Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 99
Ich bin gewiß nicht sicher, ob es nicht Pedanterie sei, so umständlich auseinanderzulegen, was vielleicht nur Binsenwahrheit ist, und möchte zur Entschuldigung anführen, was hiebei ungesagt blieb, trotzdem es ebenso wichtig: vor allem die Abgrenzung von den sogenannten Geistes- und historischen Wissenschaften, die nicht einfach ist, aber das bisher Gesagte bestätigt. Ob solche Untersuchungen aber als Pedanterie zu bewerten sind oder als unerläßlich, wird sich letzten Endes nur nach der Wichtigkeit richten, die man dem Nachweis zumißt, daß die Struktur der Welt und nicht die seiner Anlagen dem Dichter seine Aufgabe zuweist, daß er eine Sendung hat!
Man hat öfters dem Dichter die Aufgabe zugewiesen, der Sänger, der Verklärer seiner Zeit zu sein und sie, so wie sie ist, in die überglänzte Sphäre der Worte zu ekstasieren; man hat von ihm Triumphpforten für den »guten« Menschen verlangt und Verherrlichung der Ideale; man hat »Gefühl« (das heißt natürlich nur bestimmte Gefühle) von ihm verlangt, und Absage an den kritischen Verstand, der die Welt verkleinert, indem er ihr die Form nimmt, so wie der Steinhügel eines zusammengestürzten Hauses kleiner ist als das einstige Haus. Man hat zuletzt (in der Praxis des Expressionismus, die das gemeinsam hat mit dem alten Neo-Idealismus) von ihm verlangt, daß er die Unendlichkeit des Gegenstandes verwechsle mit der Unendlichkeit der Gegenstandsbeziehungen, wodurch ein ganz falsches metaphysisches Pathos entstand: All das sind Konzessionen an das »Statische«, ihre Forderung widerspricht den Kräften des moralischen Gebiets, ist materialwidrig. Man wird einwenden, daß alles hier Gesagte nur eine rein intellektualistische Auffassung widerspiegelt. Nun, es gibt Dichtungen, die von allem hier als Hauptaufgabe Betrachteten wenig haben und dennoch erschütternde Kunstwerke sind; sie haben ihr schönes Fleisch und das des Homerischen leuchtet durch Jahrtausende bis zu uns. Im Grunde kommt das doch nur von gewissen konstant gebliebenen oder wieder zurückgekehrten geistigen Einstellungen. Die Bewegung der Menschheit, die sich inzwischen vollzogen hat, kam aber von den Variationen. Und es bleibt bloß die Frage, ob der Dichter ein Kind seiner Zeit sein soll oder ein Erzeuger der Zeiten.
Buridans Österreicher
[Der Friede, 14.2.1919, S. 82-83]
Der gute Österreicher steht zwischen den zwei Heubündeln Buridans, Donauföderation und Groß-Deutschland. Da er ein alter Logiker ist, der in jeder Geschichte dieser Wissenschaft ehrenvoll erwähnt wird, begnügt er sich nicht mit dem Vergleich des kalorischen Wertes der beiden Heuarten: die einfache Feststellung, daß das Reichsbündel krafthaltiger sei, wenngleich es anfangs einem schwachen Magen beschwerlich sein sollte, ist ihm zu wenig. Sondern er untersucht das Dilemma auch mit der Nase auf den geistigen Geruch.
Da entdeckt der gute Österreicher die österreichische Kultur. Österreich hat Grillparzer und Karl Kraus. Es hat Bahr und Hugo v. Hofmannsthal. Für alle Fälle auch die »Neue Freie Presse« und den ésprit de finesse. Kralik und Kernstock. Einige seiner bedeutenderen Söhne hat es allerdings nicht, die sich rechtzeitig geistig ins Ausland geflüchtet haben. Immerhin; immerhin bleibt – nein, es bleibt nicht eine österreichische Kultur, sondern ein begabtes Land, das einen Überschuß an Denkern, Dichtern, Schauspielern, Kellnern und Friseuren erzeugt. Ein Land des geistigen und persönlichen Geschmacks; wer würde das bestreiten?!
