« vergleichen durfte, denn die Form einer solchen ist zwar jugendlich, aber hart und entschieden, und der Liebreiz Ihrer verfrüht aufgeblühten Kindhaftigkeit glich eher einer Blume ohne Wurzel, ja, ohne Stiel.

Mehr habe ich Ihnen eigentlich nicht zu sagen. Und ich habe weder eine Moral noch eine Unmoral daraus abzuleiten: offenbar lag unsere Begegnung zwischen diesen beiden Möglichkeiten, und es sind ja auch schon über zehn Jahre seither ohne Folgen vergangen. Zuweilen erinnern Sie mich daran, dass es allerhand Geschichten von Frauen gibt, die eine geheimnisvolle Herkunft aus Baumästen, Quellen oder Retorten hatten, Frauen, die nicht ganz Frau waren und mit diesem Nicht-Ganz die Männer bis zum Märchenerfinden reizten. Es ist das offenbar eine Phantasie, die der Mannsperson aus vielerlei Gründen ans Herz geht. Und anderseits frage ich mich, was wohl Sie noch von dem kleinen Mädchen wissen mögen, das es nicht erwarten wollte, Sie zu werden, und sicher jetzt ein wenig davon enttäuscht ist.

Als Papa Tennis lernte

[Der Querschnitt, 4.1931, S. 247-252]

Als Papa Tennis lernte, reichte das Kleid Mamas bis zu den Fußknöcheln. Es bestand aus einem Glockenrock, einem Gürtel und einer Bluse, die einen hohen, engen Umlegekragen hatte als Zeichen einer Gesinnung, die bereits anfing, sich von den Fesseln zu befreien, die dem Weibe auferlegt sind. Denn auch Papa trug an seinem Tennishemd einen solchen Kragen, der ihn am Atmen hinderte. An den Füßen schleppten beide nicht selten hohe braune Lederschuhe mit zolldicken Gummisohlen, und ob Mama außerdem noch ein Korsett zu tragen hätte, das bis an die Achselhöhlen reichte, oder sich mit einem kürzeren begnügen dürfte, war damals eine umstrittene Frage. Damals war Tennis noch ein Abenteuer, von dem sich die verzärtelte heutige Generation keine Vorstellung mehr machen kann. O, rührende Frühzeit, als man noch nicht wußte, daß auf kontinentalen Tennisplätzen kein Gras gedeiht! Man behandelte es vergeblich mit der Sorgfalt eines Friseurs, der an einem an Haarausfall leidenden Kunden alle seine Mittel versucht. Aber man konnte auf solchen Grasplätzen bei Turnieren unerwartete Erfolge erzielen, wenn der Ball zufällig auf einen Maulwurfshügel fiel oder der Gegner über ein Grasbüschel.

Leider hat man diese romantischen Tenniswiesen bald aufgegeben und den modernen Hartplatz geschaffen, wodurch ein ernster Zug in den Sport kam. Die Figuren verschwanden, die man anfangs hatte sehen können, wie sie, scharf visierend, mit turnerischer Geschicklichkeit das Racket einem Flugball entgegenstießen, und es bildeten sich überraschend schnell die Schläge aus, die heute noch gebraucht werden, mit ganz wenigen Ausnahmen, die erst später dazugekommen sind. Auch die Listen des Spiels waren bald beisammen und fertig; nur nannte man sie damals noch nicht Taktik und Strategie, wahrscheinlich, weil man vor Leutnants und geistigen Leistungen zu großen Respekt hatte. Das war aber viel zu bescheiden: Man wundert sich zuweilen über das Genie der Urmenschen, wenn man bedenkt, daß sie gleichsam aus dem Nichts heraus das Feuer, das Rad, den Keil, den Einbaum erfunden haben, und solche Urgenies der Tennisschläge sind wir gewesen, eure Eltern, liebe Kinder, wenn ich auch offen zugeben muß, daß man selbst nichts davon hat und es erst im Spiegel der Geschichte bemerkt. Der Zeitgeist schafft sich eben seine Werkzeuge. Was nach uns gekommen ist, war ebensowohl ein großes Wachsen des Durchschnittskönnens wie der Spitzenleistungen, aber wir sind es gewesen, welche die Gnade dieses Jahrhunderts empfangen haben, und daraus leite ich auch die Berechtigung ab, einiges von solchen Angelegenheiten zu erzählen.

