Kitabı oku: «Robert Musil: Gesammelte Werke», sayfa 98
Die gottlosen Jahre. Gedichte von Alfred Wolfenstein
Wolfenstein gehört zu den neuen Lyrikern, die, ohne sich zu einer Gruppe vereinigt zu haben, doch in gewissem Sinne zusammengehören, als Frondeure und Neutöner. Aber in Wolfenstein finden wir nichts mehr bloß von einem Programm, von einer kecken Überrumpelung; sondern seine Gedichte sind ein Bekenntnis und sprechen mehr aus, als das Erlebnis eines einzelnen, zufälligen Menschen. Ein Klang von seelenvoller Schwermut ist darin, eine Verzweiflung oft, die von der Sehnsucht, vom Glauben, fast schon vom Wissen um die neue Blüte vertieft wird. Gottlose Jahre nennt er sein Buch, er meint: Noch gottlose Jahre, denn es dämmert doch an seinem Horizont vom wiedergeborenen Licht, und bis zur Erfüllung dieser Hoffnung stärkt und hält ihn in der peinvoll gefühlten Leere des Augenblicks der Trost der Kunst. Ja die Wohltat dieser Kunst fühlt er so, als ob sie einzig ihn am Leben bewahrte. Es handelt sich bei Wolfenstein um höchst geistige Schwingungen der Hypochondrie, und nicht nur hat er die Kraft, diese unfaßbaren, irrationellen Regungen der Einsamkeit, eines Zimmers, einer Straße, einer Nacht, eines Morgens zu fassen, sondern sie in Rhythmus und Form so zu fassen, daß sein Erlebnis unmittelbar das unsere wird. Auch die Stadt als Landschaft ist ihm nicht mehr Stoff, sondern schon Gefühl; er hat nicht mehr die übergroße Lust am Wort, am Handwerk, denn das heißt: die Untreue gegen das Erlebnis. Und weil es ihm nicht darauf ankommt, Gedichte zu machen, sondern ein Dichter, eine Einheit und ein Zeugnis des Lebens zu sein, deshalb ist sein Buch repräsentativ.
Die neue Rundschau. 25. Jahrgang
Eine Zeitschrift, die, wie die »Neue Rundschau«, fünfundzwanzig Jahresbände nebeneinanderstellen und sich dabei rühmen darf, in diesem ganzen Vierteljahrhundert nicht nur der vorwärtsdrängenden Zeit gefolgt, sondern immer ihr Ausdruck, oft ihr Führer gewesen zu sein, ist in Deutschland noch seltener als anderswo. Die »Neue Rundschau« hat das Recht, ihre Jahre nicht als Last, sondern als Kraft zu fühlen. Sie war begründet worden, dem lebendigen Leben an ihrem Teil zu seinem geistigen und sozialen Recht zu verhelfen, und diese Aufgabe ist identisch mit ihrer Existenz. Da sie weiter existieren und weiter machen will, so wird sie auch weiter arbeiten, ausschauend und vorurteilslos.
Als die Zeitschrift entstand, verlangten die Mächte, die man unter dem Namen Naturalismus und Sozialismus begreift, das Wort. Daß diese Mächte nicht bloß obenhin siegreich, sondern in der Seelenverfassung der Zeit legitim wurden, das war die Bemühung der Neuen Rundschau, und so hat sie an einer der denkwürdigen, niemals zurückrevidierenden Entfaltungen menschlichen Wesens mitgewirkt.
Täuscht nicht alles, so ist heute weniger denn je Ursache zum gemächlichen Ausspannen – wir stehen wieder vor nationalen Aufgaben – die ohne Kampf nicht zu erfüllen sind. Und so erneuert sich auch für die »Neue Rundschau« der Ansporn, auf dem Posten zu sein und für das Bekenntnis, wie für die Debatte der Zeit die feinste Witterung zu haben und allem Wertvollen, das zutage will, Raum zu schaffen.
Bekenntnis liegt vornehmlich im Wort des Dichters; danach in Memoiren, Reisen und Briefen, als unmittelbaren Dokumenten der Persönlichkeit.
In Briefen und Memoiren spiegelt sich ein gleichsam geheimer künstlerischer Zustand des Schriftstellers wider; in den Reisen setzen sich große wachsende Kulturgebiete in persönliche Eindrücke um. Alle Regungen sammelnd und verklärend, stellt die dichterische Produktion das innere Licht der schaffenden Zeit dar.
