Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 85

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Wie weitläufig wäre allein schon (obwohl sie gegeben werden kann) die Erklärung des Wunders, daß man auf die Entfernung des Anlaufs vorausbestimmen kann, mit welchem Fuß man abspringen wird! Das Wesen des Ich leuchtet in den Erlebnissen des Sports aus dem Dunkel des Körpers empor, und auch sonst leuchtet dabei allerhand Dunkles, aber dazu möchte ich nun auch gerne wissen, wie viele Sportleute sich heute überhaupt herbeilassen würden, nach solchen Dingen zu fragen oder auf solche Fragen zu hören?! Sie haben es gar nicht nötig! Ich habe mir schon erlaubt, vom Triumph des Sports über die Natur zu erzählen, und entnehme nun noch seinen Triumph über die Kunst dem gleichen Vorfall, indem ich berichte, was weiter geschehen wird, wenn der letzte Baum des Wiener Praters Mitglied eines Sportvereins sein wird. Denn hier liegt bereits ein bemerkenswerter Vorschlag der Künstlerverbände vor, diese bloß vegetierenden Mitglieder zu Boden zu schlagen und, einstweilen wenigstens im Stadion, durch einen »Denkmalshain« zu ersetzen. »Künstlerische Durchorganisierung« nennt man das und begründet es mit den Worten: »Die Kunst soll diesmal nicht Ausstellungskunst sein, sondern im Dienste einer überwältigenden Idee stehn, nämlich der der Wiedergeburt des Leibes.« Nun, darüber ließe sich allerlei sagen. Die Not der bildenden Kunst ist groß, und das mag im Augenblick vieles rechtfertigen. Aber auch das Unvermögen, einen Akt zu bilden, den wir als unseren Ausdruck ansehen könnten, ist groß, und seit einem Menschenalter hat man darum die menschliche Plastik bald durch Walzen gezogen, bald unter Dampfhämmer gesetzt, aber ohne Erfolg, und wenn nun die Kunst, die uns einen Körper geben soll, nicht Schöneres und Tieferes findet als die Körper von athletischen Spezialisten oder überhaupt die von Athleten, so ist das zweifellos ein großer Triumph des Sports über den Geist.

Auf solche Ideen wäre ich bei meinen naiven körperlichen Anstrengungen seinerzeit gewiß niemals verfallen. Ich war fast ganz und gar ungeistig, nur um am nächsten Tag geistig frisch zu sein. Es kam mir beim Ringen wenig Seelisches in den Sinn, und wenn ich mich wie ein Tier betrug, so war mir eben gerade das erwünscht. Ich bin heute noch der Meinung, daß Geistesabwesenheit außerordentlich gesund ist, wenn man Geist besitzt, unter anderen Voraussetzungen jedoch auf die Dauer recht gefährlich! Aber wozu noch länger vom Geist des Sportmanns reden, besteht doch das ganze Geheimnis darin, daß der Geist des Sports nicht aus der Ausübung, sondern aus dem Zusehen entstanden ist! Jahrelang haben sich in England Männer vor einem kleinen Kreis von Liebhabern mit der nackten Faust Knochen gebrochen, aber das war solange kein Sport, bis der Boxhandschuh erfunden worden ist, der es gestattete, dieses Schauspiel bis auf fünfzehn Runden zu verlängern und dadurch marktfähig zu gestalten. Jahrhundertelang haben sich Leute als Schnell- und Dauerläufer, Springer und Reiter sehen lassen, aber sie sind »Gaukler« geblieben, weil ihre Zuschauerschaft nicht sportlich »durchorganisiert« gewesen ist. Zweiundzwanzig Männer kämpfen mit der Mäßigung von Berufsmenschen um einen Fußball und einige Tausende, von denen die meisten einen solchen Ball niemals berührt haben, geraten in die Leidenschaft, die sich die Ausübenden ersparen. So entsteht der Geist des Sports. Er entsteht aus einer umfangreichen Sportjournalistik, aus Sportbehörden, Sportschulen, Sporthochschulen, Sportgelehrsamkeit, aus der Tatsache, daß es Sportminister gibt, daß Sportleute geadelt werden, daß sie die Ehrenlegion bekommen, daß sie immerzu in den Zeitungen genannt werden, und aus der Grundtatsache, daß alle am Sport Beteiligten, mit Ausnahme von ganz wenigen, für ihre Person keinen Sport ausüben, ja ihn möglicherweise sogar verabscheuen. Sofern man nicht an der Sache verdient, gibt man ihr eben nach. Man fühlt ein Vakuum, in das sich der Sport stürzt. Man weiß eigentlich nicht recht, was sich da stürzt, aber alle reden davon, und so wird es wohl etwas sein: so ist immer das zur Macht gekommen, was man ein hohes Gut nennt.Wie ungerecht nur, daß man in diese Kultur noch nicht die Jongleure, überhaupt die Varieté- und Zirkuskünstler einbezogen hat, und vor allem: welches moralische Problem des kommenden Sportzeitalters liegt in der Vermählung von Erwerbssinn und körperlicher Geschicklichkeit bei den Taschendieben!