Um noch einen Augenblick beim Tennis zu bleiben: man konnte noch vor zehn oder weniger Jahren in diesem Sport gewisse Spuren der ursprünglichen Moral beobachten. Wenn man von einer anderen Sportstätte auf einen Tennisgrund kam, so war das, sofern man einen empfänglichen Blick für Kleidung hatte, nicht anders, als ob man von einem hellen, offenen Platz in einen hochstämmigen Wald träte. Hier reichten die Röcke noch bis zur halben Wade und die Taille bis zu den Handgelenken, als sich der Dreß anderswo längst schon auf die Größe eines Bogens Briefpapier, wenn nicht gar einer Eintrittskarte zusammengezogen hatte; ja, was die Herren angeht, so stecken sie bekanntlich heute noch in weißen Futteralen, und nur die Damen verlieren von den Armen und Beinen aus zusehends ihre Kleidung. Dieser konservative Grundzug des Tennis hängt wahrscheinlich damit zusammen, daß es lange Zeit ein Sport der »Gesellschaft« gewesen ist, die es zum Vergnügen spielte und die Nacktheit nicht für einen neuen Geist hielt, sondern für ein Geheimnis des Garderobeschranks, das man nur selten tragen darf, weil es immer das gleiche bleibt. In ähnlicher Weise ist ja auch ein anderer Sport der Gesellschaft konservativ geblieben, das Fechten, diese schwarzseidene Kavalierskunst, deren Anblick, wenn sie öffentlich auftritt, mehr vom achtzehnten Jahrhundert an sich hat als von den Formen der Gegenwart, und an sportlicher Geltung dann auch weit zurücksteht. Das Fechten war ein ritterlicher Sport und also eigentlich überhaupt keiner, oder ist nur noch ein halb lebendiger, der trotz seiner hohen körperlichen Vollendung zusehen muß, wie ihn die Seele seiner Seele mit Boxern und Jiu-Jitsu-Kämpfern verlassen hat.

Seit Papa Tennis lernte, hat sich also immerhin einiges geändert, aber es betrifft mehr die Bewertung der Leibesübungen als diese selbst. Wohl gab es noch nicht die Verbindungen von Motortechnik mit menschlicher Kaltblütigkeit, aber von den eigentlichen »Körper-Sporten« standen die Wesenszüge schon fest, mit wenigen Ausnahmen wie Golf und Hockey, die man noch nicht kannte, und abgesehen von der technischen Durchbildung, die aber ziemlich stetig erfolgte; denn von »revolutionierenden« Stiländerungen fielen die der Reit-, Lauf- und Sprungtechnik schon in jene Zeit und sogar die Crawlmethode des Schwimmens, die erst später importiert worden ist, unterschied sich in der Arm- und Atemtechnik weniger von dem damals geübten Schnellschwimmen als dieses vom gemächlichen Mißbrauch des Wassers zur Großvaterzeit.

