Kitabı oku: «Kleider machen Leute von Gottfried Keller»

Yazı tipi:

Gottfried Keller

Kleider machen Leute

Lektüreschlüssel XL

für Schülerinnen und Schüler

Von Wolfgang Pütz

Reclam

Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:

Gottfried Keller: Kleider machen Leute. Hrsg. von Wolfgang Pütz. Stuttgart: Reclam, 2017 [u. ö.]. (Reclam XL. Text und Kontext, Nr. 19378.)

Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7470.

E-Book-Ausgaben finden Sie auf unserer Website

unter www.reclam.de/e-book

Lektüreschlüssel XL | Nr. 15495

2018 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2018

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961406-9

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015495-3

www.reclam.de

Inhalt

  1. Schnelleinstieg

  2. Inhaltsangabe

  3. Figuren Wenzel Strapinski Nettchen Melchior Böhni

 4. Form und literarische TechnikKleider machen Leute – eine NovelleErzählperspektiveMerkmale des realistischen StilsMerkmale der Romantik

  5. Quellen und Kontexte

 6. InterpretationsansätzeDingsymbole: Radmantel und FingerhutWeitere Symbole und symbolische SpracheDas Motiv des SpielsDas Motiv des ZufallsSchein und Sein

  7. Autor und Zeit Biographische Übersicht Werke Poetischer Realismus

  8. Rezeption

 9. Prüfungsaufgaben mit LösungshinweisenAnalyse und Interpretation einer TextstelleVergleich zwischen Hans Christian Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider und Gottfried Kellers Kleider machen LeuteAnalyse der Vorrede Gottfried Kellers zum zweiten Teil der Leute von Seldwyla

 10. Literaturhinweise/MedienempfehlungenLiteraturHörbuchVerfilmung

  11. Zentrale Begriffe und Definitionen

1. Schnelleinstieg


Ein junger Die HauptpersonenMann macht sich zu Fuß auf den mühseligen Weg in die kleine schweizerische Provinzstadt mit dem verheißungsvollen Namen Goldach, um seinem glücklosen Leben ein neues Ziel zu geben. Er friert, ist völlig ausgehungert, und er besitzt – abgesehen von wenigen Habseligkeiten, zu denen allerdings auch ein Pelzmantel und eine Pelzmütze gehören – nichts, womit sich Essen und Unterkunft bezahlen ließen.

Dies könnte der Beginn einer konventionellen Geschichte sein, wie sie der Kein Prototyp des amerikanischen Traumsamerikanische Mythos vom sozialen Aufstieg des Tellerwäschers zum Millionär erzählt. Dem Muster des American Dream entsprechend, würde der Held, in diesem Fall ein »armes Schneiderlein« (S. 3), alleine durch Mut, Verzicht und Leistung zu Wohlstand und Besitz gelangen.

Doch anders als man erwarten könnte, erzählt die Novelle davon, wie der Protagonist nicht durch eigene Verdienste, sondern durch bloße Zufälle zum Shootingstar einer bürgerlichen Gesellschaft wird, bevor man ihn doch als Der Held als AntiheldScharlatan enttarnt und er noch tiefer als zuvor in den sozialen und existenziellen Abgrund zu stürzen droht. Wenzel Strapinski, so der Name des Schneiders, hat es fast ausschließlich durch sein »edles und romantisches Aussehen« (S. 3) geschafft, von einer leichtgläubigen und sensationslüsternen Öffentlichkeit für jemanden gehalten zu werden, der er in Wahrheit nicht ist, aber gerne sein möchte.

Der berühmte Der Titel der GeschichteTitel von Gottfried Kellers Novelle aus dem Jahre 1873/74 weist bereits auf das zentrale Thema des Missverhältnisses von Schein und Sein hin. Der Satz Kleider machen Leute verkehrt die Subjekt-Objekt-Beziehung der Handlung in ihr Gegenteil: Nicht Menschen produzieren hier textile Gegenstände, sondern sind – dem Wortlaut zufolge – bloße Produkte ihrer Textilien. Das Subjekt wird zum Objekt. Die Kleidung, die getragen wird, steht dabei exemplarisch für alles Äußerliche und Oberflächliche, so also auch für die körperliche Gestalt, für den Besitz, die Herkunft und den gesellschaftlichen Rang ihres Trägers.