Was ist ein Dichter?

Eine unzeitgemäße Frage

[Berliner Zeitung am Mittag, 3.8.1931, S. 2]

Können Sie mir sagen, was ein Dichter ist?

Sie werden erwidern, daß Sie andere Sorgen haben, aber die sollen Ihnen ja auch nicht genommen werden! Ich behaupte nur das: mit Bestimmtheit wissen Sie, was eine Karosserie, was ein Segelflugzeug ist, und ich bin überzeugt, daß Sie nicht wissen, was ein Dichter ist. Sie werden dereinst in Verlegenheit geraten, wenn Ihre Urenkel Sie fragen: Urgroßpapa, zu deiner Zeit soll es ja noch Dichter gegeben haben, was ist das?

Die Unwissenheit, die Sie dann zeigen werden, sollten Sie sich heute schon nicht gefallen lassen. Man hat Ihnen in den letzten zehn Jahren so viele Rätsel zum Raten gegeben, Sie sind so scharfsinnig dadurch geworden, daß nicht einzusehen ist, warum Sie nicht auch dieses lösen sollten. Damit soll nicht behauptet sein, daß es wichtig wäre zu wissen, was ein Dichter sei, aber schließlich ist es ein Wort, das aus sechs Buchstaben besteht, und solche Worte sucht man manchmal sehr dringend!

Das Wort Dichter gehört außerdem zum Wirtschaftsleben. Eine Ueberlegung, wieviele Menschen von dem Wort Dichter leben, findet kaum ein Ende, auch wenn man an der wunderlichen Lüge vorbeisieht, daß der ganze Staat behauptet, für nichts da zu sein, als die Künste und Wissenschaften zur Blüte zu bringen. Denn da kann man etwa mit den literarischen Professuren und Seminaren beginnen, kommt von ihnen auf den Anteil an Quästoren, Pedellen, Sekretären und dergleichen, der vom gesamten Universitätsbetrieb auf sie entfällt, und vielleicht noch zur Schutzpolizei, ohne die ein geordnetes Studium kaum noch zu denken ist. Oder man beginnt mit den Verlegern, kommt auf die Verlage mit ihren Beamten und Angestellten, auf die Sortimenter, die Druckereien, die Papier- und Maschinenfabriken, die Eisenbahn, die Zeitungen, die Ministerialdezernenten, die Intendanten: Kurz, je nach Geduld kann jedermann, der sich diese kreuz und quer führenden Zusammenhänge, die von Goethe bis zur Garderobenfrau reichen, ausmalen will, sich einen Tag lang damit beschäftigen, und das wirklich Merkwürdige ist, daß diese tausende Menschen bald gut, bald schlecht, bald ganz, bald teilweise davon leben, daß es Dichter gibt, obwohl niemand weiß, was ein Dichter ist, niemand mit Bestimmtheit sagen kann, daß er einen Dichter gesehen habe, und alle Preisausschreibungen, Akademien, Honorar- und Honoratiorenempfänge nicht die Sicherheit geben, daß man einen lebend fängt.