Dieses Bekenntnis mannigfacher Art betrachtet unsere Zeitschrift als ihren eigentlichen Kern. Es wir ergänzt durch produktive Kritik auf jedem Gebiet.
Im Mittelpunkt der Rundschau stand anfangs die literarische Kritik, insbesondere der Streit um die Erneuerung unsers Theaters. Aber die sozialen, ethischen und naturwissenschaftlichen Probleme wurden sogleich mit in die Debatte hineingezogen.
Das Ideenmaterial der Zeit war ungeheuer; auf allen Gebieten gab es einen Kampf um neue Prinzipien, neue Fundamente und neue Anwendungen.
Unsere Zeitschrift war für alle dieser Erscheinungen eine freie Bühne, und mehr: sie ließ die Kräfte nicht nur sich austoben, sondern sammelte sie, klärte sie gegeneinander und machte sie fruchtbar.
Um das zu können, pflegt sie – sei es in vereinzelten, regelmäßigen oder periodischen Aufsätzen – jede Form; sie hat Platz für das frische Raufen der Gelegenheit und für den weit ausholenden, aufbauenden Essay. Sie bringt praktische Kritik und grundlegende Philosophie, sie überredet und unterrichtet, führt und begleitet.
Ihre Jahrgänge enthalten die geistige Geschichte des letzten Vierteljahrhunderts.
Europäertum, Krieg, Deutschtum
[Die Neue Rundschau, 9.1914, S. 1303-1305]
Der Krieg, in andren Zeiten ein Problem, ist heute Tatsache. Viele der Arbeiter am Geiste haben ihn bekämpft, solange er nicht da war. Viele ihn belächelt. Die meisten bei Nennung seines Namens die Achseln gezuckt, wie zu Gespenstergeschichten. Es galt stillschweigend für unmöglich, daß die durch eine europäische Kultur sich immer enger verbindenden großen Völker heute noch zu einem Krieg gegeneinander sich hinreißen lassen könnten. Das dem widersprechende Spiel des Allianzensystems erschien bloß wie eine diplomatisch sportliche Veranstaltung.
Tagelang, da der phantastische Ausbruch des Hasses wider uns und Neides ohne unsre Schuld Wirklichkeit geworden war, lag es über vielen Geistern noch wie ein Traum. Kaum einer, der sein Weltbild, sein inneres Gleichgewicht, seine Vorstellung von menschlichen Dingen nicht irgendwo entwertet fühlte. Man darf vielleicht gerade diese Erschütterung, die sich jedem so deutlich einprägte, nicht überschätzen; denn fühlt einer sein letztes Stündlein in der Nähe, denkt er anders über seine Pläne und faßt Vorsätze, die auszuführen später keinen Sinn hat, weil man wieder für das Leben lebt und nicht für den Tod. Trotzdem bleibt ungeheuer, wie die plötzlich erwiesene Möglichkeit eines Krieges in unser moralisches Leben von allen Seiten umändernd eingreift, und wenn heute auch nicht der Zeitpunkt ist, über diese Fragen nachzudenken, wollen wir, vielleicht auf lange hinaus letzten Europäer, in ernster Stunde doch auch nicht auf Wahrheiten baun, die für uns keine mehr waren, und haben, bevor wir hinausziehn, unser geistiges Testament in Ordnung zu bringen.
Treue, Mut, Unterordnung, Pflichterfüllung, Schlichtheit, – Tugenden dieses Umkreises sind es, die uns heute stark, weil auf den ersten Anruf bereit machen zu kämpfen. Wir wollen nicht leugnen, daß diese Tugenden einen Begriff von Heldenhaftigkeit umschreiben, der in unsrer Kunst und unsren Wünschen eine geringe Rolle gespielt hat. Teils ohne unsre Schuld, denn wir haben nicht gewußt, wie schön und brüderlich der Krieg ist, teils mit unsrer Absicht, denn es schwebte uns ein Ideal des europäischen Menschen vor, das über Staat und Volk hinausging und sich durch die gegenwärtigen Lebensformen wenig gebunden fühlte, die ihm nicht genügten. Ein kleines äußerliches, aber in seiner Gefühlswirkung nicht unbeträchtliches Zeichen dafür war, daß die wertvollsten Geister jeder Nation meist schon in die Sprache anderer Völker übersetzt wurden, bevor sie in ihrem eigenen eine breite Wirkung erlangten. Geist war die Angelegenheit einer oppositionellen europäischen Minderheit und nicht das von dem Willen der Nachfolgenden getragene und mit Dankbarkeit ermunterte Vorausgehn eines Führers vor seinem eigenen Volke.