Zu einer Täuschung gehören jedoch immer zwei Seiten: Schein und Seinjemand, der täuscht, und jemand, der sich täuschen lässt. Kellers Novelle nimmt beide Seiten in den Blick. Indem sie die moralischen Verwerfungen eines Menschen zeigt, der materiellen Reichtum, gesellschaftliches Ansehen und privates Glück durch Betrug zu erlangen versucht, verurteilt sie die bewusste Produktion von Schein als individuelle Verfehlung. Zugleich aber kritisiert sie auch diejenigen, die dumm oder naiv genug sind, dem Glanz und der Schönheit der Illusion zu trauen und sich blenden zu lassen. Kleider machen Leute ist insofern auch eine Gesellschaftssatire, welche die Leichtgläubigkeit und Verführbarkeit der Menschen als Ausdruck von deren Oberflächlichkeit und Unvernunft offenbart.

Die Geschichte, die Gottfried Keller erzählt, ist außerdem ein Ehrlichkeit und SolidaritätPlädoyer für eine solidarische Gemeinschaft. Wenzel Strapinski wird erst wieder in die Gesellschaft integriert, als er sich nach seiner Demaskierung zu seinen Lügen bekennt, seine Motive offenlegt und Reue zeigt. Die Beichte als symbolische Form der Selbstentkleidung bringt ihn, indem er sich zu seiner Person bekennt, wieder zu sich selbst. Strapinski findet als Ehemann und Geschäftsmann in die bürgerliche Gesellschaft zurück, weil er durch Ehrlichkeit das Vertrauen und die Treue eines anderen Menschen gewonnen hat. Sein Gewinn ist nicht bloß von materieller, sondern auch von zwischenmenschlicher Art.

Auch heute ist die Novelle aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von unveränderter Aktualität. Dies kann der Leser leicht nachvollziehen, wenn er die Selbsttäuschung der Aktualität der NovelleMenschen durch den Glauben an leere Versprechungen in den Blick nimmt. Es bleibt dem heutigen Leser selbst überlassen, entsprechende Glücksverheißungen – wie beispielsweise aus dem Bereich der Mode und der Markenartikel, der (sozialen) Medien oder des materiellen Wohlstands der Konsumgesellschaft – daraufhin zu prüfen. Jedenfalls wird dieser »Glücksbegriff« am Ende der Novelle in Frage gestellt, wenn der »rund und stattlich« gewordene Strapinski dem Leser »so gar nicht mehr träumerisch« (S. 57) erscheint, sondern zu einem biederen Geschäftsmann und Spekulanten geworden ist.

2. Inhaltsangabe

Gottfried Kellers Novelle Kleider machen Leute erzählt die tragikomische Geschichte eines Mannes, der aus einem elenden Zustand der unvermittelten Arbeits-, Mittel- und Obdachlosigkeit heraus in abenteuerliche Lebensumstände gerät, an deren Ich-Suche und IdentitätsfindungEnde er die Liebe seines Lebens findet und wieder in die bürgerliche Gesellschaft zurückkehren kann.

Nach dem AusgangssituationKonkurs seines Arbeitgebers macht sich der Schneider Wenzel Strapinski »[a]n einem unfreundlichen Novembertage« (S. 3) von seinem bisherigen Wohnort Seldwyla aus zu Fuß auf den Weg zu der »kleinen reichen Stadt« (S. 3) Goldach, um dort eine Arbeitsstelle zu finden. Sein trotz Radmantel und Pelzmütze erbarmungswürdiges Aussehen und der beginnende Regen veranlassen einen Kutscher, ihm einen Platz in dem »neuen und bequemen Reisewagen« (S. 4) anzubieten, der zu einem Schlossherrn »in der Ostschweiz« (S. 4) überführt werden soll.