Der Fehler entsteht erst bei der patriotischen Erklärung dieser Gegebenheit. Sie lautet immer: Wir sind so begabt, Orient und Okzident vermählen sich in uns, Süden und Norden; eine zauberhafte Vielfalt, eine wunderbare Kreuzung von Rassen und Nationen, ein märchenschönes Mit- und Ineinander aller Kulturen, das sind wir. Und alt sind wir! (»Wir« schreiben uns nämlich bis aufs Barock zurück, welch ein Emporkömmling ist daneben das Berliner Reich! Daß Cranach und Grünewald etwas älter sind, daß sie und Leibnitz und Goethe und ein gutes Hundert Großer dort das Fundament bilden, wird vergessen). Warum es uns trotzdem immer eigentlich ein wenig schlecht ging, kommt, abgesehen von unserer zu großen Bescheidenheit, nur vom Pech. Wir hätten theoretisch mit unserer Völkerdurchdringung der vorbildliche Staat der Welt sein müssen; mit solcher Sicherheit, daß sich eigentlich gar nicht sagen läßt, warum wir praktisch nicht darüber hinausgekommen sind, ein europäisches Ärgernis zu sein, gleich hinter der Türkei. Wir hatten deshalb auch darauf verzichtet, es ernstlich herauszubekommen, und warteten auf den Tag, der uns Gerechtigkeit bringen müsse. Denn wir wußten uns begabt. Hjalmar Ekdal als Staat. Der Vorstand des österreichischen Kulturinstituts schrieb anno 1916: Osterreich hat die größte Zukunft, weil – es in der Vergangenheit noch so wenig zu leisten vermocht hat.
Der Fehler läßt sich entweder so ausdrücken: ein Staat hat nicht Pech. Oder auch so: er ist nicht Begabung. Er hat Kraft und Gesundheit oder nicht; das ist das einzige, was er haben und nicht haben kann. Weil Österreich sie nicht hatte, darum gab es den begabten und kultivierten Österreicher (verhältnismäßig in einer Anzahl, die uns einen guten Platz in Deutschland sichern wird), und es gab nicht die österreichische Kultur. Die Kultur eines Staates besteht in der Energie, mit der er Bücher und Bilder sammelt und zugänglich macht, mit der er Schulen und Forschungsstätten aufstellt, begabten Menschen eine materielle Basis bietet und ihnen durch die Stromstärke seines Blutkreislaufes den Auftrieb sichert; die Kultur beruht nicht in der Begabung, welche international so ziemlich gleich verteilt ist, sondern in der darunter liegenden Schichte des gesellschaftlichen Gewebes. Diese Schicht in Österreich kann es aber an Funktionstüchtigkeit nicht im geringsten aufnehmen mit der in Deutschland. Aus 1000 gescheiten Leuten und 50 Millionen verläßlicher Kaufleute läßt sich eine Kultur machen; aus 50 Millionen begabter und graziöser Leute und bloß 1000 praktisch verläßlichen Menschen entsteht nur ein Land, in dem man gescheit ist und sich gut kleidet, das aber nicht einmal imstande ist, eine Kleidermode hervorzubringen. Wer auf den Österreicher rekurriert, um Österreich mit ihm zu beweisen, glaubt, daß öffentlicher Geist die Summe des privaten sei, statt einer wesentlich schwerer zu berechnenden Funktion.
Also warnen klassenbewußte Österreicher lieber gleich vor Deutschlands öffentlichem Geist, der angeblich viel zu robust ist. Sie erzählen Schreckliches von dem betäubenden Arbeitsgeklapper und der überstarken sozialen Bindung, welche den Einzelnen einschnürt. Auf der leichten österreichischen Verwesung hatte es sich natürlich entzückend gelebt, so daß es begreiflich ist, wenn ein oder der andere künstlerische Leuchtbazillenträger sich dem Geiste verpflichtet verpflichtet glaubt, im Falle des Anschlusses nach Rumänien auszuwandern. Die Idee ist jedenfalls besser als der Einfall, Österreich unter dem Namen Donauföderation als europäischen Naturschutzpark für vornehmen Verfall weiterzuhegen. Aber ist es denn überhaupt wahr, daß Deutschland nur das Land des Arbeitsterrors ist? Es ist zumindest auch das Land einer viel stärkeren Reaktion gegen ihn, als Österreich je einer fähig wäre. Die Nationalversammlungen hüben und drüben gleichen einander bis aufs Haar in der Suppe, der Widerstand des jungen Deutschland gegen ihren Geist ist aber viel leidenschaftlicher als der in Österreich wahrnehmbare. Und schließlich, sei es wie immer – auch mir behagen die handfesten deutschen Sozialpatrioten nicht, auch mir beliebt nicht die Art, wie jetzt deutsche Dichter die Federn geschüttelt haben, als es, in einer Enquete zur moralischen Wiederaufrichtung Deutschlands, galt das Kapitol zu retten –: Geist kann Geist lenken und ändern, Kraft erzeugen kann er jedoch nicht oder nur in langen Zeiten.