Daß die, welche eine neue Ordnung schauten, wenig Liebe für die bestehende hatten, lag in der Linie ihrer Aufgaben und Pflichten. Die wertvollen der seelischen Leistungen aus den letzten dreißig Jahren sind fast alle gegen die herrschende gesellschaftliche Ordnung und die Gefühle gerichtet, auf die sie sich stützt; selten als Anklage, sehr oft aber als gleichgültiges Darüberwegschauen zu den Problemen für vorausgeartete Menschen, als Enthaltung vom Gefühlsurteil und desillusionierende Konstatierung dessen, was ist. Das Wenden, Durchblicken und zu diesem Zweck Durchlöchern überkommener, eingesessener und verläßlicher seelischer Haltungen: es besteht kein Grund zu verschweigen, daß dies eine der Haupterscheinungen unserer Dichtung war. Dichtung ist im Innersten der Kampf um eine höhere menschliche Artung; sie ist zu diesem Zweck Untersuchung des Bestehenden und keine Untersuchung ist etwas wert ohne die Tugend des kühnen Zweifels. Unsere Dichtung war eine Kehrseitendichtung, eine Dichtung der Ausnahmen von der Regel und oft schon der Ausnahmen von den Ausnahmen. In ihren stärksten Vertretern. Und sie war gerade dadurch in ihrer Art von dem gleichen kriegerischen und erobernden Geist belebt, den wir heute in seiner Urart verwundert und beglückt in uns und um uns fühlen.
Als gieriger mit jeder neuen Stunde Todesfinsternis um unser Land aufzog und wir, das Volk im Herzen Europas und mit dem Herzen Europas, erkennen mußten, daß von allen Rändern dieses Weltteils eine Verschwörung herbrach, in der unsre Ausrottung beschlossen worden war, wurde ein neues Gefühl geboren: – die Grundlagen, die gemeinsamen, über denen wir uns schieden, die wir sonst im Leben nicht eigens empfanden, waren bedroht, die Welt klaffte in Deutsch und Widerdeutsch, und eine betäubende Zugehörigkeit riß uns das Herz aus den Händen, die es vielleicht noch für einen Augenblick des Nachdenkens festhalten wollten. Gewiß, wir wollen nicht vergessen, daß stets auch die andern das gleiche erleben; wahrscheinlich sind die, welche drüben unsre Freunde waren, genau so in ihr Volk hineingerissen, vielleicht vermögen sie sogar das Unrecht ihres Volkes zu durchschaun und es zieht sie doch mit. Unsre Skepsis verlangt diese Vorstellungen. Wir wissen nicht, was es ist, das uns in diesen Augenblicken von ihnen trennt und das wir trotzdem lieben; und doch fühlen wir gerade darin, wie wir von einer unnennbaren Demut geballt und eingeschmolzen werden, in der der Einzelne plötzlich wieder nichts ist außerhalb seiner elementaren Leistung, den Stamm zu schützen. Dieses Gefühl muß immer dagewesen sein und wurde bloß wach; jeder Versuch, es zu begründen, wäre matt und würde aussehn, als müßte man sich überreden, während es sich doch um ein Glück handelt, über allem Ernst um eine ungeheure Sicherheit und Freude. Der Tod hat keine Schrecken mehr, die Lebensziele keine Lockung. Die, welche sterben müssen oder ihren Besitz opfern, haben das Leben und sind reich: das ist heute keine Übertreibung, sondern ein Erlebnis, unüberblickbar aber so fest zu fühlen wie ein Ding, eine Urmacht, von der höchstens Liebe ein kleines Splitterchen war.
Franz Blei
[Der Friede, 7.6.1918, S. 479-480]
Von den Büchern Bleis hat die Puderquaste die meisten Leser gefunden und verdankt diesen Vorsprung gewiß ihrem Titel, der in geschickter Weise einen unterlebensgroßen Blei vortäuscht. Aus dem gleichen Grunde schadet er dem Verständnis für den Autor, denn über keinen heute Schreibenden sind mehr falsche Urteile verbreitet als über diesen. Er wird bald für einen Erotiker, bald für einen Ästheten, bald für einen Rationalisten, bald für einen kasuistischen Katholiken erklärt und die Anekdote über seine Geistesdetails verhindert das Gesamtbild. Wenn das auch nie viel dem persönlichen Erfolg schadet, so bringt es diesen Erfolg doch um die rechte Wirkung auf die Zeitgenossen.