Beim Eintreffen im Gasthof »zur Waage« (S. 4) in Goldach wird das »arme Schneiderlein« (S. 3) wie ein vornehmer und vermögender Mann behandelt. Der Grund für diesen Fehleinschätzung mit FolgenIrrtum seitens der ihn empfangenden Personen liegt nicht nur in dem Umstand, dass er der Luxuskarosse eines Adligen entsteigt; vielmehr lassen sich die Menschen auch von dem »sorgfältig gepflegt[en]« (S. 3) Aussehen und der vornehmen Kleidung des Fremden blenden, dem ein Radmantel und eine Pelzmütze den Anschein eines sozial und materiell privilegierten Menschen verleihen.

Der Held wird zum HochstaplerZwar versucht der vermeintliche »Prinz oder Grafensohn« (S. 5) der unerwarteten und geradezu aufdringlichen Gastfreundschaft der Goldacher Bürger zu entkommen, doch nach einem gescheiterten Fluchtversuch fügt er sich in die ihm nicht zustehende Behandlung als hochstehende Persönlichkeit. So verzehrt er zunächst zögerlich ein aus mehreren Gängen bestehendes Menü, bis er schließlich, in der Annahme, dass sein Betrug ohnehin bald aufgedeckt werde, seinen großen Hunger und Durst ohne weitere Hemmungen stillt.

Durch eine Lüge des Kutschers, der sich einen Spaß erlaubt und behauptet, dass es sich bei dem fremden Mann um den polnischen Grafen Strapinski handele, fühlen sich die Wirtsleute zu weiteren Bemühungen um dessen leibliches Wohl angetrieben.

Schnell spricht sich die Anwesenheit des »Grafen« herum. Von den reichen Bürgern der Stadt, welche den angeblichen Adligen zu gemeinsamen Vergnügungen auf das Gut des Amtsrates einladen, durchschaut lediglich der Buchhalter Melchior Böhni als intriganter GegenspielerBöhni die falsche Identität des Fremden, da ihm dessen »wunderlich zerstochene[n] Finger« (S. 16) auffallen. In der sensationsgierigen Hoffnung auf einen neuen Skandal im ereignislosen Alltag der Stadt Goldach behält Böhni seine Entdeckung für sich und setzt sogar beim Kartenspiel Geld für Strapinski ein, um zu verhindern, dass auch die anderen Geschäftsleute misstrauisch werden und die Wahrheit an den Tag kommt.

An dem Vorhaben, mit dem beim Spiel gewonnenen Geld seine Schulden im Gasthof zu begleichen und sogleich die Stadt zu verlassen, wird Strapinski ein weiteres Mal gehindert, als er im Haus des Amtsrates auf dessen Ein Fräulein betritt den SchauplatzTochter Nettchen trifft und sich in sie verliebt. Er nimmt daher die Einladung des Hausherrn zum Abendessen an und ist glücklich, an der Seite von Nettchen Platz nehmen zu dürfen.

Wenn er auch nicht ohne gelegentliche Zweifel und Gewissensnöte ist, so übernimmt der Schneider schließlich doch ganz die RollenanpassungRolle des Grafen, den man in ihm zu sehen glaubt. Zugleich deuten die Menschen, mit denen er Umgang hat, sein nach wie vor unsicheres Verhalten als Ausdruck seiner Vornehmheit.

Zurück im Gasthof zur Waage, vollzieht Wenzel Strapinski den endgültigen Wendepunkt hin zu einem vorsätzlichen Täuschungsmanöver, als er gegenüber dem Wirt mit den Worten »Man muss meine Spur verlieren für einige Zeit« (S. 21) gezielt den Eindruck erweckt, als ob ihn ein dunkles Geheimnis umgebe. Auf diese Weise verhindert er, dass man sich auf die Suche nach dem inzwischen abgereisten Kutscher begibt, da man annimmt, dass dieser es versäumt habe, das persönliche Gepäck des angeblichen polnischen Grafen abzuladen. Durch seinen irreführenden Hinweis auf eine ihm persönlich drohende Gefahr halten die Einwohner von Goldach den Fremden nun auch noch für »ein Opfer politischer oder der Familienverfolgung« (S. 22), dem sie daher kostbare Kleidung und viele Luxusartikel zur Verfügung stellen.