Diesen einfachen Sachverhalt, diese natürliche Reihenfolge der Entwicklung sollte man nicht verwirren. Auch Buridans Österreicher, trotzdem er auf Gespaltenheit vom Kopfe bis zum Hufe eingerichtet ist und auf noble Subtilität, sollte ein einzigesmal einen Burgfrieden schließen zwischen der Spiritualität und der gemeinen Wahrheit und das Einfache einfach tun, trotzdem er es kompliziert unterlassen könnte.
Der Anschluß an Deutschland
[Die Neue Rundschau, 3.1919, S. 343-352]
Im Augenblick, wo ich schreibe, läßt sich noch nicht unterscheiden, ob die Friedenskonferenz der Abschluß von fünf Jahren oder von zweieinhalb Jahrtausenden europäischer Geschichte sein will, ob sie bloß die Kriegszeit beenden wird oder die Zeit der Kriege; wir sind auch nicht in der Lage, das Ergebnis mitzugestalten. Wir haben unsere Waffen weggeworfen und mit ihnen unser Recht, denn ein Recht, das man nicht geltend machen kann, ist keines. Wir stehen wehrlos vor unseren »Richtern«, von nichts beschützt als von der Würde des Geistes, den eine große Nation verkörpert, von dem Geist der Menschheit, der sich allenthalben erhebt, und von der Gewalt des Beispiels, das einer gibt, der seine Macht zerbrochen hat, der nicht um Recht und Unrecht feilscht, sondern aufbricht, um dem kommenden Reich entgegenzugehen. Je tiefer wir das begreifen und je kühner wir unser Tun davon bestimmen lassen, desto weniger werden wir Gerichtete sein, sondern uns über das schäbige Gerede von Richtern und Gerichteten erheben als solche, welche Richtung weisen. – Ob die Menschheit diesmal noch den Augenblick versäumen wird oder nicht, die Aufgabe ist ihr jedenfalls bereits so deutlich gestellt, daß sie nicht mißverstanden werden kann; es ist die Notwendigkeit, sich endlich eine Organisationsform zu geben, die nicht wie eine schlechte Maschine den größten Teil der Kraft in inneren Widerständen aufbraucht und nur einen Rest als Glück, Geist, Persönlichkeit und Menschheitswerk zur Entfaltung entläßt. Große Aktionen enthalten fast immer ein negatives, reaktives Bestimmungselement, einen Abdruck des unerträglich gewordenen Zustandes, der zuletzt ihre Auslösung verschuldet hat; so hat auch die jetzt in Fluß geratene Bewegung als Reaktion auf Krieg und soziale Ungerechtigkeit die Formen Völkerbund und Klassenkampf angenommen. Aber weder parlamentarische Demokratie, noch Arbeiterherrschaft, noch Abrüstung und Schiedsgerichtshöfe für Streitigkeiten der Staaten werden ihr Ende sein; vom Ende läßt sich überhaupt noch nicht mehr ersehen als die Richtung, in der es liegt.
Was ihr im Weg steht, – nicht als Verwaltungsorganismus, wohl aber als geistig-moralisches Wesen – ist der Staat und es ist die Aufgabe der Impulse, die sich um den Gedanken eines Völkerbunds gruppiert haben, das Verhängnis zu sprengen, das sich an die menschliche Organisation in Staaten heftet. Ich weiß, daß eine solche Behauptung sich fast am wenigsten für deutsche Ohren eignet; denn nicht nur hat der deutsche Durchschnittsmensch, selbst wenn er träumt, wie ein Chauffeur noch die so vorbildlich klappende und klappernde Funktionstüchtigkeit der Staatsmaschine im Ohr, sondern auch deutsche Denker haben die Ideologie des Staats gläubig vertieft und bis zur Idolatrie getrieben, in ihm eine menschliche Vervollkommnungsanstalt