Es tragen wahrscheinlich mehrere Eigenschaften Bleis selbst schuld daran, weil sie an ihm das Gegenteil von dem bedeuten, was man gewohnt ist, unter ihnen zu verstehen. Belesen wie ein Gelehrter, hat er neben seinem eigenen Schaffen reiche Gebiete fremder und entlegener Literatur erschlossen, in Ausgaben und Übertragungen; er ist außerdem stets der anerkennende und anerkannte Freund aller im Schöpfungssinne jungen Dichter, Maler und Philosophen gewesen: Den damit angedeuteten Eigenschaftskomplex kennt man selten anders als in Bindung mit wesentlich passiven Eigenschaften, wie Mangel an schöpferischer Selbständigkeit und innerer Bestimmtheit, und tritt ein einigermaßen ordnungsfähiger Verstand hinzu, so entsteht der Kritiker- und Geschichtsschreibertypus der immer letzten Epoche oder, unter unwesentlich veränderten Bedingungen, der Typus des »feinfühligen« Wiederbelebers vergangener Kultur. Es ist anzunehmen, daß Leute, welche von Bleis Werk nur das Titelverzeichnis kennen, unter diesem Autor sich eine Art Mischung aus Ausleger und Wiederbeleber vorstellen. Aber er ist etwas gänzlich und dem Grunde nach anderes. Er umfaßt mit seiner Liebe vieles, das sich nach gemeiner Ansicht nicht miteinander vertragen darf, nicht aus Unbestimmtheit, sondern aus Überbestimmtheit, weil er gedrängt ist von dem, was er selbst sagen will und aus der Verschiedenheit der Rede nur das an seine Anklingende heraushört. Die Ursache seiner Zustimmung ist nicht die Übereinstimmung, sondern die Analogie, und wo er die Ansicht wechselt, ist es nicht seine, sondern die des Dinges. Durch Analogie entdeckt er das, was er liebt im Katholizismus wie in der Antike und im Rokoko, verdeutlicht es heute an der Galanterie und morgen an der Askese, ist heute verliebt in eine Theorie, morgen in eine andere. Aber immer ist es eine Theorie. Ein nie gesättigtes Verlangen nach Geist läßt sie wechseln und das hat einen nicht genug gewürdigten objektiven Grund.
Alle geistigen Bewegungen, mögen sie Religion oder Expressionismus heißen, sind eigentlich nichts als Umlagerungen des in historischen Zeiten fast konstant gebliebenen Weltbesitzes an »Geist«. Ein paarmal in jedem Jahrhundert (und wieder ein paarmal in jedem Jahrtausend) hebt sich etwas, packt die in Gefühlen wurzelnden Begriffe und wendet sie vom Gefühl aus, erfüllt die Menschheit mit einem neuen Glück und versinkt wieder. Verstand hat Fortschritt, steigt vom Rechenbrett bis zu den unendlichen Reihen und von Thales bis Professor Einstein. Geist hat ein Element in sich, das Verstand ist und an der Entwicklung teilnimmt, und ein anderes Element, das unberechenbar ist, entwicklungslos, widerspruchsvoll und von langsam wechselnden Grundgefühlen abhängt, wie sie Gedanken, die gestern tot waren, heute wieder lebendig machen, ohne daß sich an ihrer Wahrheit etwas anderes geändert hat als wir. Kant kann wahr oder falsch sein, Epikur oder Nietzsche sind nicht wahr oder falsch, sondern lebendig oder tot. Denn auf dem Gebiet ihrer Arbeit gilt weniger der Satz vom ausgeschlossenen Dritten als der Hegelsche vom Weg zur Synthesis. Diese Beziehungen, denen persönlich der Unterschied etwa zwischen Meinung und Wissen entspricht, sind sachliche und durch eine Verschiedenheit der dem Geiste und dem Verstand erfaßbaren Materien bedingt; sie sind aber noch so wenig erklärt worden, daß wir nicht einmal einen Namen für ihr Gebiet besitzen. Was hier mit einem Gelegenheitswort »Geist« genannt wurde, könnte je nach dem Zusammenhang Seele, Kultur, Gefühlslage, Zeitstimmung, Gebiet der Wertungen heißen, ohne daß eins dieser Worte voll das decken würde, um was es sich handelt. Um was es sich handelt ist nicht weniger als alles, was man zum inneren Leben braucht: alles im weitesten Sinne Religiöse und Politische, alles Künstlerische, alles Menschliche, das nicht rein national und nicht reine Glaubens- oder Gefühlswillkür ist, sind darin beschlossen.