Ich schätze, daß in der ganzen Welt heute einige Dutzend von ihnen noch vorhanden sind. Ob sie davon leben können, daß man von ihnen lebt, ist ungewiß; einige werden wohl dazu imstande sein, andere nicht: wenigstens könnte man etwas von dieser Art aus dem Vergleich mit ähnlichen Erscheinungen schließen. So gibt es unzählige Menschen, die davon leben, daß es Hühner oder, daß es Fische gibt, aber die Fische und Hühner leben nicht davon, sondern sterben daran; anderseits leben sie aber in gewissem Sinn doch auch davon, ja sie werden sogar gemästet, wenigstens eine Weile lang. Dieses Verhältnis ist so verwickelt wie eine Schlinge, in die man nicht ohne Not den Hals stecken soll, aber bei Fischen und Hühnern steht wenigstens fest, was sie sind, und sie bilden keine Störung der Fisch- und Hühnerzucht, wogegen der Dichter ganz entschieden eine Störung der Geschäfte bedeutet, die sich auf der Dichtung aufbauen.

Hat er Geld oder Glück, so mag er noch hingehn; sobald er sich aber vermißt, ohne diese beiden sein Erstgeburtsrecht zu beanspruchen, wird er, wohin er auch kommen mag, nicht weiter wirken als ein Gespenst, das den Einfall hat, uns an ein Darlehn zu erinnern, das unseren Siebenmalurahnen gewährt worden ist. Nicht ganz ohne Scham wird man ihn fragen, ob er versichern könne, eine Dichtung zu verfassen, der ein Mindestabsatz von dreißigtausend Stück gewiß sei. Er aber wird erwidern müssen, daß er es nicht versichern kann, und wird bei Bühnenvertrieben und anderen Kultureinrichtungen eine berechtigte Mißstimmung erregen, denn man will ihm überall wohl und hat, da er weder Kassenstücke, noch Tonfilme zu schreiben vermag, das dunkle Gefühl, wenn man all das zusammentue, was dieser Mann nicht könne, so bleibe nur übrig, daß er eine ungewöhnliche Begabung sei. Aber da kann man ihm eben auch nicht helfen, und man müßte kein Mensch sein, wenn man ihm das schließlich nicht übelnähme, um Ruhe vor ihm zu haben.

Als vor einiger Zeit ein solches Gespenst verdurstet um die Einnahmequellen Berlins strich, sagte ein junger, behender, üppiger Schriftsteller, der überall seinen Weg fand und doch das Gefühl hatte, daß er es auch nicht leicht habe: »Herrgott, wenn ich so viel Talent hätte wie dieser Esel, was würde ich damit anfangen!« Er irrte sich. Sollte man vermuten, daß ich vielleicht doch wisse, was ein Dichter sei und wozu nutze, so will ich es nicht leugnen, werde aber nie davon sprechen, denn ich tue es nur, wenn ich dazu aufgefordert werde.

Ausgebrochener Augenblick

[Prager Presse, 30.8.1931, S. 3]

Ereignet hat es sich am letzten Verhandlungstag gegen drei Uhr mittags kurz vor der Pause, die nach Abschluß des Zeugenverhörs gemacht werden sollte, um Richter, Kläger und Geklagtem Gelegenheit zu geben, daß sie essen könnten, ehe die Gerechtigkeit den Mund zum Spruch öffne. Der Junitag zog seit dem Morgen vorbei, hochbeladen mit Hitze wie ein Heuwagen, der langsam näherkommt, nun glaubte man ihn knarren zu hören, aber es fiel nur der Schatten seiner Wärme in den kleinen Gerichtssaal, dessen Fenster dunkel auf die grell ihnen gegenüberliegende Häuserreihe blickten. Die Menschen, die in dem Saal zu tun hatten, würden eine offene Hitze dieser heimtückischen vorgezogen haben, und es gab keinen, der nicht zeitweise an Land und Urlaub gedacht hätte.