Von diesem Zeitpunkt an hat Strapinski auch den Mut, aus dem Gasthof zu gehen und die Stadt zu besichtigen. Vor den Toren der Stadt angekommen, überlegt er noch einmal, seine Reise fortzusetzen und Goldach unbemerkt zu verlassen, doch eine erneute Begegnung mit Nettchen hindert ihn im letzten Augenblick an der Entscheidung, den Betrug zu beenden. Stattdessen treibt er die SelbstinszenierungSelbstinszenierung auf die Spitze, indem er sich den Bürgern von Goldach weiterhin als wohlhabender Adliger präsentiert.

Eine unerwartete finanzielle Zuwendung »von einem fremden Kollekteur« (S. 28) gibt ihm die Möglichkeit, die Schulden, die er gegenüber den Einwohnern von Goldach angehäuft hat, mit einem Schlag zu begleichen. Unter dem Druck der aufkommenden Gerüchte, dass er die Tochter des Amtsrats heiraten werde, kündigt er zwar während eines festlichen Abends seine unmittelbare Abreise an, lässt jedoch von der Umsetzung dieses Vorhabens ab, als ihm Nettchen mit einer tränenreichen Umarmung ihre Verzweiflung über den bevorstehenden Abschied zeigt. Die Von der Verliebtheit zum HeiratsantragLiebe, die Wenzel Strapinski spätestens ab diesem Moment für die junge Frau empfindet, veranlasst ihn, »am Morgen in aller Frühe« (S. 30) tatsächlich beim Amtsrat um die Hand von dessen Tochter anzuhalten.

Währenddessen bereitet Melchior Böhni, der vergeblich auf eine eheliche Verbindung mit Nettchen gehofft hatte, alles Notwendige vor, um den angeblichen Grafen als Betrüger zu Aufdeckung des Schwindelsentlarven und die Hochzeit zu vereiteln. Als Strapinski anlässlich seiner Verlobung mit der Tochter des Amtsrats in einem eigens dafür organisierten Festzug auf einem Schlitten aus Goldach Richtung Gasthaus herausfährt, kommt dem Brautpaar und seinen Gästen ein merkwürdiger »Schlittenzug« (S. 33) mit kostümierten Menschen entgegen.

Der anlässlich der Karnevalszeit aus geschmückten Wagen bestehende Maskentanz der SeldwylerMaskenzug enthüllt mit satirischen »Anspielungen auf das Schneiderwesen« (S. 33) die wahre Identität des Mannes, der gerade mit großer Pracht seine Verlobung feiert. Im Gasthaus angekommen, treffen beide Gesellschaften aufeinander. Ein »Schautanz« (S. 35), den die Einwohner von Seldwyla zur Belustigung der Brautgesellschaft aufführen, enthüllt Strapinskis Betrug und lässt alle Anwesenden endgültig begreifen, dass die Darbietungen der Karnevalsgesellschaft einzig dem Zweck dienen, das falsche Spiel des angeblichen polnischen Grafen aufzudecken und diesen der Lächerlichkeit preiszugeben.

Unter dem Schock, den die Enthüllungen bei ihm und bei Nettchen erzeugt haben, Wenzel verlässt die Bühne seines eigenen Schauspielsverlässt Strapinski unter Tränen den Ort des Geschehens und macht sich in der eisigen Winternacht zu Fuß auf den Weg Richtung Seldwyla. Im paradoxen Gefühl der eigenen Schande und Unschuld zugleich wird er sich dabei auch der nun verloren scheinenden Liebe bewusst, bevor er sich schließlich im Straßengraben niederlegt und einschläft. Nur durch das rechtzeitige Eintreffen der geliebten Frau, die ihm in großer Sorge auf einem von Melchior Böhni entwendeten Schlitten nacheilt, wird der bewusstlose Mann im letzten Augenblick vor dem Tod durch Erfrieren bewahrt.