Auf Blei angewandt, genügt das hier Feststellbare, um zu verstehen, daß es eine aktive Wandelbarkeit der Anschauungen eines Essayisten gibt, die weder mit Fortschritt und Bekehrung zu neuen Anschauungen, noch mit innerer Unsicherheit etwas zu tun hat, und daß es eine vermeintliche Anteillosigkeit gibt, der es tatsächlich gleichgültiger sein darf, was sie liebt oder bekämpft, als warum sie es tut. Zudem ist Blei sich des Anteils außerordentlich bewußt, den die Größe der Verstandesleistung an der Größe der Gesamtleistung hat, die erst das Geistige ist, und man wird sein Werk stets entweder zu theoretisch und zu wenig im Gefühl verankert finden, oder zu wenig theoretisch und zu verflatternd im Gefühl, wenn man die autonome Stellung des Essayisten nicht kennt oder nicht anerkennt. Dies ist die allgemeine Angelegenheit, wichtiger als die Verteidigung der wertvollsten Einzelperson: der Essayist, der dem Gelehrten als eine Art Windbeutel gilt, der seine Wesenheit aus dem bestreitet, was für die gelehrte Produktion nur Abfall ist, gilt auf der andern Seite den Dichtern meist nur als ein Kompromiß, als eine Brechung ihres strahlenderen Wesens im Dunste der gemeinen Rationalität. Eines ist so beschränkt wie das andere. Die Artikulation des Gefühls durch den Verstand, die Wegwendung des Verstands von den belanglosen Wissensaufgaben zu den Aufgaben des Gefühls, das ist das Ziel des Essayisten, mit dem ferneren Ziel der menschlichen Seligkeit, und Bleis Wirkung besteht darin, immer zu dieser Einung im Beispiel gemahnt und für sie gewirkt zu haben.
Eine andere Grenzsicherung seines Wesens wäre in diesem Zusammenhang noch zu treffen. Wissenschaft sucht Wahrheit und richtet sich nach ihr und Tatsachen; Weg und Einheit des wissenschaftlichen Werkes liegen schon in der Materie vorgezeichnet, mit der es sich befaßt. Bei den Werken des Geistes ist das anders. Sie haben etwas Unabschließbares und eigentlich nie ein erreichbares Ziel. Und da findet, weil die sachliche Synthese zum Resultat mangelt, gewöhnlich eine Unterschiebung statt, um die sozial geforderte Vorstellung, ein Werk geleistet zu haben, zu retten: die Einheit wird von außen geborgt, indem man einen Scheinzweck vortäuscht, zum Beispiel bei aller nicht nur tatsachenhaften Geschichtschreibung den Vorwand, eben Tatsachen zu beschreiben –, das Abgeschlossene, Einheitliche liegt dann natürlich in Wahrheit in den Geschehnissen und nur scheinbar im Werk, während die eigentliche Leistung in einer ganz unbegrenzten Begleittätigkeit liegt. Oder es wird die Einheit dem Werke – wie bei allen subjektiven »temperamentvollen« wissenschaftlichen Büchern – gewissermaßen von innen unterschoben, nämlich durch die Persönlichkeit des Autors, dessen »Charakterkopf« sich aufdrängt. Oder auch, es wird ein Scheinwerk zurechtgeschustert, dessen Einheit (wie meist bei der nicht exakten philosophischen Spekulation) durch nichts als die Unfähigkeit des Urhebers zu Stande kommt. Man muß sich die Komik eingestehen, die darin liegt, daß solchen mitunter berühmten Werken gemeinhin größere Würde zugebilligt wird als dem Essay, der – oft nur ein höchst bescheidener Essay – in ihrem dicken Leib das einzige an Seele bildet. Es ist verständlich, daß jemand, der von dieser zeitgenössischen Scheinmethodik geblendet ist, zu einer Unterschätzung Bleis aus eingebildeter Gewissenhaftigkeit kommen kann. Er wird finden, daß man das Rokoko objektiver darstellen oder über den Dichter X mit mehr Für und Wider urteilen, Claudel peinlicher übersetzen könne und daß die Bücher Bleis der Ergebnisse ermangeln. Aber der das meint, unterschätzt dabei das große Maß geistiger Bewegung und den Wert der Summe partieller Lösungen, die in diesen Schriften sind. Es kann sein, daß Blei aus allzu flüssigem Temperament manchmal sich selbst verdünnt. Aber von den Gedanken, die er dabei verschwendet, statt sie durchzuführen, hat sich schon mancher seinen bürgerlichen Haushalt eingerichtet. Und die Wertungen, die er gegeben hat, sind meist geblieben und gehören zu den einflußreichsten, nicht von vornherein durch die Gunst gläubiger Zuhörer, sondern nachträglich durch die Bestätigung in der Entwicklung. In einer Zeit kritischer Unordnung hat er die wertvollsten Gesichtspunkte zur Neuordnung entwickelt.