und eine Art geistiger Überperson erblickt. Man muß deshalb sehr kräftig darauf hinweisen, daß das falsch ist. Es gibt natürlich einen Geist des preußischen, österreichischen oder französischen Staats, der mehr ist als der Geist seiner Bewohner, sowie es eben einen esprit du corps oder Regimentsgeist gibt, und ich werde, wenn von Österreich die Rede ist, auch manches zugunsten seiner Wichtigkeit sagen müssen; aber man darf darüber nicht vergessen, wie weit der Geist des Staates fast stets hinter dem Geist zurück ist, der in den besten seiner Bewohner lebt, wie er Dostojewskij nach Sibirien geschickt hat, Flaubert vors Zuchtgericht, Wilde ins Bagno, Marx ins Exil, Robert Mayer ins Irrenhaus, und daß er in einer Hinsicht sogar weit hinter dem Durchschnittsmenschen zurückbleibt: es ist dies sein Verhalten gegen andere Staaten. Die geradezu schon einfältigen sittlichen Forderungen, daß man Verträge nicht brechen, nicht lügen, des Nächsten Gut nicht begehren, nicht töten soll, gelten in den Staatsbeziehungen noch nicht und sind ersetzt durch das einzige Gesetz des eigenen Vorteils, der sich mit Gewalt, List und kaufmännischen Druckmitteln verwirklicht, wobei jeder Staat von den Bewohnern der anderen sehr natürlicher Weise als ein Verbrecher erkannt wird, den eigenen Bewohnern aber durch Zusammenhänge, die wahrhaftig einer soziologischen Untersuchung wert wären, als die Verkörperung ihrer Ehre und sittlichen Reife erscheint. Was Wunder, daß solche Wesen mit einer finsteren Grandezza untereinander verkehren, ihre Suveränität und Majestät mit einer Steifheit wahren müssen, die immer zumindest als eine sittenverderbliche Geschmacklosigkeit hätte gelten sollen. Was man den modernen Rechtsstaat nennt, ist ein solcher nur nach innen, nach außen ist er ein Unrecht- und Gewaltstaat. Man müßte sich schämen, so selbstverständliche Feststellungen zu wiederholen, wenn das immer noch nicht in die Schreckenskammer der Kriegshetze verwiesene Gerede von »Verbrecherstaaten« wie die ganze Behandlung der »Schuldfrage«, die intra et extra muros nach einzelnen Schuldtragenden sucht, ja auch der Glaube, durch partielle Abrüstung und Schiedsgericht schon Genüge zu tun: wenn das alles nicht beweisen würde, wie wenig die richtige Vorstellung vom Wesen des historischen Staats das Denken beherrscht, und daß der angekündigte Fortschritt sich anscheinend mit dem Gesicht nach rückwärts gewandt auf den Weg macht. Denn der gekennzeichnete unsoziale Charakter des Staats folgt natürlich nicht aus dem bösen Willen seiner Bewohner, sondern aus seiner Natur, Konstruktion, Funktionsweise, und diese ist, ein nahezu völlig in sich geschlossenes System gesellschaftlicher Energie zu sein, mit einer unendlich größeren Vielfalt der Lebensbeziehungen im Innern als nach außen; der Staat ist eine Form, die sich, um der Entwicklung des Lebens Halt geben zu können, zunächst verkapseln und undurchlässig machen mußte. Man kann an den Klassengegensätzen sehen, wie Beziehungslosigkeit zur Feindseligkeit, wird und darf sich auch nicht scheuen, die Psychologie der kriegerischen Kirchweihverwicklungen zwischen benachbarten Dörfern zum Vergleich heranzuziehn, denn die Psychologie der kriegerischen Verwicklung zwischen zwei großen Kulturstaaten ist keine andre.