Auf einem Bauernhof macht Nettchen Halt, um in Ruhe mit Wenzel reden zu können. Dort fragt sie ihn nach seiner wahren Nettchen erkennt Wenzels WahrhaftigkeitIdentität, um endlich Klarheit über den Fremden und seine Handlungsmotive zu erhalten. Indem Wenzel ihr davon berichtet, wie es dazu kam, dass er für eine hochstehende Persönlichkeit gehalten wurde, wird ihr bewusst, dass er niemals in böser Absicht handelte und ihr in aufrichtiger Liebe zugetan ist.

Zugleich erhält Nettchen durch Wenzels Bericht von seinem Leben in Seldwyla Hinweise darauf, dass sie beide sich während ihrer Kindheit bereits kannten. Wenzel war als Wenzels MutterSohn einer früh verwitweten Dienstmagd in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, bevor ihm im Alter von »etwa sechzehn Jahre[n]« (S. 48) die Möglichkeit eröffnet wurde, seinen angestammten Wohnort zu verlassen und bei der Gutsherrin zu bleiben, in deren Diensten seine Mutter vor ihrer Heirat über einen langen Zeitraum hinweg gestanden hatte. Auf Drängen seiner Mutter war Wenzel jedoch nicht fortgegangen, sondern hatte eine Ausbildung als Schneider absolviert. Nach dem Militärdienst und nach dem Tod seiner Mutter hatte er in Seldwyla zu arbeiten begonnen.

Im Verlauf des Berichts über seine Vergangenheit stellt sich heraus, dass Nettchens MutterNettchen die Tochter eben jener Gutsherrin ist, die sich erfolglos um eine anspruchsvolle Erziehung und Ausbildung für den Sohn ihrer ehemaligen Angestellten bemüht hatte. In der Zeit vor seiner Berufsausbildung hatte Wenzel sich fürsorglich und liebevoll um das mehrere Jahre jüngere Mädchen gekümmert, welches er nun, wenige Stunden nach der skandalösen Enthüllung seiner eigenen Identität und der dadurch vereitelten Verlobungsfeier, als jene Person erkennt, die ihm in dem ehemals gemeinsamen Wohnort sehr zugetan war.

Nach dem Gespräch mit dem einstigen Freund und jetzigen Geliebten ist Nettchen entschlossen, Wenzel trotz der vorherigen Ereignisse zu heiraten: »Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein, und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!« (S. 52). Sie veranlasst gegen den Zurück nach SeldwylaWiderstand ihres Vaters, dass dieser ihr das mütterliche Erbe ausbezahlt, so dass sie die finanziellen Mittel besitzt, um mit ihrem Mann in Seldwyla ein Geschäft aufbauen zu können. Als die Einwohner von Seldwyla erfahren, dass in ihrem Ort eine erhebliche Investition geplant ist, stellen sie sich auf Nettchens und Wenzels Seite, um deren Interessen gegen diejenigen von Nettchens Vater sowie gegen die Heiratsansprüche des Buchhalters Melchior Böhni zu verteidigen.

Nachdem zwischen der Tochter des Amtsrats und dem Schneider die Ehe geschlossen worden ist, gelingt es Wenzel, sich beruflich in Seldwyla zu etablieren und sein Privates Glück Vermögen in ansehnlichem Umfang zu vergrößern. Mit seiner Frau hat er schließlich etwa ein Dutzend Kinder, mit denen er später nach Goldach, dem Ort seiner ursprünglichen Verstrickungen, übersiedelt.