Einige Dutzend Landschaften waren in den Köpfen verborgen. Ein Flußufer mit einer kleinen Badehütte; ein Schluck Milch, dessen echter Geschmack einstens sogar einen verdächtigen Eindruck gemacht hatte, nun aber wie die Ruhe des Paradieses durch die Kehle strömte; ein Gebirgsbahnhof, vor dem in der Morgenkühle die Hoteldiener mit Nagelschuhen und golden betreßten Mützen stehn: dumme oder sinnlose Einzelheiten, von denen sich nicht sagen läßt, woher sie kommen, aber sie kommen immer, wenn man von sogenannten höheren Anstrengungen genug hat, und der zu Ende gehende Rechtsstreit war eine solche. Der nicht sehr sympathische Ankläger, der um Ehre und Stellung kämpft – man wirft ihm schmutzige Geschichten vor, und er hat sie wohl auch begangen, aber er fühlt sich trotzdem als das Opfer seiner Entlarver –, hat sich schon seit Wochen in der Rolle des unschuldig Verfolgten eingerichtet, und der Gedanke, daß er entweder sich oder seinen Gegner töten werde, wenn der Prozeß übel ende, hat ihn bei Beginn des Verfahrens dazu verführt, eine Pistole zu sich zu stecken. Er ist sie in den Tagen seither nicht mehr losgeworden und hat dunkel gefühlt, daß sie ihn hindere, sich richtig zu benehmen, denn er hat sie gar nicht ernstlich gewollt, und der Gedanke zu töten, ist ihm nur eingefallen, weil er sich nicht hatte vorstellen können, was er sonst beginnen sollte; denn er ist weder tapfer, noch fühlt er sich jung genug, neu zu beginnen, aber ohne die Pistole würde er entschlossener gewesen sein, den Platz zu verteidigen, den er immerhin bei Beginn des Prozesses noch einnahm, ehe er eine Reihe von Fehlern und Schwachheiten in der Verhandlung beging. Und nun ist es schon seit Stunden gewiß, daß das Ende mit Schande kommen müsse, und als der Richter den letzten Zeugen dieses Tags vorrief, einen Mann, von dem er nur Böses zu erwarten hatte, hat er »Jetzt!« geflüstert und an die Tasche mit dem gleichen Gefühl gegriffen, als müßte er eine Rede halten und könnte sich an kein Wort erinnern. Aber er hatte es wieder sein lassen, und während die Zeit fortschreitet, sucht er sich jetzt von neuem aufzureizen, indem er an seine Frau und seine Kinder denkt, die unschuldig leiden werden, wenn man ihn deklassiert; er spielt aufgeregt mit seinen Händen, und eigentlich spielen seine Hände mit ihm, denn in ihnen steckt noch das, was sie nicht ausgeführt haben, während er sich in seiner Unruhe unversehens statt nach der Ruhe des Todes nach der Ruhe erster Urlaubstage sehnt, wo man aus dem, was heute noch Heute ist, wie aus zu lange getragenen Kleidern steigt.