Die Geschichte lehrt, daß zur Erzielung eines dauernden Einvernehmens immer die Bildung einer höheren Gemeinschaft, die Preisgabe der vollen Selbständigkeit der Glieder und Ergänzung durch gemeinsame positive Interessen nötig ist. Auch der Staat hat sich gegenüber seinen Individuen und Teilverbänden nicht bloß als etwas Privatives, Exzesse Verhinderndes gebildet, sondern als etwas, das greifbare Vorteile abwirft. So hat das Deutsche Reich die Bundesstaaten überwachsen, das alte Österreich seine Kronländer, die Schweiz ihre Kantone, und ebenso wird sich eine Organisation der Menschheit nicht aus Vorbeugungsmaßregeln ergeben, sondern nur aus weitgehender Verschmelzung in neuen, gemeinsamen Interessen, wobei der einzelne Staat immer mehr auf den Rang eines Selbstverwaltungskörpers sinkt. Was schließlich von ihm bleibt, ist die organisierte Nation oder sagen wir lieber gleich die organisierte Sprachgemeinschaft. Denn die Nation ist ja weder eine mystische Einheit, noch eine ethnische, noch auch geistig wirklich eine Einheit – man hat mit zumindest halbem Recht eingewandt, daß das Genie international sei und national nur die Beschränktheit – wohl aber ist sie als Sprachgemeinde ein natürlicher Leistungsverband, das Sammelbecken, innerhalb dessen sich der geistige Austausch zunächst und am unmittelbarsten vollzieht. Diese geistesorganisatorische Bedeutung der Nation bleibt auch für den weitest gesteckten Humanismus und Kommunismus bestehn; höchstens könnte man aus Mißverständnis des Worts gegen sie einwenden, daß Geist nicht organisiert werden soll, sondern unbestimmbar wächst wie ein Stück Landschaft in Wechselwirkung mit den Menschen, ihrem Leben, ihrer Geschichte und ihren Einrichtungen; das Medium, das zwischen diesen zirkuliert und ihnen die Nahrung zuträgt, ist aber eben die Sprache. Und da der Geist einer Nation nicht über ihr schwebt wie über einem Diskutierklub, sondern sich verwirklichen will, so bedarf er dazu eines einheitlichen materiellen Apparats. Wenn Teile einer Sprachgemeinschaft unter ganz verschiedenen Bedingungen und in längst getrennten Kulturen leben wie etwa Süd-Amerika und Spanien, hat es natürlich keinen Sinn, sie zu vereinen, wenn aber ein alter, nie unterbrochener Kulturzusammenhang und unmittelbare Nachbarschaft bestehn, wie zwischen Deutsch-Österreich und Deutschland, ist der staatliche Zusammenschluß einfach einer der entscheidenden Schritte auf dem Weg von dem Zustand, den wir das Staatstier nennen durften, zum Menschenstaat.
Es gibt allerdings Leute, welche das leugnen.
Das sind zum kleinen Teil Ungeduldige, welche die nationale Idee ein »bürgerliches« Ideal nennen und es gleichgültig finden, ob Deutschböhmen zum Deutschen Reich oder zum tschecho-slowakischen Staat gehört, weil doch der Bolschewikismus kommen muß oder die Welt eine geistige Ordnung erhalten wird, kurz, weil der nationale Zusammenschluß ja wirklich nicht das Wichtigste und Letzte ist; sie überspringen immer ein paar Stufen und sind offenbar Menschen, in denen nicht zwei Wahrheiten oder zwei Pläne gleichzeitig Platz haben, weil sie sich nur durch Fixation des Extremen in die Schöpfertrance versetzen können.
Meist aber leugnen oder verleugnen solche Leute die Wichtigkeit der nationalen Idee, welche von ihren Übertreibungen angewidert und ermüdet sind. Österreichischer Übernationalismus zumal war gewöhnlich nur eine Reaktion gegen die besonders plumpen Formen, welche der Nationalismus in Österreich angenommen hatte; aber gerade diese bilden einen Beweis zugunsten der nationalen Idee, denn sie sind die typischen Formen, welche sie annimmt, wenn ihr nicht Genüge geschieht. Der unbefriedigte Staats-Spieltrieb der Tschechen, der sich jetzt in ihrem Puppenstuben Imperialismus auslebt und, enthielte er nicht so viel Rückgewandtheit, Großmannssucht und Eigensinn, eigentlich rührend wäre, – wie er es zur Zeit der Königinhofer Handschrift war, als Millionen Menschen, durch einen Fälscher beschwindelt, der ihnen Dokumente einer alten selbständigen Kultur vorspiegelt, sich die Täuschung durch keine Widerlegung mehr rauben lassen wollten und so falschen Zeugnissen beinahe eine höhere Wahrheit als die historische, nämlich die des glühenden Verlangens gaben – hat sein Seitenstück in der Erlösungsidee der »unerlösten« Italiener, die voll sentimentaler Romantik steckte und sich mit einem knabenhaften Pathos gab, das für erwachsene Kaufleute und Advokaten natürlich reichlich falsch war. Aber das, was man in Österreich deutschnational nannte, gehört auch dazu. Es hat zur Entschuldigung, daß es aus Abwehr entstand, und, was Politik betrifft, ist ihm meiner Ansicht nach manches nachzusehen, aber als Ideologie war es nichts als eine tot wuchernde Geschwulst. Ein Gemenge, das sich aus Wagner, Chamberlain, Rembrandtdeutschem, Felix Dahn, Studentenpoesie, Antisemitismus und unwissender Geringschätzung der anderen Nationen zusammensetzte, bildete den Inhalt eines durch den dauernden politischen Kampf verrohten Selbstbewußtseins. Man schwärmte für Erhöhung des deutschen Wesens in Österreich, meinte damit aber nicht etwa Rilke, obgleich der ein Deutscher, Österreicher und »Arier« ist, sondern kern-inniges deutsches Staackmannestum. Diese Gesinnung lebt leider heute noch in vielen Köpfen, vor allem unter der Studentenschaft; man durfte sich darüber freuen, daß sie deutsch war, und mußte darüber trauern, wie sie es war. Wo die nationale Idee zu einem Kampfziel wird oder zu einer leidenschaftlichen Sehnsucht, dort entartet sie zu einer Hemmung, so wie sich bei Menschen ein hysterischer Knoten bildet, die es immer danach verlangt, endlich einmal ganz sie selbst zu sein, statt sich im natürlichen Verlauf täglicher Beschäftigung ständig auflösen und wiederfinden zu können.