3. Figuren


Abb. 1: Figurenkonstellation

Wenzel Strapinski

Der Schneider Wenzel Strapinski ist zu Beginn der Novelle als Angestellter in einem lohnabhängigen Arbeitsverhältnis tätig. Der Schneider in schwierigen LebensverhältnissenDurch den Konkurs des Schneidermeisters, in dessen Geschäft er seinen Lebensunterhalt verdient, gerät er so in Not, dass er die Stadt Seldwyla verlassen muss, um anderswo einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Aus dem ursprünglich gesicherten Zustand der Sesshaftigkeit heraus wird er zu einem hungrigen Vagabunden, der kaum noch weiß, »wo das geringste Mittagbrot herwachsen soll[ ]« (S. 3).

Die eigentliche Spannung des Erzählbeginns erwächst aber nicht aus der sozialen Misere des Helden, sondern vielmehr aus dem Gegensatz zwischen dessen gesellschaftlichem Status als Mensch am Rande des Existenzminimums und seinem aristokratischen Ein Habenichts mit ChicErscheinungsbild. Das »arme Schneiderlein« trägt »über seinem schwarzen Sonntagskleide […] einen weiten dunkelgrauen Radmantel«, der »mit schwarzem Samt ausgeschlagen« ist und ihm »ein edles und romantisches Aussehen« (S. 3) verleiht.

Der Erzähler legt in diesem Zusammenhang Wert auf die Mitteilung, dass die Gewohnheit einer auffällig erlesenen Kleidung keineswegs Indiz für einen moralisch verwerflichen Charakter sei. So heißt es: »Solcher Habitus war ihm zum Bedürfnis geworden, ohne dass er etwas Schlimmes oder Betrügerisches dabei im Schilde führte« (S. 3). Zugleich aber betont der Erzähler auch den Verlust an Handlungsspielraum, der für Wenzel – ein reiner Tor?Wenzel Strapinski als dem »Märtyrer seines Mantels« (S. 4) mit der Fixierung auf die edlen Kleidungsstücke verbunden ist: »[W]enn er wanderte und keine Ersparnisse mitführte, geriet er in die größte Not. Näherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn die Leute mit Verwunderung und Neugierde und erwarteten eher alles andere als dass er betteln würde« (S. 4).

Den eigentlichen psychologischen Grund dafür, dass er »lieber […] verhungert [wäre,] als dass er sich von seinem Radmantel und von seiner polnischen Pelzmütze getrennt hätte« (S. 3), erfährt der Leser erst sehr viel später, als Wenzel von Nettchen zu den Motiven für seine zahlreichen Täuschungsmanöver befragt wird. In den Auskünften über seine Herkunft und Kindheit gerät dabei der prägende Der Einfluss der MutterEinfluss der Mutter in den Blick, die vor ihrer Heirat »in Diensten einer […] Gutsherrin und mit derselben auf Reisen und in großen Städten gewesen« (S. 48) war. Davon, so berichtet Strapinski, habe sie »eine feinere Art bekommen«, die sie veranlasst habe, sich selbst und ihr einziges Kind »immer etwas zierlicher und gesuchter« (S. 48) zu kleiden.

Der frühe Tod des Ein Kind ohne VaterVaters, der ein »armer Schulmeister« gewesen sei, habe eine lange Zeit der Entbehrungen ohne »Aussicht auf glückliche Erlebnisse« eingeleitet, bis der inzwischen etwa sechzehnjährige Jugendliche von der Dienstherrin seiner Mutter das Angebot erhalten habe, in einer Stadt »etwas Feines [zu] lernen« (S. 48). Die Mutter habe sich jedoch »mit vielen Tränen« (S. 48) dem sozialen Aufstieg ihres Sohnes durch dessen Ausbildung in einer fernen Stadt widersetzt, weil sie die räumliche Trennung von ihrem Kind nicht hätte ertragen können. Sie zieht ein gemeinsames Leben in Armut vor und verweigert ihrem Sohn eben jene Möglichkeiten der Mobilität, die sie selbst als noch unverheiratete Frau im Dienst einer reisefreudigen Dame besaß.