Sein Widersacher dagegen weiß, was er will, viel besser: er will den Beruf, dem sie beide angehören, von einem »Schädling« säubern, und er tut es mit Plan und Nachdruck, indem er für die ehrenrührigen Vorwürfe, durch die er die Anklage erzwungen hat, den Wahrheitsbeweis führt. Er ist unerschütterlich. Auch er hat zwar nicht mehr den frischen Haß wie am Morgen des ersten Tags, und es beschleicht ihn zuweilen eine Verwunderung darüber, daß er sich auf etwas eingelassen habe, was ihm sonst fern liegt; aber sein lange gesammelter Vorrat an Beweisen ist nicht zu erschöpfen und quillt hinter jedem Einwand von selbst nach, und der ungewohnt würdige Zustand, worin er sich befindet, indem er seinen Beruf gegen einen »Unwürdigen« verteidigt, verleiht ihm ein gewisses Sonntagsgefühl, wenn auch vielleicht nur ein Sonntagsabendgefühl, wo man schon ganz gern an die kommenden frischen Wochentage denkt. Auch die Stimmung im Zuhörerraum, der zum großen Teil von Menschen eingenommen wird, die beruflich mit den beiden Kämpfenden verbunden sind, ist ähnlich. Sie ist beinahe beklommen. Mit jeder Schändlichkeit, die angeprangert wird, wird die Würde spannender, die man erst jetzt fühlt, wo man sie verletzt sieht; die Leute sitzen ruhig und empört, fühlen sich zu ihrer Empörung berechtigt, aber da diese mit jeder halben Stunde höher steigt, wird ihnen so unberechenbar zumute, wie wenn man den Boden nicht mehr unter sich sieht. Der »Nichtswürdige« fühlt es; auch die Auffassung des Richters ist kaum noch zu ändern. Er sieht seinen Widersacher vor dem Fenster als einen festgeschlossenen Körper stehn und haßt ihn bis in den Mund, leistet aber kaum noch Widerstand. In diesem Augenblick ist keiner im Saal, der nicht der Meinung wäre, die nächste und letzte halbe Stunde werde das vollenden; das Verfahren erinnert irgendwie an die letzten Manöver, die ein Dampfer macht, um an einer Brücke anzulegen, worauf nicht anderes folgen kann als das Ueberwerfen und Festmachen der Seile und das Hinüberschieben des Stegs. Auch der Geächtete ist davon überzeugt und fühlt, daß es nun für alles, was er tun könnte, zu spät sei.

Und gerade da springt der Augenblick aus der Reihe, brechen sechs Augenblicke, sechs Schüsse aus. Ein wirbelndes Zeitstück. Niemand weiß mehr, wie es sich losgerissen hat, nachdem es vorbei ist. Der Unentschlossene, die ausgeschossene Pistole in der Hand, befindet sich stumm in einer Stellung, als fürchte er Schläge von dem, der unter seinen Schüssen zusammengebrochen ist; plötzlich aber wendet er sich mit erhobener Waffe dem Richtertisch zu und ruft zweimal: »Herr Richter, es ist zu spät, es ist zu spät!« Der Richter stiert der Pistole entgegen und brüllt: »Legen Sie das fort!« Endlich gelingt es auch den Wachebeamten, ihre Sohlen vom Boden zu lösen und sich auf den Mörder zu stürzen. Als sie ihn erreichen und an den Schultern packen, sinkt er aber in sich zusammen, und man muß ihn erst eine Weile auf einer Bank sitzen lassen, wo er stumm vor sich hin stiert, ehe man ihn abführen kann. Der Tote liegt mit dem Gesicht zur Erde und hat unter sich eine kleine Blutlache. Die Zuhörer sind über die Bänke gesprungen und umgeben ihn; einer von ihnen sucht immer wieder dem Leichnam den Kopf zu heben, Blut rieselt ihm über die Finger; aber als der Mörder ab- und vorbeigeführt wird, läßt er den Kopf fallen, springt auf, stürzt zwei Schritte hinterdrein und schreit: »Mörder!« Ein zweiter bleibt hokken, aber er hebt die Hände mit gespreizten Fingern und schreit auch »Mörder!« Und auch aus anderen beginnt der ungewöhnliche Zustand, in dem sie sich schon vorher befunden haben, zu schrein, minutenlang, nachdem ihn die Schüsse zerrissen haben.

Der Mörder aber beginnt bei dieser scheinbar höchst zwecklosen Feststellung plötzlich zu zittern, und es fangen Tränen an ihm aus den Augen zu laufen, was in den Zustand aller etwas Natürliches zurückbringt, so daß sie sich nun rasch ernüchtern.

Eine unzeitgemäße Frage

[Prager Presse, 8.10.1931, S. 7]

Können Sie mir sagen, was ein Dichter ist?