Was man das Nationalitäten-Problem Österreichs nannte, dieses – ähnlich dem Verlauf einer Blutrache – ausschließlich und immer fester von einer einzigen Ursachenkette Umstrickt- und Gelähmtwerden, wird gewöhnlich als Grund dafür angegeben, daß es mit dem Staat nicht so recht vorwärtsging; zumindest ebenso stark wirkte aber auch der umgekehrte Zusammenhang: weil im Staatsleben nichts da war, um das Verstockende mitzureißen, konnte sich der eine Konflikt bis zur herrischen Monomanie verhärten. Seit der Verdrängung aus Deutschland durch den Sieg der kleindeutschen über die großdeutsche Idee und seit dem davon heraufbeschworenen »Ausgleich« mit Ungarn im Jahre 1867 war das ehemalige Kaisertum Österreich ein biologisch unmögliches Gebilde. In »Zisleithanien« (schon im Namen lebte noch die alte Staatskanzlei) hielten sich die Nationen in einem toten Gleichgewicht, keine war imstande, die Führung zu übernehmen und die andern zu einer gemeinsamen ausgreifenden Willensbildung in wirtschaftlichen und kulturellen Fragen zu bewegen. Dazu kam die verfassungsgemäß alle zehn Jahre wiederkehrende Erneuerung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn, welche mit ihrem Vor- und Nachtrab von Konflikten nach sachverständiger Schätzung das Entwicklungstempo der Wirtschaft wenigstens um ein Drittel verlangsamt hat. So konnte die Monarchie die unpolitische, indirekte Auswirkung des Jahres 1848, die Entfesselung des bürgerlichen Unternehmungsgeistes nicht mitmachen, welche in Deutschland eine Kraft und Bewegtheit ins Leben rief, die man als ungeheuer anerkennen muß, auch wenn man ihre Formen und Ergebnisse mit gutem Recht verdammt. Wäre Österreich ein Staat von so großem Tempo gewesen, so hätte es vielleicht die Interessen seiner Völker in einem dynamischen Gleichgewicht verschmelzen können, da es schwerfällig und schlecht ausbalanziert war und langsam fuhr, fiel es vom Rad.
Die nichtdeutschen Völker haben Österreich-Ungarn ihr Gefängnis genannt. Das ist sehr merkwürdig, wenn man weiß, daß dies bis zuletzt auch die Madjaren getan haben, obgleich sie längst die herrschende Nation der Monarchie gewesen sind. Es wird noch merkwürdiger, wenn man weiß, mit welcher Freiheit Südslawen und Tschechen in Österreich ihren antiösterreichischen Gefühlen Luft machen konnten; ich könnte da aus Zeitungsartikeln zitieren, die im Krieg erschienen sind, was in keinem andern Staat zu schreiben möglich gewesen wäre. Trotzdem Gefängnis? Man kann es nicht aus zwei Jahrhunderte alten Erinnerungen, sondern nur aus tiefem Mißtrauen gegen den Staat erklären, aus der Angst zu ersticken, aus Verachtung. Wäre es nur nationale Sehnsucht gewesen, so hätte nicht die Zerstörung der Monarchie im Programm der Tschechen eingeschlossen sein müssen und es hätten die Serbo-Kroaten und Slowenen die Stammverwandten in den kleinen Staaten jenseits der Grenze zum Eintritt eingeladen, statt sich selbst hinüberzuwünschen. Dieser schläfrige Staat, der mit zwei zugedrückten Augen über seinen Völkern wachte, hatte eben auch wirkliche Anfälle von Härte und Gewaltherrschaft; dies geschah immer dann, wenn er es zu weit hatte treiben lassen und kein anständiger Weg mehr aus noch ein führte. Dann fuhr er mit Polizeimaßnahmen, Staatsanwalt und absolutistischen Verordnungen darein, um – wenige Augenblicke später, von dem erbitterten Widerstand erschreckt, den er vorfand, ängstlich zurückzufahren und seine eigenen Organe zu verleugnen. Die intime Geschichte der österreichischen Verwaltung ist voll von traurigen und burlesken Beispielen, die sich ein halbes Jahrhundert lang in immer der gleichen Weise aneinanderreihen. Man kann den Geist dieses Staats absolutistisch wider Willen nennen; er wäre gerne demokratisch verfahren, wenn er es