Was den Sport zum Sport gemacht hat, ist also nicht so sehr der Körper als der Geist. Ehe ich aber von diesem berühmten Geist beginne, muß ich eine Geschichte erzählen, die weitab davon anfängt, jedoch bald dahinführt. Man weiß, daß Wien die zweitgrößte deutsche Stadt ist; aber da ein großer Teil der Einwohnerschaft Wiens in Berlin wohnt, wo er sich als Schriftsteller, Ingenieur, Schauspieler und Kellner große Verdienste um die norddeutsche Sonderart erwirbt, bleibt zu Hause nicht immer genug übrig, was man außerhalb natürlich nicht so genau weiß. Aber so ist man auf einen Einfall gekommen, der sowohl für die Geschichte der Kultur wie für die des Sports sehr bezeichnend ist: Man baut nicht nur seit einem Jahr an einem großen olympischen Stadion, sondern opfert diesem auch die letzten Reste des Praters. Was das heißt, muß erklärt werden. Der Prater gehört zu den sieben Weltwundern, die ein im Ausland lebender Wiener aufzuzählen beginnt, wenn er Heimweh hat; sie heißen: Wiener Hochquellenwasser, Mehlspeisen, Backhendeln, die blaue Donau, der Heurige, die Wiener Musik und der Prater. Nun ist es freilich so, daß, wenn man Schönberg sagt, dieser Wiener die Assoziation Postamt W 30 oder Autobus 8 hat, dagegen bei Musik sicher nur an Johann Strauß oder Lehár denkt, auch ist die Donau nicht blau, sondern lehmbraun, und das Wiener Trinkwasser überaus kalkhaltig, aber beim Prater waren ausnahmsweise Ideal und Wirklichkeit im Einklang. Denn das war, eng an ja in die Großstadt geschlossen, ein stundenweiter Naturpark mit herrlichen alten Wiesen, Büschen und Bäumen; eine Landschaft, in der man sich als Mensch nur zu Gast fühlte; eine Überraschung, denn diese Natur war gut um hundert Jahre älter, als es die Natur ist, in deren Gesicht wir sonst blicken; kurz, es war eine jener Stellen, die man heute, überall, wo man sie noch besitzt, für unberührbar erklärt, aus irgendeinem Empfinden heraus, daß es doch noch etwas anderes als Kugelstoßen oder Autofahren bedeute, wenn sich der Mensch langsam, ja sogar oftmals stehenbleibend oder sich setzend, in einer Umgebung bewegt, die ihm Empfindungen und Gedanken eingibt, für die sich nicht leicht ein Ausdruck finden läßt. In der Zeit der Allonge-Perücken scheint man das gewußt zu haben, denn obwohl der Prater damals ein kaiserlicher Jagdpark war, worin man zur Hatz ritt, gibt es allerhand Zeugnisse dafür, daß dies nicht ganz ohne ein Empfinden für die Natur vor sich ging; in der langen Besitzerzeit Franz Josephs, wo sich unsere heutige Art zu leben und auszusehen herausbildete, hatte man wenigstens Scheu vor Änderungen und gab nur die Ränder frei, selbst der aristokratische Jockeiklub und der Trabrennverein mußten sich damit begnügen: erst seit wir uns selbst übergeben sind, und das ist eben das Bedeutsame daran, ist der Prater fast restlos zugrunde gegangen, was natürlich nicht hindern wird, daß wir weiter von ihm reden und nicht bemerken werden, daß er nicht mehr da ist. An seine Stelle sind Sportplätze verschiedenster Art getreten, die von Zäunen und Eintrittsschranken umgeben sind, und es ist das gerade so, wie es sein mußte, denn man hätte dafür weit geeignetere Gegenden finden können, aber keine so vornehmen, keine solchen Siegesplätze über die Natur, nichts, wo sich der lächerliche Anspruch der Leibesübungen, eine Erneuerung des Menschen zu sein, so naiv, so protzig, so instinktsicher ausdrücken könnte wie in diesem Zusammenhang.