Sie werden erwidern, daß Sie andere Sorgen haben, aber die sollen Ihnen ja auch nicht genommen werden. Ich behaupte nur das: mit Bestimmtheit wissen Sie, was Kaffee Hag, was ein Rolls Royce, was ein Segelflugzeug ist, und ich bin überzeugt, daß Sie nicht wissen, was ein Dichter ist. Sie werden dereinst in Verlegenheit geraten, wenn Ihre Urenkel Sie fragen: Urgroßpapa, zu deiner Zeit soll es ja noch Dichter gegeben haben, was ist das? Die Unwissenheit, die Sie dann zeigen werden, sollten Sie sich heute schon nicht gefallen lassen. Man hat Ihnen in den letzten zehn Jahren so viele Rätsel zum Raten gegeben, Sie sind so scharfsinnig dadurch geworden, daß nicht einzusehen ist, warum Sie nicht auch dieses lösen sollten: verlangen Sie von Ihrer Zeitung, daß sie dafür ein Turnier ausschreibe! Damit soll nicht behauptet sein, daß es wichtig wäre zu wissen, was ein Dichter sei, aber man muß es doch wissen, denn schließlich ist es ein Wort, das aus sechs Buchstaben besteht, und solche Worte sucht man manchmal sehr dringend!

Wenn Sie mir gestatten, Sie ein wenig darauf vorzubereiten, sage ich Ihnen, daß ich es auch nicht weiß. Es ist auch kaum anzunehmen, daß Ihre Zeitung ohneweiters auf Ihren Vorschlag eingehen würde. Sie würden vielmehr daraus die Frage formen: Wer ist gegenwärtig der größte deutsche Dichter? Das würde eine Rundfrage sein, es würden je nachdem einige hundert oder einige tausend Antworten einlaufen, und aus diesen würde vielleicht ein halbes Dutzend Namen hervorgehn, die vierzig, zwanzig, sechs, vier Prozent aller abgegebenen Stimmen auf sich vereinen. Die Frage könnte auch lauten: Welcher ist Ihr Lieblingsdichter? Welchen Dichter halten Ihre Bekannten für den interessantesten? Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr den besten Eindruck gemacht? Welchen unserer Dichter würden Sie persönlich kennen zu lernen wünschen? Haben Sie Ihren Hund »Wolf« nach einer Dichterfigur getauft, und wenn, nach welcher?

Man kann aus solchen Rundfragen, die zum Teil schon da waren, zum Teil erst kommen werden, erlernen, welche Arten Dichter es gibt: größte, bedeutendste, große, Lieblings-, wahre und wirkliche, echte deutsche, revolutionäre, verkannte, gelesenste, abgründige Dichter und so weiter usw., denn so etwas weiß die Welt oder will es wissen, aber was der Dichter ohne Beiwaage sei, diese Frage ist seit Menschengedenken nicht gestellt worden. Man lasse sich nicht dadurch irreführen, daß es andere Worte von ähnlicher Art auch gibt, zum Beispiel Teufel. Was, pfui Teufel, ein armer Teufel, ein Zankteufel usw. ist, weiß man, und das gibt es, aber ob es den Teufel gibt, darüber ist man im Unklaren; so etwas gehört zum Leben der Sprache, und auf das Leben der deutschen Sprache würde keine Unfallversicherungsgesellschaft auch nur das geringste geben: Das Wort Dichter gehört aber außerdem zum Wirtschaftsleben, und das ist beiweitem etwas anderes! Eine Ueberlegung, wie viele Menschen von dem Wort Dichter leben, findet kaum ein Ende, auch wenn man an der wunderlichen Lüge vorbeisieht, daß der ganze Staat behauptet, für nichts da zu sein, als die Künste und Wissenschaften zu göttlicher Blüte zu bringen. Denn da kann man etwa mit den literarischen Professuren und Seminaren beginnen, kommt von ihnen auf den Anteil an Quästoren, Pedellen, Sekretären und dergleichen, der vom gesamten Universitätsbetrieb auf sie entfällt, und vielleicht noch zur Schutzpolizei, ohne die ein geordnetes Studium kaum noch zu denken ist; oder man beginnt mit den Verlegern, kommt auf die Verlage mit ihren Beamten und Angestellten, auf die Sortimenter, die Druckereien, die Papier- und Maschinenfabriken, die Eisenbahn, die Zeitungen, die Ministerialdezernenten, die Intendanten: kurz, je nach Geduld kann jedermann, der sich diese kreuz und quer führenden Zusammenhänge, die von Goethe bis zur Garderobenfrau reichen, ausmalen will, sich einen Tag lang damit beschäftigen, und das wirklich Merkwürdige ist, daß diese tausende Menschen bald gut, bald schlecht, bald ganz, bald teilweise davon leben, daß es Dichter gibt, obwohl niemand weiß, was ein Dichter ist, niemand mit Bestimmtheit sagen kann, daß er einen Dichter gesehen habe, und alle Preisausschreibungen, Akademien, Honorar- und Honoratiorenempfänge nicht die Sicherheit geben, daß man einen lebend fängt.