Sowohl die verwitwete Mutter als auch die gleichfalls verwitwete Gutsherrin sind Figurationen unerfüllter Sehnsüchte. Das vaterlose Kind ist abhängig von der Zwischen zwei Frauen Gefühlsherrschaft der Mutter, die in ihm zunächst eine Projektionsfläche für ihre Wünsche nach einem besseren Lebensstandard sieht, bevor sie ihn mit Mitteln der emotionalen Erpressung – und das heißt: »mit vielen Tränen« (S. 48) und mit dem Ruf, »sie lasse sich ihr Kind nicht rauben« (S. 49) – dazu zwingt, das verheißungsvolle Angebot einer beruflichen Qualifizierung fernab von zu Hause abzuweisen. Der Leser kann sich gut vorstellen, in welche seelische Not der Jugendliche durch die Verzweiflung und die wiederholten Gefühlsausbrüche seiner Mutter geraten sein mag, wenn es heißt: »[S]ie war so aufgeregt, dass ich trotz alles Zuredens jener Dame entsagte und bei der Mutter blieb, wofür sie mich doppelt lieb hatte, tausendmal mich um Verzeihung bittend […]« (S. 49). Indem Wenzel schon in jungen Jahren zum wehrlosen Objekt seiner Mutter gemacht wird, entwickelt er sich zu dem Kindliches Gefühlschaos weitgehend »willenlos[en]« (S. 5) und passiven Charakter, der sich dann später in Goldach von dem, was ihm widerfährt, ziellos treiben lässt.

Obwohl er nach einer Schneiderausbildung einen mindestens einjährigen Militärdienst absolviert, bildet er nicht die notwendige Härte und Reife aus, um den alltäglichen Herausforderungen des Lebens FremdbestimmtheitWiderstand leisten zu können. Vielmehr verhält er sich nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes in einer Schneiderei in Seldwyla wie ein Mensch, welcher sich selbst verliert, indem er die grotesken Erlebnisse in Goldach in geradezu fatalistischer Manier als gegeben und als unveränderbar hinnimmt.

Der auktoriale Erzähler selbst lässt keinen Zweifel an seiner eigenen Bewertung des Übermaßes an Akzeptanz, mit welchem Wenzel Strapinski auf die exzessiven Gunstbezeugungen der Bürger in Goldach reagiert. So qualifiziert er das nachgiebige Verhalten des Schneiders als eine tiefe persönliche Diagnose: generalisierte CharakterschwächeSchwäche, die er im Hinweis auf dessen »Mangel an Geistesgegenwart oder an Mut« (S. 5) konkretisiert. Wenn überhaupt von Mut die Rede ist, dann nur im Gebrauch der metaphorischen Wortkombination vom »Mute der Verzweiflung« (S. 10), welche aber nicht Ausdruck eines wahren Heroismus, sondern Inbegriff einer alternativlosen Möglichkeit zur Abwendung einer Bedrohung ist.

Wiederholt verweist der Erzähler während der verschiedenen Phasen, die der Protagonist bei seinem Aufenthalt in der Kleinstadt durchläuft (stürmische Begrüßung durch die Einwohner – fürstliche Bewirtung im Gasthaus – Einladung ins Haus des Amtsrats usw.) auf dessen Willenlosigkeit (vgl. S. 5), Ängstlichkeit (vgl. S. 7) und »Blödigkeit« (S. 9). Diese Charakterzüge lassen ihn »ohne Widerspruch« und »sanft wie ein Lämmlein« (S. 8) agieren, wenn er sich »in Gottes Namen« an den Esstisch setzt und nur »schüchtern und zimperlich mit der silbernen Gabel« (S. 9) hantiert, bevor er ebenso »zimperlich und unentschlossen« (S. 10) zu essen und zu trinken beginnt. FatalismusEine unreflektierte Schicksalsergebenheit (»Es ist jetzt einmal, wie es ist!«, S. 10) dient ihm als Entschuldigung für die beginnende Einwilligung in »den abschüssigen Weg des Bösen« (S. 8), den er mit der »erste[n] selbsttätige[n] Lüge« (S. 8) und mit dem »zweiten selbsttätigen Fehler« (S. 9) beschreitet. Auch hier lässt er sich wieder von anderen leiten: Er nimmt die Rolle an, die die Goldacher Bürger ihm auferlegen, und statt sich zu dem, was ihm geschieht, ablehnend zu äußern, zieht er sich auf das Sprachlosigkeit als FluchtmittelSchweigen zurück: Er »erwidert[ ] gar nichts« (S. 12), als man ihm teure alkoholische Getränke und mehrere Zimmer im Gasthof anbietet, und er »sagt nichts« (S. 14), als er eine teure Zigarre geschenkt bekommt.