Gegen die Tatsache, daß wir heute eine Körper-»Kultur« besitzen, ist also nichts zu machen. Aber wessen Geisteskind ist sie eigentlich? An dieser Stelle muß ich zugeben, daß ich selbst sehr viel Sport getrieben habe. Schon ich bin in meiner Jugend, wenn ich vom Kolleg kam, täglich auf den Tennisplatz gefahren, um mich einem scharfen Trainingsspiel zu unterziehen, oder ich wurde eine halbe Stunde lang von meinem Maestro di scherma hart hergenommen und abends dann noch einmal eine Viertelstunde, und schließlich kamen noch die Assauts mit den Klubgrößen, unter denen sich vielgenannte Fechter befanden. Ich habe an Fecht- und Tennisturnieren teilgenommen, konnte auf den Händen stehen, Salto zu Wasser und zu Lande machen und bin etliche Male auf Schwimm-, Ruder- und Segelunternehmungen beinahe ertrunken; ich glaube, genügende Beweise dafür zu besitzen, daß der Geist des Jahrhunderts rechtzeitig in mich gefahren ist. Aber wenn ich mich frage, was mir damit eigentlich geschah, so muß ich mir die Antwort sorgfältig überlegen: In der Hauptsache war es wohl wirklich eine blinde Kraft, die mich trieb, irgendein Nichtwiderstehenkönnen, sobald man die Sache kennengelernt hatte; aber sichtlich war sie auch vermischt mit jener lebensunkundigen Eitelkeit der Jugend, die an ihrem gesunden Körper nicht nur Freude, sondern ein Wundergefühl empfindet, weil in diesem Zaubersack noch alle Erfolge der Welt stecken, ohne daß eine Enttäuschung davorgekommen wäre. Auch die Suggestion, die im Erlernen jeder Sache liegt, wenn man sich ihm erst einmal hingegeben hat, darf nicht vergessen werden; hat man etwa hundert Stunden und Anstrengungen zum Opfer gebracht, so opfert man ihm auch die hundertunderste und beginnt damit eine neue Reihe: man wird in dieser Art beim Training von seinem Körper gleichsam an der Nase weiter geführt.

Neben diesen Illusionen gibt es in der Sportübung aber auch eine Fülle wirklicher kleiner geistiger Anregungen, die sie vor der Gefahr bewahren, bloß eine seelische Erkrankung zu werden. Ich will das kurz fassen, da es ohnehin oft genug hervor gekehrt wird: da sind Mut, Ausdauer, Ruhe, Sicherheit, die man auf dem Sportplatz zwar nicht für alle Fälle des Lebens, aber immerhin so erwirbt wie ein Seiltänzer das Gleichgewicht auf einem Seil, das in der Höhe von einem Meter gespannt ist. Man lernt, die Aufmerksamkeit zu sammeln und zu verteilen wie ein Mann, der mehrere Spinnstühle beaufsichtigt. Man wird angelernt, die Vorgänge im eigenen Körper zu beobachten, die Reaktionszeiten, die Innervationen, das Wachstum und die Störungen in der Koordination der Bewegungen, man erlernt die Beobachtung und Auswertung von Nebenvorgängen, die rasche intellektuelle Kombination; alles das ähnlich, wenn auch nicht in dem Maße wie ein Jongleur. Man erwirbt Bekanntschaft mit den Fehlleistungen, welche der wahrnehmbaren Müdigkeit voranschleichen; man lernt das eigentümliche Schweben zwischen zuviel und zuwenig Fleiß kennen, die beide schädlich sind, den gewöhnlich ungünstigen Einfluß der Affekte auf die Leistung und andererseits die beinahe mirakulöse Natur des besonders guten Gelingens, wo der Erfolg sozusagen schon vor der Anstrengung da ist. Und obwohl man alles das auch bei anderen Gelegenheiten, etwa beim Kartoffelgraben, kennenlernen kann, so faßt es der Sport doch in einer überaus zugänglichen und reizvollen Weise zusammen, wozu noch die Anregungen kommen, die das Kampfspiel gewährt, das Überlisten, die Schwankungen zwischen den Gegnern, die Einschüchterung und die Siegesgewißheit, und so vieles andere, was man etwas geschwollen als Taktik und Strategie des Sports bezeichnet.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
Telif hakkı:
Bookwire
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