Ich schätze, daß in der ganzen Welt heute einige Dutzend von ihnen noch vorhanden sind. Ob sie davon leben können, daß man von ihnen lebt, ist ungewiß; einige werden wohl dazu imstande sein, andere nicht: wenigstens könnte man etwas von dieser Art aus dem Vergleich mit ähnlichen Erscheinungen schließen. So gibt es zum Beispiel unzählige Menschen, die davon leben, daß es Hühner oder daß es Fische gibt, aber die Fische und Hühner leben nicht davon, sondern sterben daran; anderseits leben sie aber in gewissem Sinn doch auch davon, ja sie werden sogar gemästet, wenigstens eine Weile lang. Dieses Verhältnis ist so verwickelt wie eine Schlinge, in die man nicht ohne Not den Hals stecken soll, aber bei Fischen und Hühnern steht wenigstens fest, was sie sind, und sie bilden keine Störung der Fisch- und Hühnerzucht, wogegen der Dichter ganz entschieden eine Störung der Geschäfte bedeutet, die sich auf der Dichtung aufbaun. Hat er Geld oder Glück, so mag er noch hingehn; sobald er sich aber vermißt, ohne diese beiden sein Erstgeburtsrecht zu beanspruchen, wird er, wohin er auch kommen mag, nicht anders wirken als ein Gespenst, das den Einfall hat, uns an ein Darlehen zu erinnern, das unseren Siebenmalurahnen gewährt worden ist. Nicht ganz ohne Scham wird man ihn in den Verlagen fragen, ob er versichern könne, eine Dichtung zu verfassen, der ein Mindestabsatz von dreißigtausend Stück gewiß sei, und in den Redaktionen wird man ihm anbieten, kleine Geschichten zu schreiben, die sich aber, was gewiß nur natürlich ist, in die Bedürfnisse einer Zeitung schicken müssen. Er aber wird erwidern müssen, daß er sich darauf nicht verstehe, und wird ebenso bei Bühnenvertrieben, Buchgenossenschaften und anderen Kultureinrichtungen eine berechtigte Mißstimmung erregen, denn man will ihm überall wohl und hat, da er weder Kassenstücke noch Unterhaltungsbücher, noch Tonfilme zu schreiben vermag, das dunkle Gefühl, wenn man all das zusammentue, was dieser Mann nicht könne, so bleibe nur übrig, daß er eine ungewöhnliche Begabung sei. Aber da kann man ihm eben auch nicht helfen, und man müßte kein Mensch sein, wenn man ihm das schließlich nicht übelnähme, um Ruhe vor ihm zu haben.

Als vor einiger Zeit ein solches Gespenst verdurstet um die Einnahmequellen Berlins strich, gab dem ein junger, behender, üppiger Schriftsteller, der überall seinen Weg fand und doch das Gefühl hatte, daß er es auch nicht leicht habe, erschüttert mit den Worten Ausdruck: Herrgott, wenn ich soviel Talent hätte wie dieser Esel, was würde ich damit anfangen! Er irrte sich; sollte man aber vermuten, daß ich vielleicht doch wisse, was ein Dichter sei und wozu nutze, so will ich es nicht leugnen, werde aber nie davon sprechen, denn ich tue es nur, wenn ich dazu aufgefordert werde.

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10 haziran 2026
Hacim:
5257 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9782377871742
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