Es ist immer weniger wichtig, einen Autor von mehreren Seiten zu beleuchten, als einen Begriff von einem Schrifttum zu geben. Aber die Bemerkung drängt sich hinzu, daß man in Osterreich, wo man so gern nach eigenwüchsigen österreichischen Leistungen sucht, einen der bedeutendsten Vertreter einer unter Deutschen kostbar seltenen Gattung des Schrifttums statt aller Eklats, die um seine Einzelheiten tuscheln, richtig nach seiner Wesenheit einschätzen sollte.
Skizze der Erkenntnis des Dichters
[Summa, Heft 4, 1918, S. 164-168]
In dem Maße wie das von der Zeit der Paulskirche und Bismarcks her beschädigte Ansehen der Professoren im Gemeinschaftsleben gestiegen ist, ist das der Dichter gesunken; heute wo der Professorenverstand die höchste praktische Geltung seit Bestehen der Welt erreicht hat, ist der Dichter bei dem gebräuchlichen Namen Literat angelangt, worunter einer verstanden wird, den unerforschte Gebrechen hindern, ein brauchbarer Journalist zu werden. Die soziale Wichtigkeit dieser Erscheinung ist nicht gering zu schätzen und rechtfertigt wohl, ihr einige Überlegung zu widmen. Daß diese sich auf die Betrachtung der Intellektualität beschränkt und im kleinen wie der Versuch einer erkenntnis-theoretischen Prüfung ausfällt, indem sie den Dichter nur als den in einer bestimmten Weise und auf bestimmtem Gebiete Erkennenden betrachtet, ist gewollte Einschränkung, die sich natürlich nur durch ihr Ergebnis rechtfertigen läßt. So oft aber hierbei vom Dichter, als einer besonderen Gattung Mensch, die Rede sein wird, sei vorausbemerkt, daß damit nicht nur die gemeint sind, die schreiben; es gehören viele dazu, welche die Tätigkeit scheuen, sie bilden das reaktive Seitenstück zu dem aktiven Teil des Typus.
Man könnte ihn beschreiben als den Menschen, dem die rettungslose Einsamkeit des Ich in der Welt und zwischen den Menschen am stärksten zu Bewußtsein kommt. Als den Empfindlichen, für den nie Recht gesprochen zu werden vermag. Dessen Gemüt auf die imponderabeln Gründe viel mehr reagiert als auf gewichtige. Der die Charaktere verabscheut, mit jener furchtsamen Überlegenheit, die ein Kind vor den ein halbes Menschenalter früher sterbenden Erwachsenen voraus hat. Der noch in der Freundschaft und in der Liebe den Hauch von Antipathie empfindet, der jedes Wesen von den andern fernhält und das schmerzlich-nichtige Geheimnis der Individualität ausmacht. Der selbst seine eigenen Ideale zu hassen vermag, weil sie ihm nicht als die Ziele, sondern als die Verwesungsprodukte seines Idealismus erscheinen. Dies sind nur einzelne Beispiele und Einzelbeispiele. Ihnen allen entspricht aber oder vielmehr liegt zugrunde eine bestimmte Erkenntnishaltung und Erkenntniserfahrung wie auch die dieser entsprechende Objektswelt.