Unter den bezeichneten Persönlichkeitsmerkmalen ragen die Einfalt und UnvernunftEinfalt und Unvernunft des jungen Mannes besonders heraus; sie bilden sozusagen den Motor für die innere Maschinerie aus Selbsttäuschung und Betrug, die er durch sein Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Wohlstand in Gang setzt.

Symptomatisch für seine Naivität und Fehlende Fähigkeit zur DifferenzierungUnfähigkeit zu komplexem Denken ist Wenzels Annahme, dass die Namen der Häuser, die er in Goldach besichtigt, ein Spiegel der innerhäuslichen Wirklichkeit seien: Er ist der Meinung, Aufschriften wie »zur Eintracht, zur Redlichkeit, zur alten Unabhängigkeit, zur neuen Unabhängigkeit, zur Bürgertugend a, zur Bürgertugend b, zum Vertrauen, zur Liebe, zur Hoffnung […]« (S. 24) bezögen sich »auf die besondern Geheimnisse und Lebensweisen jedes Hauses«, und er denkt, »es sähe hinter jeder Haustüre wirklich so aus, wie die Überschrift angab, sodass er in eine Art moralisches Utopien hineingeraten wäre« (S. 25).

In seiner immensen Narzisstische SelbsttäuschungIchbezogenheit und Verblendung glaubt er sogar, dass auch »das Sinnbild der Waage, in welcher er wohnt[ ]«, darauf hindeutet, »dass dort das ungleiche Schicksal abgewogen und ausgeglichen und zuweilen ein reisender Schneider zum Grafen gemacht« (S. 25) wird.

Gottfried Keller stellt in der Gestalt des Wenzel Strapinski kein lebensechtes, naturgetreues Individuum dar, sondern er karikiert den zwar treuherzigen und gutmütigen, zugleich aber auch Spottbild des naiven Romantikerslächerlich wirkenden Typus eines Romantikers, der sich in einer Traumwelt eingerichtet und ein verklärtes Bild von der Wirklichkeit hat. Hätte er nicht schließlich Nettchen an seiner Seite, die seinem Leben eine andere, eine konkrete Richtung gibt, so hätte er auch nach der Aufdeckung seiner falschen Identität »auf weitere merkwürdige oder glückliche Dinge« (S. 46) gehofft und geglaubt, er könne mit seiner Verlobten »in die weite Welt« gehen, um noch »einige kurze Tage des Glückes« zu erleben, bevor er »den Betrug gestanden« und sich »gleichzeitig den Tod gegeben« (S. 47) hätte.

Die Naivität, die in dieser Traumwelt zum Ausdruck kommt, bricht sich an den Herausforderungen der Wirklichkeit, die verlangt, dass die Lösung des Problems innerhalb der kleinbürgerlichen Welt gefunden wird. Dass es Wenzel Strapinski gelingt, sich nach seiner öffentlichen Demütigung gegen die widerständigen Kräfte seiner Umwelt als Handwerker, Geschäftsmann und Familienvater zu Bewährung im Alltagbehaupten, verdankt er in erster Linie der vernunftorientierten Umsicht seiner Frau, sodann aber auch bestimmten charakterlichen Eigenschaften, die in ihm ebenso angelegt sind wie die zuvor beschriebenen Mängel.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.