nur verstanden hätte. Aber wer war dieser Staat? Keine einige Nation und keine freie Vereinigung von Nationen trug ihn, die sich in ihm ihr Skelett geschaffen hätte, dessen Gewebe sie aus der Kraft ihres Blutes ständig auffrischt; kein Geist speiste ihn, der sich in der privaten Gesellschaft bildet und, wenn er in irgendeiner Frage eine gewisse Stärke erreicht hat, in den Staat eindringt; trotz des Talents seiner Beamtenschaft und mancher guten Arbeit im einzelnen, hatte er eigentlich kein Gehirn, denn es fehlte die zentrale Willens- und Ideenbildung. Er war ein anonymer Verwaltungsorganismus; eigentlich ein Gespenst, eine Form ohne Materie, von illegitimen Einflüssen durchsetzt, mangels der legitimen.
Unter solchen Umständen hat sich das herausgebildet, was von manchen recht naiv die österreichische Kultur genannt wird, der sie besondere Feinheit nachsagen, die angeblich nur auf dem Boden eines nationalen Mischstaats gedeiht; neuestens glauben einige sie vor dem Aufgehen in der deutschen »Zivilisation« schützen zu müssen und machen aus ihr sogar ein Argument für das Wiederaufleben Österreich-Ungarns in der aus den Angstträumen der Großindustrie geborenen Gestalt der Donauföderation.
Man spart viele Worte in dieser Frage, wenn man drei Feststellungen gleich zu Beginn macht. Erstens haben weder die Slawen, noch die Romanen, noch die Madjaren der Monarchie eine österreichische Kultur anerkannt, sie kannten nur ihre eigene und eine deutsche, die sie nicht mochten; die »österreichische« Kultur war eine Spezialität der Deutschösterreicher, welche gleichfalls eine deutsche nicht haben wollten. Zweitens waren auch innerhalb des österreichischen Deutschtums drei in Lebens- und Menschenart ganz verschiedene Gebiete zu scheiden, Wien, die Alpen- und die Sudetenländer; worin soll die gemeinsame Kultur bestanden haben? Es gab viel Provinz in Österreich, wo sie aber aufhellte, dort wurde einfach wie überall auf der Erde Anschluß an die Welt des Geistes gesucht und das Mittel, durch das dies geschah, war weder reichsdeutsche, noch österreichische, sondern einfach deutsche Kultur. Gewiß hatte Tirol, das schwärzeste Land, das dennoch irgendwie vom Süden beleckt ist, eine Eigenart, aber was hatten die Bukowina oder Dalmatien von ihr und ebenso umgekehrt? Die österreichische Kultur war ein perspektivischer Fehler des Wiener Standpunkts; sie war eine reichhaltige Sammlung von Eigenarten, durch die man den Geist mit Gewinn reisen lassen konnte, das durfte einen aber nicht darüber täuschen, daß sie keine Synthese war. Drittens wird jeder von der Gnade der Selbstbesinnung nicht ganz verlassene »Altösterreicher« eingestehn, daß er, von österreichischen Werten sprechend, nichts anderes meint als das alte Österreich vor 1867. Dieses Österreich hat die schönen, breiten, weißen Straßen gezogen, auf denen sich’s wie durch ein Märchen vom Norden zum Süden, von Asien nach Europa reisen läßt; in diesem Österreich lebten Grillparzer und Radetzky und Hebbel; dieses Österreich hatte den Typus eines wohlunterrichteten, wohlwollenden Verwaltungsbeamten erzeugt, der nicht nur als Vogt, sondern auch als Kulturmissionär an die Peripherie des Reichs hinausging. Dieses Österreich war ein Rest des alten, tüchtigen, in mancher Hinsicht nicht unsympathischen Obrigkeitsstaates. Seither hat sich aber das Rad der Welt um einiges weiter gedreht, und wenn jeder im Innersten an dieses Österreich denkt, sobald er von österreichischer Kultur schwärmt, und wenn unter den mehr als fünfzig Millionen Einwohnern sich seit dem Jahre 1867 keiner gefunden hat, der mit der gleichen Überzeugung von der modernen, der österreichisch-ungarischen Kultur gesprochen hätte, so verrät sich, was die ganze Kulturlegende ist: Romantik.