Man versteht das Verhältnis des Dichters zur Welt am besten, wenn man von seinem Gegenteil ausgeht: Das ist der Mensch mit dem festen Punkte a, der rationale Mensch auf ratioïdem Gebiet. Man verzeihe die Scheußlichkeit des Wortversuchs wie auch die ihm zugrunde liegende historische Vertäuschung, denn nicht hat sich die Natur nach der ratio gerichtet, sondern diese nach der Natur; aber ich finde kein Wort, das nicht nur die Methode, sondern auch das Gelingen gebührend ausdrückte, nicht bloß die Unterwerfung, sondern auch die Unterwürfigkeit der Tatsachen, dieses unverdiente Entgegenkommen der Natur in bestimmten Fällen, das in allen Fällen zu verlangen dann freilich eine menschliche Taktlosigkeit war. Dieses ratioïde Gebiet umfaßt – roh umgrenzt – alles wissenschaftlich Systematisierbare, in Gesetze und Regeln zusammenfaßbare, vor allem also die physische Natur; die moralische aber nur in wenigen Ausnahmsfällen des Gelingens. Es ist gekennzeichnet durch eine gewisse Monotonie der Tatsachen, durch das Vorwiegen der Wiederholung, durch eine relative Unabhängigkeit der Tatsachen voneinander, sodaß sie sich auch in schon früher ausgebildeten Gruppen von Gesetzen, Regeln und Begriffen gewöhnlich einfügen, in welcher Reihenfolge immer sie entdeckt worden seien. Vor allen Dingen aber schon dadurch, daß sich die Tatsachen auf diesem Gebiet eindeutig beschreiben und vermitteln lassen. Eine Zahl, eine Helligkeit, Farbe, Gewicht, Geschwindigkeit, das sind Vorstellungen, deren subjektiver Anteil ihre objektive, universal übertragbare Bedeutung nicht mindert. (Von einer Tatsache des nicht ratioïden Gebiets dagegen, z. B. dem Inhalt der einfachen Aussage »er wollte es« kann man sich niemals ohne unendliche Zusätze eine hinreichend bestimmte Vorstellung machen). Man kann sagen, das ratioïde Gebiet ist beherrscht vom Begriff des Festen und der nicht in Betracht kommenden Abweichung; vom Begriff des Festen als einer fictio cum fundamento in re. Zu unterst schwankt auch hier der Boden, die tiefsten Grundlagen der Mathematik sind logisch ungesichert, die Gesetze der Physik gelten nur angenähert, und die Gestirne bewegen sich in einem Koordinatensystem, das nirgends einen Ort hat. Aber man hofft, – nicht ohne Grund – das alles noch in Ordnung zu bringen, und Archimedes, der vor mehr als 2000 Jahren gesagt hat, »gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln«, ist heute noch der Ausdruck für unser hoffnungsfreudiges Gehaben.
Bei diesem Tun ist die geistige Solidarität der Menschheit entstanden und besser gediehen als je unter dem Einfluß eines Glaubens und einer Kirche. Nichts ist daher begreiflicher, als daß die Menschen versuchen, das gleiche Vorgehn auch in den – im weitesten Sinn – moralischen Beziehungen einzuhalten, obgleich es dort täglich schwieriger wird. Auch auf moralischem Gebiet wird heute nach dem Prinzip der Pilotierung vorgegangen und werden in das Unbstimmte die erstarrenden Caissons der Begriffe gesenkt, zwischen denen sich ein Raster von Gesetzen, Regeln und Formeln spannt. Der Charakter, das Recht, die Norm, das Gute, der Imperativ, das Feste in jeder Hinsicht sind solche Pfähle, auf deren Versteintheit gehalten wird, um daran das Netz der hunderte moralischen Einzelentscheidungen, die jeder Tag fordert, befestigen zu können. Die heute noch herrschende Ethik ist ihrer Methode nach eine statische, mit dem Festen als Grundbegriff. Aber da man auf dem Weg von der Natur zum Geiste gleichsam aus einem starren Mineralienkabinett in ein Treibhaus voll unausgesprochener Bewegung getreten ist, erfordert ihre Anwendung eine sehr komische Technik der Einschränkung und des Widerrufs, deren Kompliziertheit allein schon unsre Moral zum Untergang reif erscheinen läßt. Man denke an das populäre Beispiel der Abwandlung des Gebotes »Du sollst nicht töten«, von Mord über Todschlag, Tötung des Ehebrechers, Duell, Hinrichtung bis zum Krieg, und sucht man die einheitliche rationale Formel dafür, so wird man finden, daß sie einem Sieb gleicht, bei dessen Anwendung die Löcher nicht weniger wichtig sind als das feste Geflecht.
Denn hier hat man längst nicht-ratioïdes Gebiet betreten, für das uns die Moral bloß ein Hauptbeispiel abgibt, wie die Naturwissenschaft eines für das andre Gebiet gewesen ist. War das ratioïde Gebiet das der Herrschaft der »Regel mit Ausnahmen«, so ist das nicht-ratioïde Gebiet das der Herrschaft der Ausnahmen über die Regel. Vielleicht ist das nur ein gradueller Unterschied, aber jedenfalls ist er so polar, daß er eine vollkommene Umkehrung der Einstellung des Erkennenden verlangt. Die Tatsachen unterwerfen sich nicht auf diesem Gebiet, die Gesetze sind Siebe, die Geschehnisse wiederholen sich nicht, sondern sind unbeschränkt variabel und individuell. Es gelingt mir nicht, dieses Gebiet besser zu kennzeichnen als darauf hinweisend, daß es das Gebiet der Reaktivität des Individuums gegen die Welt und die anderen Individuen ist, das Gebiet der Werte und Bewertungen, das der ethischen und ästhetischen Beziehungen, das Gebiet der Idee. Ein Begriff, ein Urteil sind im hohen Grade unabhängig von der Art ihrer Anwendung und von der Person; eine Idee ist in ihrer Bedeutung in hohem Grade von beiden abhängig, sie hat immer eine nur occasionell bestimmte Bedeutung und erlischt, wenn man sie aus ihren Umständen loslöst. Ich greife eine beliebige ethische Behauptung heraus: »es gibt keine Meinung, für die man sich opfern und in die Versuchung des Todes begeben darf –« und jeder von den Spuren ethischer Erlebnisse Beschlagene und Behauchte wird wissen, daß man ebenso leicht das Gegenteil behaupten kann und daß es einer langen Abhandlung bedarf, bloß um zu zeigen, in welchem Sinn man es meint, bloß um Erfahrungen in einer Wegweiserrichtung aneinanderzureihen, die dann doch irgendwo sich unübersehbar verästelt, aber doch irgendwie ihren Zweck erfüllt hat. Auf diesem Gebiet ist das Verständnis jedes Urteils, der Sinn jedes Begriffs von einer zarteren Erfahrungshülle umgeben als Äther, von einer persönlichen Willkür und nach Sekunden wechselnden persönlichen Unwillkür. Die Tatsachen dieses Gebiets und darum ihre Beziehungen sind unendlich und unberechenbar.
Dieses ist das Heimatsgebiet des Dichters, das Herrschaftsgebiet seiner Vernunft. Während sein Widerpart das Feste sucht und zufrieden ist, wenn er zu seiner Berechnung so viel Gleichungen aufstellen kann, als er Unbekannte vorfindet, ist hier von vornherein der Unbekannten, der Gleichungen und der Lösungsmöglichkeiten kein Ende. Die Aufgabe ist: immer neue Lösungen, Zusammenhänge, Konstellationen, Variable zu entdecken, Prototypen von Geschehensabläufen hinzustellen, lockende Vorbilder, wie man Mensch sein kann, den inneren Menschen erfinden. Ich hoffe, diese Beispiele sind deutlich genug um jeden Gedanken an »psychologisches« Verstehen, Erfassen u. dgl. auszuschließen. Psychologie gehört in das ratioïde Gebiet und die Mannigfaltigkeit ihrer Tatsachen ist auch gar nicht unendlich, wie die Existenzmöglichkeit der Psychologie als Erfahrungswissenschaft lehrt. Was unberechenbar mannigfaltig ist, sind nur die seelischen Motive und mit ihnen hat die Psychologie nichts zu tun.
Der Mangel an Erkenntnis, daß es sich überhaupt um zwei ihrer Wesenheit nach verschiedenen Gebiete handelt, verschuldet die bürgerliche Betrachtung des Dichters als eines Ausnahmsmenschen (von wo es zum Unzurechnungsfähigen nicht weit ist). In Wahrheit ist er nur insofern Ausnahmsmensch als er der Mensch ist, der auf die Ausnahmen achtet. Er ist weder der »Rasende«, noch der »Seher«, noch »das Kind«, noch irgend eine Verwachsenheit der Vernunft. Er verwendet auch gar keine andre Art und Fähigkeit des Erkennens als der rationale Mensch. Der bedeutende Mensch ist der, welcher über die größte Tatsachenkenntnis und die größte ratio zu ihrer Verbindung verfügt: auf dem einen Gebiet wie auf dem andern. Nur findet der eine die Tatsachen außer sich und der andre in sich, der eine findet sich zusammenschließende Erfahrungsreihen vor und der andre nicht.