Als Eroberer und Kolonisatoren waren die Deutschen vor mehr als tausend Jahren ins Land gekommen, und der Zusammenhang mit Deutschland frischte ständig ihre Kraft auf; naturgemäß konnten sie deshalb bis zuletzt die bevorzugten Stellungen in der Verwaltung wie im Wirtschaftsleben besetzt halten, und man muß es wohl auch fast naturgemäß nennen, daß sie dadurch schließlich manche Züge eines Mandschutums aufgedrückt erhielten. Österreich ist das Land der »privilegierten« Unternehmungen gewesen, des mit Zusicherungen und Schutzbriefen arbeitenden Unternehmertums, das dadurch an Tüchtigkeit verlor. Es ist, zusammenhängend damit, das Land der »persönlichen Beziehungen« und der Protektion gewesen; so sehr, daß vorne die Zeitungen über kein bürgerliches Wohlfahrtsunternehmen zu berichten hatten, das sich nicht eines »hohen Protektorats« versichert gehabt hätte, und hinten im Anzeigenteil schamlos Gesuche standen, in denen für Geld öffentlich Protektion gesucht wurde. Der illegitime Einfluß des Adels und der Nobel-Bourgeoisie auf die Führung der öffentlichen Angelegenheiten war unter diesen Umständen so groß, daß man Österreich trotz seines wilden Parlamentarismus einen feudal regierten Staat nennen mußte. Wie weit das ging, sieht man am besten an den kleinen Alltagsgebärden, wie daß man selbst zur Bezeichnung geistiger Vornehmheit mit Vorliebe das Wort nobel verwandte und daß die Kutscher ihre Kundschaft mit Euer Gnaden ansprachen, wozu alle Welt nicht nur lächelte, sondern worin sie eine feine Spezialität erblickte, ohne zu empfinden, daß sie Zeugin einer Prügelstrafe war. Das österreichische Antlitz lächelte, weil es keine Muskeln mehr im Gesicht hatte. Es braucht nicht geleugnet zu werden, daß dadurch etwas Vornehmes, Leises, Maßvolles, Skeptisches usw. usw. in die Wiener Sphäre kam; aber es war zu teuer erkauft. Wenn nichts vorläge als diese »Wiener Kultur« mit ihrem esprit de finesse, der immer mehr zum Feuilletonismus entgeistete, als diese Vornehmheit, die Kraft und Brutalität nicht mehr auseinanderzuhalten vermochte: so wäre das genug, um das Untertauchen in der deutschen Brause zu wünschen.
Aber worin besteht denn überhaupt Kultur? Man mengt da immer zwei recht verschiedene Begriffe ineinander: geistige Kultur und das, was man unter persönlicher versteht, die Lebensform, der gute Stil; theoretisch sollte die Lebenskultur freilich herausgewachsen auf der geistigen sitzen, in Wirklichkeit kommen die beiden aber gewöhnlich getrennt vor. Zugegeben, daß von der persönlichen Form Österreich besonders viel hatte, so hatte es doch von der geistigen, der eigentlichen Kultur besonders wenig. Man vergleiche die Ausstattung der österreichischen Hochschulen mit der der deutschen, Zahl und Größe der Büchersammlungen, der öffentlichen Bildersammlungen, die Gelegenheiten, ausländische Kunst kennenzulernen, Zahl und Bedeutung der Revuen, Intensität und Umfang der öffentlichen Erörterung geistiger Fragen, den Gehalt der Bühnenleistungen, man denke an die Tatsache, daß fast alle österreichischen Bücher in Deutschland hergestellt werden, daran, daß fast alle österreichischen Dichter ihre Existenz deutschen Verlegern verdanken: und dann frage man, worin denn die Kultur eines Staats besteht, wenn nicht in diesen Leistungen?! Die Rede von der österreichischen Kultur, die auf dem Boden des nationalen Mischstaats stärker erblühen soll als anderswo, diese so oft beteuerte Mission der sancta Austria, war eine niemals bewahrheitete Theorie; daß sie hartnäckig im Gegensatz zur Wirklichkeit festgehalten wurde, war der Trost von Leuten, welche den Bäcker nicht bezahlen können und sich mit Märchen sättigen.